Samstag 81. März 1906
156. Jahrgang
Erstes Blatt
Vezugvpreili monatlich 7b PI., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch die Post 'HL 2.— viertel- jäbrL ausfchl. Besleüq. Tlnnehme von Anzeige» für die TageSnuminer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenvrets: lokal 12’BL, auswärts 20 Pig.
Verantwortlich den pottL und aQaem. Teil: P. W'tilo: Khe .Stadt und Vanb* unb ,6;erichtsiaal^- Ernst Heß. hir den An- üCioenteil: £>anfl Deck,
dem Landgericht Essen gegen sich und cmdere Teilhaber an einem Zeitungsuntcrnehtnen verzichten zu dürfen.
— Tie „Germania" bemerkt zur heutigen Reichstagsabstimmung: Was nun bei der dritten Lesung aus der Etatsposition „Staatssekretär" für bad selbständige Reichs- tolonialamt werden wird, muß dahingestellt bleiben. Gewöhnlich werden ja in der dritten Beratung des Etats die Beschlüsse zweiter Lesung au frech ter halten, aber eS könnte auch einmal anders kommen.
— Die diesjährige Maifeier wird von den Berliner Sozialdemokraten in umfassender Form begangen werden. Es soll die v o l l p ä n d i g e A r b e i t s r u h e durch, geführt werden. Durch Branchenversamnilungen wird eine; strenge Kvntrolle darüber ausgeübt, ob sich auch sämtliche organisierten Arbeiter an den TemonstrationSversamm- hingen beteiligen.
Iserlohn, 30. März. Für den verstorbenen Reichst tagsabgeordneten Justizrat Lenzmann ist von den Freu- innigen Tr. Langer Hans- Berlin für den Wahlkreis Altena-Iserlohn in Aussicht genommen. Tr. LcrngerhanH hat diesen Wahlkreis von 1881 bis 1893 vertreten.
Kaiserslautern, 30. März. Bei der heutigen Reichs tags ersah wähl hat Schmidt (Kandidat der vereinigten Temokraten und Liberalen) über Element (Soz.) mit 12 057 Stimmen gesiegt. Element erhielt nur 9527 Stimmen. (Bet der Hauptwahl am 21. März erhielten: Schmidt 7557 Stimmen, Element 7547 Stimmen, Tr. Rösicke (Bund der Landwirte) 6596 Stimmen unb Pfr. Kemps (Zentr.) 3587 Stimmen. Für die Stichwahl hatte Tr. Rösicke zur Wahl Schmidts aufgesordert, ivährend daK Zentrum Wahleuthattung proklamierte.)
Kerettrte von go unteres!
Wir erhielten gestern in den ersten NachmittagSstund«, folgendes Telegramm:
Lens, 30. März (2.25 nachm.). Aus Schacht 2 der Gruben von Courrisres wurden 14 Bergleute lebend zu Ta^e gefördert. Die Geretteten sind wohl, nur einer ist kraul.
Ganz unerwartet ist diese freudige Botjchafl gekommen. Am 10. d. Mts. haben weit über tausend französische Bergleute in den Kohlengruben ihren Tod gefunden. Nun sind gestern 14 (nach sämtlichen späteren Meldungen indes nur 13) totgcglaubte Arbeüer aus der Tiefe lebend heroor- geholt worben an das Licht deL TageL. Zwanzig Tage lang harrten sie der Rettung, zwanzig'Tage lang warteten sie, ein grauenvolles Ende vor Singen, bis man sie auffand und emportrug zu den Ihren, die den Tod ihrer Ernährer schon beweint hatten. — Es liegen heute folgende ausführliche Meldungen vor:
Als die Bergarbeiter, die man mit großer Sorgfalt auf Stroh gebettet hatte, ans Tageslicht kamen, fliegen sie mühsam, aber ohne Beihilfe ans. Bon dem Licht geblendet, hielten sie die Hand vor die Augen. Direktor Lavout und seine Mitarbeiten waren auf das T i e f st e b e w e g t, w e i n t e n und entblößten beim Anblick derGerettetenihr Haupt. Indem Schacht Sallaumines wurde ein lebendes Pferd aufgefundeu. Am Mittag wurden mehrere Leichname heraufbefördert, welche ganz mumifiziert aussahen. Ein Arzt behauptete, daß der Tod bei diesen erst nach ca. 20 Stunden eingetreten sein dürfte.
