Ausgabe 
1.5.1907 Erstes Blatt
 
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Gießen, den 29. April 1907. Großherzogliches Amtsgericht.

Gießen, den 1. Mai 1907.

Großherzogliches Universitäts-Rentamt. Weimer.

Mainz, 30. April. Der Cbexleutnnnnt und BataillonSadjutant Zipper vom LI. Pionier-Bataillon in Kastel halte sich wegen vorschriftswidriger Behandlung nut teilweiser Be­le i d i g u ix g von Untergebenen vor dem Go uv er« n ementsgericht zu verantworten. Wegen Gefährdung militär- dienstlicher Juteresseu wurde die CcReulhcbfeit ausgeschlossen. Wie aus früheren Blätternachrichlen hervorgeht, Hane die Kapelle in» September nachts im Militärkasino konzertiert. Weil dein An­geklagten ein Marsch nicht gefallen halte, mußte die Kapelle deS morgens fünf Uhr im Flur der Wohnung des Cbcrleutnanis an** treten und den Marsch dort längere Zeit wiederholen. Im Februar hatte die Kapelle wieder etwasverbrochen", sie mußte deshalb morgens in aller Frühe bei bitterster Kälte im Kchernenhoi an­treten und bts zur .Bewußtlosigkeit" spielen.. Ein Sergeant, der unwohl war, und sich krank melden ließ, mußte trotzdem antvctcix und spicleii, auch xvcnn er, wie sich der Angeklagte geäußert haben soll, zilgrilnde ging. Ter Sergeant wirkte mit, er stürtte aber schließlich zusamuien und xvuxdc ms Lazarett verbracht, woselbst er längere Zeil bewllßtlos lag und zwischen Leben und Tod schwebte, (rrst nach Wochen trat Bessexung bei dem Erkrankten em. Tas Gericht Hal den Angeklagten ui fünf Fällen für schuldig befanden und ihn zu a ch t T a g e n S t u b e u a r r e sl verurteilt.

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U l r i ch st e i n, 29. April. Kürzlich verurteilte das hiesige Schüttengericht den Reichstagsabg. Friederich Bindewald wegen verleumderischer Beletdigung zu einer Geldstrafe von b 0 Ma r k. Bindeivald haue in seiner befannien sachlichen Agitation für seine Wahl einem Ulrichsteiner Beamten beit durchaus unbegründeten Borwnri des S t i m m e n k a u f s gemacht. sL. Anz.)

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In unser Handelsregister B. ist heute bei Nr. 11 der Firma SchuhfabrikArminia", Gesellschaft mit beschränkter Haftung, (früher in Lollar) jetzt in Alten-Buseck folgendes eingetragen worden:

Das Statut ist dahin abgeändert worden, daß für die Gesellschaft zwei Geschäftsführer bestellt werden sollen und jeder derselben berechtigt sein soll, die Gesellschaft allein zu vertreten und die Gesellschaftsfirma allein gültig zu zeichnen.

Der Sitz der Gesellschaft wird nach Alten-Buseck verlegt.

Zu Geschäftsführern sind bestellt:

1. Molkereibesitzer Friedrich Eschstruth zu Alten-Buseck;

2. Kaufmann Philipp Schuchmann zu Alten-Buseck.

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Aufgesorderte sie überhaupt nicht oder mtr in einem geringen Betrage verschuldete; auch gegen Georg Gerlach und Friedrich Gauß in Tarmsladt hat der Angeklagte vorsätzlich zu seinem Vorteil höhere Beträge erhoben und ferner wird ihm noch ein Fall von Untreue zur Last gelegt, die er dadurch begangen hat, daß er 300 Mk., die ihm ent Klient zur Auszahlung an eine bestimmte Person brachte, nicht dafür verwandte, sondert, 180 Mark zur Bestreitung seiner eigenen Forderung abzog und den Rest an den Klienten einfach wieder zurücksandte.

