DerTreren, daß ave vnd gute, aber tn ihrer ^nttoideTimg stehen- gebliebene Regeln für die Verwaltung auf alle Verhältnisse passen. Wenn die Behauptung richtig ist, daß eine Nation, soll sie nicht an ihrer Spannkraft verlieren, von Zeit zu Zeit vor eine große nationale Aufgabe gestellt werden muß, so ist es meine ernsthafte Heber« zeugung, daß in dem Zeichen der kolonialen Entwickelung diese große nationale Aufgabe für Deutschland gefunden werden kann. Sie verbindet wirtschaftliche und ethische Gesichtspunkte, und ich glaube, daß ein großer Teil unseres Volkes eine große Freude, eine volle Befriedigung in der Entwickelung dieser Gebiete haben kann, nnd daß diese Entwickelung dazu dienen wird,
ttnfer nationales Selbstbewußtsein >
-u starken nnd zu heben. Diese Entwickelung kann nicht vor sich gehen, wenn wir uns nicht in einer freien Atmosphäre bei der Behandlung unserer kolonialen Angelegenheiten bewegen. Wenn wir am KIeinlichen und Allzukleinlichen zu stark hängen bleiben, und wenn wir das Menschliche und Allzumenschliche, welches in jeder Verwaltung jederzeit vorkommt und in Deutschland an jedem Tage vorkommi, mit einer verbissenen Selb st zerfleischung beständig an die Oberfläche zerren (Sehr wahr! rechts), dann kommt das deutsche Volk in die Gefahr, dies als das Wesentliche an den Dingen zu erachten. Wenn es gelingt, die Hebel zu lüften, die sich zwischen die deutsche Nation und
die aufgehenbe Sonne kolonialer Prosperität drängen, dann wird uns die Nation dankbar sein. Der Herr Reichskanzler hat vorhin ein Wort des Fürsten Bismarck zitiert, das dieser 1876, vor 30 Jahren, gesagt hat, -aß er seit längerer Zeit die Kolonialfrage eifrig studiere und zu der Neberzeugung gekommen sei, daß eine so große Nation, wie die deutsche, auf die Länge der Kolonien nicht entbehren könne, aber die Frage sei eine so überaus schwierige, daß er sich scheue, ohne entsprechende Vorarbeiten und ohne einen Impuls aus der Nation die Sache in die Hand zu nehmen. Auf dieses Programm hin sollten wir arbeiten, genau und sorgsam arbeiten, auch versuchen, in unsere Nation den Impuls zu tragen, den unsere Kolonien tatsächlich verdienen, und damit, wie der Fürst Bismarck an einer anderen Stelle,, nämlich im Jahre 1867 in einem Rundschreiben an die preußischen Vertreter bei den süddeutschen Staaten gesagt hat, den Strom der nationalen deutschen Entwickelung in ein Bett zu leiten, in dem es nicht zerstörend, fonbern befruchtend wirkt. Unsere koloniale Betätigung auf den in unserem Besitz befindlichen Kolonien wird unö aber von den anderen europäischen Nationen nur freundlich ausgelegt werden und nur Freunde machen können, denn was ist ein sichererer Beweis für
die «mdauer.rde Friedensliebe der deutschen Nation, die ste unter der Führung Seiner Majestät des Kaisers seit so vielen Jahren bewiesen hat, als die Verlegung unserer expansiven Betätigung aus den nun seit langen Jahren gehegten Kolonialbesitz! Diese Friedensliebe und aufrichtige Politik hat gleichzeitig der deutschen Nation für ihre Betätigung das weite Meer und die überseeischen Gebiete mit Erfolg zugewiesen. Ich sagte daher, wenn auch hi einer nicht sehr schnellen Entwickelung, sowohl vom ethischen, wie von dem materiellen Gesichtspunkt, ist unser Kolonialbesitz eine
