Ausgabe 
24.12.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 302 Zweites Blatt

ISO. Jahrgang

Montag 24. Dezember 1906

(Er1d)ctnl täglich mit Aufnahme bet eonntogi.

TieEtetzener gamtlienblötter** werden dem ryn<emn viermal roöchenihct) betgcleflL Der ^helfilch« Landwirt" erlcheun monatlich etnrnoL

Giehener AMigez

Rokationsdrnck und Verlag der Trübt'scher? llnmerfttätobnicferet. R. Lange, Gießen.

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eießen.

3>i< ^Uuution in Kejjen vor den Keia slagswayten.

Gießen, 24. Dezember 1906.

Nur noch vier Wochen trennen uns von den Neuwahlen zum Reichstage. Die Darmstädter Einigungsverhandlungen der beiden großen liberalen Gruppen haben zu dem kläglichsten Er­gebnis geführt, das sich denken läßt. In voller Uneinigkeit ist man auseinander gegangen und wird getrennt in den Wahl­kampf marschieren. Das ist die unangenehmste Weihnachtsbe­scherung, die man den Liberalen Hessens bereiten konnte. Alle übrigen Parteien aber haben Grund zu gerechter Freude. Für sie bedeutet das Darmstädter Zerwürfnis die schönste Gabe des Christkindes, die sie sich wünschen konnten.

Die Situation in der Wählerschaft ist nun natürlich nichts weniger als stimmungsvoll. Die letzten Vorgänge im alten Reichs­tage bis unmittelbar vor> dessen Auslösung, die undurcl>dringliä)e Haltung der Reiä-sregierung, die bis zum letzten Lebenslage des alten Reichstages eigentlich nur das Zentrum auf seiner Seite hatte, um es jetzt zu seinen heftigsten Gegnern zu zählen, sind nicht vergessen, und nur die Wahlparolegegen schwarz und rot" konnte vorübergehend den Mißmut und die Unlust der breiten Bürgermassen an allen politischen Dingen unterdrücken. Und heute vollends bietet sich uns das klägliche Bild völliger Zerfahrenheit und Versahrcnhctt dar, das im Kampfe um eine Anzahl von Reichstagsmondaten vor weiteren Volks.reisen zutage treten wird. Alle rechtzeitigen eindringlichen Mahnungen zur Einigkeit waren in den Wind geredet. Trotzige, eigensinnige Hartköpfigkeit hat den Bruch zwischen beiden liberalen Teilen herbeigesührt und wird sich bitter rächen. Wir hatten nicht ohne Grund zuversichtlich gchosfl und erwartet, daß es gelingen würde, in Darmstadt eine Kandidatur zu stände zu bringen, die von allen bürgerlichen Elementen akzeptiert und unterstützt wersden würde zum Kampse allein gegen die Sozialdemokratie. Im Jahre 1903 war die An­regung zu einem solchen Zusammengehen von Vertrauensmännern sehr Rechtsstehender auSgegangcn, die sogar