Ausgabe 
30.11.1906 Erstes Blatt
 
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stände auf gesundheitlichem wie auch, auf geistigem Gebiete her- vorbringt; das ist immer so gewesen, und so ist es klar, daß auch die kolonialen Verhältnisse jetzt Schwierigkeiten Hervorrufen. Man muß daher die Kritik in vernünftigen Grenzen halten; man darf deswegen nicht die Kolonialpolitik, um cs kurz zu sagen, in Grund und Boden diskreditieren. Gewiß ist es nützlich, wenn man durch Anwendung von Lauge einen Baum von seinen Schädlingen befreit, aber man darf die Lauge nicht auf die Wurzel gießen und dadurch -en ganzen Baum vernichten.

Der Abg. Ledebour sagte gestern, ich hätte der

Konfiskation des WitboigcbieteS in meiner Schrift das Wort geredet. Er hat nicht richtig referiert, es handelt sich in meiner Schrift lediglich um die Wiedergabe einer Mitteilung des Bezirkshanptmanns von Gibeon, nicht um meine eigene Meinung. Aber, ich will es hier aussprechen, ich bin durch­aus der Meinung, daß das Witboigcbiet konfisziert werden muß (Zurufe: Na also! bei den Sozialdemokraten), und zwar aus dem Grunde, weil wir unmöglich die Stämme, die sich empört haben, ebenso behandeln können, wie die Stämme, die sich unterworfen haben und Frieden halten. Das ist praktisch un­möglich. Ich habe in meiner Schrift deshalb auch dafür ge­sprochen, daß man den Bersebahottcntotten ihr Land lasten soll, so lange sie Frieden halten. Aber daß man Stämmen, die erst mit uns gekämpft haben, ihr Land läßt, damit sie nachher weiter kämpfen können, das ist ausgeschlossen. Es kann äußerstenfalls die Frage sein, den Leuten nach wie vor die Möglichkeit einer ord­nungsmäßigen Existenz zu geben. Sie (zu den Sozialdemokraten) wollen ja garnicht einmal den Leuten oie Möglichkeit geben, sich in den Bergwerken zu beschäftigen. Ich meine, man sollte doch froh sein, wenn man durch Eröffnung der Minen den Leuten es ermöglichte, ihr Leben zu führen; aber wenn Sie das Witboiland nicht konfisziert sehen wollen, wie wollen Sie e§ dann bewirt­schaften? Wollen Sie das Nomadentum im Lande lasten? (Zurufe bei den Sozialdemokraten: Selbswerständlich!) Der Abg. Ledebour hat gestern noch die Bemerkung gemacht, die klimatischen Verhält- niste duldeten nicht, daß deutsche Weiße in den Kolonien arbeiteten. Ich kann ihm nur raten, einmal hinzugehen. Er wird zu der gegenteiligen Ansicht kommen. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Haden Sie denn dort gearbeitet?) Ich habe nicht gearbeitet, ich habe aber daS Klima erlebt. Ich weiß, daß man dort arbeiten kann, eS geht ein allgemeiner Zug des Interesses für die Kolonien durch da§ Land. Der Dichter beschäftigt sich schon mit der Materie. Und wir wollen uns nicht täuschen darüber, daß der Dichter mit­unter mehr Einfluß hat, als mancher große deutsche Redner. In einem Punkte aber stimmen wir alle überein, daß es in der bis­herigen Art nicht weitergehen kann, daß man so nicht wirtschaften, nicht kolonisieren kann. (Beifall.)

Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.)'k "

