Ausgabe 
3.1.1907 Zweites Blatt
 
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vlS Botschafter im NeichSdienste tätig, zwei sind Ober- Präsidenten (D. Graf von Zedlitz-Trützschler und Dr. Frhr. v. d. Necke v. d. Horst), einer (von Köller) Staatssekretär in Elfaß-Lothringen.

Unpolitische Gewerkschaftler in Frankreich.

In Frankreich wurde bekanntlich in diesem Sommer die Sonn- taysruhe eingeführt, oder genauer gesagt: ein Ruhetag pro Woche, der in der Regel der Sonntag sein soll. Für gewisse Berufe ge­stattet das Gesetz auch, den Ruhetag auf einen Wochentag zu legen. Diese Erlaubnis der freien Wahl führte zu lebhaften Kämpfen. In zahllosen Versammlungen wurde diese Frage be­sprochen und die Zeitungen füllten Wochen hindurch täglich mehrere Spalten mit Erörterungen und Versammlungsberichten. In dem in Lille erscheinendenEcho du Nord" findet sich ein Bericht über eine von den vereinigten Bäckern von Lille und Umgebung gehaltene Versammlung. Hierin heißt es u. a. :

Personen, die nicht aus dem hiesigen Bezirk sind und solche, die unserer Körperschaft nicht angchören, werden in den ver­schiedenen Versammlungen, die wegen des wöchentlichen Ruhe­tages stattfinden, nicht zugelassen, da wir unsere Ange- legenheiten selbst regeln und einzig und allein auf dem wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Gebiet bleiben und keinen politischen Gedanken hineinmischen wollen."

Das heißt also: Sozialdemokratische Hetzer bleiben vor der Tür! Ist das bei uns auch so?

Deutsches Aekch.

Berlin, 2. Jan. Der Kaiser begab sich heute zum Reichskanzler Fürsten Bülow und verweilte in dessen Palais etwa eine Stunde. Später hörte er im Schloß den Vortrag des Chefs des Zioilkabinetts.

Heute abend fand bei den Majestäten anläßlich der Anwesenheit der kommandierenden Generale Tafel statt. Zu 9 Uhr waren zu einem ThL dansant bei der Kaiserin Einladungen ergangen an das Kronprinzenpaar, den Prinzen und Prinzessin Eitel Friedrich und die übrigen kaiserlichen Kinder sowie an eine Anzahl Damen und Herren der Umgebungen und der Hofgesellschaft.

Kiel, 2. Jan. Ein Spionage-Märchen tischen dänische Blätter ihren Lesern auf. Ein deutsches Torpedo­boot soll in der Nacht auf den 28. Dezember im kleinen Belt zwischen Fredericia und Middelsburg bei abgeblendeten Lichtern, Vermessungen des Fahrwassers auSgeführt haben. Die ,K. N. N.* stellen hierzu fest, daß ein deutsches Torpedoboot in dem oben erwähnten dänischen Fahrwasser sich in der fraglichen Nacht nicht befunden hat.

ReueS aus Nutzland.

Nach Meldungen aus Riga gährt es dort auf dem Lande noch immer. Bei Altenwoga (Kreis Riga) wurden zwei Guts- Pächter auf bestialische Weise ermordet. JnLibauüber- fielen Revolutionäre den Kassenboten der Firma Bühler. Zwei Polizisten wurden erschossen. Der Kassenbote und der Kutscher wurden schwer verwundet. 2000 Rubel wurden beraubt. ££)ie Räuber entkamen.

än Warschau wurden zwei Gendarmen auf der Straße erschossen. Als darauf berittene Schutzleute mit den Säbeln auf daS Publikum eindrangen, wurde tut Manu ge­tötet, mehrere Leute verwundet.

Da» Neueste aus Marokko.

