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1.3.1907 Erstes Blatt
 
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9?r. 51 «rf-etut täglich aufaec Sonntag«.

Dem Lietzener Anzeiger werden im Wechsel mil dem hessischen Landwirt die titfctitr Samlllcn- blätter viermal in der Woche detgelegl und zweimal wöchentlich das Kreisblatt für den Kreis Hieben. Fenifprech-An- fchlutz s. d. Vtedaktion 111 Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen: «uzctger «letzen.

Erstes Blatt

157. Jahrgang

Freirag 1. März 1907

Rolailonrdruck und Verlag der vrühfschen Univ.-Vuch« und Zteindruckerel. R. tange. Heöaftion, Expedition und Vruclerei: Zchulstrahe 7.

vezugdp reis, nwnmln±759t, mertel» läbrltd) Äk. 8.2(1. durch Abhole- u. ^rvetfliteilen monatlich 60 th.: durch die Post 'Dtt. 2. rnenel- läbrL anofcbl Benellg. Annahme von Hnieigti sür dre Lagesnummer bte oonnnlag« lu Uhr. Zeilenprei». total löt#, auSiDÖrts 8U P'ennig. Verantwortlich tüt den ooliL und allflem. Teil: ik lihllfo. tür »Stadt und üanö* and -(Äevidjtelual*. Ernst Petz, iur den An- zetgenletl Kans Berk

$ie yeulige Kummer umfuht 12 Seiten.

Kes/lsche Zweite Kummer.

B. B. Darmstadt, 28. Febr.

Am Ministertische: EtaatSminister Ewald, Finanzminister Dr. Lnauth, Alintster de» Innern Braun, Leh. Staatsrat Krug o. Nidda, Ministerialrat Tr. Becker.

Vtzeprusldent Tr. Schmitt eröffnet die Sitzung um 9l/<Ubr. TaS Hans stimmt zunächst ohne Tedalte dem Ausjchutzaiuräg zu, die Vorstellung des UehrerS i. P. Philipp Fröhlich in Zwmgen- berg a. d. B. um Erhöhung seiner Pension der Regierung zur Be­rücksichtigung zu ernpiehien. Es folgt nun

die Beratung de» LtaatobudgelS für 1907.