Ter Angeklagte versichert bei seiner Dernehutung, daß er sich nicht bewußt sei, Gebührenüberhebungen begangen zu haben und geht dann an Hand der Akten die emzeMen unter Anklage stehenden Fälle durch. Tie Abrechnungen seien auf seinem Bureau angeiertigt worden und von ihm abends ohne nähere Prüiung unterschrieben worden. Merkwürdig sei, daß nach seiner Vernehmung durch den Staatsanwalt Tr. Maurer die Angelegenheit in allen Einzelheiten sofort am anderen Tage aus den Bureaus besprochen worden sei. Staatsanwalt Tr. Ai au r er verwahrt sich gegen diese Aeußerung. Hierauf wirb in die Zeugenvernehmung ein- gctreten.

In der Nachmittagssttzung entrollte sich vor den Lütgen des Publikums ein recht eigenartiges Bild, indem fast ein so­genannterFall" nach dem anderen zusammenbrach. In dem Falle Kögel gab z. B. der Angeklagte zu, daß bei der Auf­stellung ter Rechnung ein Kvltenscitsetzungsbeschluß übersehen wurde, er hob aber gleichzeitig hervor, bau ihm daraus keine Doric^lichleit unterstellt werten könne, denn er müsse lon- statieren, baß er in berselben Sache einen größeren Kvstenbe- trag zu liquidieren vergessen habe. Die beiten als Sacyver- ftänbige vernommenen Justizräte Massot unb Gallus bestätigten dies. Am bemerkenswertesten ist ber Fall Delp. ES dreht sich hier um zwei Wechsel, die ter Tiefbauunternehmer Delp von Psunguabt eines Abenbs Tr. Mainzer überbrachte mit dem Ersuchen, sie einzuziehen. Dabei soll es vorgekommen sein, baß bei einem Wechsel am Verfalltag sosort nach ter Präsentation bie Wechselklage erhoben wurde. Der Schuldner Gerlach kam wütend zu dem Angeklagten und machte ihm bittere Vorwürfe und bas Resultat ber Unterhanblung war, daß Dr. Vkainzer bie Rechnung um 11 Mark kürzte. In ter Verhandlung er­klärte Tr. Mainzer, daß ihm Delp ausdrücklich den Auftrag erteilt hatte, mit diesem Wechsel sachgemäß vorzugehen; er habe auch sofort die Prozeßvollmacht unterschrieben. Ter An­geklagte gab zu, daß er durch sein rasches Vorgehen etwas unzwectmäßig gehantelt habe, aber durchaus nicht gegen _ die gesetzlichen Vorschriften. Zeuge Delp erklärte nun, er könne sich nicht erinnern, ob er eine Prozeßvollmacht ausgestellt habe, unb befuntete weiter, ihm sei es hauprsächlich darauf an- gcEommen, daß er sein Geld erhalte. Dr. Mainzer fei heute noch sein Anwalt und habe sein Geld immer sehr gut bei­getrieben. Aus Befragen erklärten die beiten Sachverständigen, daß Dr. Mainzer formell im Rechte war, a ls er bie Klage an­stellte. Spediceur Gros, ter bei den Verhanblungen zu­gegen war, spentete ber anwaltlichen Tätigkeit des Angeklagten das größte Lob. Des wetteren wurde durch die Sachverstän­digen festgestellt, das als auffällig bezeichnete ÖZcment, daß tei ter Rückgabe ber tzandakten an den Klienten ber Briefwechsel bezüglich des Kostenbetrages fehlte, sei vielfach im anwaltlichen Geschäftsbetriebe üblich. Dem Angeklagten wirb ferner in zwei Zwingenberger Fallen vorgeworsen, daß er bie Reisekosten jur Prozeßverhandlung nach dort doppelt berechnet Hütte. Die Sach­verständigen stellten jedoch fest, daß er bei Berechnung der ver­schiedenen Reisekosten tatsächlich im Interesse seines Klienten ge­handelt Hütte. Die Verhandlung wurde dann abgebrochen.

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Gießen, den 30. April 1907.