Langer, 3. Jan. Der Sekretär RaisuliS wurde bt dem Augenblicke, al» er sich anschickte, die Flucht zu feinem Chef nach Zlmtt zu ergreifen, von dem bisherigen Lhalifen Ben Mansur und einigen bewaffneten Leuten fest genommen und als Gefangener nach Tanger abgeführt. Der Vorfall ist für die Aufrechterhaltung der Ruhe in Langer nicht unwesentlich. Die Bevölkerung der Umgebung fährt fort, der Regierung ihre Unter­werfung cmzubieten. Auch der Kaid von Fahs wurde ver­haftet, weil er trotz der Absetzung Raisulis dem Wachsen Ankommende bedeutende Geldbeträge nach Zinat geschickt hatte. Der Kaid wurde von einem Stamme der Bergbewohner sestge- nommen, welche hierdurch die Aufrichtigkeit ihrer Reue über ihr früheres Verhalten kundgeben wollten.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 3. Januar 1907.

Gedenket der hungernden Vögel!

**EinGedenktaa. Heute vor 25 Jahren, am 3. Ja- truar 1882, kam Feodor Gnauth, der jetzige Ehrenbürger unserer Stadt, nach Gießen zu dauerndem Aufenthalte. Er war als Kreisingenieur hierherberufen worden. Nach mehr­jähriger ersprießlicher Tätigkeit als solcher wurde der un­gewöhnlich begabte junge Baubeamte am 11. November 1886 von der Stadt Gießen zum Beigeordneten und am 1L Mai 1889 zum Bürgermeister gewählt. Es braucht hier nicht näher auseinandergesetzt zu werden, welche außer­ordentlich hohen Verdienste er sich in seiner Stellung als Oberhaupt unserer aufstrebenden Stadt erworben hat und wie groß die Achtung und das Vertrauen war, das er sich in allen Kreisen der Bürgerschaft zu erwerben verstand. Und doch mischten sich 1900 in das Gefühl des Bedauerns um seinen Weggang auch Gefühle der Freude und des Stolzes, daß S. K. tz. der Großherzog gerade Gießens Bür­germeister zur Ordnung der verfahrenen hessischen Finan- zen an die Spitze des hessischen Finanzwesens berief. Die Verehrung der Stadt Gießen für Gnauth kam zum beredten Ausdruck durch seine Ernennung zum Ehrenbürger, der höchsten Ehrung, die eine Stadt einem Bürger erweisen kann. Auch die Landesuniversität erkannte seine Verdienste um das öffentliche Wohl durch die Verleihung der Würde eines Ehrendoktors an. Was Dr. Gnauth in seiner Stel­lung als Finanzminister geleistet hat, ist hinlänglich be­kannt, und seine großen Verdienste um das Land werden auch dadurch nicht geschmälert, daß einige einflußreiche Gegner ständig am Werke sind, seine Stellung durch maul­wurfartige Arbeit zu untergraben. Dem allzeit aufrechten und ehrlichen Verfechter einer gerechten und ausgleichen­den Finanzpolitik, und dem um Fürst, Land und Volt bockverdienten Staatsmanne wünschen wir am heutigen Ge» dachtnistage seiner ersten öffentlichen Tätigkeit in Hessen, daß es ihm noch lange vergönnt sein möge, an verantwor­tungsvoller Stelle für das Volkswohl zu wirken.

* Unser Wandkalender für 1907 ist bereits am letzten Tage des alten Jahres unseren Abonnenten in der Stadt zugegangen, und m den nächsten Tagen werden auch unsere Landabonnenten ihn erhalten. Er ist ent­worfen von dem Maler E. R. Weiß in Berlin, einem Künstler von bedeutendem Ruf in allen deutschen Kunst­kreisen. Der Kalender wird, diesmal dem Biedermeierstile sich nähernd, wiederum, wie wir hoffen dürfen, allgemein als rvückunasvoüe Zierde der Wohnung überall will­

kommen sein. Möge er unseren Freunden nur glückliche Tage anzeigen!

Eine Sitzung beS Provinzial-AuSschusseS der Provinz Oderhessen findet am Samstag, 5. d. MtS., oorrn. 9 Uhr beginnend, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Gesuch des Georg Klar! zu Gießen um Erlaubnis zum Betrieb einer Automatenwirtschaft. 2. Baugesuch des Wil­helm Weiß zu Trais-Münzenberg. 3. Heranziehung des Peter Stamm III. zu Bad-Nauheim zu den Unterhaltungs­kosten der Krcisstraße Bad-NauhelmNieder-Mörlen.

