Ausgabe 
29.11.1906 Zweites Blatt
 
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Gedanken Abstand ne'hn^en mfiffcrt Was hat denn nun die Regierung her Bevölkerung zu bieten? DieTagesztg." er­teilt darauf die Antwort: Maßnahmen, die eine Verbillig­ung des Fleisches auf dem Wege von dem Produzenten zum Konsumenten zu bewirken geeignet sind. .Also: Hilf dir selbst!

Aus St'aOi uno Luno.

Gießen, den 29. November 1906.

** Ruhestandsversetzungen. S. K. H. der Großherzog haben Allergnädigst geruht, den Kultur­inspektor bei der Kulturinspektion Friedberg Dr. Edm. Fraissinet und den Amtsgerichtsrat Otto Osann zu Zwingenberg auf Nachsuchen bis zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit in den Ruhestand zu versetzen.

In Audienz empfangen wurde am Mitt­woch von S. K. H. dem Großherzog u. a. der Komman­deur des Gendarmerie-Bezirks Obcrhessen Major Schmidt.

** Unsere Land esuniv ersität, war bei der Einweihung des Landesmuseums in Darmstadt und der sich anschließenden Hoftafel vertreten durch S. Magn. Rektor Geh. Mcdizinalrat Prof. Dr. Vostroem und die Professoren Geh. Hofrat Dr. Bebagel, Dr. Kaiser, Dr. Sauer und Geh. Hosrat Dr. Spengcl. (Der telegr. Bericht unseres Berichterstatters war leider, wohl infolge der Ki'irze der Zeit, sehr kurz ausgefallen, wodurch wohl die Nichtanfüstrung der hiesigen Teilnehmer zu er­klären ist. Red.)

** Aus dem Bureau des Stadttheaters. Auf die morgige Aufführung vonEmilia Galotti" sei auch an dieser Stelle hingewiesen. In Hauptrollen sind be­schäftigt die Herren Bakof, Kober, Herrscher, Kost und die Damen Donecker, Bayrhammer, v. Jagemann usw.

Kunstverein. Die Ausstellung bleibt morgen, Freitag, und Samstag wegen teilweisen Wechsels der Ge­mälde geschlossen. Von Sonntag an ist sie wieder ge­öffnet.

Besitzwechsel. Metzger Martin Nagel II. kaufte das Anwesen des Herrn Hch. Winn, Ecke Rodheimer- und Schutzenstraße Nr. 2 zum Preise von 40 000 Mk.

Ungeimpfte Schüler. Wiederholt sind Zweifel entstanden, wie von den Schulvorständen den Schülern gegen­über zu verfahren sei, die zur Aufnahme in eine öffentliche Schule angemeldet werden, ohne geimpft zu sein und ohne daß die Eltern sich bereit erklären, die Impfung vornehmen zu lasten. Nach einer Verfügung der Sch ul ab teil ung des Ministeriums ist in solchen Fällen die Aufnahme der Angemeldeten nicht zu verweigern; dagegen soll, wie die Franks. Ztg." schreibt, dem zuständigen Kreisarzt alsbald Anzeige gemacht werden, damit dieser das Erforderliche veranlaße.

Brieftauben - Ausstellung. Bei der ersten Lokal-Militär-Brieftauben-AuSstellung am 17. und 18. d. M. erhielt Karl Bohling-Gießen folgende Preise: 1. Klasse (alte Täuber): 1. Preis, 1. Ehrenpreis und 12. Preis; 2. Klaffe (alte Weibchen) 3. und 5. Preis.

:!: 2ich, 28. Nov. Der hiesige Kriegerverein ver- anstaltet am 8., 9. und 10. Dezember d. I. die Aufführung der KriegSfestspiele von 1870/71 in der Turnhalle durch Direktor Tiori auS Berlin. Die Vorbereitungen zu den Aufführungen sind vollauf im Gange; die Bauersche Musik­kapelle von Gießen wurde engagiert.

V Butzbach, 28. Nov. Der im 18. Lebensjahr stehende Sohn des Aufsehers Sch ar mann wird seit Mon­tag vermißt. Der junge Mann war seither als Weiß­bindergehilfe am Neubau des Landeszuchthauses in Marien- schloß tätig und die Eltern befürchten, daß er auf dem Weg nach Hause in der Dunkelheit in die Wetter gestürzt und ertrunken ist.