aus freien Stücken für einen zuerst von natwnalliberalcr Seite in Aussicht genom­menen Kandidaten ihre Unterstützung bestimmt zugesagt hatten. Leider war die betreffende Persönlichkeit trotz aller günstigen Chancen für die Kandidatur nicht zu gewinnen, und so sah man sich genötigt, eine andere Wahl zu tressen, die zum Siege Cramers führte. Heuer hatte man in Negierungsrat N o a ck einen il E. vortrefflichen Kandidaten gesunden. Aber die Linke präsentierte wieder ihren Korell, der allerdings das hätte sich doch wohl für alle Teile von vornherein . on selbst verstehen sollen nach den häßlichen Vorgängen im vorigen Jahre für die National- liberalen, die freilich im Vorjahre die Gehässigkeit in den Wahl­kampf getragen hatten, schlechterdings unannehmbar war. Das Verlangen der Nationalliberalen, für die Unterstützung der Frei­sinnigen im einzigen Wahlkreise Bingen nach alleinigem Ermessen über alle übrigen hessischen liberalen Kandidaten zu verfügen, war zweifellos viel zu weitgehend und ebenso fehlerhaft wie das trotzige Festhalten der Freisinnigen an ihrem Korell, den man allenfalls durch D. Naumann abgelöst wissen wollte, dessen Kandidatur abervon nationalliberaler Seite natürlich ebensowenig akzep­tiert werden konnte", sagt derDarmst. Tgl. Anz." So natür­lich ist das keineswegs, denn soeben hat in Heilbronn diedeutsche", d. h. die nationallib. Partei, die Kan>i- datur Naumann, die von Volkspartei und Nationalsozialen prokla­miert wurde, einstimmig gutgeheißen!! Dort also sind die Nationalliberalen erheblich einsichtsvoller als in Darmstadt; sie traten, um mit größerer Zuversicht dem Liberalismus zum Siege zu verhelfen, gemeinsam mit der Linken unter der Aegide Naumanns auf den Plan. Die National- liberalen Darmstadts dagegen haben den Rechtsanwalt Dr. Osann II. dem Pfarrer Korell entgegengestellt, und es besteht die große Gefahr, daß der Wahlkampf dort nun dieselbe heftige Tonart annimmt wie im Vorjahre, sodaß alle Möglichkeit eines gemeinsamen Vorgehens der Liberalen wenigstens bei der unaus- bleibliclzen Stichwahl wieder unterbunden wird. Heute aber hat die lib. PresseHessenskeinewichtigereAufgabe, als vor heftiger Befehdung der beiden liberalen Grup­pen aufs eindringlichste zu warnen, damit wenigstens der Liberalismus geeint am Stichwahltage vor die Urne tritt. Der Kampf der Darmstädter Liberalen gilt nur der Sozialdemokratie, der man den Sieg bereitet bei getrenntem Marschieren und schädlich törichtem Geplänkel der lib. Gruppen gegen einander.

