Ausgabe 
31.5.1906 Erstes Blatt
 
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erbracht angesehen werden konnte. In Greifswald der Hochburg der konfessionellen Orthodoxie wird eine Pflanzschule zur Heranbildung orthodoxer Theologen eingerichtet, und die von Greifswald aus­gehenden oder zu Greifswald in Beziehung tretenden jungen Theologen werden regelmäßig fast der Reche nach befördert, während eine auffallend große Zahl kritisch-theol. Privatdozenten ebenso regelmäßig von der Beförderung ausgeschlossen wird.

Es zeigt sich in diesen Tatsachen der Einfluß des Kirchenpolitikers Stöcker in geradezu erschreckender Weise. Selbst politisch ziemlich rechtsstehende Blätter beginnen die Gefahren zu fürchten, die durch das preußische Kultus­ministerium zunächst über Preußen, dann aber auch über das Reich durch derartige ultrareaktionäre Betätigung hervorgerufen werden.

Daß z. B. den F r e i k o n s e r v a t i v e n manches und mancher in der obersten preußischen Kultusbchörde nicht sonderlich gefällt, zeigt ihrBerliner Hauptorgan, diePost". Sie billigt, was wahrlich äußerst selten ist, die Ausführungen, mit denen sich die demokratischeBerliner Volkszeitung" sich dagegen wendet, daß dem Ministerialdirektor Dr. Alth off von der Stadt Münster ein Silbergeschenk gewidmet werden soll, und gibt den Artikel des demokratischen Blattes wieder:

Zu Ehrenbürgern der Stadt Münster wurden (wie wir bereits meldeten. D Red. d. Gieß. Anz.) SlultuSminifter Dr. Studt und Ministerialdirektor Dr. A l t h o f f durch ein­stimmigen Beschluß des Stadtverordnetcnkollegiums ernannt. Die Ehrung wirdbegründet" mit der Ausgestaltung der Universität durch Angliederung der medizinischen Fakultät. Außerdem mürbe ein Kredit für ein Silbergeschenk an Mmisterialdirektor Dr. Althoff bereitgestellt . . . Aus persönlicher Laune oder zum Spaß schafft kein Minister eine medizinische Fakultät .... Man will Herrn Althoff einen Silberschatz aus den Mitteln der Steuerzahler schenken. Zu den städtischen Steuern tragen nun aber notgedrungen Personen ihr Scherflcin bei, denen es bitter schwer wird, ihre sauer ver­dienten Groschen für kommunale Zwecke herzugeben. Daß man aus den Beiträge auch dieser Steuerzahler einem der bestbezahlten preußischen Beamten ein Silbergeschenk ins Haus schicken will, verdient den erntieften Widerspruch aller rechtlich Denkenden. Wollen die Münsteraner Herrn Althoff Haus- und Kücheneinrichtung b irr cf) eine materielle Gabe ausbessern oder vervollständigen, so mögen sie untereinander ihre milde Hand auftun und das Silber­arrangement nach Maßgabe ihres Portemonnaies und ihrer Alt- boff-Begeitierung zustande bringen. Aber selbst wenn sie zu diesem eigenen Opfer bereit wären von solchem Heroismus im eigenen Entsagen hört man nichts selbst dann würden wir die ganze Aktton aufs entschiedenste verwerfen, und zwar im Interesse des preußischen Beamtentums und seines Ansehens .... Darum ist den Beamten die Annahme von Geschenken für reguläre oder besondere Dienstleisttmgen untersagt. Bahnmeistern, die nur ihre Pflicht tun, sollen private Firinen kein Geld zustecken als Beloh­nung. Richter, die einen Prozeß gewissenhaft und aus objektiven Rechtsgründen zugunsten einer Partei entschieden haben, sollen nicht von den Interessenten durch Pianos oder andere Gegenstände von Geldeswert belohnt werden, sei die Gewinnerin des Prozesses eine Stadtgemeinde oder eine Privatperson. Ministerialdirektoren, die von einem Landtage die Gelder bewilligt erhalten haben für eine von ihnen vertretene neue öffentliche Einrichtung, sollen nicht hinterher von einer interessierten Kommune in den Stand gesetzt werden, mit silbernen Dankeshumpen oder Ovationslöffeln klappern zu können. Reißt diese Art Schenkerei bei dem Beamtentum erst ein, dann ist kein Absehen möglich. Die negativen und positiven Folgen einer solchen Silberwährungspolitik, wenn sie erst ein paar­mal in Szene gesetzt worden ist, kann sich jeder an den fünf Fingern abzählen. Das, ivas nach alledem im Interesse des preußischen Beamtentums und der öffentlichen Sitten erwartet werden muß, ist das, daß Herr Althoff die ihm zugedachte materielle Zuwendung rundweg und energisch ablehnt.