> Ober-Ohmen, 28. Nov. Was die Fischerei einem Liebhaber wert ist, zeigt die diesjährige, kürzlich abgehaltene Verpachtung der Fischerei im Laufe der oberen Ohm durch die hiesige Gemarkung. Während die Fischerei hierin seither nur 54 Mk. kostete, beläuft sich der jetzige Pachtpreis auf 211 Mk. Derselbe Pächter erwarb auch einen Teil der Fischerei zu Ruppertenrod für den Preis von 90 Mk. Was für ein Forellenreichtum im Wasser zu Ober-Ohmen bei einem solchen Betrage vorhanden sein muß, läßt sich leicht ausdenken, ebenso, was erzielt werden muß, um bei einem Pachtpreis von 301 Mk. noch ein Geschäft zu machen.

Frankenbach, 27. Nov. Die Gemeinde Franken­vach wird den schon seit Jahren beabsichtigten Schulhaus- ueubau mit nächstem Jahre zur Ausführung bringen. Die erforderlichen Arbetten und Lieferungen werden z. Zt. durch das Kreisbauamt vergeben. Die neue Schule kommt

lehr- und lernbar, oder ist die Meinung jener Vielen gerecht­fertigt, die da glauben, daß das eheliche Glück einen großen Treffer in der Heirats^otterie bedeutet, d. h. nur durch ein Zu­sammentreffen günstiger Zufälligkeiten erlangt werden kann? Der Autor des vorliegenden Buches ist der Ansicht, daß das, was meist nur durch ein Zusannnenwirken unberechenbarer Momente erreicht wird, im Lause der Zeit mehr und mehr zum Resultate zielbewußter Bemühungen sich umgestaltet, und daß schon' in! ittiefer Richtung die Aufklärung über die mannigfachen Quellen des ehelichen Glücks sich sehr ersprieß­lich erweisen dürfte. Diesem Ziele ist dieses Werk haupt­sächlich gewidmet, in welchem der Verfasser, offenbar ein sehr bewahrter Praktiker Arzt es unternimmt, auf Grund der im Laufe seines Lebens erworbenen Erfahrungen und Kenntnisse die Bedeutung alter jener Faktoren festzu­stellen, die an dem Gewebe ehelichen Glückes wie ehelicher Disharmonien beteiligt sind. Wird vom Autor hier auch vielfach Bekanntes berührt, so ist doch die Fülle des Neuen und die Art der kritischen Zusammenstellung so selbständig und die Behandlung auch der schwierigsten Fragen so licht­voll, daß das Interesse stets besonders wachaehaltcn wird. Ueberall zeigt sich das Ziel, Vorurteile zu beseitigen und seine Schlüsse, unbekümmert um herrschende Meinungen und unbeeinflußt von irgend einem politischen oder reli­giösen Parteistandpunkte, schlicht und überzeugend zur Geltung zu bringen. Dabei liegt gerade in der Vielseitig­keit, mit der alles und jedes, Lebensalter, Gesundheits- Verhältnisse, Vererbungsfragen, körperliche Eigenschaften, Beruf, Bildung, Religion, Lebensanschauungen, Familien- verhältnisse, gesellschaftliches Milieu, Lebcnsgewohnheiten, sexuelles Vorleben, sexueller Verkehr in der Ehe, Charakter, Temperament, Verstand und Gemüt usw. aus modernster Lebenserfahrung von der Höhe vorurteilsfreien Verstehens

an den AuSgang des Dorfes an die Straße nach Fellirlgs- hausenRodhcim zu stehen und wird für zwei Schulklassen und eine Lehrerwohnung eingerichtet. (Hint. Anz.)