Alle übrigen hessischen Wahlkreise aber mögen sich das Darmstädter Zerwürfnis beileibe nicht zum Muster nehmen! Liefern die uneinigen Darmstädter Liberalen ihren Wahlkreis unselig und eigensinnig der Sozialdemo­kratie aus, so mögen diesem bösen Beispiel nicht auch noch andere folgen und die von ihnen zu vergebenden Mandate den Gegnern mutwillig präsentieren. Wir geben zu, daß manchem Liberalen dieser ober jener bereits nominierte liberale Kandidat nicht sonder­lich bchagt. Forsche man also allenthalben gründlichst in der gesamten liberalen Wählerschaft in Stadt und Land! Und wenn man die Entdeckung macht, daß die Aussichten des Kandidaten zweifelhaft sind, daß er selbst in den Kreisen Liberaler Gegner besitzt, dann scheue man sich nicht vor einer Revision der Kandi­datenfrage und suche mit Eifer nach einem alle Liberalen will­kommenen Manne! Trotziges Verharren auf etwa nicht mit der notwendigen Umsicht Erkorener führt zur Niederlage, zum Siege eines nicht liberalen Gegners!

Warnen müssen wir auch vor der Nominierung zweier liberaler Kandidaten. Das bräirte z. B. in Alsfeld-Lauter­bach-Schotten und wohl auch für G i e ß e n sehr leicht den Sieg eines Gegners. Wir haben hier in Köhler und Krumm zwei sehr gefährliche Gegner. Köhler ist nach wie vor in ländlichen Kreisen ungemein beliebt, und Krumm hat zahlreiche Freunde in Stadt und Land, auch unter den Bürgerlichen. Diese Bürger­lichen, die vielleicht meinen. Krumm sei gar kein so unebner Mann, vielmehr ein Mann von starker Intelligenz, ein Mann, dessen maßvolle Ruhe und Besonnenheit in seiner Partei vorbildlich wirten sollte, und wenn man ihm seine Stimme gebe, so handle man durchaus noch nicht unbedingt gegen die eigenen Interessen, sondern fördere vielmehr die Wahl eines auch für die kleinbürgerlichen Kreise bedachten Mannes diese Bürgerlichen würden überaus töricht handeln und sich tief ins eigene Fleisch schneiden. Denn Krumm wäre in Berlin nichts weiter als ein willenloses Glied in der harten und strengen, rigoros aus unbedingte Disziplin achtenden Kette der sozialdemo­kratischen Parteiherrschaft. Er zöge dort mit seiner Partei bur chdick und dünn; denn täte er es nicht, bann flöge er schleunigst hinaus! Mo es heißt bei uns in Gießen gegen

Köhler ulnd Krumm mit äußerster Energie käm­pfen, wenn wir unfern Wahlkreis, den der hessischen LandeS- universität, nicht einem in einseitigen Vorurteil enbefangenen Manne, ober einem willenlosen Knechte Bebels ausliesern, sondern dem Liberalismus erhalten wollen, der in gleicher Weise eifrig be­dacht ist für das Wohl von Stadt und Land, von Handel und Industrie, der für bie berechtigten Forderungen der Landwir.sa-ast stets gern reiche Mittel zur Verfügung gestellt hat, und der des Arbeiters soziales Wohlergehen mit größtem Eifer und echter Humanität zu fördern trachtet.

Die Aussichten für bie Reichstagswahl sind also bei uns in Hessen für die liberale Sache nur dann nicht ungünstig, wenn die liberalen Gruppen beide von vornherein geeint marschieren. Darm­stadt möge tun, was ihm beliebt. Was kümmerts viel uns andere! Die Hauptsache ist, oaß fiu) die bürgerliche Wählerschaft sonst allenthalben eint und aus ihrer Lethargie aufrafst und geschlossen zur Wahlurne schreitet.

Tas möchten wir über die Festtage zu erwägen geben.

Nachdem dieser Artikel gesetzt war, ging uns von national liberaler Seite folgender Bericht zu:

Gießen, den 24. Dezember 1906.

Der Gießener nalionalliberale Verein hielt am gestrige»» Nachmittag im Ccisü Ebel eine VertraucnSmäuner- versaminliing ab, die namentlich au8 den ländlichen Bezirken dcS Wahlkreises äußerst zahlreich besiicht war. Ter derzeitige Vorsitzende des nalionallibeialen Vereins, Stadtverordnete Kirch, leitete die Versammlung und erstattete nach begrüßenden Worten an die Erschienenen Bericht über die biS jetzt ein- geleiteten Schritte und Verhandlungen mit den, dem itQtionaUibcralen Verein nahestehenden politischen Parteien. Alsdann berichtete der Schriftführer Dr. Rraud müllet übet die leider resultailoS verlaufenen EinigungSvetsuche der liberalen Parteien in Darmstadt, betonend, daß der Bericht in der Fkf. Ztg. sich nicht mit den wirklichen Vorgängen decke. Nach längerer eingehender Aussprache, an der sich u. a. Professor Dr. Sier in er, Professor Dr. Biermann, Lehrer Wagner ouS Großen-Buseck, Joeckel auS Grünberg beteiligten, wurde beschlosien, den seitherigen ReichslagSabg. Kommerzienrat Heyligenstaedt zur W»e d e rw a h l zu empfehlen und dementsprechend nachstehende Resolution einsiiminig gefaßt:

Die Versammlung erkennt die ersprießliche Tätig­keit dcs seitherigen, von den liberalen Parteien im Jahre 1903 ausgestellten und gewählten beioahrten Reichstagsabgeordnewn Kommerzienrat Heyligenstaedt dankend an und beschließt, ihn für die bevorstehende Reichstagswahl als Kandidaten wieder zu empfehlen unu seine Wiederwahl kräftig und energisch zu unterstützen.

