Ausgabe 
21.12.1906 Erstes Blatt
 
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Freitag 21. Dezember 1906

156. Jahrgang

Erstes Blatt

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zahlten Bischofsgelder an den Papst gepflogen Warden seien. Der Papst habe den Empfang dieser (Selber aber abge- lehnt. Dies sei die einzige Geldangelegenheit, die jemals zwischen dem Vatikan und Deutschland geschwebt habe.

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Hessen im Munde der Dichter, so betitelt sich eine von A. Börlel u. Vh. See herausgegebene Sammlung von Ge­dichten. (Mainz 1967, Verlag von Zabern.) Sie will Schulen und Vereinen zu iefilichen, msbejondere palriotiichen Gelegenheiten dlchlerijches iviaterial zur Vertilgung stellen, TieferZweck begrenzt naturgemäß das Gebiet der Auswahl. Von religiöjer oder politischer Poesie patzte nur eine bestinnnle Richtung m diefen Rahmen. Tie Erotik blieb ganz ausgeschlossen. Tie beiden Hauptgruppen der Gedichte werben unter den TitelnFürst und Volk und Land und Leute" zusammengelastt. Auch aus G l e tz e n und Lberhesjen be­ziehen sich zahlreiche Qlummern. Anhangsweise ist noch eine Gruppe .Kaiser und Reich" hinzugeiügt. Die Gedichte verteilen sich am 69 Versasser, unter benen Walther v. d. Vogelweide, Geibel, Rückert und Andere mit einzelnen Gedichten vertreten sind. Meistens ireüich sind es neue Namen. Tie Löwenanteile entiallen aut die Herausgeber selbst, die auch je ein Festspiel (Hessentreue" von Börkel,Wilhelm L" von See) beigesteuert haben. Der Vuchjchmück

das Allerschönste sei. Man meint immer, das sei das schönste, worauf gerade im Augenblick das Auge ruht; wenn man dann aber das nächste in die Hand nimmt, findet man das womöglich noch schöner.

Schaff st eins Volksbücher für die Jugend" enthalten Sagen, Märchen und deutsche Volksbücher. Es entspricht der Wahrheit und ist keine Selbstüberhebung, wenn der Verlag in seinem Katalog sagt:Weder neid) Ausstattung und Preis, noch nach dem Inhalt besteht da­neben eine gleich nennenswerte Sammlung von Jugend­schriften in den Ländern deutscher Sprache." Die künst­lerische und buchgewerbliche Fachpresse, in diesen Dingen von besonderer Kompetenz, hat neben der übrigen Presse einmütig darauf htngewiesen, daß hier durch Anlehnung an die beste Zeit des Buchdrucks (unter künstlerischer Auf­sicht und Mitarbeit von E. 9L Weiß) moderne Buchkunst- werke geschaffen wurden, die nach Ausstattung, d. h. Type, Satzanordnung, Papier, Buchschmuck usw., nach Preis und Sorgfalt des Inhalts unübertrefflich sind.

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und Silber : Dülk 5 W iget ivie die MeiDerfaud- per Lmck. .8,1.2o, L50

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General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen

politische Lagesscha«.

Emst und jetzt.

Aus Anlaß der im Jahre löUJ vom Vatikan gegebenen Anregung, der Papst möchte von unserem Kaiser ein Geldgeschenk in Höhe von 500000 Franks erhalten, sei an einem Vorgang aus dem Jahre 1640 erinnert. Da­mals sandte die engt Königin Henrietta Maria, die Ge­mahlin KarlS L, ein Schreiben an den Kardinal Barberini, in dem sie um 500000 Scudi (1 Scudo = 5 Lire) vom päpstlichen Stuhle bat (s.Hist. Zeitschrift" 1886, veröffent­licht von Prof. Dr. Herrlich). Mit diesem Gelde wollte sie, wie sie in dem Briefe schreibt, die Führer der katho- likenseindiichen Puritanergewinnen". Bald darauf teilte der Kardinal der Königin mit, daß der heilige Stuhl niemals einen ketzerischen oder schismati- schen König mit Truppen oder Geld unter­stützen könne, es sei denn, daß sich der König, wenn and) zunächst noch nicht öffentlich, katholisch erkläre. Ta jedod) die Königin den Uebertritt ihres Gemahls nicht ver­sprechen konnte, so unterblieb die Zahlung der gewünschten öOO 000 Scudi aus dem päpstlichen Staatsschatz; sie erhielt aber im Jahre 1642 von dem Kardinal aus eigenen Mitteln 30000 Scudi.

