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5.2.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

156. Jahrgang

Montag 5. Februar 1906

Gießener

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblait für den Kreis Eichen

Bezugspreis: monathef) 75Pf., viertel« jährlich Tlf. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 6o Pf.; durch diePost Mk. 2. viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige« für die Lagesmunuier bis vormittags 10 Uhr, Zeilenpreis: lokal 12 Pf^ auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich für den polit. und atlgem, Teil: P. Witt ko: für »©tobt imb Land* und .Gerichtsaal*: Ernst Heb; für den An­zeigenteil: HanS Beck.

Nr. 30

Erscheint täglich außer Sonnrags.

Dem Ä,ebener Anzeiger werden im Wechsel mit dem besflschen Landwirt die Siebener §amilien> blätter viermal In der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brü h l'scheu Umvers.-Buch-u. Stein- druckeret. 9L Lange, vredaktion, Exveditüm und Druaeret:

Schal st ratze 7,

Redaktion e^£> 112

Verlag u.Expeb.^^51 Adresse für Deveschen:

Anzeiger Gießen.

Die üenlige Kummer nmsaßt tO Setten«

Dr. WallauS Wahl.

non zeigte Pctschmrost i besonders hoch schätzen rage derRhapsobie so merkwürdig es

Zwei antisemitische Reichstagskcindidateir, wahrlich auch auf gegnerischer Seite nicht

bitter befehden, mehr kann man verlangen!

In einer eigenen nichtssagenden Kvmposition zeigte Pctschnikoff, Frankfurter Künstlergesellschaft am Samstag den 60. G eburts lerne bedeutende Fingerfertigkeit. <$hn§ Hf?" 1 ~ - - - - - - -

lernte ich Hermann Z i l ch e r in dem Vortrage hongroise von Franz Liszt, und - ...........v_

auch klingen mag in der Art wie er die beiden letzten Nummern des Herrn Petschnikoff begleitete. In der Rhapsodie der jede technische Schwierigkeit beherrschende und seinem geistigen Dor­trage untertan machende Künstler, in der Begleitung der sich an jeden Gedanken des Solisten, gewissermaßen denselben sckon vorausfüblend, in denkbar seinsinmgster Weise anschmiegcnde Be­gleiter, kurz eine ganz ausgezeichnete Leistung. Ihm gehört die Palme dcS Abends.

der beim Grobherzog zu suchen hatte, geht leider cm3 der amt­lichen Hosnachricht nicht hervor.

Noch mehr aus dem Häuschen geriet aber ein hessischer An­hänger der ,.D t s ch. Z t g.". Er schrieb diesem Blatte eine entrüstete Epistel. Tie verantwortlichen Minister, so meint er, hättendie Pflicht, den Großherzog darauf aufmerksam zu machen, wie sehr der Empfang von sozialdemokratischen Neichstogsatzaeordnelc eignet sei, den Blick einfacher Leute für politische Verhällrnff .u trüben und das Ansehen der Sozialdemokratie zu fördern." Tcr Herr kommt dann auf die sattsam bekannten und hüben und drüben heilig erörterten Ullrich-Gänge zu parlamentarischen Diners zu sprechen und schließt mit den schönen Worten:

Fürwahr, es wäre Zeit, daß die jetzt maßgebenden Herren in Hessen Staatsmännern Platz machten, die mehr Weitblick, mehr politischen Sinn und mehr Verantwortlichkeitsgesühl bc- sätzen!"

