Nr. 304
Erscheint »gN- mit Ausnahme des Sonntags.
Die ..Stehener ^amillenblättcr** werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich bcigclegi. Ter «HesßschS tanbwtrt4* erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der BrühlffchM Universttätsdruckeret. R. Sange, «Sietze».
Redaktion, Expedition «.Druckerei: SchuMr^U, Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.; Anzeiger Gieße»,
156. Jahrgang Freitag 31. August 1S06
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- «nd Anzeigeblatt für Len weis Eichen.
Aufmerksame Zeitungsleser mag es schon gewundert haben. Roten Adlerorden 4 Klasse, man so gar nichts über eine Rolle, die die Religion gegenüber _ ^pr m m
daß
Die Landwirtschaft in Japan.
Ate russischen Zustände.
Stolypin amtsmüde?
Petersburg, 30. Äug. Gestern hielt Stolypin Zum ersten Male nach der Katastrophe dem Zaren in Peterhof einen stundenlangen Vortrag, wobei er dem Zaren die Zwecklosigkeit einer Militär-Diktatur und die Notwendigkeit sofortiger liberaler Reformen dargetan haben soll. Allerdings hat Stolypin zugleich den Wunsch nach baldigem Rücktritt geäußert, was jedoch beim Zaren auf Widerstand gestoßen sein soll. Immerhin rechnen hiesige sonst gut unterrichtete Kreise mit der Wahrscheinlichkeit des Rücktritts Stolypins. In diesem Falle würde Äckerbaunrinister Fürst W a s s i l t schikofs zum Ministerpräsidenten und der jetzige Ministergehilfe Makaroff zum Minister des Innern ernannt werden.
Dementis.
Petersburg, 30. Aug. Tas hier verbreitete Gerücht, über Polen sei der Belagerungszustand verhängt worden, wird offiziell dementiert.
Die auswärts verbreitete Meldung, daß in Tiflis eine neue Verschwörung gegen den kaiserlichen Statthalter ausgebrochen sei und daß zahlreiche Verhaftungen vorgenommen worden seien, ist unbegründet.
Das Zentralkomitee der sozialrevolutionären Partei erklärt offiziell, daß die Partei an dem jüngsten Anschlag auf den Ministerpräsidenten Stolypi n nicht beteiligt ist.
Verschiedenes.
Petersburg, 30. Äug. Ein kaiserlicher Ukas verlängert die Wirkung des bestehenden Gesetzes betreffend den Schutz der öffentlichen Sicherheit und den verstärkten außerordentlichen Schutz auf die Dauer eines Jahres. Ein zweiter Ukas bevollmächtigt den Finanzminister, zur Teckung der Ausgaben für die Unterstützung der von einer Mißernte betroffenen Bezirke eine vierprozentige Rente im Betrage von 50 Millionen Rubel auszugeben.
Es bildete sich eine neue nationale Partei, die nach ihrem Programm eine Mittelstellung zwischen dem Zentrum und der Rechten einnimmt und die gesetzgeberischen Rechte der Volksvertretung anerkennt. Sie v e r- wirft die Gleichberechtigung der Nationalitäten und fordert die Einschränkung der politischen Rechte der Juden und die Ersetzung der Wehrpflicht der Juden durch besondere Steuern.
Prinzentaufe im Neuen Palais, an der er mit seiner Gemahlin teilnahm, auf sein Gut Dalmin zurückkehrte, trifft morgen wieder in Berlin ein, um an der Sitzung des Staatsministeriums teilzunehmen, die auf Freitag mittag anberaumt wurde.
Köln, 30. Aug. Der Oberpräsident der Rheinprovinz, Dr. v. Schorlemer, teilte den Kölner Mittagblättern mit, daß er den „Düsseldorfer Reuest. Nachr.« folgende Berichtigung gesandt habe:
„Unter Bezugnahme auf hie in Nr. 199 Ihrer geschätzten Zeitung unter lokales gebrachten Mitteilung erlaube ich'mir ganz ergebenst zu bemerken, baß die Nachricht von meiner Berufung nach Berlin nicht zutreffend ist, und daß damit agch die Vermutungen entiallen, welche diese Berufung mit der jn Aussicht genommenen Nachfolge des L a n d w i r t s ch a f t s m i n i st e r s iu Verbindung bringen."