Ich kann nicht umhin, dem Reichskanzler meinen Dank dafür anSzu sprechen, daß er sich so warm unserer Beamten angenommen hat. (Beifall.) Es ist gar kein Zweifel, daß eine ganze Maste grundloser Verdächtigungen ausgestreut worden sind. Dem Pro­spekt, einen besondern Gerichtshof zur Untersuchung der Vorkomm- niste einzusetzen, stehe ich mit gemischten Gefügten gegenüber. Solcher besonderer Ermittlungskammern sollte man sich nicht be­dienen, wenngleich sie sich in diesem speziellen Falle vielleicht recht­fertigt. Wir sehen mit Vertrauen auf unfern Bcmntenstand der «entgegen. Den Leistungen der Firma Tippclskirch gebührt rwurf, sondern lediglich der unpraktischen Art und Weise, wie der Vertrag mit der Firma abgeschlossen worden ist. Wir hegen das Vertrauen zur Verwaltung, daß derartige Fehler in Zu­kunft vermieden werden. Sehr bedauern muß ich es, daß die Firma Woermann so mit Schmutz beworfen ist. Wo wären wir heute ohne sie, wo hätten wir die Schiffe hergenommen? Die Firma hat kauf­männische Gesichtspunkte verfolgt, gewiß, aber es ist in keiner Weise nachgewiesen, daß sie ihre Stellung mißbraucht hat. Es würde uns freuen, wenn wir die Sectransportabtcilung des Marineamts in Zukunft benutzen könnten; aber eS ist fraglich, ob das in größerem Umfange sich wird ermöglichen lasten. Der Firma Lenz haben wir hohe Anerkennung zu zollen. Die Erklärungen des neuen Kolonial- öirektors haben wir mit Befriedigung vernommen. Wir muffen aber, wenn wir über die Mißstände in der bisherigen Verwaltung und die Mißerfolge der Kolonialpolitik herziehen, bedenken, daß der Reichstag zum großen Teil mit schuld daran ist. Zu bedauern ist, daß das deutsche Kapital sich nicht in höherem Maße an unfern Kolonien beteiligt. Wir Höften, daß der neue Kolonialdircktor in den Kreisen seiner bisherigen Wirksamkeit bertin starke Heran­ziehung veranlaßt. Für eine uferlose Eisenbahnpolitik, wie sie Herr Dr. Semler wünscht, können wir uns nicht erlvärmen. Auch in unserm Mutterlande sind die Eisenbahnen erst so nach und nach eittstanden. Die Rechtsverhältnisse in den Kolonien sind nicht ge­nügend klargestellt. Die Deklamationen des Herrn Ledebour wer­den ja hoftentlich gegenstandslos werden. Aber erwünscht wäre es uns, wenn der Kolonialdirektor uns einige Unterlagen in dieser Beziehung gegeben hätte. Hoffen wir, daß die weitere Entwick­lung unserer Kolonien sich in den Bahnen vollziehen wird, die eines großen Bolles und des deutschen Namens würdig sind. (Beifall rechts.)

Kolonialdirektor Dernburg:

Es ist im Verlauf der Debatte, soweit ich ihr folgen konnte, hier von vielen Seiten dieses hohen Hauses mancherlei Freund­lichkeit und mancherlei Wohlwollen mir ausgesprochen worden. Ich brauche Sie nicht zu versichern, daß ich diese Aussprüche nur dahin auffasse, daß sie mir als ein Ansporn dienen sollen, um die kolo­nialen Angelegenheiten mit Eifer weiter zu fördern.

Ich nehme mir die Freiheit, hier in die Debatte einzugreifen, nm das Material, auf das ich zu antworten habe, nicht zu groß werden zu lassen, so daß ich darin ersticke. Selbstverständlich werde ich auf weitere Anregungen auch später antworten. Zu­nächst kann ich mich der Anregung aller Parteien dieses hohen Hauses, daß die Vorlagen gründlich geprüft werden sollen, nur anschließen. Gerade ich habe das größte Interesse daran, diese Prüfung herbeizuführen. Die Vorwürfe, welche die Sozial­demokraten gegen die Denftchriften gerichtet haben, um deren Zahlen zu diskreditieren, mutz ich zurückweisen, denn sie stellen einen Versuch bar,

sowohl System als auch Person

in Mißkredit zu bringen. Auf die Sache selbst aber will ich näher eingehen; weniger wegen der maßlosen Angriffe des Abg. Ledebour, als wegen der Bedenken, die von anderer Seite in ernster Weise geäußert worden sind.

