Ausgabe 
29.11.1906 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 281

r|dieini tlfiltJ) auBft SonmaaA.

Dein (Siebener Anzeiqe» roerben im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Zamilien« blätter oiennal tn der Woche beigelegL

RolauoiiSdruck il 93 et* lag der Brüdl 'ichen Unioers.-Buch-u. Tleur» bruderet. 9t ßängc SUDaftton, <En>ebtttoe und Druderet:

Schulst ratze 1.

Redaktion 119

Verlag u.Exved ^Wbl Ubrcfie für Dereichen:

Anzeiger Wietzen.

Erstes Blatt 15V. Jahrgang DonnerStag 29. November 1V06

yezu gsprei»'

monatlich 7b Hi.. oiertel* täbrlirt) 3)ik. 2.20, durch vlbbole- \l ^lueiqüellen monnihdi 65 Pi.. durch die Post Pik. 2. Dienel- icibrl. ansschl. Benellg. Annahme von Anjeigen für die Lageonuniiner bis Dormitioqfl lu Uhr. Zellenpield lokal 12'Ul, auSivärlS 20 P»g.

Verantwortlich *ÜW den pohL und allqem.

Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

" "'* teineuted f'anfl 'Pei

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger v

"3

Ale heutige ^lummer umfaßt 12 Seiten.

Ein entsetzliches Unglück

hat sich in der verflogenen Nacht in der Gegend von Dort- niunb zugetragen. Wir erhielten in dieser Nacht folgendes Telegraintn:

Dortmund, 29. Nov. (2 Uhr nachts). Die zwischen Witten und Annen gelegene Roburitsabrik flog gestern abend in die Luft. GB erfolgten kurz nach 8 und gegen 9 Uhr zwei gewaltige Explosionen. Ter Ort Annen gleicht einem Trümmerfeld. Die Fensterscheiben wurden im wetten Umkreis bis Dortmund zertrümmert. Dw Bevölkerung flüchtete iu fürchterlicher Panik auS dem Explosionsgebiet. Man spricht von 300 Toten und Verwundeten, wovon bis P/i Uhr nachti 3 Tote und 80 Schwerverletzte geborgen wurden. Neue Ex- plosionen werden besürchtkt. Tas Betreten der Unglücksftatte ist mit gröbter Gefahr verbunden.

Ter durch dieses erschütternde Unglück vernichtete Ort Annen zählte nach der letzten Volkszählung 12184 Ein­wohner. Er ist als Eisenbahnknolenpilnkt Westfalen-Reisenden wohlbekannt, ein industriöser Ort, m dem Bergbau, Guß­stahlwerke und Glashütten reges lieben schufen.

Roburit ist ein 1886 erfundener Sprengstoffe

Kurz vor Schluß der Redaktion erhielten wir noch folgende Telegramme:

Annen, 29. Roo. Hebet die Explosion berichtet ein Augen­zeuge: Um 71/, Uhr abends mar m der Fabrik em Brand entstauben. Nach der ersten Detonation um 8 Uhr rüdien die Mitglieder der kruppschen Feuerwehr zur Unfllüdsfiätte, mutzten aber, da mau eine zweite Detonation erwartete, gleich wieder abeüden, um sich selbst nicht völlig nutzlos zu opseru. Em Polizei- beamtet auS Wüten haue kaum die anstütmeude Menschenmenge zurüdgedrängt und daraus hingewiesen, datz man sich m Sicherheit bringen mÖd)te, als auch (d)on die zweite Tetonauou emsetzte. Ter Beamte wurde von den umherstiegeuden Eisenitüden s ch w e r ver­letzt und mutzte von der Stelle geschasst werden. Zn der S t e in­st r a tz e w u r d e n fast sämtliche Häuser v e r u i d) l e k. Durd) die Stadt flogen zahlreiche Eisenteile, ohne zum Glück grotzen Sck)adeu anzurtchlen. Die in der 9lal)e liegende Kuappiuannsche Eijengietzerel wurde stark beschädigt. Der umere Teil des Lurmes ist ganz abgedeckt. Auch in der K r u v p j ch e n Giltzstaht- f o b v t f machte sich eine starke Erschütterung bemerkbar. Tas Dach wurde zum Teile abgedeckt. Die Arbeiter flüchteten ebenfalls. Tie erste Arbeit galt dem Ausiuchen der Leichen, soiveit dies mäglid) war. Bon lUmute zu Üllinute wird eine grätzere Zahl von Op'eru angegeben. Zu den an der Unglücksstätte und in deren nächster Umgebung liegenden Taten und Berwimdeten kannte man nicht gelangen, da jede Piiuute neue Explosionsgeiahr bringen konnte. Don den benad)baxten Städten wurde ärztliche Hilse herbeigeholt. Leick)ter Verwundete sah man in Annen vtelsach.

