Ausgabe 
6.1.1906 Zweites Blatt
 
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15ö. Jahrgang

Zweites Blatt

Nr. 5

General-Anzeigrr, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen

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E^chetnt ttgNch mit Ausnahme des Sonntags.

Lte »Stehener ZamillenblStler" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelcqt. Der EHMjHr Laadwtrt" erjchewt monatlich einmal.

Are Zustände in Rußland.

Einer unserer Berliner Korrespondenten

Samstag (5. Januar 1 VOS

Rotationsdruck und Verlag der Brühl 'sch« UnwerstlätSdruckeret. 9L Lange. (Stetzen.

Redaktwn,Expedition ».Druckerei - Schulstr.V.

Tel. Nr. 5L Le!egr.-Adr.: An-elger Gieße».

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Aus tztadl iinö Land.

Gießen, den 6. Januar 1906.

" Personalien. Durch Entschließung des Großh. Ministeriums des Innern wurde der Veterinärarzt Dr. Bern­hard Stolpe zu Darmstadt zum veterinärärztlichen HilfS-

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vmbonum und In (ÄtLuschens billigsten Tages- Frec&sler, ^cscrstrabr 8.

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Veutdebes Re«-.

Berlin, 6. Ian. Für die Feier des Geburtstags des Kaisers ist an militärischen Veranstaltungen nur großer Paroleempfang in der Nuhmeshaste des Zeughauses in Aus­sicht genommen. Die silberne Hochzeit des Kaiserpaares wird im engsten Familienkreise begangen werden und von keinerlei militärischem Gepränge begleitet sein. Die Hochzeit deS Prinzen Eitel Friedrich mit der Herzogin Charlotte

von Oldenburg dürfte nicht am Tage der silbernen Hochzeit des kaiserlichen Elternpaares stattsinden, sondern, wie in Hof­kreisen verlautet, auf einen früheren Tag im Februar gelegt werden.

Zu den Preßerörterungen, ob General v. Trotha demnächst im Reichstage auftreten werde, um die Vorwürfe gegen seine Kriegführung zurückzuweisen, teilt dieNational- zeitung" mit, daß Trotha chr in einem Briefe unter anderem schreibt: Ich habe nie die Absicht gehabt, im Reichstage mich irgendwie verteidigen zu wollen. Das habe ich nicht nötig.

DieRordd. Allg. Zig.* schreibt:

Wir erbrachten gestern den Beweis, daß derV o r w ä r t §" in völlig wahrheilswidriger Weise der Staatseiicnbahnvcrwaltung den Vorwurf mache, dem rheinisch-westfalischen Kohlen- s i; n d i k a t einen unberechtigten Vorteil von über 9)1 f. 50 000 durch Verzicht auf rückständige Kohlenlieserungen zugewendet zu haben. DerVorwärts" sucht seine Bloßstellung jetzt durch reiche, an uns gerichtete Tetailfragen, zu verdecken, die den Eindruck seiner Sach­kunde erwecken sollen, in Wirklichkeit aber ebenso nichtig und un­gereimt sind, wie sein ganzer Vorstoß. Wir können diesen Kreuz- imd Quersprüngen gegenüber nur nochmals klipp und klar erklären, daß daS Kohlensyudikat die Nachlieferung an Rückständen zu den jetzigen Vertragspreisen niemals abgelehnt, vielmehr noch au§- drücklich zugesichert hat. Ter jetzige Versuch, die früheren Be­hauptungen mit vagen Andeutungen zu stützen, zeigt, daß derVor­wärts" nicht ansteht, frivole Anschuldigungen gegen die Staats- regierung trotz tatsächlicher Widerlegung aufrecht zu erhalten.

Der deutsche Tabakverein hat eine umsangreiche Denkschrift dem Reichstage znstellen lassen, in der unter Beibringung eines großen statistischen Materials die Erhöhung der Tabaksteuer und die geplante Zigarettensteuer be­kämpft wird.

DerReichsanz.' veröffentlicht die Gesetze betreffend die Feststellung des zweiten Nachtrags zum Reichshaus- haltSetatS von 1905 und zum Hausbaltsetat 1905 für die Schutzgebiete vom 24. Dezember 1905.

Köln, 5. Jan. Ter ehemalige langjährige Reichs- tagSabg. und Vorsitzende der westfälischen Zentrumspartei, Graf Galen, ist auf Burg Dincklage gestorben.