Gunst des Geschickes für die deutsche Ration, vnd man darf die Hoffnung hegen, daß, sofern mit dem notwendigen inneren Ernst, der notwendigen Zähigkeit, der notwendigen Tatkraft und Opfermütigkeit die Entwickelung unserer Kolonien weiter bei uns betrieben wird, auch sie ein Denkmal sein werden deut- iße'f J?1-!^s,deutscher Tüchtigkeit, deutscher Kultur. (Lebhafter
Mg. Dr. Schadler (Ztr.):
Sch bedauere, dem Kolonialdirektor nicht folgen zu können; venn so w e i t geht mein Optimismus nicht. (Zuruf links: So weit!) Ja, so weit! Das übrige wird sich ja finden (Große Heiterkeit), und bis zur dritten Lesung ist noch lange Zeit. Der neue Kolonialdirektor hat sich persönlich nicht unvorteilhaft eingeführt (Heiterkeit), jedenfalls vorteilhafter, als durch seine Denkschrift. (Erneute Heiterkeit.) Der Reichskanzler hat hervorgehoben, daß unsere Kolonialpolitik sich in einer ernsten Krisis befindet. Das endlose blutige Ringen in Südwestafrika erweckte große Besorgnisse in weiten Kreisen unseres Volkes. Das Verhalten unerer Krieger auf unwirtlichem Feld einem tückischen Feind gegenüber ruft unsere höchste Bewunderung hervor. Wie wünschen nun, daß sie so bald wie möglich in die Heimat zurückbefördert werden. (Zustimmung.) Da der Widerstand des Feindes ja jetzt gebrochen ist, so mögen den 400 Zurückgekehrten bald Tausende folgen! Ich freue mich darüber, daß die Regierung jetzt die Fortdauer der Opfer für nicht vertretbar hält. In ernster Krisis, draußen und drinnen, befindet sich unsere Kolonialpolitik. Tausende von Menschen, Tausende von Millionen sind geopfert. Hoffentlich hören jetzt auch die Kolonialskandale auf! Den ganzen Sommer über hat es getröpfelt! (Heiterkeit.) Es kam bald diese, bald jene Enthüllung, so daß man wünschen könnte, der ganze Kübel sollte auf einmal entleert werden. Das Zentrum wurde beschuldigt, der Kolonialpolitik mißgünstig zu sein, gegen den Reichskanzler zu fronbieren sOh! Oh! bei den Sozialdemokraten) — nicht wahr, das setzt Sie selber in Erstaunen? (Heiterkeit); uns so etwas zuzumutenI (Heiter- keitl —, solch schwarze Gedanken wurden uns zugetraut (Heiterkeit).— na ja, können wir denn überhaupt andere Gedanken haben, als schwarze? Tie Farbe ist wenigstens waschecht. (Heiterkeit.) Mut nach oben wurde in letzter Zeit vielfach verlangt. Nun, da kann Regierung und Volk dem Kollegen Erzberger für fein Vorgehen dankbar fein. Wir identifizieren uns nicht mit dem Kollega Erzberger (Hört! Hört!), — das verlangt er auch gar nicht. Wir desavouieren ihn aber auch nicht. Wir halten uns an das, was er festgestellt hat. Der Reichskanzler sagte: die Besprechung solcher Dinge schadet unserem Kredit! Das tut nicht die Besprechung, das tun die Dinge selber! (Sehr richtig!) In der Oeffentlichkeit ist unsere Partei aufgefordert worden, Herrn Erzberger gegenüber Stellung zu nehmen. Das haben wir nicht nötig, ist langst geschehen. Herr Erzberger hat ja erklärt, daß er nicht Gegner der Kolonialpolitik sei, sondern nur der derzeitigen Verwaltung! Und das Zentrum hat zur Kolonialpolitik in zwei Wahlaufrufen offiziell Stellung genommen. Wir stehen dem neuen Herrn jetzt objektiv gegenüber; maßgebend werden für uns seine Taten sein. Interessant wäre es freilich, noch manches zu erfahren; z. B. woher er die bindende Zusage erhalten habe, daß ein s e l b st ä n d i g e s K o l o n i a l a m t geschaffen werden würde. Sollte dieser Plan vorhanden sein, Jo werden wir ihn ebenso gewissenhaft prüfen, wie das letzte Mal. (Heiterkeit.) , Ebenso interessant wäre uns eine Auskunft über die V o r - schßae sch i chte — bei uns wird überhaupt viel Vorschuß gegeben, Borschu« auf !