Annen, 29. 9iob. Um 1 Uhr wurde gemeldet, daß die Zahl der To ten sich aus üb er 100 belaufe. Die Bahnhossverwnltung läßt Sonüerzüge geySn, um die Flüchtlinge fortzuschaffen. Auch das Bahnhofsgebäude ist zum größten Teil demoliert. Das Bild der Scrmmmg ist entsetzlich; die Läden werden zugenagelt, um sie vor Plünderern zu schützen. Die Unglücksitätte loird aus einen Umkreis von 1 Km. abgesperrt. Die Fortschassung der Verwundeten und der Flüchtenden wird durch ein Eisenbahn­

unglück aus Station Dortmundcrseld gehindert, bei dem in­folge falscher Weichenstellung ein Güterzug entgleiste. Dieses weitere Unglück gab Veranlassung zu einer Panik auf Station Barop.

Kie ^o.omalihliaiu im KetLSlag.

R. Be rlin, 28. Nov.

Fürst Bülow will eine große biete hatten! in Er­wartung dieses Ereignisses harrten heute lange vor Beginn ter Sitzung Hunderte von Tribünenocsuchcrn, b.c glücklich einen Platz erlangt hatten. Fürst Bülow machte es sich nicht leicht, die Volksvertreter uni gut Wetter für denKolonial-SanitäiSrat", Dem bürg, zu bitten. Und eine kräftige Verteidigung tat not, denn die Aufnahme, die die Sern bürg scheu Denkschrif­ten in ter Oe,seutlichkeit ge.mtd..t hauen, kann nicht gerade glänzend genannt werden. Man sprach vonTendenz- arbeit",kolonialer Bilanzverschleierung" ufw. Fürst Bülow hielt sich dieS.ual von Schönfärberei fern. Er kennzeichnete die ernste Krisis ter Gegenwart, die weitere große Opfer, aber auch eutschlo ssenes Handeln er- lorbere. Den ersten Beifall erntete er, ms er erklärte, es werde sich kein Reichstag und kein Reichskanzler fititen, der die Kolo­nien aus demSoll und Haben" der Nation streichen wolle. Dann setzte ter Kanzler ausemanter, lueiaje Gründe zur Be­rufung des Großkanmtanns Dern'vurg gesuhrt haben, für den er um tes Vertrauen des Parlaments bitte. Man erfuhr bei dieser i^legeid)e.t, daß mehrere hervorragende Hanseaten dankend abgelehnt haben,die Sajinbcrei in der W i l he l m st r a g e" auf sich zu nehmen. Em intcrcn'antcr Be­such: der Kronprinz erscheint in der Hofloge nut seinem persönlichen Adjutanten. Geräte tritt der Kanzler mit erhobener und erregter.Stimme gegen dieungeheuereichen" Dar.waungeu in die Schranken, es geuc ein deutsches Panama.Die deutschen Beamten lassen sich von niemand in der Welt an Gewissenhaftigkeit und Integrität übertreffen!" Großer Lärm Unis, stürmischer Beifall rechts. Der Kronprinz blickt voll Anteilnahme, sich leicht über die Brüstung neigend, auf die Szene im Parkett. Mit einem schwungvollen «Appell an die Vousoertretung, Seite an Seite mit der Regierung zu stchcn, schloß Fur.i Billow seine Rede.

