Nr. 255
Erscheint KtzllH mit Ausnahme des Sonntags.
Die „(Mefttnet Famillenblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «^rsstfche tcmdwlrt- erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'sche» Untversitätsdruckerei. R. Lange, Gtrtze«,
Redaktion. Expedition a.Druckerei; SchuMr.^ Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr.: Anzeiger Stetzen»
Zweites Blatt 15«. Jahrgang Dienstag 30. Oktober ISO«
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen.
politische Sage-schar-.
In Sachen des Posener Schulstreiks haben die NeichLtagsab^g. v. GrabSki und Graf Mielzynski nachstehendes Telegramm an den preußischen KultuS- lninister abgesandt:
Die polnischen Schulkinder werden mit Arrest, täglich eine und mehr Stunden, für die Befolgung des Verbots seitens ihrer Eltern betreffs ihrer Teilnahme an dem deutschen Religionsunterricht bestraft. Wir Väter nehtnen die ganze Verantwortlichkeit für unser Verbot ans uns. Wir beantragen die sofortige Beseitigung der kulturwidrigen Arreststrafen aus menschlichen und pädagogischen Gründen. Im Auftrage der in Gnesen heute tagenden Familien- väter: die Reichstagsabgeordneten v. Grabski und Graf Mielzynski.
Die 21 n t ii) o rt des Ministers lautet folgendermaßen: An den Reichstagsabg. v. Grabsti in Gnesen: „Tie Aufhebung der Arre st st rasen gegen Schulkinder, welche die bestehende Schulordnung verletzen, lehne ich ab. Kultur- widrig ist die Hetzarbeit, welche die Väter der Schulkinder dazu verführt, den letzteren den Ungehorsam gegen die Anordnungen der Schulbehörde zur Pflicht zu machen. Diese Anordnungen werden mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln durchgefühct werden. Kultusminister o. Studt".
Die „Nordd. Allg. Ztg/ fügt hinzu:
Wir veröffentlichen diese Antwort, um zu zeigen, daß die Unterrichtsverwaltung nicht daran denkt, den polnischen Forderungen auch nur in einem Punkte nachzugeben. Die Staatsregierung wird ruhig, aber mit Nachdruck der polnischen Bevölkerung zum Bewußtsein bringen, daß in der deutschen Volksschule nicht leidenschaftliche Agitatoren das entscheidende Wort führen, daß. vielmehr diejenigen wohlerwogenen Anordnungen, welche im Interesse der Bevölkerung und des Staatswohles notwendig sind, ohne Schwankungen durchgeführt werden.
Bei den langen Beratungen, die am Samstag sowohl km Kultusministerium unter Teilnahme de§ Ministers des Innern und des Oberpräsidenten von Waldow, sowie später im Staatsministerium stattfanden, waren diese, wie heute aus Berlin gemeldet wird, darüber völlig einig, daß es ein Nach - geben dieser polnischen Bewegung gegenüber nicht geben könne, und daß ruhig, aber mit der allergrößten Bestimmtheit, Client, unter Anwendung durch Gesetz und Verordnungen gegebener Handhaben einzutreten sei. Für da§ Vorgehen im einzelnen wird jedenfalls als bestimmend für die Behörden der Umstand angesehen werden, ob in den nächsten Tagen kein Anschwellen der ganzen Bewegung zu beobachten ist oder im Gegenteil ein weiteres Umsichgreifen, das darauf schließen läßt, daß es den großpolnischen Hetzereien gelingt, dem Volke die Wege zu weisen.
Nach den bishervorliegenden Nachrichten streiken zurzeit etwa 40000 polnische Schulkinder. Die größte Ausdehnung hat der Streik in den Regierungsbezirken Posen und Bromberg genommen. Die Schulkinder der Stadt Posen sind verhältnismäßig wenig beteiligt.
Ausschreitungen kommen übrigens alle Tage vor. So wurde am Montag der Lehrer Kuban in Kosten von Polen überfallen und derart mißhandelt, daß er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte.
Drei von je mehreren hundert Personen besuchte poln. Versammlungen in Gnesen, Pleschen und Samter wurden von Beamten der politischen Polizei aufgelöst, weil die Redner zum Ungehorsam gegen die Staatsgesetze aufforderten.
