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4.5.1906 Erstes Blatt
 
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Die heutige Aummer umfaßt 10 Seiten.

daß die Regierung dem Reichstag nicht Rede und Antwort stehe in Angelegenheiten der Fremdcnpolizei. Von Rechts wegen Hütte der preußische Minister des Innern schleunigst herbeigeholt werden müssen, um sich zu den schwerwiegen­den Anklagen Bebels zu äußern.

Ter Sehnsucht nach einem Einwanderungsverbot für russische Juden gab Abg. 2 a 11 m a n n (Wirtsch. Berg.) unverlftlllten Ausdruck. Tas sei ein radikales Mittel, Aus­weisungen überhaupt überflüssig zu machen. Nebenbei lehnte er die Gemeinschaft mit demRadau-AntisemitiSmus" der Herren v. P ü ck l e r und A h l w a r d t, die er als g e i st i g minderwertig bezeichnete, ab.

Mg. v. Czarlinski (Pole) verwies dasbarbar." Preußen stolzen Tones auf den polnischen Staat von ehedem, der die verfolgten fßrDteftaiiteu gastfreundlich ausgenommen habe.

Im Sinne Tr. Spahns sprach Abg. Bassermann (natl.). Tie schrmikenlosc Zuwanderung russischer Flücht­linge scheint ihm zwar nicht im Staatsinteresse zu liegen, aber von der Ausweisung solle hi schonender Weise Gebrauch gemacht werden, solange die Machtbefugnis der Verwaltung nicht durch Erlaß eines Fremdenrechts gesetzlich geregelt sei.

Alles im allem darf man sagen, daß die Ausweisungs­debatte die Notwendigkeit einer Rechtfertigung der preuß. Behörde ergeben hat. Dem preußischen Minister des Innern dürste im Landtag hierzu Gelegenheit gegeben werden.

Tie Dimensionen der H-mvll Messe sind noch gewaltiger, alS bei der schon sehr umfangreichen Beethoven scheu Missa solcnlnis, die am 18. Juni 1902 hier in der Stadtkirche zur Aufführung kam. Beide sind zur Verwendung int eigentlichen Gottesdienst unbrauchbar. Die H-nwll Messe ist stüäiveise ent­standen und nur in einzelnen Teilen im Gottesdienst aufgesührt worden. .... c

Von der Struktur ist neulich in dem entführenden Aussatz desGieß. Anz." schon gesprochen worden. Nach dem Klagen (Khrie eleison) des Chors folgt cm anmutendes Duett (Christe eleison für 1. und 2. Sopran unt ansprechender Geigenbegleitung. Hieran schließt fick dasKhrie" des Chors, fcierlül^, mir ernster Würde, dann in schärfstem Kontrast hierzu sein schmetterndes Gloria", in dem Bach den Singstimmen Passagen wie Instru­menten, vorschreibt und groLe Geläufigkeit vorausseht; in der Folge steigert er oft noch diese Anforderungen bis an die Grenze des Möglichen. Tie nächste Nummer ist die AllarieLaudamus4 mit weicher lieblicher Orgelbegleitnng und hervorragendem Solo- vivlinpart. Wunderbar ist hier das Vorspiel, die Schleifenbeweg­ung der Violine, ihr einschmeichelndes Umspielen der etwas burschikosen Gesangspartie, einermusikalischen Naturstudte, zu welcher Vogelgesang das Modell gegeben zu haben scheint", wie Kretschmar meint. . . _r