Nun kam D e r n b u r g zum Wort. Um es aleia) vorwegzu­nehmen: sein Debüt war ein Erfolg. Man merkte so­gleich an ter energischen, klaren Sprechweise: der Mann weiß, >vas er will. Und die Hauptsache: Dornburg tritt nicht mit leeren Händen vor das Parlament. Er teilte mit, daß der so scharf getateite Vertrag des bleiches mit der Firma T i p p e l s k i r ch ohne E n t s ch ä d i g u n g s p f l i ch t gelöst sei, und daß die Losung des Vertrags mit der Wör­mann li nie bevor st ehe. Mir lei-^ter Genugtuung nahm ter Reichstag von dielen bedeut,amen Fortschritten ftenntmd, die unter einem Vureaukraten wohl niemals möglich gewesen wären. StürmischeZu st immun g fand auch der Satz:F ü r den Kolonialdienst ist der beste Mann und Eha- ralter gerade gut genug". Als ter Redner auf die Kolonialdentfci)ri,ten zu sprechen kam, regte sich allerdings der Beifall spärlicher, aber Demburg ließ sich nicht irre machen. Er bezeichnete sich alsOptimist" aus Ueb er jeug un g , ganz besonders hinsichtlich der Wirkung des Eisenbahnverkehrs au, die wirtschaft.iche Entwicklung der Schutzgebiete, von der er ein Bild in schimmernden Farben entwarf. In seinen Vergleichen war Demburg nicht immer glücllich. Den Erwero von Elsaß-Lothringen mit dem ter Kolonien in Parallele zu pellen, geht denn doch wohl nicht an. Der Finanzmann Dem- burg imponiert, ter reflektierende Politiker Skmuurg entschieden weniger. So im Handumdrehen wird man doch nicht Staats­mann. Auch die Weitschweiiigleit macht es nicht, das gab selbst

Fürst Bülow durch Zeichen milder Ungedu.d dem Redner zu vergehen. Sterüburg L-cen^te denn auch tecjc.t Teil seiner Aus­führungen mit ter Ankündigung, daß er baldmöglichst bie Kolonien z u besuchen gatenke, um seine kowniale Kenntnis durch Augenschein zu bereichern. Der Emdruck der Begründung tes Nacr-tragsetais wuroe wiederum durch Weit,chweiugteit ab­geschwächt. Zum Schluß ter ly^ftüntegen Rete aber, als Dem- ourg d.e Sonne ter tolomden Prosperdät noch einmal aufgehen ließ, wurde es mieixr leoha.t im P«rwtt. Firm Buiow berjäumte niu,t, Dernoi.rg g.i.uwi.n,chend die^Hand zu schütteln.