Da muß ich zunächst feststellen, was überhaupt der

Sinn der Denftchriften

ist. Einige von den Herren legen ihnen größeren Wert Bei, als ihnen beigelegt werden kann. (Sehr richtig! bei den Sozialdemo­kraten, Heiterkeit und Unruhe.) Die Denkschriften stellen fein Programm dar, sondern nur die Bausteine zu einem solchen. Was sie bedeuten sollen, das steht in den Eingangsworten, und wenn Sie diese aufmerksam gelesen haben, so werden Sie in der Ein­leitung der Denkschrift über die Entwicklung der Schutzgebiete folgendes finden:

-Als Ziel einer erfolgreichen Kolonisationspolitik darf man wohl die finanzwirtschaftliche Selbständigkeit der einzelnen kolonialen Gebiete und im Zusammenhänge damit eine gewisse Selbstverwaltung der Kolonien im engen Anschluß an das Mutterland hinstellen. Der Zeitpunkt für die Gewährung größerer Selbstverwaltung hängt aber wieder zum guten Teile davon ab, daß die Kolonie finanzwirtschaftlich selbständig ge­worden ist."

Meine Aufgabe besteht mm darin, festzustellen, wie weit diese finanzwirtschaftliche Selbständigkeit

bereits gediehen ist., Me Vorredner, mit Ausnahme de§ Herrn Ledebour, haben anerkannt, daß der Zweck einer verständigen Ko­lonialverwaltung der sein mutz, eine gewisse administrative Unab­

hängigkeit der Kolonien zu erreichen. Und daS war der Zweck der Denkschriften, zu zeigen, wie es bis jetzt damit steht. Es war nicht der Zweck, wie mir insinuiert wird, die militärischen Lasten zu unterdrücken, um so weitere Gelder von Ihnen zu bekommen, die wir sonst nicht bekommen würden. In diesem Hause gibt es doch auch nicht einen, der nicht weiß, was für Gelder für den Krieg ausgegcben sind (Widerspruch bei den Soz.), und wenn es je­mand geben sollte, so möchte ich bitten, daß er sich meldet. (Große Heiterkeit.) Soll man nun mit der Statuicrung der finanziellen Selbständigkeit der Kolonien warten, bis sämtliche Okkupations­kosten bezahlt sind, bis der letzte Mann der Schutztruppe zurück­gezogen ist? Das hat in Algier siebzig Jahre gedauert, und ich würde es für sehr bedauerlich halten, wenn es bei uns so lange dauerte. Sic werden aus den Kolonien nicht das Richtige machen, Ivenn Sie die Leute nicht selbst verantwortlich machen. Solange die Leute einfach auf das RcichÄudget hin wirtschaften können, und solange sie nicht am eigenen Leibe fühlen, was die Sache kostet, werden sie nicht sparsam fein. (Sehr richtig!) Die

Weckung des GcmeinsinneS auch da draußen ist also durchaus notwendig. Das ist heraus­zulesen aus der Denkschrift, wer mehr herausgelesen hat, der hat etwas gelesen, was nicht drin steht.

WaS die zweite Denkschrift anlangt, so ist für jede der darin enthaltenen Ziffern der entsprechende Fragebogen vorhanden; und kann vorgelcgt werden. Die Sache ist sehr ernsthaft gehand­habt worden. Ich bemerke dabei, daß die Denkschrift in einem Punkte von Herrn Semler mißverstanden worden ist. Es ist darin ein Unterschied gemacht, den Herr Semler nicht genügend erkannt hat, nämlich der Unterschied zwischen Rentabilität und werbenden Unternehmungen. Werbende Unternehmungen sind alle diejenigen, die zum Zwecke des Gcldcrlverbs gemacht werden, rentabel aber sind sie erst dann, wenn sie tatsächlich Geld erwerben. Als wer­bende Unternehmungen sind alle Eisenbahnen eingestellt, selbst bann, wenn sie mit Untcrbilanz arbeiten; und rentabel sind sie bann, wenn sie eine angemessene Verzinsung bringen.