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Köln, 1. Mai. Die Strafkammer batte am 7. Nm öember v. Js. ten Maurer Makart zu acht Monaten Ge­fängnis verurteilt, weil er auf einer Kiimes-FestlichFeit ten Li.isaroeittr Jean Rauh durch Mcsserstick)e sch.ver verlebst baten sollte. Nachdem Makart 5 iüionate seiner Strafe in Saar­brücken verbüßt hatte, erfolgte im Wiederaufnahmever­fahren mangels Beiveises Freisprechung.

London, 1. Mai. Die Morgenblätter kommentieren bie gestrige RedeBülows unb stimmen in ber Ert'läruirg, überein, daß diese Rebe das Ende ber Abrüstungs­wünsche Eampbell-Bannermans bebeute. Unter anderem schreibt dieMorning Post": Tie einzige Antwort, welche die englische Regierung dem deutschen "Reichskanzler geben könne, sei die, jeden Abrüstungsgedanken fortzulassen- Daily Chroniele" meint, das beste, was von der Haager Friede ns-Konferenz zu erwarten fei, sei, daß ein Krieg aus derselben voraussichtlich nicht ent- stehen würde, aber daß sei nicht jenen zuzuschreiben, welche jede Abrüstung ablehnen. In England werde man allent­halben den friedlichen Worten solange Glauben schenken, als die Geschütze Deutschlands an Zahl geringer sind, als« die etwaigen Gegner.

Paris,!. Alai. Dem Vertreter desPetit Parisien" gegen­über erklärte Prinz Schönaich-Carolath, er Halle eine deutsch-englische Verständigung auch für Frank­reich für vorteilhaft. Es handle sich da um btc Wieder­herstellung des europäischen Gleichgewichts. Bciiündigtett sei er­reichbar, wenn die oesiehenden Völlersreundschaften nützliche U- loeriung fänden. Gleichfalls für die Notwendigkeit eine» bcuticte englischen Einvernehmens sprach sich Professor Delbrück aus, doch keineswegs aus Furcht, denn Deutschlands Machtmittel ge­statteten diesem Reiche unter allen Umständen die Fortführung seiner Weltpolitik, deren wahre Bedeutung in ber notwendigen Be­grenzung ber Einfluß-Sphäre aller lrittturmächte liege. Trotz dieser Aufgabe, welche seit Ausgang des russisck)-iapanischen Krieges noch wichiiger unb veranlwortungsvoller geworden, weise Deutschland jeden Gedanken an eine napoleo­nische Eroberungspolitik zurück. Eine solche müßte ganz Europa gegen Deutschland vereinigen. In vollem Vertrauen auf seine ttraft würde Deutschland bereit sein, über einzelne Fragen mit Frankreich unb England sich zu verstüiidigen.

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mtb seine sowie der Übrigen Beamten Erpressnngs- unb Bestechungsvergehen zu gestehen, wenn er damit Straflosigkeit erlange. Es hantelte sich ui diesem Prozeß um Unterschlagung von Unterstützungsgelberu iür die Leibtragenten am Erdbeben.

