Hoop, die Entschädigung der Farmer, die Errichtung eines Kolonial- amleS durch eine vom Zentrum und der Sozialdemokratie geführte Oppositionsrnehrheit verworfen. Damals konnte ich, von schwerer Krankheit noch nicht erholt, nicht eingrenen; aber cs reifte in mir der Entschluß, jedem neuen Versuch von Machtproben bei ernsten und wichtigen Angelegenheiten des Reiches mit aller Krall entgegen- zutreten. Neben der notwendigen Wahrung der Autorität der Regierung und ihrer (Stellung über den Parteien schteit mir auch em gewisser Wandel in den doktrinären Anschauungen der Vertreter des liberalen Bürgertums und der steigende Widerwille gegen das sozialdemokratische Treiben die Hoffnung zu rechllertigen, daß eine Aenderung der parla in. Page durch das deutsche Volk selbst nötig sei. In Deutschland gibt es keine einheitliche liberale Partei, die den klaren Willen und die Fähigkeit gezeigt hätte, positive Politik zu machen. Es ist jetzt nicht der Augenblick, Fehler, die begangen, Gelegenheiten, die versäumt worden sind, nachzurechnen. jedenfalls hat es oft nur Uneinigkeit, negativer Doktrinarismus, Uebertceibung der Prinzipien und Unterschätzung des praktisch Erreichbaren nicht zu dem v o in Liberalismus erstrebten Einfluß auf die Regier- ungsgefchäfte kommen lassen. Erst im letzten Jahrzehnt hat sich darin manches geändert. Ich denke an Eugen Richters Kampi gegen die Sozialdemokratie, an die fortschreitende Ueverwindung der Aiancheslerdoktrm, vor allein an das wachsende Verständnis für große nationale Fragen. Manches wird noch zu lernen sein: Maßhatten, richtiges Augenmaß und Blick in die Höhe, Sinn für- historische Kontinuität und reale Bedürsmsse.
Ich glaube nun keineswegs, baß aus den Wahlen eine große geeinigte liberale Partei Hervorgehen und etwa den Platz des Zentrums einnehmen tonnte. Wohl aber können die Parteien der Rechten, die iiat-liberale Partei und die weiter linksstehenden irers. Gruppen bei zielbewußtem Vorgehen im Wahlkampie jo viel Boden gewinnen, um eine M e h r> heit von F a 11 z u Fall zu geben. Den starken Gegensatz, der bisher zwischen den Parteien der Rechten und jenen der bürgerL Linken in wirtschaftlichen Fragen be;ianöeii hat, halte ich für kern u n ü b e r w i n d l i ch e s H i n d e r n i s. Ter unbedingt notwendige Schutz der Landwirtscha't ist in den neuen Handelsverträgen au, em Jahrzehnt hinaus gesichert, und mancher freisinnige Mann hat schon unter vier Angeu zugegeben, daß sie auch au, die städtischen Interessen nicht ungünitig gewirkt haben. Jedenfalls müssen die Gegner der Handelsverträge anertennen, daß sich Handel und Industrie sortdauernden Au,jchwunges erfreuen.
Andererseits führt bereits eine gute Brücke über das trennende Wasser. Die konservativen Parteien und die Nationalllberalen sind in allen großen Fragen, wo es sich um Wohl und Wehe der Nation, ihrer Einheit und ihrer Machtslellnng handelte, zuverlässig gewesen. Tie älation geht ihnen über die Partei. Tas ist ja nun ihr Ruhm, den werden sie behalten. Je mehr auf der Linken die Bereitschaft zur Be,rtedigung der großen nationalen Bedünnisse für den Kolonialbesitz, für Heer und flotte zunimmt, um so breiter und fester wird die Gruppe werden, und wohl würden sich auch die national gesinnten Elemente, bie im Zentrum vorhanden sind, mit allen anderen bürgerlichen Parteien in solchen Fragen leichter zusammensinden, wenn mit dem Wegfall der Möglichkeit einer schwarz-roten Majorität der Fraktionsegoismus des Zentrums der Handhabe beraubt wäre, ihn rücksichtslos gegen die Regierung geltend zu machen.