Welch ein Wandel £(er Zeiten! Heute bittet der Papst selbst um milde Gaben, einst war er es, zu dessen Millionen alle Welt letzte Zuflucht nahm! Einst mochte man nicht einen ketzet.i,<yen Fürsten gegen offenbare Ka- tholikenfeinde unterstützen, und heute bettelt man einen ketzerischen Fürsten um eine milde Gabe an!

Der PariserMatin" nimmt von einer Meldung seines römischen Korrespondenten iltotiz, nach der die Geldasfäre zwischen Leo XIII. unb dem deutschen Kaiser auf eine Ent- stellung gewisser Verhandlungen zurückgeführt werde, die über die Rückerstattung der im Kulturkampf nicht ausge-

Kor vcn Neichstagswaylen.

Gießen, den 21. Dezember 1906.

lieber die Darmstädter Einigungsverhand­lungen der beiden großen liberalen Gruppen weiß derD. T. A." uns folgendes zu berichten:

Leider haben die zwischen Vertretern der beiden Parteien mehrstündigen Einigungs-Verhandlnngen ein p o s i 11 v e s R e j n l- tat bis jetzt nicht ergeben und sollen deshalb in den nächsten Tagen weitergeführt werden. Etwas näheres über den In­halt der Verhandlungen foiote über die von beiden Seiten aus­gestellten Forderungen konnten ivir nicht erfahren.

Nack) Korrespondenzen derFrkf. Ztg." aus Darm­stadt und Worms scheint die »Einigung über die Ausstel­lung gemeinsamer Kandidaten auf fast unüberwind­liche Schwierigkeiten zu stoßen, nicht nur wegen Darmstadt-Groß-Gerau, sondern aucy wegen anderer in Betracht kommender Wahlkreise. Die endgültige Entschei­dung ist nicht vor Samstag abend zu erwarten.....

Die Verhandlungen scheinen daran zu scheitern, daß die Nationalliberalen gegen den Wahlkreis Alzey- Bingen die Unterstützung der Freisinnigen in ganz Hessen fordern und den Freisinnigen auf die auf» Hustellendcn Kandidaten keine Einwirkung zuge­stehen wollen."

Das wäre höchst beklagenswert, und die lachenden Dritten wären die Sozialdemokraten und extremen Agrarier, wenn es zu keiner Einigung käme. Tie Forderungen der Rationalliberalen scheinen uns aber aud) allzu weitgehend zu sein, sodaß, wenn sic zu einem Nachlassen fid) nicht bereit fänden, den Freisinnigen allerdings nichts anderes übrig bliebe, als getrennt von den Nationalliberalen in den Wahlkampf zu marschieren. Der Ausgang wäre bann für den gesamten Liberalismus kläglich und die Sd)uld träfe allein rücksichtslose Hartnäckigkeit.

Nach dem (Siebener Genossenblatte wird die auf den zweiten Feiertag einberufene sozialdemokratische Kreiskonserenz voraussichtlich Krumm als Kandidaten proklamieren. Herr Krumm ist ein Mann, der nicht nur in Kreisen der Arbeiter­schaft, sondern darüber hinaus in Stadt und Land Ansehen sich zu verschaffen vermocht hat. Er besitzt das Vertrauen weiter Volksschichten, ist ein gewandter Redner und geschickter Tebatter, alles in allem also ein für alle bürgerlichen Parteien gefährlicher Gegner. Angesichts seiner Kandidatur ist ein Zusammengehen der Liberalen im Wahl­kreise Gießen von äußerster Notwendigkeit, und es wird der stärksten gemeinsamen und eng vereinten An- slrengungen bedürfen, will man ihm gegenüber das Feld behaupten.

Wie uns aus Alsfeld gemeldet wirb, stellt die sozialbemokratisd)e Partei den Stabto. O r b i g in Gießen als Stanbibaten für «den Wahlkreis Alsfelb-Lauterbach- Schotten auf.

