Donnerstag, 29 November 1906
Nr. 281
156. Jahrgang
Eichener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag?.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben
daß
die Firma TippclSkirch u. Co.
sogenannten
Kolonialskandalen
konnte deshalb
Herrn Dcrnburg
sondern
wir müssen kolonisieren,
iat dadurch die Achtung, die er
Redaktion, Exoedikion u.Druckerei: Schulstr.7.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
Die „Gießener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
hatte, zweitens die seiner vorgesetzten Dienstbehörde schuldige Achtung verletzt, drittens gegen Beamte der Kolonialverwaltung böswillig oder leichtfertig unwahre Beschuldigungen erhoben habe. (Na, na, bei den Soz. Hört, hört, rechts.) Tie Achtungsverletzung wurde in verschiedenen Eingaben des Angeschuldigten an mich, den Reichskanzler, gefunden. Es heißt in den Emschcidungs- —jt.. -rser Angeschuldigte hat dem Reichskanzler mit "istände gedroht, um ihn seinen
«Beamten nicht von vornherein Anspruch auf Beachtung oder gar auf volle Glaubwürdigkeit hatten. (Sehr richtig 1 rechts. — Lachen bei den Soz.) Aber auch noch einem anderen Vorwurf sollte ich begegnen: Ich hätte nicht dafür gesorgt, hat man gesagt.
Rotationsdruck und Verlag der ruf) Pf eben UnwersilälSdruckeret. R. Lange, Gießen.
gründen wörtlich: »Ter Angeschuldigte hat dem Reichskanzler mit der Veröffentlichung angeblicher Mißstände gedroht, um ihn seinen Ansprüchen geneigt zu machen, und hat dadurch die Achtung, die er seinem höchsten Vorgesetzten schuldig ist, in dreister Weise verletzt." Sie tocrdcn mir zugeben, meine Herren, daß die Aussagen dieses
zu beschäftigen. Man hat sich nicht darauf beschränkt, wahre Tat» fachen wiederzugeben, man hat sich unzweifelhaft Uebertreibungen, Verallgemeinerungen und Entstellungen schuldig gemacht. (Leb-' haste Zustimmung rechts, Widerspruch bei den Soz. und im Zentr.) Ich habe schon neulich, vor gerade 14 Tagen, darauf hingewiesen, wie kehr bei uns die Unsitte eingerisien ist, heimische Mißstände durch ein Vergrößerungsglas zu betrachten und in der Verzerrung zu schildern. Anläßlich der Vorgänge auf kolonialem Gebiete erscheint mir diese Manier, die in solchem Grade bei uns grassiert, besonders stark. (Lärm bei den Soz. Sehr richtig! rechts.) Jeder einzelne Fall wird eingehend bebandelt und als Symptom der Durchsuchung breitgetreten. Solche Ucbcrtreibimg und Verallgemeinerung werden dann vom Auslande mit Behagen aufgenommen und mit großem Vergnügen schadenfroh weiter verbreitet.