Gin sonderbarer Kauz, dessen obige Ausführungen, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, in den bürgerlichen Kreisen Hessens mit sehr ungeteilten Gefühlen ausgenommen werden dürften. Wenn der Sozialdemokrat Gramer es mit seinen An­schauungen vereinbaren kann, zu Hcke zu gehen, so wird es wahr­lich kein Vernünftiger unserem Gott sei £anf gänzlich vorurteils­losen, unvoreingenommenen und unbefangenen, wahrhaft ü der den Parteien stehenden Landesherrn verargen, wenn er neben anderen auch diesen Mann empfängt. Im Gegenteil, man wird sich dieses unbeeinflnßbaren geraden Sinnes und offenen Herzens unseres Großherzogs aufs neue herzlich zu freuen habe, der keine Parteiunterschiede in seinem Hause anerkennt, der immer nur ein Mensch sein will unter Menschen, der, wahrlich mit Recht, in einem zu ihm kommenden Sozialdemokraten keinen Feind des Vaterlandes erblickt. Wäre der Mann vor den Pforten des Fürstenpalastes zurückgewiesen worden, dann hätte dieselbe sozial­demokratische Presse, die jetzt ihren Genossen schmäht, ihr Gift gegen den hessischen Thron gespritzt. Und der steht uns allen doch ' zu hoch dazu. Wenn sie jetzt gegen den eigenen Parteifreund vom Leder zieht, dann lassen wir ihr gern das Vergnügen. Wenn m jener Zuschrift an dieDisch. Zig." auch davon bic Siebe ist, baßbie Fürsprache der Sozialdemokraten bei den Ministern von Bedeutung" sei, so ist das barer Unsinn, und dieGefühlsblüte sozialdemo­kratischer Bestrebungen" wird weder vermindert noch vermehrt dadurch, daß unser Landesherr sich einmal über gärtnerische Tinge mit einem zu ihm kommenden Manne unterhält, der zu'ällig der sozialdemokratischen Partei angehört. Die Sozialbemolratie ist ihm ja wohl nicht aii die Stirn geschrieben, sie färbt auch nicht so schnell ab, und es ist wohl anzunehmen, daß Herr Gramer den bei einer Audienz nun einmal üblichen Formen sich ohne weiteres unterworfen hat. Es liegt also durchaus kein Grund für die Bürger­schaft vor, sich über diesen Gang zu Hofe zii entrüsten, im Gegen­teil, man sieht daraus wieder einmal, wie wenig tief die sozial­demokratischen Anschauungen selbst bei prominenten Männern dieser Partei sitzen. Die Parteiorqanisation des Wahl­kreise? aber beabsichtigt Stellung zu Gramer-3 Audienz zu nehmen wegen dessengröbticherVerletzung von Partei-Prinzipien", wie derVorwärts" sich ausdrückt: Der Aermste, nun gehts ihm an den Kragen!

tag Wilhelm Steinhaufens. Der Künstler wurde zuerst vom Vorsitzenden der Künstlergesellschaft, Professor Erich Körncc begrüßt. Der Redner feierte den Sechzigiährigen als Schaffenden, als Menschen und Freund und überreichte ihm das von Thoma ausgeführte Diplom, das feine Ernennung zum Ehrenmitglied der Gesellschaft festsetzt. Sodann sprach Professor Karl Budde- Marburg im Namen des.Dekans der thwl. Fakultät der Uni­versität Halle, und kündigte Steinhansen an, daß Halle ihn zum Ehrendoktor der Theologie ernannt habe, wobei er in Jeiner Weise bcS Künstlers Zugehörigkeit gerade zu dieser Fakultät begründete, weil es ihm durch ein Menschenalter ver­gönnt gewesen sei, dassWort Gottes durch seine Bilder zu predigen. Auch wies der Redner darauf hin, daß die Marburger Fakultät dem Gefeierten ihre höchste Auszeichnung nur deswegen nicht selber erwiesen habe, weil Halle ihr mit dieser Absicht zuvorgekom­men sei. Nachdem noch der Oberbürgermeister namens der Bür­gerschaft gratuliert hatte, dankte Steinhaufen für die Ehren, die ihm zuteil geworden, und für die Freundschaft, die ihm bezeugt wurde. Er sprach mit tiefer Bescheidenheit von seiner Knust, von der Art seiner Entwicklung, von seiner Kindheit, von seinem Leben und richtete an die jüngeren Künstgenossen Worte der Lehre und des Rates.

znsuchen. Sie wurde gewährt, und es ging dann Cramer als Vorsitzender dieses Verens zum Großherzog. Hat man je Schreck­licheres vernommen? Die Fraktion, der er angehört, hat so schreibt derVorwärts" im Reichstage es ausdrücklich ausgeschlagen, einen wichtigen Posten im Präsidium damit zu erkaufen, daß sie den dafür vorgeschlagenen Genossen ver­pflichtet, zu Hose zu gehen. Eramer als Mitglied dieser Fraktion, setzte sich über solche Kleinigkeiten hinweg, aber noch mehr: er ging zu Hose und ersuchte den Großherzog um ein. Stück Einschränkung der städtischen Selbst-Ver­waltung." Ein Wehe über den argen Frevler! Der Mann muß hingerichtet werden!