" Eine größere militärische Uebung findet in den nächsten Tagen zwischen dem Kaiser Wilhelm-Regiment und dem Butzbacher 1. Bataillon der 168 er in der Gegend von Langgöns, Ebersgöns, Hörnsheim und dem Kleebach­tal statt.

* Lebensretter. Der Beigeordnete Reichardt zu Nierstein hat am 1. August 1906 einen Knaben vom Tode des Ertrinkens gerettet. Als Anerkennung hierfür ist ihm von Sr. Kgl.Hoh. dem Großherzog die Rettungsmedaille verliehen worden.

Die Neujahrstafel am Großh. Hof fand, wie uns aus Darmstadt drahtlich gemeldet wird, am Mittwoch abend 7 Uhr im Kaisersaal des Residenzschlosses statt. Im ganzen nahmen 84 Personen teil, außer dem Großherzogs­paar u. a. Prinz und Prinzessin Ludwig von Battenberg, die diplomatischen Vertreter von Preußen, Rußland und England, die drei Minister, die Spitzen der Zivil-, Hof- und Militärbehörden usw. Die Tafelmusik stellte das Garde- Dragoner-Regiment Nr. 23.

** LandeSlehrerverein. Die für Mittwoch nachmittag vom Vorstand des LandeSlehrervereinS nach dem großen Turnhallensaal in Darmstadt einberufene außerordentliche Versam mlung war von ca. 1300 bis 1400 Lehrern aus allen Teilen des Landes besucht. Der von allen Seiten freudig begrüßte, bewährte Führer der hesilschen Lehrerschaft, Rektor Backes, hielt eine einleitende Ansprache, in der er die langjährigen Kämpfe der hesilschen Lehrerschaft um eine berechtigte Besserstellung näher daclegte. Hebet die Wünsche und Forderungen der Lehrerschaft referierte sodann der Schriftführer des Landeslehreroereins, Herr Huff, der die in der neuen Vorstellung des Vereins aufgestellten Gehaltssätze und Vorschläge eingehend erläuterte, die von der Versammlung einstimmig gutgeheißen wurden. Dem Referat schloß sich noch eine rege Diskussion an, wobei die einzelnen Redner teilweise in scharfen Worten ihre Mißbilligung dar­über aussprachen, daß die neue Gehaltsskala für die Lehrer ganz erheblich hinter den Gehaltsaufbesierungen zurückstände, die man den Beamten durch die vorgeschlagenen Wohnungs- geldzuschüsie zu Teil werden lassen wolle. Der Einladung an eine Anzahl Abgeordneten, zur Teilnahme an der Ver­sammlung war auch Landtagsabg. Dr. Osann gefolgt, der für die berechtigten Wünsche der hessischen Lehrerschaft aus­sprach einzutreten sich bereit erklärte. Auch Geh. Rat Ha a§ hatte in einem Telegramm an den Vorstand sich sympathisch über die Forderungen der Lehrerschaft geäußert und zugesagt, sie in der -wellen Kammer nach Kräften unterstützen zu wollen.

** Zwecks Durchführung eine» besseren Vogel­schutzes wird im neuen hessischen Staatshaushalt erst­malig ein besonderer Betrag von 8000 Mk. unter der Bezeichnung »Kosten für Vogelschutz und Bekämpfung von Forstschädlingen* angefordert. Von der hessischen Forst« oerwaltung ist schon seit Jahren zum Schutze unserer ge­fiederten Sanger in Wald und Feld viel geschehen, sowohl durch Belehrung und Unterweisung der Forstschiitzbeamten, wie durch direkte Schutzanlagen, doch wurden die Kosten dafür bisher aus dem Etatsposten von ca. 400 000 2)!?. für »Kultur­kosten* bestritten. Die erhöhte Bedeutung, welche jedoch in neuerer Zeit der Vogelschutz als Vorbeugung und Abwehr von Jnsektenschäden erlangt hat, erfordert jetzt die Bereit­stellung eines besonderen Betrages hierfür, der auch zur Be­streitung der sonstigen zur Bekämpfung der Forstschädlingen dienenden Maßnahmen mitverwendet werden soll.

