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3.1.1907 Zweites Blatt
 
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157. Jahrgang

Donnerstags. Januar 1907

Zweites Blatt

Nr. S

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der vrüdl'fctzea UniversuätS - Buch» und kteindruckeret. R. Lange, Dietzen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Sctzui» stratze 7. Grpebtrion und vertag: fcss) Bl. Redaktion:112. Tei.-?ldr>AnzeigerDletzen.

Erscheint täglich mit Ausnahme de4 Sonntag*.

TieEietzeuer SamlllenMötter" werden dem Anzeiger' viermal wöchentlich beigeleat. da4 '.rlmtrverfllndigvngtdlatt fflr den Krd$ «letzen" zweimal wöchentlich. Terhesstfche Landwirt" erscheim monatlich einmal.

Z,r Wahlvewegung in K ff-n und im Stiche.

Die RkichStagswahlbewegung irn Großherzogtum D essen wird von der offiziösenSüdd. Rejßhslorr." im wesentlichen folgendermaßen beurteilt:

Von den 9 Reichstagsmandaten hatten von 1898 biS 1903 die Rationalliberalcn 3, die Antisemiten und Sozialdemokraten je 2, das Zentrum und die freisinnige VolkSvartei je eines inne, während 1903 sechs Nationalliberale, zwei Sozialdemokraten und ein freisinniger VolkSparteiler gewählt wurden. Angesichts dieses hohen liberalen Mandatsstandes hätte man annehmen sollen, daß bei einigermaßen gutem Willen eine allgemeine Einigung der Liberalen hätte zu stände kommen sollen, aber der große Augenblick fand ein kleines G e - schlecht. Die am 16. Dezember angebahnten Einigungs- bestrebungen der beiderseitigen LandeSausscsxüsse zerschlu - gen sich, und zwar nicht ohne Schuld auf beiden Seiten. Die Nationalliberalen verlangten Anerkennung des beiderseitigen Besitzstandes und für Darmstadt eine parteilose Kandidatur, ohne daran zu denken, daß sie schon 1903 die Hälfte ihrer Mandate nur durch freisinnige Hülfe gewonnen hatten und daß letztere Partei es als eine Ehren- pftidrt betrachtete, ihrem wegen seines politischen Wirkens gemäß- regelten Parteigenossen Korell abermals die Darmstädter Kandi­datur anzubieten. Die Freisinnigen verlangten Unterstützung in Darmstadt und Bingen-Alzey, boten ihre Unterstützung an für VcnSheim-Erbach, Alsfeld-Lauterbach und Offcnbach-Dieburg. Für die übrigen seither nationalliberalen Mandate glaubten sie ihre Unterstützung versagen zu müssen, weil als nationallib. Kandidaten die seitherigen Abgeordneten in Betracht kamen und diese der äußersten Rechten der Nationalliberalen angehörten. Daß die Linksliberalen in WormS nicht für den Frhrn. v. Hehl und in Friedberg-Büdingen für den Grasen O r i o l a stimmen wollten, erklärt sich auS deren extrem-agrarpolitischer Tätigkeit, aber auchfürAgrarierwollten dieFret- sinnigen eintreten, wenn sie nur politisch liberal waren, wie D a a S in DenSheim-Crbach und W a ll a u in AlSfeld-Lauter- bach. Trotzdem wäre wohl noch eine Einigung erzielt worden, wenn beide Parteien bei den Verhandlungen mehr die Verhält­nisse im ganzen Landederücksichtigt hätten, anstatt die Verhandlungen lediglich unter dem Gesichtswinkel zu führen, wem daS Darmstädter Mandat zufallen sollte. Hier waren die Gegensätze allerdings unüberbrückbar,

In Sprendlingen in Rheinhessen fand am Sonntag eine von etwa 100 Vertrauensmännern an5 allen Teilen des Wahlkreises Alzey-Bingen besuchte Vertrauens- münnerversammlung der nationalliberalen Partei statt. Rechtsanwalt C a l m a n n - Alzey berichtete über die großen Schwierigkeiten, die sich der Einigung der liberalen und freisinnigen Partei im Lande entgegcnsteuen. Es wurde mit allen gegen 1 Stimme beschlossen, Schmidt zu wäh­len, wenn auch der Freisinn die hessischen nationaltweralen Kandidaten unterstütze. Kaum war dieser Beschluß gefaßt, als eine Depesche auS Darmstadt eintraf, die das völlige Scheitern des Kompromisses Wischen den beiden liberalen Parteien meldete. Die Versammlung stellte nunmehr in Herrn D. Lichten st ein einen eigenen Kandidaten auf.

