Ausgabe 
3.12.1906 Zweites Blatt
 
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hätten uns hundert von Million« getoitet Wenn er, kkoel, Reichskanzler nur eine Stunde lang wäre, würde er bestimmen, daß alle RessortchefS dem Reichstage verantwortlich seien. Er verstehe cS nicht von dem Kvlonialdirektor, wie er als Bankier und Kaufmann eine solche Etatisierung, wie die vorgescklagene. vornehmen könne. Daß der sog. K'olonialrat ein Unsinn sei,, das wisse man seit Jahren. Warum habe Herr Lattmcmn in seinem überschäumenden Patriotismus nur die englischen Grenzverletz­ungen angegriffen, nicht aber die fortwährenden Grenzverletz­ungen durch die Russen. (Zurufe links!) Mit brutaler Gewalt raube man den Eingeborenen ihr Eigentum und zwinge sie tn fremden Dienst. (Sehr richtig? bei den Sozialdemokraten.) Man fei mit dem rms nicht gehörenden Eigentum in unwittschaftlicher Weise verfahren. Man habe nicht gehandelt, wie Kulturmenschen, fonbern wie Barbaren. (Lebh. Zustimmung bei den Soz.) Redner empfiehlt für die Kolonien die Schaffung eines Expropriattons- gesetzes, dann werde man mit den großen Landgesellschaften tm Handumdrehen fertig werden. Barbarisch sei die Kriegführung in Afrika. Nicht niederwerfen wolle man die Völker, sondern niedermeheln. DaS sage offen der bekannte Aufruf des Generals von Trotha an die Hereros. Und dieser Mann erkläre dann noch, er kehre mit weißer Weste zurück (Hört! Hört!) Und das seien die Männer, die das Christentum predigen. Da gehe man jeden Sonntag in die Kirche und veranstalte selbst auf Schiffen große K'irchenfeiern und halte große Reden, aber mit den Taten sehe es außerordentlich traurig aus. (Unruhe rechts, Beifall bei den Soz.) Südwestafrika sei der vielen Opfer nicht wert: der Optimismus des Kvlonialdirektors, dort ein Neudeutsch- land zu schaffen, sei Utopismus der schlimmsten Art (Sehr richtig! bei den Soz.) Während des zweiten Teiles der Debel- schen Rede hat sich der Saal allmählich geteert. Bebel schlägt erregt auf daS Pult und richtet Angriffe gegen das Zentrum, das als regierende Partei an der ganzen Kvlonial- politik schuld sei. Unsere ganze Kvlonialpolitik sei nur eine kostspielige Fata morgana. (Sehr richtig bei den Soz.) Wie stehe es eigentlich mit Herrn v. Puttkamer? Es werde altes vertuscht, was in den Kolonien vorgeiallen sei. Die Schuldigen seien in asten Slesten, bis hinauf zum Reichskanzler, er selber sei mitschuldig an diesen Zuständen. (Sehr richtig links). Bebel bringt neue Beschuldigungen vor, wonach Puttkamer auf verschiedene schwereVerschuldungen hin nicht eingegriffen habe. Ein hoher Beamter in Kamerun habe ein schwarze? Weib gehabt, das mit anderen Schwarzen geschlechtlich verkehrte. Da der Beamte die Täter nicht gekannt habe, habe er drei Verdächtige ihrer Männlichkeit berauben lasten. (Lebh. Hott! Hott! und P'üiruse.) Ein Leiltnant Dominik habe nach Einnahme eines Dorfe? 52 Kinder im Flusse ersäufen lasten. (Lebh. Hort! Hort!) Drei znm Tode verurteilte Gefangene habe man in grausamer Weise durch Maschinengewehre töten lasten. Dem Abg. Arendt seien die Geheimakten zugänglich gemacht worden, ihm, Bebel, nicht. Er erwarte, daß die Budgetkommission Einsicht erhalten wirde.

Ter Redner geht dann eingehend nochmals auf den Fall Peters ein. Dieser Mörder, der 15 Jahre Zuchthaus verdient habe, sei begnadigt worden. (Lebh. Beifall bet den Soz.) Legationsrat Hellwig' habe fasten mästen, weil er nicht für Peters sich verwendet habe. Er habe selbst erklätt: »Ich bin ein Opfer der Herren Arnim Kardorff und Arendt geworden. (Stürmische Pbnru'e der Linke», lebhafte Kundgebungen im ganzen Hatlse.) Diese Abgeordlteten hätten ihre Stellung gemißbräucht (Stürmische Kundgebungen au( allen Seiten.)