Man hat die Berufung des neuen Herrn als einen Bruch mit dem Bureaukratismus gepriesen; man sagte, jetzt werde der Amerikanismus seinen Einzug halten. Wir gratulieren der Regierung zur Entdeckung oder Selbstentdeckung des neuen Herrn. (Heiterkeit.) Wir begrüßen es auch, daß er hinsichtlich der reinen Hände im lukrativen Erwerb älteren Geschlechtern ein gutes Beispiel gegeben hat. (Sehr gut!) Wir freuen uns auch seiner guten Vorsätze. Aber, den Beweis wird er durch seine Wirksamkeit geben müßen. Die Grundzüge seines Programms verdienen durchaus Anerkennung. In der Zeitschrift „Deutschland" wird dem neuen Kolonialdirektor nahegelegt: er hüte sich vor dem Zentrum und vor dem Einfluß der Mission; das Zentrum fei eine wesentlich kolonial- feindliche Partei!, Diesen Vorwurf hat aber bereits Windthorst im Jahre 1881 in einer Erklärung widerlegt, der seine Freunde ein für allemal gegen eine derartige Beschuldigung verwahrte; sie seien vielmehr für eine vernünftige Kolonialpolitik stets zu haben. Wir sind keine Gegner der Kolonialpolitik, wohl aber der Kolonialskandale! Da allerdings heißt es: nicht vertuschen, sondern mit scharfer Hand zugreifen! Dazu wird man uns stets bereit finden. Gerade diese Skandale haben das Interesse an den Kolonien im Volke wesentlich herabgemindert. Ter Reichskanzler warnte davor, diese Skandale zu verallgemeinern, die ganze Beamtenschaft herunterzureißen. Wann und wo ist das geschehen? Die wichtigste Frage, vor der wir jetzt stehen, ist die der Eingeborenenbehandlung, da wird der Kolonialsekretär (Heiterkeit) — ich meinte Kolonialdirektor, Sie können das ja als Omen betrachten, wenn Sie wollen (Hört!, hört! und Heiterkeit) —, da wird er zeigen können, was er leistet. Dem neuen Herrn wird nachgesagt, daß er pünktlich fei, daß er stets punkt 9 Uhr im Automobil vorfahre und dadurch auch seine Beamten zum pünktlichen Erscheinen veranlasse, die früher selten vor 11 Uhr kamen. Ferner, daß er angeordnet habe, alle wichtigen Sachen müßten ihm persönlich borgelegt werden. „Das soll früher nicht geschehen sein, ja der Kolonialdirektor soll früher die meisten Eingaben überhaupt nicht erhalten haben! (Hört! hört!) Es soll früher da so eine Art Belobigungsverein der Kolonialbeamten existiert haben! (Heiterkeit.) Während die Namen der, fleißigen Beamten anderer Ressorts unbekannt sind, werden die der Kolonialverwaltung der undankbaren Welt täglich in die Ohren geschrien.