Dieser Beschluß entbehrt nicht einer gewissen Tragi­komik. Lichtenstein ist bekanntlich Anhänger der frei- sinnigen Volkspartei und hat, wie wir schon gestern meldeten, erklärt, eine Kandidatur nicht anzunehmen. Er hat sich außerdem ausdrücklich für die Kandidatur Schmidt ausgesprochen und es ist deshalb nicht ersichtlich, was daS Vorgehen der Rationalliberalen (und Alldeutschen) in Bingen-Alzey für einen Zweck haben soll. Sollte man beab­sichtigen, damit Verwirrung in die Reihen der frei­sinnigen Wähler zu tragen, so könnte dies dock nur dem antisemitischen Bauernbündler von Zentrumsgnaden Wolf- Stadecken nützen. Wenn man allerdings bedenkt, daß die Nationalliberulen in Wörrstadt im trauten Verein mit dem Zentrum demselben Herrn Wolf vor kurzem ein Land­tagsmandat aus Kosten der Freisinnigen zufchanzten, kann man sich auch über die neuesten Vorgän^ nicht wundern.

InMainz ist die Kandrdatur des alldeutschen Rechts­anwalts Winkler fallen gelaßen; neuerdings wird von dem freisinnigen Handelskammerpräsidenten Dr. Ga stell gesprochen. Auch find, wie wir hören, Verhand­lungen mit einem Gießener Mitgliede der freif. Partei, einem Juristen, angeknüpft worden, haben aber noch zu keinem Hiele geführt. In Oppenheim sprach der sozialistische Kandidat Dr. David; es entspann sich zwischen ihm und dem seitherigen liberalen Reichstagsabg. Dr. Lecker ein Redekamps, der nahezu acht Stunden dauerte und am Tage darauf feine Fortsetzung fand.

In Darmstadt wird das Zentrum, das dort über 1000 Stimmen verfügt, Wahlenthaltung proklamieren. Der Ausgang der Wahl in Bingen-Alzey, das jahrzehnte­lang eine Domäne des Freisinns war, ist von großem Inter­esse. Dort kam 1903 der Zentrumskandibat v. Brentano als Höchstbestimmter mit dem Freisinnigen Schmidt in die Stichwahl, und schließlich fregte der Freisinn. Diesmal will, wie dieKöln. Volksztg." versichert, das Zentrum dort sein taktisches Vorgehen so ernrichten, daß Schmidt das Man­dat verliert.

Für den Wahlkreis Erbach-Densheim haben die So- tziatdemokraten den kürzlich in Mühlheim zum Bei­geordneten gewühlten Peter Zahn IIL als Kandidaten auf­gestellt.

Die Sozialdemo kraten entfalten eine plan­mäßige Agitation. Sie überschwemmen das Land mit Ka­lendern und Flugschriften.

Frankfürt a. M. ist leider, nach längeren Ver­handlungen zwischen Nationalliberalen, Freisinnigen und dem demokr. Verein das liberale Kartell, das geplant war, nicht zustande gekommen. Nachdem Funck die Kandidatur endgültig abgelehnt hat, ist als Kandidat der Demokraten und Freisinnigen Landtaasabg. Oes er in Ans­icht genommen worden. Die NatwnalliLeralen werden gesondert vorgehen. Die Mittelstandsvereinigung hat den Oberen Stadtv. Michael Kämpf nominiert, so datz im ganzen fünf Kandidaten ausgestellt werden.

Tie deutsche, Reformpartei stellte im Wahlkreis Rinteln-LviLeismLL-WoljsHagen den Hauptmann a. D.

SimonS, den Erfinder deSSimons-Brotes" als Reichs­tagskandidaten auf.

Die Kandidatur N cm mann zum Wahlkreis Heil­bronn kann nunmehr doch noch als gesichert gelten, nachdem der Ausschuß der Deutschen Partei unter Vorbehalt einer Mitgliederversammlung diese Kandidatur einmütig akzeptiert hat und auch Naumann seinen ablehnenden Stand­punkt aufgegeben hat.

In einer Vertrauensmänner-V.'rsammlung de? Wahl- Vereins der freisinnigen Vvlkspartei im 2. Berliner Reichstagswahlkreis wurde als Kandidat für die Reichstaaswahl Bürgermeister Dr. R e i ck e einstimmig aufgestellt. Reicke nahm die Kandidatur an.