Tie Leueraldebane darüber eröffnet

Finanzniinist^r Tr. (ß ttauth. Er weist zunächst auf die er­freuliche Tatsache Hut, daß der vorliegende Etat für 1907 der erste set, der ohne Fehlbetrag abschlietzt. Er trage weiter auch die Ge­währ in sich, daß er auch für dte Zukunit die stete Turchst h ung defizilsreier Budgets sichert. In den fechS Jahren feit der Ein- sühruilg des einjährigeii Budgets, zugleich derselben Zeit, seit der er an der Spitze der Finanzverivaltnng stehe, habe sich die altjähr- lici e Ausgabe leider immer mehr gesteigert, und es sei nicht mög­lich gewesen, die Ausgabe immer nut der Einnahme m Einklang zu bringen; eS mutzten auch die Reste aus den iriiheren Jahren zur Tectung mit heiangezogeti roeiben. Alan mutzte nun aber doch schon ziemlich leichiiertig sein, wenn man noch weiter ani diesem System beharren wurde. Tie Regierung habe deshalb dte Finanzreiorm in Vorschlag gebracht, die m Dein Kapitel 116 b nieder- gclcgt set. Durch diese solle em Ausgleich in den lausenden Ein­nahmen und Ausgaben im Staatsbudget für die Tauer erzielt werden, bei welchem die beiden (ßeie^entivüife über die Abänderung des UrkundctiltempelgesetzeS unb über den Ausgletchsfonds bie Lrnndlage bilden. Zu einer wirklichen Gesundung unserer Finanz­lage |ei auch eine Verlangsamung un Schuldenmachen und eine aumähiiche Schuldentilgutrg erforderlich; man habe früher nn Jahre 10 Atilltonen Anleihe an'genommen, denen nur Die bescheidene Tilgung von 6800000 'Mark gegenübersiand. Tie Fordertingen der Beamten und der Lehrerschaft, wie der Lchreibgehülien mutzten in der jetjt geschehener, Weise berücksichtigt werden. Tie nn vorigen Jahre euotgtc Reichssinaiizresorm habe den Bundesstaaten keine Verbesserung ihres Kredits gebracht, denn durch dieselbe sei den Bundesstaaten zwei Trittel der Erbschastssteuer genommen worden und em Lines liegt nur in der Feitseyung des vorerst nur zu zahlenden 'MatrikularbetlrageS von 4o Ptg. pro Kopf der Bevölle- ruug. Aber heute schon schwebe über den Häuptern der BundeS- ftamen dte Leiahr, datz zur Teckmig der Alatrtkularbetträge noch recht erhebliche Summen aus den Einzelstaateu gezogen iverden Mtisseii. Fnr Hessen sei die Lesahr weniger fühlbar, weil wir den jetzt auf 6 Millionen angewachfeiren Ausgleichs,onds besätzeu, durch den auch die jetzige Finanzreiorm im Haube erleichtert werde, wir seien damit auch gegen einen etwaigen wirtschaftlichen Rückschlag mehr gesichert. Was sich in deir Ausgaben und Einnahmen des Landes von jetzt ab ändern solle, sei m den ninf Leietzeniivünen festgelegt, die als Nachtragevorlage behandelt würden. Bei Abwägung dieser Entwürfe fei die Regierung geleitet gewesen von dem Grund- gebauten, datz, wenn nur irgend möglich, bte Aufgabe gelöst iverden müsse ohne Erhöhung der Duetten Steuern. Uni das aber zu erreichen, set Die vorgeschlagene Lbänderimg des Urkundenstempels abiolut notwendig gewesen. Ter tzinauzausschutz habe sich auch nach langen Erwägungen und den verschiedensten Vorschlägen mit den Regierungsvorlagen nn Lanzen einverstanden erklärt und er, der Atinister, tonne Dem Hause Nur dringend ernp'ehlen, den jetzigen Vorfchtageii des Finanzausschusses zuzuliimmen. Wir werden Da­mit unsere Finanzen nach Den 6 Teftzujahreii wieDer auf eine

I gdunDe LruuDlage stellen unter gleichzeitiger allmählicher Ver­minderung unserer Staatsschulden. Wenn Die Kammer Die Vor- 1 lagen aiuummt, bann luub manche Sorge von uns genommen werben. Wir iverden un4 deS Gefühls Der Lesimdung unterer Finanzen erfreuen können und Der Zuversicht, datz wir für alle notwendigen Ausgaben auch eine natürliche Deckung haben. In diesem Sinne bitte ich, in bte EtatSberatung einzritreten.

