Freitag 4. Januar 1907
157. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 3
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Eeneral-Anzeiger
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstrave 7. Expedition und Verlag: 6L
Redaktion:112. Tel.-Adr> Anzeig erGieß«.
Rotationsdruck und Verlag der vrühl^ch« UntoersuLlS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Dießen.
Die „Siebener Kamllienblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, daS '.Aintiverlünülgungrdlatt für den Krell Liehen" zweimal wöchentlich. Der „hesfische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
die nicht das Wohl des idaictlanoc», sondern das der eigenen mackztlüslerncn Partei im Auge hatten, erfüllt hätte. ES ist zu begreifen, daß daS Zentrum nicht an seine Lattung in der Kolonialfrage erinnert sein will und darum in seinem Wahlaufruf seiner Gefolgschaft von „pcriönlid>cm Regiment" des Kaiser- und dem Gespenst des Kulturkampfes vorredet. Zweifellos wird es den ultramontanen Rednern gelingen, den größten Teil ihrer Wähler mit jenen Argumenten zu befriedigen; aber cs wird ihnen nicht gelingen, darüber hinwcgzutäuschcn, daß in der Kolo» nialdebatte sachlich der Kaiser recht hatte und daß keine Partei in Deutschland ernstlich an einen Kulturkampf denkt.
Der sozialdemokratische Aufruf unterscheidet sich wesentlich von seinen Vorgängern gelegentlich früherer Wahlen dadurch, daß er fast ausschließlich mit alten Forderungen deS Liberalismus argumentiert. Das spezifisch Revolutionäre, Sozialistisch« kommt nur ganz versteckt und bemäntelt zum Ausdruck. Die Annahme jedoch, als ob der Klassenhaß im sozialistisck-en Lager abgeschvächt oder gar aufgegcben worden sei, wird durch die sozialdemokratische Presse gründlich zerstört. Man erkennt unschwer die Absicht der roten Parole: sie liebäugelt, da man vom Zentrum keine Unterstützung zu erwarten hat, mit den linkslibcralen Parteien.
Günstiger als für Zentrum und Sozialdemokratie liegen diesmal die Verhältnisse für die übrigen Parteien. Der Freisinn ist Heuer des Kampfes gegen die Rechte in gewissem Grade enthoben. Unter gemeinsamem Banner zieht er mit den bürgerlichen Parteien ins Feld. Daran wird in dieser Wahlkampagne auch das Gezeter der Sozialdemokraten, die das Eintreten des Liberalismus für die Kolonialjocderungen als „schäbigen Volks- ucnat" bezeichnen, nichts ändern.
Leider fehlt heule in Deutschland, wie auch der Reichskanzler Fürst von Bülow in der „Parole der Regierung" betont, eine einheitliche liberale Partei, aus deren Mitarbeit die Regierung sich stützen konnte. Den „Zustand bet Abhängigkeit der parlamentarischen Ergebnisse von dem guten Willen einer Partei in dem vielgestaltigen deutschen Parreigetriebc" Hal der oberste Leiter der Regierungsgcschaftc „immer als nicht unbedenklich empfunden."
1 ......... ... -1----■— ..
Ausland.
London, 3. Jan. cunui Schreiben an den Lord- mayor in Loudon |priu>l der Oberbürgermeister in Berlin, Kirsch- n t r, sein« herzlichsten Wünsche zum neuen Jahr auS. Er erbenrt dabei des gastlichen Empfanges, der den deutschen Stadtveitletcrn im vergangenen Jal)re in London bereitet wurde, und spricht die Hoffnung aus, daß die freundschastlichen Beziehungen zwiia-en Deusichlanb und England anbauern und immer fester werben.
Madrid, 3. Jan. Der König hat heute da- Amnestie- gesetz und das Gesetz bctresjend die provisorische Einführung des Zolles aus ausländisches Getreide unterzeichnet.
Budapest, 3. Jan. Die österreichische Delegation begann die Verl) mdlungen über bas öeerevorbinarium. Mabeyski zollt ber Leeresverwaltung Dank für die Pflege des religiösen Geistes in bet Armee, insbesondere für die Erteilung des Religionsunterrichtes in den Militärbildungsanstalten in ber Muttersprache der Zöglinge. Stein (alldeittlch) polcmiiiert gegen den Vorredner und crtiurt die Verquickung von Katechismus mit dem Soldatentum für unmöglich Die deutsche R e i chs r e g i e r u n g |ei leibet viel zu lchwach gegenüber dem Dun den Polen in Posen ausgeübten Terrorismus. Eine Ration, d i e s i ch b e m S t a a t n i ch t an p a s s e n ro 111, mußvertilgt werden.