Ein Augenzeuge erzählt: Heute früh waren^Mannschasten eingefahren, um einen verschütteten Stollen in Schacht 2 frei-- zulegen und einen Weg zum Schacht 3 zu bahnen. Plötzlich stürzte ein Arbeiter wie toll herbei und ries dem diensthabenden Ingenieur zitternd und mit verstörtem Blick zu: „Unten im Jahr-^chaM sind 13 lebende Leichname, die herauskommell wollen!" „Lebende Leichname?" fragte verwundert der Ingenieur, „was heißt das?" „Ja, lebende Menschen, die der Katastrophe entronnen sind!", antwortete der Bergmann. Der Ingenieur und die Arbeiter stürzten zum Schachteingang. Bald darauf erschien der Aufzug, welck^em 13 Leute entgegen, bu? wahren Schatten aus der Unterwelt glichen.- Emer der Geretteten, es war der Heuer Nemy, lachte in unheimlicher Werse, daß es uns kalt über den Rücken lief.
Man reichte den Geretteten zunächst löffelweise Kaffee und Milch, die sie aber nur mühsam zu sich nehmen konnten.
Alles will die Geretteten sehen und drangt mit dem Wunsch an der Pflege mithelfen zu wollen, in die Lazaretträume, aber die Aerzte weisen jeden zurück, der nicht zu dem ständigen Pslege- personal gehört. Nur Angehörigen wird von den Gendarmen her Zutritt gestattet, doch wird ihnen empfohlen, mü den Geretteten nicht zu vrel zu sprechen.
Der Führer der lebend aufgerunbenen Bergleute ist der 33 Jahre alte Henry Nemy, der einen ganz klaren Eindruck machte. Er verlangte sofort, seinen Bater, einen ehemaligen Bergmann, sowie seine Frau zu sehen. Direktor Lavout bat ibn, sich zu schonen unb wollte ihm Schweigen auferlegen. Nemy antwortete jedoch: „Ick hoffe, daß Sie mich nach Hause gehen lassen werden. Mir geht es ganz gut. Sie sehen, Herr Tirektor, daß ich Sie erkannt habe. Ich habe mein Gedächtnis nicht verloren." . , - „ .
Bericksterstatter hatten im K'rankenhauie eine llnt erreb* u ng mit Nemy der folgendes erzählte: Am, Tage d« Explosion schleppte ich mich in die Gegend des Schachtes 6, da ich Schuh gegen die Stickgase und einen Ausgang aus dieser Halle suchte. Ich erinnere mich, über einen Haufen von etwa 50 Leichen hinweggeschritten zu sein. Bald langte ich am höchsten Punkte der Galerie an. Ich hörte Stimmen und ging m der Richtung derselben weiter. Ich fand die Kameraden, mit denen ich heute gerettet worden bin. Sie hatten sich in einen weiten Gang geflüchtet. Als ick sie anries, antworteten sie: Du kommst, uns zu retten. Ich erwiderte: Leider nicht, ich bin wie ihr gefangen. Wir blieben acht Tage in diesem ^eitengange, einer dicht neben dem anderen hockend. Unsere Lebensmittel waren erschöpft, und wir begannen, die Rinde der Stützbalken zu essen. Ich sagte zu meinen Kameraden: Wir müssen aus bieier Sackgasse heraus. Mühsam tasteten wir uns durch die finsteren Gänge und riefen uns unausgesetzt dabei an, um einander nicht zu verlieren. Eines Abends kamen wir zu einem Pserdestall. Wir sanden Hafer, und Rüben in den Krippen und lebten zweiTage davon. Dann fanden wü den Leichnam eines Pferdes, der vollständig
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger v
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Nr. 77
tÄffie au frei Somuaas.
Dem ©»ebener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessische,, Landwirt die Gießener Kamillen« blätter viermal in der Woche bei gelegt
Rotationsdruck u. Vertag bei Brühl 'scheu Unwers.-Buch-u. Ttem- bnirferel R. Bangt. Redaktion, Lroedicko» unb Druckerei: ed>af ftrafee 7.
Redaktion e=^ H8 Verlag u.Epved.e^Obl Adrette Hir Develchen: «nzetger ttiefjen.