Tie Versammlung bedauert aufrichtig, daß eine Eini­gung der liberalen Parteien in Darmstadt nicht zu­stande gekommen ist und gibt dem Wunsche und der Hoff­nung Ar.sdr.rck, b die mit iben hiesigen politischen Vereinen eugeuiteteu Verhandlungen zu einem befrie­digenden Abschluß gelangen möchten. Der tatsächliche Erfolg bei der letzten Stadtverordneten-, Landtags- und Reichstagswahl dürfte ein gemeinsames Vorgehen rechtfertigen, um hier­durch dem Wahlkreise eine würdige vaterlandsgetreue Vertretung im deutschen Reick>stage zu erhalten."

Der zweite Vorsitzende Rechtsanwalt Kaufmann richtete alsdann an bie Anwesenben einen warmen Appell zur tatkräftigen Mitarbeit in dem bevorstehenden Wahlkampf und brachte zum Schlüsse der gut verlaufenen Versammlung ein Hoch auf das Vaterland aus, das begeisterten WiederhaU fand.

Wir erfahren ferner noch folgendes über den Verlauf dieser Versammlung:

Prof. Dr. B i e r m e r beklagt- in längerer Rede besonders lebhaft die bisherige Zurückhaltung des Gießener Freisinns zur Kandidatur Heyligenstaedt. Er polemisierte gegen den Bauern­bund. (Sin Mann der Arbeit und der Tat und des großen Gewerbesleißes wie Heyligenstaedt genieße von vornherein und seit langen Jahren die Sympathie des Volkes. Prof. Biermann, ein Schwager des Kolonialbirektors Wern­burg, betonte, daß ein Zusammengehen der Nationalliberalen mit dem Freisinn nach Kräften anigeftrebt werden müsse. Lehrer Wagner aus Großen-Buseck, ein F r e i f i n n i g e r, befürwortete gleichfalls die Kandidatur Heyligenstaedt, der als eine auch auf dem Lande populäre Persönlichkeit gute Aussichten habe. Nur ein auch in der ländlichen Bevölkerung bekannter und geachteter Liberaler könne mit Aussicht auf Erfolg den Kampf gegen Bauern­bund und Sozialdemokratie ausnehmen. Herr I o e ck e l aus Grün­berg sprach sich in ähnlichem Sinne aus unter Betonung des Um­standes, daß der Liberalismus, wie ihn Heyligenstaedt vertrete, auch Die ländlichen Verhältnisse in erschöpfender Weise in Berücksick)- tigung ziehe.

Der Gießener freisinnige Verein hält in diesen Tagen eine Vorstandssitzung unb am 2. Januar eine Gene­ralversammlung ab, um Stellung zur Reichstagswahl zu nehmen.

Aus Darmstadt wird uns drahtlich gemeldet:

In einer am Samstag abend abgehaltenen Vorstandssitzung des nationalliberalen Vereins wurde einstimmig beschlossen, den Landtagsabgeordneten Rechtsanwalt Dr. O s a n n IL als Reichs- tagskandidaten für den Wahlkreis Darmstadt-Groß-Gevau aufzustellen und ihn einer demnächst statt findend en allgemeinen Vertrauensmännerversammlung als Kandidaten vorzuschlagen. Wie verlautet, haben die deutsche Reform Partei und der Bund der Landwirte sich zur Unter ft ü^ung der Kan­didatur bereit erklärt.

Ferner liegt folgende Darmstädter Meldung vor:

In einer zahlreicy, auch aus beiiachöarten Landorten be­suchten Versammlung der freisinnigen Parteien des Wahl- Ire. «es D a r m st a d t - Grotz-Gerau wuroe Pfarrer Korell ein­stimmig zum Kandidaten der bereinigten Liberalen prokla­mier t. Korell war in letzter stunde vom Zentralausschuß Der (reif. Voltspartei eine aussichtsreiche Kandidatur in einem aus iv artigen Wahlkreise angeboten worden; er lehnte: sie aber ab.