München, 30. Aug. Zu der Meldung des „Budapesti Hirlap", daß Prinz Georg von Bayern auf der Hofjagd in der Nähe von Ischl den früheren Kriegsminister Baron Krieg Hammer angeschossen habe, wodurch dessen Tod herbeigeführt wurde, meldet die „Allgem. Ztg.": Authentisch erfahren wir, daß diese Meldung von Anfang bis zu Ende unwahr ist. An dieser Jagd haben Prinz Leopold und seine Sühne überhaupt nicht teilgenommen; sie verweilten zu, dieser Zeit in München. Baron Krieghammer ist überhaupt nicht angeschossen worden, sondern wurde auf der Jagd vorn einem Unwohlsein befallen, von dem er sich nicht wieder erholte.
verwandt, wie beispielsweise Reisspreu, Schlampe, die bei Regisseur Wolfsgang Quincke seinen wärmsten Tank für die per HaAelüuig von Reisbranntwein gewonnen wirb. Biertreber. I geleisteten Dienste nusgesprochen und ihm ein Andenken über-
der russischen Revolution -der unseri^lben' äuch°sn ih7'sch-l7 , . ~ Der franMsche Minister derInnern. TlLmenceau, gehört bat. Wir vermuten, daß die Religion ein kräftiger Gegen- trat heute abend d,e Heimreise nach Paris an.
fattor gegen den blutigen Aiifsland, gegen die Gefwrsamsvermei- — Minister Podb ielski, der gestern abend nach der
Mfälle der Seidenzucht, Oelsaattester, Strohs Asche usw. Eine «reicht. Auch die Gesellschaft für ästhetische Kultur drückte ihren! große Bedeutung haben für die Felder auch Superphosphatc und .. . . . — - • —
allerlei Meertang für die Felder, welche an der Meeresküste liegen.
Das Pflugland wird in Japan in das bewässerte Reisland eingeteilt, welches die Japaner „Ta" nennen, und in das unbewässerte trockene Land, das „Chata" heißt. Den Hauptteil des Ackerbodens bildet das bewässerte Land. Da der Reis eine einjährige Pflanze ist, so wird er von Mitte April bis Mitte Mai gesät und im September geerntet. In den südlichen Provinzen trocknet man dann das Land aus, verwandelt es in „Chata" und pflanzt noch einmal Gerste, Weizen, Erbsen, Bohnen, Raps, Senf u. a.
Die japanischen landwirtschaftlichen Geräte zeichnen sich durch Einfachheit aus; unsere vervollkommneten Geräte ersetzt der Japaner durch Geschicklichkeit der Hand, durch Arbeitsliebe und Geduld. Während in Rußland der Ackerbau zurückgeht, die Ernten sinken und die Hungersnöte sich häufen, steigt die Getreideernte in Japan im Lause der Zeit derartig, daß man annehmen darf, daß die vorhandene Aussaatfläche nicht nur 50 Millionen Menschen wie jetzt, sondern bis zu 80 Millionen in Zukunft ernähren kann. Das ist die Wirkung der Bildung, der Verbreitung von Kenntnissen durch Musterfarmen, landwirtschaftliche Schulen und Versuchsfelder.