Mir sind Briefe zugegangen von Deutschen im Auslande, es sei unerhört, wie dadurch der deutsche Kredit, das deutsche Ansehen in der Welt geschädigt worden wäre. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Im Auslande bildet man sich wirklich ein, es wären bei uns Milliarden gestohlen worden, unser ganzer Beamtenstand sei verseucht, es sei überhaupt fein ordentlicher, pflichttreuer und braver Beamter mehr in Deutschland anzutreffen. In englischen, französischen, amerikanischen und spanischen Blättern erschienen frohen lange Artikel, ausgefüllt mit deutschem Klatsch und Trarsch unter der Ueberscbrift „Das deutsche Panama". Demgegenüber will ich vor dem Inland und vor dem Ausland, vor der ganzen Welt feststellen, daß der
/ deutsche Beamtenstand
von keinem anderen übertroffen wird (lebhafte Zustimmung rechts, Lachen beim Zentrum und bei den So;., Schluß- rufej an Gewissenhaftigkeit und Integrität. Ich will feststellen — die Unterbrechungen machen mich daran nicht einen Augenblick irre (großer Lärm links) — daß die große Mehrzahl 2>er Beamten, die unter schwierigen Verhältnissen arbeiten,
ordentliche und pflichttreue Beamte
sind. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich will feststellen, daß die vielbeklagten Ereignisie in unserer Kolonialverwaltung nicht dem ganzen deutschen Bearnlenstand zur Last geschrieben werden können, ich will feststellen, daß solche Vorgänge auch in der Kolonialgeschichte anderer Völker stattgefunden haben und in weit höherem Grade, in weit größerem Umfange, als bei uns. Die Engländer, Franzosen, Amerikaner haben noch ganz andere koloniale Schwierigkeiten, ganz andere Kolonialskandale überwunden als wir. (Sehr richtig! rechts.) Wie man solche Schwierigkeiten, wie man solche Nöte überwindet, mutig, das können wir von den Engländern, das können wir auch von den Franzosen lernen. Ich will endlich feststellen, daß diejenigen, die solche lieber» treibungen und Verallgemeinerungen schreiben oder lesen, ja selbst im Grunde davon überzeugt sind, daß unser Beamtenstand im großen und ganzen durchaus intakt ist. (Sehr richtig!) Ausnahmen sind Gott sei Tank nur selten. Ich werde gegen jeden Beamten, der sich eine Unregelmäßigkeit zu schulden kommen läßt, rücksichtslos einschreiten. (Beifall.) Ich werde aber auch jedem Beamten — das erkläre ich vor dem Lande — der feine Schuldigkeit tut und zu Unrecht verdächtigt wird, meinen vollen Schutz angedeihen lassen. (Erneuier Beifall.) Möge unser Beamtenstand, auf den das deutsche Volk gewohnt ist, stolz zu sein, auf den das deutsche Volk nach wie vor mit Stolz zu blicken ein gutes Recht hat, sich nicht entmutigen, möge er sich auch nicht verbittern lasten. Denn hinter ihm steht nicht nur die Regierung, hinter ihm stehen alle gerechtdenkenden Leute, und die haben in unserem Volke noch immer die Mehrheit gehabt. (Sehr richtig! rechts,) Ich habe in rastloser Arbeit mit den Regierungen die Wege beraten, die uns zum gemeinsamen Ziele führen. Bewilligen Sie, was die Regierungen nach gewistenhaftcr Prüfung als notwendig erachten! Damit werden Sie unseren Kolonien, damit werden Sie Deutz Varerlande den besten Dienst erweisen. (Lebhafter Beifall rechts.; Zischen bei den Soz.)
Kolonialdirektor Dernburg:
Meine Herren! Wenn Sie mich mit einer gewissen Hebet* raschung hier vor Ihnen sprechen sehen, so gestehe ich Ihnen gern, daß auch ich diese Uebcrraschung teile. Als mir in den letzten Tagen des Augusts der Kaiser durch seinen obersten Ratgeber den Antrag machen ließ, die Leitung der Kolonialgeschäfte des deutschen Volkes zu übernehmen, habe ich nicht geglaubi, mich diesem Anträge vei' ließen zu dürfen, sondern in patriotischem Sinne gemeint, ichwere Aufgabe mir meiner bisherigen Tätigkeit ver
öd wir wollen oder nicht. Ter Trieb zur Kolonisation, zur Ausbreitung des eigenen Volkstums ist in jedem Volke vorhanden, das sich eines gesunden Wachstums und einer kräftigen Entwicklung erfreut. Darum war das deutsche Volk seit seinem Eintritt in die Weltgeschichte, seit zweitausend Jahren, ein kolonisierendes Volk, und wir werden es bleiben, solange wir bestehen. Die Form der Kolonisation wechselt freilich, ebenso wie die Vorteile, die das Mutterland von seinen Kolonien zieht. In den Zeiten nationaler Uneinigkeit und Ohnmacht gingen die über unsere Landesgrenze hinausoringenden Kräfte unseres Volkstums verloren, während andere Völker in der neuen Welt