Man glaubt, daß er aus gesundheitlichen Rücksichten überhaupt nicht wieder nach Deutsch-Ostafrika zurückkchren und Verwendung im diplomatischen Dienste als Gesandter finben wird. Auch der Gouverneur von Samoa, Tr. Sols, der sich jetzt aus Urlaub in Berlin befindet, soll, fo heißt etz neuerdings, im Lande bleiben. Vermutlich wird sein jetziger Vertreter, Legationsrat Schnee, feinen Posten erhalten. Er selbst könnte Verwendung im Kolonialamt als Vortragender Rat für die Besitzungen in der Südfee finden. Für Kamerun endlich sieht man in dem Legationsrat Dr. Seitz eine geeignete Persönlichkeit, um als Nachfolger Puttkamers, der nicht wieder dorthin zurückkehren ivlrd und bis zur völligen Klarstellung in der Untersuchung hier verbleibt, im guten Sinne zu wirken.
Die Gerichte und Schulen vor dem prcusj. Herrenhaus.
Berlin, 30. März.
Oberbürgermeister Adickes-Frankfiirt bespricht die im Reiche geplanten Justizrefvrmen. , , L
Oberlandesgerichtspräsident a. D. Tr. Hamm bemerkt, das Vertrauen zur Rechtspflege sei höchstens bei den Sozialdemokraten verloren. Unzutreffend sei die Del-auptuug, daß die englischen Richter besser seien, als die unfriacn. Eine Klassenjustiz gebe es nicht. Redner wünscht die Mitarbeit der Arbeiter bei den Schöffengerichten.
Justizminister Dr. Befeier erklärt, daß daS Recht sich in England aus Verhältnisten entwickelt habe, die ganz anders geartet seien, als die deutschen. Tie deutsche Gerichisvrganisation von 1879 habe nichts Vollendetes geschaffen, aber das habe auch niemand erwartet. Er erkenne an, daß Verbesserungen vielfach erwünscht seien, ein Programm könne er aber heute noch nickst entwickeln. Im übrigen gehörten diese Fragen in den Reichstag. Er bestreite, daß bad Ansehen der preußischen Minister gesunken sei. .
Beim Kultusetat wiederholt Graf Kospoth feine im vorigen Jahre vorgebrachtcn Beschiverden darüber, daß auf den schlesiscl-cn Gymnasien mehr verlangt werde, als anderswo. Aus schlesisclzen Gymnasien blieben 25—30 Prozent der Schüler sitzen. Tas Semester muffe nach den großen Ferien beginnen und Weihnachten enden. — Graf York bittet, die Bersuckw mit dem Reform-Gymnasium nicht zu weit auszudehnen. Gegen Materialismus unb Radilalismus gebe eine naturwissenschaftliche Bildung keinen Halt. — Kultusminister Dr. Studt erwidert, daß die Reform des höheren Unterrichtswesens von 1900 im allgemeinen günstig gewirkt habe. — Geh. Rat Reinhardt führt aus, daß es sich bei den Reformgymnasien nur um einen Versuch handle. — Knrdinalfürstbisckwf Dr. Kopp spricht sich nicht gegen die Reformgyl-masien an5, stimmt aber auch in den Warnungsruf ein, an der Grundlage der humanistischen Gymnasien nicht ju rütteln. An die lwhere Mädchen- schule müffe sich eine Bildungsstufe anschließen, damit sich einzelne Mädchen für bestimmte Berufe besser vorbereiten können. — Prof. Hillebrand-Breslau entgegnet dem Grafen Kospoth, daß es auch Leute gebe, die über die zu geringen Anforderungen der schlesischen Gymnasien klagen. — Oberbürgermeister Dr. Wilms-Posen empfiehlt eine stärkere Pflege der körperlichen Hebungen in der Schule. — Minister Dr. e-tubt erklärt, daß er die Anregungen bei der Reform des höheren Mädchenschulwesens beherzigen werde. Das Nebcneinanderbestehen verschiedener Jormen berge die Gefahr in sich, daß neue Beunruhigung ein- trete. — Prof. Dr. Küster-Marburg wünsckst eine Erhöhung des Fonds für Bibliotheken. — Prof. Lüning- Halle ist der Ansicht, daß es einer geforderten Profcffsur für Kvlonialrecht nicht bedürfe. — Nachdem Geheimrat Elster noch bemerkt hat, daß für Berlin bereits eine besondere Remuneration für einen Vertreter des Kvlonialrechts ausgeworfen sei unb sich hieraus vielleicht eine Professur entwickele, wurde die Weiterberatung aus morgen vertagt.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. März. Nach Meldungen aus Kopenhagen verlautet, Kaiser Wilhelm habe mitgeteilt, er beab.- sichtige, diesen Sommer auf seiner'Fahrt nach Norwegen Kopenhagen zu besuchen. — Ter Kaiser dinierte beute bei dem Justizminister Beseler. Morgen reist der Kaiser nach Wernigerode. — Ter Kaiser hat das in Aussicht genommene Projekt für den Opernhausneubau abgelehnt, nachdem er gestern die Pläne besichtigt hat.