Tie Mos kaue r Polizei hatte gestern einen guten Tag. Nicht weniger als 135 Bomb en fa.br iken mit vollständig eingerichteten Werkstätten und großen Vorräten
(sd.) Das hessische Land esmuseum, das nach den Plänen des Professors Messel in Darmstadt am Paradeplatz errichtet worden ist, wird nun doch nicht am 17. September, dem Geburtstage der Großherzogin, eröffnet werden. Die Museums- direltion hat zwar alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den schon vor Längerer Zeit festgesetzten Erössnungstermin einzuhalten, es haben sich jedoch im letzten Augenblick Schwierigkeiten in der Weise eingestellt, daß die Schränke zur Unterbringung der verschiedenen Sammlungen nicht pünktlich abgeliefert worden sind. Diese Schränke sind den Sammlungen angepaßt und machen den betr. Firmen viel Arbeit, was vielleicht bei Ueber- nahme der Siufträge mit beftimnrtem Ablieferungstermin nicht entsprechend berücksichtigt worden ist. Die Verschiebung des Er- vsfnungstermius hat den Vorteil, daß die zoologische und mineralogische Sammlung völlig eingerichtet werden kann. Der historische Teil des Museums — vielleicht der wichtigste — dürste bis zu einem späteren Termine ebenfalls fast völlig fertig- gestellt sein. Wie wir an maßgebender Stelle hören, wird die Eröffnung deS LandesmuseumS in zwei bis drei Neonaten statt- inden, jedenfalls noch vor Weihnachten.
(.£>.) Frankfurt a. M., 30. Äug. Der Frankfurter Journalisten- und Schriftsteller-Verein hat seinem am 1. September scheidenden Mitgliede, dem bisherigen Ober-
Arrsland.
Paris, 30. Aug. Der sozialistische Deputterte Pressens«: teilte dem Kriegsminister mit, daß er ihn bei der Wiedereröffnung; der Kammersession über die Bel-andlung der Soldaten in den Strafbataillonen interpellieren werde, da ihm bezüglich als Präsidenten der Liga der Menschenrechte zahlreich«, unglaubliche Fälle von Mißhandlungen zu Ohren gekommen seien,
— Der englische Generalkonsul in Marseille ist informiert worden, daß die englische Regierung ein Panzerschiff' des englisch-atlantischen Geschwaders nach Marseille entsenden wird mit dem Auftrage, den Präsidenten Fallier es beti seiner Anwesenheit dort zu begrüßen.
Madrid, 30. Aug. Der „Liberal" veröffentlicht ein Telegramm aus San Sebastian, das besagt, daß der König; gestern den m o d u s vivendi mit den Vereinigten Staaten unterzeichnete. — Der Finanzminister erklärte gestern nach einer Mnferenz mit dem französischen Botschafter, daß die Handelsvertragsfrage tatsächlich gelöst sei; (Samfrön; werde heute mit dem Entwurf zum Handelsverträge nach Paris, abreifen.
Madrid, 30. Aug. Eine strenge Zensur ist über Telegramme aus Santander und Bilbao, wo der Ausstand erheblich zugenommen hat. verhängt. Aus allen benachbarten Provinzen sind Truppen zugezogen. Die Militärbehördej hat energische Maßregeln getroffen, um jede revolutionäre Be-, wegung zu unterdrücken. In Bilbao kommt das Geschäftslebenj allmählich wieder in Gang. Die Hochöfen in Biseaha sind an-i scheinend von dem Ausstande nicht übermäßig in Mitleidenschaft gezogen.
Teschen, 30. Aug. Kaiser Franz Josef ist heute nachmittag zu den Manövern hier eingetroffen.
Budapest, 30. Aug. Der Ge m e i n d era t vo n Agr am beschloß, an Kaiser Franz Josef, sobald er in Trebinje, den Boden Bosniens betreten toiro, eine Abordnung zu entsenden, die ihm die Bitte unterbreiten soll, datz Bosnien und die Herzegowina mit Kroatien vereinigt werde. Ter Agramer Gemeinde->. rat forderte auch die anderen kroatischen Städte auf, den gleichen: Beschluß zu fassen.
Marienbad, 30. Aug. Die Gemahlin des englischen! Premierministers, Lady Campbell-Bannerman, ist Heule: nachmittag gestorben.
