Ausgabe 
24.11.1906 Drittes Blatt
 
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Nr. 277

Drittes Blatt

L 56. Jahrgang

ttcftbctni MZNth mit Ausnahme des Sonntags.

Redaktion (Sypebtttxm n Tmderet <M)ufftv K Tel. Jtt. 6L ieiegt, ÜOu . 8Ln<<iga Oteb«

Die ^Olehener Samllienblätter* werden dem Anzewer viermal wöchentlich beiq*leqt Der »tzelstich» CanöeUt*' erscheint monatlich einmal.

Samstag 24. November 1<M)(5

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Lietzen.

Polltische Lagerscharr.

Wie Bernhard Ternburg Kolonialdirektsr wurde.

Noch immer sind selbst unrichtige Versionen darüber ver­breitet, wer eS gewesen sei, der den Direktor der Darmstädter Bank für die Leitttng des deutschen Kolonialwesens in Vor­schlag brachte. Einer unserer Berliner Mitarbeiter ist in der Lage, nach einer Information von authentischer Seite, den Hergang sestznstellen. Er schreibt:

Es ist sehr zweikelhast, ob das Interregnum Hohenlohe überhaupt aiiftnnbeqefommen wäre, wen» nicht eifrige Freunde des Erbprinzen bei der Befürwortung feiner Kandidatur auf feine vor­gebliche kaufmännische Begabung besonders eindrucksvoll hiitgeiviesen hatten. So galt Prinz Hohenlohe, wie er kam, gewissermaßen als der llebergang von der alten zur neuen Aera. Jedoch der Prinz versagte, was in kurzer Amtsführung schon zu befürchten war, und erklärte, sich selbst seiner Aiifgabe nicht geivachsen. Der Kanzler beauftragte mm einen feiner Räte, sich nach einem ener­gischen und welterfahrenen Gefchaftsinanne uinzufehen, der Erfolge hinter sich hätte, über organifalorifche Talente verfügte imb geneigt wäre, die Kolonialverwaltuna, so wie sie war, zil übernehmen. Ter Beauftragte deS .Kanzlers besprach sich mit einem Freunde, der den Kreisen der Kaufmannschaft naher stand als er, und bat ihn, in der gewünschten Richtung Erkundigungen einzuziehen. Dieser Herr unterhielt seit vielen Jahren engen freundschaftlichen Verkehr mit dem Bankdirektor Ternburg. Er begab sich zu Dcrnburg und bat ihn, ihm bei der Auswahl einer geeigneten Persönlichkeit be­hilflich ßu sein. An Dernburg selbst, auf dessen Schultern so große und vielseitige geschäftliche Unternehmungen ruhten, dachte er nicht. Ternburg erklärte seinem Besucher zu dessen lieber- raschunq nach wenigen Worten, er wäre bereit, selbst das freiwerdende Amt zu übernehmen. Ter Reichskanzler zog im Anschluß hieran Erkundigungen über den ihm wenig bekannten Direktor ein, und das Resultat war, daß man Ternburg dem Kaiser präsentierte.

Während der Tauffeierlichkeit des Söhnchens deS Kronprinzen führte der Kaiser mit dem Kanzler ein langes Gespräch. Hierbei halte Fürst Bülow Gelegenheit als des Erbprinzen Hohenlohe Nachfolger Ternburg zu empfehlen. Ter Kaiser gab sofort feine Zustimmung, und 24 Stunden später war Ternburg Exzellenz und Leiter der Kolonialabteilung.

Die kolonialen Denkschriften.

Kolonialdirektor Dernburg hat sich durch seine gestern veröffentlichte Denkschriften recht gut eingesührt. Hat er auch selbstverstänldich nicht diese umfangreiche Arbeit in allen Teilen selbst geleistet, so steht es doch außer Zweifel, daß er zu dem Ganzen die Direktive gegeben und diese Dokumente inspiriert hat. Wir haben zum ersten Male derartige Zusammenstellungelt vor uns, die, wenn auch zu einem bestimmten Zweck gemacht, und vielleicht nach einer bestimmten Richtung hin zugestutzt, so doch interessante Ein­blicke in die Aufwendungen für unsere Kolonien bieten und gleichzeitig auch andeutete, welche Wege unsere Kolo­nialpolitik in der nächsten Zeit zu wandeln sich bestreben wird. Dernburg hat bei Uebernahme des neuenGeschäfts" Inventur gemacht, um auf Grund der festgestellten Bilanz dann selber nach eigenen Plänen vorzugehen. Soll die Denkschrift eigentlich nur die deutschen Kapitalsinteressen in unseren Schutzgebieten behandeln, so sagt sie selbst, daß sie bezwecke, eine Art Inventar der bestehenden wirt­schaftlichen Interessen der weiteren Aktion zur möglichst Völligen wirtschaftlichen Erschließung der Kolonien vvraus- zuschicken. 90)er Dernburg begnügt sich nicht bloß damit, sondern zieht auch seine Schlüsse, aus deren Basis er seine Amtsführung einrichten will. Das A und O seiner Aus­führungen gipfelt darin, daß zur Erschließung unserer Ko- lonieen der Bahnbau notwendig ist und daß die heutigen Zustände schwerlich eingetreten wären, wenn man bereits