Was dann die ,

Schätzung deS Kapitalwertes 1 -

anlangt, so muß man auch hier die Denkschrift verständig lesen. (Heiterkeit.) Man nmß sehen, was tatsächlich darin steht. Zu be­achten ist dabei, daß wir hier durchweg nur die deutsche Kapital­anlage festgestellt haben, dagegen nicht versucht haben, den ge­samten Kapitalwert der Kolonien überhaupt festzustcllen, weil dazu die Anhaltspunkte fehlen. Um diese zu finden, müssen aber die Exportprodukte ins Auge gefaßt werben. Die Angriffe gegen die in den Denkschriften angewandte Methode muß ich zurück- weisen. Denn diese ist in Deutschland gang und gäbe, warum soll sic also nicht auch in Afrika gebraucht werden? Daß es sich natürlich hierbei um Erträgnisse unb nicht um Renten handelt, ist selbswerständlich. Wenn jemand die Absicht hat, einen Fischweiher zu erwerben, so wird er gar nicht anders rechnen können, als wir. Er läßt den Weiher ein ober zwei ober drei Saisons hindurch ab# fischen, und bann sagt er sich, für diesen Weiher kann ich so und so viel zahlen. Er weiß nicht, wie viel Fische darin sind, aber er weiß, was er herausbekommcn hat. Ebenso wissen ivir nicht, was die Eingeborenen besitzen, aber was herausgekommen ist, das haben wir gesehen. Wenn es sich hier in Berlin um die Schätzung eines Grundstückes handelt, bann kommt der Taxator unb stellt den Reinertrag des Grundstückes fest, und wenn in dem Grundstück der Besitzer selbst wohnt, so gilt auch der Wert dieser Wohnung als zum Reinertrag gehörig. So haben auch wir berechnet, was her­auskommt und bann den Wert kapitalisiert. Die Eisenbahnen werden ja mich im allgemeinen gewertet nach dem 25fachen der Dividende. So haben auch wir hier eine Taxiermethode ange­wandt, die durchaus üblich ist, sowohl im gewöhnlichen Leben, wie im administrativen und legislatorischen.

Nun hat Herr Lcdcbour uns an einem wunderschönen Beispiel zeigen wollen, wohin wir kämen, wenn wir den Export kapitalisieren, und er hat dabei auf Deutschland exemplifiziert. Es ist ihm dabei aber baS Versehen passiert, baß er bei der Zahl ber Milliarden eine Null zuviel genommen hat (Heiterkeit), er hat bas allerbings imVorwärts" korrigiert. (Erneute Heiterkeit.) Herr Ledebour hat gestern gesagt, meine Berechnung sei Unsinn, ich gebe ihm dieses Kompliment freundlich zurück. (Heiterkeit.) Wenn die Verhält­nisse in den Kolonien so wären wie in Deutschland, dann wäre seine Rechnung ganz richtig. Aber bas ist nicht ber Fall: In den Kolo­nien kommt das Naturprodukt plus ber Eingcborenenarbeit plus Transport an bie Küste unb wird verarbeitet, in Deutschland wird verarbeitet das Rohmaterial unb cs kommt dazu der sämtliche Lohn, der in Deutschland gezahlt wirb, bie Kosten der Amortisation ber Maschinen usw. und das sämtliche Brotgetreide unb Fleisch, welches für die Ernährung der deutschen Arbeiter imvortiert wirb. Wenn Sie auf dieser Grundlage eine Rechnung aufmachtcn, so würden Sie in ber Tat ziemlich nahe an den Wert von 167 Mil­liarden kommen. Das wird ungefähr stimmen; aber das ist reiner Zufall. (Große Heiterkeit.) Die Herren haben meine Schätzung bemängelt; sie sagen, man kann gar nicht wissen, wie das ist. Das erinnert mich daran, baß zu einem Vorgänger von mir in der Darmstädter Bank vor 20 Jahren jemand kam und ihm ein Kohlen­bergwerk anbot, was sich nachher gut rentiert hat. Er hat gesagt: Gehen Sie mir fort mit Ihrem Bergwerk; was unter der Erde ist, kann man gar nicht wissen. (Große Heiterkeit.) So ist es hier mit den Herren.Gehen Sie mir fort mit Ihrer Schätzungl Was daran ist, kann man gar nicht wissen!" (Heiterkeit.) Wie steht es nun? Wir haben 12% Millionen Eingeborenen, unb wenn Sie für diese 12% Millionen eine Produktion in Höhe von nur einem Pfennig täglich annehmen, dann kommen Sie auf 42 Millionen Rente. Das kapitalisieren Sic, wie Sie wollen, mit 6 oder 7 Proz., jedenfalls kommen Sie bann viel höher, als Sie (nach links) an# nehmen. (Heiterkeit rechts. Lachen b. d. Soz.)

