Ausgabe 
28.11.1906 Viertes Blatt
 
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Nr. 280

Viertes Blatt.

1S6. Jahrgang

Mittwoch 28. November 1906

Erscheint «z!i- mit Ausnahme des Sonntags.

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-o- Darmstadt, 27. Noo. 1906.

Die hiesige Hoftheaterdircktion hatte vor einigen Tagen die Primadonna Frau Kammersängerin Felicie Kasch ow.sk a wegen angeblich andauernder Krankheit plötzlich entlassen. Tie Priinadonna klagte nun gegen die Direktion auf Weiter­zahlung der Gage gemäß bem ihrem bis Ende September 1907 laufenden Kontrakte, da eine ordentliche Kündigung nicht erfolgt sei und sie sich der Direktion zur Verfügung Halle. Nach den Ausführungen deZ Vertreters der Kammer- sängerin Rechtsanwalts Dc. Oppenheimer ersuchte die Sängerin am 14. Oktober bie Direktion um Bewilligung eines Urlaubs von 6 Wochen zur Wiederherstellung ihrer angegriffenen Ge­sundheit im Süden. Am folgenden Tage antwortete die Hoftheaterdirektion, sie vermöge gegen die Entfernung der Sängerin nichts einzuwcnden. Dabei erfolgte der Hinweis auf die bezügliche Bestimmung des Kontraktes, wonach Gage und Spielgeld in Fortfall kommen, sobald die Erkrankung länger als 42 Tage andauert. Die Sängerin ist dann in dem Glauben, Urlaub zu haben, nach Arosa abgereist. Am 5. November erhielt sie dann plötzlich das Entlassungsschreiben. Die Direktion hatte diese Urlaubszeit zu einer bisherigen Dienstunfähigkeit zugerechnet und so die genannte Frist des Vertrags ans ihre Seite gebracht.

Der Vertreter der Theaterdirektion Justizrcrt Jaeger erhob zunächst die Einrede, daß die Entscheidung des Falles vor das Schiedsgericht der deutschen Bühnengenossenschafl gemäß § 17 der allg. Bestimmungen gehöre, erst wenn das Schiedsgericht zu einer Ablehnung fomine, stehe der ordentliche Rechtsweg offen.

Der Gerichtsvorsitzende Landgerichtsdirektor Nüst bittet, diese Frage auszuschalten, da ein Zweifel, ob das verhan­delnde Gericht zuständig sei oder nicht, gerichtsseitig hier nicht bestehe.

Der Vertreter der Thcaterdirektion begründet danach eingehend seine Ansicht und konstatiert des weitern einzeln, wie oft die Künstlerin krank und beurlaubt war bezw. Proben versäumt habe. In dem Briefe vom 15. Oktober sei von einer Urlaubsbewilligung keine Rede gewesenl (Sensation im Zuschauerraum.)

Der Vorsitzende: Ja, warum hat man sich denn nicht auf das Urlaubsgesuch erklärt? (Beifall im Publikum.)

Juslizrat Jaeger: ES wurde nichts eingewendet gegen die Entfernung der Frau K. mit Rücksicht auf ihr Kranksein, aber kein Urlaub bewilligt. Darüber konnte Frau K. nicht im Zweifel sein, wegen der ausdrücklichen Bezugnahme aus die (schon zitierte) Bestimmung dcS Kontraktes über dessen Erlöschen. Der Verteidiger behauptet, Frau K. sei auch jetzt noch nicht gesund. (Die Künstlerin bricht in Tränen aus. Sensation im Zuschauerraum.) Tie Gegen­seite habe den Kontrakt nicht richtig interpretiert. Dian muß sich hier auf den Standpunkt der Thcaterdirektion stellen.

Der Vorsitzender Tas dürfte auch einseitig sein. (Heiterkeit.)

Dec Vertreter der Klägerin hält es für erklärlich, warum die Direktion die Angelegenheit vor dem Schieds- gericht behandelt wißen möchte. Tas Schiedsgericht tage erstens hinter verschlossenen Türen, sodann gestatte es nicht die Anwesenheit der klageführenden Partei und schließlich müßten die zwei nichtrichterlichen Beisitzer aus Mitgliedern der hiesigen Hofbühne gewählt werden. (Bewegung im Zu­hör erraum.)

N.-A. Dr. Oppenheimer kritisiert dann scharf die Schieds- gerichtSordnung. Tie Einrede des Beklagten sei sehr dumm, auch von bühnenmoralischer Seite betrachtet.