Dresden, 5. Jan. Gestern zogen zum ersten Male zwei Sozialdemokraten in das Stadtparlament ein. Der Oberbürgermeister Beutler kündigte für 1906 eine 5proz. Steuerermäßigung an. Eine von bürgerlich liberaler Seite in Aussicht genommene Wahlrechts­versammlung wurde verboten!

München, 5. Jan. Freiherr von Soden, der Ge­sandte Württembergs an den Höfen von München, Karlsruhe und Darmstadt, wird im April dieses Jahres sein bOjährigeS Dienstjubiläum begehen. Er hat seinen Souverän gebeten, unmittelbar nach diesem Tage in den Ruhestand treten zu dürfen. Freiherr von Soden wurde 1831 in Ellwangen geboren.

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abend bei einer WahlversauiNilung in Derby unangenehme Erfahrungen. Als er seine Rede beginnen wollte, wurde er von Liberalen niedergeschrien. Chamberlain mußte die Rednertribüne verlassen, ohne sich Gehör verschafft zu haben. Run folgten wüste Szenen in dem Versammlungslokal. Tie Anhänger Chamberlains käiiipften gegen die Ruhestörer, wobei Blut vergossen wurde. Tie Versammlung ging schließlich in wilder Unordnung auseinander.

Wien, 5. Jan. Die deutsch-böhmischen Abgeordneten hielten heute eine Besprechung über die Wahlreform ab. Den Mittelpunkt der Diskiission bildete die Wahlkreis- einteilung. In der Debatte wurde die strenge Schei­dung zwischen städtischen und ländlichen Be­zirken, die Vermehrung der Mandate für die deutschen und spezielle Berücksichtigung der böhmischen Jndiistrieorte, die eigene Wahlbezirke bilden sollen, gefordert. Diese Wünsche werden dem Minister des Innern unterbreitet, und gegen Bevorzugung der Tschechen soll remonstriert werden. Dagegen meldet das Brünner Tschechenblatt, die Regierungsvorlage über die Wahlreform sei bereits fertiggestellt. Den Chriulich- sozialen würde das Zugeständnis der zweijährigen Seßhaftig­keit gemacht. Für Galizien werden indirekte Wahlen zuge­lassen. Fac die Deutschen ser die Zahl der Abgeordl- neten überall vermehrt. Im ganzen seien es 448 Abgeordnete. In Mähren entfalle ein tschechischer Abgeord­neter auf 61535 Einwohner, ein deutscher auf 35 293.

Szatmar (Ungarn), 5. Jan. Anläßlich einer polit. Versammlung kam es zwischen den Teilnehmern und der Gendarmerie zu einem blutigen Zusammenstoß, wobei der Kommandant und zwei Gendarmen lebensgefährliche Ver­letzungen erlitten.

Petersburg, 5. Jan. Das Kaiserpaar empstng heute nachmittag in Zarskoje Selo in Audienz den deutschen Botschafter v. Schoen zur Ueberreichung des Beglaubigungs­schreibens. Das kaiserl. Paar unterhielt sich etwa eine halbe Stunde mit ihm. v. Schoen trug die Uniform des Hess. Leib-Dragoner-Regiments, besten Chef Kaiser Nikolaus ist.

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schreibt uns .

Man führt hier die Zurückberufun lischen KreuzersSaphir" von d, der zunächst Segelordre für ei::

düngen der englischen Presse befindet, ist es der r u f f t * scheu Regierung endgiltig gelungen, über- allderrevvlutionärenBeweguug soweit Herr zu werden, daß Befürchtungen für die Sicherheit der Ausländer nicht mehr bestehen. Nicht zuletzt auf Grund dieser amtlichen R^erche, deren Ergebnis vertraulich teilweise Befarmt gegeben sein soll, sieht man jetzt in Londoner FinanZirkeln die Lage in Ittrßland hoffnungsvoller cm; vor allem hat sich die Ueberzeugung befestigt, daß das Zarenreich über seine finanziellen Schwierigkeiten zur Zufriedenheit seiner auswärtigen Gläubiger hinwegkommen wird.