Wahrend die russische Presse vor Beginn des japanischen Krieges die japanische Kultur immer als äußerst minderwertig hinzustellen pflegte, ist sie jetzt zu der Einsicht gekommen, daß die Unterschätzung des Gegners keineswegs zur Hebung der eigenen Kraft dient. Man studiert jetzt in Rußland die Zustände im Lande des Siegers mit der nötigen Unbefangenheit, und da kommt man zu Schlüssen, die keineswegs schmeichelhaft für das Zarenreich sind. Der agrarische Kampi in Rußland hat die Auf- merksamkeit der dortigen Blätter auf die japanische Landwirtschaft geteuft, und was sie über diese mit Zuhülfenahme deutscher Erfahrungen schreiben, stellt dem japanischen Landwirt ein sehr gutes Zeugnis aus. S,
..Der japanische Bauer hat bei weitem weniger Land als der Rufst und nährt sich trotzdem — mit unbedeutenden Ausnahmen bei Mißernten — aus eigenen Mitteln, klagt nicht über Landesarmut, fordert keine „Nationalisierung" des Bodens und raubt nicht die Besitzungen des Gutsbesitzers aus. DaS erreicht er lediglich durch peinlich rationelle Bearbeitung des Landes und durch unermüdlichen Fleiß.
In Japan wenden die Bauern schon seit undenklichen Zeiten die Düngung im weitesten Umfange an. Jn keinem Lande der Welt werden die Dungstoffe sorgfältiger gesammelt, werden sie aus io verschiedenarttgen Quellen gewonnen wie in Japan Der Japaner fährt seinen Dünger nicht auf das Brachfeld, wo er austrocknen kann oder die Winde seine wertvollsten Teile forttragen. Welcher Art Düngemittel auch angewandt werden der Japaner ist immer besorgt, daß diese nach Möglichkeit schnell in die Erde cinbringcn und die entsprechende Wirkung ausnben Der Japaner düngt nicht so sehr den Boden wie die einzelnen ernporwachienden Pflanzen, da ihm bekannt ist, daß er auf dresern Wege die befriedigendsten Ergebnisse erzielen kann. Die Plntze düngend, in welche er die Saat sät oder die Pflänzlinge einpflanzt dann weiter die Pflanzen von Zeit zu Zeit düngend
Wachstums wenoet er die zweckmäßigste und wirt- chafttichste Methode au, die ftch vorstellen läßt. Ueberhaupl besitzt der Japaner bei Wahl und Anwendung von Düngstoffen eine jpeit grööere Umsicht als der Europäer, und hieraus erklärt ftch dieTatsache, daß uch die japanischen Ernten bis jetzt nicht nur ntdrt vermindern, sondern sogar zunehmen, trotzdem der Boden sich in nicht durch besondere Fruchtbarkeit aus- zeichnet uni) er jefron länger als ein Jakwtansend bearbeitet wird. . , Düngers ersetzen in Japan in Ermangelung
ber 'Osbhwirtschast wesentlich die menschlichen Qjfremente, zu Deren Ausfuhr und Verkauf besondere Gesellschaften gegründet sind. Außerdem toerben dort zur Düngung Fifchguano und die ver- ichiedensten Abfälle landwirtschaftlicher und iiidustrieller Pro-
Dank aus. Quincke hatte sich seilens des Theaters jede öffent-, liche Ehrung üerbeten, sodaß e3 dem Frankfurter Publikum leider unmöglich war, dem scheidenden Künstler einen Abschieds^ grüß zuzurufen.