Die bedenklichste Folge davon, daß sich das Zentrum der sozialdemokratischen Summen bei der Bildung eines oppositionellen Blocks bedienen tonnte, ist die Bedeutung, die dadurch die Sozialdemokratie im verflossenen Reichstage erlangte. Ta bietet sich em weiteres hochwichtiges Feld gemeinsamer Sorgen und Arbeit aller nationalen Elemente. Entgegen der leider in einigen liberalen Kopien noch herrschenden Idee, daß die Reaktion dem Reiche von rechts drohe und Seite an Seite mit der Sozialdemokratie zu bekämpfen sei, liegt nach meiner festen Ueberzeugung die wahre Reattion, oder die wahre Gefahr der Reaktion bei der Sozialdemokratie. Sticht nur sind ihre kommunistischen Zukunftsträume kulturfeindlich, die '-Drittel zu ihrer Verwirklichung brutaler Zwang. Alles, was sich etwa irgendwo in Deutfchland an reaktionärer Gesinnung findet, gewinnt Kraft und Recht durch die sozialistische Unterwühlung der Begriffe von Obrigkeit, Eigentum, iHeligion und Vaterland. Auf den wild gewordenen Spießbürger und phrasenprunkenden Gleichmacher Robejpierre folgte der Degen Bonapartes. Der mußte kommen, um das franzosijche Volk von der frechen Herrschaft der Jakobiner und Ä'ommuni|ien zu befreien.
Als nun c>aS Zentrum jogar bei einer Angelegenheit, die die deutsche Waffenehre uttd unser Aufehm vor der Welt berührte, und unmittelbar nach der freimütigen Aussprache über unerträgliche Einmischung in den inneren zkoIonia l d i e n st eigenwillig den verbmideten Regierungen eine un- annehmbare^Klauiel autzunöligen suchte, und als es dann mit Hülfe der Sozialdemokratie einen fachgemäßen freisinnigen Antrag nieberftimmte, mußte von dem verfaß ungsmäßigen Mittel zur Wahrung der Auwritat der Regierung Gebrauch gemacht und der Reichstag aufgelöst werden. Die Abstimmung vom 13. Dezember war ein Schlag gegen bie Verbündeten Regierungen und die nationale Würde. Ich arbeite mit jeder Partei, welche die großen nationalen Gesichtspunkte achtet. Wo diese GefichtSpunkte mißachtet werden, hört die Freundschaft auf. Niemand in Deutschland will em persönliches Regiment, die große Mehrt)eit des deutschen Volles will aber erst recht kein P a r t e i r e g i m e n t. Es ist deutsche Eigenart, deutsches Schicksal, daß wir unsere politische Stellung bis zur Stunde der Gefahr lieber nach Gefühlen und allgemeinen Begriffen als nach realen Interessen und nationalen Zielen nehmen. Obgleich es für Kaiser und Bundessürsten nicht Katholiken und Protestanten, sondern nur schlechtweg Deutsche gibt, die den gleichmäßigen Schutz der Gesetze genießen, besteht doch die stärkste Partei im Reichstage ausschließlich aus Katholiken. Für Wahrheit und Freiheit steht im Programm des Zentrums. Ist es aber wahr, wenn es in dem Ausruj der rheinischen Zentrumspartei heißt, im Hintergründe lauere em neuer Ktutur- kamps? Im paritätischen Deutschland geht es der katholischen Kirche roofrier als in manchen katholischen Ländern, und lein Vertreter der Verbündeten Regierungen denkt daran, die Parllät aufzuheben, die Gewissenssreiheck zu oerretzen und die tatl)olische Religion zu bedrängen. In jener Behauptung dient die Religion nur als Büttel zum Schutze politischer Fraktwnsüiteressen. Obgleich es ferner keinen Staat gibt, der mehr für die Gegenwart und Zukunft der Arbeiter, für ihre materielle und geistige Bedürfuisie getan hätte, als das Deutsche