Tanger, 3. Jan. (Lwvas.) Die Parteigänger Rai - s u l i s in Aatrim, 4 Kilometer von Tanger, sind bei dem ehemaligen Anführer ber Leute Raisulis, ber portugiesischer Schutzbefohlener ist, cing ebro djen und haben diesen mit drei seiner Verwandten gefangen genommen. Eine andere Abteilung von Raisulis Leuten soll in der vergangenen Nacht den Leuten vorn Stamme Beni Msuar, die zum Markte nach Tanger zogen, einen Linterhalt gelegt haben; mehrere Menschen füllen getötet worden sein.
Biserta (Tunis), 3. Jan. Ein russisches Geschwader ist gestern hier zu 45 tägigem Aufenthalt cingetroffen. Das französische Panzerschiff Conds mit dem Kriegsminister Picquard an Bord traf heute hier ein.
Shanghai, 3. Jan. Die Lulistätigkeit zur Bekämpfung der Hungersnot ist in vollem Gange. Von feiten der Regierung und aus anderen chinesischen Quellen gehen große Summen Unterstützungsgelder ein. 15 000 Sack amerikanisches Mehl, die bis jetzt gekauft wurden, sind unterwegs.
Rom, 3. Jan. Die SeEüiintnuujung der Verlobung des Lerzogs der Abruzzen mit der Prinzessin Helene von Serbien, der einzigen Tochter König Peters, steht bevor.
Genf, 3. Jan. .Die hiesigen Journalisten haben einen Vorschlag ausgearbeilet betrefsend die Gründung eines internationalen Presseverbandes. Der Verband verfolgt den Zweck, die Arbeit ber ausländischen Korrespondenten zu erleichtern, eine bessere Kontrolle über die Nachrichten auszuüben, ferner eine Journali st en schule und eine Journalisten- Pensionskasse zu gründen. Diese Projekte sollen sämtlichen internationalen Journalistenverbänden unterbreitet werden.
Newyork, 3. Jan. Die Aussichten auf Abschluß eines deutsch-amerikanischen Handelsvertrages erscheinen durch eine neuerdings gefaßte Entschließung des Präsidenten Roosevelt in unbestimmte Ferne gerückt. Wie aus Washington gemeldet wird, versprach 8ioo>evelt Cannon, dem republitanischen Führer des Unterhauses, er werde weder dem gegenwärtigen Kongreß Vorlagen bezüglich irgendwelcher Taris- siagcn zugehen lassen, noch den neuen Kongreß im Frühjahr zu solchem Zweck zu einer Extrasitzung einberufen.
Reue Attentate in Rußland.
Petersburg, 3. Jan.
Nach dem Gottesdienste im Jnstttut für Experimentalmedizin wurde auf den Stadthauptmann von der Launitz, der sich zur Einweihung des neuen Gebäudes dorthin begeben hatte, ein Anschlag verübt. Er verließ als erster die Kirche. In diesem Augenblick näherte sich ihm ein gut gekleideter junger Mann, und gab aus nächster Nähe auf ihn einen Schuß ab. Der Stadthauptmann fiel mit dem Gesicht in den Schnee; der Unbekannte feuerte weitere 6 Schüsse auf ihn ab, deren einer den Nacken traf und an der Schläfe herauskam. Durch einen siebenten Schuß in den Mund tötete sich der Mörder selbst und fiel neben dem Stadthauptmann nieder. Der diensthabende Offizier versetzte dem Möroer mehrere Säbelhiebe. Ter Stadt- hauptmann wurde in die Kirche getragen, wo er nach kurzer Zeit verschied. In der Menge wurden zwei Verhaftungen vorgenommen. Man vermutet, daß der Mörder aus Tambow stammt, wo der ermordete Stadtdauptmann große Besitzungen hatte.