Vizepräsident Graf Stolberg: Sie dürfen einem Abgeordneten nicht Mißbrauch seines Amts vormerfcn.

Abg. Bebel (Soz.): DaS seien die DerwaltungSräte deS Deutschen Volkes. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)

DeS HauseS hat sich eine große Erregung bemächtigt. Ballestrem übernimmt daS Präsidium. Viele Abgeordnete umdrängen die Tribüne, um sich zum Wort zu melden. Als Bebel schließt, bleibt er noch eine Weile auf der Tribüne stehen, die Abgeordneten stehen iu Gruppen zu­sammen, erregt debattierend. Endlich bittet

Abg. Dr. Arendt (Rp.s zur Geschäftsordnung daS Wott: Da eben tüt heftig r Angriff auf seine Person erfolgt sei, bitte er um daS Wort

Präsident Graf Ballestrem: DaS Wott könne er nur geben, wenn «S sich um eine objektive Richtigstellung handele.

Abg. Dr. Ablaß (freis. Vpt.) stellt zunächst ouS seinem Akten- material als Verteidiger Pöplaus fest, 'daß der Reichskanzler unrichtige Angaben über den Fall Pöplau gemacht habe. Dem Pöplau sei bitteres Unrecht geschehen. ES sei nicht schwer, einen kleinen Beamten zu beseitigen, PodbielSki zu stürzen sei schon schwerer. (Heiterkeit.) Dem Kolonialdirektor stehe seine Pattei nicht mit Mißtrauen entgegen. Wir werden ab- warten, was geschehen wird. Redner geht dann auf den Fall Wlstuba ein. Schuld an den Mißständen sei, daß die Beamten in den Kolonien nicht die nötige Vorbildung für ihre Stellen haben. Die wirtschaftlichen Aussichten für die Kolonien seien nicht so glanzend, wie der Kolonialdirektor sie hingesiellt hat. Astestottsmus und Bnreaukratismus haben glänzend Schiffbruch gelitten. Sorgen wir dafür, daß die Säuberung von schlechten Elementen, die der Kolonialdirektor versprochen hat, wirklich eintritt, sorgen wir für Zucht und Ordnung in den Kolonien. (Beifall rechts.)

Das Haus vertagt sich. Persönlich bemerkt

Abg. Erzberger (Ztr.): Er habe dem Kolonialdirektor nur eine Liste seines Materials übergeben, nicht das Material selbst.

Präsident Graf B a l l e st r e m eröffnet die Debatte wieder.

Staatssekretärs. T s ch i r s ch k y: Im Jahre 1905 wurde durch ein Gesuch, das von Mitgliedern des Hauses unterzeichnet war, die Begnadigung des Dr. Peters erbeten. Dem Gesuch wurde zum Teil entsprochen. Von einer unzulässigen Beeinflussung kann keine Rede sein. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Arendt (Rp.) bemerkt persönlich: Ich will nur seststellen, daß Bebel heute nichts vorgebracht hat, was nicht schon längst bekannt war. Gras von Arnim und Herr von Kardorff

Leistung genügte. Wie wußte sie aber die Komposition, zu Gehör zu bringen! Cello und Künstlerin scheinen mit­einander verwachsen; hier spielt nicht mehr Verstand und gelernte Technik, hier spielt Herz und Seele. Namentlich das Allegro der Sonate und die drei Lieder waren ein­fach wundervoll.