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Die Gründung der Hamburg-Bremer Afrikalinie, die als Konkurrenzunternehmen gegen die Wörmannlinie geplant war, ist aus finanziellen Gründen gescheitert. In einer Zeit, in der die beiden deutschen Großrhedereien ihr Aktienkapital erhöhen und damit bedeutende Anforderungen an den Geldmarkt stellen, erscheint dieses Mißlingen nicht verwunderlich. Hat doch auch die aus Bremer uud Frankfurter Firmen bestehende Gesellschaft, die an der Unterweser ein Hüttenwerk für Herstellung von Eisen und Stahl errichten will, von diesem Unternehmen einstweilen Ab stand genommen im Hinblick auf die ungünstige Lage des Geldmarkts. Aufgeschoben ist allerdings nicht aufgehoben, auch bei der neuen Asrikalinie, denn die Chinesische Küstenfahrt-Gesellschaft in Hamburg will im nächsten Jahre auf eigene Faust das Konkurrenzunternehmen gegen die Wörmannlinie ins Werk setzen, wohl in der sicheren Erwartung ausreichender Regierungstcansporte. Die Lage des Geldmarkts wird wohl aber auch im nächsten Jahre bestimmend sein für die Verwirklichung dieses Vorhabens.
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Das mehrfache Stimmrecht in England.
Das englische Unterhaus genehmigte den Gesetzentwurf über die Abschaffung des mehrfachen Stimmrechts. Besaß England bisher zwar auch kein Pluralwahlrecht im Sinne der Ausstattung gewisser Wählerkategorien mit mehr als einer Stimme, so war es doch möglich, daß man in mehr als einem Wahlbezirk stimmberechtigt sein konnte. Grundbesitzer z. B. waren wahlberechtigt in jedem Wahlbezirk, wo ihre Grundstücke liegen, Mitglieder von Universitäten wählten zudem noch in einer eigenen Wahlkurie der Universitäten.
In der Hauptsache ist dieses mehrfache Stimmrecht eine Bevorzugung der gründ besitz end en Klassen und e§ kam daher hauptsächlich der konservativen Partei zugute, die in manchen kleineren städtischen Wahlkreisen nur deshalb siegt, weil die Stimmen der Wähler, die nicht im Wahlkreis wohnen, aber dort Grundbesitz haben, hauptsächlich ihr zu- ftelen. Die liberale Partei legt großes Gewicht auf die beschlossene Abschaffimg dieses mehrfachen Stimmrechtes. Doch ist abzmoarten, was das HauS der Lords dazu sagt.
Die Debatte wurde mit vielem Humor geführt; die Liberalen halten leichtes Spiel, weil die Verteidigung des bisherigen Zustandes durch die Konservativen nur zögernd war und alle anderen Gründe in den Vordergrund stellte, als den wahren, weshalb die eine Seite die Reform wünscht und die andere sie ablehnte. Namentlich der Versuch, das
Wahlrecht der Universitäten mit der Sache der Bildung zu identifizieren, fiel, wie wir in dem „Rh. Kourier" lesen, unglücklich aus. Ein liberaler Redner führte unter allgemeiner Heiterkeit die Spottverse von Macaulay an, als die Universität Oxford dem großen Staatsmann Peel die absolute Null Sir Robert Inglis vorzog:
„Und nun erging die Weisung an die Doktoren der Theologie: Wählt ja nicht Peel, nur Inglis/ — Aber Inglis mar ein Vieh.
Auf den Einwand, daß das Wahlrecht der Universitäten notwendig sei, um feingebildete Herren, die vor der Gemeinheit des gewöhnlichen Wahlkampfes zurückscheuen, ins Parlament zu bringen, erwiderte ein anderer liberaler Redner, indem er auf den Vertreter der Universität Dublin, Sir Edward Carson, einen der rücksichtslosesten Draufgänger und Ellbogenmenschen de§ Unterhauses, hinwies. In Wirklichkeit handelt eS sich aber garnicht um die Abschaffun deS Wahlrechts der Universitäten, sondern nur darum, daß der betreffende Wähler sich entscheiden muß, ob er in der Wahlkurie der Universität, oder im zuständigen Wahlkreis seines Wohnorts wählen will, wobei ihm sogar das Recht gegeben wird, seine Wahl jedes Jahr zu ändern.
Zur Bergarbeitcrbewegung.
Breslau, 29. Okt. Der sozialdemokratische NeichStags- Abg. Hue ist im oberschlesischen Jndustriebezirk eingetroffen, um in Bergarbeiter-Versammlungen über die Lohnoechältnisse zu sprechen. Die Gründung- von sozialdemokratischen Wahlvereinen wird im ganzen Jndustriebezirk mit Nachdruck fortgeführt.
Altenburg, 29. Okt. Eine gestern in Meuselwitz abgehaltene Bergarbeiter-Versammlung beschloß, daß die einzelnen Gruben in der Lohnbewegung nicht selbständig vorgehen, sondern nur den Weisungen der Siebener-Kommission folgen sollen.