Von der Kolonialverwaltung.

Die DepeschenbureauS melden heute:

In den interessierten Kreisen glaubt man, daß Erbprinz zu Hohenlohe möglicherweise sich doch entschließen werde, auch unter den veränderten Verhältnissen an der Spitze der Kolonial­verwaltung zu bleiben. In diesem Falle würde der bisherige provisorische Zustand beibehalten werden. Selbst ein Kolonial­direktor ivürde nicht ernannt werden, sondern Erbprinz zu Hohen­lohe bliebe weiterhin mit der Wahrnehmung der Geschäfte als Leiter der Kolonial-Angelegenbeiten beauftragt. Die endgültige Entscheidung in der Angelegenheit ist jedoch noch nicht gefallen."

Diese Entschließung bedeutet, daß die Regierung die Schaffung eines selbständigen Reichskolonialamts nur zu den aufqescho denen Plänen rechnet. Die Forde­rung wird vielleicht schon im Nahmen des nächsten Neichs- haushaltsetat wiederkehren, also den Reichstag alsbald nach seiner Einberufung im November beschäftigen. Zentrumsorgane, wie dieGermania", plaudern aus der Schule, daß das Zentrum mit der unerbittlichen Stellungnahme gegen ein Reichskolonialamt im Grunde nur eine unschuldige Kund­gebung beabsichtigt hätte und im Stillen hoffte, die anderen Parteien würden das Zentrum überstimmen. DieGermania" gesteht, daß das Zentrum auf die Ablehnung des Kolonial­amtsnicht vorbereitet gewesen" ist und schiebt den Kartell­parteien, der Rechten und den Nationalliberalen, die Schuld an dem Ergebnis durch ungenügende Beteiligung in der ent­scheidenden Sitzung zu. Das ist allerdings richtig: besonders die Reihen der Konservativen wiesen starke Lücken auf, und für eine Sitzung von solcher Bedeutung handelte es sich doch um südwestafrikanischen Bahnbau, Farmerentschädigung und NeichSkoloniakamt mußte eben derletzte Mann" zur Unterstützung herangeholt werden. Aber das Zentrum hat sich in der Vorausberechnung geirrt, daß die anderen Parteien das NeichSkoloniakamt und den Erbprinzen zu Hohenlohe als Staatssekretär schon durchbringen würden, wogegen dem Zentrum der Ruhm der Unerschütterlichkeit verblieb. Ein solcher taktischer Irrtum kann unter Umständen einmal schwer­wiegende Folgen haben, beispielsweise ein sehr nützliches und volkstümliches Gesetz zum Scheitern bringen, weil sich der Eine auf den Anderen verlassen hat und zufällig Beide ver­sagen. Von derartigen Berechnungen sollten parlamentarische Entscheidungen möglichst wenig beeinflußt werden.

Eine neue Branntweinstenernovelle.

DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt:

Dem Reichstage ist noch in jüngster Zeit ein Gesetzentwurf zugegangen, der eine Unbilligkeit beseitigen soll, die durch die letzte Branntweinstenernovelle im Jahre 1902 geschaffen wurde. Damals wurde bestimmt, daß der Höch st betrag des Kontingents für neu entstandene Brennereien von 80 000 auf 50 000 Liter Alkohol herabzusetzen sei. Die betreffende Vorschrift bezieht sieh ober nur auf die nn Jahre 1902J03 statt- gehabte Verteilung des Gesamtkoittingents. Infolgedessen dürfen die Brennereien, die bei den späteren, alle o Jahre zu wieder­holenden Neukontingentierungen zunächst also im Jahre 1907/08 zum Kontingent neu veranlagt werden, wieder mit dem früher zu­lässigen Höchstkontingent von 80 000 Liter bedacht werden, während die vor 5 Jahren neu veranlagten Betriebe sich unter den gleichen Verhältnissen mit einem Kontingent von 50000 Liter