— Wie die „Soz. Praxis" hört, hat Fürst Bülow von den zuständigen Stellen Bericht über die gesetzgeberischen Vorarbeiten für eine Regelung der Hausindustrie eingefordert und daraufhin Erörterungen eingelcitet, um die Mittel zur Bekämpfung der Mißstände festzustetlen. Tas Reichsamt des Innern hat von der Leitung der Heimarbeiterausstellung das Urmoterial der im Katalog verarbeiteten Auskunftsbogen erbeten. Diesem Wunsch ist willfahrt worden. Nach den Informationen der „Soz. Praxis" besteht nicht die Absicht, vor einem gesetzgeberischen Vorgehen noch erst, wie der Antrag der beiden Volksparteien will, eine allgemeine Erhebung über die Hausindustrie zu veranstalten. Enqueten auf einzelnen Gebieten mögen sich später als notwendig erweisen.
— An den Reichskanzler und den preußischen Landwirtschaftsminister hat der Vorstand des Deutschen Fleifchervcrbandcs, wie die „Allg. Fleischer-Ztg." meldet, soeben eine Petition gerichtet, in welcher angesichts der bevorstehenden Verhandlungen über den Abschluß eines Handelsvertrages mit den Vereinigten Staaten von Amerika gebeten wird, in dem abzuschließenden Vertrag unter allen Umständen eine Abschwächung der Bestimmungen des R e i ch s s l e i s ch b e s ch a u g e s e tz e s oder eine Bindung au den gegenwärtigen Zustand oder endlich eine weitere Reduktion der Zölle für Fleisch und tierische Fette zu verhindern.
— Tie Abgg. v. Norm ann (kons.) imb Genossen beantragen zum Militäretat, die Zulage sämtlichen 195 ältesten Oberleutnants der Armee zu gewähren, nicht nur denen der Infanterie.
— Tie Gesa)aiisoronungskommission des Reichstage^ gab nach kurzer Verhandlung heute dem Antrag des Abg. Fußangel (Ztr.) statt auf seine Immunität in dem bei
e heutige Wummer umfaßt 20 Seiten.
Aus dim Keichsrag.
R. Berlin, 30. Mär^.
TeutschlanN ist um einen Staatssekretär reicher: 6aS Reichskolonialamt wurde Ijeute für den Prinzen Hohenlohe bewilligt mit 127 gegen, 110 Stimmen bei 12 Stimmenthaltungen. Grog ist die Mehrheit freilich nicht, aber Fürst Bülow kann doch einen Erfolg verzeichnen, weil sich der gesamte Liberalismus auf seine Seite stellte, wodurch das diesmal unentwegt oppositionelle Zentrum mattgesetzt wurde.. Die neue Aera in der Kolonialpolitik ist also jetzt auch äußerlich gekennzeichnet durch eine großzügige Verivaltungsreform. Möge ein glücklicher Stern über dem neuen Reichsamt leuchten!
Fürst Bülow erschien heute nicht im Sitzungssaal, das Ergebnis der Abstimmung ist ihm aber zweifellos sofort mitgeteilt worden.
Tie stattliche Versammlung im Parkett schmolz zusammen, als die Debatte über den zioeiten Gegenstand der Tagesordnung, den Militäretat, eröffnet wurde. Als erster Generalkritiker des Militärwesens trat diesmal Abg. Tr. Müller-Meiningen (Frs. Vp.) auf, mit einer trefflichen Begründung der volksparteilichen Resolution au] Besserung des Beschwerderechts der Soldaten, das in seiner gegenwärtigen Gestalt als „Hohn" erscheine auf die Gerechtigkeit und auf die Bestrebungen zur Abstellung der Solbateurnißhandlungen Wenn es soweit gekommen sei, daß Soldaten dräute die militärischen Vorgesetzten auf die in den Kompagnien vorkommenden Mißhandlungen aufmerksam machen müßten, dann sei die Unhaltbar leit des bestehenden Beschwerderechts eklatant erwiesen.