Der Abg. Schäblcr hat verlangt, ich solle mich etwas mehr mit ber

Eingeborenen-Frage

beschäftigen. Nun, gerabe, weil ich es für meine wichtigste Ausgabe halte, bie Eingeborcnenprobuktion und als, bereu Vorbedingung die Eingeborenenwohlfahrt zu fördern, habe ich ja diese Zahlen auf- gestellt. Ich glaube, daß gerade die Aufstellung dieser Ziffern, sie mag so genau oder so ungenau fein, wie sie will, geeignet ist, das deutsche Volk davon zu überzeugen, wo man eigentlich eingreifen muß. Ich befand mich in dieser Hinsicht durchaus im Einverständ­nis mit dem Sprecher ber konservativen Fraktion. Weiter hat der ?lbg. Schädler gesagt, in der Kolonialabteilung muß auch im Innern Ordnung geschaffen werden; er hat dann einige Ausschnitte ver­lesen aus verschiedenen Blättern vom 12., 14. und 16. September. Ich bemerke dazu, daß das meine Verwaltung nicht betreffen kann, da ich die Geschäfte erst am 10. September übernommen habe. Ich habe mir aber die Mühe genommen, festzustellen, wie es bisher gewesen ist. Aus ber Geschäftsanweisung ergibt sich, daß im Amt eine gewisse Arbeitsteilung geherrscht hat, die Eingänge gingen an drei verschiedene Referenten, nur die wichtigsten Sachen wurden dem Direktor vorgelegt. Und zwar ist das die Folge der

ArbcitSüberhäufung.

in diesem Amte. Ich habe nun 2% Monate den redlichen Versuch gemacht, alles selbst durchzulesen, und alles selbst zu unterschreiben. Das erstere habe ich nicht ganz durchgesetzt, das zwette habe ich durchgesetzt. Das hat mich praeter propter

13 Stunden am Tage

auf meinem Sessel fcstgehalten. (Härt! hört!) Ich habe schon gestern gesagt: zu einer wirklich administrativen, legislatorischen oder volkswirtschaftlichen Arbeit bin ich nicht gekommen. Ein Amt, das in % Jahr über 60 000 Eingänge hat, kann von einer Person gar nicht übersehen werden. (Sehr richtig!) Ich setze das durch, so lange es geht, aber in dem Moment, wo cs nottoenbig ist, bie Arbeiten der Kolonialabteilung in diesem Hause zu ver­treten, ist natürlich meine ganze Anordnung in die Brüche gegangen, denn wenn man hier 4 oder 5 Stunden zu_ sitzen die Ehre hat (Heiterkeit) unb dann noch in Kommissionen tätig ist, bann hat der Tag ein Ende. Länger als 24 Stunden ist er nicht. (Heiterkeit.)

Noch ein Wort über Den

sogenannten Optimismus,

der mir borgeworfen ist. Der Optimismus scheint etwas ganz furchtbares zu fein. (Heiterkeit), ich bin ihm noch nicht begegnet (erneute Heiterkeit), aber er wird mir immer entgegengehalten. Ohne die Zuversicht, daß man aus der übernommenen Aufgabe etwas machen kann, ohne den festen Willen, die Sache auch durch- zuführen ohne Rücklicht auf die Schwierigkeiten und Unannehmlich­keiten, die man sich dabei zuziehen kann und ohne die Anstrengungen, die dazu notwendig sind, wird überhaupt nichts in der Welt gemacht. (Sehr richtig!) Und