begnügen mußten, bereits bei der Beratung des Gesetzes von 1902 wurde darauf hingewiesen, daß ein derartiger Zustand un­haltbar und daß durch ein besonderes Gesetz die verschiedene Behandlung der Brennereien verhindert werden müsse. Die Vertreter der Negierung haben sich bereits damals und auch später hiermit einverstanden erklärt und die Ein­bringung eines bezüglichen Gesetzentwurfes vor dem Jahre 1907 08' zugesagt. Ausfallen könnte vielleicht, daß diese Zusage im gegenwärtigen Zeitpunkt ersiillt wird, obwohl die Be­ratung erst im nächsten Herbste stattfinden kann. Hierzu wird in der dem Entwürfe beigegebenen Begründung folgendes bemerkt: Die nächste Neukontingenlierunq findet im Brennereibetriebsjahr 1907/08 statt. Da neu entstandene Brennereien hierbei nur be­rücksichtigt werden, wenn sie dis zum 1. Oktober 1907 betriebs­fähig hergerichtet sind, ist zu erwarten, daß die Neuerrichtung von Brennereien, die schon in den letzten Jahren nicht unerheblich war, in nächster Zeit einen großen Umfang annehmen wird. Wenn auch die Beteiligten wiederholt darauf hingewiesen wurden, daß die Absicht besteht, den Hochstdetrag des Kontingentsußes der neuen landwirtschaftlichen Brennereien noch vor der nächsten Kontingen­tierung aus 50 000 Liter herabzusetzen, so ist doch nicht ausge- schloffen, daß hier und da für den Entschluß zu einem Neubaue die Tatsache bestimmend ist, daß vorläufig noch der Höchstbetrag von 80 000 Liter im Gesetz steht. Um in solchen Fällen Ent­täuschungen und Beschwerden tunlichst zu vermeide n, ist für erforderlich gehalten worden, den Gesetzentwurf noch in dieser Tagung des Reichstages wenigstens vorzulegen, wenn auch auf seine alsbaldige Verabschiedung nach der Lage der Geschäfte nicht mehr gerechnet werden kann.

Tie Ermordung des deutschen Konsuls Stein und der Freispruch seines Mörders.

Am 16. Februar 1905 wurde der deutsche Konsul in Oaraca, Gustav Stein, nach einem heftigen Wortwechsel, den er mit einem der reichsten Geschäftsleute Pueblas, Antonio Eouttoleno, gehabt hatte, in dessen Wohnung er­mordet. Allgemein sah man Eouttoleno selbst als den Mörder an. Da bezichtigte sich aber ein Neffe von ihm, Francesco Mangel, den Schuß abgefeuert zu haben, der den Konsul tötete. Am Anfang dieses Monats hatte das Gericht in Puebla sich mit der Angelegenheit zu befassen. Antonio Couttolena wurde freigesprochen und Rangel zu der lächerlich niedrigen Strafe von zwei Jayren Gefängnis verurteilt, von der obendrein noch die Hälfte als durch die Untersuchungshaft verbüßt gilt.

Unter den 'Deutschen Mexikos bezeichnet man das ge­richtliche Verfahren als eine Komödie und hält an der Meinung fest, das Francesco Rangel sich nur für seinen Onfel. opferte, der sich ihm jedenfalls nicht unerkenntlich zeigen wird. Da außerdem die Hinterbliebenen des Konsuls Stein das Urteil angefochten haben, ist der Prozeß noch nicht an seinem Ende angelangt.