Friedberg, 1. Jan. Der Kreistag hat den für die gesamte Bevölkerung höchst wichtigen Beschluß gefaßt, eine Wander-HauShaltungsschule einzu richten und noch im Laufe deS Winters mit den Kursen zu beginnen. Die Dauer der Kurse beträgt 68 Wochen, der Unterricht findet täglich von 812 und 25 Uhr statt. Der Unter­richt erstreckt sich auf alle Gebiete der Hauswirtschaftlichen Ausbildung der weiblichen Jugend. Auch wird Unterricht in Krankenpflege und über die erste Hülfeleistung bei Unglücks­fällen erteilt. Schon jetzt haben sich einige Gemeinden zu Kursen gemeldet. Der Lehrerin wird auch die Revision beS HanbarbeitsunterrichtS an den Volksschulen übertragen.

4- Friedberg, 2. Jan. Der Schaden, den der Bahnunfall am 31. Dezember verursachte, wird von Sach­kundigen auf 40 50 000 Mk. geschätzt.

=z Vom Vogelsberg, 2. Jan. Infolge beS plötzlich eingetretenen Tau- und Regenwetters beginnt ber Schnee rapid zu schmelzen. Die Bäche des Vogelsbergs beginnen bereits langsam zu steigen und über die Ufer zu treten. Bei anhaltendem Tauwetter ist in den nächsten Tagen für den Vogelsberg und die Wetterau Hochwasier zu befürchten.

§ Marburg, 2. Jan. Am 1. April tritt ber Unter­suchungsrichter des hiesigen Landgerichts, Geh. Justizrat Landgerichtsrat Kind in Ruhestand. Archioasiistent Dr. Gundlach, durch seine Arbeiten tm hessischen Geschichtsverein bekannt, tritt aus dem preußischen Staatsdienste aus, um daö Archiv der Stadt Kiel zu übernehmen.

(sc.) Frankfurt a. M., 3. Jan. Am 28. Dezember wurde in der Eschershcimer Landstraße ein Mann halb­erfroren ausgesunden, der in das Heiltg -Geisi­tz o s p i t a l verbracht wurde und jetzt noch bewußtlos ist. Man vermutet, daß der Gefundene der 28jährige Karl Knoll aus Offenbach ist.

Vermischtes.

* Der Eisenbahn - Zusammenstoß bei Bremen führte zur Entdeckung zweier Hamburger Schwindler namens Weilheimer und Bender, die im Begriffe waren, nach London zu entfliehen. Sie hatten für 10 000 Pfund Waren auf Kredit entnommen und diese well unter dem Preise nach London und nach den englsichen Kolonien verkauft. Beide befinden sich jetzt unter polizei­

licher Ueberwachung im Hospital. Der durch die Eisenbahn­katastrophe angerichtete Bahn-Materialschaden ist amtlicher- ieitS auf über 800000 Mark festgestellt worden. Die sechs leichtverwundeten Beamten wurden sämtlich zur weiteren ärztlichen Behandlung entlaßen.

* Ein seltsamer Brauch vereinigt feit dem Jahre 1888 alljährlich am 28. Dezember die Berliner Schorn­steinfegerlehrlinge als Gäste des englischen Botschafters. Srr Malet war der erste Botschafter, von dem die Anregmrg zu einer derartigen Festlichkeit ausging. Auch in diesem Jahre wurde den Lehrlingen der Berliner Schornsteinfeger-Innung die Weihnachtsfreude vom engli­schen Botschafter Sir Frank Lascelles bereitet. Nachdem 42 L^rlinge angesichts des im Lichterglanze erstrahlen* den Weihnachtsbaums einige Wechnachtstieder gesungen hatten, nahmen sie an der schön gedeckten Tafel Platz und ließen sich Speise und Trank vorzüglich munden. Während des Essens richtete Oberst Trcnck) an die Lehrlinge eine An­sprache, die mit einem Hoch auf den Kaiser schloß. Darauf nahm Obermeister Schmidt das Wort zu einem Toast auf den König von England, worauf einec der Lehrlinge in wohlgefe^ten Worten deren Dank zum Ausdruck brachte. Nach der Tafel erhielt jeder der jungen Leute ein hübsches Geschenk.