Ter Bericht der MahlprüsungSkommission über die An­fechtung des Mandats des Kreisrats Tr. Waklau, gewählt für Alsfeld-Lauterbach-Schotten, ist jetzt im Drucke erschienen. Die Kommission hat einige W ahl-

Dem Frankfurter Maler Wilhelm Stein­haufen, der, wie wir mittcilten, am 2. ds. seinen 60. Ge­burtstag beging, ist ein interessanter Artikel in Heft 9 des Künstwart" (München, Georg D. W. Eallwey) vom Herausgeber Aven^rii's gewidmet. Unter den Künstbeilagen bringt das Heft des Selbstbildnis Steinhaufens und drei andere Bilder Les Meisters. Außerdem bespricht in dem Hefte Bartels Frenssens neuen Roman ...Hilligcnlei", und aus dem in Dresden mit Erfolg ausgeführten Werke ,,Der Jude von, Konstanz" von Wilhelm von Scholz ist ein großer Teil des ersten Aktes mitgeteilt.

Hermann Sudermanns SchauspielDas Blu­me n b o o t" wurde für das Berliner Lessiug-Thcater zur Auf- führung erworben.

Oedipus und die Sphin r", Tragödie von Hugo non H o lmannsthal, ist in vornehmer Ausstattung bei S. Fischer, Verlag, Berlin, soeben in Buchform erschienen.

Ketttische Tagesschau.

Tie seiudlicheu Brüder und die nächste Gießener Neichstagswahl.

Vom Neichstagsabg. Bruhn geht der »Staatsb. Ztg.* ein Schreiben zu, dem mir folgendes entnehmen:

Unter Führung der hessischen Landtogsabg. H i r sch e l und Kohler soll derLandesverband der Nefonnpartei für Südwest- deutscblaub" den Austritt aus der Reform Partei und den Anschluß an die Teutfchsoziale Partei beschlossen haben, und zwar mit der Begründung, daß die N e s o r in p a r t e t in den letzten Jahren Hessen vernachlässigt habe. Wenn die Herren Hirschel und Köhler sich bis dabin überhaupt noch zur Ne orrnparlci rechneten, so trifft der Vorwurf den oie Herren gegen die Reforrnpartei erheben, sie selbst; denn sie, insbesondere Herr Hirschel, waren bie Träger der Verantwortung für bie Organisation und Agitation der Reforrnpartei tm Groß- Herzogtum Hessen., Herr Hirschel bat zwar den Vorsitz von dem Landesverband für Südwestdeutschland, der im September 1903 nach, einem von mir in Frankfurt a. M. gehaltenen Vortrags begründet wurde, übernommen, tm übrigen sich seit der Zeit u nr u ich t s b e f ü m m e r t. Demzufolge ist der Verba n o auch völlig untätig gewesen. Nachdem Herr Hirschel in ein enges wirtschaftliches Verhältnis zum Bunb der L a n b iv i r t e getreten ist, kann sein Ucbevfritt zu der mit dem Bunde der Landwirte engliierten Deutschsozialen Partei nicht weiter verwundern. Tie Angriffe auf die Deutsche Reformpartei hätten die Herren aber besser unterlassen: denn bamit treffen sie sich selbst.

Wilhelm Bruhn, Mitglieb bcs Reickstags, 2. Vorsitzender der Deutschen Reformpartei/

DemGieß. Anz." aber ging heute folgender Brief des Reichstagsabg. Zimmermann au5 Dresden zu:

Eine sehr geehrte Schriftleitung bitten wir mit Bezug auf den BerichtA ntisemitische Reichstagskaudibatur" in Nr. 24 Ihres w Blattes um Aufnahme folgcnber Notiz:

Die b e u t s ch e N e f o r m p a r t e i wirb, wie uns bie Partei­leitung mitteilt, im Kreise Gießen-Grüntzerg-Nibba bei der nächsten Neichstagswahl einen eigenen Kanbibaten aufstellen. Herr Laud- togsatzg. Bürgermeister Ph. Kohler kommt für bie Kaiidibatur nicht in Frage, nachdem durch seinVer- schulden i. I. 1903 der Wahlkreis der Reforrnpartei verloren gegangen ist. Auch sein nunmehriger ll e b e r t r i 11 zu seinen früheren intimsten Feinden, den D e u t s ch s o z i a l e n, ändert an der Tatsache nichts, daß er v o n G e s i n n u n g s g e- nossen in Stabt unb Laub als ungeeigneter Beiverber um ein Reichtagsmandat bezeichnet worben i st. Die Reformvartei wünscht in UebereinOimmung mit ben Wählern, daß der Kreis, ganz abgesehen von der Tiätenfrag^ int Reichstag wirklich vertreten wird.

