Ausgabe 
30.4.1906 Erstes Blatt
 
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Die Feier des 70. Geburtstags des Geh. Regierungs­rats Schönfeld.

(Original-Bericht des Gießener Anzeigers.) --Schotten, 28. April.

Wohl selten ist ein Beamter von der Bevölkerung so gefeiert worden, wie Geh. RcgierungSrat Schön selb. Nahezu seine ganze Amtszeit hat er dem Vogelsberg und seinen Bewohnern gewidniet. Ms Sohn eines Geistlichen zu Wöllstein am 29. April 1836 geboren, trat er bereits 1858 als K'reisassessor zu Grün- berg in den Verwaltungsdienst, später wirkte er in gleicher Eigen­schaft zu Dieburg und Büdingen, 1883 wurde er blteUtat in Lauterbach und 1887 Kreisrat zu Schotten. Er hat durch sein Entgegenkommen und seine Fürsorge für die Einwohnerschaft cs verstanden, sich! die höchste Sympathie der Bevölkerung des Vogelsbergs zu erwerben. Als Schreiber dieses einen älteren Mann nach dem Geheimrat fragte, da wurde ihm die Äartwvrt: Tons cs a ganzer Mann, der helft dem Geringste, doas is de ,Voatter vom Vulsbergk'." Und in der Tat hat Reichstagsabg. Dr. Wallau. recht, wenn er gelegentlich der Einweihung der Vogclsberg'bahn am 1. Avril d. I. in einem Toast auf .Me.israt Schönfeld ausführte, daß man überall, wohin man auch im Vogelsberg käme, das Wirken und Walten des Jubilars sehe und sein Lob von der Bevölkerung höre. Seiner steten Fürsorge ist cs in erster Linie zu danken, daß der Vogelsberg mit seinen rcicherr Schätzen und seiner biederen, kernigen Bevölkerung, durch Bahnbauten dem Verkehr angegliedcrt und dadurch dem Laude die lang ersehnte finanzielle Besserstellung gebracht wurde. Die Geburtstagsfeier wurde am gestrigen Tage eröffnet durch einen Fackelzug der Vereine und der Bevölkerung Schottens. Von den früheren AmtsgcnoUen des Jubilars waren am Samstag

Darmkatarrh. Diarrhoe, rech durchfalt etc.

voran die Kapelle des Musikvereins und der Stadtvorstand. Vor dem Kreisamtsgebäude angekommen, hielt Vuchdruckercibcsitzer Engel namens der Vereine eine Ansprache, er hob die Ver­dienste deS Jubilars um Schotten in seiner 19 jährigen Tätigkeit hervor und brachte ein Hoch auf ihn aus. Die Gesangvereine trugen Lieder vor. Herr Schönfeld dankte tief bewegt für die Ehrung und toastete auf die Stadt Schotten und ihre Be­wohner. Nachdem die Vorstände der Vereine kurz im Kreisamt verweilt hatten, setzte sich der Jubilar an die Spitze des Zuges- der sich wieder durch die Stadt nach der Turnhalle bewegte, ioo ein Kommers stattfond. Bürgermeister Kromm begrüßte den Geheimrat und dessen Gäste, besonders den Ministerialpräsi- deuten Braun. Dieser hielt hierauf eine längere Ansprache, in der er erklärte, daß er stets mit Freuden der Zeit gedenke, als er im Vogelsberg wirkte und bei dem Jubilar seine Lehr­jahre verbrachte. Mit lebhaftem Beifall wurde das Hock auf die Stadt Schotten und den Vogelsberg ausgenommen. Geh. Regierungsrat Schönfeld dankte nochmals für die Kundgebung der Bevölkerung und gab dem Wunsche Ausdruck, daß es ihm vergönnt sein möge, in Schotten bis an sein Lebensende zu bleiben. Die Feier war äußerst zahlreich besucht und nahm einen sehr schönen, würdigen Verlauf.