In Moskau,

wo immer noch zahlreiche Leichen selbst unter freiem! Himmel auf Höfen übereinandergeschichtet liegen sollen, ^er­regt es Erbitterung, daß die Bestattung der Leichen großen Schwierigkeiten begegnet. Tie Polizei verlangt, bevor sie die Erlaubnis zur Beerdigung gibt, Ausweise über die Ur* achen des Todes. Ta aber in vielen Stadtteilen überhaupt feine Polizei zu treffen ist, wäre die Beibringung dieser Ausweise beim besten Willen unmöglich. Tie Leichen bleiben daher unbeerdiat. Daß in Moskau auch viele Frauen an der Spitze Ser Revolution kämpften, ist wiederholt be­obachtet worden. Mit welcher Wut diese Frauen bei der Sache waren, beweist, daß eine Frau bemerkt wurde, die eine ganze Zeit lang an der Seite ihres 17jährigen Sohnes auf den Barrikaden kämpfte und selbst, als ihr Sohn erschossen neben ihr niedersank, nicht Zeit fand, sich um ihn zu kümmern. Tie Anstifter )ieser Unruhen, die meistens an5 Genf eingetroffen waren, haben sich jetzt schleunigst aus dem Staube gemacht.

In den Fabriken und Werkstätten des industriellen! Teiles der Stadt wird gearbeitet. Angesichts der großen Bedürftigkeit, in welche die Arbeiter durch die Ausstände versetzt sind, erhalten sie Vorschüsse. Die Verluste, die durch die Ausstände verursacht worden sind, werden auf zwei Mill. Rubel geschätzt. Tie Arbeiter glauben, daß -ein Ausstand in Zukunft nicht zu erwarten sei. Ter Verkehr der Güterzüge im Moskauer Bezirk ist wieder aufgenonrmeL,

Nachrichten an8 Petersburg.

Tie Petersburger extremen Parteien beginnen unter den Arbeitern Vorbereitungen für eine bewaffnete Er* Hebung am 22. Januar, dem Jahrestagedes Peters­burger Blutbades, zu treffen. Infolgedessen finden nächtlich Hunderte von Haussuchungen nach Waffen statt. In der letzten Nacht wurde Maxim Gorlis Wohnung 5 Stunden lang durchsucht, jedoch nichts Verdächtiges gefunden. Unter den Arbeitern herrscht totale Verarmung und Hungersnot, die von den Monarchisten und konstitutto* neilen Parteien durch Verteilung von Unterstützungen und Gewährung von Freitischen geschickt ausgenutzt wird, um die Arbeiter der sozialistischen Propaganda ju entreißen. Unter den arbeitslosen Elementen hat ein Massenabzug in die Dörfer begonnen.

Der Minister des Innern ordnete Erleichterungen für die jüdischen Rekruten an, deren Familien durch Unruhen geschädigt worden sind. Die Regierung beab­sichtigt, der Mehrza'I der Hochschullehrer das Gehalt völlig und anderen zur Hälfte zu entziehen, weil diese infolge Schließung der Universität überflüssig ge­worden sind.

Der LondonerDail) Expreß" (ein tzineswegs ernst zu nehmendes Sensationsblatt) meldet aus Petersburg: Ministerpräsident Witte habe beschlossen, die Politik der Repressalien mit großer Strenge durchzu­führen. Die reaktionäre Partei übt einen Druck auf den Zaren aus, um den Monarchen zu bestimmen, daß er die in seinem Manifest versprochenen Reformen zurück­ziehe. Tie Haltung des Grafen Witte hat die größte Erbitterung unter der demokratischen Partei hervor- gernfen. Graf Witte soll an-eblicb die Worte gesagt haben: Wenn das Volk Blut wünscht, kann genügend davon vergossen werden."

Blnttate».

In Riga hält die Unsicherheit noch immer an. Gestern wurde ein K a n d i d a t der Mathematik in dem Zen- ttum der Stadt von Revolutionären angegriffen uns lebensgefährlich verletzt. Zwei Polizisten wur­den meuchlings erschösse-< In Dünaburg wurde ein von Revolutionären bewohntes Haus von Militär erstürmt, ein Teil der Bewohner getötet und die übrigen vergiftet.

Aus Warschau wird berichtet, daß auf der Bahn^ station Skarzyska der M o n t a g e - Vo r st e h e r durch einen Pistolenschuß getötet wurde Ter Täter ist unbekannt. Ter Versuch, die Dahnstatton in die Luft zu sprengen, miß­lang. In Wierzbu wurde des nachts das Stations-Ge­bäude geplündert imb Bücher und Apparate zertrümme^.

Auch auf mehreren anderen Stationen derselben Strecke wurden Uebersälle ausgeübt.