ihre Kräfte und ihren Unternehmungsgeist betätigten und große Kolonialreiche schufen, verzettelte Deutschland seine Kräfte in häßlichen konfessionellen Strett'g- leiten und in törichtem partikularistischen Bruderzwist. Wir wurden zum Kolonialdünger für andere Völker. Eine Wendung zum Besseren trat erst ein in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit der wirtschaftlichen und politischen Wiedergestaltung. Tie deutsche Schiffahrt fing an, sich zu entwickeln, es entstanden deutsche Unternehmungen in überseeischen Ländern. Diese Unternehmungen konnten auf die Tauer nicht des Schutzes durch unsere politischen Machtmittel entbehren. Diesen Schutz zu gewähren, war für Deutschland besonders schwierig. Wir dürfen nicht vergessen, meine Herren, wie sehr anfänglich nicht nur die Engländer, sondern auch andere Völker sich uns gerade auf überseeischem Gebiete überlegen glaubten. Als das Ausland anfing, zu merken, wie viel kaufmännischer Unternehmungsgeist und wirtschaftliche Energie in Deutschland vorhanden war, die auf Entfaltung rechnete, fing man an, unseren Unternehmungen Schwierigkeiten in den Weg zu legen und uns den Vorsprung merken zu lassen, den politische Machtmittel und territorialer Besitz auch auf wirtschaftlichem Gebiete gewähren. Darüber durften wir uns nicht wundern, und doch war es eine Notwendigkeit für das deutsche Volk, im kolonialen Wettbewerb nicht allzu sehr zurückzubleiben. Es ist bekannt, daß sich Fürst Bismarck im ersten Jahrzehnt nach Gründung des Reiches gegen alle kolonialen Bestrebungen ablehnend verhielt. Die vorsichtige Behandlung, welche der große Kanzer anfänglich dem kolonialen Problem angedeihen ließ, ist der beste Beweis dafür, daß sein späteres aftives Eingreifen in die kolonialen Angelegenheiten, unsere 1884 und 1885 Schlag auf Schlag erfolgende Erwerbung großer Gebiete in Polynesien und in Afrika nicht aus der Eingebung einer Augenblickspolitik hervorging, nicht aus phantastischen Vorstellungen oder unangebrachter Großmannssucht, sondern aus reiflicher Abwägung unserer wirtschaftlichen und politischen Notwendigkeiten und unserer wirtschaftlichen und politischen Machtmittel. Meine Herren, ich glaube, daß der damals vom Fürsten Bismarck betretene Weg der richtige ist, daß wir auf diesem Wege weiter fortschreiten müssen, und vor allem, daß wir das erworbene Land, das unter unserem Schutze steht, unterhalten müssen und können. Davon werden wir uns nicht abbringen lassen, auch wenn zurzeit Nöte und Sorgen mit dieser Erwerbung verknüpft find. Wir befinden uns
in einer Krisis, dber diese Krisis wird hoffentlich zu einer Gesundung führen, und zu dieser Gesundung genügt nicht die Niederwerfung des Auf-
gute Säftcl, Stiefel und Mäntel lieferte. (Heiterkeit rechts. — Sehr richt g! bei den Soz.) Meine Herren, ich frage Sie. ob eS einen vernünftigen Menselien gibt, der bona kicke vom Reichskanzler verlangen fann"— ich sage natürlich, bona kicke, von dialektischen Kunststücken rede ich nicht —, der bona fide vom Reichskanzler verlangen kann, daß er sich um alle Details der ihm unterstellten Ressorts kümmere. (Sehr richtig! rechts. — Lachen bei den Soz.) In keinem Lande der Welt gibt es einen Beamten, der so viele und wichtige Funktionen in sich vereinigt, wie bei uns der Reichskanzler. (Ironisches Oh! Ohl bei den Soz.) Daß aber der Reichskanzler außer der Vertretung der Regierungsgcschäfte vor dem Reichstage, im Bundesräte und in beiden preußischen Häusern, außer dem amtlichen Verkehr mit Seiner Majestät dem Kaiser, mit den Bundesfürsten und allen Ressortchefs, außer der Leitung der Staatsministerialsitzungen^ der persönlichen Fühlung mit den hier akkreditierten fremden Missionen, außer einer umfangreichen Lektüre von Berichten und zahlreichen Eingaben, außer der Verantwortung für die ganze auswärtige Politik und den ganzen Gang der inneren preußischen und deutschen Politik auch noch sorgen soll für Stiefel, Sättel und Mäntel, die den Regen nicht durchlassen (große Heirer- Tcit), das ist zuviel verlangt (Erneute große Heiterkeit, Gelachter und lärmende Zurufe der Sozialdemokraten.) Ich kann wirklich nicht in alle Röcke hineinspringen und alle Winkel durchstöbern, um nachzusehen, ob dort alles in Ordnung ist. Mein Blick ist auch begrenzt, und toenn eine Unregelmäßigkeit einmal vorkommt, dann darf man mir nicht gleich die Schuld zumessen. (Zustimmung rechts. — Lachen bei Den Soz.)