Aus S.aot uuo itano.
Gießen, den 30. Oktober 1906.
” Ordensverleihung. Se. Königl. Hoh. der Großherzog haben dem Bürgermeister, Ortsgerichtsoorsteher und Standesbeamten Joh. Gg. Bickel zu Affolterbach das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift »Für langjährige treue Dienste" am Bande des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
** Ein früherer Metteur deA Gieß. Anz. t- Am 8. Oktober verschied in Schotten im Alter von 72 Jahren der Schriftsetzer Emil Dörr aus Gießen. Leider war es seinen Kvllegen und Bekannten, deren bet Verstorbene in seiner Vaterstadt recht viele hatte, nicht möglich, ihm die letzte Ehre zu erweisen, da es keiner der Angehörigen für angezeigt hielt, die Nachricht von seinem Ableben hierher gelangen zu lassen. Dörr trat nach langer Beschäftigung in der Keller'schen Druckerei im Jahre 1876 in die Brühl'sche Druckerei, wo er über ein Jahrzehnt den Posten eines Metteurs des Gießener Anzeigers versah. Eine schleichende Ktankheit, Arterienverkalkung, zwang ihn, seinen Beruf aufzugebcn und nach Schotten zu Verwandten überzusiedeln. Bei seinen Kollegen und allen, die ihn kannten, erfreute sich Dörr allgemeiner Achtung, ebenso in den Kteisen der Buch-- drucker außerhalb Gießens. Dörr bekleidete jahrlang Ehrenämter in den Vereinigungen seiner Berussgenossen und war hervorragend tätig an der Gründung des Mittelrheinkreises im Verbände deutscher Buchdrucker Mitte der sechziger Jahre. Auch die älteren Gießener Turner, für deren Sache er wirkte, werden ihm dasselbe ehrende Andenken bewahren, wie seine Berussgenossen.
** Vortrag über Gesundheitspflege. In dem am Samstag im Cafö Leib vom Kaufmännischen Verein und Ortsgewerbeverein veranstalteten zweiten öffentlichen Vortrag behandelte Herr Georg Wagner aus Dresden-Radebeul : Die Gesundheitspflege nach naturgemäßer Anschauung. Redner ist überzeugter Anhänger und Förderer der naturgemäßen Gesundheitspflege, wie sie in neuerer Zeit in verschiedenen Anstalten, so von Bilz u. a. gepflegt wird, und viele Anhänger und Nacheiferer gefunden hat und wirkt gleicherweise für seine Anschauungen als Redakteur eines in Leipzig erscheinenden illustrierten Familienblattes. — In etwa einstün- digem fesselnden Vortrage entwickelte Redner in großen Umrissen die allfeitig als maßgebend anerkannten Grundsätze einer naturgemäßen Gesundheitspflege, die allein imstande ist, den Körper widerstandsfähig gegen alle die Gesundheit schädigenden Einflüsse zu machen und zu erhalten. Ausgehmd von der Verschiedenheit der Ansichten über Gesundheitspflege, die bei einigen zur Verweichlichung, bei anderen in die extreme Richtung führen, wurde die Frage aufgeworfen: Wodurch mtstehen Krankheiten? Bei Beantwortung dieser Frage entwickelte der Redner, wie unser Körper einem fortdauernden chemischen Verbrennungsprozeß unterworfen sei und alles darauf ankomme, diesen Prozeß in ruhigem Fortgänge ohne Störung und Unterbrechung zu erhalten. Dieses geschieht zunächst dadurch, daß dem Körper Nahrung in Quantität und Qualität zugefühet werde, die mit den stetig erfolgenden Ausscheidungen durch Lunge, Darm, Nieren und Haut in richtigem Verhältnis stehen. Ausgabe und Einnahme müssen auch hier, wie in jedem anderen Haushalt, Gleichgewicht halten. Geschieht dieses, so sind wir gesund. Aber nicht nur durch fehlerhafte und verkehrte Nahrungsaufnahme entstehen Krankheiten, auch unser Beruf gibt vielfach Ursache und Veranlassung zu krankhaftm Lebenserscheinungm. Die drängende und hetzende Arbeit der heutigen Erwerbs-verhältnisse im rastlosen Klampfe ums Dasein, wie sie namentlich im geschästlichen Leben vielfach nicht zu umgehen ist, in Verbindung mit oft unzweckmäßig angelegten Arbeitsräumen, die durch Mangel an Licht und Lust, an genügender Bentilktion usw. direkt Gesundheit gefährdend wirken, führen zu mancherlei Gesundheitsstörungen bald leichterer, bald ernsterer Natur. Da