über ein brauchbares Eisenbahnnetz verfügt hätte. Mit dieser Verallgemeinerung schießt der Kolonialdirektvr vielleicht aber doch etwas über das Ziel hinaus, denn für die Zu- spitung der Verhältnisse in unseren Kolonien kommen aucb noch andere Momente in Betracht. Indessen wird man es Dernburg nicht absprechen können, daß er sich unverkennbar mit Lust und Liebe seiner neuen schweren 9lufgabe widmet und voraussichtlich auch in der parlamentarischen Arena seinen Mann stellen wird. D'.es yißt beispielsweise das Zitat des alten Sprichwortes:Wer in den Gleisen der Wege geht, bannt die Gespenster", woran er die Bemerkung knüpft, auch^ dem scbwarz-en Gespenst in Afrika würden wir nur dann nicht wieoer begegnen, wenn wir unsere Schutz­gebiete durch die Gleise der Eisenbahnen nicht nur er­schließen, sondern auch vertcidigungSfähig machen. Jeden­falls gehört Dernburg nicht zu den Schwarzsehern, sondern ist vom besten Optimismus für die Entwicklung unserer Kolonien erfüllt. Insgesamt 370 Millionen deutsche Kapi­talien sind in den Schutzgebieten investiert, wovon bereits 250 Millionen rentabel und 100 Millionen in der Entwick­lung begriffen sind. Die Kolonien seien sichere Absatz­märkte von steigender Bedeutung für unsere Epportindustrie, und Dernburg gibt demzufolge seinen früheren Berufs­kollegen den Rat, ihre Ansichten über die Ertragsfähigkeit unsere Kolonien einer Revision zu unterziehen. Gleichwohl aber wird man sich trotz der Begeisterung Dernburgs nach bevor man sich zu größeren Aktionen entschließt, wird man dieser Hinsicht nicht überstürzen und mit Recht, denn erst noch einige Zeit abwarten müssen, wie sich die Situation in unseren Schul'gcbieten weiter gestaltet uno ob vor allem das bureaukratische Element mehr in den Hintergrund tritt und das wirtschastliche Moment als oberstes P.iuzip für unsere Kolonialpolitik auf die Dauer in Betracht lommt.

Licht und Sckatten im Wirtschaftklebcn.

Wird die oeqentvärtige glänzende Lage der In­dustrie von Bestand sein? So fragen Viele, und hervor­ragende Sachverständige auf wirtschaillichem Gebiete haben bereits ihr Urteil darüber abgegeben, die einen tn hoffnungs­vollem, die anderen in mehr von Bedenken beeinflußtem Sinne. Daß dem Tag die Nacht folgt, daß den fetten Jahren magere Jahre folgen, diese Binsenwahrheit gibt den Zweiflern an der Fortdauer der guten Zeiten ja mehr Glaubwürdigkeit als den zuversichtlich in die Zukunft Blickenden. Aber vor Jahr und Tag haben die Zweifler auch gesagt, die neue Blüte der Industrie werde eine kurze Freude fein. Die Voraussage von dem Umschwung kann vielleicht erst nach abermals zwölf Monaten, vielleicht erst nach zwei Jahren sich erfüllen. Es braucht auch nicht mit einem Male an allen Ecken und Enden der Rückgang verspürt zu werden, es ist wohl möglich, daß die wirtschaftliche Flut nach und nach ebbt, daß heftige Erschütterungen Industrie und Handel im allgemeinen erspart bleiben. Nichts deutet einstweilen darauf hin, daß die Bestellungen nachlasien. Das Gespenst des amerikanischen Wettbewerbs hat längst seine Schrecken verloren. Die Tendenz des amerik. Eisenmarktes ist, so berichtet heute das FachblattIran Monger", so fest rote niemals zuvor. Aber bereitet die Situation der Industrie feine Besorgni 8, so um so mehr die Lage des Geld­marktes. Wenn die Geldknappheit auch im neuen Jahre anhält, wenn womöglich der durch sie ausgeübte Druck sich steigert, dann allerdings könnte leicht eine krit. Wendung in der Industrie eintreten. Denn bann kommt schließlich

Kunstausstellung.

Gießen, 24. Nob^mber.