Am Sonntag vormittag 10 Uhr begann die Gratulation und die Ucberrcichung der Ehrengaben. Als erste fanden sich ein der Stadtvorstand der eine Adresse überreichte, die Kreis­straßenmeister, die Gendarmerie und die Beamten des Kreiscnnts, letztere übergaben eine Adresse mit der Widmung:Ihrem hoch­verehrten Herrn Chef, dem Herrn Geheimen Re.gierungsrat Schön­feld zu seinem heutigen 70. Geburtstag die allerherzlichsten Glückwünsche." Um 1'211 Uhr trafen die Vertreter der Behörden der Provinz und der Kreisämter Oberhessens ein. darunter Provinzialdirektor Geheimrat Dr. Breidert, Baurat Dichm-Gießen, die Kreisräte Fev-Friedbcrg, von Bechthold-Lautcrbach und Dr. Mclior-Alsseld, Bürgermeister Stahl und Stadtrat Falk-Fried- berg, eine Deputation der Stadt Lauterbach, bestehend aus Bürger­meister Stövlcr, Stadtrat Lang und Stadtrat Duchbordt, die Bür- germeifter des Kreises und eine Deputation der Lehrer. Namens der Bürgermeister sprach Jochem-Laubach. nannns der Lehrer Lin k-Rudingshain. Ein sehr^sinnigcs Geschenk übergab Kreis- vctcrinärarzt Dr. Scheib e l - Schotten, bestehend in der Statue eines PferdesOthello" zum Andenken an das Lieolstagspferd des Geheimrats, der ein großer Tierfreund ist und gegenwärtig einem 28 jährigen Pferde das Gnadenbrot gibt. Mimsterialpräsident Brau n überreichte einen Blumenkorb und das Bild Bismarcks. Unterdessen waren aus allen Teilen des Kreises Schotten Deputationen der Kriegcrvereine eingetragen, die in' der Stadt Ausstellung nahmen und unter Vorantritt der Kapelle der Ha­nauer Ulanen nach dcr Kreisamtswohnung marschierten. Die Bezirksvorstände begaben sich- in die Wohnung und übergaben dem Förderer und Gönner des Kricgcrvereinswcscns die bronzenen Büsten Kaiser Wilhelm I. und des Großherzogs Ludwig IV. Sie tragen die Widmung:Zum 70. Geburtstag, 29. ZApril 1906, dem Herrn Geheimen Regierungsrat Karl Theobald Schön­feld gestiftet von den 2000 Mitgliedern der Kriegervereine des Kreises Schotten." Die Kapelle spielteLobe den Herren". Geh. Regierungsrat Schönfeld erjebien dann, dankte den Vereinen, ge­dachte der Ziele der Hassia und brachte ein dreifaches Hurrah auf Heer und Vaterland aus. Hiernach ging er die Front der Kriegcrvereine ab, und es erfolgte dcr Abmarsch. Die Spitzen der Behörden ca. 40 Herren speisten im Hotel Post, die Vereine verteilten sich in der Stadt. Um 3 Uhr wurde vor dem Hotel Post ein Festzug aufgestellt, an dessen Spitze Geheim­rat Schönfeld und die übrigen Herren marschierten. Der Zug bewegte sich zur Turnhalle, wo auf Veranlassung der Krieger- tiercine eine Volksscicr stattfand. Die Turnhalle vermochte die Gäste nicht alle zu fassen. Der Vorsitzende des Hassiabcznks Schotten, Bürgermeister Vie hl-Rainrod, hielt die Begrüß- ungsrede. Er gedachte des bedeutungsvollen Trages und ans, den Kriegervereincn sei cs eine Herzenspflicht gewesen, ihren eifrigen Freund heute zu feiern, dem die ganze Bevölkerung des Kreises Liebe und Vertrauen entgegen bringe, er habe ^der­zeit die Interessen der Kviegervercinc in wahrhaft väterliche Weise vertreten, sein Wirken fei vorbildlich geworden. Er habe auch für Arme und Notleidende gesorgt und manchen Kummer, manche Tränen gestillt. Die Kriegcrvereine feien heute freubig und in inniger Dankbarkeit zu diesem i'lppell erschienen. Redner schloß mit den Worten: Möge uns unser Geheimrat, der kermge Sohn des Hessenlandes, der uns ein Vater ist, noch lange erhalten bleiben. (Begeisterter Beifall.- , .....