Reich, obgleich die beutfefren Aroeiter bie oeftgebilbeten ber Welt finb, halten boch Millionen bewußt ober als Mitläufer zu einer Partei, die den Staat unb die Gefellsä>a,t bon Grund aus umwälzen will. Von folchem Druck muß das deutsche Volk sich frei machen. Der liberale Städter unb Laudmauu ist daran nicht weniger beteiligt als der Konservative. Mögen die Ver- hältnisse in den einzelnen Wahlkreisen iwch so große Verschicdcu- heii aufiuetfen, die Parteien, die am 13. Dezember an ber Seite ber Regierung standen, werden von bornheretn im Auge zu behalten haben, was sie damals einigte: der Kamps für Ehre und Gut der Ration gegen Sozialdemokraten, Polen, Welfen und Zentrum. Ich stelle bie Sozial- benwtraten voran, loeil jede Niederlage der ooöialüeniolralie eine Warnung für ihren blinden Ucbcrmut, eine Stärkung des Vertrauens üt den ruhigen Fortschritt unserer inneren Entwicklung und eine Befestigung unserer Stellung nach außen wäre, und well dadurch zugleich die Möglichkeit erschwert wurde, daß eine bürgerliche Partei mit Hülfe ber sozialdenwkratischen eine bouii- nicrenbe Stellung gegen bie anberen bürgerlichen Parteien ein» nimmt.
Man glaubt Bülow reden zu hören, wenn man sein Schreiben liest. Die Kundgebung hat viel rhetorischen Schwung unb sie ist, wie eine mündliche Darlegung, auf eine geschickte Steigerung der Wirkung angelegt. Das .Hört! Hönl" werden parlamentarisch geschulte Leser an mancher Stelle selbst ergänzen; weniger oft vielleicht „Zustimmung" ober „Lebhafter Beifall". Am meisten mußte natürlich bei einer Wahlkundgebung des Reichskanzlers intercssiereii, wie sie
über das Zentrum sich äußert. Fürst Bülow bezeichnet allerdings als Wahlparole den Kampf für Ehr und Gut der 'Diotion gegen Sozialdemokraten, Polen, Welfen und Zentrum; ober er macht doch merkliche Unterschiede in der Bewertiing dieser zu befehdenden Gruppen. Die Mitwirkung des Zentrums im neuen Reichstag gibt Fürst Bülow keineswegs preis, er rechnet vielmehr ausdrücklich auf den Zusammenschluß der nalionalgesinnten Elemente im Zentrum mit den konsero. Parteien und den Nationalliberaleu. Als nationalgesinnt wird selbstverständlich das gesamte Zentrnm gelten wollen, in diesem Sinne könnten also Regierung und Zentrum gleich wieder zusammenarbeiten. Lider daß das Zentrum, wie Fürst Bülow alizunehmen scheint, ans die lang innegehabte Machtstellung verzichten und sich bescheiden damit begnügen sollte, die vom Reichskanzler herbeigemünschte Mehrheit der Rechten und der Liberalen zu verstärken — das ist denn boch eine allzu optimistische Auffassung. Fürst Bülow kennt doch das Zentriim lange genug, um zu wissen, baß es darauf halt, nicht etwa die erste Geige zu spielen, fondern das Konzert zu dirigieren. Fürst Bülo>v, obschon erben Zustand der Abhängigkeit der parlainentarijchen Ergebnisse von dem guten Willen einer Partei „immer als nicht llnbebcnkllch gesunden", hatte, wie er gleich darauf erklärt, keinen Grund, diesen Zustand zu ändern, solange das Zentrum mit der Regierung positive Arbeit leistete und seine parlamentarische Stärke nicht mißbraiichte. Ohne jegliche DeutungS- tünftclei wirb aus ben beiden Sätzen zu entnehmen fein, baß die Beziehungen wieder angeknüpft werden können, wenn das Zentrum zu dem Prinzip klugen Maß- haltens zurückkehrt. —_______________________________________
poütiSdK Tagestzeharr.