Der Kunstverein hat die angenehme Neberzeugung, mit der gegenwärtigen Ausstellung besonderen Effekt gemacht zu haben. Die Bühne ist der bildenden Kunst zu Hilfe gekommen: Kober st eins Entwurf eines Vorhangs für unser neu?s Theater lockt die Besucher in das behagliche Sälchen im Turmhaus, und sind sie 'erst dort, so finden sie diesen sinnig erdachten und dekorativ wirksam im besten Sinne ausgcstaltcten Entwurf inmitten einer ganzen Ausstellung von ungewöhn­lichem Wert und ebenso ungewöhnlichem Reiz stimmungs- voller Anordnung, die sofort die Hand des Künstlers verrät. Der Berliner Bildhauer Martin Schauß führt uns hier zugleich mit Gemälden von R. Eschke eine Reihe seiner Werke vor. Gießen kennt ihn als den Künstler des Riegel- denksteins tm Klinikgarten, der in seiner schlichten Kraft würdig und eindrucksvoll das Gedächtnis des Meisters der ärztlichen Kunst feiert. Daß er uns auch ein zweites Denkmal geschaffen hat, daß in den Arkaden des neuen Friedhofs ein herrliches Grabmal für denselben Mann sich erhebt, ist noch viel zu wenig bekannt. Dort stehen um die eherne Grabespforte schöne, edle Marmorgestaltcn, dankbare Menschenkinder, die dem Helfer und Retter rührenden Tank weihen, und die lehre Wissenschaft selbst, die der Nach- rodt den Ruhm des Dahingegangenen verkündet, dessen mild ernste Züge der Künstler in ein vortrefflich lebenswahres Reliefbilb von Bronze gebannt hat. Wie Schauß uns hier entgegentrat, vielseitig und gewandt im Technischen, von ernster und tiefer Auffassung unb wohltuend klar und edel in der Komposition, so lernen wir ihn jetzt von neuem kennen unb schätzen. Außer in lebensvollen Bronzeporträts, unter benen sich wiederum eine Niegelbuste ouSzeichnet, finden wir seine BilbniSkunst in ber reizenden Marmorbüste eines Mädchens (Ivonne) und in entzückenden farbigen Wachsreliefen betätigt, unter denen das kleinste, das Portrat seiner Gattin in Re- naisiancetracht, wohl den größten Begriff von seinem Können in diesem Genre gibt. Zwei genrehafte Bronzesigürchen,Ilse", eine junge Dame :m Promenabekostüm, und ihrezur Eis­bahn" eilende Kameradin, eine altertümlichen griechischen Werken nachempfundeneVictoria", eine nackte weibliche Gestalt, die in schönem Linienfluß und ergreifender Gebärde

die hoffnungslos sich sehnendeSklavin" tarstellt, und die zarte Marmorfigur eines jungen Mädchens, das, vom Boden sich halb erhebend, den Fesseln deS Schlafes und Traumes sich zu entwinden scheint, zeigen den Künstler von immer neuen Seiten; daß ihm auch die Komik nicht fremd ist, lehrt baS lustige marmorneKind mit Pappe". DaS hübsche Bninnenrelief ber belauschten Mäbchen ist neulich an dieser Stelle schon erwähnt und mit Recht gerühmt worden. Aber die fesselndsten und interessantesten Arbeiten deS Künstlers sind doch wohl die mehrfarbigen und zwar nicht nur buntgetönten, sondern aus verschiedenfarbigem echten Material zusammen­gesetzten, also Kunstwerke einer Gattung, die durch Klingers Salome" undKassandra" besonders bekannt geworden ist. Das dämonische Wesen, das der KünstlerSünde" benennt, ist anS rotem Marmor auf fleckigem, gelben Jaspis gearbeitet, Schlange unb Gorgone dränen in dunkler Bronze, aber aus dieser dunkel unheimlichen Gesamtstimmung schillern rätselhaft betörend die Opalangen der Gorgone. Sluf einen helleren, freundlicheren Akkord ist die Statuette einerSiesta" haltenden nackten Schönheit gestimmt: gelber Marmorlehnstuhl, Bronze- gcroanb und -Fußkissen, schimmerndes Elfenbein die Gestalt. Aber hier kann ich dem Künstler nicht ganz recht geben.; Niemand wird realistische Farbenwerte von ihm verlangen, wo er unverkennbar eine beschrankte Farbenskala wollte. Aber auch innerhalb dieser Veschränkimg verlangt das Auge etwa? mehr Farbe. Der Elfenbeinton erscheint zu bleich, im Gesicht sogar ein wenig aschgrau. Wenn die goldene Arm­spange nicht fehlt, warum ist dann das Riemenwerk der Sandalen farblos, wenn das Haar dunkelbraun das Gesicht umwallt, warum sind keine Brauen, fein Augenstern farbig angedeutet, warum nicht ein winziges bischen Rot auf Lippen unb Wangen? Ich komme von dem Gebanken nicht los, baß burch solche geringfügige Steigerung ber Farbe diese schöne Römerin, von der Aschermittroochstimmung, au5 der sie jetzt zu uns aufblicft, zu festlicher Heiterkeit sich empor- heben würde. Aber solche kleine Meiniingsverschiedenheiten können das Gesamturteil nicht stören, daß wir in Martin Schauß einen Hochbega bleu, vielseitigen, seiner Kunst sicheren Plastiker besitzen, von dem wir noch manches Bedeutende erwarten dürfen und dem wir vor allem große Aufgaben wünschen.