Darmstadt, 28. Nov. Gestern nachmittag fand eine Versammlung von Michlchhändlern und -Produzenten aus Darmstadt und Umgebung und dem Odenwald statt, die stark besucht war. Es wurde nach längeren Debatten, laut D. Tgbl.", ein Aufschlag der Milch preise in folgender Form beschloßen: Die Landwirte liefern nur noch bis zum 15. Dezember die Milch für 15 Pfg., vom 16. Dezember ab zu 16 Pfg. Am gleichen Tage beträgt der Verkaufspreis für ein Liter Milch 2 2 Pfg. Die Milchhändler müßen sich dazu verpsiichten. Die Landwirte verpflichten sich da­gegen, den Händlern, die den Preis nicht einhalten, keine Milch mehr zu liefern. Diese Milch wird dann vom Milch­händleroerband abgenommen.

sa Darmstadt, 28. Nov. Ein Raubanfall hat sich dieser Tage an der sog. Gehspitze, einer von Isen­burg nach Mörfelden führenden sehr belebten und besonders von Automobilen sehr stark frequentierten Verkehrsstraße ereignet. Als der in Frankfurt arbeitende Maurer Adam N o h l abends zwischen 8 und 9 Uhr mit seinem Rade nach Walldorf fahren wollte, wurde er plötzlich von zwei Arbeitern unter dem Rufedas Geld oder das Leben" angerufen und vom Rade gerissen. Trotz der unheimlichen Gegend war Nohl sehr gefaßt, er wehrte sich energisch und trat dem Einen gegen den Leib, sodaß er kampfunfähig wurde. Auch den Anderen wies er in energischer Weise zurück und fuhr davon. Er hat sie, als die beiden Maurer Dilfer aus Isenburg und Dickhat aus Mördelden erkannt und alsbald zur Anzeige gebracht. Bei ihrer Vernehmung suchen beide zu leugnen, doch machen beide widersprechende Angaben, besonders Dilfer, der über eine Wunde am Auge einmal angab, daß sie von einem Kalkspritzcr herkomme, während er an anderer Stelle behauptete, daß er sie bei einer Schlägerei an der Wilhelmsbrücke erhalten habe. Die Untersuchung wird das Weitere ergeben.

Wetzlar, 28. Nov. Die konservative Partei des Wahlkreises Wetzlar-Altenkirchen war von der christlich- sozialen Partei aufgefordert worden, den von dieser Partei und den christlichen Gewerkschaften für die Neichstagswahl 1908 aufgestellten Kandidaten Behrens zu unterstützen. Eine dieserhalb am Sonntag hier abgehaltene Pertrauensmänner- Versammlung der Konservativen beschloß, wie wir imWetzl. Anz." lesen, nach eingehender, die Kandidatur Behrens fast ausnahmslos ablehnender Erörterung, folgende Erklärung: Die zahlreich aus allen Gegenden des Kreises versammelten Vertrauensmänner der konservativen Partei lehnen es ab, sich jetzt schon in Betreff eines Zusammengehens bei der Hauptwahl zum Reichstage 1908 mit irgend einer Partei zu binden."

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vermischtes.

* Der neueste Eisenbahnunfall. Am 27. b. M. fuhr auf Bahnhof Goch (Rhl.) ein Eilgüterzug auf einen Güter­zug. Der Zugführer des Eilgüterzuges rourbc getötet. Die Lokomotive des Eilgüterzuges und fiep eit Güterwagen ent­gleisten und wurdm zumteil erheblich beschädigt. Beide Haupt­gleise waren an der Einfahrt aus der Richtung Cleve längere Zeit gesperrt. Untersuchung über die Ursache des Unfalles ist eingeleitet. Am 28. d. M. fuhr auf dem Bahnhof Senften­berg (Lausitz^ infolge Ueberfahvens des Haltesignals ein Güter­zug einem anderen Güterzug in die Flanke. Acht Wagen wurden beschädigt und ein Schaffner verletzt.

* (Sin 91 jähriger Bräutigam. Der Bur T. B. Weiß, der im Jahre 1815 in Riebek Kasteel geboren wurde, heiratete int Alter von 26 Jahren und zog dann nach dem Freistaat, wo er sich in Bloemfontein niederließ. Vor vier Jahren starb seine Frau und vor sechs Wochen verheiratete er sich mit einer 50 Jahre jüngeren Dame aus Dewetsdorf. Bei dieser Gelegenheit legte der alte Herr mit seiner Braut 40 Meilen zu Pferde zurück.