gilt es nun diese oft leider durch die ungünstigen Verhältnisse bedingtm und nicht zu umgehenden Schäden durch eine vernünftige - und naturgemäße Le- benÄveise auszugleichm. Dieses geschieht durch vernünftige Ernährung, vernünftige Hautpflege, vernünftige Kleid un-g und Wohnung und frische Luft. Die besten Aerzte in der Welt sind: Diät, Bewegung, Licht, Luft und Wasser. Bei, der Nahrungsaufnahme, die in richtiger Mischung aus Eiweiß, Fett, Köhleahydrate, Mhrsalze und Wasser bestehen soll,' wird vielfach und nammtlich in den wohlhabenderen Ständen, der verhängnisvolle Fehler gemacht, daß der Schwerpunkt auf die Fleischulahrung gelegt wird, dadurch aber erhält der Körper eine mehr oder weniger einseitige Nahr- ungszusuhr, da ihnen die notwendigen Nährsalze, welche ihm der Hauptsache nach durch Gemüse zugeführt werden, namentlich Spinat und Obst sind hier als geiundheitsfördernd in, vornehmster
Linie zu nennen. Neben der Diät ist die Hautpflege von l . rvorragen- der Bedeutung. Je regelmäßiger unsere Haut ohne Störung die im Körper verbrauchten Stoffe durch Gase und Schweiße auszuscheiden vermag, dcsui bessere Vorbedingungen für die Erl-altuug unserer Gesundheit haben wir. Diese notwendige und regelmäßige Tätigkeit erschweren wir der Haut aber ost durch eine zu dichte und zu dicke Kleidung, die nicht porös genug ist, um die Hautausscheidungen hindurch zu lassen und was zurückbleibt, muß als Krankheitserreger angesprochen werden. Hier sei auf die namentlich in unserer Zeit an vielen Orten gepflegten Licht-, Luft- und Sonnenbäder hingewiescn, die für viele Tausende ein Segen in gesundheitlicher Beziehung geworden sind. Der nackte Körper wird hier einer vernunftgemäßen und durch Erfahrung erprobten Abhärtung unterworfen, welche die Haut stark reaktionsfähig ausbildet und sie zu reger Tätigkeit änhalt. Auch kalte Abwaschungen des ganzen Körpers sind ein unerläßliches Mittel einer richtigen Hautpflege, nur dürfen diese Abwaschungen, wenn sie nicht zu Erkältungen führen sollen, nie länger wie eine Minute in Anspruch nehmen und unmittelbar nach ihnen soll der Körper in ausreichender Bewegung gehalten werden. Nicht minder wichtig ist die Atmung in reiner, unverdorbener Luft, wozu auch das Schlafen im Sommer und Winter bei geöffneten Fenstern gehört. Redner ermahnt auch der viel vernachlässigten vernunftgemäßen Bewegung ihre Rechte nicht zu verkümmern. Jede Bewegung im Berufe bleibe einseitig. Es sei daher jeder bemüht für Ausgleichung durch 1 bis oder auch 2 stündige tägliche Spaziergänge, sowie auch durch vernünftigen Sport Sorge zu tragen. Durch solche Gesundheit fördernde Bewegung in frischer Luft wird die Herz- und Lungentätigkeit angeregt, die Dlutzirkulation rege und den Gesundlx'itsstörungen, wie vornehmlich der gefahrdrohenden Stuhlverstopfung vorgebeugt. Daß die Verhütung letzterer von der weitgehendsten Be- deuttmg ist, wird allseitig anerkannt und der Redner weist besonders darauf hin, daß einer unserer hiesigen Mitbürger Oberst a. D. Spohr, ein nimmermüder Vorkämpfer für alle Bestrebungen auf dem Gebiete der naturgemäßen Gesundheitspflege in allen seinen Schriften auf die große Bedeutung dieses Vorganges in der Körperpflege mit Ernst hinweist. Unsere Aufgabe ist cs, »durch die gekennzeichneten Mittel und Wege die Krankheitserreger, die durch vernunstwidrige Nahrungsausnahme, ungenügende Hautpflege und Bewegung und träge Blutzirkulation in ihrer Entstehung gefördert werden, zu beseittgen. Dann werden wir unsern Körper widerstandsfähig gegen alle von außen kommenden schädlichen Einflüsse heranbilden und uns gesund erhalten. — Reicher Beifall lohnte den Redner am Schlüsse für seine Ausführungen. Brachten sie auch dem Kündigen nichts neues, so waren sie doch wichtig genug, um jedem immer wieder von neuem ernstlich das vorzuführen, was zur Erhaltung des köstlichsten Lebensgutes, der Gesundheit, notwendig ist.