Vorsitzender: Unter bühnenmoralischer Seite ver­steht man ober gewöhnlich etwas anderes. (Heiterkeit.)

N.-A. Dr. Oppenheimer: Es sei bedauerlich, daß es noch nicht gelungen ist, die Bestimmungen der Schieds- gerichtSordnung auszumerzen, die für die Bühn en mit. qlieder ein m odernes 2kl avenlebe n bedeuteten. (Zu- stimmung im Publikum.) Von der Direktion seien Mit- tcilungen in die Lokalpresse lanziert worden, wonach der Künstlerin wegen immerwährender Krankheit gekündigt wurde. Das ist ein unerhörter Vorgang. Unter den vorgetrageneu Versäumnistagen befinden sich beispielsweise sechs Tage der Eharwoche (m der überhaupt nicht gespielt wird!). Tiil solchen Mittelchen operiere man. Es gehöre schon eine außer­ordentliche Kunst, um nicht zu sagen Bühnenkunst, dazu, das Antwortschreiben der Direktion auf das Urlaubsgesuch m der seitens der beklagten Seite erfolgten Weise auszulegen. Wie kommt es, daß die Theaterdirektion derartig gegen die vom Publikum so sehr geschätzte Künstlerin verfährt? Man hat geglaubt, daß Frau K. ihren Vertrag im nächsten Jahre niäbt mehr erneuern werde, wie eine die Preße durchlaufende Notiz besagte. Und so glaubte man recht viel Geld sparen zu können, da man inzwischen einen weit billigeren Ersatz (2500 Mk.) für die Künstlerin gefunden hätte, die 7000 Mk. Gage bezog.

Nach einer kurzen Erwiderung des Justizrats Jaeger machte derVorsitzende emenVergleichsversuch. Ganz abgesehen vom juristischen Slandpunkte sei doch der ganze Vorgang höchst bedauernswert.

Hostheaterdirektor Werner erklärt, seine Schritte stets mit Genehmigung des Großherzogs getan zu haben. Ucbcr einen Vergleich müßte er mit Tirektionsrat Winter und Hof­rat de Haan sprechen.

Inzwischen bestätigte der Arzt Dr. Leiser, daß Frau Kaschorsle vollkommen gesund und namentlich ihre Stimme d u r ch a > s i n O r d n u n g sei. Zu dem eventuellen Probesingen der Prunadomia vor Gericht kam es aber nicht.

Ein Vergleich fand beiderseitige Zustimmung, wo­nach die Tireltion des HostheaterS, vorbehaltlich der Zu- stimniung Sr. K. Hoh. des Großherzogs, an die Künstlerin monatlich 3 00 Mk. im Voraus (vom 21. November ab) zahlt, bis in dem schiedsgerichtlichen Verfahren ein Urteil erfolgt ist. Tie Direktion gestattet der Sängerin im übrigen, sich außerhalo dcS HostheaterS frei zu betätigen. Damit hat diese sensationelle Affäre ein vorläufiges Ende gefunden.

Vermischtes.