Die Niederlegung der bündlerischen Kan­didatur für Homburg-Kusel, die zu dem Zweck erfolgt war, eine E stn i g u n g zwischen Nationallibe­ralen und Dündlern für die ganze Pfalz herbekuführcn, hat diesen Erfolg nicht gehabt. Bei dem am 31. Dezember in Neustadt a. d. £>acrbt stattgehabten Verständi^unaSversuck blieben die Nationalliberalen aus ihren alten Forderungen bestehen und daraufhin fyat der Bund der Landwirte die Verhandlungen endgültig abgebrochen. Die Kandidatur Stauffer ist wieder ausgenommen worden.

*

Ter Ausfall deS Schulunterrichts am Tage der NeichStagSwahl, ist von der bayrischen Regierung verfügt und wird wohl auch In allen anderen Bundesstaaten angeordnet werden. Dm Tage der Stichwahl gift daS gleiche für die Bezirke, denen er ff der zweite Wahlgang die Entseheidung bringt. Soweit sich auf die 3V> Millionenpartei der Nicktwähser einwirken läßt, soll nicktS unversucht bleiben. Aus sie, die allerdings weder zum Anhang des Zentrums noch zur So­zialdemokratie zu rechnen ist, setzt die Reichsregierung die größte Hoffnung. ES muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß jeder, der sich deS allgemeinen Wahl­rechts für feine Person leichtherzig begibt, am Ende, wenn auch wider seinen Dillen, Bestrebungen begünstigt, die auf Aenderung diese- Wahl- recht- in einschränkendem Sinne abzielen.

Die ^erflnrr über-ows Waylp ogramm

Die Mehrzahl der Berliner Morgenblätter widmet der Kund- gebunq deS Reichskanzlers Leitartilel. Besondere Aufmerksamkeit wird den Ausführungen über den Liberalismus zuteil.

TieD e u t s ch e T a g e S z t g." erklärt: Im einzelnen können wir unS nicht verhehlen, daß die Kundgebung deS Fürsten Bülow tm großen und ganzen kaum den Eindruck erwecken wird, den man sich vielleicht von ihr verspricht. Er ist auch in diesem seinen Schreiben mehr Diplomat als führender, pfadweisender Staatsmann.

TieT ä g l. Rundschau" begrüßt die Wahlkundgebung deS Reichskanzlers, glaubt aber, daß die Tätigkeit der Regierung mit diesem Briefe nicht abgeschlossen sein kann.

DieN a t.-Z t g." schreibt: Die Kundgebung des Reichs­kanzlers ist in ihren schlichten Darlegungen von musterhafter Klar­heit. Von besonderem Wert aber ist es, aus dem Schreiben des Kanzlers zu ersehen, daß die Negierung an einen Frontwechsel auch nach Eintritt der günstigen Nachrichten aus Südweftafrika nicht denkt.

DieVoss. Ztg." schreibt: Bemerkenswert an dem Plan ist in erster Reihe die Frontveränderung gegenüber dem Freisinn. Fürst Bülow sieht ibn nicht mehr als Gegner sondern als Verbündeten an. Es ist ein politisches Ereignis, daß der leitende Staatsmann auch auf dem Wahlplatz erscheint, daß er seinen Wahlaufruf erläßt, daß er im Namen der Reichs­regierung die Kriegserklärung an das Zentrum und gegen die Sozialdemokratie richtet.

DaSB erl. T a g e b l." erklärt, die liberalen Wühlermassen werden von der Epistel schwerlich sehr erbaut sein und selbst die­jenigen freisinnigen Wahlvereine, die dem Reichskanzler Huldi- gungS-Telegramme gesandt haben, werden ihr Depeschengeld zurück- wünschen.

DerVorwärts" schreibt: Der Kanzler selbst zeigt in dieser Botschaft dem Freisinn seine Zukunft an, führt ihm selbst das Schicksal des Zentrums vor. Diesem reaktionären Wunsche zeigt er sich gefügig. In dem Augenblick, wo es endlich einmal einige minimale Abstriche an dem Milliardcn-Budget der Kolonialpolitik zu machen wagte, mußte es die schimpstichsten Brüskierungen sich gefallen lassen. Welcher Dank winkt da erst dem Freisinn!

