Alsfeld, 2. Okt. Gestern nachmittag fand im Hotel „Deutsche? Haus" das AbschiedSeffen des von hier scheidenden KreisrateS Dr. Melior statt. Hieran beteiligten sich die Stadtbehörde, sowie höhere Beamte von Alsfeld und Bürgermeister des Kreises Alsfeld, im ganzen 95 Personen. — Gestern abend konnte man hier dem empörenden Benehmen eines 13 jährigen Knaben zuschauen. Ein Fabrik- Arbeiter hatte noch einige Besorgungen in der Stadt zu machen und fuhr gegen 8 Uhr über den Roßmarkt. Als er an die Kreuzung der Straßen Roßmarkt-Baugasse kam, lief ihm ein Junge vor das Rad und rief ihm zu: „ei schell doch mal, schell doch", und lief ganz ruhig weiter vor dem Rad herum. Der Fahrer, ein älterer Mann, mußte ihm auSweichen und fuhr nach der Fußsteigseite zu, fuhr wider ihn, verlor hierdurch das Gleichgewicht, kam zu Fall und brach beide Knöchel. Dank deS raschen Erscheinens des Herrn Dr. Weber konnte der Verunglückte sofort verbunden werden. Nach Anlegen deS Verbandes wollte man ihn in das städt. Hospital verbringen, was er ober nicht wollte, und so mußte man ihn mit Wagen nach Hause, nach dem eine Stunde entfernten Auenrod bringen. — Derartige Belästigungen von Radfahrern kommen hier öfters vor, man braucht nur einmal die Schellengaste hinunter zu fahren. Es ist gut, daß wenigstens bei diesem Fall einmal Augenzeugen zugegen waren, die die Sache hoffentlich tatkräftig vertreten. Sehr am Platze wäre eS, daß von den Lehrern und Eltern energische Ermahnungen an ihre Schüler resp. Kinder gerichtet würden.
x AuS der Wetterau, 2. Okt. Die Zuckerfabrik bei Friedberg-Fauerbach hat gestern ihre Winterkampagne begonnen, die sehr günstig zu werden verspricht. Die Zuckerrüben sind in der gesamten Wetterau vor- züglich geraten und haben infolge des sonnigen, trockenen Nachsommers einen hohen Zuckergehalt. Täglich treffen ganze Eisenbahnzuge mit Rüben ein neben zahlreichen Wagenfuhren, sodaß ein hoher Zuckerrübenberg an der Fabrik lagert
R. B. Darmstadt, 2. Okt. Die militärischen Posten, die bisher vor Gebäuden oder Anstalten von Zivilverwaltungen Wache standen, sind durch eine Kaiserliche Kabinetsordre teilweise aufgehoben worden. Die Kabinets- ordre ist am 1. Oktober in Kraft getreten. In Darmstadt wurden die Posten vor dem Hoftheater und vor der Hauptstaatskasse eingezogen und durch Zivilwächter, im letzteren Falle die Wach- und Schließgesellschaft, ersetzt. Die Schilderhäuser vor diesen Gebäuden werden entfernt. Demnächst sollen auch die militärischen Posten in und vor den Zivilgefängnisten, Arresthäusern usw. eingezogen werden, wie verlautet zum 1. Oktober 1907. Diese Posten werden durch bewaffnete Gefängniswärter ersetzt, deren Zahl dementsprechend vermehrt wird.
[] Marburg, 2. Okt. Die Belohnung für Auffindung des seit dem 18. Juni vermißten 21 Jahre alten Kaufmanns Louis Prink ist jetzt von 600 Mk. auf 1000 Mk. erhöht worden. Man glaubt, daß der junge Mann einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. — Gestern wurde der zweite Teil der im Bau begriffenen Bahn Bertwig-Frankcn- berg, nämlich die Strecke Steinhelle-Winterberg, in Betrieb gesetzt.
fc. Hanau, 3. Okt. Die Dunlopkompagnie hat auf dem Lehrhof bei Hanau drei Neubauten auSgeführt. Heute vormittag riß der Sturm die Steinbedeckung des einen Hauses herunter und verschüttete die Arbeiter. Die Taglöhner Aug. Albach und Franz Abraham, sowie der Fuhrmann FrieS wurden getötet, drei weitere Arbeiter schwer verletzt.