Ordnung im eigenen Haushalt! " Das muß das m'te Jeim Notwendig ist bann vor allem Geschäftskenntnis und Geschaftsgewandtheit, damit, beim Abschluß der Verträge nicht wieder so grobe Fehler passieren, und diese nicht eine Quelle der Ausbeutung werden, an der einige Firmen ihren Patriotismus gut verzinsen. Es war für uns angenehm zu hören, daß diese Vertrage zum Teil gelöst, znm Teil in der Lösung begriffen fmb. Der Reichskanzler beklagte, daß die Intaktheit unseres Beamtenstandes angegriffen sei. Von wem und wo? Gerade weil unS die Intaktheit des BeamlenstandeS so sehr am Herzen liegt, suchen wir alle Flecken zu entfernen. Wir erinnern nur an die Affäre Fischer. Ein andrer, viel genannter Mann hat durch das Niederlegen seines Ministerporteseuilles geführt!, was er auf diesem Gebiete gefehlt Bat Möge er auf diesem Gebiet keinen Nachfolger finden! Ein aus dem ©teuergelb deS Volkes Dividenden ziehender Minister muß ein Einzelfall bleiben. Ferner: der Beamtenstand in den Kolonien muß sich aus den besten Männern rekrutieren. Minderwertige Elemente, und wenn sie königliche Prinzen wären (Hört! hört!), sind nur geeignet, den deutschen und den christlichen Namen in den Staub zu ziehen! (Wahr! Richtig!) ■'
Die Denkschrift macht den Eindruck, als ob der Kolonialdirektor sich _ noch nicht vollständig aus dem Bankdireklor herausgemausert hat. Sie ist in einem gewissen Prospektton gehalten über ein Unternehmen mit 1 Milliarde Gesamtwert (der Kolonialdirektor lächelt zustimmend). Ich glaube kaum, daß die Begründung der Zahlen ausreichend ist. Die Denkschrift ist als Tendenzroman, Feuerwerk und Amerikanismus gekennzeichnet worden. Natürlich eigne ich mir diese Kritik nicht an. Ich erwarte aber die näheren Unterlagen noch in der Kommission. Desgleichen erwarte ich in der Kommission genaue Auskunft über die Heber« schreitungen, die in den vergangenen Jahren Oorgefommen sind, in erster Linie, wie hoch diese Heberschreitungen sind und woraus sie bisher gedeckt wurden.
Der Kolonialdirekwr hat ang-’Iünbigt, es müsse ein besonderes Kreditgesetz erscheinen. Ich schließe daraus, daß eine Deckung aus dem Ordinarium völlig ausgeschlossen ist, daß diese Heber- schreitungen eine ganz bedeutende Höhe erreicht haben. Diese Aukinidigung scheint nur ein Anfang zu fein, um das kommende dicke Ende einstweilen vorzubereiten. In der Kommission miiffeii wir bann noch eingehender unterrichtet werben über die wirtschaftlichen Zielpunkte, die sich der Herr Kolonialdirektor gesetzt hat. Sie gipfeln in dem möglichst raschen ausgiebigen Eisenbahnbau. Er Bat eine Denkschrift über b e n Eisenbahnbau zugesichert, und ich möchte anregen, diese Denkschrift anSzudehnen auf sämtliche Kolonialbahnen, die bisher gebaut sind. Man hat von 300 Millionen gesprochen, die dafür gefordert werden sollen. Das ist desavouiert worden. Aber der Kolonialdirektor hat mit solcher Begeisterung von dem Bahnbau gesprochen, daß ich glaube, diese Summe soll nun verteilt werden.
. Dann verstehe ich noch eins nicht: Der Kokonialdirektor hat gesagt, durch Ersparnisse an Trägerkosten nach vollendetem Bahnbau würden allein 2 Millionen erzielt werden. Wo sollen denn diese Ersparnisie herkominen? Sie können doch nur gemacht werden, wenn Truppen im Lande sind, und deren Zurückziehung hat der Reichskanzler gerade versprochen. Vor allem muß ein Kolonial- recht geschaffen werden. Bisher ist alles auf dem Ver- ordnungsweg geschehen. Es sollen bis jetzt nicht weniger als 1906 solcher Verordnungen erlassen worden sein. Und daS gegenüber Eingeborenen, denen man erst die Grundlage solcher Anordnungen , bringen muß, die Buchstabenkenntnis! Es ist höchste Z it. die Regelung dieser Materie in Angriff zu nehmen. Notwendig ist es, daß den Missionen ausreichender Schutz und Unterstützung zu Teil wird. Das Weitere auf diesem Gebiete wird noch einer meiner Freunde besonders darlegen. Jedenfalls hoffe ich, daß man sich allmählich daran gewöhnen wird, in den Missionaren die Berater der Eingeborenen zu erblicken. An ein Preisgeben unserer Kolonien ist nicht zu denken, einmal nicht wegen unsres Prestiges, und bann, weil wir Kolonien unbedingt brauchen. Ausdauer aber ist notwendig, wenn man ernstlich will, baß die Kolonien sich in politischer, wirtschaftlicher und ethischer Hinsicht entwickeln. (Beifall im Zentrum.)