Abg. U)l o 11 b a n nimmt nut Freude Teil an Der Genug­tuung des Fnianzmintslers über die Besserung unferer Finanzen. Eriretilich set auch die stete Steigerung der direkten Lteuererträg- nisse, Die eine Hebung des allgemeinen Wohlstandes bedeute. Tiefe Besserung erstrecke sich aber leider nur aut Handel und Jnbustrie, während Der Mittelstand davon nichts verspüren könnte. Vor allem befinbe sich auch Die LanDivtrtschaii und m dieser besonders der so wichtige Stand Der Winzer, in einer schweren tage. Er hosje, datz die Regterrnig recht bald bet Der Beratung Der Darauf bezüg­lichen Anfragen eine bemeDigenbe Antwort erteilen weide. 'Mu Freuden begrüßt er bie Erhöhung der Bezüge der alten pensionier­ten Beamten, sowie die Befsersiellung der Beamten, der Xieijret- ichait, der Lchreibgehülfen rc. Cb eS richtig war, eine Unter* scheidtmg zwischen verheirateten und unöetbeirateten Beamten bei oem Wohuuugsgelbzujchüfieu zu machen, müsse er dahin gestellt sein lassen, eine Unterscheidung zwischen Beamten mit und ohne eigene Wohnung wäre ihm lieber gewesen. Sehr erneiilid) seien besonders bie steigenben Einnahmen ans ber preutzisch-hessischen Eiseubahngememschan, aus deren Ertragiiisjeu schon manches grobe Kuliuuueif in Hessen geschaffen werden konnte. Der Redner inüpft Daran Die Bitte, Die Wünsche Der 'Mainzer Bahuangestellten und Beamten befier zn berücksichtigen. Mit den vorgeschlagenen Verbesserungen lönnte auch Die Lehrerschaft zuirieDen fein, die Regierung sei noch ui letzter Stunde über Die Wünsche des Ftuanz- ansschusscs durch die Aurechnnug DeS 'Mllitärdtenstiai)res und Die Erhöhung Des JmmodrlieustempelS nicht zu oermeiDen gewesen, seine Ablehnung häne Die Befserstelluiig Aller verhindert. Von einer Besprechung Der Lchiffahrtsabgaven wolle er ui Rücksicht ani Die besonderen Verhandlungen Darüber absehetr, er müsse aber Dringenb erwarten, dav die Regierung m Der Frage Der Abänderung DeS Rreisblatuueiend energisch vorgehen und auch Den passive» Widerstand gewisser kreise gegen Die Wünsche des Ausschusses brechen werde. WaS dem Kreisamt zu BriDiugen Durch Den Ver­trag mit Dem Dortigen Verleger gelungen sei, Da» muffe doch auch anderwärts durchzusühren sein. Zur t^rage der Lchifsahrtsabgaten erwähne er nur, oag seit Jahrzehnten rur Vertrauen am Die Bet- behaliung Des alten Zustandes Der Abgabenfrethen viele Städte am Rhein unb auch Lrogkaufleute 'Millionen iür Verkeursanlagen rc. außgegeben hatten; an der Amrechteryaltung Derselben seien nicht nur Pandel und Industrie, sondern auch Die Vaudivtrlschan mterefliert, Die ihre ProDutte setzt am Dem Wassertvege abseye, Kohlen beziehe rc. Wenn Preritzen Die Amhebung Der 'Hbgauen- ireiheit verlange, so könne dieselbe Doch nur un Elirverltandm- mit allen beteiligten Bundesstaaten erfolgen. Er bitte bie Regierung um Darlegung ihres Standpunktes zu dieser wichtigen Frage. Werter tragt Redner an, ivie es mit der Wahlrechtsreform in Hessen siehe. Ihm märe es erwünscht, wenn bie Retorm in Ver- binbung mit ber Einführung Der Verhältnis wähl erfolgte, wie sie auch in Württemberg beschlossen würbe. Was in Württemberg zum Schutze Der starken 'Minoritäten geschah, könne wohl auch bei UNS in Hessen akzeptiert werden.

Abg. Rernhari (Qlaik) iühtt aus, er wolle Nicht auf das Thema Der Schiffahriscrbgaben naher entgehen, um Die Etaisdebatte nicht ubermätztg anszuDehnen. Er habe namens seiner politische» FrennDe Die Erklärung abzugeben, bau sie mit ihm grunDsatzlich auf Dem BoDen Der nut Dem Etatsvoranschlag verktrüpften Regie- rungßüoilageu ftäuDen, welche Die Reiorui Der KauDessinanzen zur Beseitigung des Fehlbetrages ui Die Wege lenen und eine Leiundung

beibcifubien sollen, gleichzeitig aber auch Die Mittet zur Brr ugnng fiellcn werden für Die Wolmungsgelbzusihüffe der Ucanueu und die Erhöhung ber Lehrergehalle. Lckwn bei ber vorjährigen BeraNmg über diese Frage war man ber ÜHeuumg, Datz die Miticl zur Beffev- itellung bei Bcaiiiten nicht burd) Lteuererhöhinig amgcbiauit werden bürsten, unb es ist auch eine Zustimnruiig dieses Hause» zr» einer Erhölmng der direkten Steuern ober ber Vermögenssteuer ober ber vom Abg. Ulrich geioüiischten Progression fnr bie grötzeren Ein­kommen völlig ausgeschlossen. Hessen siehe schon jetzt mit seinen direkten Steuern an ber Spitze ui Deutschland. So beträgt Die Steuer

unb bie Maximalbelastung in Hessen 4,99 Proz., in Preußen 8,09 Prozent unb ii£ Baden 4,2 Proz. TaS zeigt Dom, datz wir bet lin­ieren direkten Steuern alle Ursache haben, vorsichtig zu sein. Alan

in Hessen

in Preußen

in Baden

bei 1000 Mk.

11,- Mk.