Nun, meine Herren, will ich noch eins sagen. Seit Monaten hat ein Teil unserer Presse seine Aufgabe darin gefunden, sich mit den kolonialen Angelegenheiten und insbesondere mit den
mit gutem Gewissen Sr. Majestät dem Kaiser als Nachfolger des Prinzen Hohenlohe Vorschlägen.
Damit, meine Herren, ist bei uns für mich ein alter Wunsch in Erfüllung gegangen. Schon als ich vor 9 Jahren Staatssetre- tär des Aeutzeren wurde und der damalige Kolonialdirektor, der seitdem leider verstorbene Freiherr von Richthofen mir als Unterstaatssekretär zur Seite stand, hätte ich gern einen Mann aus dem praktischen Leben an die Spitze unserer Kolonialverwaltung gestellt. Die Verhandlungen, die damals Herr von Nichthofen kn meinem Auftrage in Hamburg und Bremen führte, blieben leider erfolglos. Ein angesehener hanseatischer Kaufmann ließ mir damals sagen: Des vormittags bin ich an der Börse, am nachmittag fahre ich mft zwei schönen Füchsen aufs Land hinaus, und da soll ich mit der Schinderei und den Aufregungen der Wilhelmstraße tauschen! ((Große Heiterkeit.) Damals habe ich auch bei dem Direktor des Norddeutschen Lloyds, .fierrn Wiegand, sondiert, der sich aber wegen einiger großen wirtschaftlichen Transaktionen tm Lloyd nicht von seiner Stellung trennen konnte. Es freut mich, daß es mir wirklich gelungen ist, einen Gedanken zu verwirklichen, den ich für gesund und lebensfähig halte. Dieses hohe Haus aber bitte ich, dem neuen Herrn in der Kolonialverwaltung mit Vertrauen entgegenzukommen, denn nur bei vollem gegenseitigen Vertrauen lassen sich die Aufgaben löi'cn, die uns auf kolonial- politischem Gebiete gestellt sind. Diese Aufgaben bestehen nicht nur in der wirtschaftlichen Erschließung unserer Kolonien, es gilt auch augenscheinliche
Missstände in der Kolonialverwaltung
zu beseitigen. (Sehr richtig.)