El-e der preußische Kriegsminister v. Einem auf die Mißhandlungsfrage einging, mußte er, ober vielmehr der Reichskanzler durch den Mund des Kriegsministers, dem Abg. Tr. Späh« Rede stehen in Sachen des Duells. Die Januarerklärung des Fürsten Bülow hat nach Dr. Spahns Darstellung so ungeheures Auffehen erregt, daß der Kanzler zu einer nochmaligen, erfreulicheren jkuudgebung verpflichtet sei. Er ließ denn auch heute durch den General v. Einem eine „Erläuterung" verlesen, um einer mißverständlichen Beurteilung seiner Stellung zum Duell entgegenzuwirken. Man hörte schöne Worte über ernstlich an- □efttebte Ziel, den Zweikampf im Ofsizierkorps zu unterdrücken; das Zentrum schien aber keineswegs befriedigt und wird wohl kaum mit dem analer sich in der Meinung zusammen finden, daß von einem „Tuell-Unwesen" nicht mehr gesprochen werden könne. Genau so optimistisch urteilte General v. Einem über das Beschwerderecht der Soldaten. 'Tas System sei nicht verwerflich, denn die Armee sei schließlich kein Mädchen Pensionat. Die Soldaten sollten nur mehr Vertrauen Haden zu ihren Vorgesetzten und diesen ihre diöte rückhaltlos offenbaren. Beifall aber erzielte der Minister bei' den ehemaligen Offizieren der Rechten, als er die verwildernde Sprach einer gewißen Presse für Brutalitäten in den Kasernen mitverantwortlich machte.
Jetzt erst kam, Bebel an die Reihe. Er überraschte das Haus mit der Eröffnung, die Sozialdemokratie würde dem Militarismus viel freundlicher gegenüberslehen, wenn Scharnhorsts System in der Armee in Geltung wäre. Toch dieser müffe sich ja im Grabe unidrehen schon wegen der heutigen Garderegimentcr, des Parademarsches gar nicht zu gedenken. Es folgte die Anfrage, was es mit dem vielgenannten 10 Milli onen-FondS für hilfsbedürftige Offiziere und in Anlehnung hieran mit den AdelsVerleihungen an Herren von der Hochfinanz auf sich habe. Für keineswegs befriedigt erklärte sich Bebel durch die Erklärung des Kriegsministers zum Fall des württembergischen Offiziers, der, obwohl wegen Mißhandlung bestraft, inS preußische Kontingent aufgenommen wurde. An die lange Rede iverden sich interessante Auseinandersetzungen knüpfen, denn Bebel forderte den Kriegsminister u. a. auf, der Sozialreform die Gasse bahnen zu helfen im Interesse der physischen Wiedergeburt besopders der städtischen und industr,eilen Bevölkerung. Kein Minister sei an der Vervollkommnung der allgemeinen LebenSbcdingungen so inter- efficrt, wie der, dem die Verantwortung für die Landesverteidigung anyertraut sei. General v. Einem nickte hier ivieder- holten Beifall.
politische Lagesscha«.
Periovalfragen im Holonintamt.
Aus wohlunterrichteten Kolonialkreisen teilt man mit, daß die Angaben eines Zentrumsblattes, wonach in der Kolonialabteilung eine Opposition gegen die Uebemahme des Staatssekretärpostens durch den Erbprinzen zu Hohenlohe bestände, in keiner Weise gerechtfertigt sind. Man ist sich vielmehr völlig einig darüber, daß der Erbprinz gerade für diese Stellung die geeignetste Persönlichkeit ist, die den viel» fach hervorgetretcneu Mißständen in Kolonialangelegenheiten in unbefangener und gerechter Weise gegenübertreten kann, und die dem Ansehen des Kolonialamtes, dem bic_ letzten Vorgänge nicht gerade förderlich waren, auch nach außen hin zugute kommen wird. Für den Direktoiposten in der neuen Bebörde kommt der Abg. Prof. Dr. Paasche, der eine Aufsichtsratsstelle bei der 9lationalbant angenommen hat, keinesfalls in Betracht. Graf Goetzen, der den erbetenen Urlaub erhalten hat, wird vermutlich diesen Posten, falls er ihm angeboten werden würde, auch nicht annehmen.