6,- 'Mk.

7,50 'Mk.

, 2000 ,

83,50 ,

81, ,

22,50 ,

, 3000 ,

57,- ,

52,- «

45, ,

« 5000 ,

126,-

118, ,

105, - ,

, 10 000 ,

31ö, ,

300, ,

270,- ,

, 50U00

1800,

168->, ,

1800, .

« 10OO00 «

L20., ,

8»u0, ,

8900, ,

, 500 000 ,

24 205,

19 8oO, ,

21 000, ,

soll uns doch nicht zumuten, datz wir Hessen uns zu einem Probicr- imat für Lteuerprosekte gebrauchen lauen fallen. Tie lüiu Re­gierungsvorlagen im Kapitel 116 d seien nut ihren Folgeit das wichtigste, was wir fett vielen Jahren zu erledigen haben, unb nur Der gegenwärtige wirtschaftliche Aufschwung gestatte bereit Durchführung. Ter oinanzausschnu sei erst nach langen, schwierigen Verhaubtinigen zu bem setzt vorliegenden günstigen Ergebnis iür die ^chrerschait gekommen unb habe dem l^urcrlianb trotz mancher­lei Entgleisungen in Veriaimullingen und ui Zeitungsartikeln seine Sympathien bewahrt. Redner bittet schlteglill), Die fünf Vorlagen nach den Anträgen des Finanzausschufles möglichst einstitnintg

aiizimehmen.

Abg. E r k will auf die Frage der Nebenbahnen näher ein­gehen, wird aber vom Präsidenten darauf ammerksam gemacht, datz Diese Frage bei ber benmächst einjubringenbeii Vorlage der Regieriing zur Verhandlung kommen iveibe. Ter Redner beklagt daun die immer noch nicht erfolgte Vorlage eines Bachgesetzes, was geradezu unerhört fei und bespricht bann die ungünstige Xlage des Miihlengetoerbes.

Abg. Adelung bemerkt, daß seine Parteifreunde Ulrich und Tr. Tavid durch den Reichstag am Erschemen hier gehindert seien unb wendet sich bann gegen de» Abg. Reinhart. Er ivünschr, da» gerade über bie Lchisfahrtsabgaben recht eingehend verhandelt iverde, sonst tourbe bas erst nach etma zwei Monaten wieder ge­schehen können und bittet die Regierung, ihre Stellung dazu klipp unb tlar barzulegen. Tie energische Haltung bes Zentrnius gegen Die Abgaben begrüße er mit Freude. Im übrigen behalte er sich feine nähere Sieilungiialmie bei den einzelnen Kapiteln vor.

Staatsmituster Ewald wendet sich zunächst mit einer kurzen Erklärung über die Frage der SchifsahrtSabgaben an das Haus. Er bespricht eine Schrift des CberregieruugaraiS PeterS, die sich besonders um die Auslegung des Art. 54 der Verfassung dreht. Die Regierung sei der Ansicht, datz das Gesetz die Erhebung von SclsissahrtSabgaben nur zulasse, wo es sich um ,chesondere An­lagen" handle; an dieser Ansicht halte auch die Reichsjchissahns- atte fest. Ter Staats Minister erwähnt bann die Schrift von Pros. Meyer unb betont, datz auch von anderer Seite die in Be­tracht kommende Stelle stets dahin interpretiert werde, datz Aus­lagen nur in dem Matze erhoben werden dürsten, als sie zur Deckung ber Unterhaltungskosten bienen. Die hessische Regie­rung tu erbe an ihrem bisher au ber Frage eingenommenen Stand­punkt sesthalten. Bezüglich der wirtschaftlichen Seite der Frage

Neuntes <s:or.zerL des Kietzener Konzert-Kereins (Zweites Chor-Konzert).

Lietzen, 1. Mörz 1907.