Der folgende ChorGratias agimus verwendet dasselbe Motiv wie der SchlußDona nobis pacem", das charakteristische Ansteigen in den vier letzten Tönen der Tonleiter gibt dem Ganzen ein eigenartiges Gepräge. Hieran schließt sich das Duett für Sopran und TenorTomine Dens"'. Ein liebtid)C5 Flöten- motio leitet ein, man glaubt Hirten auf der Weide zu hören. Lei den Singstimmen fällt auf, wie kunstvoll der ocrschieden- artige Text der beiden Stimmen in einander verwoben ist. Ob Lach damit ausdrückm wollte, daß Vater und Sohn untrennbar per eine im andern aufgeht? Die Begleitung trägt den Charakter des Flütenspiels der Hirten und soll wohl die gläubige, herzens­einfache Anbetung versinnbildlichen. Der Chor nimmt dann in Qui' tollis" in einem überaus sanften Motiv den Gedanken wieder auf. Das Sanfte kehrt durch alle Stimmen wieder, das geduldige Tragen andeutend. Tann ist dem Altsolo in der Arie Qui jedes" wieder eine Glanznummer gewidmet. Auch hier fällt an Bach ein burschikoses, lustig temperamentvolles Wesen auf, das sich in gefälligem 6/8 Takt ergeht, und auch hier ivieder der Oboe und den Geigen eine anmutige Legleiterrolle gibt. Die Altarie löst die schwere Baßarie ,/Quoniam" ab, mit eigen­artiger Klangsürbung in der Hornbegieitung. Störend wirkt in der Singstimme das s am Schluß der fick immer wiederholen­den Worte solus, sancrus. Dominus, altissimus usw. In dem folgenden ChorCum saneto spiritu", der die Herrlichkeit Gottes m jubelnden Tönen verkündet, wirkt überaus reizvoll das in ichönen Harmoniefolge» lang hinansgezogene patris und Amen gesteigert durch die daMtschenttegendeu llvhaiten Pajsagen und schnellen Figuren.

Ter ChorCredo" Nr. 12) fiel auS (zwischendurch erfolgten übrigens auch noch weitere Kürzungen), der nächste Chor beljmibcU cbcnsalls dasCredo". Das folgende Duett für Sopran und Alt ,.Cc in unum" hat eine eigentümlich enggeführte Nackahutmig der Äcvtivc in Sing- und Orchesterstimmen, auch hier das Eüi- heillichc, Zusammengchörende, Jneinanderübergehende betonend. Eigenartig wirkt gegen den Schluß Duetts die düstere Farbe in der Vertonung des Herabsteigens aus lichter Höhe zur sündigen Erde (descendit de coelis.!.

Ter Chor singt dann dasCt incarnatus" und das(£rucw sixus". In diesem wird weniger das Schaurige betont als der wehmütigen Trauer um das Geschehene, Unfaßlicke Raum ge- gegeben. Eigenartige und l)ervorragend schöne Klangwirkung hat hierin die Stelle über die Grablegung, das passus et eepultus est, das zuletzt still wie ein Grab aiidtlingt, um sofort mit schärf­stem Gegensatz in das jubelnde Auserstanden (Et resurrexü) Über­zug ehen.

In der folgenden BaßarieEt in spiritum" hat Bach das Gegenstück zu dem 'Sopran- und TenorduettDomine Deus"^ geschaffen. Auch hier ein kindliw frohes, wiegendes Spiel mit Hirtenflöten.

Ter Chor nimmt dann imConsitcor" das Bekenntnis aus und preist imSanctus" in lieblichen Trioleitgängen, die wie Wellen hinfließen, den heiligen Gott Sabaolh. Einzig schon wirkt hier das iraftoolle, energische sanctus Dominus Deus Sabaoth des Lasses zu dem lang austönenden, gezogenen Sanctus der fünf anderen Chorstimmen, zu dem Spiel der Orgel und des ganzen Orchesters. Plötzlich fällt dann in die Begeisterung der Tenor mitPleni sunt" ein und der Jubel eilt in rastloser Bewegung nochmals durch alle Stimmen des mächtigen Chors.

Zu der nun folgenden TenorarieBenedictus" gibt Bach ein reizendes Solospiel der Violine als Einleitung und als eine in äußerst anmutigen Triolen dahinschwebende Umspielung des Gesanges.

Hieran schließt sick das irische, marschmäßigcOsanna" des Chors, dem die AltarieAgnus Tei" folgt, ein Stück tiefer Innerlichkeit, weich und scyön in der Begleitung, gewinnend und ansprechend im Gesang.