Schon stand mtesfen Aog. ^rchädler, Der oayrische Zen- trums.nann, am Rednerpult, um Gewölk h.raufziehen zu lassen. Er ruumte allerdings joouten Tones ein, dag Dernourg sich oocte-.h.id.r ei..ge,ui-rt Hube, als seine Tenlfchristen es getan. Aber im ^i wlm u_, te.t our, < t ki.rs,i.h.gen.nner.k.nisuius" sehe sich tes Zentrum veranlaßt, den mit großen Plänen sich tragenten neuen MDionialbireltur au, die finanziere ^eniungs- wh.gkeit tes Reiches aufmerksam zu machen. Immerhin: mit Den Grundzügeu des kolonmlen Newrinprogramiues ist das Zentrum einver,ianden, denn es i,t nicht Gegner einer ocriiäntegen Kownialpoiitik, f entern^ Gegner Der K'olonialftanda.e, eine Feimestung, die Dr. Schädler benutzte, um d. s Verdienst des .,Enthüllungsmannes" Crzverger ins Licht zu rücken. In der BuDgetiomin.nwn wird Dernourg keinen leichten Stand haben. Dr. Schädler stellte nämlich in Aussicht, test dort Dieim Prospekt-Ton gehaltenen" Denkschriften auf ihren tutii.chiichen Wert genau untersucht werden würden. Vielleicht ic.tet also Dernourg mit feiner Bilanzierungsrunü, die mul-elos eine Milliarde an totonialen Kapita.werten auimar)ajieren ließ, irellenweise Schiffbruch, denn in ter Budgetlommiision fitzen ,charWichtige Fmanzpolckiler. Dr. Schädler unterließ nicht, die Missionen ter Fürsorge tes neuen Koioriialdire.tors zu empiehleir. Wie mittlerweile aus ter Wante.halle verlautete, hat es in Zentrums.reijen verrinn..t, büß Dr. Schäteer sich gedrungen f.hite, d.eweiße Weste", d h. einen einroanofreien Lebe.S- lüu.uxl aller in A, rila befindlichen Weitzen,und wenn es königliche Prinzen waren", zu fordern. Partei.reui.te Dr. ^chadlers erbliaten in dieser in Gegenwart ixs Kronprinzen und bei desien er,.em Reichstagsoesuch produ­zierten ^.iMwei.dung eine tentgleiiung, die dem Ansehen teS Zentrums an maßgebender Stelle kaum förderlich sein könne.

Der nächste, soziaidemokratische Redner, Abg. Ledebour, dem ter Kroiiprinz mit gleicher Au,mertsamkeit zuhörte, hatte seine Zunge mehr in ter Gewalt, als Dr. Schädler. Ledebour kritisierte zwor die Demburgschen Dentlchriften in Grund und Botenpl a n m ä ß i g e T ä u s ch u n g de s R e i ch s t a g s", er brachte es sogar zu einem Ordnungsruf, au er er ging über allgemeine töernenungen, Die Währung ter VolkS- rechte betreffend, nicht hinaus, und kleidete sie zudem in die öorm einer Polemik gegen bie Nationalliberalen. Demburg ließ sich angelegen sein, die Redner aus dem Hause mit höflicher Veroeugung zu begrüßen und ihnen beipslichtend zuzunicken, wenn sie diesen und jenen Wunsch berücksichtigt sehen wollten. Als freilich Abg. Ledebour d.e kolonialen Denk- I aj r i j t e n fürungeheuren Unsinn" erklärte, da wehrte Demburg mit energischer Handbewegung ab.

Der Sitzung woh.ite üorigens auaj ter Gouverneur von Süd­wester ika, v. Lindequiit, in ter Diplomatenloge bei. Er durste bald Gelegenheit haben, sich au ter Debatte zu beteiligen.

2Cud?c und Schule.

B. Gießen, 20. nioo. Au, ucl längst dahier abge- haltenen Synode des Dekanats Gießen erstattete, Ivie wir leinerzeit schon berichteten, Pfarrer Gußmann-Kirchberg das Referat über die ä u ß e r e M i s s i o n. Er Verteilte

Gießener Weatervcrein. Ein idealer Gatte.

Schauspiel in 4 Akten von Oskar Wilde.