Joh. Seb. Bach's Pa ssions-Musik nach bem Evangelisten 'Matthäus für Soli, Doppelchor, ftnaben- chor, Orchester und Orgel ist längst Gemeingut aller musik- hebenben Nationen geworden. Auch in Deutschland gibt c6 kaum eine größere Stadt, in der das gläubige und ungläubige Publiluin nicht alljährlich oder doch alle zwei Jahre Bach's grandiose Tonschöpsung anzuhören Gelegenheit hätte. Und dies mit Recht. Tenn es ist in der Tat ein Bedürfnis, von Zeil zu Zeit das Werk dieses tiefreligiösen 'ManneS in und um sich erstehen zu lassen, der eS wie kein anderer verstand, bie Tonkunst in ben Dienst ber heiligsten Gefühle zu stellen, bie in Der Menschenbrust leben. Der Konzertoerein konnte daher der Zustinimung seiner Freunde sicher sein, als er sich entschloß, abermals diese Veranstaltung großen Stils zu unternehmen. Eine überaus zahlreiche Ziihörerschaft, unter der wir diesmal besonders viele auswärts wohnende Konzert, besiicher bemerkten, belohnten diirch bie Aufmerksamkeit, mit ber sie sich dem weihevollen Genießen hingab, die Bemühungen der Veranstalter, insbesondere unseres energischen 9)lufif- direktors Professor Trautmann und feines wackeren Chors, der durch Den evangelischen Kirchengesang, verein und die evangelische Knabenchorschule unter- stützt ivurde.

Tie Akustik der Stadlkirche ist nicht die beste und namentlich im Chor uiid Schiff sehr ungleich. So klangen z. B. am Platze des ^Referenten die Toppelchöre selbst im mezzotot te stellenweise wie aus weltentrückter Ferne zu uns dringend em Effekt, dec sicher nicht beabsichtigt war, ihnen aber einen ganz eigentümlichen Reiz verlieh. Im Ucbrigcn verdienen bie Chöre uneingeschränktes Lob. Sicherheit und Tonschön- Heck sind die charakteristischen Eigenschaften des Akademischen Gesangvereins, die ihm Herr Tralltmann anerzogen hat und bie Der Chor auch Diesmal bewährte, obwohl bie unerbittliche Influenza auch in fernen Reihen gewütet zu haben schien. An, En.Driicksoollsien würben wohl Der Eingangs-Toppel- chorKoniint, ihr Töchter, Heist nur klagen* und der wunder­volle Schlußchor »Wir setzen un§ nut Tränen nieder* zu Gehör gebracht. Richt minder gut gelangen der tiefcrniie «So schlasen unsere Sünden ein/ der in Rhyihmus und Klang­farbe gleich gewaltige «Sind Blitze, sind Lonner in Wolken

verschwunden* bei bem bie Orgel etwas zu starke Regnier gezogen hatte und bie vielen kleinen Chorparlien, Die teil­weise äußerst schwierig im Einsatz sind, aber vollkommen Deutlich und charakteristisch wirlten auch bas mitztömge «Barrabam*. Tie Choräle «O Haupt voll Blut unb Wunden* unb «Wenn ich einmal soll scheiden* Denkt sich Referent noch etwas ktangschwächer unD Den Chor «O Mensch bewein' Dem' Lünden groß* in den Kontrabässen etwas ruhiger. Alles in Allem jedoch boten Chor und Orchester eine höchst respektable Leistung, für die wir in erster Lime Herrn Professor Traut- mann zu danken haben.

Weniger befriedigte uns das Ensemble der Solisten. TaS als Ersatz, wie wir hören, für geeignetere verhinderte Kräfte zugezogene Frl. Therese Mengetbier aus Köln zeigte sich Den schwierigen Raiim- und Schallverhältniffen unserer Stadtkirche nicht gewachsen. Ihr sympathischer, aber in Den Mittellagen nicht übermäßig kräftiger Alt, ihre weiche TonbildungS- unD Vortragsweise qualifizieren sie zur LleDer- längerm; bte Allpartie in Der MaUhäuspafsion kann sie nicht pränicrtn. Auch Die Aussprache genügt bem großen Raume nicht; fo waren einzelne Konsonanten, wie z. B. bas wichtige ,f*, einfach unverständlich. Tas Nleiste klang matt Roch nie ist Das übeiroältigenD schöne «Ach Golgatha, unsel'ges Golgatha!* so absolut wirkungslos an uns vorüber gegangen; am Schluffe gelangten kaum noch Töne der Solistin zu den Hörern.