Das Wahlflugblatt 6er Gießener Sozialisten
vom 25. Dezember — so roiro uns geschrieben (wir selber haben es gar nicht zu Gesichte bekommen. D. Red.) — redet unter anderem von der Geldverschwendung, die bei uns mit den Steuergrofchen des Voltes getrieben werde, insbesondere in Hinsicht auf die Kolonien. Es sei sür heute davon abgesehen, diese Ausgaoen näher zu erörtern, unb uns burch em Beispiel gezeigt, wie es ihre Gesinnungsgenossen unb deren nächste Verwandte im sranzöfisten Parlament machen, wo ihnen keine feststehende Persvnlich- reit und Regierung auf die Finger klopfen können.
Bisher erhielt jeder Volksvertreter in den französv- schen Parlamenten 9000 Fr. jährlich. Wer die Bezahlung der Staats- und Privaibeamten in Frankreich kennt, weiß, was diese Summe bedeutet. Nun haben sich diese Herren im letzten Jahre 6000 Fr. jährlich zugelegt. Ein Abgeordneter bezieht also jetzt 15 U0O Fr. jährlich. Das matijt im Jahre für die 9d0 Herren 13ä/2 Mill. Die Gefamtzu - tage, die sie sich bewilligt haben, beläuft sich auf 5 400 000 Fr. jährlich. Warum auf einmal diese riesige Zulage? Die Schuldenlast Frankreichs beträgt mehr als das Dreifache der deutschen Reichsschuld, die Steuern sind dort viel höher als bei uns.
Tie Sozialisten der französ. Kammer beschlossen, von ihrem Gehalt, also von Staatsgeldern, monatlich je 100 Fr. in ihre Parteikasse zu geben. Dieses Geld brauchen sie also zu ihrer Lebensführung nicht, und so fließen pro Kops der Sozialistenfrattion jährlich 1200 Fr. in die Parteikasie, das macht meines Wissens gegen 100 000 Francs jährlich. Hätten diese svziaiisiiscyen Voikstribunen nun gesagt: Wir brauchen keine 12 000 Fr. jährlich und die Steuern, die ja aber noch zum sehr großen Teile indirekte Steuern sind, sind sehr hoch. Wir sind zufrieden mit 900 Fr. monatlich, dann hätte das Land 900 mal 1200 Fr., also 1080000 Fr. jährlich gespart.
Daran dachten diese Voltsbeglücker aber nicht. Natürlich erregte ihr Beschluß im Lande große Mißstimmung. In der Presse und in Reden sprach man vielfach seinen Unwillen darüber aus, so z. B. auch in dem republikanischen Watin. Tie Herren Voltsbeglücker aber waren nicht in Verlegenheit. Unser größter Dichter sagt: „Drum eben, wo Gedanken fehlen, da stellt ein Wort zu rechter Zeit sich ein." Dieses Wort kam. Es war das viel mißbrauchte Wort „Reaktionär", mit dem man jeden politischen Gegner totschlägt.
Tie für ihre. eigenen Taschen so besorgten Volksvertreter redeten nun ihren Wühlern vor: Nur die Reaktionäre haben unse-rn Schritt verurteilt. Das half. Einer der Mitarbeiter des republikanischen „Matin", der gegen den Kammerbeschluß geschrieben hatte, erhielt jüngst einen Brief aus Limoges, der beiannten Porzellanstadt in Süd- Frankreich, in der vor einigen Jahren ein gewaltiger Streik wütete. In diesem Bries roiro ihm geschrieben, „duß er seine Leser für rohe Dummkopfe harte". — Der Arief- fchreiber hatte sich selbst erkannt — „daß man den Zipfel Ieiner schmutzigen Reattionannütze nur zu sehr sehe." Tas hat den Redakteur sehr belustigt.