** Kleine Mitteilungen ans Hessen und den Nachbarstaaten. In der Arbeiter-Kolonie Neu- Ulrichstein wurden im Monat September 17 Arbeitslose ausgenommen, während 20 Abgänge zu verzeichnen waren. Ter Bestand stellt sich am Ende des Monats auf 39 Mann. — In Frankfurt a. M. hielt die Polizei zwei 14jährige Bursche n fest, die sich als Durchbrenner aus der Gegend von Kopenhagen entpupptem Sie hatten 500 Mk. gestohlen und wollten nach der Schweiz reisen um dort zu jagen. — In Nieder-Erl enbach wurde gestern nacht eine Stute im Werte von 1500 Mk. aus dem Stalle gestohlen.— In G a - der n heim wollte sich am Sonntag bei einer Hochzeitsfeierlichkeit die Schwester der jungen Frau gegen den Willen ihres Vater? einen Augenblick ins Freie begeben. Als sie von ihrem Vorhaben nicht abließ, stieß ihr der erzürnte Vater ein Messer in die Brust. Die Verletzung ist lebensgefährlich.
Vermischtes.
"München, 3. Okt. Als Dieb der vor einigen Tagen entwendeten Mobilmachungspläne ist ein Einjährig-Freiwilliger vom 3. Train-Bataillon verhaftet worden, der im Auftrag eines Wiener Agenten für eine dem Dreibund angehörende Macht, wahrscheinlich Italien handelte. Der Einjährige ist geständig.
* Kleine Tageschronik. In Hannover erschoß sich ein etwa 23 jähriger junger Mann namens Brocks, nachdem er seine Geliebte, ein gleichaltriges Mädchen durch zwei Schüsse getötet hatte. — Bei den französischen Tor- Pedoboots-Manövern ereignete sich an Bord des Torpedobootes 314 eine Explosion, wobei ein Unteroffizier schwer und mehrere Heizer leichter verletzt wurden. — An der Paschenspitze im Kanton Waadt fand man die Leichen von vier verunglückten Touristen. Alle sind schrecklich verstümmelt. Die vier scheinen, statt dem Couloir zu folgen, von diesem Wege abgegangen, auf vereistes Felsgebiet geraten und bann abgestürzt zu sein. Drei Leichen waren noch zusammengeseilt, von der vierten war das Seil losgerissen. — InMeaux (Frankr.) verhaftete die Polizei einen Notar, der beschuldigt wird, 250 000 Fr. U nterschlagen zu haben. — Die endgültige Verteilung der Unterstützungsgelber an die Hinterbliebenen der Opfer von Courriäres erfolgt am 1. Dezember. An die Geretteten und an die Witwen und Waisen wurden insgesamt 6 680 700 Fr. verteilt. — InAlgier haben die jüngsten Neber- schwemmungen den Tod von 11 Eingeborenen herbeigeführt. — Durch das Umstürzen eines Wagens der elektr. Straßenbahn wurden auf der Strecke zwischen N e w y o r k und Pankers 6 Personen getötet und 15 verletzt. Der Wagen sauste einen steilen Hügel hinunter, weil die Bremse versagte und stürzte am Fuße des Hügels um. Der Wagen war mit Frauen und Kindern bicht besetzt. Die Schreckensszenen, die sich ab- svielten, bis ärztliche Hülfe kam, waren fürchterlich. — In Düsseldorf sand man eine Frau geknebelt und mit Stricken gefesselt im Bette auf. Sie gab an, nachts von drei Vermummten Männern überfallen und wehrlos gemacht worden zu sein. Geraubt wurden aus dem Hause Geld und Sparkassenbücher. Von den Tätern fehlt jede Spur. — Ein Automobil, in dem sich der span. F i n a n z m i n i st e r Revcr -- ter und der Marineminister Alvarade befanden, erlitt einen llttfall drei Kilometer von La .Gpanja entfernt Der Chauf
feur und der Adjutant des Marineministers wurden aus dem Wagen geschleudert, während die beiden Minister unter den umgestürzten Wagen zu liegen kamen. Der Marineminister erlitt Verletzungen am Ohre unb an der Stirne, der Fmanzminister Quetschungen am ganzen Körper. — In Newyork beging der „Lo 11 e r i e kö n i g" Al. Adams Selbstmord. Er hatte eine Million Dollar verloren in Eistrust- und Neading- aftien infolge steigender Tendenz. — Nach einer Depesche aus New-Orleans wurde das an der Küste des Golfes von Mexiko gelegene Fort M a c c r a e von einem Orkan zerstört. Alle Offiziere, deren Familien und die Artilleristen käme n mit Ausnahme einiger weniger, die sich an den Batterien feftgebun- den hatten, um. Hülfe war unmöglich. Viele Schisse fcheiterten und an hundert Personen kamen nm.