Im Schluß des Werkes erbittet der Chor in demDona nobis" Frieden mit mehr zuversichtlicher Stimmung, als einem flehenden Bitten.

Tie H-nwllMesse hatte in Frau Hedy Brügelmann aus Köln .Sopran, Fräulein Agnes LeyoHecker aus Berlin D'llt, Herrn Anton Ko hm a nn aus Frankfurt a. M. (Tenor,, Herrn Kammersänger Emil Liepe aus Berlin (Baß, ferner im akademisch en Gesangverein, der durch Mitglieder des K r v n b a u er'sch n Quartettvereins verstärkt war, durch das Vereinsorchester, einschließlich auÄvärtiger Künstler, ferner in Herrn A. Hempel, Organist aus München, der den Orgelpari übernommen, hatte, vorzügliche Darsteller und in dem Großh.

ü-moU-Wefle von Nach.

(9. Konzert des Gießener Konzert-Vereins.)

Gießen, 4. Mai 1906.

Wir standen im Zeichn hoher Festtage, am Dienstag Kaiser- Gesuch am Mittwoch in der Stadtkircke diehohe" Messe. Gießen, erst jetzt eingereiht in die Städte des Kaiferbesuchs, kann auf dem Gebiet der zwuzertdarbietungen schon lange mit größeren Ltädtcn wetteifern. Ter Iaiser roll übrigens vor einiger Zett in Berlin die H-moll Messe mitangehört und von dem gigantischen Werk so gefesselt gewesen sein, daß er den Wagen, der ihn wieder abholen sollte, über eine Stunde warten ließ, um auch den Schluß zu hören, und soll geäußert haben, «er sehe nun, daß nicht Händel allein, wie er geglaubt, Gewaltigstes in kirchlicher Chvr- und Orchestermusi! geschaffen habe.*)

In der Thal ist der Eindruck der Bachfcke» H-moll Mette übcrivältigend. Ter Ausspruch Beethovens über Bach,nicht Bach, Meer sollt' er heißen", hat leine Berechtigung, xie Un- ermeßlichkeit der Tonfülle, die Reichhaltigkeit der Motive hat etwas meerartig Unbegrenztes. An diefem Werk schuf Bach von seinem 47 Lebensjahre an 6 Jahre lang. Es ist die ausgereiste Leistung des besten Mannesalters, deshalb der tiefe Ernst, du große Anlage und kraftvolle Durchlührung. An die Mitwirken- den wie nn die Hörer stellt er dann die höchsten Sllispruche. ,

Man hat viel über die Entstehung und den religiösen Gehalt oder gar diellnfessionelle Stellung" der H-moll Messe gestritten. Manche können sich nickst beruhigen, datz derstrenge Lutheraner" einekatholische" Meise in "Jcuin letzte 7/udere wollen ans ihr doch einen unverkennbarprotestantischen Gust heraushören, während sie Beethovens Mifta wlemnis als hockme Leistung der katholischen Sette preften. Auch hat man ich ge­fragt, ob Bach die Messe schrieb, um den Titel eme» fmhfttchen Hofkapellmeisters zu erlangen, oder um sich bei dem katholischen .Hof überhaupt gerade mit einer so grandiosen Messe besonders in Gunst zu setzen. Uns braucht es nickst zu flimmern, was dem allen Thomaskantor die Feder in die £mnb ircüatc. Genug, daß er uns ein Werk hinterlassen Hal, das, wie jebe gute Mustk, andächtige Stimmungen oder religiöse Gefühle und Vorstellungen auAlvst und sich über kleinlichen Parteistreit erhebt.

*) Das ist unfern Lesern bereits bekannt. Wir haben in unserer Nummer vom 18. April berichtet, daß der Kaiser der Auf­führung der H-rnoll Messe durch den Berliner Phllharinonischen Ckor beigewohnt und sein Auwmobil für 9ist Uhr zur Heimfahrt bestellt hatte, aber nach seiner eigenen Aeußerung durch das Werk so ergriffen wurde, daß er bis zum S-chlusfc blieb. Er bemerkte dein 'Dirigenten Prof. Ochs, daß für iIn: fortan nickst mehr Händel als Oratorienkompanist den Gipfel der geistlichen Musn bcbente; Lach habe ihm eine neue Welt erschlossen, die H-moll Ptesse habe ihn Lachsckw Bedeutung für die mul italische Kunst M recht erkennen gelchrt. D, Red.