Freilich hatten sie auch eine schwierige Stellung gegen­über dem «Star* deS Abends Frau Emma Rückbeit- viller aus Stuttgart. Sieben dem sieghaften Glanz, der Tonrundung und Weichheit Der zur Sopianpartie der Paffio» geradezu prädestinierten Stimme der beruhiuien Sängerin Hang Der Alt farblos unD nichtssagend auch nicht immer ganz sicher, z. B. in «Du lieber Heiland du', Frau HtllerS Slummern (langen, wenn Dec Vergleich gestattet ist, un Ver­hältnis zu den übrigen solistischen Leistungen, wie Brlllanle>- aus einem matten Goldreif blinken, ne fetzte Alle ;n Schatten. Schon Das «Bleibe nur, du liebes Herz" gab einen Begriff von dem enormen Können der Künftlerin, der Eindruck itcigcrte sich bei Dem ganz innerlichen «Wie wohl mein Herz ui Tränen schwimmt', namentlich am Schluffe «So liebt et sie bis an bas EnDe* unb erreichte ben Höhepunkt mit dem liefempsundenen und zu Herzen gehenden «Er hat uns allen wohlgeian". Die Wiedergabe des «Sonst hat mein Jesli- nichts getan" wird bet empfängliche Hörer nicht jo leicht

vergessen. Tie Partie bes Jesus fang Herr Profcffor Otto Freytag-Besfer au8 Stuttgart. Er verfügt über eine mächtige, wohlklingende Baritonstimme und besitzt eine große Ausdrucksfähigkelt des VorlragS. Ref. tonnte aber Die EmpftnDung nicht tos werden, daß sich diese Stimme besser zur Rolle des Mephisto im Betlioz'schen Faust oder deS Ton Juan oder ziim Vortrag Löwe'icher Balladen als zur Partie DeS Jesus in einer Passion eignet. Von Der fupra- naturalen Abgeklärtheit und überlegenen Seelenruhe deS 'Menschensohnes vernahm man nur selten etwas. Auch die Szenen der «Anfechtung* in äffen viel ruhiger klingen und Den EmDtiick Hervorrufen, Daß diese alsbald übenuunben werden wird. So ivar zu leidenschaftlich aufgefaßt «Wehe dem 'Menschen, diirch »velchen Des 'Menschen Sohn Verraten wird*. Ucberflüfiige Akzente erhielten einzelne Worte wie «mein Blut des neuen Testaments*, «wirst du mich Dreimal verleugnen*, auch ganze Satze wie «Stecke Dein Schwert an feinen Ort rc.*. In den gleichen Fehler ver­fiel der Evangelist des Abends Herr Anton Koh mann ai,S Frankfurt. Er gestaltete das Evangelium Dramalisch und fiel vollständig aus der Rolle Des Erzählers. Ihm fehlt vor Allem eine Haupleigenichast DeS Evangelisten: em ruhiger, klarer, lyrischer Tenor. Seme Stimme ktrngt ost gepreßt und bantonhast. Seme Akzente wirkten oft geradezu komisch, z. B. im Wort «Hohenpriester*, das «ä* in Galltäam*, das ,i" m «Gericht', Das «e* in «betete*, ganze Partien wurden zu unruhig vorgetragen, Das «Ach könnte meine Liebe Dir* zu rasch und nicht mit der erfor- Deitichen Innigkeit, Das «und weinte bitterlich" klang un­sicher. Tie Leistuiig bewies wieder einmal, daß nicht jeder gute Liederjänger em guter Cratorienfänger fern mutz. Von den Herren Solisten gefiel uns am bellen Herr Adolf Müller aus Frankfurt a. M., ber Die kleinen Baß­partien mit VeniänDms und Geschmack fang und in dem herrlichen «Am Abend als cS luhler war' feine sonore an­genehme Baßstimme zur jchöuiten Geltung brachte. Er vcrföhule dadurch nicht nur unsere Leete im Sinne Des Textes mit ihr felbfi, jonDcm auch mit so mancher Unruhe und 'Nervosität Der modernen Kunstauffassung, die uns Die andern Herren Sotilicn zum Bewutztiem gebracht halten-. Bon ihm, der auch in der Höhe schöne volle Töne hat, hatte man die JesuSpartie hören mögen. Aber es ist eben nichts vollkommen aus Erden. H. AL