Während z. Z. der rührige junge ,Wiener Verlags eine in gutes Deutsch übertragene Gesamtausgabe der Werke des unseligen irischen Dichters Oskar Wilde veranstaltet, gehen über die deutschen Bühnen seine Theaterstücke. Bei anderer Gelegenheit erwähnte ich neulich seinen vielgerühmtcn Roman ,Das Bildnis des Dorian Gray""). Wie dort hat hier in feinem Theaterstück Wilde eine Nebenfigur, den Viscount Goring, zum Hauptsprecher gemacht und so in den Mittel­punkt des Stückes gerückt, daß das Hauptinteresse der Zu­hörer sich mehr auf ihn als auf denidealen Gatten* und desien schwärmerische Frau konzentriert. Dieser witzige junge Wtann auS dem High life Londons, das Wilde inbrünstig liebte, hat Wilde'sche Original - Bonmots als Rosinen in den faden Kuchenteig des Stückes zu streuen. Nur wenn Goring spricht, dann glauben wir allenfalls, daß Wilde, der Schöpfer derSalome*, dieses Stück eines schlechten Tages geschrieben hat, ähnlich wie in der ersten Hälfte des ,Dorian Gray*, wenn Lord Henry Watton seine funkensprühenden Antithesen zum besten gibt. Sobald Goring jedoch schweigt und die anderen Puppen der Komödie sprechen und am Schnürchen zappeln, befinden wir unS, wie streckenweise in Dorian Gray*, meilenweit von der eigentlichen Sphäre Wilde's, mitten in der Welt des bis zum Ueberdruß bekannten, allzu sensationell gefärbten französischen Jntriguen- und Kon­versationsstückes aus einer längst glücklich überrounbenen Litteraturepoche. Und selbst unter den ältesten deutschen Er- zeugnisien dieser Gattung Herr Bayrhammer führte uns im Vorjahre ein solches vor dürfte nicht leicht eine Hand- lung aufzufinden fein, die, wie auch teilweise die in,Dorian Gray*, in so enger Verwandtschaft zum Hintertreppen-Roman steht, wie die Schicksale dieses ,idealen Gatten*, eines Unter- staalssekretars, der durch recht bedenkliche Geldgeschäfte ein sicher Mann wurde, ohne daß ihm indes auch nur em Härchen gekrümmt wird. Im Gegenteil, 2)ir. Wilde macht gir Robert Ehiltren zum DtiNister . . . 2)ian denkt unwill- Hrstch an deutsche Vorkommnisse der letzten Zeit . . .

Bei weitem nicht so groß wie in seinen erzählenden

) Außer in der Wiener Gesamtausgabe als Sonderband bei E. E. Bruns in A.inden erjdjlenen.

Dichtungen, aber doch auch noch groß zeigt sich Wilde auch hier in der Fülle seiner epigrammatischen Windbeuteleien unb keck und geistreich verzerrten, fein ziselierten Gemeinplätze. Hier ein paar Proben:

Frauen entdecken alles, nur nicht das Nächstliegende.*Die moderne Frau versteht alles, nur nicht ihren Mann.*Tie Dame schwatzte immer mehr und sagte immer weniger.*Zu viel Schmmke und zu wenig Bekleidung; fo ist's immer bei den Tarnen."Es liegt mir nichts daran, gebildet zu fein, es bringt einen das nur aut das Niveau der unteren Stände."

Hübsch ist die Antwort, die unmittelbar nach der Ver­lobung eine junge Dame ihrem Liebsten gibt, als er sagt: Ich bin kaum gut genug für Dich*, worauf sie erwidert: Das macht mich sehr glücklich; ich fürchtete schon, Du ivärst's*. Eine andere Frage lautet:Kennen Sie die Dame?* Antwort:Ich kenne sie so wenig, daß ich mich einst mit ihr verlobte".

Solche Einfälle schimmern und blenden, sind aber, wenn auch kurzweilig, so doch kurzbeinig. In seinem m. E. vielfach überschätzten, zum Schlnsie ganz absurd gruseligen, zu Beginn dafür freilich um so feiner geschliffenen Noman­juwelDorian Gray* sagt Wilde:Ter Weg zur Wahrheit scheint mit Paradoxen gepflastert zu fein. Um die Wirklich- (eit zu erkennen, müssen wir sie übertrieben sehen. Wenn die Wahrheiten Akrobaten werden, können wir sie beurteilen.* Eine kluge halbe Wahrheit. Mit einem müden, durch rem äußerliche, auf die Pose, die ,,glotre de salon Balzacs berechnete Schöngeisteleien versüßten Skeplikerlächeln zerrt Wilde besonders gern Ibsens hohe sittliche Forderungen m die allem entgegengähnende Tiefe des jeglicher Würde und jeglicher charaktervollen Sebstzucht baren, mit den bunten Füttern eines raffinierten Genußkultus großartig drapierten Aestheten-Salons. So ward er, den feine Freunde für einen Apostel der Lebensfreude hielten, zu einem gefährlichen Demoralisator.