So sind die, welche nicht aus Schaulust das Konzert besuchen, sondern um einen hohen künstlerischen Genuß zu erwarten, voll auf ihre Kosten gekommen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich einmal zwei Miß­stände zur Sprache bringen, die in jedem Konzertsaal nicht allein in Gießen zur Plage werden. Das eine ist, daß, ehe noch der letzte Ton verklungen, ja, womög­lich ehe noch das Spiel geendet, einige Voreilige sofort ihre Hände in Bewegung setzen (meist vom hohenOlymp" Herab) und dem Musikfreund sofort allen Genuß ver­derben. Der wahre Künstler fühlt sich, wenn er sieht, daß das Publikum, nachdem er schon geendet, doch noch atem­los lauscht, noch int Banne seiner Darbietung schweigt, durch diese Wirkung viel reicher belohnt, als wenn sofort tosen­der Beifall ihm zeigt, daß sein Name beklatscht wird und nicht seine Leistung gewirkt hat. Gestern abend schienen das auch viele Musikfreunde zu empfinden. Der zweite Mißstand ist die Mode des Zugabeforderns- Der musi- kalrsch Gebildete läßt sich an wenig Gutem schon als an einem reichen Schatze genügen und weiß, daß er durch solche Forderung den Künstler nur unnötig anstrengt, denn Hören ist leichter als Spielen. So fügte sich denn Frau Wassermann nur widerstrebetid dem Verlangen nach einer Zugabe, während Frl. Nuegger schon in vornehmer Weise abgelehnt hatte, als sie doch noch einmal herausgezwungen wurde. Ich begrüße die modernen Schauspielhäuser, in denen nicht applaudiert wird.

Und zum Schluß noch eins: Könnte man es nicht bei einem solchen Konzert mit einem verdunkelten Saal versuchen? Der wäre gestern von großer Wirkung gewesen.

hho eüvauU uni) lonneu Deute luc^i aiuu)oucn. ^>u» uua) ue- trifft, so will ich erklären: Ich bin nicht für das verantwortlich, was Herr Richtbofen gesagt. Ich habe mit dem Vorgesetzten von Herrn Hellwig niemals tm Sinne von dessen Absetzung gesprochen. (Hört, hört.) Ich lehne es ab, daß ich eine Haltung gezeigt bade, die Herrn Bebel Anlaß zu feinen Kraftausdrücken gegeben hätte.

Abg. Bebel bezieht sich für die Richtigkeit ferner Artsführungen über Hellwig auf Erzberger und Dr. Eickhoff.

Abg. Erzberger bestätigt die Aussührrtngen Bebels über Hellwig.

Weiterberatung Montag.

Aus 5»aot uno tano«

Gießen, den 3. Dezember 1906.

** Die Roburitexplosion in Annen in Westfalen will man auch in dem oberhessischen Städtchen Ulrichstein gehört haben! Am Tage nach dem Unglück wurde uns von dort geschrieben, man habe ein bonnerähnliches Geräusch dort gehört, daß die Vermutung von einem entfernten Unglück aufkommen ließ. Heute mm erhielten wir aus Ulrichstein folgenden Brief:

An jenem Abend etwa 1/,9 Uhr hörte ich einen donnerähn­lichen Knall, der mich an die Explosion des Mainzer Pnlvcr- magazinS erinnerte. Ich machte noch an jenem Abeno und andern Tags davon Mitteilung. Es wurde angenommen, es sei vielleicht ein entferntes Gewitter gewesen, was ich dem Schall nach be° zweifelte. Erst am folgenden Nachmittag lief die Nachricht hier ein von der furchtbaren Explosion bei Dortmund. Nun war mir die Sache klar, aber meine Karle an die verehr!. Redaktion schon 'ort. Der von mir gehörte Knall war nichts anderes als der Schall der D y n a nt 11 e x p l o s t o n bei D o r t >n n n d. Bis heute habe ich mehrere Personen gesprochen, die zu fraglicher Zeit im Freien waren und die gleiche Beobachtung wie ich gemacht und ausgesprochen hatten:Es hat eben gedonnert." Aiich in ben Wolmnngen wurde der Schall vernommen und ein 17sähriges Mädchen hat alsbald den Ausspruch getan :Eben ist ein Haus zusammen gefallen/ Die Explosion m Mainz, die geringer war als die Annener, wurde in dem größten Teil der Provinz Ober­hessen gehört/

Trotz der zweifellosen sonstigen unbedingten Zuverlässig­keit unseres Ulrichsteiner Herrn Gewährsntannes können wir nicht umhin, hinter diese Mitteilungen ein Fragezeichen zu etzen. Bei uns in Gießen hat man absolut nichts Derartiges gehört, und doch liegt Gießen der westfälischen Unglucksstätte noch etwas näher als Ulrichstein. Auch haben wir nichts davon vernommen, daß irgendwo sonst in unserer Gegend etwas von dem Annener Unglück gehört worden ist. Mainz aber ist nicht einmal halb so weit entfernt wie Annen. Falls indes in anderen oberhefsischen Orten ähnliche Wahrnehmnngen gemacht sein sollten, dann wären wir sür gütige Benach­richtigung dankbar.