Ein Gemeinberechnet.' vor dem Schwrrrgergericht.
(th.) Gießen, 3. Oktober.
Das Schwurgericht verhandelte gestern gegen den b'sher nur wegen Pfandveräußerung mit 1 Tag Gefängnis vorbestraften 37 Jahre alten Landwirt und Gemei':derechner Friedrich Zimmer von Visse s wegen Verbrechens im Amt. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Neuß, Verteidiger war Rechtsanwalt Arnold.
Zimmer war geständig, in den Jahren 1904 bis 1906 der Pfennigsparkasse, 697,22 Mark, der von ihm verwalteten Vieh- Versicherungskasse 71,59 Mark und der Gemeindekasse 2781,09 Mark unterschlagen zu haben und zur Verdeckung der Veruntreuung, speziell des Fehlbetrages aus der Gemeindekasse, falsche Einträge von erfolgten Einnahmen bewirkt zu haben. Anfangs des Jahres 1904 wurde der Angeklagte als Nackffolger seines Vaters, der 34 Jahre lang Rechner des Dorfes Biffes gewesen war, vom Kreisamt angestellt und vereidigt. Ter Mann hatte vorher in geordneten Verhältnissen gelebt und als Landwirt sein Auskommen gefunden. Sein Haus und Acker waren von Hypotheken frei. Er baute jedoch kurz vor seinem Amtsantritt ein neues Haus und belastete dadurch seinen Jmmobilienbesitz mit einigen tausend Mark, den dieser auch vertrug, da das neue Anwesen mindestens 5000 Mark und seine Aecker ca. 7—8000 Mark wert waren. Leichtsinnigerweise gab Zimmer dem in Konkurs geratenen ehemaligen Schweinehändler Diesenbach von Echzell für mehrere tausend Mark Gefälligkeitswechsel, ließ sich auch mit diesem und einem gewissen Hinkel von Echzell ein, die beide kürzlich wegen Blankettfälschung von der Strafkammer Gießen mit 9 resp. 4 Monate Gefängnis belegt worden sind. Das Ende vom Liede war, daß Zimmer gezwungen wurde, die von ihm angenommenen Wechsel einzulösen. Er konnte aus eigenen Mitteln die Zahlung nicht leisten und reiste wegen dieser Angelegenheit häufig nach Frankfurt, um Geld aufzutreiben. Er wurde schließlich verklagt und es entstanden erhebliche Kosten. Tie Wechselinhaber ließen ihre Forderungen hypothekarisch auf die Immobilien ihres Schuldners zwangsweise eintragen und so k-m der vor ca. 2V2 Jahren immerhin gut situierte Mann auf eine schiefe Ebene und vergriff sich an fremdem Gute. Die unterschlagenen Summen der Pfennigsparkaffe und der Viehversicherungskasse, deren Fehlen der Vürgenneister entdeckt hatte, sind vom Angeklagten resp. von seinen Verwandten sofort ersetzt worden, ohne daß vorerst Anzeige erhoben wurde. Bei einer Revision des Kreisamtes fehlten in der Gemeindekasse ca. 400 Mark. Man ließ den Angeklagten mehrere Wochen Zeit, die Sache in Ordnung zu bringen, ehe man eine zweite gründliche Kontrolle der Kasse vornahm. Hierbei entdeckte man, wie die Sache stand.
Zimmer hat, seitdem er in Untersuchung genommen wurde, 500 Mark des Fehlbetrages zurückerstattet; feine 2000 Mark betragende Kaution wird zur weiteren Deckung herangezogen, so baß die Gemeinde mit etwa 300 Mark nicht gedeckt wird. Die Beweisaufnahme war nach Lage der Sache sehr kurz.
Die Schuldfrage war außer auf einfacher Unterschlagung, auf Amtsverbrechen gestellt und dahin formuliert, ob es sich bei den verschiedenen Unredlichkeiten um ein fortgesetztes Verbrechen handelt, und ob dem Angeklagten mildernde Umstände zu bewilligen seien.