Abg. Ledebonr (Soz.):
Aus den eingehenden Darlegungen des Vorredners Babe ich leider nicht entnehmen können, wie sich beim nun eigen..ich das Zentrum zu dieser Vorlage stellt. (Sehr gut! bei den Soz.) Der Reichskanzler wurde heute erst ioarm, als er feine Beamten in SchnH nahm. Damit aber habe er offene Türen eingerannt, beim
es ist auch niemandem von uns eingefallen zu behaupten, van alle unsere Kolonialbeamten unfähig ober korrupt seien. Aber nichts ist charakteristischer für den Reichskanzler, als daß er hier einen Subalternbeamten preisgab, ihn als anrüchig Biustellte, weil et einigen Abgeordneten Mitteilungen Batte zugehen lassen. (Widerspruch rechts.) Tas war sein ganzes Verbrechen. _ (Große Unruhe und erneuter Widerspruch rechts ) Die großen Mißerfolge unserer kapitalistischen Kolonialpolitik sind zweifellos zum großen Teil darauf zurückzusühren, baß in den Kolonien unreifen und rohen Personen oft eine nahezu unbeschränkte Machtvollkommenheit eingeräumt ist. Algier ist ein ganz unpassendes Vergleichsobjekt für unsere Kolonien, denn mit unseren Kolonien wird nie etwas zu machen fein, auch in Jahrhunderten nicht. Die Ausführungen des Staatssekretärs über Algier waren also durchaus überflüssig. Wenn bas Programm des Kolonialdirektors in die Wirklichkeit umoesetzt wird, dann können wir uns ja auf schöne Dinge gefaßt machen. Eine ganz merkwürdige Inventur hat der Staatssekretär in seinen Denkschriften gemacht. Es scheint, als ob er unsere Exportziffern mit 20 multipliziert Bat, um zu der von ihm gegebenen Berechnung zu kommen. (Der Kolonialdirektor schütielte lebhaft verneinend den Kopf.) Zum Teil handelte es sich sogar um Multiplikationen mit 33^. Solche Berechnungen sind geradezu ungeheuerlicher Hnfinn. (Heiterkeit.) Sie grenzen an die Berechnungen der Finanzgenies der Trebertrockuungsgesellschaft. (Erneute Heiterkeit.) Der Kolonialdirektor hat sich sogar seines Optimismus gerühmt. Auch wir Sozialdemokraten rühmen uns des Optimismus. Wir sind auch feine Schwarzseher, denn wir hoffen mit der ganzen Gesellschaft, die jetzt in Deutschland herrscht, »och einmal fertig zu werden. (Große Heiterkeit.) Aber der Optimismus des Kolonialbirektors grenzt an den deS russischen Staatsmanns, der der Kaiserin Katharina blühende Dörfer aus Pappe vorzauberte. Hub geradeso wie man bisher von Potemkinschen Dörfern sprach, wird man künftig von Deruburgschen Inventuren reden. (Stürmische Heiterkeit.) Sollte die Reichsregierung sich mit diesen Jnventurkunststücken identifizieren, bann wird man ihre Berechnungen überhaupt nicht mehr ernst nehmen können. Gehen nun diese Jnventurkunststücke von einer Person aus, die den Ruf einer finanziellen Kapazität besitzt, dann meine ich, kann man von gutgläubiger Hmeintapserei (Heiterkeit) nicht mehr reden, bann handelt es sich bereits um eine planmäßige Täuschung des Reichstags. (Unruhe rechts.)