Die Vorgeschichte der Ermordung des Konsuls Stein entbehrt nicht einer gewissen Romantik. Die Frau des Konsuls war die eigentliche Ursache seines tragischen Endes. P a n ch i t a W o o l r i ch war tue Tochter eines Engländers, der sich an dem Isthmus von Tehuan- tepec angesiedelt hatte. Sie war eine b erühm t e Sch ön- heit. Stein führte sie als seine Braut nach Oaxaca mit sich. Hier war die Schar ihrer Bewunderer bald groß und sie wurde öfters in einer Weise genannt, die ihrem Rufe nicht förderlich sein konnte. So kam es einmal ihretwegen zu einem Duell zwischen dem Generalstaatssekre- tär Jose Medrano und einem jungen Spanier, wobei der erstere getötet wurde. Zwischen Stein und Eouttoleno bestanden anfangs nur geschäftliche Beziehungen. Man schätzt das Vermögen Couttolenos auf 10 Millionen Dollar, und es heißt, daß er verschiedene Unternehmungen Steins finanzierte. Ter Klatsch nahm schon lange Anstoß an dem freundschaftlichen Verkehr Couttolenos im Hause des Kon­suls, am lebhaftesten, als Eouttoleno bei dessen jüngstem Kinde Gevatter stand, wie auch, als er Frau Stein und deren Kinder auf einer Fahrt durch die Vereinigten Staaten begleitete. Nach eigenen Aussagen des Konsuls steht fest, daß das Verhältnis zu seiner Gattin zu dem Millionär die Ursache eines heftigen Zerwürfnisses zwischen ihm und ihr wurde. Dagegen mag dahingestellt bleiben, ob es wahr ist, daß Stein auch deshalb Eouttoleno zu zürnen Ursache hatte, weil dieser ihm seinen weiteren pekuniären Beistand verweigerte und früher gegebene Summen zurücksorderte.

Am 16. Februar 1905 betrat Konsul Stein das Haus Couttolenos zu einer entscheidenden Auseinandersetzung, und hat es nicht lebend wieder verlassen. Rangel gab vor Ge­richt an, er sei herbeigeeilt, als die Unterhaltung zwischen seinem Oheim und dein Kvnsul immer lauter wurde. Im Augenblicke, da er das Zimmer betrat, hielten sich beide Manner gepackt, und um seinem Oheim beizustchen, habe er nach seinem Revolver gegriffen. Jtt unaufgeklärtem! Widerspruche zu dieser Schilderung steht zunächst einmal der Umstand, daß der Revolver, mit dem die Tat voll­bracht wurde, nachweislich das Eigentum Couttolenos selbst gewesen ist. Dann aber hat die Untersuchung der tödlichen Wunde Steins durch die Aerzte ergeben, daß der verhängnis­volle Schuß von oben auf ihn gefeuert wurde. Viel wahr­scheinlicher also ist es, daß Eouttoleno auf seinen Gegner schoß, als dieser noch auf einem Stuhl saß, und daß er den Revolver unter einer Decke verborgen hielt, die er, auf dem Sofa liegend, beim Eintritte Steins über seine Füße gebreitet hatte.

Aber das Gericht hat der Darstellung Mangels Glauben geschenkt. Es zeigte sich überhaupt gegen beide Akge- schuldigte erstaunlich rücksichtsvoll untv entgegenkom­mend. So waren z. B. Beide gar nicht einmal selbst zur Stelle, während gegen sie verhandelt wurde, ihre Anwesenheit wurde vielmehr ausdrücklich als entbehrlich erklärt! Und zur Beratung des Ur­teilsspruches brauchte der Gerichtshof ganze zehn Minuten! In dieser Zeit kam er zu deut oben bereits angegebenen Resultat, daß Eouttoleno freizusprechen und sein Neffe des Totschlags schuldig zu erachten sei, wobei aber an­genommen werden müsse, daß Rangel den Konsul Stein mit dem Revolver nur habe einschüchtern wollen und der Schuß gegen seinen Willen losgegangen sei!

Die Deutschen Mexikos meinen, daß das Urteil anders ausgefallen wäre, wenn nicht Don Antonio Eouttoleno, der übrigens ein weißbärtiger Greis von abstoßendem Aeußern ist, der reichste Mann im Staate Puebla wäre.

Vermischtes.