Zu der Feier waren gegen 1Ö0 Personen geladen, außer dem Personal nur Vertreter der Behörden und Aerzte. Der Täter befand sich unter den Gästen und erregte keinerlei Ansehen. Er war im Frack und hatte eine ordnungsgemäße Einladung; wie er sich diese verschafft hat, ist bisher nickst aufgeklärt worden. Dein Aeußeren nach scheint es ein A r b c i t e r zu ein. Nach dem Gottesdienste sollte ein Frühstück statt finden, welck>es natürlich abgesagt wurde. Die Gäste wurden aber im Lause zurückbehatten. Um 2 Uhr kam der Untersuchungsrichter und stellte ihre Personalien fest, worauf sie entlassen wurden. Der General trug einen kugelsicheren Panzer. An der Feierlichkeit haben der Prinz von Oldenburg, mehrere Groß- ürsten und viele hochgestellte Personen teilgenommen, deren sich, als die Schüsse fielen, eine Panik bemächtigte.
In Petersburg fand in der Nähe der Kasernen deS Js- mailowregiments auf den Präsidenten des „Verbandes wahrhaft russischer Leute", Dubrowin, ein Attentatversuch statt. Ein unbekannter Mann feuerte einen Revolverschuß ab, der jedoch fehl ging. Der Täter entfloh.
In Tiflis wurde gegen den Polizeioffizier Loladze, gegen den bereits mehrfach Mordversuche gemacht wurden, durch zwei Personen ein neuer Bombenanschlag verübt. Durch Die Explosion wurde niemand verletzt. Durch einen Schuß, den ein Schutzmann auf die flüchtigen Täter abgab, wurde ein zu- fällig vorübergehender Greis getötet Die Täter sind entkommen.
Die Ermordung des deutschen Reichsangehörigen Alfred B u s ch in R i g a hat ihre Sühne erfahren. Zwei Mörder wurden verhaftet und legten ein Geständnis ab. Sie wurden vom Feldgericht zum Tode verurteilt unb ersck)ossen. Der dritte Mörder ist auch dem Namen nach bekannt, es ist ihm aber gelungen, nach Amerika zu entkommen.
General ft uropa Hin hat ein Duck über den russisch, javanischen ftrieg geickstieben, dessen erster Teil im Druck fertig- gestellt ist. Probeabzüge gingen an eine R ei Ist hochgestellter Pcriö.llichkciten in Petersburg. Da jedoch Kuropatkin stch selbst über alles Lobt und die anderen Heerführer in Grund und Boden verurteilt, h.ck der Zar angeordnet, daß dos Buch vvr- ltiu|ig nicht vcrösientlicht werden darf, bis er selbst das Werk gelesen hat Kuropatkin wurde am 3. d. M. vom Zar« in Audienz empfangen. . ' ■ ।■ ■■ 1 ■ 1 1 ■ -«
Die außerordentliche OScncralvcrsammluug des Lanveslehrcrverciu».
(Original-Arttlet des Gi^ener Anzeigers.)
K. Darmstadt, S. Jan.
Zu einer imposanten Kundgebung gestaltete stch bte heul«, wie schon kurz mitgcieili wurde, ni der Turnhalle am WoogSplay abgehobene Versammlung des LandeSlehrerverein«, bie eine Prolest- lunögebung gegen öie von ber Regierung emgebrachte BesoldungS- vorlaae (em sollte. AuS allen Tellen deS Landes waren Lehrer erschienen, und besonders zahlreich waren die Lehrer, die von der Regierungsvorlage feine ober nur eine geringe Gehaltserhöhung zu erwarten haben. Tie Turnhalle, ber größte Saal Darmsiadls, war überfüllt; bie Zahl ber Erschienenen wurde auf 1300 geschätzt. (Es sei bemerkt, baß auch ber katholische Leheerverem Hessens zur leiben Zett im Kontorbiasaal m gleicher Angelegenheit tagte; auch diese Versammlung icar stark besucht.) Unter allgemeiner Spannung eröffnete um !