Man sieht, die Genossen in Frankreich roisfen, wie man es zu machen hat.
Ist die Sprache des obigen Briefes nicht auch so gebildet toie die in Miseren sozialistischen Zeitungen und Flugblättern? Werden unsere Wähler sich auck) durch solche Redensarten vom Denken abhalten lassen?
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Sozialdemokratische Wahlpolitik.
Man schreibt uns aus Gießener liberalen Kreisen:
Welche Stimmenfängerei das hiesige sozialdemokratische Blättchen treibt, wie klug die angeblich für Wahrheit und Grab- hcit schwärmenden Herren gelegentiia) zu sein vermögen, zeigt ber Verfasser ber zwanglosen Plauberei in Nr. 77. Er streicht zuerst ben Freisinnigen um ben Bart, spottet über beit LanOtagsabg. Noack', dem er in seiner Ueoeuswürbigeii Weise eine Art Papage inatur beilegt, unb schmeichelt den Herren von der Freis. Partei in Darmstadt, die bei ber letzten Wahl seinen Parteigenossen Bert hol b unterstützten, wirft bereit hiesigen Ge- ininungSireunben einige Liebenswürbigkeiten an ben Kopf, um deren Stimmen für seine eigene Partei zu erhalten. Doch wer kaiin aus seiner Haut? Selbst der Teufel vermag ja seinen — Pferdefuß nicht zu verdecken. Ist es nicht beißenbee Spott, wenn der Herr Plauderer von den Sprüch eichen der „Freis. Ztg." gegen die iJ toten und Schwarzen redet? Daß die Natio- nalliberalen schlecht wegkommen, ist selbstverständlich. Sie sind seine Wahlgeguer, und die Stimmen der Freisinnigen will er gewinnen. Hat er denn vergessen, daß die Soziatdenwkraten bei der vorigen Wahi und auch schon bei früheren Gelegenheiten die hiesigen Freisinnigen mit den Natlib. in ben großen „reak- ticnären" Topf geworfen haben? „Reaktionäre Ma sje' las man einst in einem hiesigen Wahlflugblatt. Unb mie fr.it Herr Krumm ben Freisinnigen VorstaiiO bei ber großen WaReiveriarnmlung vor^ drei Jahren behandelt ? Har Herr Krumm bei den letzten Stadtverordiietenwahlen nicht alle Kan- bibatcit der Freis. Partei außer Jnstizrat Dr. Gutfleifch und ~r; -k '* nU3 feiner Dste geimdkii V Ist das berg elfen? Iß auefr Die gerufrisrolK Art verg.o.m, mit ber bie Sozialisten
ben toten Eugen Richter behandelten? — Treten nach denen, die man bekämpft, schmeicheln denen, die man gerade braucht, wenn man sie sonst auch beschimpft, ist das ehrlich und wahr?