Am bemerkenswertesten sind die Ausführungen des Berliner Zentrumsorgans, derGermania": Wir gestehen von vorn­herein: Dieser Silvesterbrief gefüllt uns gar nicht so Übel. Das Zentrum kann in Anbetracht der Umstände sehr damit zufrieden sein. Mit ihm verpufft die Wahlparole gegen die ultramontane Herrschaft und das unnationale Zentrum in die Luft. Der Reichskanzler wehrt sich gegen das Parteiregi­ment, das heißt im letzten Grunde gar nichts anderes, als: der Reichstag solle überhaupt nichts zu sagen haben. Eine Partei, sei sie wie sie will, will, wenn sie für die Regierung unentbehrlich ist, auch mit zu reden haben, sie will nicht bloß eine Jasage-Maschine sein. Daß das Zentrum das auch nicht sein wollte, wird ihm jetzt als Partei-Regiment ausgelegt. Die Kundgebung des Reichskanzlers wird uns die Wahl nicht verderben. Sie ist ein gutes Zeugnis für das Zentrum, aber wenig geeignet, die Regierungsparteien zu begeistern und zu ge­schlossenem Vorgehen zu reizen.

Bar Aeöandluna andcrssp achiger Untertanin in Aculschlar.d und Frankreich.

Wir erhielten folgende Zuschrift:

In dem Reichstage fand vor kurzem wieder einmal eine Polendebatte statt. Anscheinend drehte es sich dabei nur um den Gebrauch der deutschen Sprache im Religionsunter­richt, der von den Lehrern im Rohmen der Schule erteilt wird. Der die Polenfrage in den letzten Jahren mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt hat, wird nicht darüber im Zweifel sein, daß es sich nicht um den Gebrauch der deutschen Sprache im Religionsunterricht allein handelt. Das zeigt auch das Eintreten von Bebel, dem es gewiß nicht daraus ankommt, ob die polnischen Kinder den Religionsunterricht in ihrer Muttersprache erteilt erhakten, das beweist das Auftreten des Dänen Jessen, der ja ausdrücklich vor Erkaltung der Nationalität und der anaefUnnmten

Sprache redete, ferner das Eingreifen deS Elsässers Röl- finger, der den Gebrauch der Muttersprache als unleug­bares Menschenrecht bezeichnete und dem Dorsohren der preußischen Regierung da§ Verhalten der französischen Re­gierungen während der 2f'0j übrig en Zugehörigkeit des El­sasses zu Frankreich ar5 Muster cntgegenfteHte.

Den Gebrauch der Muttersprache kann keine Regierung unterdrücken, wenn die junge Generation im täglichen Leben Gelegenheit hat, sich ihrer zu bedienen. Ok lernt wird sie im Elternhause. Verlernen bei uns die Dorskinder durch Gebrauch des Hochdeutschen im Unterricht ihren von den Eltern erlernten Dialekt? Herr Röllinger scheint die Gk- schickte seine? Heimatlandes in bezug auf die Sprache nicht zu kennen. Weiß er nicht, daß fett 1814 alle Regierungen Frankreichs sich bemüht haben, die französische Sprache in Elsaß mit seiner kerndeutschen Bevölkerung einzuführen? Der Erfolg war freilich lange Zeit mäßig, da es fein ge­eignetes Mittel gab: denn im Elsaß wie im übrigen Frantz- reich konnte man die allgemeine Schulpflicht nicht. Erft Napoleon III. war erfolgreicher. Sein Mittel war die Schule, für die der Gebrauch der französischen Sprache angcorbnct wurde.

Welche Ansichten gelten nun in dem republikanischen Frankreich? Dieses Land besitzt bekanntlich weite 6kbiete mit nichtfronrösischer Bevölkerung. Im Nordosten, in Dün­kirchen und Umgebung, wohnen (Germanen (Flo man der), in den Pnrenäen die Basken und in der Bretagne Kelten, deren Vorfahren nicht aus Britannien eingewandert sind, und deren Muttersprache von dem Französischen so verschieden ist, wie das Polnische vom Deutschen. In diesen Gegenden ist der Gebrauch der französischen Sprocke im Volksschulunterricht vorgeschrieben. (Religions­unterricht wird in den französischen Schulen bekanntlich gar nicht erteilt, sondern Moralunterricht). Die Kinder können dort bei ihrem Eintritt in die Schule ebensowenig fronzösisck als die polnische Jugend bei unS deutsch. Die Lehrer müssen sich tm Unterricht deS Französischen be­dienen. Warum verlangt man in Frankreich, daß daS Fran­zösische dort die Unterrichtssprache ist?