Aus dem Vogelsberg wird uns heute geschrieben: Für die K a u b i b a t u r Wallau bestehen die b e st e n Aussichten. Tie Anhänger des Kreiörais Dr. Wallau sind sehr zuversichtlicher Stimmung und bereits im Stillen überall eifrig an der Arbeit. Aus allen Teilen des Wahlkreises laiiien von den Vertrauensmännern günstige Berichte ein. Die Nationalliberalen besitzen in der Person des Tr. Wallau einen in weiten Kreisen beliebten und volkstümlichen Mann, dem die Wählerschaft volles Vertrauen entgegen bringt. Wallatis kraftvolles Ein treten für bteLandwirt-

Bezn gsvret»i monatI'ct'7k>V« viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- il ZweigNellen monatlich ßo Pf., durch die Poll Vlk. 2. oiertel- jährl. ansschl. BeNellg. llnncQmc von 2ln$etgei für die iagesulmimer bis vormittags 10 Uhr. ZeilenoreiS. lokal l2Pf^ an6ivdit6 20 P»g.

Verantwortlich füt den polit. und aUaem. Teil. P. W.tlko -üt Stadt und l!anb" und -Gerichtssaal" (8 t nfl pest, für den An­zeigenteil Lian« Wei,

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ist von Professor P. Halm ('JJ(ünd)en). Tie Herausgeber wünschen durch diese Sammlung ,ben oaterlänbiid)cn Sinn und die Liebe zur engeren Heimat zu stärken". Sie schließen ihr Vorwort mit der Uhlandschen Strophe:

Nicht an wenig stolze Namen Ist die Liederkunst gebannt, Ausgestreuet ist der Samen lieber alles deutsche Land." -e-

Abendsegen für die christlicheFamilie. Abend- anbad)ten für jeden Tag nach der Ordnung des Kirchenjahres, von Dr. Paul Wurster, Direktor des Predigerieminars in Friedberg. Der bei uns viel bekannte und hochgeschätzte Verfasser hat uns zu den Dlorgenandachten in seinem trefflichen »Hausbrot für evang. Kinder", das in kurzer Zeit eine Auflage von 19 000 Exemplaren erlebte, nun auch einen Jahrgang mit Abendandachten beschert. Wir sind ihm sehr dankbar dafür. Demi er hat eine ganz besondere Gabe, das Gotteswort so auszulegen, baß es jedem, Jungen und Alten, Gelehrten und Ungelehrten, wirklich etwas zu sagen hat, und es so aut das Leben anzuwenden, bau auch die Kinder unserer Zeit es als etwas für sie wertvolles empfinden müssen. Tabei redet er so warm und herzlich, und in einer Sprache, die in ihrer un- geiuchten Klarheit und Anschaulichkeit jedem verständlich ist. Und überall weiß er den Menschen aus seiner Vereinzelung herauSzu- holen und ihn in die Gememscha-i des Voltes und des kirchlichen Lebens und ihrer Bewegungen hmemzusiellen. Es ist trotz alles Widerspriichs doch viel Hunger und Tursi nad) wirklich gesunder religiöser Speise unter uns vorhanden und im Wachen begitiicn. Hier ist etwas vom besten. Tas gilt vor allem von den iretflichcn kurzen Gebeten, die wirklich die Strait haben, die Seele mit ihren Bedürfnissen und Nöten vor Gottes Angesid)t zu stellen. Aiochte das Bud) in vielen Häusern auf dem Weihnachtstisch zu finden sein 1 0. Schlosser.

Ans Petersburg wird berichtet, daß eine Po la r- e x v e d 11 i o n unter der Leitung des Obersten Sergius sl) e U vor­bereitet wird. Pell hat bereits bedeutende arktische Forschungen und Expeditionen ausgesührt. Die Expedition wird aus Pemsseyk abgehen und versuchen, die Enge des BeeriugmeerS zu erreichen, um das Vorhaudensein einer Durchfahrt durch die Polarmeere zu beweisen.

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Psg. a». 48 P'S- 98 , 98 N-, 86,1.95 Ak. ) 96 'ilf* h '----------

Tisküiilscch mehr als ein halbes Jahr bestehen bleibt, dann wird eine Reihe von industriellen und Handelsunternehm­ungen vom deutschen Erdboden verschwinden. Wenn es sich dabei nur um faule Gründungen handelte, wäre das am Ende noch zu ertragen, denn Leute, die ihr Geld in faule Gründungen stecken, sind in der Regel betrogene Be­trüger, denen reckst geschieht. Aber aud; besser fundierte llnternehmungen müssen zu Grunde gehen, wenn ihnen der Lebensnerv durch die Erhöhung des Zinssatzes auf tägliches Geld abgeschnitten bleibt, besonders junge Unter- nehmungeu, die wohl aussichtsvoll, aber noch nicht ge­festigt sind. Das ist in hohem Maße zu bedauern, aber die Reichsbank kann dafür auch nicht haftbar gemadjt wer­den. Sie hat sich eben schon &u viel Metall entziehen lassen und muß nun auf sich selber sehen. Wer aber ist schuld an diesem ungesunden Verhältnis, an dieser trau­rigen Finanzlage?