In Nikolajew haben Fabrikarbeiter große Aus­schreitungen begangen. Als der Polizeichef Truppen requirieren wollte, wurde e* erschossen.

In Rostow am Ton fanden neue blutige Zusammen­stöße zwischen der Polizei, den Truppen und einer großen Volksmenge statt, wobei zahlreiche Personen ge­tötet und verwundet wurden.

Nach einer Nachricht oer Frkf. Ztg. ist das 1300 erbaute - Schloß Groß-Rop in Finland, im Kreise Wolmerschen, von einer Bande Revolutionären zerstört worden.

Finland.

In ganz Finland Haven dieser Tage Kundgebungen zugunsten des allgemein er unb gleichen Stimm­rechts stattgefunden. In Helsiugfors nahmen 15 000 Per­sonen an dem Umzuge teil, ot gleich eine Kälte von 20 Grad

1 herrschte. Die Demonstranten sangen revolutionäre Lieder; ähnliche Umzüge fanden in anderen Städten statt^

nach England, der zunächst Segelordre für einen russischen Hasen gehabt haben soll, auf einen amtlichen Bericht zurück, welcher dem engt. Auswärtigen Amte vorliegt und die russischen Unruhen in einem wesentlich milderen Lichte schildert, als dies bisher durch die Telegraphenagenturen der großen englischen Zeitungen geschah. Zufolge dieses amtlichen Berichtes, der zurzeit noch der Oeffentlichreit vorenthalten wird, weil er sich in gar zu scharfem Widerspruch mit den bisherigen Mel-

möchte.

Für das deutsche Volk aber entsteht die schwerwiegende Frage: Ist Kaiser Wilhelm II. den großen Aufgaben gewachsen, die er im Glauben an sein Können im Ernstfälle zu übernehmen gewillt i? Man müßte ein Buch schreiben, um das Für und Wider zu erörtern. In aller Kürze läßt sich nur sagen: Kaiser Wilhelm ist ohne jebc Frage als Soldat hervorragend be­gabt. Er hat Moltkes Lehren als junger Prinz begierig in sich ausgenommen, er hat Waldersee nahe gestanden wie einem Freunde, er ist 15 Jahre lang mit Fleiß und Eifer in Schliessens Schule gegangen. Er hat Napoleon I. so gründlich studiert wie Fried­rich II. und hegt ein fieberhaftes Interesse für alle Forts chr i t t e der Waffentechnik und Taktik. Ueber Friedrich lächelte die Welt, als er sich der schier erdrückenden Uebermacht der Zahl entgegensetzte, Moltke war dem Auslande ein Unbekannter, als er Königgrätz schlug, Napoleon setzte durch die Kühnheit des Glaubens an sich zum ersten Male die Welt von seiner Existenz in Kenntnis diesen Männern des Erfolges stehen Theaterhelden gegenüber, die 6eint ersten Auftreten eine klägliche Blamage erlebten! Zu Waldersee und Schlieffen hatte die Armee Verttauen, daß sie im Kriege unsere Fahnen zum (Siege führen würden, und Keiner von beiden hat in der Praxis beweisen können, daß er dieses Vertrauens würdig war. Wer also wollte hier den Propheten spielen!

Die wertvollsten Eigenschaften, die den Sol­daten zum Feldherrn prädestinieren, die be­sitzt der Kaiser. Ob es das Schicksal so fügen wird wer vermöchte das vorauszusagen!

Anders steht es um die F r i e d e n s a u s g a b e, die in den Händen des Generalchefs der Armee ruht, die stete, stille Arbeit der Weiterfortbildung eines musterhaften Generalstabsoffizierkorps, um das, wie Graf Schlieffen in seiner Abschiedsrede mit Recht hervorhob, alle anderen Nationen. uns beneiden.

Diese Aufgabe, die der Kaiser jetzt auf die Schultern de» Generals von Moltke gelegt hat, erfordert Können und Arbeitslust unb -kraft, zugleich aber um so mehr Zielbewußtsein und Persön­lichkeit, als Neigung zu ihrer Unterschätzung vorhanden ist.

Ter König von Sachsen zeichnete den Grafen von Schlieffen anläßlich seines Ausscheidens aus der Armee durch ein .Handschreiben aus. Tas außerordentlich gnädig gehaltene Schreiben erkennt warm die vielfachen, bleiben- oen Verdienste des Generalstabschefs an.

Amtliche Nachrichten über Vichseurven.