In einer pädagogischen Zeitschrift von 1888 ist folgen­des zu lesen:

3ft eS denn nicht wahr, daß bie Unmöglichkeit, in der sich ber bretonisch« Bauer befindet, durch die Sprache mit dem Übrigen Frankreich ni verkehren, ihm einen Zustand her Ab­sonderung und der Minderwertigkeit schafft, der seinen Interessen nachteilig ist? Ist cs nicht auch wahr, daß die Bretagne mit ihren RückschrittSideen für den Fortschritt deS ganzen Landes ein Hindernis bildet?" Es wirb bann darauf hingewiesen, daß die Laisierung der Gesellschaft gerade in der Bretagne den meisten Widerstand findet und dort am meisten aufgehalten wirb.ES licgt also ein Interesse ersten Ranges vor, baß alle Bretonen die nationale Sprache verstehen und sprechen. Nur unter dieser Bedingung werben siewirklichFranzosen sein. Besonders durch die Schulen wird man dieses Ziel erreichen."

In einer Nummer der gleichen Zeitschrift vom April 1891 heißt es:

So lange wir nicht dazu gelangen, bei den unserer Herrschaft unterworfenen Völkern die Kenntnis und den Gebrauch unserer Sprache einzuführen, ist zu fürchten, daß wir für sie Fremde und Eroberet bleiben, b. h. Feinde, die man haßt,undman nährt die Hoffnung, sich von uns zu befreien, sobald man kann."

An einer anderen Stelle wird die Behauptung auf­gestellt, daß die Unterwerfung anderssprachiger Völker dem Sieger die Pflicht auferlege, sie in seine eigene Zivili­sation einzuweihen und dazu sei die Ausbreitung der Sprache des herrschenden Volkes das sicherste und am raschesten wirkende Mittel.

Von französischen Republikanern wird also erklärt, eS sei das Recht und die Pflicht der Franzosen, den von ihnen beherrschten Nichtfranzosenihre Sprache, ihre Ideen, ihre Empfindungen, ihren Geschmack" beizubringen, d. h. sie zu franzöfifieren.

Handelt aber Deutschland, bezw. Preußen, nach dem­selben Grundsatz, dann wird das von Polen, Dänen, El­sässern und gewissen Deutschen als verwerfliche Tyran­nei bezeichnet. L.

Politische Tagesscharr.

Minister a. D.

Die Zahl der inaktiven preußischen Minister beträgt nach der Nordd. Allg. Ztg. jetzt 18. Gestorben ist im letzten Jähre der frühere Minister dec öffentlichen Arbeiten von Thielen, während der Landwirtschaftsminister von Pod- bielski in Jnaktivität trat. Der älteste ist der frühere Justiz- minister Dr. von Schelling (geboren 19. April 1824, im Januar 1889 zum Staatsminister ernannt und seit 1894 inaktiv), ihm folgt Freiherr von Harnmerstein-Lorten (geboren 6. Oktober 1827, im November 1894 zum StaatSminister ernannt und seit 1901 inaktiv), Dr. von Hofmann (geboren 4. November 1827, im Juni 1876 zum StaatSminister ernannt und seit 1880 inaktiv), Botho Graf zu Eulenburg (geboren 31. Juli 1831), Dr. von Boetticher und Dr. von Schönstedt (beide am 6. Januar 1833 geboren), Dr. von Scholz (geboren am 1. November 1833), Dr. tfrfyr. LuciuS von Ballhausen (geboren 21. Dezember 1835), Brefeld (geboren am 81. März 1837), Dr. Graf von Zedlitz und Trützschler (geboren am 8. Dezember 1837), von Heyden (geboren 16. März 1839), von Möller (geboren 10. A -gust 1840), von Köller (geboren 8. Juli 1841), Frhr. Marschall von Bieberstein (geboren 12. Oktober 1842), Dr. Frhr. von Berlepsch (geboren 80 März 1843), von Podbielski (geboren 26. Februar 1844), Dr. Frhr. von Thielmann (geboren 4. April 1846, erhielt 1903 bei seinem Ausscheiden auS dem Reichsdienste als Staatssekretär des Reichsschatzamtes den Rang und Charakter eines StaatZministerS) und Dr. Frhr. v. d. Recke v. d. Horst (geboren 2. April 1847). Von den inaktiven Staatsministern waren drei Minister deS Innern, zwei Justizminister, vier Landwirtschaftsminister, vier Handels- Minister, zwei Finanzminister, einer Kultusminister. Em inaktiver StaatSminister (Frhr. Marschall von Bieberfteinl tfl