* Eine durchgestrichene Nase. Ein bayerischer Gemeindeförster erhielt vom Magistrat der Stadt eine dienstliche Anweisung auf gedrucktem Formular. Das der Anrede vorgedruckteHerr" war durchgestrichen. Auf seine Anfrage nach dem Grunde der sonderbaren Maßnahme wird dem Förster die bündige Antwort, alles Durchgestrichene sei anzusehen, als hätte es nicht dagestanden. Doch der Förster zahlte mit gleicher Münze heim. Seine nächste schriftliche Eingabe lautete:An den naseweisen Magistrat der Stadt N." Das Wortnase" hatte er aber durch­strichen.

Die Grafen Pückler und Reventlow. Man meldet auS Berlin: Nachdem Graf Reventlow den Grafen Pückler für satisfaktionsunfähig erklärt hat, nahm

im Einfluß auf bas Gefüge des ehelichen Lebens, auch sozusagen naturwissenschaftlich, offen geprüft und dar­gestellt wird, ein Hauptwerk und Reiz dieses überaus an­regenden Buches. Daneben ist die stets taktvolle Behänd- lung der intimeren Angelegenheiten des ehelichen Lebens mit entsprechendem Zartgefühl bei strengster Sachlichkeit besonders zu rühmen. Auch die neuzeitlichen Ehereform­vorschläge werden besprochen, wobei der Verfasser die An­sicht vertritt, daß auch ohne staatliche Intervention förder- lichere Gestaltung der ehelichen Verhältnisse möglich ist, da hier nutzbringenden individuellen Bestrebungen das weite Feld offen bleibt. Den Schluß bilden einige Beispiele glück­licher Ehen berühmter Persönlichkeiten wie Robert und Klara Schumann, Robert Browning, Adalbert Stisfter, Hebbel, Lord Beaconsfield u. a. Wir müssen uns hier auf diese Andeutungen über den reichen Inhalt des Buches beschrän­ken. Nicht wie so viele mit dem Eheproblem sich beschäf­tigende Schriften dient es etwa lediglich einer ephemeren Strömung, sondern ausgerüstet mit naturwissenschaftlichem Erkennen und zugleich mit echt humanem Denken und Em­pfinden, wird sich diese Darstellung beziehentlich der ideellen und materiellen Faktoren des ehelichen Lebens, auf ihren exakten Grundlagen als eine mächtige Quelle fruchtbrin­gender Aufklärung für weite Kreise dauernd wertvoll int täglichen Leben erweisen, und wohl um so leichter die Wege finden, als der sehr mäßige Preis die Einführung ganz wcscntltch fördert.

Paul Ernst, Der Weg zur Forin. Aestbetische Ab­handlungen. Julins Bard, Berlin. (4 Mk.) Es würde zu iveil sühren, auf das Dutzend seinerwogener Aussätze hier einzugehen. Bemerkenswert im besten Sinn ist die einleitende Selbstbiogravbie, die in die an dieser Stelle vor einiger Zeit in besonderem Aussatze geschilderte merkwürdige geistige und sittliche Entwicklung des Autors emsührt und bereits die Fäden erkennen läßt, die sich

dieser Tn einer Versammlung iEder zu der Angelegenheit das T?ort. Er meinte:Kapitänleutnant a. D. Graf Reventlow hat mir den Vorwurf gemacht, ich hätte mich in der An­gelegenheit nicht anständig benommen. Dadurch, daß ich gesagt habe: »Der Hund ist nun endlich verreckt!' hätte ich die Familie Reventlow beleidigt. Ich erkläre noch« mals, daß mir sede Beleidigung der Familie Reventlow fern­gelegen hat. Wollen die Leute denn, daß ich mich mit der ganzen Familie schießen soll?! Wenn der Kapitanleutnant a. D. Graf Reventlow durchaus schießen will, dann soll er sich mit dem kleinen Kohn schießen und den dabei ordent­lich kitzeln; dann würde ihm das ganze deutsche Volk dankbar sein. Ich kann mich doch nicht wegen jeder Kinderei morgens, mittags und abends fortwährend mit derFamilie Reventlow schießen". Int Jenseits werde der liebe Gott es die Reventlows entgelten lassen, daß sie seinen Liebling, den Grafen Pückler, geärgert hätten.