Und wie künstlerisch mangelhaft ist obendrein dieses Bühnenstück. Nicht eine Reihe von Menschen, nut eigenen Charakteren, führt er uns hier in plastischer Dramatik vor, sondern auf trivialem Untergrund erllrahlt in feuilletonistisch bengalischer Beleuchtung allem hinter der leichten Larve des Viscount Mr. Wilde, der Dichter selber, der nach der Lon­doner Premiere fernes Stückes nut herablassender Miene dem Theaterdirektor versichert haben soll:Ich habe mich diesen Abend köstlich amüsiert*.

O. A. Schröder charakterisiert in der umfangreichen Ein­leitung zu seiner kürzlich in Max Hesses Verlag in Leipzig erschienenen schönen Verdeutschung von Wildes berühmter Ballade vom Zuchthause zu Reading* den irischen Dichter so scharf als m. E. treffend. Es kommt Wilde, so sagt S., darauf an, zu seiner eigenen Rechtfertigung eine Gesellschaft zu zeichnen, die ebenso wurmstichig ist, als er selber. In ganz ähnlicher Lage wie Sw Robert,der ideale Gatte*, und wie Dorian Gray befand sich Wilde. Auch in fernem Leben gab es einen dunklen Punkt, von dem er fürchten mußte, daß, kommt er an den Tag, fein guter Ruf und feine glänzende gesellschaftliche Stellung zusammenfallen müßten. Wie es ja denn auch, vor einem Jahrzehnt, kam. Wilde ist vor genau 5 Jahren, am 30. November 1900, nach fünfjähriger Sträflrngszeit, in einem schäbigen Gasthof zu PanS gestorben .... Sowohl in seinemIdealen Gatten* wie inDorian Gray* hat er die ganze höchst unwahr­scheinliche Handlung nur erfunden, um die Moral aus ihrer einzigen, recht schwach verteidigten Feste hinauSzuwerfen. Und am Schluß des Stückes ist alles wieder genau in der- selben Lage roie am Anfang die Ehrlosigkeit triumphiert. Wilde mißbrauchte als Prophet der Lehre ,1art pour Pari aus rem persönlichen Motiven bie Kunst zur Eskamotage der Nioral. Schröder meint, daß Wilde erst in der erschüttern­den Ziichthausballade versuchte, gegen sich wahr zu sein. Sie nennt er, wohl mit Recht, Wildes vollendetstes und lauterstes Werk, das m der Litteratur noch eine feste und hohe Stel­lung behaupten wird, wenn die künstlich übertriebene Schatzung der Person und der Leistungen Wildes längst einer richtigeren Würdigung Platz gemacht haben wird.

Allerdings lernt man des Dichters irisch paradoxe Art und sogar feine sittlichen Verfehlungen milder beurteilen, wenn man von Sherard, seinem Biographen, erfährt, daß er erblich belastet war. Dr. Niax Nieyerfeld, ein den Lesern des Gieß. Anz. als desien früherer Berliner 'JJlitarbeiter wohl bekannter Litterat, machte jüngst in derVoss. Ztg.* höchst bemerkenswerte Nsttteilungen darüber. Wildes Vater, ein hochgeschätzter Augen- und Ohrenarzt in Dublin, war Alkoholisl und em Mensch von recht laxer 'Moral, seine Ntiitter exaliiert bis zur Krankhaftigkeit, die ihren Jungen wie ein Lllädchen behandelte und ihn viele Jahre lang in Mädchentleider steckte. Ich möchte sie, nad) Sherards Schilderung, mit der Mutter Peer Gynls vergleichen: wie