«

Im Wahlkreise Alsfeld beschloß der Bund der Landwirte, Wallau zu unterstützen.

In Friedberg sand unter Leitung des Wahlkreisvorsitzen­den Gutspächters Miller-Marienborn eine Wahlversamm­lung des Bundes b er Landwirte statt. Die aus dem gesamten Wabttreis Friedbcrg-Bübingen jturl .besuchte Versamm­

lung erklärte den seitherigen Rcichstagsadg. Gra>cn O r i o l a zu ihrem Kandidaten. Die Nationalliberalen beschließen am 27. Dez. über ihre Kandidatur.

Ter bisherige Lf.enbacher Reichstags abgeordnete Dr. Becker wird, wie jetzt nach derFrkf. Ztg." verlautet, mit Rücksicht auf seinen angegriffenen Gesundheitszustand bei den beDoriicljenben Wahlen überhaupt nicht kandidieren.

Die S o z i a l d e m o 1 r a t e n in Worms stellen den Ar­beiter, cfretät Engelmann als Kandidaten auf.

In Reichelsheim unb Michelstadt fanden Versamm­lungen statt, in welck-en die mittelftädtischen Vertrauensmänner sich fast einstimmig für die Kandidatur Nippel (chr.-soz.) aus Hagen aussprachcn und ihre Bedenken zum Ausdruck brachten, welche sich der erneuten Wahl des Abg. Haas gegenüberstellen.

Sehr beachtenswert ist eine Mainzer Korrespondenz des führen­den mefibentb^n Zentrums blattes, derKöln. Volksztg.", m der es heißt:

Die von derKöln. Volksztg." gegebene Parole, b e i der Stichwahl unter keinen Umständen natio- nalliberale Kandidaturen z u un ter stützen, kommt besonders im Großh^rzogtuin Hessen zur Geltung und wird auch zweifellos hier streng befolgt werden. Wie herrlich Die kiUturlumpserischen Neigungen der Mainzer Liberalen unter der gegenwärtigen Hetze gedeihen, beiveist die Austeilung des jungen altdeutschen Rechtsan>oa,ts Winkler in Oppenheim... Das Mainzer Sozialistenblatt erbliut mit Recht in d.ejer Käü- didatur eine Selbstaufgabe des Liberalismus in Mainz-Oppenheim und erinnert daran, daß dieser Herr vor zwei Jahren in Oppenheim vor b e r Einführung des direkten Landtagswahlrechts gewarnt hat. Selten herrschte unter den Zentrumsanhängern eine solche Erbitterung wie heute, unb man muß schon bis in die Kutturiauipijai/re zuiückgehen, um einer solch freudigen Be­geisterung für dieZentrurns fache zu begegnen. Dem Fürsten Bulow und feiner Adlatus Dernburg werden am 25. Januar d.e Augen ausgehen.

Das hat mit feinem jähen Zentrumsbruche, der einzigen Partei, au| die er jich bisher mat Sicherheit stützen konnte, Fürst Bütow getan, der nun plötzlich zur Sammlung gegen das Zentrum Sturm bläst. Das Zentrum, das im nächsten Jahre als bisherige einzige der Reichsregierung freundlich gesinnte Partei ohiie Zweifel als erzreaktionäre Mitregenten-Panei in einen sehr schweren Wahlkampf ohne jegliche starke Wahlparole hätte ziehen müssen, führt jetzt den Wahllampf mit besonderer Begeisterung als sckpnähnch ven der Reichsregierung verlassene Partei und wird mit Leichtigkeit enorme Wählet mast en aujzubieten vermögen unter der nicht ganz unrichtigeit Behauptung, von der Reichs­regierung verraten und betrogen worden zu «ein, die es darauf abgesehen habe, das Recht beS Reichstages als selbständiger gesetz- geberndjcn Faktor zu verkümmern. So sind dem Zentrum die besten Waffen von vornherein in die Hände gespielt wo.den!