Carusos Verurteilung. Die Verurteilung des Sängers Enrico Caruso wegen Belästigung einer Dame in New-ll)ork zu zehn Dollar Geldstrafe erfolgte unter recht dramalischen Umständen. Polizcikommißar Mathot, der als Vertreter des Polizisten Kane, der gegen den Künstler die Anklage erhoben halte, vor Gericht erschienen war, hielt eine von Ausfällen aller Art strotzende Anklagerede. Auf den Einwand der Verteidigung, warum Hannah Graham, die Frau, die Caruso belästigt haben soll, nicht als Zeugin zur Stelle sei, antwortete der Vertreter der Polizei, daß man die Frau nicht geladen habe, um sie nicht den Angriffen der perversen Freunde deS Angeklagten, die den Gerichtshof füllten, preiszugeben. 9118 in diesem Moment das gesamte Publikum nu Gerichtshof in lautes Zischen und Pseisen ausbrach, fuhr Mathot fort:Gemeine Hunde, perverse Frauen und Männer sind es, die Herkommen, nur um ihre bestialischen Begierden zu befriedigen. Wie könnte sich eine anständige Frau dazu verstehen, einen Gerichtshof zu betreten, in dem eine solche Gesellschaft von Feiglingen sich befindet, die mich jetzt aus- pfelfen, und von denen die meisten zum Abschaum Siziliens und dcS Lazaretlo Neapels gehören. Ich versichere Euer Ehren, daß unsere Frauen, Töchter und Schwestern nicht durch die Straßen dieser Stadt gehen können, ohne von solchen Schuften wie diese belästigt zu werden. Ich flehe Sie an, einen solchen Lumpen, wie dieser Mann ist, nicht entkommen zu lassen. Tun Sie es, so wird man daraus folgern, daß es frei steht, amerikanische Frauen zu belästigen.. Der Polzist Kane, der dem Treiben dieses Mannes ein Ende gesetzt hat, ist zu der höchsten Dankbarkeit und Bewunderung eines jeden anständigen Amerikaners berechtigt.' TaS Urteil wurde von dem Polizeirichter abgegeben, als fast niemand mehr im GerichtSsaal anwesend war, wird jedoch von dem Künstler angefochten. Tie amerikanischen Blätter stehen fast alle auf der Seite Carusos. Namentlich die in deutscher und italienischer Sprache erscheinenden Zeitungen geben ihrer Ent­rüstung über das Urteil, das auf die Zeugenaussage eines einzelnen Polizisten abgegeben worden ist, unverholen Aus- druck. Tie meisten Abonnenten der großen Oper haben erklärt, daß sie aus Sympathie für den Sänger nunmehr keine Vorstellung auslassen werden, in der er auftritt. Ter New-Yorker Polizeipräsident Mathot erklärte, daß Vergehen von der Art des Caruso zur Last gelegten ungeheuer häufig seien und in allen Kreisen vorkämen. Ein Bischof, verschiedene Geistliche, Aerzte, Juristen, Schauspieler und Musiker seien bei solchen Abenteuern ertappt worden.

* 2) ie Gagen b er Patti. Am nächsten Sams­tag wird die Patti in London die Reihe ihrer Abschieds- konzerte beginnen, da sie sich nun ins Privatleben zurück- zuziehen beabsichtigt. Die Patti ist diejenige Künstlerin, die die höchsten je gezahlten Gagen erhalten hat. Unter der Direktion Maplejous erhielt sie für die Vorstellung in der Covent Garden Oper 20000 Mark pro Adend. In Montevideo jedoch bezahlte man ihr 2400U Mark pro Abend, und obgleich sie in der Regel nur ein oder zweimal wöchent- lich sang, so kam es doch vor, daß sie in einer Woche viermal austrat, wofür sie das Riesenbonorar von 96000 Mark erhielt. Die Künstlerin hat sich ein Ver­mögen von nahezu 20 Millionen Mark zusammen­gesungen. Ihre Stimme ist noch wunderbar frisch und rein, obgleich beinahe ein halbes Jahrhundert vergangen ist, seitdem die Patti zum ersten Male vor das Publikum trat.

♦Die Kosten einer Ä a i f erteile. In Preußen hat der Kaiser bei seinen Reisen einige Ermäßigung, es wird dort nicht die Lokomotivgebühr (jede Lokomotive 1 Mk. 20 Pfg. für den Kilometer) und auch nicht die Taxe von 40 Pfg. für jede Achse des Zuges, sondern für jeden Wagen eine Anzahl von Fahrkarten 1. Klasse berechnet, so daß z. B. für die etwa 350 Kilometer lange Strecke Potsdam Probstzella die Kosten des Sonderzugcs nicht über 3000 Mk. betragen. Dagegen wird auf den übrigen deutschen Bahnen die Taxe nicht billig berechnet. So werden für die 50 Achsen, die der Zug von Probstzella bis München fährt und für die 360 Kilometer, die er in Bayern durchfährt, über 8000 Mk. bezahlt. Im Ganzen hat die Reise des Kaisers von Potsdam über München nach Donaueschingen, bezw. Achern nahezu 20000 Mk. gekostet. Dazu kommt dann die Rückreise über Baden-Baden nach Potsdam, die nochmals über 12000 Mk. kostet. Also mehr als 30000 Mk. kostet die Fahrt innerhalb weniger Tage. In Berücksichti­gung der hohen Kosten solcher Fahrten reist der Kaiser in letzter Zeit vielfach mit Automobil.