Aus dem Reichstag.

R. Berlin, 3. Mcki.

Die heimflüchtigen, in Berlin weilenden Russen hatten sich von! bier heutigen Reichsttttzsdebtttte über die vom Berliner Polizeipräsidenten verfügten Russenaus­weisungen ganz Besonderes versprochen. Sie saßen dicht­geschart in Erwartung auf den Tribünenbänken, konnten aber ein gewisses Bessernden nicht unterdrücken, daß sich im Reichstag zunächst wenigstens nur ein beschränktes Interesse für die Äusweisungsfiage kundgab. Das Erstaunen der Gäste wuchs, als Staatssekretär Graf Posadowskh in Vertretung des ReiMkcmzlers erklärte, die Beantwort­ung der sozioldemokrcuischen Interpellation a b l e h n e n zu müssen, aus Kompetenzrücksichten, weil die einzelsraat- llche Verwaltung in dieser Angelegenheit zuständig sei. In Konsequenz dieses Standpunktes kann die Regierung natür­lich auch nicht anerkennen, daß die Ausweisungen ungesetz­lich sind und in Widerspruch stehen mit den Bestimmungen des russischen Handelsvertrags.

Der Erfolg der Interpellation konnte also bestenfalls ein moralischer sein, und Bebel gab sich in seiner leiden- scl>astli.chen Anklagerede redlicb Michc, diesen Erfolg zu sichern. Er stützte sich auf eine Fülle von Material, aus dem hervorging, daß nicht nurSchnorrer und Verschwörer" von dem Ausweisungsbefehl der Berliner Polizei betroffen loorben sind. Bebel nannte das Verfahren der Polizei leichtfertig", es spreche darausdie Freude am Rui­nieren von Existenzen". In seiner Verteidigung der frusfischen Arbeiter, die ebenfalls des preußischen Landes verwiesen wurden, ging der SoKialisteuführer soweit, diesen Arbeitern die üb erleg euere Intelligenz gegenüberden deutschen Arbeitern zuznerkennen. Ob diese llebertreibung notwendig war, um die nichtrevo- lutionärc Gesinnung der Russen darzutun, darüber werden die deutschen Arbeiter vielleicht anderer Meinung sein, als Bebel. (Seinen Haupttrumpf spielte der Redner zum Schluß ans mit der Behauptung, die Berliner Polizei habe sich eines Verbrechens sch-uldig gemacht- In den Bei- salls- und den Entrüslungssturm, die gegeneinander prall­ten, dröhnte die Glocke und der Ordnungsruf des Vize­präsidenten Grafen Stolberg. Der Tumult Hub aber bald von neuem an.

Mg. v. Oldenburg (kous.) sprach mit schriller Kom- inandosiimme den Exekutivbehörden seinen Dank aus für das schneidige Vorgehen gegen dielästigen" Ausländer. Deutschland habe keinen weiteren Bedarf anRevolutio- uären", und die Sozialdemokratie sei am wenigsten be­rechtigt, sich zu entrüsten, denn wer bei ihr sich mißliebig mache, fliege kurzer Hand hinaus.Besser zu hart, als zu schlapp. Für eine andere Praxis den russischen Zuwan- derern gegenüber hat das deutsche Volk kein Verständnis" so votierte Herr v. Oldenburg unter dem lärmenden Widerspruch der Linken.

Eine entsprechende Antwort erteilte ihm Mg. Pohl (Frs. Volksp.'. Durch den Unfug der Massenausweisnngen werde Deutschland in der ganzen Welt lächerlich gemacht.

Auch Abg. Tr. Spahn stellte die Rücksichtnahme auf die nationale Würde in den Vordergrund. Er rügte scharf,

Deutscher Reichstag.