* Graf Pückler-Kleintschirne hält jetzt die knallrote Fahne der Sozialdemokratie hoch und tritt in Berlin wieder einmal als Redner für zwanzig Pfennig Entree in dem Restaurant von Buagenhagen auf. Auf dem Tempelhofer Felde, so verkünoet er, will er eine Parade über seine lieben, roten Kerle abhalten und seine Trompeter sollen dazu lieblich blasen. Lange schon sei Bülow pensionsreif, an seine Stelle hätte man August Bebel, der wirklich beit Titel Durchlauch verdiene, setzen müssen. Und so ging es in holdem Wahn­sinn, dernicht einmal Metho'dehat, weiter. Ja, dieser re­

volutionäre Sozialist so bezeichnet er sich selber verlangte zuletzt oie Kürzuu g der kaiserlichen Zivil­iste um die Kleinigkeit von zehn Millionen.

Der Dreschgraf erzielte damit einen vollen Erfolg bei "einem merkwürdigen Auditorium, unter dem auch die unreife Jugend nicht fehlte. Als Graf Pückler bei dieser Gelegenheit einen heftig en Ausfall gegen den Kaiser machte, griff der überwachende Polizeihauptmann zu seinem Helm, um die Versammlung aufzulösen. Der Vorsitzende verhinderte dies dadurch, daß er die Versamm- ung auf zehn Minuten vertagte. Dieser Vorsitzende, ein junger Mensch, mußte sich übrigens von Pückler eine recht sonderbare Behandlung gefallen lassen. Als er während des Vortrages umRuhe für den Grafen" er-- uchte, fuhr^ihn der gräfliche Redner an: Ach, halten Sie den Schnabel!"

Ein tödlicher Automobilunfall ereignete sich in der letzten Nacht auf der Chaussee, die von Wannsee nach Berlin führt. Als Baron Thyssen mit seinem Automobil nach Berlin fuhr, flog der Wagen in den Chausseegraben und begrub den Chauffeur unter sich. Der Verunglückte war sofort tot. Baron Thyssen und seine Begleitung erlitten keine schweren Verletzungen. Der Wagen wurde vollständig zertrümmert. Ein schwerer Automobilunfall ereignete sich in Berlin auf dem Schloß­platze. Ein in schneller Fahrt kommendes Automobil fuhr, da auf dem regenfeuchten Asphalt die Steuerung versagte, mit großer Heftigkeit gegen die Bordschwelle vor dem Schlosse. Die beiden Insassen wurden so schwer an Armen und Beinen verletzt, daß sie nach dem Kranken­hause am Friedrichshain geschafft werden mußten. Der Chauffeur erlitt am Kopfe schwere Verletzungen.

* Heidelberg, 30. Mai. Zu dem Vergiftunas- fall wird noch berichtet, daß sich unter den Erkrankten auch die Frau des Hoteliers befindet, die in ihrer Wohnung verpflegt wird. Sieben Kranke, darunter die beiden russischen Fürsten, welche zu Studienzwecken sich hier aufhalten, befinden sich im Krankenhause. Sämtliche Erkrankte befinden sich auf dem Wege der Besserung, sind jedoch durch andauernde Brechdurchfälle geschwächt.

* London, 30. Mai. Heute stießen im Kanal auf der Höhe von Plymouth die dort übenden Torpedo­boote108" und81" zusammen und erlitten schwere Beschädigungen. Diejenigen des Torpedobootes 108" sind so ernst, daß das Schiff sofort in Devenport eingedockt werden mußte. Nach einer Lloydsmeldung aus Lundy Island am Eingänge des Bristolkanals ist das eng­lische LinienschiffMontagu" bei Shutter Point in bedenklicher Weise auf Grund geraten und verlor beide Schrauben. Es scheint gan^ verloren. Der Boden ist herausgerissen, das ganze Schiff ist mit Wasser gefüllt und senkt sich nach der Steuerbordseite. Mehrere Leute der Mannschaft sollen verletzt sein. Das Schiff ist 1903 für 30 Millionen Mark erbaut worden.