*/♦ Uhr ber Obmann beS Lanbeslehreroerems, Rettor Backes, bte Versammlung, gab (einer Freude Ausdruck über bie große Zahl der Erichteneuen und begrüßte die Landtags- abgeorbneien Tr. Osann II. und Sensfelder. Ter Obmann teilte nut, daß die Abhaltung ber Versammlung auch bet Regierung mit- geieilt warben fei, bie größte Auimerksamkeit ruhe daher am der Versammlung, und es gelte zu zeigen, baß im hessischen Lehrer- ftanb Einigkeit bestehe. (Betsall.) Er teilte bann mit, daß auch der erste Präsident der Zweiten Kammer soeben telephonisch zugesagt habe, für die Erhöhung des Anfangsgehaltes emziitreten. (Lebh. Beifall.) Ter Referent, Schrsitiuhrer H u s f - Darmstadt, erhält bann bas Wort zu (einem Vortrag über bie G e- haltSvorlage der Regierung unb dieForberung Der Lehrer Hessens. Er verliest eine Resolution, die der Vorstand am 22. Dezember, also nach Bekanntgabe der Regierungsvorlage, gefaßt hat. Sie betont, daß bie Vorlage nicht den billigen Wunsche ber Lehrer entgegenkomme unb appelliert an Regierung unb Kammer. Ter Redner wieberholt bie Forberung ber Lehrer auf Einreihung ui bas Beamtenbefolbungsgesetz vom 9. Juli 1898 unb zwar ber Kategorie ber mitteten Stellen vom Finanzfach. ES (ei bies erstens eine Ehrensrage, denn dann brauchten die Lehrer nicht fortwährend wegen Gehaltserhöhung betteln zu gehen, das schäbige das Aisiehen ber Lehrer, benen un- ueridnilbeter Weife ber Vorwurf der Nimmersatten gemacht werde. ES sei 2. eine Rechtsfrage, bie Lehrer verlangen keine Bevorzugung, ihr Wunsch, in bie Kategorie ber mittleren Finanzbeamten em- gereiht zu werben, sei bescheiden. Ter Dtebner kommt sobaun aul bte Eingabe des LandeslehrervereinS zu sprechen, sie forbert HOO 'Mark bis 8400 Mk. Gehalt unb 600 Mk. pensionsfähiger Wohnungs- vergülung, so baß bas penfionsfäbige Höchstgehalt 4000 Alk. betragen wurde. Dagegen bietet die Regierung nur 1100-3000 Mk., bas Grundgehalt bleibt wie bisher, während die unteren Stufen ber Staatsbeamten burch beit Wohnungsgelbzufchuß am höchsten bedacht werden. Unb doch werden auch bie Lehrer der untersten Klassen von der Preissteigerung und Teuerung nicht verschont. Hier liegt bfe größte Härte ber Vorlage. Lebhafter Beifall. Vlad) ungefährer Berechnung des Vorrebners sinb etwa 19 Proz. bet Mehrer, fast ein Fünftel, von der Ausbesserung ausgeschlossen. Tte irühere Anstellung der Lehrer unb bie lokalen Verhältnisse re. bringen es mit sich, baß der Lehrer früher als andere Beamten seinen eigenen Hausstand gründet, unb bie Regierung müsse diesen Verhältnissen des dentschen Lehrerhauses Rechmmg tragen. Es fei klar, baß das, was die Regierung bietet, den Lehrersland nicht befriedigen könne, bie Vorlage erscheine als eine Verlegenheitsvorlage. Tie Lehrer mußten etwas holen, aber es sollte wenig kosten, bei 8200 Lehrern wirb bie« aber kein Finanzminister fertig bringen. Langanhattenber Bestall folgte auf bas Referat. Es folgten hieraus mehrere Redner, bie sämtlich ^n sachlicher aber entschiedener Weste gegen die Regierungsvorlage Stellung nahmen, es sprachen Frank- Groß-Rohrhenn, Fuhr- Sprenblmgen, Link- Rüdings- heim und Hauptlehrer S t o rch-Butzbach. Letzterer betonte, die Volksschule (et eine ber festen und besten Stützen des Staates, sie ziehe bie Jngenb zur Heimats- und Vaterlandsliebe heran, von ber Regierung müsse man erwarten Treue um Treue, Vertrauen um Vertrauen. (Minutenlanger Bestall.) Landtagsabg. Dr. Osann erklärt, cs nehme ihn Wunber, wie bie Letzter bei biejen Gehaltsätzen aus- fommen. Wir wollen einen zuiriebeneii Lehrerstanb haben, nur dann könne dieser voll unb ganz seine Pflicht tun. Zufriebeiiheit sei nur bei guter wohlwollenber Behandlung zu erwarten, -tes Wohlwollen müsse sich nicht in Worten, sondern in Taten zeigen. (Brausender Beisall.) Aus Antrag des Obmannes Backes wurde solgende R e f o l u 11 o n angenommen:
,Tte am 2. Januar 1907 tagende außerordentliche pau*, Versammlung des LandeslehrervereinS, di 1300 'I. besucht war, bedauert, daß der vorgelegte fRegietungserurourf
Ackere,
Mill-
tDtnt «***
i”ei"
MO-LS
ytdvt“, sMtz Ätz?