DeS Taschendieb st ahls beschuldigt. Frau Alexander Traut mann, die Gattin eines ber rneist- beschäftigsten Aerzte Rew-Porks, befand sich in einem Laden, um noch einige Weihnachtseinkäufe zu machen, als plötzlich em neben ihr stehender Mann sie feslhielt und nach der Polizei rief. Einem hinzukommenden Polizisten erklärte er, die Dame habe ihn einige Tage vorher angesprochen und ihm bei dieser Gelegenheit 13 Dollar aus ber Tasche gezogen. Frau Dr. Trautmann wurde nach der nächsten Polizeiwache gebracht, wo sie vier Stunden lang eingesperrt wurde. Am nächsten Tage mußte sie im Polizeigerichte erscheinen, wo sie durch Zeugen einwandSfrei feststellte, daß sie an dem Tage, an dem der Taschendiebstahl begangen worden sein soll, krank zu Bett gelegen hat. Bei der glänzenden gesell­schaftlichen Stellung, die Frau Trautmann einnimmt, gibt sich große Entrüstung über das Verhalten der New-Porker Polizei kund.

* Kleine Tageschronit Im schles. Torf K l u tz s ch a u bei Groß-Strehlitz entstand nachts durch das Umfloßen einer bren­nenden Lampe in der Wohnung der Witwe Bienick em Brand, der erst morgens bemerkt wurde. "£ie Inhaberin der Wohnung wurde total verkohlt, ihre erwachsene Tochter tödlich verbrannt, aufgefunden.

Gericht-saat.

Ein kaum g l a u b l i ch e S B i l d s i t t l i ch e r D e r « irrung wurde am Mittwoch der Strafkammer des Land­gerichts II. zu Berlin in einer Verhandlung vor Augen geführt, bei der sich der Kaufmann Hoffmann aus Schöneberg wegen Be­leidigung nnd Körperverletzung und dessen Ehefrau Ella wegen Kuppelet unter Anwendung hinterlistiger Kunstgriffe zu verant- luovicn halte. Die Angeklagte, die Mutter zweier Kinder ist, ist in einem Zuslande sexueller Perversität, der kaum noch übertroffen werden kann. Wie durch die Strafanzeigen der Eltern zweier bei ihr in Stellung befindlich gewesener Dienstmädchen bekannt geworden ist und durch die Verhandlung Bestätigulig gefunden hat, hat sie diese Dienstmädchen an ihren Ehemann verkuppelt und diesen durch nervöse Lärmszenen gezwungen, in ihrer Gegenwart mit den Mädchen un­züchtige Handlungen vorzunehmen, die aller Beschreibung spotten. Ter Angeklagte hat sich dadurch, daß er sich dieser sexuellen Laune ber Ehefrau tilgte, der Beleidigung der Mädchen und in einem Falle, wo er mit einem Kanlschu auf da- eine Mädchen loSgeschiagen, auch der Körperverletzung schuldig gemacht. Nach dem Gutachten des über den Geisteszustand der angeklagten Ehefrau befragten Nervenarztes Dr. A. Atoll ist diese eine nervöse, in sexueller Be­ziehung entartete Frau. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Ehemann 1 Jahr Gefängnis, gegen die Ehefrau IV, Jahre Zucht­haus. Stach dem Anträge des Rechtsanwalts Leonh. Friedmann schied der Gerichtshof bet der Eheirau das erschivereilde Moment der hinterlistigen Kunstgriffe aiis und erkannte gegen sie auf 1 Jahr Gefängnis. H. wurde zu 4 Atonalen Gefängnis verurteilt.

QanM und Verkehr, Volkswirtschaft.