— Thoma-Ausstellung inIrankfurt a. M. Aus vielfachen Wunsch sind für den Besuch der bis einschl. 23. Septt dauernden Thoma-Ausstellnng in Frankfurt (Junghofstr. 8, Kunstverein) Volkstage geschaffen ivvrden, an welchen die Ausstellung zu dem auf 20 Pf. ermäßigten Eintrittspreis jedermann zu-, gänglid) ist. Es ist hierdurch für weite Kreise die Möglichkeit gegeben, das Lebenswerk eines des bedeutendsten und volkstüm- lichsteii unserer modernen Maler in seinen hervorragendsten! Schöpfungen kennen zu lernen. Die ersten Vollstage werden sein: Sonntag, 2., und Sonntag, 9. Sept., nachmittags von 1—6 Uhr^ An diesen Tagen erhalten möglichst alle Besucher der Ausstellung ein von Georg Bonnesen verfaßtes Flugblatt „Hansl Thoma und sein Lebenswert" gratis Überreicht, welches weiteren Kreisen die Bedeutung des Meisters verständlich machen und den! Genuß an dem Targeboteneu erleichtern soll. Die weiteren; Volkstage werden noch bekannt gegeben werden. — Für Schüler höherer Lehranstalten usw., welche die Thoma-Ausstellung unter Führung eines Lehrers besuchen, ist seitens der Verwaltung des« Kunstvereins (unter Voraussetzung rechtzeitiger vorheriger Anmeldung ) freier Eintritt festgesetzt worden, von welcher Vergünstigung bereits viele Frankfurter und auswärtige Schulen Gebrauch! gemacht haben.
(H3 Wiesbaden, 30. Aug. Das Residenztheater unter Leitung des Herrn Tr. Rauch veröffentlicht seinen Spiel- plan zur diesjährigen Wintersaifon. Derselbe enthält nicht weniger als 24 Novitäten und Gastspiele bedeutender Künstler. Dr. Rauch versteht die Kunst, bei nicht übermäßig hohen Eintrittspreisen und trotz billiger Volksoorstellungen, ein günstiges Resultat für sich zu erzielen und es auch dem Minderbemittelten zu; ermöglichen, gute Vorstellungen zu sehen.
(he.) Die 5. internationale Tuberkulose-Kon-- serenz findet, der „Münch. Med. Wochenschr." zufolge, ant 6., 7. und 8. September o. I. im Haag statt. Tie Tages- ordiiung um laßt Referate über: Zuseltiouswege ^Ref. Calmette- Lille, Flick-Philadelphia, SpronckAltrechli; spezifische Therapie <Brown-Earanae Lake, Maragliano-Genua, Wassermann-Berlin)! ^öeigepflicht (Biggs-Newyorl, v. Glasenapp-Rixdorf, Holmboe- .§vElltu‘uia' Raw-Liverpool-; Armee (Fischer-^rlin, Martin-i -ornnel/; Prostitution iLpitlmami-Nanep:; Gefängnisse iHervä-, Lamott^Beuoron, Kuthy-Ofenpest: - Heilstättenkosten iKlebs-Chi-. I“9®' ^.^"bon - Kopenhagen, Pannwitz-Berlin, Schmid-Bern^ ^>aLfh-Phlladelvhia : Fürsorgestellen ^Tewez-Mons, Kayserling-!
n PVuiPP-Edmburgh : Tuberkulose im KindescUttr (Tiel-^ rick)-Berlin, Leon Petit-Paris, ^chloßmann-Tresden); Erziehunaj (Hexon-London. .Pannwitz-Berlin). ,
gerung, gegen die Verletzung von Eigentum und Leben sei. Aber wir Horen und lesen nichts derartiges. Die offizielle oder staatliche Religion hat in Rußland nicht allzuviel prattifchen Ein- ftutz, vor allem aber wenig Einfluß aus die Gemüter. Sie erscheint wie eine Art Polizeieinrichtung, wie ein Zubehör der Polizei. Dem entipricht auch die soziale Geltung der Polizei; er ist etwa ?IC emes Schutzmannes bei uns. Die Wirksamkeit der Polizei int Kampfe gegen die Revolution wird durch die Kirche um einen Bruchteil, aber einen nicht sehr großen, erhöht.