. Der Anklagevertreter unb bet Verteibiger waren barüber einig, daß die Geschworenen die Schuldfrage so wie sie gestellt war, bejahen müßten, aber auch die mildernden Umstände, die das Gesetz zulasse, dem Angeklagten zu gute kommen lassen müßten. In diesem Sinne erging denn auch der Spruch der Geschworenen.
Der Gerichtshof verurteilte in Uebereinstimmung mit dem Anträge des Staatsanwalts den Angeklagten zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis. Auf die Strafe wurde die mit 2 Monaten und 4 Wochen erlittene Untersuchungshaft in Anrechnung gebracht.
Gießener Strafkammer.
)( G i e ß e n , 2. Oktober.
10 Mark für ein „Zlgeunermensch".
Die Ehefrau des K. Sch. von Blitzeurod wurde auf Privatklage der M. L. vom Schöffengericht wegen Beleidigung zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt, weil sie ihre Gegnerin ein schwarzes Zigeunermensch genannt hatte. Die Verurteilte erhob Berufung, erschien aber nicht rechtzeitig zum Termin, weshalb das Rechtsmittel erfolglos blieb.
Eine Bürgschaftsfälschung.
, Der Maurer I. S. VII. von Salz war bei der Darlehns- kasse Freiensteinau, um ein Darlehen vorstellig geworden. Er legte, wie dies üblich ist, d,'r Kasse das ausgefüllte und mit dem Namen eines Bürgen versehene Formular vor, aber der Bürge bot der Kasse keine genügende Sicherheit. Der Rechner wurde vom Vorstand ermächtigt, dem S. das Geld zu verabfolgen, sobald er die Urkunde mit dein Namen zweier zahlungsfähiger Bürger vorgelegt. Ta er selbst in schlechten Vermögensverhältnissen ist, sand sich niemand, der ihm Bürgschaft leistete. Er entschloß sich deshalb, die Namen zweier dem Rechner als zahlungsfähig bekannter Bürgen auf die. Urkunde zu setzen. Er strich den Namen des ersten Bürgen und versah die Urkunde mit dem Beglaubigungsvermerk unter Benutzung des Vordrucks und des Namens des Bürgermeisters, worauf ihm der Rechner das Geld auszahlte. Erst später merkte der Rechner, daß das Siegel bei der Beglaubigung fehlte, weshalb er den Bürgermeister bat, das Versäumte nachzuholen. Dieser merkte sofort die Fälschung und auch der Verdacht der Fälschung der übrigen Namen bestätigte sich alsbald. Ter Angeklagte war sofort geständig: er will die Tat in der Not begangen haben, da er einen fälligen Wechsel zu zahlen hatte. Das Gericht zog die Tatsache, daß er durch einen Prozeß und die Art feiner Führung unverschuldet in Zahlungsschwierigkeiten geraten war und den Umstand, daß er von der rechtlichen Bedeutung seiner Handlungsweise sich keine Vorstellung machen konnte, strafmindernd in Betracht und öerurteilte ihn wegen Urkundenfälschung und Betrugs zu 14 Tagen Gefängnis.
Das Schöffengericht Vilbel hat die Ehefrau des H. B. von Frankfurt a. M. auf Privatklage des Kaufmanns K. Z. in Vilbel, wegen Beleidigung zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt und dem Beleidigten die Befugnis zugesprochen, die Verurteilung in der zu Vilbel erscheinenden Zeitung zu veröffentlichen. Die Angeklagte hatte dem Kläger, der früher im Geschäfte ihres Sohnes, der in Vennögensversall geraten ist, tätig war, wiederholt und öffentlich nachgesagt, er habe fein Geschäft von dem ihrem Sohn gestohlenen Gelde gegründet. Sie nannte das Geschäft des Klägers eine Filiale des Geschäfts ihres Sohnes. Sie focht das Urteil an und bestritt die ihr zur Last gelegten Aeußecungen, hielt aber zu gleicher Zeit die Beschuldigung gegen den Kläger aufrecht. Tas Gericht hielt angesichts der mißlichen Vermögenslage und der Tatsache, daß sie von der Schuld des Klägers überzeugt zu sein scheint, die Strafe für zu hoch und setzte sie aus 60 Mark herab.