Von der Berliner Börse. Die erste Börse deS neuen Jahres war fest, aber still. Tas Geschäft war durch die bekannten technischen Umrechnungen usw. für die (Soiiponabtreimung und auch durch Postslörungen erschwert. Besonders gesucht waren dte4proz. Russen, die bis 81,50 stiegen. Am Monlanakiienmarkt war ziemlich allgemeine Besserung zu beobachten. Gelsenkirchener notierten nach 8 proz. Abschlag sogar 3 Proz. höher. Bei Konsolidationen zeigte sich nach 28 proz. Abschlag 4 Proz. Steigerung. Amerikanische Bahnioerle waren ebenfalls gebessert; auch Orientbahnen wurden flott umgesetzt und notierten 127,75 auf die Absicht der bulgarischen Regierung, eine Teilstrecke anzukaufen, obwohl die Börse an eine Verwirklichung dieser Absicht nicht glauben will, zumal dem Orient- bahn-Syndikat die gewünschte Strecke noch nicht feil sei. Banken waren ui guter Haltung auf den offenbar recht günstigen Jahres­abschluß hm, und auf die hohen Zinssätze. Im weiteren Verlaus machte sich sogar eine ziemlich lebhatle Bewegung geltend auf die Verbilligung täglichen Geldes bis imier 6 Proz. Bet Schluß ber Börse stimulierte ber Rückgang bes PrivatblSkonts aus 6 Proz.

Vom ö ft e r r e i tl) i i ü) e n Tabakmonopol. Aus den Statistischen Mlltellungcn über bas österreichische Tabakmonopol für bas Jahr 1905 gehl hervor, baß ber Verbrauch von Zigarren in stetigem Rückgang begriffen ist, während der Verbrauch von Zigaretten steigt. Die Maste bes verbrauchten Tabaks wird ge­ringer, ber Gelderlös bagegen höher. Auch ber Ävnsumptions- preis, im Durchschnitt berechnet, steigt: man raucht teurer. Unter den Zigarren nimmt diegemischte Ausländer" vulgoKurze" mll 474 Millionen Stück die erste Stelle ein. Dann folgen Portoriko" mit 190,Kuba" mit 168,Virginer" mit 161 Millionen Stück Insgesamt wurden rund 1190 Millionen Stück für 78 Millionen Kronen umgesetzt Unter denZigaretten" ist es dieSport" mit 1820 Millionen, die an ber Spitze marschiert. Drama" wie bieSport" ohne Atmll)stück rangieren mit 1228 Millionen Stück an zweiter Steile; insgesamt würben 3824 Mill. Stück Zigaretten für 62 Millionen Kronen umgesetzt. Interessant ist, baß ber Gelderlös für verkaufte Schnupftabake noch immer rund 4 Millionen Kronen beträgt Für Rauchtabake wurden 64 Millionen Kronen eingenommen. Unter den importierten Zi­garren stehen die Fabrikate der Firma Henry Clay mll 358 000 Stück an der Spitze. Dann folgt Upmann mit 232 000 Stück. Insgesamt wurden 1,7 Millionen Stück importierte Zigarren; für 983 000 Kronen verkauft Unter den importierten Zigaretten erfreuen sich die Produkte von Laurens mit 4 Mill. Stück der größten Verbreitung. Dann folgen Dimitrino und Gianelis, beide mit rund 31/» Millionen Stück. Die meisten Zigarren werden in Niederösterreich geraucht Dann folgen Schlesien, Böhmen und Salzburg. Auch im Verbrauch ber Zigaretten steht Nieder­österreich an erster Stelle, bann folgen bas Küstenlanb, Schlesien, Böhmen, Krain, Kärnten Steiermark. Alle Tabakerzeugnisse zu- sammengenommen, steht Salzburg an ber Spitze. Im Herzog­tum Siüzburg wirb also am meisten geraucht. Auf ben^Äopf der Bevölkerung wurden im Berichtsjahre 2,08 Kilogramm Tabak verbraucht Interessant ist ein Rückblick auf die Entwicklung des TabakionsuuiS in den letzten 30 Jahren. Im Jahre 1875 entfielen auf den Kopf der österreichischen Bevölkerung 49,7 Zigarren, heute 44A Im Jahre 1875 2,3 Zigaretten, heute 145,5. Der Kvnfum der Zigaretten ist also um das Siebzigjache gestiegen. Der Wort des konsumierten Tabaks, auf den Kopj