Worin diese Mißverständnisse bestehen, brauche ich nach den Ereignissen dieses Sommers nicht darzulegen. Niemand kann es aufrichtiger bebauem, als ich, der verantwortliche Leiter der Reichsgeschäfte, daß einige der gegen die Kolonialverwaltung erhobenen Beschwerden und Anklagen sich als begründet herausgestellt haben. (Hört! hört!) Ich bin mir bewußt, daß ich keine Vertuschungspolitik
getrieben habe, sondern eingeschritten bin, sobald ein Verdacht zu meiner Kenntnis gelangte. Man hat mir vorgeworfen, daß ich hätte rascher zugreifen und schneller die Untersuchung gegen die schuldigen Beamten anordnen sollen, man hat insbesondere gesagt, daß ein Subalternbeamter Pöplau schon im ^ahre 1904 und 1905 Anzeigen an mich erstattet hätte gegen Beamte, denen keine Folge gegeben worden wäre. Meine Herren, der Beamte Pöplau hatte sich schwerer Disziplinarvergehen schuldig gemacht (hört! hört!), als er dazu überging, unter grober Verletzung seiner Dienstpflicht amtliche Schriftstücke Tritten mitzuteilen, mußte die Tisziplinaruntersuchung gegen ihn eröffnet werden. Ter AuSgang dieser Untersuchung konnte die beste Aufklärung darüber bringen, ob das von Pöplau vorgebrachte Belastungsmaterial zutreffend sei. Deshalb wurde der Ausgang dieser Untersuchung abgewartet, bevor Beschluß gefaßt wurde über ein Eingreifen gegen die von Poplau verdächtigten Beamten. Durch Erkenntnis des Kaiserlichen Tisziplinarhofes vom 2. April 1906 ist gegen Pöplau auf Entfernung vom Amte und auf Dienstent- lassuna erkannt worden. In dem Urteil ist festgestellt, daß erstens der Angeschuldigte von amtlidjen zurzeit geheimen Schriftstücken einen die Amtsverschwiegenheit verletzenden Gebrauch gemacht
standes und auch nicht die Pazifizierung unserer Schutzgebiete; es ist auch das offene Bekenntnis erforderlich, daß Fehler in der Kolonialverwaltung begangen sind, es ist der feste Wille erforderlich, diese Fehler nicht zu wiederholen und augenscheinliche Mißverständnisse zu beseitigen.
Ich habe schon vor zwei Jahren vor diesem hohen Hause die Grunozüge einer Reorganisation entwickelt, die meine» Erachtens für unsere koloniale Zentral- und Lokalverwaltung notwendig sind. Ich habe schon damals die
Loslösung dex Kolonialabteilung vom Auswärtigen Ami und die Errichtung eines selbständigen Reichskolonialamtes als dringend wünschenswert bezeichnet. Zu meinem lebhaften Bedauern ist durch einen während meiner Erkrankung gefaßten Beschluß dieses hohen Hauses die Forderung in dritter Lesung abgelehnt worden. Ich bebaute das, meine Herren, nachdem dieses hohe Haus in zweiter Lesung in Würdigung Der von der Regierung borgetragenen rein sachlichen Gründe sich mit stattlicher Mehrheit für ein Neichskolonialamt ausgesprochen hatte. Ich will auf diese Frage jetzt nicht mehr eingehen, sondern nur feststellen, daß die verbündeten Regierungen die Schaffung eines selbständigen Neichs- kolonialamtes nach wie vor für dringend wünschenswert halten und überzeugt sind, daß diese Notwendigkeit sich in_ben letzten Monaten noch mehr als früher herausgestellt hat. (Sehr wahr I red?t§.) Diese koloniale Reorganisationsfrage ist nun aber nicht das einzige Heilmittel für unsere Siolonien: sind auch sonst
Ncforme« in capite ct membris
nötig. (Sehr richtig! links.) Wir müssen uns vor allem die Frage vorlegen, wie heben wir die wirtschaftliche Entwicklung dieser Kolonien, wie fordern wir das Interesse und das Verständnis für unsere Kolonien im deutschen Volke, wie beteiligen wir mehr als bisher unseren Handel und unsere Industrie, unsere Geschäftsund Bankwelt an unseren überseeischen Unternehmungen?
Der Gedanke lag nahe, die Losung dieser schwerwiegenden Fragen einer Persönlichkeit zu übertragen, die schon früher in enger Fühlung mit Den reichen wirtschaftlichen Kräften in unserem Volke gestanden hatte. Vei der Wahl eines Nachfolgers des Prinzen Hohenlohe, der sich seiner Aufgabe mit einem Fleiß unterzogen hat, den ich auch von dieser Stelle rühmend hervorheben mochte, habe ich in erster Linie nach den wirtschaftlichen und kaufmännischen Eigenschaften gesucht, die bisher in unserer Kolonial- abteilung sehr zu ihrem Schaden gefehlt hatten. Meine Herren, unser Kaufmannsstand hat sich eine große Stellung erworben, er hat zur Hebung des deutschen Wohlstandes und de? wirtschaftlichen Einflusses und damit des deutschen Ansehens beigetragen. _ Er zählt in seinen Reihen sehr tüchtige Leute, ausgezeichnete Kräfte. Tie Mitwirkung eines dieser Herren, eines unserer Headmen für Industrie, tote man sie in Amerika nennt, für die Geschäfte des Reiches zu gewinnen, erschien von vornherein vorteilhaft. In den eingehenden Unterredungen, die ich ,mit Herrn Dernburg hatte, ergab sich, Uebercinftimmung der leitenden Gesichtspunkte. Ich
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
128. Sitzung vom 28. November. 1 Uhr.
Haus und Tribünen sind sehr gut besetzt.