83. S i tz u n g vom 3. Ai a i 1906.

Auf der Tagesordnung steht eine Interpellation der Sozial­demokraten, betrcssend

Älusweisuug russischer Staatsangehöriger.

Staatssekretär Graf PosabomSki): Aach Artikel 4 Absatz 1 unterliegt allerdings die Fremdenpolizei der Beaufsichtigung unb Gesetzgebung durch das Reich. Diese Versasiungsbeslimmung habe aber zunächst einen provisorischen Charakter, so lange sie nicht durch Spezialgesetz in den Einzelstanten geregelt sei. Tie Einzelstnaten blieben daher so lange selbständig. Zwischen Nußlnnd und Deutsch­land bestehe ein besonderer NiedcrlassungSvertrag iiicht. Die Frage der Fremdenpolizei werde aber auch in den Verträgen des deutschen Reiches mit zahlreichen Staaten überhaupt nicht berührt. Hier kämen Bestimmungen der Einzelslaaten in Frage. Aus diesen materiellen Gründen lehne der Reichskanzler die Beantwortung der Interpellation ab. (Beifall rechts.)

Auf Antrag des Abg. Singer (Soz.) tritt das Haus in die .Besprechung der Jnterpellatton ein.

Abg. Bebel (Soz.): Ganz gewiß sei die Frage der Aus­weisung von Ausländern eine Angelegenheit der Einzelstaaten. Früher habe der Reichskanzler zu einer solchen Interpellation aller­dings eine andere Haltung eingenommen. Die Ausweisung von Ausländern berühre das Reich aber in einem sehr hohen Maße, daß die Interpellation und ihre Besprechung in diesem Hause durch­aus berechtigt sei. Es sei unzweifelhast, daß auf Grund des § 1 des russisch-deutschen Handelsvertrages rufsische Staatsangehörige das Recht haben, sich in Deutschland niederzulassen. Es ginge nicht an, daß Leute, die sich feines Vergehens schuldig gemacht hätten, einfach ausgcivieseu mürben. Zn einzelnen Staaten, fo in Preußen und Sachsen, bestündeil jedoch Aeftimmnngen, nach denen Ausländer als lästig ausgewieseu werden können. Der Begrisi lästig sei aber sehr dehnbar und lasse den Ausgewiesenen nicht erkennen, aus tvelchem Grunde er ausgewieseu werde. Die Polizei verfüge ohne Rücksicht auf die Existenz der Betrosscncn. Alle lllassen des russifchen Volkes feien unter diesen Flüchtlingen ver­treten. Er gebe jein Wort darauf und mache fein Hehl daraus, daß die Sozialdemokratie solchen Leuten, luenu sic mich Deutschland

gekommen mären, Mistel zur Verfügung stellten, damit sie schnell die Grenzen Preußens und Deutschlands hinter sich bringen konnten. Bei den Llusweisungen fet die Polizei von Berlin und auch der Nachbarstadt Schöneberg rigoros und geradezu leicljhertig zu Werke gegangen. Aber nicht nur ganz unschuldige Russen hatte» unter >en Ausweisungen zu leiden, sondern auch Berliner Fabrikanten. Diese Schädigung wirtschaftlicher Interessen deutscher Industrieller habe ja sogar die Berliner Handetstammer veranlaßt, da­gegen einen Beschluß zu sassen. Wie komme c5, daß den westfälischen Schlotbaronen gestaltet werde, taiiscnde fremd­ländischer Arbeiter zu beschäftigen. Die Wlinistcr seien eben ergebene Diener dieser Schlotbarone, gegen die sie nichts zu verfügen wagte». Ter Mapitalidmud herrsche bei uns. Eine geradezu sadistische Freude am Ruinieren von Existenzen trete bei den Ausweisungen zlttage. Was würde man sagen, wenn deutsche Staatsangehörige auf gleiche Weise im AiiSlande behandelt würden ? UUius beabsichtige man beim eigentlich mit ben Ausweisungen? Jii Oesterreich Jet es anders. Dort begrüße man es, wenn Mittel gesammelt würden, um die Annen vor Not zu bewahren. Auch die christliche» Grundsätze gebieten, baß man ben Fremdling, bet in Not ist, freiindlich auf­nehme. Ein russischer Jude erhielt, bannt er als bcutschcr Spion unb Spitzel nach Rnßlanb zurückkehren foimte, von bei Berliner Polizei einen falschen Paß, bannt sei» Paß bas russische Visum erhalten würbe, eine Bestätigung, baß er Christ sei. Das fei cm Verbrechen der Polizei. (Vizepräsident Graf Stolberg rügt Gefeit Ausdruck. Diesen Zuständen müsse ein Ende gemacht werden, das sei man der Ehre Detttschlands fdjulbig. (Beifall und Unruhe.)