* K l e i n e T a g e s ch r o n i f In Würzburg hat sich der Bankier Karl Strohmberg erschossen. Fehlspekulationen werden als Ursache genannt. In Stuttgart wurde die Familie des Kaufmanns Wolfgang Meißner, bestehend aus Vater, Mutter und drei Kindern, durch Gas vergiftet aufgesunden. Es liegt zweifellos Selbstmord vor. Meißner, der bis vor kurzem Mit­inhaber einer hiesigen Farbfabrik war, lebte dem Anscheine nach in günstigen äußeren Verhältnissen, doch nimmt man vielfach an, daß gerade in der materiellen Lage der Grund der Tat zu suchen sei. Ein viertes Kind der Familie befand sich bei Verwandten und ist ouf diese Weise dem Tode entgangen. Bei Dijon stürzte der Kaufmann Bijoird mit seinem Automobil infolge Rad­bruches ab und war sofort tot. In der Gegend von Eggen­felden (Bayern) hat ein furchtbarer Orkan gewütet. Hunderte von Bäumen wurden entwurzelt, viele Gehöfte stark beschädigt, Dächer abgedeckt und Schornsteine umgeworsen. Einem Bauern wurden drei Neubauten vollständig zerstört. Der Orkan war von starkem Hagel begleitet. Der Schaden ist bedeutend. Ein Tele­gramm aus San Francisco berichtet ferner, daß die Stadt G o l - conda von einem Orkan z er stört worden ist. Der Schaden beträgt über eine Million Dollars.

Berlin, 30. Mai. Die Strafkammer verhandelte gegen die K r i m i n a l s ch u tz l e u t e P e t s eh a k und W o l k, die beschul­digt sind, durch Fahrlässigkeit am 6. Februar die Entweichung eines ihnen anvertrauten Gefangenen, nämlich des Raubmör­ders Hennig, erleichtert zu haben. Petschak wurde zu 300 Mk^ Wolk zu 100 Mk. Geldstrafe verurteilt. Hennig wurde als Zeuge vernommen und vereidigt.

Die Strafkammer in M es eritz (Posen) verurteilte den Lehrer Stürmer aus Schittno, der als Rendant der Schillnoer Spar- und Darlehnskasse 60 000 Mk. unterschlug und 31 Wechsel gefälscht hatte, zu 6 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust.

Breslau, 30. Mai. Die 2. Strafkammer verurteilte beit Redakteur Klüß wegen Abdrucks eines Gedichtes von Leon Holly Der 1. Mai" in der Mai-Nummer derVolksmacht" aus Grund des § 130 des Strafgesetzbuches zu drei Monaten Gefängnis, obwohl das Gedicht bereits früher in anderen Blattern straflos nachgedruckt war. Holly ist das Pseudonym für Redakteur Schweynert, den Hauptangeklagten im Ruhstrat- Prozeß.

Arbeiterbewegung.

Berlin, 30. Mai. In der Sitzung des Vorstandes des Gesamtverbandes deutscher Metall-Industrieller vom 29. Mai wurde festgestellt, daß die streikenden Gießereiarbeiter der Be­zirksverbände Braimscknveig, Breslau, Görlitz, Dresden, Halle, Frank­furt und Hannover ihre Forderungen nach Mindestlohn zurückgezogen und sich damit abgefunden haben, daß die Arbeitgeber eine Ver­handlung mit den Vertretern der Arbeiterorganisation ablehnen. Demzufolge beschloß der Vorstand, daß die auf den 2. Juni fest­gesetzte Aussperrung nicht zur Ausführung kommen soll.

Hannover, 30. Mai. Die ausständigen Formerund Gießerei-Arbeiter beschlossen in ihren Versammlungen, heute den Streik zu beendigen und die von der bevollmächtigten Kommission vereinbarten Arbeitsbedingungen mit den Arbeitgebern festzulegen.

Mannheim, 30. Mai. Der Bund der Industriellen, Ab­teilung Vaden und Rheinpfalz, hat die Kündigung für die Aussperr u n g der Arbeitet zum 2. Juni jurüdgenommen.

Die Ereignisse lehren uns oft, dass wir nichts von ihnen lernen

und wir brauchen z. B. nur auf die Tatsache hin­zuweisen, daß viele Leute heute noch ihr Geld für Eisen-, Arznei- und andere Kräftigungs-Mittel ausgeben, anstatt sieh in der Apotheke oder in einer Drogerie Bioson, das beste, billigste und zuträglichste Nähr- und Kräftigungsmittel zu kaufen, das" die Wissenschaft bis jetzt hernorgebracht. Erhältlich mit Bouillonextrakt oder Kakao das halbe Kilo drei Mark.