ZSaylvoiöcreitungcn im Acich.

In Frankfurt a. 2JL wurde Dr. Max Quarck als sozialdeinokrattscher NeichStagskandtdat aufgesleUt.

In Ni ar bürg beschlosien bie Nationalliberalen sich mit einem eigenen Kandidaten an der Reichstags- ivahl zu beteiligen.

Im Wahlkreise Höchst-Usingen kandidiert für daS Zentrum Privatier Clemens von Stumpf-Brentano m Rödelheim an Stelle des bisherigen Vertreters Jlschert.

In Berlin ist die Aufstellung gemeinsamer Kandidaten gegen die Sozialdemokraten ge­scheitert. Tie Antisemiten erklären, unter keinen Umständen für die von freisinniger Seite ausgestellten Kandidaten für Berlin 2 und 5, Rosenow und Cassel, einlretcn zu können, weil sie jüdischer Konfession seien, und werden ihnen Gegenkandidaten von entschieden antise­mitischer Färbung gegenüberstcllen. Auch die Deutsch- Konservativen, die einer Einigung mit den Freisin­nigen über die Berliner Kandidaturen nicht abgeneigt waren, machen den Freisinnigen den Vorwurf, sie hätten durch eigenmächtige Aufstellung von Kandidaten für die aussichtsreichsten Wahlbezirke ohne vorherige Verständigung das Scheitern des Kompromisses aller bürgerlichen Par­teien verschuldet. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich die Situation genau so wie im Jahre 1003 gestalten. Die Nationalliberalen werden mit den Freisin­nigen zusammengehen, während Konservative und Mittelstandsparteien, Antisemiten sich über gemeinsame Kandidaten verständigen werden.

Tas erste sozialdernotratische Flugblatt für Großberlin ist am gestrigen Sonntag in einer Auflage von 780 000 Exemplaren in allen Wahlkreisen verbreitet worden.

Im Großherzogtum Sachsen-Weimar ist zwischen den Freisinnigen unb Nationalliberalen ein Ab- ko Minen getroffen worden, auf Grund deffen für Eisenach- Dermbach eine nalionalliberale, für Weimar-Apolda eine frei­sinnige Kandidatur ausgestellt wird.

Zwischen dem Vorsitzenden der nat.-lib. Partei der Pfalz und dem Bund der Landwirte fanden in den letzten Tagen bezüglich der Neichstagswahlen Verhandlungen stall, um möglichst in der ganzen Pfalz zusammen zu gehen. Der Bund verlangte zwei Reichstags-Kandidaturen. Tie Nationalliberalen summten dem zu unb zwar für zwei gewisse Kreise. Ter Bund lehnte dies aber ab und wünschte das Abkommen auf zivei andere Kreise bezogen. Hier rouröc eine Einigung nicht erzielt und nun haben sich die Ver­handlungen zwischen dem Bund und den Libe­ralen zerschlagen. Die Nationalliberal en und Der Bund gehen in der ganzen Pfalz selbständig vor und der Baliernbimd hat bereits Dr. Näslcke als Kandidaten für einen Wahlkreis aufgestellt.

Basser ma n n Hal nicht nur in Frankfurt a. O., sondern auch die ihm für den Wahlkreis M ül h e im - Du is b n r g- Oberhausen angebotene Kandidatur endgültig a b g e l e h n t.

Im Wahlkreise Neuslettin hat Ahlwardt seine Kandidatur ausgestellt.

In Gotha stellte eine Vertreteroersammlung der nat. Parteien den Erbprinzen zu Hohenlohe-Langen­burg als NeichstagSkandidaten auf.

Graf Ltmburg-Sttrum, der bisherige Reichstagsabg.