** Rabeneltern. Eine Frau von hiev, bereit Mann bereits seit einiger Zeit nach Amerika auswanderte und seine Familie sitzen ließ, verließ Samstag abend ihre drei Kinder und reiste unbekannt wohin ab. In einem zurückgelassenen Briefe erklärte sie einfach, die Kinder jetzt lange genug ernährt zu haben. Die Polizei nahm sich zunächst der Kinder an und sorgte für deren Unterbringung.

** Kriegervereinswesen. , Dem Vernehmen nach hat der Vorsitzende des HassiaverbandSbezirks Gießen, Bureauvorsteher Bruchhäuser, seine Stellung nieder­gelegt. Herr Bruchhäuser hat den Bezirk, der 36 Vereine mit 2500 Mitgliedern umfaßt, 7 Jahre lang nrit Umsicht und Tatkraft geleitet, und die Nachricht von seinem Rücktritt wird allen Bezirks-angehörigen nicht willkommen sein.

** Das Gießener Duell hat soeben seine gericht­liche Sühne gefunden. Das Insterburger Kriegsgericht ver­urteilte wegen Zweikampfes mit tödlichen Waffen den Leutnant Hans Oelmann vom Grenadier-Regiment König Friedrich der Große zu ü Monaten Festungs­haft. In dem Duell, das in Gießen stattsand, wurde ein Student durch einen Pistolenschuß verwundet. Der Kar­tellträger, Leutnant v. Streit, erhielt einen Tag Festungs­haft. TLe Verhandlung fand unter Ausschluß der Oesfent- lichkeit statt.

-L Stadttheater. Gestern abend klingelte noch einmal das Blumenthalsche VerslustspielDer Schwur der Treue" seligen Angedenkens freilich immer noch als Novität bezeichnet über die Bretter. Möge es bald sanft ruhen neben seinen Prosa-Vorläufern! Das Theater war trotz der beiden Konzerte stark besetzt. Gespielt wurde recht flott. Ansprechend waren vor allem Fr. Bcryr- hammer und Herr Reimer-Schlegel, wähend Herr Kost beimSchwimmen" etwas diskreter zu Werke gehen muß. Zu erwähnen wären noch die Herren Lippert und Goll und Frl. Schellenberg. Einige andere dürften ihre Rollen auch einmal über einen anderen Leisten schlagen. Applaudiert wurde natürlich stark.

Bei der hessischen Gendarmerie werden nun­mehr auch die bei der Armee schon lange eingeführten grauen Mäntel zur Einführung gelangen. Die seitherigen schwarzen Mäntel können von den Beamien des Genbarmeric- korpS noch aufgetragen werden. Die seit etwa 1 1/2 Jahren eingefnhrte Litwka soll sich, wie man hört nicht bewährt habeo, wenigstens ist der dazu verwendete Stoff nicht wider­standsfähig genug und zu rasch verbraucht. Eine Neuan­fertigung dieses Kleidungsstückes findet daher vorläufig nicht mehr statt.

Reichs tag? abg. Haas schreibt uns:

Die mir erst jetzt zu Gesicht gekommene Nummer 267, zweites Blatt, des Gieß. Anz. vom 13. vor. Mts. enthält in dem Bericht über eine Bezirksversamlktlung des Bundes der Landwirte die Angabe, daß ein Redner, HerrOehlsen, die Be­hauptung mdgesteUt hat, ich hätte bei der Abstimmung über den Zolltarif im Reichstage gefehlt. Diese Angabe be­ruht auf Unwahrheit. Ich habe an allen ausschlag­gebenden Abstimmungen teilte n o mm en.