Hochachtungsvoll

Tie Leitung der D. Ref. P. Zimmermann, M. d. R.

Also werden sich in dem Wahlkreise Gießen bei der nächsten Neichstagswahl die beiden antisemitischen Grüppchen

Allerlei aus der y sstschcn Politik.

Gießen, 5. Februar 1906.

Heute vor acht Tagen, in früher Morgenstunde des 29. Januar, entriß der Tod unserem Lande den ersten Staatsmann. Vor sieben Jahren hatte Rothe den Posten des Vrovinzialbirektors von Nheinhesten verlaßen, um das Portefeuille bes Staatsministers zu über­nehmen. Er war damals bereits ein Mann, der an der Grenze der 60 stand. Aber mit außerordentlicher Frische griff er in die Zügel der Regierung, und als sich bann bei zunehmendem Alter auch bet ihm eine Ermüdung einstellte und den Wunsch in ihm rege werden ließ, nunmehr auszuruhen, da bannte ihn seines Fürsten Wunsch abermals an die verantwortuugsreiche Stelle, von der ihn nun der Tod erlöste. In der Kammer hat dem Ver­storbenen der Präsident Haas in tiefer Ergriffenheit einen Nachruf von herzlicher Trauer und Dankbarkeit gewidmet, und die partei­politische Preffe des Landes hat des Tahingegangenen unvergleich­liche Verdienste um sein Vaterland in aufrichtigem Leide gewürdigt. In der liberalen Preße aller Schattierungen kam der Schmerz um Roche'S Hinschetden am lebhaftesten zum Ausdruck. Die klerikalen Blätter des Landes hoben besonders hervor, daß er ein entschie­dener Anhänger des konfessionellen Friedens gewesen ist. Selbst das sozialbemokr.Offcnb. Abendbl." hat manches Rühmenswerte an dem Verblichenen gefunden und voller Hochachtung anerkannt, daß er »für die preuß. Schncmzbärtigkeit nicht zu haben mar und daß er »die Regierung liberaler als fein Vorgänger geführt bat*. Die demokr. »Wormser Volksztg." bemerkte, baß Staatsminister Nothe »dem Heß. Ministerium den seltenen, aber darum um so ehrenderen Ruf erwarb, liberaler zu fein als die Heß. Volks­vertretung^. Nur derHeylSpresse blieb es unter den bürgerlichen Nlallern vorbehalten, an unserem ersten Ctoatsmanne noch über bas Cßrab hinaus zu mäkeln. Die91. Hess. Volksdl." schlugen der Wahrheit ins Gesicht mit der lächerlichen Bemerkung, die die noch vor einem halben Jahre etwa mit dem Brustton innerster und echtester Ueber- zeugung zur Schau getragene Gesinnung kraß verleugnet,daß Nothe den radikalen Stimmen mehr Gehör schenkte und mehr nach links regierte als den bürgerlichen Parteien lieb war." Hier wurde also der fast völlig isoliert dastehende- Baron v. Heyl nebst feinem einzigen unb gänzlich unbeachtlichen Preßanhang mitden bürger­lichen Parteien" kurzer Hand identifiziert! Sehr spaßhaft ist nur, daß bieWormser Ztg/ genau das Gegenteil davon sagte! Sie kombinierte sich unter komischer Nichtachtung aller Tatsachen eine Aehnlichkeit Rothes mit dem Standpunkte ihres Herrn und Meisters und behauptete schlankweg, baß Rocheeiner konservativen Weltanschauung huldigte", von der' freilich niemand sonst etwas gemerkt hat, und am wenigsten wohl fein eigener Landesherr, und er meint, baß Roths nureinem Drängen von außen Nech- nunfl trug, als er sich veranlaßt sah, dem direkten Laubiagswabl- recht eine Gass? zu bauen." Dabei ist es bekannt genug im ganzen Lande, daß Nothe feine Lebensaufgabe sah in der Durchführung des allgemeinen gleichen und geheimen Wahlrechts; daß wir das direkte Landtagswahlrecht in Hessen immer besessen haben, weiß die kluae Wormserin gar nicht! Tas Vaterland wird das Ge­dächtnis Karl Rothes allezeit in höchsten Ehren halten, der in seiner hoben Amtsstelluug eifrig darauf bedacht war, Luft und Sonne nach Kräften und unparteiisch unter allen Ständen zu verteilen in der Erkenntnis, daß sie alle dem Staate gleich nützlich und not= wendig sind.