Bon der Berliner Freien Studentenschaft
wird uns geschrieben:
Unausgesetzt ist die Berliner Freie Studentenschaft — d. h. die Organisation aller Berliner keiner Verbindung angehöriger Studenten — bemüht, ihren Grundsatzungen gemäß auf dem Boden der Gleichberechtigung aller Konfessionen unb politischen Anschauungen ihre allgemein studentischen Ziele zu verfolgen. Mit welchem Eifer man daran arbeitet, das zeigen die Leistungen der verflossenen ersten Hälfte des Semesters. Ein Flugblatt des Verbandes ehemaliger Freistudenten warb durch die Macht der darin erläuterten freistudentischen Grundsätze, ein zweites mußte bei Gelegenheit der Lesehallenwahlen Unterstellungen von anderer Seite abwehreu. Auf der ersten allgemeinen Versammlung, die von etwa 600 Studenten und Hörerinnen besucht war, sprach der bekannte Naiionalökonom Geheimrat Professor Dr. Adolf Wagner über „Akademisches Frauenstudium" und erregte mit seinen Ausführungen berechtigtes Aufsehen. Auch von den Abteilungen wurden größere Vortragsabenoe außerhalb der gc« wöhnlicheii Zusammenkünfte abgehalten, so von der Abtellung sür Literatur und brenn. Kunst ein Karl Henkell- und ein Ludwig Fulda- Abend, und in der Abtellung für Rechcs- und Staatswissenschaften lockte ein Vortrag des Grafen von H o e n s b r o e ch, bet über ben Doleranzamrag des Zentrums sprach, 500 bis 600 Personen an. Auch die sonstigen Vorträge in ben Abteilungen fanoen rege Beteiligung, Fechten unb Fuß- wanbern manefre Freunde, die Exkursionen zu Besiaüigungen bedeutender Jnstttuie viel Interesse. Das Arbsiteramt vermittelte manchem Studenten einen kleinen Nebenerwerb, manchem eine Hauslehrerstelle, das Bücheramt Käufe und Verkaufe, und an den Arbeiterunterrichtskursen, die von der fr. St. eingerichtet sind, erhielten mehr als 1U0U Arbeiter uno Arbeiterinnen durch Studenten Unterricht in den Elementarlächern. Bierabende unb ein glänzenb verlaufenes Winterfest, bei bem auch eine studentische Revue mit Serenissimuszwischenspielen vielen Beifall fand, brachen auch die Gemütlichkeit zu ihrem Recht. Tausende sind es ohne Zweifel, die in den vergangenen zwei Monaten durch die freie Studentenschaft Anregung und Unterstützung fanden, scywarzes Brett und Geschäftszimmer waren stets außergewöhnlich besucht. Das alles zeigt, daß das Interesse für bie junge freistubentische Bewegung immer weitere Kreise ergreift. Hosfenilich hält bie Aufwärtsbewegung an unb führt bie akabemische Jugenb einer neuen piilunft entgegen! __________________ ________
VernrischSrA.
• DaS neue ft e Eisenbahnunglück. In der Nähe von AltaVista (KausaS) sind auf der Chicago-Rockislaud- Pacisic- Eisenbahn zwei Personenzüge zusammengesioßen. Btehiere Wagen fielen eine Böschung hinab unb gerieten in Bianb. Nach amtlicher Feststellung würben 35 Personen getötet unb 21 Personen verletzt. Die Ursache des Unglücks war ein Versehen eines Telegraphenbeamlen, der entfloh, jedoch eingehott unb verhaftet wurde.
* Kleine Tageschronik. In Chemnitz bedrohte ein Schlosser, als et früh um ö Uhr freirnkehrte, seine Frau unb seine sechs im Alter von 12 bis 21 Jahren ftehenben Kinber. Die Bebrohten sprangen aus Angst aus dem Feniiet unb erlitten teilweise schwere Verletzungen. — Internationale (£inbrea>er raubten aus ber Pfandleihe in ber Nähe bes Stettiner Bahnhofs zu Berlin 10000 Mark in Bar, 5000 Mark in Papier, golbcne Uhren unb Kostbarkeiten. Die Berbreck>er gelangten burch ein über ber Pfandleihe gelegenes Hotel, in dem sie Zimmer mieteten, zu ben Kaff erträumen. Die Dieve spracfren eine ftembe Sprache unb sind unermittelt. — In Mannheim gerieten in der vergangenen Nacht ein ITjäfriiger Eisendreher unb ein 18 Jahre aller Schreiner wegen sajneeballeniuenend in Streit Der Eiienbreher schlug bem Schreiner Namens Drunk mit einer Pistole auf ben Kopf, bie sich entlud unD bem Trunk ben Kopf zerschmetterte. Trunk war sofort tot. Ter Etseubreher würbe verhaftet. — 22 Werke haben unter Krupp-Eisen wegen Exptofionsichaben eine gemeinfafaftuche Schabenersatzklage gegen bie '21 n neuer Roburitfabrik eingereicht. — Der / jährige Werkmeister Albert Musch aus Essen, ber ben Sohn seines Pariser Arbeitgebers Denimel eriihossen hatte, n>urb: in Paris freigesprochen . Die Jury nahm tierminberte Zurechnungsfähigkeit an, weil Denimel sich rühmte, Musch's Geliebte verführt zu haben.
lliiivcriitätssUad?ricl?t€it.