>i Jrinkett—/
>! M
auf ferner« Nchk
Tür die Leitung :ftii(fie gegen sehr iditM
Ibunnen unter 145 ’.t meiner erbet. tmäbdicti griicht. steick'mcine N1.
men kleinen HmiS- Nädificn mit guten c KüÄe unb HauS- ildiqen Gintritt.
i. Lpveobcimcr orittaüe 48. M
ics, williges dchen w fiften nom Pimbe. pfc Wslmme n. n, Hausmädchen, raulein, Küänn, illcin erbnlt. Me u mich auswärts Hüttt".bcrkcr, stersweg
Nüh!> Hausarbeit ver^ Mrflcrjlreudl ichen t per sofort gesucht. >elm Crfcl ftitrabeji—--
iwjESÄ'im
IL&Mtt Inch, ‘>tcUYcjihJ7T~
LfeincTCTbet. r neludii EerstInnker. ck-rbnrjchc f) Mter eintreten, ^ütfcrci 3-otncn, [ip
? M
Sabren (n^t ende Arbeit |ir>s lflnn, Lamvenjabr. barsch? )et Bursche vom
NatcrnnS, raitk 22 m
Silben gewandtes kiebnerin können itreten |i-2i) nnftaltzC-dchvcik.
. ülädcien ht IW ?lnlaqe 27, vart.
r»cben.^
poütijc^c Lagcrscha«.
Gegea die Pottzetaufficht.
Die durch den Fall dcS Hauptmanns von Köpenick wieder aktuell gewordene Frage der Polizeiaufsicht mit ihren zweifellosen Dtängeln behandelt Proseisor Dr. Mttter- maler- (Ließen in einer juristischen Fachzeitung vom Standpunkt der wistenschafilichen Theorie. Er faßt die Re- fuliale seiner Untersuchung in bie folgenden Forderungen zu- famtnen:
Die Praxis kann sofort eine bessere werden: eS soll selten die Polizeiau,licht ausgcjuhrt, bann aber energisch unb boch schonend unb diskret, angepaßt an den einzelnen Fall, gehandhabt werden. Nur Oberbeamte unb einzelne vertrauenswürdige Unterbeamte find zu verwenden. Ausweisungen sollen nur bei begründetem Verdacht sck>lechter F-ührung, Hausiuchnngen nur bei konkreter Notwendigkeit ftattiinben; b;e Ausweisung dar, nur durchgcmhrt werden, meim die Möglichkeit anber.oeitcn Unter« kommens leststeht. Die Polizeiaufsicht soll sobald als möglich wieder aufgehoben werden. Häufige Verwendung der leider vielfach ,o verketzerten üorlän]igen Entlassung schützt in geeigneten Fällen vor der Durchiuhratig der Poiizei- austicht. — Die F ü r s o r g e v e r e i n e sollen so oft als nur möglich hcrangezogen werden und selbst größeres Entgegeiikvmnwn auch bei Perionen beweisen, die sich ablehnend verhalten; bei jeder AuSwenung müssen sie Helsen. Die Polizei kann und folltc einen Druck aus üben, daß der Entlafjene ficb unter Fürsorge stellt. Derartige Maßregeln dürsten sehr wohl im Dundesr-t sesigcsteltt werden. Eine sofortige Aendemng des Gesetzes könnte hvwstcns die Meldepslicht an Steile der Ausweisung wieder einstihren, der AuSiveisung wie LauSiuchung strengere Siprankeii «etzen, rou: sie eben oben vorgefchiagen wurden, unb die gesamte AuSweisungösrage reichSrechilicy einheitlich regeln.
Die endgültige Lesetzesreform darf sich freilich damit nicht begnügen: He muß da,ür sorgen, daß möglichst jeder Entlassene wieder in das freie Leben eingeorbnet werde, und wo daS nicht mehr angcht, muß fie für ihn Anstalten ooriehen. Sie muß die den Fürsorgeorganen biL jetzt nur in so geringem Maße geglückte, vom Staat noch kaum versuchte Hülse für die 6 n 11 q (f e n e n anorunen und organisieren unb barj nie einen Zwang Dorf eben, wenn (te nicht vorher die Hülfe angeboten hat.
Ter Verfasser meint allerdings, das Problem biefec Hülse gegenüber den sie Nicht begehrenden Elementen sei so schwer, baß e- praktisch vielleicht nur leilrocije zu löjen (et.