Am Bundesratsrisch: Graf Bülow, Dernburg., von Einem, Frhr. von Stengel, von Tschirschky, Kraetke u. a.
Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung der Nachtragsetats für Südwestafrika. (Aus Anlaß des E i n- geborenen-Auf standes Nachforderung von 29 220 000 Mark und als erste Nate für den Bau der Bahn Kubub — Keetmanshoop 8 900 000 Mk.) Beide Etats werden in der Debatte verbunden.
Reichskanzler Fürst Bülow:
Ich benutze die erste mir gebotene Gelegenheit, um mich vor diesem hohen Hause über
unsere kolonialen Angelegenheitea auszusprechen.
Ich bin gewiß, keinem Widerspruch zu begegnen, wenn tch sage, daß wir auf diesem Gebiet eine ernste Krisis durchmachen.
Unsere Kolonien haben uns die schwersten Opfer auferlegt, Opfer an Blut und Opfer an Gut. Trotz der über jedes Lob erhabenen Bravour unserer Truppen ist es erst nach dreijährigen schweren Kämpfen gelungen, den Widerstand des Gegners zu brechen, und wenn auch der Hauptwiderstand des Feindes gebrochen ist, so wird voraussichtlich doch noch einige Zeit vergehen, bis wieder völlige Ruhe und Sicherheit in unsere Schutzgebiete einziehen. Die Kriegsführung auf so weite Entfernungen und unter so schwierigen und ungewöhnlichen Verhältnissen hat uns enorme Summen gekostet, weitere große Summen werden erforderlich sein für die Beendigung des Krieges, für die Wiederaufrichtung unseres Schutzgebietes und für seine wettere wirtschaftliche Erschließung. Daß alles räume ich ein. Aber, meine Herren, wenn die Regierung heule vor die Nation treten und ihr Vorschlägen wollte, es ähnlich zu machen wie weiland der Frankfurter Bundestag, der Hanibal Fischer den Auftrag erteilte, die deutsche Flotte unter den Hammer zu bringen — wenn die Regierung der Nation Vorschlägen wollte, unsere Kolonien zu veräußern, oder sich selbst zu überlassen, oder in irgend einer Form preiszugeben, so Dürfte eine tiefe Entmutigung gerade die besten Kräfte erfassen. Und mit Recht. Auch in der Flotte sah man damals vor 54 Jahren ein schlechtes Geschäft und warf deshalb die Flinte ins Korn in einem jener Momente moralischer Depression, wie sie nicht nur den einzelnen, sondern bisweilen auch ein Volk befallen. Wenn aber beide, Individuen und Volk, wieder mutig werden, schämen sie sich solcher Schwächeanwandlung. Ich bin gewiß, es wird sich kein deutscher Reichstag und kein deutscher Reichskanzler finden, der die Verantwortung dafür übernähme, unsere Kolonien aus dem Soll und Haben unseres Volkes auszuschalten. (Lebhafter Beifalls In der Auffassung, als brauchten wir keine Kolonien, zeigt sich meines Erachtens nicht nur
ein unangebrachter Kleinmut, sondern auch ein Mangel an Einsicht in die treibenden Kräfte. Der Entwicklung der Volker — und der Weltgeschichte! (Sehr richtig 1)
Die Frage steht nicht so, ob wir kolonisieren wollen oder nicht,
40-45 ewv nbrnMei.
(Ob-____
SM*..
! FrtilaP*! inH
ö Mk. ftiftn fltfndit.
'il. liotje
jtiffl
Neßem M'mn nß
bften
u.Pchen. M*1-
iß«
' bie ** **
ne «ÄT T-ch'-l.
•ft eiiu"-