— Ein äußerst bummer Truckielüer findet sich unter uusereir gestrigen Univ.-Ltachr. Ter verstorbene Geh. Jnstizrat Prof. Dr. L e i st war ber älteste Jenaer Hoch ichnlleyrer.
— Am 2. Jannar ist der berühmte Archaeologe SektionSchef Dr. Otto Benndorf, Professor und Direktor Des archaeologijchen In- snlntes der Wiener Universität, im 69. Lebensjahre gestorben.
£amHieti;Kad?rtd?ten*
Gestorben: Herr Direktor Christian Braun in Darmstadt.
TeEeionische Kursberichte
des Giessener Anzeigers, nutgeteüt von der Bank fIIr Handel und Industrie, Giessen.
Frankfurter llörwe, 3. Januar. 1.15 TJbr.
3>5% Reichsanleibe . . 98.35 3% do. . . 87.30 3 >5 °/6 Konsols .... 98.35 i% do..... 87 40
3>$0/6 Hessen .... 96.70 3>j°/0 Oberhessen . . . 95.00 4 »6 Uesterr.’Goldrente. . 100.05 4l/8 % Gesten. Silberrente 100.20 4% Ungar. Goldreute . . 96.60 4% Italien. Rente . . . 102.80 3 96 Portugiesen Serie I . 69.20 3% Portugiesen „ 111 69.80 4>$o/6 russ.Staatsaul. 1905 92.00 4>6" 0 japan. Staatsanleihe 94 35 J % Conv. Türken von ll)u3 94.00 Türkeuluse......147.60
4% Griech. Mouopol-Anl. 52.10 4% äussere Argentinier . 88.30 3°/0 llexiKaner . . 66.90 Chinesen .... 96.90
Aktien:
Bochum Guss..... 243.80
Buderus E. W .... 129.50 Tendenz: fest.
Elektriz. Lalnneyer . . . 142.00 Elektnz. Schuckert . . . 121.— Eschweiler Bergwerk . . 250.— Gelsenkirchen Bergwerk . 223.— Hamburg-Arnenk. Paketl. 167.80 llarpener Bergwerk. . . 214.25 Laurahütte...... 245.50
Isordd. Lloyd.....132.—
Obeischles. Eiseu-Indnstrie 124.65 Berliner Handelsges . . 176.80 Darmstädter Bank . . . 141.10 Deutsche Bank . . . 243.60
Deutsch-Asiat. Bauk . . 174.75 Diskouto-Koinmaudit. ; . 187.10 Dresdner Bauk . . , 169.20 Kreditaktieu.....218.60
Baltimore- uud Ohio-
EiseuLahu . . . 122.86
Gotthard bahn.....192.—
Lombard. Eisenbahn . . 34.60 Uesterr. Slaalsouini . . . 148.60 Pnuce-Hcun-Eiseubahu . 151.—
Berliner Börse, 3.
Canada E. B......196.20
Darmstädter Bank . . . 141.2U
Deutsche Bank .... 243.90
Dortmunder-Union C. . . 84.7c, Dresdner Bank ... 169.4U
Tendenz: fest.
Januar. Anfangskurse.
Barpeuer Bergwerk. . . —.—* Laurahütte .... 245.20 ..ombardeu E. B. ... — .Xordd. Lloyd.....132.10
fürkenlüse.....147.20
Bali-Seide
V. Mk.1.10 ab
— Zollfrei! — Muster an Jedermann! —
D’/m
Seidenfabrikt Henneberg;, Zürich«