diese Sorte von Optimismus

besitze ich und hoffe sie mir audj zu bewahren. (Beifall.) DaS führt natürlich nicht dahin, daß man uferlose Dinge unternehmen soll. Das habe ich auch nicht gesagt. Kein Mensch kann mir das vorwerfen. Im Gegenteil, ich habe gesagt, bie koloniale Entwicke­lung Deutschlands kann nur vor sich gehen ziel- unb plangemäß, mit einem festen Plan, sodaß man sich einrichten kann. Ter Abg. Semler sagt, er hätte es lieber gesehen, wenn jetzt nicht wieder ein solches Stückchen gefordert, sondern wenn gleich ein volles Programm für alles gekommen wäre, was bezüglich Südwcstafrikas auszugeben ist. Ja, das ist sehr leicht gesagt, wenn man nur zwei Monate Zeit vor sich hat. Vor zwei Monaten habe ich die Geschäfte übernommen, wie kann man da einen Plan aus­arbeiten, wie ein Land durch Eisenbahnen erschlossen werden kann, das zweimal so groß ist wie Deutschland, das man nie gesehen hat und das auch den meisten Herren in seiner geologischen Beschaffen­heit unbekannt ist? Wie kann man einen Plan machen, wenn man nicht weiß, was die Sache kostet! Ich glaube, daß der Abg. Semler das Vertrauen hat, baß ich halte, was ich verspreche, näm­lich daß wir einen Plan machen. Aber ber Plan wird erst reif, wenn man weiß, was die Sache kostet, und dazu müssen Sie uns eine gewisse Zeit lassen. (Sehr richtig!) Ich benötige bie Zeit auch deshalb, weil ich finde und darin unterscheide ich mich von einigen Mitgliedern des Hauses baß wir zur Zett

ziemftch viel Eisenbahnen

Bauen, und daß es richtig ist, daß wir jetzt nicht wieder etwas neues anfangen. Wir bauen jetzt für beinahe 60 Millionen Mark. Da muß man vorsichtig fein und erst bie Erfolge abwarten. Dann haben wir Daten in Händen, unb von diesen Daten erwarte ich, baß sie uns nicht abgeneigter, sondern geneigter machen werden, neues Geld auszugeben. (Sehr richttg!) Von demselben Gesichts­punkt aus, habe ich Ihnen eine Karte zugehen lassen, ich wollte eigentlich schon gestern darüber sprechen, kam aber nicht dazu, da ich die Geduld des Hauses nicht $u sehr ermüden wollte. Die Karte verdankt ihre Entstehung einer Anregung beS Abg. Dr. Müller-Sagau, welcher eine Art beschränkten Schutz eingeführt haben wollte, weil er sich sagte, es ist nicht möglich, auf die Dauer diese hohen Kosten zu tragen. Herr Ledebour hat allerbings gestern gesagt, wir hätten bas Prinzip, die Eingeborenen abzuhetzen. Das soll aus der Denkschrift des hohen Gencralstabes hervorgehen. Ich habe die Denkschrift durchgelesen, habe diese Stelle aber nicht ge­funden. Herr Ledebour, vielleicht zeigen Sie sie mir, die Regie­rung hat das nicht ausgesprochen. (Ruf rechts: Also wieder nicht wahr! Große Heiterkeit rechts.) Die Karte hat zu Irrtümern Anlaß gegeben, weil sie nicht bas gesamte Schutzgebiet enthält; sie zeigt, wieviel Weiße int Jahre 1903 hier gewohnt haben unb wie­viel außerhalb des Limes. Der Limes auf der Karte ist 100 Km. weit rechts und links gezogen worden, indem man angenommen hat, baß bis auf 100 Km. eine Bahn einen wesentlichen Schutz Zu geben in ber Lage ist. Man kann bie Beschränkung ber Besiede­lung auf diesen Limes ermöglichen, indem man Kronland außer­halb dieses Kreises nicht verkauft, indem man ferner denjenigen, die draußen sind, anheim gibt, sich innerhalb des KreiscS anzu- siedcln, und den anderen sagt: Ihr habt auf einen militärischen Schutz nicht zu rechnen! So kann man diesen limitierten Kreis Zuerst besiedeln, und erst wenn die Kraft ber Bevölkerung so stark ist, baß sie hinausdrängt außerhalb des Kreises, dann soll man sie hinausbrängen lassen. Das ist viel natürlicher, als wenn matt dieses Niesengebiet von vornherein über die ganze Fläche besiedel» läßt, und das hat vor allen Dingen den Zweck, die Ausgaben zu verringern. Es ist übrigens gesagt worden, die Linie sei etwas zu hoch, und Herr G o u v e r n e u r L i n d c q u i st , der bie Sache noch näher erklären wird, hat gewünscht, daß bie einzelnen Punkte noch etwas anders gelegt werden sollen.