R. B. Darmstadt. Vor dem Schwurgericht hatte sich heute der im Jahre 1879 zu Arheilgen geborene Former Adam Speiet wegen Totschlagsversuchs zu verautmorten. Speiet, ein dem Trünke ergebener Mensch, hatte am 8. Mai d. I. abends den ihm uerfeinbcteit Former Schuhmann, der oon der Arbeit aus der Eisengießerei von Riesterer in Eberstadt kam,
auf dem Derschönerungsfußpfab abgelagert und ihn mit den Worten „Jetzt bist Tu mein, bu mußt sterben" überfallen und mit einem bereit gehaltenen Messer mehrere Cticbe in die Brust unb Schulter verfemt ihn außerbem noch mit Fußtritten drangsalirt. Nach ber Tat warf Speier ben auf ber Slraße liegen gebliebenen Hut bes Schuhmann in dessen Hof; bann ging er in bie Wirtschast von Holz, bestellte ein Glas Bier unb eine Zigarre, bann erzählte er bem Polizeidiener Lautenschläger, er habe den Schuhmann gestochen, ob er tot sei, wisse er nicht, man möge ihn verhasten, bann gab et bas Messer hin unb er wurde abgeführt. Tr. Zutz-Eberstabt stellte außer einigen kleinen Verletzungen bei Sch. zwei öauptwunben fest; bei einer ist es als ein Glück zu bezeichnen, daß der 81/, cm liefe Stich an einer Rippe abglitt unb nicht in bas Rippenfell unb bie Lunge drang. Etwa 1 Jahr lang dürfte die Gebrauchsfähigkeit des einen Arms beeinträchtigt sein. Speier wurde auf fernen Geisteszustand beobachtet. Ter als Sachverständige vornommene Medizinalrat Tr.Lohe gewann die Ueberzengung, daß bieZurechnungs-- fähigkeil bes Täters nicht ausgeschlossen, wohl aber gemindert gewesen sei. Tie (Geschworenen sprachen den Angeklagten des Totschlags unter Zubilligung mildernder Umstände schuldig. Das Urteil lautete auf 2 Jahre Gefängnis, wovon vier Monate durch die Untersuchungshait verbüßt sind.
Frankfurt a. M., 2. Okt. Die Strafkammer verurteilte den Kaufmann Heinrich'H ogelsberger wegen Vergehens gegen bas Vereinszollgesetz mit S ü ß st 0 f f z u s a tz zu 63 000 Mark G e l b st r a f e. Außerdem wird das einen bedeutenden Wert repräsentierende, konfiszierte Saccharin eingezogen.
Nürnberg, 2. Olt. Tas Schwurgericht berurteitte ben bes Mordes angeklagten Schuhwarenhändler Wilhelm Hirsch mann, ber ein Mädchen erschoß, das ihm den Lauspaß gegeben hatte, wegen Totschlags zu 8 Jahren Zuchthaus und icfm Jabren Ehrverlust.
TCuitfi rind wi^ettschaft.
— Man schreibt uns aus Frankfurt a. M., 2. Okt.: Herr von Rooy, einer ber gefeiertsten Sänger der Gegenwart betrachtet als Ruheposten von seinen weiten Sängerfahrten Frankfurt a. M. Es ist den Frankfurtern nur selten Gelegenheit geboten, ihn zu Horen. Wenn eine solche kommt, wird sie darum besonders begrüßt. Die gestrige Aufführung der „Meister- finger" war daher ein Fest für die Theaterbesucher. Das trotz aufgehobenem Abonnement bis auf ben letzten Platz verkaufte Haus war in animierter Stimmung und bereitete bem Künstler ununterbrochen stürmische Ovationen, die sowohl ber großartigen gesanglichen Leistung als ber ungemein symbolischen Darstellung galt. — Die gestern abenb im großen Saale des Saalbaues von ber Gesellschaft für ästhetische Kultur, der freien literarischen Vereinigung veranstaltete Gebächtnis feier für Ibsen nahm einen würdigen Verlauf. Die Gedächtnisrede hielt Dr. Heine.
Hantel unb verkehr, Volkswirtschaft.