** Königl. Preu ßssche Klassenlotterie. Die Erneuerung der Lose 5. Klasse (Haupt- und Schlußziehung) muß bis nächsten Freitag, 2. November, abends 8 Uhr, unter Vorlegung der Lose 4. Klasse bei Verlust des Anrechts geschehen sein. In dieser Klasse werden 96 000 Gewinne im Betrage von über 37y2 Mill. Mark gezogen. Die Ziehung findet täglich statt, mit Ausnahme der Sonntage und gesetzlichen Feiertage, und dauert bis einschließlich 4. "Dezember.
△ Langsdorf, 29. Oft Die von dem Bürgermeister Köhler zu Langsdorf neueingerichtete Gemeindebibliothek hat ihren Bücherstand nach Aufzeichnungen vom 1. Jan. 1899 bis 29. Oktober 1906, also bis zum Schluß der Amtszeit des Bürgermeisters Köhler — auf 688 Bände gebracht, die einen ungefähren Wert bis zu 3000 Mk. repräsentieren. Darunter sind Werke von sehr hohem Anschaffungspreis wie z. B. Bismarcks Gedanken und Erinnerungen, Ruhlands System der politischen Oekonomie, Chamberlains Grundlagen des 19. Jahrhunderts, Freytags Ahnen, Soll und Haben, Meyers deutsche Mythologie usw. usw. Die Lesegebühr für die Woche und den Band beträgt, trotz der bedeutend hohen Anschaffungskosten vieler größeren Werke, für die Langsdorfer Einwohnerschaft ohne Ausnahme nur zwei Pfennig. Trotz der niedrigen Lesegebühr wurde vorn 1. Januar 1899 bis heute (28. Okt. 1906) eine Gesamt- Einnahme von 184 Mk. erzielt, die hinwiederum zur An- chaffung von Büchern und Aufbewahrungsschränken Verwendung fanden. Hieraus erhellt, daß seit 1. Januar 1899 bis 28. Oktober 1906 von der nur 900 Personen zählenden Einwohnerschaft von Langsdorf 9200 Bände aus der Gemeindebibliothek daselbst entliehen wurden. Im Laufe der genannten Zeit wurden vom Bürgermeister Köhler zweimal gedruckte Kataloge herausgegeben und denselben, erstlich im Jahre 1899 eine Geschichte der Bibliothek und des Gesangvereins „Concordia" zu Langsdorf (welch letzteren Begründung bis zum Jahre 1837 zurückreicht), zweitlich im Jahre 1904 eine von dem im Jahre 1870 ver- torbenen Lehrer Neumann verfaßte Chronik von Langsdorf vorangestellt. Die Anschaffung der Bücher erfolgte seither durch Bürgermeister Köhler, vielfach im Einvernehmen mit Pfarrer Mahr und Lehrer Leidich, der, letzterer als erster Bibliothekar, die Verwaltung der Bibliothek von Anfang an bis heute in vorbildlicher Weise und unentgeltlich mit Aufwendung nicht geringer Mühe und Zeit besorgte.
= Lauterbach, 29. Okt. Die bei ihrem Bruder hier wohnende ledige Katharina Otte rb ein hatte sich heute früh auS ihrer Wohnung entfernt. Da dieselbe schon längere Zeit tiefsinnig ist und sich besonders in den letzten Tagen einbildete, sie solle den Brand in der Eichmühle dahier veranlaßt haben, so wurde gleich vermutet, daß sie sich ein Leid angetan habe. Nach längerem Suchen fand man die Ver- chwundene in einem der oberhalb der Stadt gelegenen Eisteiche als Leiche vor. — Gestern abend fand im Saalbau „Zum Johannesberg" ein vom hiesigen Turnverein veranstaltetes Konzert mit turnerischen Vorführungen zum Besten deS Hainigturm-Baufonds statt. Die Darbietungen des Turnvereins, bestehend in Musterriegenturnen, Stellen von Pyramiden, Keulenschwingen mit elektrisch beleuchteten Keulen, Aufführen eines altgermanischen Waffentanzes und Stellung von Marmorgruppen waren sämtlich sehr wohl gelungen. Ta der geräumige Saal sehr gut besetzt war, dürfte ein ansehnlicher Betrag für den gemeinnützigen Zweck erübrigt werden, wenn auch das Beschaffen der zu den Aufführungen erforderlichen Kostüme erhebliche Ausgaben erforderte.
Darmstadt, 29.Okt. Se. Kgl. H. der Großherzog