K Eine größere Sanitätsübung für Eifenbahnunfälle veranstaltete gestern nachmittag die Eisenbahn-Sanitätsabteilung gemeinschaftlich mit der freiwilligen Sanitätskolonnedes hiesigen Zweigvereins vom Noten Kreuz. Der Hebung lag folgende Idee zu Grunde:Auf der Strecke Grünberg Lollar (Lumdatalbahn) ist zwischen Daubringcn und Lollar bei Kilometer 25 ein Personenzug entgleist, mehrere Per- sonenwagen wurden zertrümmert und eine Anzahl Passagiere schwer verletzt." Um 280 Uhr stand am Bahnhof der Hilfszug, bestehend aus einem Wagen I. und II. Klasse für die Bahnbeamten und Leiter der Hebung, Verbandswagen, Gerätewagen, Aerztewagen und Mannschaftswagen. Von der Sanitatskolonne waren die Vorstandsmitglieder Lcmd- gerichtsral Wiener, Kreisarzt Medizinalrat Dr. Haber­korn, Universitätsbibliothekar Dr. Heußer und der aus­bildende Arzt Oberarzt Dr. Flath erschienen. Auch mehrere höhere Bahnbeamten bestiegen den Zug. Dazu kamen noch je etwa 30 Mann von der sreiwilligen Sauitälskolonne

uno der tiijenuayiU'^aiiuüidtDlotuie nut Tragvayren und Gerätschaften. Hin 232 verließ der Zug den Bahnhof, in Lollar war ein kürzer Aufenthalt. Es stiegen noch Bahn­bedienstete und 5 Herren der Marburger Sanitätskolonne zu. Bereits um 240 traf der Zug auf derHnfallstelle" ein, so eilten auch schon die etwa 60 Mann der beiden Abteilungen ans Werk. Decken wurden ausgebreitet, Trag­bahren herbeigeholt und das Verbandzeug handgerecht gelegt. Dann ging es an die eigentliche Tätigkeit, es galt, Vein-, Arm- und Schulterbrüche, Bauch- und Brustverletzungcn zu verbinden. Es war eine Freude mit anzusehen, mit welcher Gewandheit die Leute arbeiteten. Nachdem d.e Verletzten auf Tragbahren gebettet, mußten sie die steile Böschung heraufgetragen und in die Wagen gebracht werden. In den Wagen standen Mannschaften bereit, die die Bahren abnahmen und an Rollen und Stricken in den Wagen der­art befestigten, daß jeder Ruck und Stoß vermieden war. In kaum 25 Minuten war die Arbeit vollbracht und zwölf Schwerverletzte" in den drei Krankenwagen untergebracht. DaS gewandte Zugreifen der Leute, die genaue Arbeitsver­teilung und die sichere Handhabung der Geräte gaben beredtes Zeugnis für die vorzügliche Ausbildung der Kolonnen und machte den ausbildenden Äerzten Dr. Flath, Dr. Schliep- hake und Zinßer, sowie dem früheren Sanitätsunteroffizier Bahnassistenten Brück alle Ehre. Auf derUnfallstelle" hatte sich kurz nach Eintreffen des Sonderzugs eine äußerst zahlreiche Zuschauermenge aus Lollar und Daubringen ein­gefunden. Um 335 Uhr erfolgte die Rückfahrt; nach einigem Aufenthalt in Lollar traf der Zug um 4 Uhr wieder auf Bahnhof Gießen ein, wo die Ausladung derVerletzten" erfolgte. Auf dem Bahnsteig hielt Oberarzt Dr. Flath eine kurze Kritik. Er führte aus, die Hebung sei im all­gemeinen sehr gut verlausen. Er sei überzeugt, daß die Kolonne im Ernstfall ihr bestes leisten werde. Damit war die Hebung beendet. Bemerkt sei noch, daß diese Hebung die vierte war, die beide SanitatSkolonnen gemeinschaftlich abhielten. Die letzte gemeinsame Hebung fand im Januar d. I. bei Großen «L nden statt. Die Hebungen sind un­streitig von sehr großer Wichtigkeit und Bedeutung.