Geheimrat Schön selb dankte sichtlich bewegt für die im­posante Kundgebung der Kriegcrvereine. Qr habe in den 40 Jahren, die er im Vogelsberg wirke, die schöne Gegend und die biederen, treuen, redlichen Menschen so lieb gewonnen, datz er sich nicht von Urnen scheiden wolle, so lange der Himmel,ihm noch das Leben gebe. (Lebh. Beifall.) Redner schloß mit entern Hoch auf den Vogelsberg, den Kreis Schotten und den Hassia- Kriegerbund. (Langanlwlt. Beifall.) Als Vertreter des Haffia- bezirks Laubach sprach Ritter-Laubach. Er feierte daS Hessen' Volk als einen Fundamentstein im Bau des Vaterlandes und den Vogelsberg als den Felsen, auf dem das Hcssenland ausgebaut sei. Er brachte ein Hoch auf den Großherzog aus und stehend wurde die Hpmnc gesungen. Der Jubilar machte einen Rund- gcmg durch die Turnhalle und unterhielt sich in seiner bekannten leutseligen Weise mit seinen Vogelsbergern.^ Geheimrat Schön­feld ist trotz seiner 70 Jahre noch äußerst rüstig und wird m zwei Jähren sein 50jährigeS Amtsjubiläum feiern können. , ,

Die Adresse der Kriegcrvereine ist in künstlerischer Weile M Hofkalligraph Göttmann-Darmstadt gearbeitet. Auf der Autzur feite ist sie in braun gepreßtem Leder gehalten und trägt das hessische Wappen und die Zahlen 18361906. 29. IV. Die eine der Innenseiten, die mit grüner Seide überzogen ich zeigt tit Buntstickerei ausgeführt, die Initialen C. T. S. (Carl Theobald Schönfeld): die andere enthält in farbiger Rundschrift dar- gestellt folgende Widmung: .

Zum 70. Geburtstage am 29. April 1906 dem hockcherztgen Gönner und Förderer des Kricgcrvcreinslvescns, dem Dol­metscher der Gefühle echter deutscher Vaterlandsliebe, Herrn Gey. Regiernngsrat Earl Theobald Schönfeld, Kreisrat zu tswotten, widmen die 2000 Mitglieder der Kricgcrvcreine des Metfcs Schotten als ehrende Anerkennung seiner Verdienste und aw bleibendes Zeichen ihrer unvergänglichen Dankbarkeit zum Schmuck desLöwcnsaals" die Düsten des Hcldenkaifers- belm I. und des ruhmreichen Führers der hessischen eisernen Division Großherzogs Ludwig IV. In Ehrerbietung die Krieges- vereine des Kreises Schotten. ,

Aatsial "aus die Möglichkeit einer solchen Zwangsorganyallon inK(j| nicht vorliege, hätte die verbündeten Regierungen bestimmt, hrit dem vorliegenden Gesetzentwurf vorzugcheu. Es solle damit ober nicht gesagt sein, daß der Weg der Zwangsgenoyenschaft tum endgiltig aufgegeben sein soll. Man brauche aber daun eine allen Anforderungen der Neuzeit entsprechende Orgami 'hon. Bvn anderen Rednern sei die Einheitlichkeit der Polizeiv'orschrtften für den Automobilverkehr in ganz Deutschland gcsordcrt worden. Er könne nur sagen, daß die verbündeten Rcgicrungcil schon dahingehende Schritte unternommen hatten.

Abg. Bvkclmann lRp.l hält es für zweckmäßig, den Ent- hnirf an dieselbe Kommission zu verweisen, der die Novelle zum § 833 des B. G. B. überwiesen worden sei. _

Mg. Mommsen (fr. Vg.) stimmt dem Vorschläge des Vor­redners zu, aber aus einem anderen Grunde. Er hofft, daß sich huf diese Weise die Inkonsequenz dieses Gesetzes gegenüber den Bestrebungen auf Jnneheltnng des § 833 zeigen werde. Was verhindert werden müsse, sei da§ sckiuelle Fahren der Autonwbile. Die Eisenbahn hätte ihren eigenen Schienenweg, ein Vergleich Zwischen Eisenbahn und Au'omobil sei also ganz unangebracht. Diesen falschen Staudpuiirt habe leider der Entwurf cinge- iwmmen. , .

2lbg. Werner (Antis.) wendet sich ebenfalls gegen das, zu schnelle Fahren der Automobile. Für den vorliegenden Gesetz­entwurf müsse man der Regierung dankbar sein.

?ll>g. B u r l a g e (Ztr. 1 befürwortet auch die Einführung einer Zwangsgenoisenschaft. Er erkenne zwar die Schwierigkeit dieser Materie an, aber vielleicht könne mau doch in der Kommission einen Schritt vorwärts kommen.

Mg. v. Oertzen (kons.) erklärt, die Allgemeinheit müsse gegen die Auswüchse des Autvmobilisinus geschützt werden. Tag geschähe durch die Einführung der Haftpflicht und durch, einheit­liche Pvlizeimaßnahmcn, sowie durch eine ZwangMcnossenschaft.