•
Den neuen französische» Botschafter in Berlin, Jules Cambon, muß es mit Genugtuung erfüllen, daß feine Abberufung vom Botfchafterposten in Riadrid in den politlfchen Kreisen Frankreichs auf« lebhafteste betrauert wirb. Er hört sich einen hervorragenden Diplomaten nennen, ber in Mabrtb Vertrauen um sich zu verbreiten gewußt unb speziell bie Fäden ber Marokko-Affäre in ber Hand gehalten habe. Er vernimmt ferner, baß er im Pyrenaenstaat schwer zu ersetzen sein werde, da bie marokkanische Angelegenheit tatsächlich erst ihren Anfang nehme. So wenigstens urteilt das .Journal deS $)6baiS*. ES bleibt abzuwarten, ob Cambon ber gleichen Auffassung ist. Bisher hielt so ziemlich alle Welt bajür, baß ber Marokko-Konflikt als beigelegt gelten bürfe, wenn auch bei ber Verhandlung über bie AlgcciraSakie im Reichstag betont würbe, wie trotz alledem für Deutschland in Zukunft eine vorsichtige Taktik in Wkarotko geboten fei, um neuen Verwicklungen aus dem Wege zu gehen. Sollte im französisch-spanischen Rate beschlossen sein, iiiSgeheiin daS Feuer wieder zu schüren, so kann es vom deutschen Standpunkt auS nur begrüßt werden, daß ein in die marokkanischen Angelegenheiten so eingeweihter Diplomat wie Cambon in Berlin Geschäftsträger ber Republik ist. Ihn von ber Loyalität Deutschlands zu überzeugen, könnte nicht schwer fallen, sofern er frei von Vorurteil ist. Äkach- deutlich in biejer Hinsicht stimmt allerdings, baß der ^Temps", das französische Reglerungsorgan, in (einem Jahresrückblick „feststellt", e& sei deutscherseits ein Druck auögeübt worden in Madrid und Rom, um bas spanisch- italienische Einvernehmen anfzulösen. Diese Wiffenschaft kann bem ,TempS" nur gekommen sein durch Vermittlung CambonS, deS bisherigen Botschafters in Madrid, und das laßt es nicht über jeden Zweifel erhaben erscheinen, ob Cambon frei von politischer Voreingenommenheit ist. In ihm und in dem neuen italienischen Botschafter Panfa ziehen jedenfalls zwei Diplomaten in Berlin ein, deren Verhalten von Belang für die internationalen Beziehungen fein wird unb beShalb auch wohl befonberer Beachtung im Auswärtigen Amt geiüürbigt wird.
ZSckylptttOltN.
Man schreibt uns aus bem Wahlkreise:
Durch die unertoartetc Auflösung des Reichstages erhalten die Wahlen ein besonderes Gepräge. Im Jahre 1908 hätte sich der Wahlkampf aller Wahrscheinlichkeit nach in den alten, aus- gefahrcncn Bahnen der politischen Fraktionspolemik abgespielt. Die Sozialdemokraten wären mit dem Lied von der Verderbnis der kapitalistischen Weltordnung, mit dem Bilde von dem nicht mehr fernen Zukunftsstaat und dem Aufruf zum Klassenkampf vor ihre Wähler getreten. Vom Zentrum hätte man zahlreiche Phrasen über Kulturkampf vernehmen können, während Konservative und Freisinn sich allerhand Wahr- und Unwahrheiten gesagt hätten. Nun liegen bie Dinge anders.
Die letzte Abstimmung des verstossenen Reichstages ließ sonst „feindliche Brüder" sich die Land reichen zu gemeinsamer Abwehr der schwarzen und roten Gefahr. Der alte Schlachten- plan war damit gänzlich versckwbcn, und auch im bevorstehenden Wahlkampfe wird der Aufmarsch der Parteien im Sinne der Buiidesgenossenschaft vom 13. Dezember 1906 erfolgen. Die bürgerlichen Parteien werden einmütig gegen die Sozialdemokraten nicht nur, sondern auch gegen das in Opposition getretene, seither regierende Zentrum im Felde stehen. Die veränderte Sachlage kommt in neuen Wahlparolen für die Mehrzahl der Parteien zum Ausdruck.
Die schwächste ber Parolen ist natürlich die des 3en- tr u m s. Ist es doch wider Erwarten und wider Willen in eine unangenehme Situation geraten! Roeren und Erzberger hätten sicher nichts enthüllt, wenn, bie Regierung ihre Wünsche,