Märkte.
fc. Frankfurt a. M. , 2. Oktbr. £>eu- u n b Str 0 h- markt. Alan notierte: Heu Mk. 3.10 bis 3.40. Stroh Mk. 2.80 bis Mk. 3.00. Alles per 50 Kilo. Die schwachen Zufuhren waren bet fester Tenbenz rasch umgesetzt.
fc. Frankfurt a. SDL, 3. Okt. tOrig.-Telegr. be5 „Gieß. Anz.") Vichmark t. Zum Verkaufe ftanben 00 Kälber 00 Schafe unb Hammel, 1497 Schweine: 1. Qual. 79—00 Pfg. Lebeubgewicht 62.00—00.00 Pf., 2. Qual. 76—78 Pf., Lebenbgewicht 61.00-00 Psg., 3. Qual. 72—74 Pfg. Kälber 1. Qual. 00-00 Pf., Lebenbgewicht 00—00 Pfg., 2. Qual. 00—00 Psg., Lebenbgewicht 00—00 Pfg., Schlachtgewicht 00—00 Pfg. Schafe 1. Qualität Schlachtgewicht 00—00 Psg., 2. Qualität 00—00 Pfg. Geschäft: flau, Ueberftanb bebeutenb.
Gießener Wetterdienst.
Voraussichtliche Witterung für Hessen am Donnerstag, ben 4. Oktober: Meist trüb, Regenfälle. Temperatur nicht ver- andert. Starke westliche Winde.
Original-Drahtnreldungen.
Berlin, 3. Okt. Wie an unterrichteter Stelle erklärt wirb, hat Kolonialbirektor Dernburg niemals bie Absicht funb gegeben, eine Reise in die Kolonien zu unternehmen, ba er jetzt mit der Reorganisation ber Verwaltung und des Beamtenstanbes seiner Verwaltung viel zu sehr beschäftigt ist, als daß er schon gegenwärtig so weit ausgreifende Pläne fassen könnte.
Essen, 3. Okt. Zu dem Leichenfunbe im Stadt- walb ist noch zu berichten: Die Ermordete ist bie im fünfzigsten Lebensjahre stehende Miß Lake, die seit drei Monaten hier ztl Besuch weilte. Die Leiche zeigt blutunterlaufene Wtinden an den Handgelenken und am Halse. Der Schädel war eingeschlagen. Als Todesursache ist Bluterguß ins Gehirn anzusehen. Geld und Wertsachen wurden bei der Leiche gefunben.
London, 3. Okt. Die Birmingham Post meldet, König Eduard habe ein längeres Schreiben des Zaren erhalten, worin dieser sich über bie Lage in Ruß- lanb und die Einberufung der Duma ztl Beginn deS nächsten Jahres atisläßt und über die Ereignisse, welche im nächsten Jahre bevorstehen, schwere Befürchtungen ausspricht.
Lissabon, 3. Okt. Bei dem portugiesischen M'arine- ministerium ging eine Kabelmeldung ein, daß die portugies. Insel Macao in Südchina an der Mündung des Tiger- flusseS durch einen Zyklon heimgesucht worden sei. Zahl-, reiche Gebäude seien zerstört, viele Personen getötet.
Petersburg, 3. Okt. In Ossowee wurde der Kleinbürger Nudski verhaftet. Er ist an dem Attentat auf Stolypin beteiligt gewesen und behauptet, daß der durch die Explosion getötete Attentäter Moschizki geheißen habe und direkt aus Genf nach Petersburg gekommen sei, um das Attentat auszuführen.
Petersburg, 3. Okt. Unmittelbar nach der Rückkunft des Zaren au§ ben finnischen Schären soll ein kaiserlicher Ukas veröffentlicht werden bezüglich der Gleichstellung des Bauernstandes mit den übrigen Ständen des Reiches. Die Bauern sollen fortan beispielsweise in den Staatsdienst treten können, der ihnen bisher nicht zugänglich war, sobald sie den erforderlichen Bildungsgrad erlangt haben. Ferner sollen alle Paß-Einschränkungen aufgehoben werden. Die Negierung gibt sich der Hoffnung hin, daß dieser Ukas, dessen Inkrafttreten noch vor dem Zusammentritt der neuen Duma erfolgen soll, große Genugtuung und Beruhigung unter der bäuerlichen Bevölkerung Hervorrufen werde.
Reval, 2. Okt. In der vergangenen Nacht wurden in der lutherischen esthnischen Karlskirche bie Sammelbüchsen erbrochen, die Altarkreuze und -Leuchter zertrümmert, die Kirchenbücher zerrissen und die Teppiche beschädigt. Die Einbrecher waren durch ein gitterloses Fenster eingedrungen.
Odessa, 3. Okt. Das hiesige Theater ist abge-i brannt. Bei den Löscharbeiten sanden zwei Stu-, denten, welche der freiwilligen Feuerwehr angehörten, ihren Tod. Vier Feuerwehrleute wurden schwer verletzt.
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