Nach weiteren Bemcrkungeii der 2kbgg. Graf Bernstorf lWelfc) und Prinz v. Sch ö n a i ck>- C a r 0 l a t l> ml.) wird die Vorlage an eine 14 gliedrigc K 0 m m i s s i 0 n verwiesen.

Es folgt die erste Beratung des Gew^ntwurfes betreffend Aendernng 'des Gesetzes über den Vogels ch u tz vom 22. März (1888 und zur Einführung des Vogelschutzgcsetzes in Helgoland.

Abg. Engelen (Ztr.) erklärt seine Zustimmung zu der Vorlage. Das Verbot des Fangens von Krammetsvögeln müsse aber aus dem Entwurf gestrichen werden.

Abg. Ledcbvur (Soz.i: Im Gegensatz zu dem Vorredner halte ich das Gesetz für nickst weit genug gehend. Das Fangen von Krammetsvögeln im Dohnenstieg ist eine empörende Tier- auälerei, da dabei auch vielfach andere Vögel gefangen und stundenlang geauält werden. Darunter sind auch allerdings beerenfteffende Vögel.

Abg. Hennig (Foni.J erklärt, er könne sich nickst für den Krammetsvogelfang begeistern. Große Bedeutung habe die Sache nicht, da die KranimetSrwgcl zu den jagdbaren Tieren gehören, es auch fraglich sei, ob er nicht mehr Schaden als Nutzen lüfte. Eine Kommissionsberatuna 'ei deshalb allerdings nicht notwendig.

Abg. Held (nl.) konstatiert mit Freuden, daß das Gesetz von (1888 günstig gewirkt l>abe.

Abg. Merten (fr. Vp.) sicht in dem Gesetz nickst nur eine Konsequenz !ws Pariser Ucbereinkommens sondern auch eine cr- sreuliche Erweiterung des Vogelschutzes überhaupt.. Der Dohnen­stieg müsse sckwn deshalb beseitigt werden, weil sich auch andere Singvögel fangen. .

Staatssekretär Graf Posadvwskh: Es feien Verhand­lungen mit Italien wegen seines Beitritts zur Pariser Konvention geführt worden, bisher seien diese Bemühungen ober erfolglos gewesen. Mas den Wunsch betreffe, die .stlammetsvögel als nickst jagdbar zu erklären, so glaube er, daß die preußische Regierung nie zu einer derartigen Gesetzgebung durch das^Reich ihre Zu- sttmmung geben iperbc, da die Jagdgesetzgebrmg Sache der parti- Llllaristrschen Gesetzgebung sei.

Wg. Bruhn (wirtsch. Vg.) ist, für Kvmmiftionsberatung ünb halt es für nötig, daß geschossene Vögel auch nach dem Schluß der Jagd verkauft werden können.

Abg. Frhr. v. Wolff-Metternich (Ztr.^ polemisiert (gegen Ledcbvur bezüglich des Fangens von Krammetsvögeln. Wenn der Dobncustieg regelmäßig revidierst werde, sei eine Tier­quälerei gänzlich ausgeschlossen. Ein jagdbares Tier bleibe dieser Vogel doch. Bezüglich des Vogelfanges auf Helgoland i|t cs lscÄvcr, von hier aus Vorsorge zn treffen. Empfehlenswert wäre kvicklleicht eine Studicnrcise nach Helgoland.

Abg. Ar. Wolff (Wirtsch 23g. v Wir werden einen frei­sinnigen Antrag gern unterstützen, der den <5tf)Iingcnfang_ der KstammetSvögel abschaffen will, zumal sich auch andere Sing­vögel in den Schlingen fangen.

Abg. Graf Bernstorfs lWelfc' erklärt: Eine Grausamkeit ist mit dem Krammetsvogelfang nickst verbunden, sonst würde ich ebenfalls für die Abschaffung desselben cintreten. Wichtiger aber ist cs, daß zahlreichen kleinen Leuten ein erheblicher Erwcrbszeig verloren gehen werde.

Abg. Dr. Müller-Sagan (fr. Vp.) erklärt, beim Tobnen- RtctT fingen sich auch andere Vögel in beträchtlicher Zahl. Schon deshalb müsse dcr Dohnenstieg verboten werden.

Die Erörterung ist damit geschlossen. Ein Antrag auf Käm- miffivnsberatimg ist nicht gestellt. Die zweite Beratung findet rm Plenum statt.