Abg. v. Oldenburg (Kons.): Ich glaube, Herr Bebel hat gesagt, der Slouig und die Minister suhlen sich als Diener der kapitalistischen Gesellschaft unb ben Kohlenbaronen gegenüber (der Sozialdemokrat Hoffmann-Berlin ruft: Hatz nid) jesagt, aber bet stimmt!). Wenn er ba5 gefagt hätte, wäre es eine Unverschämt­heit gewesen. Ich spreche meine Genugtuung, über bie Nichtbeant- wortung ber Interpellation aus. Die Sozialbemokraten haben bod) selbst bas Prinzip: Wer unbequem wirb, fliegt heraus.- (Heiterkeit rechts.) Tie anftänbigen beutfchen Juden bedanken fid) für die Gesellschaft dieser russischen Juden. In Ausweisungssachen ist eher Härte al5 Schlappheit gut. Ich spreche dem Wtirnfter des Innern und dem Berliner Polizeipräsidenten unseren besonderen Taut aus. Wir haben im Jnlande so reichliche Revolittionäre, daß wir einen Erporlartikel daraus machen könnten. (Stürmische Heiterkeit.) Es isi'unverständlid), roarum die Russen sich an den gegen bie preußische Versassung gerichteten Versammlungen vom 21. Januar benehimgs- weise 18.'Marz beteiligten, bei denen übrigens statt des konsignierte» DülitärS die Feuerspritze unb ber Gummiknüppel genügt hätten. (Bestall rechts.)

Abg. Pohl (sreis. Vp.): Eine Aenderung des bestehendeii Frembeiiredits, baS unser Baterlaiid verächtlich mad)t, ist nötig. Die anständigen Juden vervneile» diese Ausweisungen. Diese Ailsweijungeil sind, weil sie grundlos sind, ein flagranter Rechts- brud), ein Bruch der Verträge, und schädigen baS Llnsehen unb das Vertrauen, welches Teutschlanb im Auslände noch genießt.

Abg. 2r. S p a h ii (Zentrum) wünscht, daß bie verbündeten Regierungen sich darüber verständigten, daß über Fratzen der Frenidenpolizei hier im Reichstage Auskunft gegeben wird. Es wäre gut gewesen, wenn der preußische Minister des Junenl sofort irgendwelche Unrichtigkeiten bei den Behauptungen Bebels berichtigt hätte. Wichtiger als die einzelnen Answeifungen sind btc Erörte­rungen über bie prinzipielle Stellung bes Bundesrats und dcS Reichskanzlers zu der Frage, warum diese Interpellation nicht beantwortet wirb. Wir haben das Recht, über bas Reich an- gehenbe Beschnlbigungen Anskunst zu verlangen, damit wir unS tlav werben können, ob ein Reichs-Frembengesetz nötig wird. And) vom Kultiirstanbpunkt aus habe» wir ein Recht, darüber zu wachen, ob baS Gastrecht ber Auslänber richtig gewahrt bleibe. Ich kann nur ben Wunsch auSdrücken, baß die verbündeten Negierungen wieder auf ihren srühei^ii Standpunkt in der Frage der Fremde.i- polizei guriicftommc. (Beifall.)

Abg. Lattman » (Wirtsch. Vgg.): ES ist nicht der Fall, baß

Nr. 104 Erstes Blatt 156. Jahrgang Freitag 4. Mai 1906

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