Präsident Graf Ballestrem: *■
Sie dürfen den Ausdruck „planmäßige Täuschung des Reichstags" auf ein Mitglied des Bundesrats nicht anwenden. Das entspricht nicht der Ordnung, und ich bitte Sie, das nicht wieder zu tun, sonst müßte ich Sie zur Ordnung rufen.
Mg. Ledebonr (fortfahrend):
Wenn dieser Ausdruck nicht zulä'sig ist, dann will ich ihn durch den parlamentartschen Ausdruck ersetzen: corriger la fortunp
Präsident Graf Ballcstrem:
Mir ist diese Redensart bekannt, sie ist noch schlimmer als bfc erste. (Zustimmung rechts.) Ich rufe Sie zur Ordnun g. (Beifall rechts.)
Mg. Ledebonr (fortfahrend):
Ich habe es sehr bedauert, daß der Mg. Semler Propaganda dafür macht, daß den afrikanischen Aufständischen alles Land weg- genommen wird. Ich frag? benKolonialdlrektor, ob man bavonAbstand genommen hat, auch bas Hottentottenland zu konfiszieren. Weiß er überhaupt darüber Bescheid? Ja, er, der sonst immer mit dem Kopfe nickt oder den Kopf schüttelt bei den Reden der Abgeordneten, er rührt sich jetzt garnicht. (Große Heiterkeit.) Darüber schweigt sich die Denkschrift ans, darüber schweigt ich der Reichskanzler aus, darüber schweigt der Kolonialdirektor, darüber schweigt alles. Herr Semler will, daß mit Ausnahme von Ovamboland alles Land der sogenannten Aufständischen konfisziert werben soll. Dagegen müssen wir entschieden Verwahrung einlegen. Wir fordern im Gegenteil, daß den Eingeborenen so viel Land zurückgegeben wird, als sie zur Bewirtschaftung brauchen. Redner wendet sich sodann gegen die Natioualliberalen, die, nachdem der Reichstag im Sommer die Bahn abgelehnt habe, sich auf den Boden dieses Beschlusses stellen müßten, wenn es ihnen wirklich ernst tväre (Zuruf von den Nationalliberalen: Machen Sie e8 denn auch so?) mit ihren Bemühungen, dem persönlichen Regiment ein Ende zu machen. Sie haben hier vor wenigen Wochen durch einen Ihrer Redner schwungvolle Reden gegen das l ersönliche Regiment halten lassen. Wir müßten damals annehmen, daß Sie einen gewaltigen Anlauf nehmen wollten — ganz gegen Ihre sonstige Gewohnheit (Lachen bei den Nationalliberalen) — derartigen Uebelftänben in Deutschland entgegenzutreten. Mit Reden richten Sie nichts aus. Sie müssen Taten zeigen und das Budget verweigern. (Erneutes schallendes Lachen bei den Ml. Auch der Kronprinz lachte.) Sonst toerden Sie wiedermn an die Wand gedrückt, daß Sie quietschen. (Lachen.) Mit bloßen Reden über das persönliche Regiment ist es nicht getan, man muß vielmehr gegen das ganze System zu Felde ziehen. Denn das persönliche Reg'ment ist nur die Krönung des Gebäudes. Denn Sie nicht darauf eingehen, den Willen des Volkes zur Geltung zu bringen, soweit er durch das Parlament zur Geltung gebracht werden kann: _ wenn Sie also nicht die Parlamentsherrscha't erstreben, die absolut notwendig ist, dann werden Sie gar nichts ausrichten. Wir verlassen uns nicht auf Sie, denn bann wären wir verlassen. Alle Ihre Reden erweisen sich als leeres Schau mgepxäge für die Oeffentlichkeit, wenn Sie sich nicht ernstlich vornehmen, die Macht des Parlaments auszunutzen, um daS persönliche Regiment in Deutschland zu brechen. (Lachen bei den Nl.) Vor allem müßten Sie mit Entschiedenheit jeder Nichtachtung der Parlamentsbeschlüsse entgegentreten. (Sehr richtig 1 bei den Soz.) Unterer Kolonialpolitik fehlt jeder weite Blick (Lachen', bi« Kolonialpolitik, die Sie treiben, ist nichts weiter als eine schwach- liche Imitation der Kolonialpolitik anderer Nationen. Dem Volk« toerden dadurch kolossale Lasten aufgebürbet. Wie der Kolonial- direktor sich einreden kann, daß in Südtvesiafrika etloaS zum Vesten der Massen in Deutschland geschaffen toerden kann, ist mir rätselhaft. Im Vergleich zu den heutigen Staatsmännern ist die Enthaltsamkeit, die Fürst Bismarck in kolonialen Angelegenheiten gezeigt hat, ein Beweis von staatsmännischer Klugheit. (Hört! hört! rcchtsO Ich möchte nur wünschen, daß Fürst Büloto den gleichen Mut fände und die gleiche Entschlossenheit, auf Dinge zu verzichten, von denen,' nach allen Tatsachen, die wir darüber wissen, dem deutschen Volk nur Unheil und Nachteile erwachsen. (Beifall b. d. Soz.).