Uetzer einen beim Darmstadter Hofe antichambrie­rendenGenossen" haben sowohl sozialdemokratische wie bürgerliche Blätter bitter geklagt. Wir haben mitgeteilt, daß vor einigen Tagen S. K. H. eine Deputation der Garten-Vorstadt- Vereimgimg am Dohlen Weg, bestehend aus dem Präsidenten Prof. Olbrich, dem Mitglieb des Reichstages Gramer re. empfing. Mit bitterem Schmerz schrieb derVorwärts" dazu:

Es gibt nur einen Reichstagsabgeordneten Gramer: Balthasar Gramer, Gattwirt zu Darmstadt und Cozialbemokrat. Was

GLeszener Aonzeröverenr.

Gießen, 5. Februar 1906.

Mit Griegs G-moll-Sonate für Klavier und Violine eröffneten die Aussührenben des vierten Künstlerabends, die Herren Hermann Zilcher aus Frankfurt a. M. und Mer- ander Petschnikofs, toenn ich nicht irre, in Berlin lebend, das gestrige Konzert'. Grieg, im Jahre 1843, nicht 1867, wie das Programm irrtümlicherweise sagte, zu Bergen in Norwegen geboren,, ist ein Komponist von ausgezeichneter Begabung, seine Werke sind voller Poesie, er spricht aber mehr oder weniger einen lokalen Dialekt. So auch in seiner G-moll-Sonate, welches Werk in echt nordischer Empsindungsweise, mit vielen finnigen und charakteristischen Einzelheiten ausgestottet ist. Tie Sonate lvurde von beiden Herren sehr gut wiedergegeben. Insbesondere zeigte sich hier ^Petschnikofs als ein ungemein temperamentvoller Geiger, dessen Spiel mir, das will ich gleich bemerken, in dieser Sonate am besten gefiel. Herr Zilcher schloß sich ihm ganz vor­züglich an, so daß ein int großen Ganzen recht gutes Zusammen- fpiel entstand 10 Preludes von Chopin, zusammen­gestellt von Zilcher, bildeten die 2. Nummer. In diesen Pr6- ludes zeigte sich Zilcher als ein ungemein feinsinniger Musiker. Ties ließ er sowohl in der Zusammenstellung als auch in her Ausführung erkennen. Im allgemeinen schwärme ich nicht für solche Zusammenstellungen, aber hier vergaß ich meine Unlust. Einzelne schwermütig klagend, andere neckisch scherzend, dann kvieder eleganten glänzenden Inhalts, bieten sie nahezu eine Charakteristik der kompositorischen Tätigkeit Ehopin's. Eine vor­zügliche Leistung war der Vortrag des Herrn Zilcher. Bach, einer der genialsten Tonkünstler aller Zeiten, folgte. Ans der zw e i t e n S o^n a t e, für V io sine allein al Sarabande, fi1* Double, c) Tempo di Bourröe. Bach's Sonaten gehören in technischer wie geistiger Beziehung zu dem Schwierigsten, was in dieser Art für bie Violine geschrieben ist. Herr Pctschnikoff wurde diesem nn. E. wicht ganz gerecht. Tie Sarabande und Tempo bi Bourräe Panten meinem Empfinden nach nicht mit der ihnen innewohnenden Kraft zum Vorttag. Eine etwas zu süße Tongebung störte, wäh­rend die Akkorde manchmal rauh erklangen. In der Eavatine tarn Gui war der weiche nicht sehr große Ton Petschnikoffs eher IBB Platze, nur störte hier die nicht ganz einwandfreie Intonation.