Die in einem Gehöfte zu Bleidenrod (Kreis Alsfeld) j Unter dem Rindvieh ausgebrochene Milzbrandseuche ist er­loschen und die über dieses Gehöfte verhängte Sperre wieder aufgehoben. ;

Die Nottaufseuche unter dem Schwemebestcmde zu Fleckenbühl (Kreis Marburg) ist erloschen; die Sperre i|t aufgehoben. I

3 im Wcrlons w.tfiM im Großen Kenera ste.S wird gemeldet, den jetzigen Chef habe die Berufung auf seinen Posten zuerst erschreckt, und er habe sie a b g e l e n t mit der Begründung, daß er sich den Aufgaben dieses Amtes ganz und gar nicht gewachsen fühle. Ter Kaiser habe ihn darüber mit dem Hinweis beruhigt, daß er selbst ihm wirk­sam zur Seite stehen werde.Im Kriege", habe Sc. Majestät bemerkt,bin ich mein eigener General­stabschef, und das bißchen Friedensarbeit müßten Sw doch bewältigen können." TieNordd. Allg. Ztg." ist er­mächtigt, festzustellen, daß es sich hierbei von A bis Z um Erfindungen handelt.

Als Bismarck noch in Amt und Würden war, tat er den bekannten Ausspruch, Wilhelm II. werde bald sein eigener Kanzler sein. Waldersee sagte als Kaltgestellter" in Hannover einmal im Freundeskreise:

. Er wird, denken Sie an mich, meine Herren, so­bald er ausgelernt hat, auch sein eigener Chef des General st abs sein!" Auf eine Gegenfrage, ob der Kaiser das schwere Metier erlernen werde, erwiderte der Feld­marschall voll Ueberzeugung:Ich glaube daran, er hat Talent dazu, sein Ehrgeiz und Fleiß werden rhn wesentlich fördern; ein guter Taktiker ist er heute schon . . ." Also auf Waldersee ist wohl das obige Gerücht zurückzu führen.

Heute wird uns aus Derltn geschrreben:

Der Augenblick, zu dem Kaiser Wilhelm glaubt,ausgelernt" zu haben, scheint mit dem NeujahrStage 1906 eingetreten zu fein, sonst hätte er schwerlich seinen besten S o l d a t e n den Generalobersten Grafen v. Schlieffen in einer PolNgch so überaus ernsten Zeit durch den General von Moltke ersetzen können. Vielfach ist dieser Wechsel so angesehen wor­den, als wollte der Kaiser durch ihn nach außen hm seine Friedensliebe durck ein neues deutliches Zeichen doku­mentieren, da naturgemäß der neue Generalstabschef sich erst in feine Arbeit einarbeiten muß, was nicht von heute auf morgen

^"urteilt, kennt die Psyche Wilhelms II schlecht,. Mit mehr Berechtigung könnte man schließlich die Verabschiedung Schlieffens zu einem so kritischen Zeitpunkte als einen Beweis dafür erklären, daß der Kaiser sich für alle Eventuali- ka t e n kriegsbereit halten will. Denn niemals wurde tl. feine Soldaten unter einer anderen Leitnngals feiner eigenengegen den Feind marschieren lassen. Es ist noch gar nicht lange her, daß der Kaiser sich mit einigen Generalen über das Problem der Kriegführung unterhielt und auf die Behauptung, Mter, Arbeit und Erfahrung zeitigten den Leerführer, wohlwollend, aber fest erwiderte: ,,,Ach^ was, als Friedrich auf Lowositz marschierte, war er viel jünger als ich."

Wenn man annehmen wollte, welche Kriegshelden, der Kaiser am höchsten sck'ätzt, so müßte man zu allererst Friedrich den Großen, dann Napoleon und erst an dritter Stelle Moltke nennen. Es geschah daber gewiß nicht ohne Absicht, daß Graf Schlieffen in seiner Rede bei der Enthüllung des Moltke-Denkmals hervorhob, Moltke habe weder eine Settacht an der Beresina noch ein Waterloo gehabt: was Moltke geschaffen und aufpeöaut habe, sei nicht wie das Werk des gewaltigen Korsen wieder vernichtet worden unb zusammengebrochen. Weit über Napoleon und Moltke stellt der Kaiser seinen großen Ahnherrn, Friedrich II. Der ist das Ideal, dem er nachstrebt und das er erreichen

London, 5. Jan.