* D i s Jupons als Ehestörer. Eine wich­tige und grundlegende Frage des Theaterlebeus ist dieser Tage vor den Pariser Gerichten nicht zur Entscheidung gekommen. Eine junge Schauspielerin des Palais Royal lebte mit ihrem Gatten in glücklichster Ehe. Dieses süße Verhältnis sollte jedoch einen schmerzhaften Bruch bekommen, als die Gattin in einer heiklen Szene auf» zutreten hatte. Ihr wurde die tragende Rolle zugemi'scn, sich auf der Bühne dezent aber deutlich zu entkleiden. Sie sollte im geeigneten, dramatischen Wiomcnte Die Jupons sinken lassen. Der Gedaule, die Schönheit seines Weibes allabendlich vor tausend Augen enthüllt zu sehen, quälte

den zärtlichen, aber eifersüchtigen Gatten entsetzlich. aber trotzte ihm und führte ihren Part mit so viel Grazie im Schimmer des elektrischen Rampenlichtes aus, .daß en­thusiastischer Beifall sie überschüttete. Der Gatte aber ging zum Kadi und beantragte, von seiner Gattin geschieden zu werden. Der Gerichtshof lt.d die Schauspielerin zu einer Vorführung ihrer Rolle ein. Als sie vor den gestrengen tiiidjtern bie Jupons wie im Theater sinken ließ, wußten die Herren nicht aus und ein. eie erklärten sich für un­zuständig in dem Urteil, ob ein Gatte wegen solcher Pro­duktionen seiner Frau die Scheidung beantragen dürfe. Das Ende dieser Klugheit war, daß sie die Heranziehung einer Sachverständigenkommission beschlossen. Sie soll aus Theaterdirektoren und Künstlern bestehen und am kommenden Donnerstag ihr Votum auf Bestehen oder Untergang der gefährdeten Künstlcrehe abgeben.

* Kleine Tageschronil. Ein Raubmordversuch wurde in Lichtenberg bei Berlin verübt. In der Nähe bc5 Wasserwerkes wurde der Arbeiter Hermann Schmidt von drei bis vier unbekannten jungen Burschen Überfälle», durch einen Re- oolverschuß in die Backe schwer verwundet und beraubt. Zwei Brunnenbauer und ein ArbcUcr erstickten auf einem Gute bei Zuid (Posen) wo sie in Arbeit standen, an Kohlendunst. Eie hatten nachts den Cchlaframn mit Steinkohlen geheizt und die Cicuflnppe geschlossen. Beim Bau des Tauern-Bahn- Tunnels sand in der Nähe von Böckstein eine Dynamit- Explosion statt, die von schweren Folgen begleitet war. 4 Arbeiter wurden schwer verletzt, 2 sind erblindet. Das Maschinenbaus des Elektrizitätswerks in Andetsbur g (Voralberg) ist rneder- gcbrannt. Der Maschinist und der Heizer lind in den Flamme n u m g e k o in in en. -r- In Arlberg tst ein Mädchen namenS Reßter beim Nodelntötlich verunglückt. Bei Heschenberg wurde die Leiche eineS a b g e st ü r z t e n Touristen geimrden. Ein von Eger abgelassener Personenzug ist bei Tuschkau entgleist. 3 Personen wurden verletzt. Bet Genf wurde der Bauer Tenny wegen systematiicher g r a u s a m e r B e h a n d l u n g s e i n e r einzigen Tochter verhaftet. Er haue sie 18 Jahre lang im Keller sein es Ha useselngesperrt. Tie Un­glückliche, die jetzt 40 Jahre all ist, war halb verhungert, erblindet, gänzlich ohne Sprache und irrsinnig. In Mailand wurde der Ingenieur Candiani, der Besitzer einer großen chemischen Fabrik von seinem Schwiegervater auf der Straße erdolcht.

<Perid?tdiaaL

fc. Höch st a. M., 27. Noo. Wegen Milchfälschnng im Rückialle wurde der Landwirt Jakob Ai o o k aus Hauersheim, der ivegen Totschlags, begangen an seiner Frau, m Untersuchungshaft sitzt, vom hiesigen Schöfjengerlcht zu einem Monat Gesang« n i s verurteilt.

Erfurt, 27. Novbr. Tie Strafkammer verurteilte den 13jährigen Schulknaben Hartmann wegen mehrerer Fälle schweren Diebstahles und Kirchenraubes zu 10 Monaten Gefängnis.

Lausanne, 27. Noo. Tie Strallammer des Bundesgerichts verurteilte den A na r ch i st e n L u l g i Bertonr, Redakteur des Anarchistenblattes »Weckruf", zu einem Ai o n a t Gefängnis und zu einer Geldbuße, weil er in dem genannten Blaue das Attentat verherrlicht haue, welchem K ö n i g Humbert m Monza zum Opfer fiel. Es ist dies bie erste Anwendung des neuen Bundesgesetzes über die strafrechtliche Ahndung der Ver­herrlichung anarchistischer Verbrechen und der Aufreizung, zu solchen.