Präsident Graf Balle st rem teilt noch mit, daß ihm dcr Botschaftssekretär der Vereinigten Staaten, Dod<ze, beute im Reichs­tage den Dank der amerikanischen Nation für die Teil­nahme an dem Unglück von San Franciseo ausgesprochen habe.

Montag: Brausteuer-Gesetz­

abend bereits eingetroffcn: Ministcrialpräsident Braun, Kreisrat von Hahn-Heppenheim, Regiernngsrat Welker-Bingen, Geh. Ober­finanzrat Rohde-Darmstadt und die Kteisamtmänner Pfeiffer und Bohn. Die ZZereine stellten sich unt 9 Uhr an der Turnhalle auf,

iifcke^Kinder- men 1

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ßin vereitelter französischer Staatsstreich.

Was sich in diesen Tagen in Paris abgespielt hat, das war, wie jetzt feststeht, mehr als die Furcht der Negierung und ihrer Freunde vor dem l.Mai. Die Entdeckung un­gemein weitreichender klerikal-bottapartistischer Machenschaften ist durch die Papiere des fllrbeiter- führers Monatt in Bethune erfolgt. Er ivar wegen Aus- rei.zung zur Plünderung verhaftet worden. Die Haussuchung bei ihm ergab, daß er eine Anzahl Helfershelfer hatte und im Auftrage einer ganzen Gesellschaft harldclte, die den Streik systematisch anfachte. Die Fäden dieser Verschwö­rung dürsten bei dem Grafen Durand de Beauregard zusammenlaufen, der der Polizei als die Seele d e r K i r ch e n - Verteidigung bei den Inventaraufnahmen bekannt war. Die Haussuchung bei dem Grafen hat diese Vermutung voll betätigt. Während er die Ausstände organisierte, bereitete er in Gemeinschaft mit anderen Persönlichkeiten der klerikalen, der monarchistischen und selbst der gemäßigten republikanischen Partei einen Staatsstreich vor, dessen Endzweck vermutlich die Erhebung des Prinzen Viktor Napoleon zum Präsidenten der neuen Republik sein sollte. Man sand u. a. bei ihm den Entwurf für den Fall eines Putsches. In diesem fand sich eine Proklamation an die Armee. Es sollte in der Nationaldruekerci während der Nacht eine Proklamation tzedruckt und an die Mauern von Paris angeklebt werden mit einer Proklamation des neuen . Präsidenten der provisorischen Regierung und einem Aufruf an das Volk.

Der gemäßigt republikanische Deputierte de Nouvre (ergebt gegen die Zeitungsmeldung, daß er an einem angeblich !bei bem Grafen de Beauregard gefundenen Entwurf zum Umsturz der Negierung mitgearbeitet habe, entschiedensten Einspruch. Diese Meldung sei eine böswillige Verleumdung. Graf de Beauregard sei übrigens schwer erkrankt und bestnde sich in einer Nervenheilanstalt in Nizza.

Zu allem dem kommt noch, daß am 28. d. Mts. von anarchistischer Seite versucht wurde, die Bahnbrücke von Argenteuil bei Paris in die Luft zu sprengen. Zwei Pfeiler wurden beschädigt. Alsbald gaben die Sicherheitsbehörden den Auftrag, die Brucken und Tunnels der Westeisenbahnlinien im ganzen Seinedepartement durch Geniesoldaten überwachen zu lassen. Wie die Untersuchung estgestellt hat, ist es nur einem glücklichen Zufalle 511 danken, daß ein großes Unglück verhütet wurde. Wäre die mit einem ehr starken Sprengstoffe gefüllte Bombe an einem anderen etiva einen Meter weiter gelegenen Punkte zur Explosion ge­bracht worden, so wäre die Brücke schwer beschädigt worden. Drei Minuten vor der Explosion hatten zwei Züge mit 2lus- wanderern die Brücke passiert. Einzelne Blätter berichten, daß bereits Mittwoch nacht ein ähnlicher Llnschlag gegen die West­bahnbrücke bei Asniöres versucht worden sei. Die Polizei oll zu der Ansicht neigen, daß die Attentate gegen die Militärzüge gerichtet waren, die zum 1. Mai Truppen nach Paris befördern.

Die Untersuchungsrichter von Paris werden am 1. Mai unausgesetzt in ihren Bureauräumen anwesend sein. In Lyon, Marseille und Chamböry werden Vorbereitungen zum 2luS- tand am 1. Mai getroffen. Wie es heißt, sollen in Lyon 20 000 Arbeiter feiern.