Es nützt nichts, man kann es nicht verschweigen: die Reich sregierung trisst die Hauptschuld an dein Mißstand. Die verkehrte Wirtschaftspolitik auf der einen, die Einengung und Beschränkung des Geldverkehrs auf der anderen Seite mußten schließ­lich zu solchen Zuständen führen. Außerdem ist unsere politische Lage dec großen Welt gegenüber keinesfalls an­genehm. Was im Innern gesündigt worden ist durch eine verfehlte Zollpolitit und durd) eine verfehlte Handelspolitik, das rächt sich jetzt, und den Schaden muß das deutsche Volk in seiner Gesamtheit tragen. Daß nebenbei auch unser Kredit 1 m Aus lande unter solchen Verhältnissen nicht gerade glänzend sein kann, versteht sich von selber. Die jetzige Kalamllät ist eine ernste Mahn­ung zur Umkehr an die Reichsr egierung, aber wir furchten sehr, man wird auch diesmal nicht hören, und sich mit einigen Rechenkunststücken aus der Schlinge KU ziehen versud)en. Denn das ist bequemer, als einen falschen Schritt wieder zurückzutun.

Neue deutsche Kunst fürs Kind.

Es ist noch nicht 10 Jahre her, als in Deutschland das erste moderne Bilderbuch erschien: KreidolfsBlu­me n m ä r ch e n", und diese erste Tat weckte allerorts Gleich­gesinnte, sodaß wir heute in Deutschland eine Jugend­bücherei haben, um bereit Vielseitigkeit und Vortrefflichkeit uns das Ausland beneiden mag. Mit Kreidolf tat sich Dehmel zusammen, dessenFitzebutze" damals schon jähre» lang geschrieben war, aber keinen ebenbürtigen Zeichner und leinen wagemutigen Verleger gefunden hatte. Und was vorher bei Kreidolf noch etwas zaghaft war und auch zu zart für unsere gesunde Jugend, dem wurde inFitze- butze" energisch der Garaus gemacht. Die Einen hoben es in den Himmel, die Anderen verstießen es in den Höllenpfuhl. Und nun wollten so und so viele zeigen, daß sie es ebensogut oder besser könnten. Kinderdichter, Kindermaler tauchten von allen Seiten auf, und der Ver- lag H. u. F. Schaffstein in Köln brachte denFitzebutze" an sich und wurde dadurck) zum Sammelpunkt dieser ganzen Bestrebungen. Was Schaffstein seitdem für die Kinderkunst geleistet hat, ist eine Kulturtat ersten Ranges, und un­zählige deutsche Kinder weiden ihm dafür oankbar sein. Und die Anziehungskraft dieses Berlages scheint außer­ordentlich, denn was an wirklich vorzüglichen Leistungen in Deutschland geschaffen wurde, hat fid) bei ihm zusumnwn- gesunden; und da nun auch noch in seinerVolksbuch e- r e i" die Meisterwerke früherer Zeiten erscheinen, so kann man wohl sagen, daß jedes einzelne Bud), das Schaffstein herausgibt, empfehlenswert ist.

Kreidolf hat den Blumenmärchen, die nun auch in sehr sd)öner billiger Ausgabe vorliegen, und dem Fitzebutze die schlafenden Bäunie, Alte Kinderreime, die Schwätzchen und die Wiesenzwerge folgen lassen, Bücher im Preise von lMk. bis zu 5 Mk., also jedem zugänglich, und jedes von solcher Schönheit, daß niemand int stunde ist, zu jagen, welches

Nr. 300

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(inner SonnmaS. TemCÄteüenei Anzeiger werben im Wechsel mit den, hessischen Landwirt die Siebener Familien- blühet viermal in bei

Woche beigelegL Rotationsdruck u. Ver­lag bei Brüh l scheu Unwerj.-Bncb-u.Siein- bnideret. 9t Bangt, SUbafhotiL ErvedMo« und Drucke ret:

Vchnlftrotze 7, Redaktion e=stä» 119

Verlag u.Exved.

Adresse für Devefchen:

Anzeiger Gießen.

Die heutige Dummer umfaßt 16 Seilen.