gd. ©armHabt, 2. Dez. In dem vierten Vorträge des Professors Berghoff-Jsing über die Arbeiter­frage erwähnte der Redner, baß in Deutschlanb, abgesehen von kleinen Ausnahmen eine sozialistische Arbeiterbewegung erst viel später als in anderen Ländern eingesetzt habe. Erst in den 50er Jahren entstanden Arbeitervereine, die im Süden in demokratischem und im Slorbcn im fortschrittsparteilichen Fahrwasser segelten. Diese vertraten die LohnfonbStheorie. Hiergegen trat Lassalle auf. Er brachte das eherne Lohn­gesetz aufs Tapet, von dem auch der Bischof Ketteier von Mainz bestrickt wurde. Dieses Gesetz wirkt heute noch nach, obwohl es von der Sozialdemokratie preisgegeben ist. Laffalle lehrte, baß bas einzige, was bie Arbeiterschaft tun könne, um aus ber Misere herauSzukommen, bie Beseitigung beS Unter­nehmertums sei. ES sollten Probuktivgenostenschaften ge- qvünbet werben, in bem ber Arbeiter Probuzent unb Kon­sument zugleich sei. Das Gelb hierzu solle ber Staat, ber ja ein Proletarierstaat sei (bie besitzenben Klaffen seien ver­hältnismäßig klein) hergeben. Um ben Staat hierzu gewillt zu machen, forberfe L. ba§ allgemeine, gleiche, geheime unb birekte Wahlrecht unb lenkte so bie Arbeiterbewegung auf das politische Gebiet. L. gründete den »Deutschen Arbeiter­verein^, der auf nationalem Boden stand. Bei seinem Tobe hatte bieser Verein 5 bis 6000 Mitglieber. Neben bem .Deutschen Arbeiterverein" beftanb berVerbanb beutscher Arbeitervereine", besten Hauptwortführer Bebel war. Diesen Verbanb erfüllte Liebknecht mit marxistischem Geiste unb führte ihn vom nationalen Pfabe ab. 1869 gaben sich bie Anhänger Liebknechts in Eisenach ein Programm unb grün­beten bie sozialbemokratische Partei. 1875 kam in Gotha bie Versöhnung mit ben Lassalleanern zustcmbe. Es würbe ein Kompromißprogramm beschlossen, bas ben Beifall von Karl Marx nicht fanb. 1891 gab sich bie geeinte sozial- bemokrattsche Partei in Erfurt ein neues Programm. Die Theorie vom ehernen Lohngesetz würbe sollen gelassen unb bofur bie Evolutionstheorie von K. Marx gesetzt, bie bie Verelenbung ber Mosten prcbigt.

[] Marburg, 2. Dez. Die Schweinefleischpreise sind um 10 Pfg. gesunken. Das Pfunb gewöhnliches Fleisch kostet jetzt 70 Pfg.

Ausland.

Wien, 1. Dez. Ter Staatseisenbahnrat nahm heute einen Dringlichkeitsantrag an, noch bem bie Eisenba h n- tarife für Vieh- unb Fleischtransporte als Maß­nahme zur Behebung ber Fleischnot herabgesetzt werben sollen.

DoS Abgeordnetenhaus erlebigfe die beiden letzten Gruppen der WahlresornrVorlage, worauf dos Gesetz sofort in dritter Lesung mit 194 gegen 63 Stimmen unter lärmenden Zwischenrufen der Alldeutschen unb unter lebhaftem Beifoll ber Christlich-Sozialen unb ber Sozial- bemofroten angenommen würbe.

Das Annener Unglück.

Die Beisetzung ber bei der Roburit-Kotostrophe umS Leben gekommenen hat am Sonntag nachmittag statt^efunben. Die Trauerfeicrlichkeit gestaltete sich zu einer erschutternben Knnbgebung, an ber sich viele Tausenbe beteiligten. Die Leiche be§ Dr. Kunze würbe nach Oberlahnstein überführt. Bis zum Bahnhofe gab ba§ OfsizierkorpS bem Sarge boS Geleit. Von ben übrigen Toten würben 10, barunter ein Schulknabe, auf bem evangelischen, einer auf bem altlutherischen unb 11 auf bem katholischen Friebhofe in neben einander liegenden Einzelgräbern beigesetzt. Als Vertreter beS Hanbels- ministerS nahm Geheimrat von Meyeren an ber Feier teil. Magistrat unb Stabtverorbnetc von Witten, bie Behörben von Annen unb Aborbnungen aus ben Nachbargemeinben gingen bem Zuge voraus. Hinter ben Särgen, bie auf um­florten Planwagen stanben, gingen bie Angehörigen unb Ver­eine. Ans bem evangelischen Friebhofe hielt Snperintenbent Dr. König bie Trauerrebe. Ein Sängerchor erhöhte bie Weihe der Totenfeier.

Auf bem evangelischen Friebhofe würben 23 Verunglückte in einem gemeinsanien Grabe bestattet. Auf bem katholischen Friebhofe vereinte ein gemeinsames Grab elf Opfer. Die