Hierauf v e r t a g t das Haus die weitere Beratung auf Donnerstag 1 Uhr.
Schluß 6 Uhr.
Zum Tode StaVleiEis.
' Die Feierlichkeiten zur Uebcriübrnng der Leiche des verstorbenen Erzbischofs Tr. v. Stablewski begannen am 28. d. M. in Posen. Di» gesamte Geistlichkeit beider Diözesen begab sich in das erzbischöfliche Palais, wo eine Traueroesper abgesungen wurde. Anwesend als Vertreter des Kaisers war Oberpräsident v. Waldow, ferner waren erschienen die Spitzen sämtlicher weltlicher Behörden. Unter dem Geläut der Glocken des Domes und sämtlicher katholischen Kirchen setzte sich nunmehr der Trauerzug unter Bora'ntritt von 350 Geistlichen in Bewegung. Der Sarg wurde von Geistlichen getragen. Gewerkvereine und Brüderschaften bildeten Spalier. Im Dom hielt Domprobst Michalski die Trauerrede. Der Dom blieb die ganze Nacht für das Publikum geöffnet.
Das Gnesener Dom-Kapitel wählte seinen Senior- Prälaten Dorzewski zum Kapittilar-Vikar mit der Befugnis ztir Verwalt trug des Vistutus während der Sedisvakanz des erzbischöflichen Stuhles. Die Wahl bedarf der Bestätigung des Oberpräsidenten.
Ein Stufruf zu einem Stablewski-Fonds wird unter Polen verbreitet. Die gesammelten Gelder sollen zur dauernden Förderung des Unterrichts polnischer Kinder in ihrer Muttersprache dienen.
Das Mitglied des preußischen Herrenhauses, Graf von Koszielski, der sich zur Zeit in Lemberg aufhält, hat sich bei einem Gespräch mit einem Redakteur über die Nachfolgerschaft deS Erzbischof v. Stablewski geäußert. Herr van Koszielski meinte, es sei begründete Aussicht, daß die römische Kurie sich gegen die Ernennung eines Deutschen zum Erz
bischof von Gnesen-Posen ividersetzen tverde. Man müsse deshalb auf eine Verschleppung dieser Frage gefaßt fein. Der Widerstand der polnischen Jugend gegen den deutschen Unterricht sei nicht abgcschwächt. Die deulfthe Negierung werde gegen die Kinder nichts auSrichten und ihre Repressiv - Maßregeln müßten bald aufgegcbeu werden.
Hmöcrffitätes’Kadiriditett*
— Der Roosevelt-Professor Burgeß, der bekanntlich zurzeit an der hiesigett Universität Vorlesttngen über amerikanische Verfassungsgeschichte hält, wird auch die Universitäten B o n n, Jena und L e i v z i g zu dem gleichen Zweck besuchen. Auf Anorbuung des Kaisers wird Prinz August Wilhelm, der gegemvärlig in Bonn studiert, den Vorlesungen beiwohnen.
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