Teueres Kclo.

Die Börse ist der Gradmesser des finanziellen Befin­dens eines Staates. Dieser Gradmesser ist infolge der Spekulation großen Sck)wankungen unterworfen, und auch die Politik bewegt seine Nadel bald auf bald ab. Un­bedingt ist also diesem Gradmesser nicht zu trauen, aber in der Regel zeigt er ziemlich sicher. Und jetzt zeigt er auf Teuerung. Das Bargeld ist rarer denn je geworden. Und wem die Börse das nod) nicht gesagt hat, dein erzählt es deutlich genug die Erhöhung des Reich sbank- diskonts auf 7 und des Lombardzinssußes aus 8 Proz. Diese Erhöhung hat in der deutschen Finanzwell wie ein furchtbarer Sch l a g gewirkt, die privaten Banken sind ebenfalls mit dem Diskont in die Höhe geschnellt, und so ist das Bargeld unendlich rar geworden, für manchen kleineren Mann überhaupt nid)t mehr zu beschaffen.

Dieses Ereignis, das mit den politischen und wirt­schaftlichen Verhältnissen des Deutschen öieirncs aufs engste zusammenhängt, weckt Erinnerungen an frühere Zeiten. Insbesondere an das Jahr 1899, da sich ganz die gleick)e Geschuhte vollzog. Auch damals schnellte der Bankdiskont plötzlich in die Höhe. Damals 6etrad)tete man als Grund hierfür in erster Linie die Folgen des Burenkrieges. Eng­land zog seine Gelder ein. die es selber brauchte, und erhöhte zugleid) den Zinsfuß. Man nahm in deutschen Finanzkreisen die Sad)e nicht so tragisch. Man spekulierte ruhig weiter, und dann kam der große Krad), dessen Nach- wehen heute nod) kaum verschmerzt sind. Die Unglücks­propheten hatte man verlacht, aber das Lachen war bald verlernt. Als Folge des Kraches kam die toirtfd)aftlid)e Depression, und da allerdings wurde das Bargeld wieder billiger, aber es hals zumeist nicht viel.

Heute nun liegt fein unmittelbarer äußerer Anlaß zu der Erhöhung des Diskonts vor; sie ist begründet in rein wirtschaftlichen Ursachen. Ter kolossale Aussd)wung, den unsere Industrie in den letzten zwei Jahren genommen hat, kostete naturgemäß viel Geld. Dazu kam, daß die Löhne eine bedeutende Erhöhung erfuhren und daß außer­dem mit dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifs jene Teuerung der Lebensmittel eingeleitet wurde, die heute eine ersck;reckende Höhe angenommen hat. Aucy die Konsolidation des Kapitals in Riesenunternehmungen hat das Ihre dazu beigerragen, den Geldmarkt zu erschöpfen, und nun rvas wird geschehen? Erleben wir einen neuen Riesen krach, oder werden sich die Verhältnisse von selber wieder sanieren? Es ist schwer, hier Mutmaß­ungen aufzuftellen. Nur muß betont werden, daß die Spe­kulation dock) durch die bitteren Erfahrungen vor sieben Jahren bedeutend vorsichtiger gemacht wurde, und wenn das faule Gründertum aud) heute noch in einer gewissen Blüte steht und gerade anfangen wollte, sich schärfer zu betätigen, so sind im allgemeinen die finanziellen Verhält­nisse bod) lange nicht so im argen, wie vor sieben Jahren.

Aber bie mittleren Leute, die auf ben Bankkredit an­gewiesen sind, werben das gegenwärtige Verhältnis sehr schwer empfinden, überhaupt kann der Rückschlag aus unser ofsentlid)es Leben nicht ausbleiben. Denn je hoher der Zursfuß für tägliches Geld ist, desto mehr muß aus den Unternehmungen herausaepumpt werden, wenn sie ren­tieren sollen. Zwar hat dec Reichsbankpräsident Dr. Koch, einer unserer erfahretfften Volkswirtschaftlcr, in der Be­gründung dieser Maßnahme der Reichsbank die Hoffnung ausgesprochen, daß der Zinsfuß bis Mitte Januar ungefähr wieder herabgesetzt werden kann, aber wir wollen das doch lieber erleben, als uns unbedingt auf diese Worte ver­lassen, trotzdem sie aus dem Dtunde eines Fiachmannes kommen.

Aber jedenfalls ist das Eine totsicher: wenn der höhere

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