Berlin, 4. Febr. Eine gutbesuchte Protestversamm­lung gegen die Bill et steuer nahm nach Reden Prof. Joachims, Fuldas und anderer einstimmig eine Resolution an, in der gegen diese Maßnahme, bie geeignet sei, einerseits die glückliche Fortentwicklung des blühenden Theater- und Musik­lebens ernstlich zn schädigen, anderseits Tausenden dcn Bestich der Kunststätten,wesentlich zu erschweren, Einspruch erhoben wird und der Magistrat und die Stadtverordneten ersticht roerden, einen solchen kulturfeindlichen Gedanken aufzugeben.

Frankfurt, 4. Febr. Im Steinernen HauS beging diel

- Der Lehrer-Sängerchor Gießen veranstaltete am SamStag einen Liederabend im Saale des Hotels zum Einhoni und trat damit zum drittenmal seit seiner Gründung mit bestem Erfolg vor eine größere Zuhörerschaft. Dieser wohl­geschulte, unter zielbewusster Leitung stehende Mannerchor hat sich die Pflege des Volksliedes zi>r dankenswerten Aufgabe ge­macht. Es war beim auch recht beachtenswert, was auf diesem Gebiete zu Gehör gebrockt wurde. Besonderen Vcisall sanden eine,Reihe hessischer Volkslieder. Sie nrren bei aller Schlichtheit der Melodien von überraschender Klangschönheit. Mehrere Lieder für Sopran, sowie Duette für Tenor^iind Baß und einige Musikvorträge füllten den übrigen Teil des Abends aus. Einige mit Eosckick dargestellte Szenen aus dem unvenvüst- sichenTatterich" bildeten ben Schluß. Der Saal erwies sich für die große Zuhörerschaft als gänzlich unzureichend.

Bekanntmachung,

93 e tr.: Rotlaufseuche zu Lang-Göns.

Die Notlaufseuche unter dem Schweincbesiand des Konrad Wilhelm Wagner zu Lang-Göns ist erloschen und die Gehöftsperre aufgehoben.

Gießen, den 3. Februar 1906.

Großherioasicheö > rei°amt Gießen.

I. V.: Dr, Merck.

Uebrigens hing diese Audienz, wie dasOffenb. Adendbl." mittcilte, ^ein wenig mitWvhnungsreform" zusammen. Vor den Toren Darmstadts, amhohlen Weg", liegt ein Gorten- gelände, vielen Besitzern gehörig, banmter auck armen Teufeln. Professor Olbrich ging gern da hinaus spazieren. Seit

Jahren hat er fabuliert, wie schön es wäre, ba draußen eine Gartenstadt erstehen zu lassen. Und bei dem Fabulieren blieb es nicht; schließlich steckt er die kleinen Besitzer mit seiner Idee an und am Ende nimmt Balthasar Gramer, der ba branden auch ein ererbtes Fleckchen besitzt, die Sache in die Hand, ein Verein oder eine Genossenschaft der Grundbesitzer wird gegrün­det, die den Plan verfolgt: das ganze Gelände soll zusammen­gelegt werden zu einemiStück; vorher wird der Wert jeden Stückes Land festgesetzt. Dann soll die Stadtverwaltung bestimmt werden zur Festsetzung eines Bebauungsplanes, zweckmäßig geformte Bau- grundstücke sollen herausgeschnitten, das Straßengclände soll un­entgeltlich abgetreten werden. Jedes Haus mit (Obst-, G'müse- und Blumen-) Garten soll zimschen 14 bis 24 000 Mark kosten, davon ein Viertel bis ein Drittel für Grundwerte. Die Regel soll das EinsamUienhaus bilden, wozu aber gehörte, daß mindestens 700 Mark für die Wohnung pro Jahr aufgewendet werden können. Doch der Grundbesitzerverein hat Widerstände in der Darmstädter Gemeindeverwaltung zu fürchten, und da beschloß er denn, den Großherzog für seine Bestrebungen zu gewinnen, ________ .........._____o_ _

Olbrich und Cramer wurden ersnckt, bei ihm eine Audienz nach-' b e e i n f l u s s u n g e n der Behörden .zugunsten Wallaus zn

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