»Sleirre Tageschronil In Ludwigsburg (Wutt- temberg) ist nach dem Genuß von Lebe 1 wurst das gesamte Pflege-Personal der Wernex'schen K i n d e r-H e i l a n st a 1 l er­krankt. Bei 20 Personen des Pflege-Personals und etwa 100 Mann von der Handwerks-Kompagnie deS Belleidungsainles zeigten sich V e r g i f t u n g s - E r s ch e 1 n u n g e n mit teilweise starkem Fieber. Am S t ö ß e n s e c in der Stähe von Pichelsberge (Prov. Brandenburg» wurden die Leichen eines Liebespaares ge­sunden, zwei junge, gut angezogene Personen, über deren Identität och völliges Tunkel schwebt. Ter Diann, em etwa 19 20iahnger Jüngling, mig dunkelgrauen Uebcrrod, Jackettanzug mit weißer yvcfle und Schnürstiesel mit Ladbesatz. Ter Bremer Kauf- ixann Ferdinand Atorsberger ist im Walde von Montmorency, unweU Pans als Leiche ausgefanden woxden. Nach den behörd­lichen Feststellungen hat Aiorsderger Selbstmoxd begangen. Er wür Neuraicheniter und hatte sich m den Kolonien eine Fieber­krankheit z.igezogen. In St. Chaifrey (Fraickr.) zerstörte eine Feuersbrunst 50 Wohnhäuser. Eine Frau kam in den Flam­men um. In Rheydt erkrankte an Wurstvergiftung eine aus sieben Personen bestehende Lehrersamilic. Eine bei der Familie beschäftigte Näherüx ist gestorben. Ter Elektromon­teur Probst und der Acotorwächter Edingen aus Dölkingcn, die die Saargegend mit falschen Fünimark st ü den über- schweniinlen, wurden in Saairvellingcn bei der Ausgabe von falschen Fünfmarkstücken vexhastet. Fn ihrer Wohnung ^wnrde eine Falscl)- münzenverkstätte gesunden. In S t e u d n i tz (Lhiiringen) schlug ein kroat. Wätter einen jungen Landsmann mit einer Eisenstange tot, weil er m eine Baracke einbrechen wolle. Ter Tater wurde verhasiet. Fn H e u b ach wurden zwei Wohnhäuser durch Feuer zerilött, wobei ein el'jähnger Knabe verbrannte und zwei Pexlonen schwere Brandwanden erlitten. Im Apollo-Theater zu Paris r.ß daS iür die Evolutionen zweier Tänzerinnen oberhalb eines Löwenkäsigs gespannte Seil. Tie jungen Ltadchen stürzten in den Käfig, em§ wurde von einem Löwen am Halse gepackt und zerfleischt. Turch eiserne Stangen wurde das Tier von seinem Opfer zurückgedräugt. Im Publikum wurden mehrere Damen ohnmächtig. In O b e r l t a 1 i e n ist nach einigen außerordentlich warmen Tagen plötzlich wieder großeKälie eingetreicn. Zn Lecco am Cornersee fiel reichlich Schnee, ber in ten Alpenlälern stellenweise meterhoch liegt. Ferner fiel in Appen- » 80, m Engelberg 20 cm. Schnee. Auf dem Rigi sind 8 Grad, au* ter Pilaiusjpitze 10 GradKälte. Aus dein Gotthard und Pilaluskulm liegt der Neuschnee em Halden Bieter hoch.

Prozeß gegen Rechtsanwalt Dr. Mainzer.

RB DarmftaDt, 30. April. Das Strafverfahren gen den am 17. Aiärz 1875 geborenen Rechtsanwalt Tr. Moritz edrich 2>i a i n z e r II. Hal heule vormittag 9 Uhr im allen -wurgerichlssaal seinen Auiang genommen. Tas schon im »origen Sommer eingeleiietc Verfahren lautet auf Gebühren­überhebung, Betrug und qualifizierte Urkunden­fälschung. Tie Anklage vertritt Großh. Staatsanwalt Dr. Maurer, die Verteidigung führt Justizrat Hallwachs, die Sieben» [lager werden von Geh. Jiistizrat Aiassot und Fultizrat Gallus vertreten; es sind zu der Verhandlung mrhr als 50 Beugen geladen. Tie meisten Punkte der Anklage beziehen sich aus vorsätzliche Gebührenüberhebungen, deren im Ganzen sieben erhoben sind, darunter ist cm Fall aus dein Jahre 1901, in welchem Jahr der Angeklagte seine Praxis im Bureau seines Vaters begann, die übrigen Fälle beziehen sich aus die Jahre seit 1904. Tie Anklage wegen schwerer Urkundenfälschung kommt daher, daß Alainzer sich von einem Klienten em Blankoakzept mit der Unterschrift geben ließ und dann nachträglich eine Summe von 500 Mk. hineuischrieb, natürlich ohne Zustimmung des ersteren. Tie Gebührenüber­hebungen geschahen in vier Fällen gegen Tr. Ruderhausen in Viernheim, indem der Angeklagte Gebühren für amtliche Verrichtun­gen erhob, von denen er gewußt haben soll, daß der zur Zahlung

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