Ein unglaublich niederträchtiger Racheakt einer Sechzehnjährigen beschäftigte die 3. Strafkammer des Landgerichls III zu Berlin. Auf der Anklagebank mußte em kaum der Schule entwachsenes junges Mädchen Platz nehmen, das eine Tat von teuflischer Grausamkeit und Gefühlsroheit be­gangen halte, die mit ihrem harmlosen Kindergesicht im schärfsten Kontrast stand. Tas 16jährige Tienstmädchen F ri e d a S ch ü tz war ivegen Giftmordes, begangen an dem acht Atonale alten Kind ihrer T i e n st h e r r s ch a f l, angeklagt. Am 1. Dezember v. I. fand die S. bei dem Werkmeister Heino in Char- lottenburg einen Ttenst. Sie kam spät nachts nach Hause, belog die Herrschaft, wo es ging und vergaß auch mehr als einmal den Unterschied zivischen Mein und Dein. Wenn Frau Heino der An­geklagten mit Entlassung drohte, bat diese unter Tränen, man möge sie doch ihren Eltern ztiliebe nicht wieder sortjagen und sie so lange behalten, bis sie wieder einen anderen Dienst geinnben habe. Wiederholt war Frau H. daran, die Schütz zu entlafjcn, aber immer wieder ließ sie sich von den Buten des Mädchens rühren. Diese Gutmütigkeit sollte jedoch für sie selbst die e n t s e tz 11 ch st e n Folgen haben. Als sich die Schütz am 28. Mai d. I. wiederttm als faul und lügnerisch erwies, wurde ihr von Frau H. bedeutet, sie könne am nächsten Tage ihre Sachen packen. Am Abend des­selben Tages faßte das Mädchen einen tenstischen Plan, nm sich an der Frau H. zu rächen. Es schüttete ein Quantum Zuckers ä ure in die At i Ich des fleinen Sinöed ihrer Dienstherrschaft. Hieran! begab sich die Giftmischerin ruhig in ihre Kammer und legte sich schla'cn, wahrend im Nebenzimmer bie 2)1 utter ahnungs- 1 o s ihr eigenes Kind vergiftete. In der Nacht wärmte Frau H. die vergiftete Milch und reichte sie ihrem Kinde. Am nächsten Morgen fanö man das unglückliche Wesen mit verglasten Augen. Trotzdem sofort ärztliche Hille hinzugezogen wurde, gelang es nicht mehr, die zerstörenden Wirkungen des Giftes aufznhalten. Unter den schrecklichsten Qualen starb das Kmd. Als Die Ange­klagte verhauet wrtrd-, setzte sie ihrem schändlichen Treiben noch dadurch die Krone auf, daß sie die eigene Mutter des Kindes verdächtigte, einen 'Dl o r D begangen zu haben. Tas Urteil lautete auf 4 Fahre 3 Monate Gefängnis.

Sandel und Verkehr, Volk-Wirtschaft.

Märkte.

A Butzbach, 26. Nov. Der heutige erste Tag des K a t h a- rinenmarktes war trotz der günstigen Witterung von der Latidbevölkerung nur schwach besucht. Tie erid)ienenen Krämer, die zum großen Teil durchaus unzufrieden waren, verließen schon heute wieder den Markt. In den Kreisen der hiesigen Geschäfts­leute verspricht man sich von dem morgigen zweiten Markltage mehr, da der Schwelnemarkt morgen auch mehr kaufkräftiges Publikum bringt.

A Butzbach, 27. Nov. Auf dem heutigen Schweine- marlt foitcien Ferkel, 57 Wochen alt, 17-25 Mk. das Paar größere, 810 Wochen alte, das Paar 2330 Alk., 4 'Dlonate alte Einleger sind mit 3040 Mk. das Stuck bezahlt worden. Ter Austrieb tvar sehr bedeutend, der Handel rege. Angebot war wesentlich größer als Llach'rage.

d?c unO Schule.

Anläßlich der am 1. Dezember m Preußen staltfindenden außerordentlichen B t e h z ä h l u n g gibt es dort auf d em Lande einen schulfreien Tag. Ter Kultusminister hat angeordnet, daß der Unterricht an bieiem Tage aus fällt, sofern die Lehrer bei der Zahlung persönlich Mitwirken wollen.