* Kleine Tagesckrovik. Am 27. dss. Mts. gab in Berchtesgaden der Holzmeister Thomas Lang in einer Wirt­schaft auf das lbjährige Dienstmädchen Anna Feiner drei Revolver­schüsse ab und verletzte das Mädchen schwer. Durch einen weiteren Schuß tötete er sieh selbst. Das Motiv der Tat ist verschmähte Liebe. In M c tz sind die städtischen Cholerabaracken und das Hospital Mon Secour mit Pockenkranken überfüllt. In der bakteriologischen Anstalt wurden 30 Betten für Blatternkranke ein­gerichtet. DerStandard" meldet aus Kobe, daß eine s ch w i m- m ende Mine bei Akita an der Küste von Houjhiu <J a p a n) ans Land geschwemmt wurde. Als die dortigen Einwohner die Mine untersuchten, explodierte sie und richtete furchtbares Unheil an.. Zehn Personen wurden auf der Stelle getötet, 56 erlitten gefährliche Verletzungen.

Gericht-saal.

(fix) Darrnstadt, 28. Nov. Ein ungetreu erPvstbote ist der verheiratete Wilhelm Jäger aus Niedev-Gemünden, der bei dem Postamt Darmstadt feit ca. 8 Jahren beschäftigt ist. Anscheinend hat er noch Verpflichtungen aus feiner Junggesellen­zeit, die er ohne Vorwissen seiner Frau decken wollte. Da dies aber bei einem Tagegeld von drei Mark nicht gut möglich war, vergriff er sich au den ihm anvertrauten Geldern, indem er in sieben Fällen Beträge für Postanweisungen für sich behielt und die Namen der Empfänger auf den Anweisungen fälschte. Ferner hat er auch die Zkellamation, die in Form eines Laufzettels wegen einer nicht aus^gezahlten Anweisung erging, selbst ausgcfüllt und mit der Unterschrift des Empfängers gefälscht. Er hat ferner einige kleine Geldbeträge, die er für zwei Dienstmädchen auf der Post einzahlen sollte, für sich behalten. Die Summen sind zwar wieder ersetzt, doch wurde I. zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahre verurteilt.

R. B. Darmstadt, 28. Nov. Unter der Anklage der fahrlässigen Tödtung, Gefährdung von Menschenleben durch Außerachtlassung anerkannter Regeln der B a u k u n ft etc. stand heute der Maurermeister und Bauunternehmer Peter Maus aus Offenbach vor der hiesigen Strafkammer. Er hatte int Sommer d, I. am Isenburg-Ring in Offenbach einen Neubau errichtet und an ihm einen Fronterker angebaut, der sich über alle drei Stockwerke erstreckte und im ersten Stock auf einer breiten Sandsiaudplatte ruble. Diese Platte sollte dem genehmigten Bauplan gemäß 56 em. Stärke haben und mittelst Konsolen gestützt werden. Bei der Bauausführung ließ der Bauunternehmer jedoch eine bedeutend dünnere Platte auffagern, die aus zwei ungleich großen Stücken bestand, auch keine Konsolen ansetzen. Die Vlatten wurden nur 40 cm. lief eingebaut und von einem eisernen Träger gehalten. Als zwei Arbeiter noch mit der Fertigstellung beschäftigt waren und eine Abspriestung weggenommen wurde, brachen die Platten zwischen der Auflagekante und dem Träger, der Ecker stürzte in die Tiefe, wobei dem Arbeiter Lotz beide Schenkel zer-> schmettert und Schädel und Rückgrat so schwer verletzt wurden,j daß der Unglückliche bald eine Leiche war. Nach eingehendem Sach-' verständigem Gutachten sprach das Gericht sein Urteil dahin, daß der Angeklagte von der Anklage der fahrlässigen Tödtung freizu- svrechen, aber wegen Verstoßes gegen die Bauordnung (§ 380) und Vergehens gegen anerkannte Regeln der Baukunst zu einer Geld­strafe von 600 Mark zu verurteilen sei.