Eine weitere Art, (

die Kosten zu verringern,

ist bie Folge der Enquete, die Herr Gouverneur Linbcquist unter den Schutztruppen angestellt hat. Es ist ganz rührend, zu sehen, wie jeder Mann, der einmal da draußen war, immer wieder zurück will in das merkwürdige Land. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Ich habe noch niemand gesehen, der nicht wieder zurück wollte. CS wird nun eine Wehrordnung eingeführt,

eine Art Miliz,

bie jeden waffenfähigen Mann auf den Ruf deS Gouverneurs parat stellt, eine Art Landesverteidigung ersten Grades, darntt solche Dinge, tote der Aufstand, nicht wieder Vorkommen. Dadurch sparen wir natürlich viel an der Schutztruppe. Ebenso muffen wir dafür sorgen, daß der Fiskus in Subwestafrika reiche Einnahmen bekommt, unb es erscheint das richttgfte, eine

Grundwertsteuerordnung

zur Einführung zu Bringen. Wir werben bann die Möglichkeit haben, ohne große Belastung des Reiches hier zu beantragen, daß den Farmern, nicht in Form von Entschädigungen, sondern in Form von Unter st ützungen, werbende Beihilfen gegeben werden. (Zustimmung.) Es wird Ihnen noch eine entsprechende Vorlage zugehen.

Herr Dr. Semler hat angeregt, nunmehr zunächst einmal eine

Feldspurbahn

zu bauen. Dieser Gedanke hat etwas Bestechendes. Wir fürchten aber, daß die Vorteile doch nicht erreicht werden, die Herr Dr. Semler sich davon verspricht. Motiviert ist der Gedanke ja mit der Notlage unserer Truppen, ihrer schlechten Verpflegung usw., und selbstverständlich wird die Anregung fteundlich geprüft werden.

Nun zu einigen anderen, kleineren Bemerkungen, bie sich auf bie Rede des Abg. Dr. semler beziehen. Herr Dr. Semler hat uns unrecht getan, und er wird das Unrecht nicht aiifrechterhalten. Wo haben wir denn den Gebauten ausgebrückt, daß der deutsche Export vielleicht auf der Welt unterbunden toirb, und daß wir bann zurückgrcifen müssen auf unsere Kolonien.. Wenn wir bad gesagt hätten, würden wir allerdings Tadel verdienen. Aber gar keine Rede davon. Die betreffende Stelle in der ^Denkschrift aber, die Herr Dr. Semler im Auge hat, bezieht sich lediglich aus China, und was wir uns von China zu versehen haben, das haben wir ja bereits erlebt. Aber daß dem deutschen. Handel die ganze. Welt verschlossen werden würde, davon ist gar keine Rebe. Dazu ist der deutsche Handel viel zu aktiv, dazu sind seine Produkte viel z» gut (lebhafte Zustimmung.)

Es ist bann auch die Frage aufgeworfen worden, ov eS ma>

möglich fei, den

deutschen Handwerkerstand

mehr zu Materiallieferungen und fonftigen Zwecken heranzuziehen Ich komme später noch daraus, warum das bisher nicht mogln® gewesen ist unb welche Vorbedingungen notwendig waren, um es zu ermöglichen. Man hat deshalb den Vertrag mit der F^rma Tippclskirch seinerzeit gemacht, weil man keine Organisation im Kolonialmnt hatte, die bie Angebote der einzelnen..Lieferanten prüfen konnte, mit Verschiedenen Verhandlungen an knüpf en konnte unb so weiter. Wenn Sie dem neuen .Kolonialamt das notwendige Personal geben, so daß wir die Intendantur voll besehen können, bann werden wir uns auch an die kleinen Sßrobuftcnten toent^u (D fall rechts), wenn aber ein einziger Mann, wie Maior ,^cher, ferungen für 16 000 Mann in kurzer Zett beschaffen muß, ohne baß