Die Truppenverstärkungen aber, die anläßlich der Mai- umzüge in Paris zusammengezogen werden, belaufen sich aus 39 Bataillone Infanterie und 48 Schwadronen Kavallerie, republikanische Gardetrnppen beziffern sich auf 15 000 Mann, sodaß morgen einschließlich der Polizeitruppen ca. 90 000 Mann die Ordnung in Paris aufrecht erhalten werden.

Toulon ist infolge des Aus st and es der Angestellten der G a 8 a n st a l t e n 0 h n e B e l e u ch t rc n g. Die Unternehmer beschlossen, die Werkstätten und Betriebe am 1. Mai nicht zu schließen und den Llngestellten nicht nachzugeben. Da auch die elektrische Beleuchtung der Stadt versagte, stellte die Marine­verwaltung Mechaniker und sonstige Angestellte ihrer Elektri­zitätswerke zur Verfügung. Mehrere Torpedoboote beleuchteten daS Stadtinnere mit mächtigen Scheinwerfern.

Der Sergeant Barbieuk, Führer einer Streifpa­trouille im Kohlenstreikgebiete, wurde in dem Bcrgarbeiter- dorse Waziers von einem seiner Soldaten erschossen.

Dcr Protestantismus und das Mönchstum.

In der bayer. Kammer der Reichsräte gab am Samstag ein protestantischer Aristokrat eine Ansicht Über das kathol. Ordon'Swesen ab, die in ineit cften Kreisen des d eu t- s che n Volkes 11 f f c $e n erregen und vielfach hef­tigen Anstoß erregen wird.

Bei der Beratung des Kultusetats in der Kammer der Reichsräte führte Reichs rat Frhr. v. Kramer-Klett aus: Irr beit letzten Jähren habe die öffentliche Meinung sich mehrfach mit den klösterlichen Niederlassungen beschäftigt. In denjenigen Füllen, welche daS bayerische Ministerium au ging en, habe das Kultusministerium sehr gerecht geurteilt unb sich den Tank aller jener verdient, ivelche es mit der Erhaltung des Christentums ernst meinen. Tie Orden der abendländischen Kirche, fährt Kramer fort, find eine Elite des Christentums. Tas ist mein Urteil als Protestant. Tie Orden sind eine Auslese des Christentums, weil sie das Christentum in die Tat umfetzen. Auch in der protestantischen Kirche hat sich die Idee, für ideale Zwecke zusammen zu leben, Durchbruch verschafft in den lierrlich aufblühendcn Tiakonissenanstalten. Ueberall, wo Bestrebrmgen gegen die Kirche sich geltend machen, wenden sie sich in erster Linie gegen die Orden. Allerdings setzen sich die wenigen Orden, welche sich mit der Politik befassen, Angriffen aus. 2lber warum? Gehen diese Angriffe auf Orden als solche? Der Grund der Feind­schaft ist, weil die Orden der lebendige Gegenbeweis gegen die Toktritl derjenigen sind, welche die Welt angeblich b c fr eien wollen.

Erzbischof v. Stein dankt dem Vorredner für die wohl­wollende Besprechung der Ordensftage.

Oberkonsistorialpräsident Schneider erkennt an, daß die Orden sich im Mittelalter große Verdienste erworben haben. Durch die Reformation sei jetzt aber die Stellung der Protestanten zu den Orden aber eine andere geworden. Es sei ein protestantischer Grundsatz, daß die schönen Tugenden der Nächstenliebe auch ohne Orden geübt werden können. Er wolle nur den prinzipiellen Standpunkt der Protestanten wahren und wünsche, daß beide Konfessionen auf dem Gebiete der Nächstcn- liebe im edlen Wettbewerb fortfahren.

ReichSrat v. Kramer-»Klett spricht nochmals die Ueberzeugung aus, daß in der Pr 0 testan t i schen Kirche es anders stände, tv e N n sie O r d e n hätte.

Frhr. v. Thungen erklärt, der gläubige Protestant könne nicht ohne weiteres in den abendländischen Orden eine Elite des Christentun:s anerkennen. Die Orden hätten sich im Mittelalter große Verdienste erworben, aber in der gläubigen protestantischen Kirche erachte man sie nicht als eine Elite des Christentums. Solck)e pronon- eierten Aeußerungen förderten nicht den Frieden unter den Konfessionen.

Damit schloß die Generaldiskussioir über den Kuktusetat.