Ein Zustand allgemeiner Auflösung, wie er jetzt in Rußland herricht, begünstigt das Auftreten neuer religiöser Gebilde. Wenn das Elend groß ist und die Fraye, wie ihm zu steuern sei, schon von den Denkern sehr verschieden beantwortet ivird, dann pflegen _ die seltsamsten religiösen Systeme aufzukommen. Aus der trostlosen Wirklichkeit flüchten die Gemüter in das Reich des träumerischen Hoffens und Erwartens. Jeder Schwärmer und Phantast findet eine Anzahl Gläubiger. Wie das untergehende Römerreich,, so bietet auch das in der Zersetzung begriffene heutige Rußland hierfür den Beweis. Im russischen Polen zählt u. a. eine neue Sette, die sich die Marianilen nennt, nach Zehn- tausenden von Anhängern. Die Gründerin der Sekte ist eine Frau namens Felicitas Koslowska. Sie hält sich für die Frau ober Braut des Heilands und reift von Ort zu Ort, um für ihren neuen Glauben Propaganda zu machen. Diese Sette hat sich aus dem römischen Katholizismus losgelöst und ist vom Papste verurteilt worden. Im eigentlichen Rußland treten noch seltsamere Religionsanschauungen auf. Bis zur großen franzöfischen Revolution waren wir in Westeuropa es gewohnt, daß sich alle großen Bewegungen in religiöse Form kleideten, gleichsam ein religiöses Banner führten. Gläubige Völker geben allem Großen und Ungewöhnlichen, das sie treiben, eine religiöse Bedeutung. Änch in Rußland wird vielfach aus religiösen Gründen ober Vorständen gekämpft, geplündert, geraubt, z. B. weil Gott den Luxus verdamme, weil man an den Ucbcltätern bas religiöse Strafgericht vollziehen müsse. Leute, wie der alte Luka im „Nachtasyl" führen bie Verirrten oft einmal einen anderen Weg. Aber im ganzen erweisen sich die schlechten Instinkte als die viel kräftigeren.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Aug. Der Kaiser traf heute vormittag in Berlin ein, wo heute mittag im Zeughause die feierliche Stagelung und Weihe von 28 neuen Fahnen und Standarten stattfand. Der Kaiser erwartete vor dem Portale des Zeughauses die Kaiserin, die von Potsdam mit der Prinzessin Viktoria Luise und mit der Kronprinzessin von Griechenland eintraf. Tie Fürstlichkeiten betraten die RuhmeS-
halle. Der Kaiser schlug den ersten Nagel ein, es folgten die Kaiserin, der Kronprinz, der auch für seinen Sohn einen Nagel einschlug, die Prinzen und Prinzessinnen und die _____ _______________ __ finden Fürstlichkeiten usw. Im Lichthofe vollzog dann fertiger Bomben unb Sprengstoffe wnrden entdeckt und zahl- &cc evangelische Oberpfarrer Goens in Gegenwart des
reiche Revolutionäre sielen ber Polizei, bie eine äußerst rege katholischen Militäroberpfarrers Romunde die Weihe. Nach
Tätigkeit entfaltet, in die Hände. dem Tedeum folgte eine Ansprache des Geistlichen und die
Heber bie Studt Stawropol und die Bezirke Staw- Einsegung, während deren die Leibbatterie deS ersten Garde-
ropol, Blagodonnoje und Medwenschenskoje des Gvuverne- Feld-2lrtillerie-Negiments 101 Schuß abgab. Nach dem
ivurde der Zustand des außer orb ent- Vaterunser und dem Segen erklang das Niederländische «br^n W«t. E°dann nahm b-r Kaiser den Varbeimarsch
Sm Dorfe J«n°>L bei Sarataw sammelte sich beider Ehrentomvame ab, bet der b,e geweihten Feldzeichen em, Verhaftung zweier Personen durchl bie Polizei eine große 9etreten w^rcn* t .
Menge mit Knüppeln bewaffneter Bauern an, um . — Gegenwart des Kaisers, der Kaiserin, des die Festgenommenen zu befreien. Die Polizisten gaben Prinzen Joachim, der Niinister Studt und Rheinbaben wurde Schüsse ab, Wodurch eine Anzahl Personen getötet und ver- heute nachmittag auf dem Floraplatze im Tiergarten die vom wnndet wurde; Militär stellte bie Ruhe toieber her. Bildhauer Professor Tuaillon geschaffene Amazone zu Revolution und Religion iu Rußland. Pferde enthüllt. Der Künstler erhielt die Krone zum