Wegen Zweikampfesmit tödlichem Ausgang ist der Stuben t b cr Rechte K'arl Grünw ald aus Landau vom Schwurgericht München zu vierMonaten Festungs­haft verurteilt worden. Sein Gegner, der ftud. med. Karl Wollenweüer, dem er bei einem leichten Säbelduell ^am 6. März zwei unbedeutende Kopfwunden beigebracht hatte, ist sechs Tage nach der Mensur an Blutvergiftung bezw. Gesichtsrose gestorben. Wie er sich infiziert hat, ist unaufgeklärt geblieben. Man ver­mutet, am Tage nach der Mensur, als er mit seiner farbigen Kvrpsmütze auf dorn Verband in einen Gewitterregen kam, und dann den Verband die folgende Nacht über nicht vvm Kopl entfernte. Die Strafkammer, vor der die Sache schon zweimal zur Verhandlung stand, hatte zuerst weitere Zeugen geladen, sich dann als unzuständig erklärt und die Sache vor das Schwur­gericht verwiesen.

Leipzig, 28. Nov. Das Reichsgericht verhandeltcj unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Dr. Treplin gegen den Handelskorresvondenten Lanzani, geboren 1878 in Italien, und gegen den Handlungsreiscnden Hamburger, geboren 1873 in Amsterdam, beide zuletzt in München Wohnhast, wegen Lan­desverrats. Lanzani wird beschuldigt, sich Kenntnis von militärischen Geheimnissen zn verseh assen versucht und einem französischen Agenten davon Mitteilung gemacht zu haben. Hamburger wird beschuldigt, in den Jahren 1905 und 1906 Gcgenst ündc, deren Geheimhaltung im Inter­esse der Landesverteidigung erforderlich war, zur Kenntnis eines französischen Agenten gebracht

zwischen seiner Psyche und der Knnst spannen, deren Betätigung ihn ans sozialdemokratischem Parteitreiben zu geistig und sittlich freier Hohe geführt hat. Allgemein soll hier mir hervorgehoben werden, üast in der Wortknnst der Novelle und des Dramas aus sittlichen und ästhetischen Notwendigkeiten herausgestaltet werden muß, wenn künstlerische Werte erzielt werden sollen. Gewisser­maßen als letzte Konsegnenz dieser praktischen Aesthetik über die Gesetzlichkeit und Notwendigkeit künstlerischer Formung werden auch die Voraussetzungen für die Wechselwirkung von Dichter und Publikum erörtert. Hier wird mit festem Finger auf das Problem hingewieseu, das in unserer an Lebens- und Weltanschauung so unendlich differenzierten Zeit in gewissem Sinn den Dichter und Künder des Tiefsten zwingt, in der Wahl und Ausarbeitung seines Stoffes zu einerdurchschnittlichen Bildungsstufe" und auf ein nur mehr oberflächliches Unterhaltungsbedürstiis berabzusteigen und damit das Nweau geistiger und seelischer Erhebung niedriger zu stellen. Dadurch wird der sittlichcnde Einfluß enifter und großer Kunst aus das Volk fast unmöglich und jedenfalls für die Mehrzahl der Zeitgenossen nahezu aufgehoben. Und doch sind die Anzeichen zn einer künstlerischen Kultur vorhanden. Wir werden sie haben, wenn die streng-künstlerische Form im Leben, Denken, Empsinden und Schaffen wieder zu ihrem vollen Recht kommt. Tiefe Wahr­heit ausgesprochen zu haben, ist das schöne Verdienst dieses geist­vollen Büchleins.

Unter dem SammelnamenLiteratur" gibt der Verlag Bard, Marquardt L Co. in Berlin ein Reihe fesselnder literarischer Mo- nographien in geschmackvoller Ausstattung hübsch kartoniert und nut Illustrationen ücrfebeii heraus. Es liegt uns ein Band vor, m dem überD a 5 Nibelungenlied" Max Bur ckh ard in seiner eindringlichen Weise spricht. Neckt interessant sind die Auslassiiiigeii über Wagner-Z Nibelungen-Dichtung, die der Eigenart des Dichterkomponisten in besoiiderer, echt Burckhardscher Weise gerecht werden. Auch JordansN i b e l ii n g c" bespricht der ehemaligeWienerHo'burgtheaterdircklor, ohne inbeS dieser granziosen Dichtung gerecht zii werden.

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