Die sonnenfrohen Bilder Eschcke's, das famose

der Zeitpunkt, wo nur die ganz großen und sehr kapital­kräftigen Betriebe noch mittun können, indem sie es aushalten, mit Verzögerung zu der Bezahlimg ihrer Lieferungen zu gelangen. Im Handwerk, im kleinen Gewerbe ist schon jetzt, unter den heutigen Geldleihsätzen, inancher als ganz bemittelt geltender Meister unb Unternehmerfertig', weil er nicht imstande ist, mit Provisionen aller Art elroa 1012 Prozent für Leihgeld zu zahlen, Vorausbewilligungen aber für Übertragung von Arbeiten selten fordern fönnen, weil b;e Besteller nicht minder unter ber Geldknappheit zu leiden haben. Es scheint uns dringend erforderlich, daß die Reichsregierung ber Gelbkalamität im Verein mit ben hervor­ragendsten Fachmännern ernste Beachtung widmet, statt die Dinge gehen zu lassen.

Adrcsjlmch 1807.

Am Montag, dem 26. November liegt in unserer Ge­schäftsstelle daS nach den HauSliften abgeänberte alphabetische

Namcns-Dcrzcichnis

derjenigen Bewohner und Firmen auf, deren Name oder Firmenbezeichnung mit den Buchstaben

RSTUVWXY

beginnen.

An demselben Tage liegt daS

Geschäfts-Verzeichnis

der (Siebener Handel- unb Gewerbetreibenden auf.

Wir bitten die Interessenten, die Nichtigkeit der Ver-

zeichniffe 311 prüfen und inzwischen eingetretene Aenderungen

vorzunehmen.

Vrühl'sche Druckerei

Adreßbuch-Derlag.

ZSus Stadt und Land.

Gießen, 24. Nov. 1906.

** Der technische Verein Gießen hielt am letzten Mittwoch im Kaiserhof eine Versammlung ab, an welche sich ein Vortrag des Herrn Patentanwalt D. W. Neutliuger aus Frankfurt a. M. anschloß. Die hierzu ein- geladenen Nachbarvcreine Marburg und Wetzlar waren fast vollzählig erschienen. Nach einer kurzen Begrüßungsan­sprache vom Vorsitzenden des Gießener Vereins an die Kollegen, begann Herr Patentanwalt Neutlinger mit seinem Vortrag über das ThemaDer Techniker als gericht­licher Sachverständiger" und fc ff eite alle Besucher durch feine interessanten und für alle Techniker lehrreichen Ausführungen. An den Vortrag schloß sich eine recht leb­hafte Diskussion an. In vorgerückter Stunde verabschiedeten sich die. auswärtigen Vereine unter herzlichen DankcSworten für die Einladung und sichtlich erfreut über die gemeinsam verlebten, anregenden und frohen Stunden. Wir behalten uns vor in den nächsten Tagen einen Auszug des Vortrages zu bringen.

S ch 0 lz'sche Pastellpoctrait, die köstlich echten Schwälmer Bilder Thielmanns, die in diesen Tagen sich noch ver­mehren sollen, sind in der MontagSnummer bereits gebührend gewürdigt worden.

Unter ben Italienern, die sich diesmal in unserer Thule verirrt haben, seien 91. Saloetti-Siena (Weiblicher Kopf"), C. R eyeend-Turin (Morgen"), Stef anori-Rom (Abend­stimmung") unb Saporettl-Neapel (Neapolitanerin") her- vorgehoben. B. 8.

Die Hofbuch- und Kunsthandlung von August FreeS in Gießen hat jetzt in der ersten Etage ihres Geschäftshauses einenKilnslsalon" eingerichtet. Die Räum- lichkeit ließe sich freilich, was die AuSdehniing anbetrifft, mit einem Puppenheim passend vergleichen. Trotzdem aber lohnt sich ein Besuch. Wir finden da namentlich eine sehr stattliche Anzahl farbiger Kunstdrucke in Passepartouts von den be­kanntestenSimplieissimuS'-Zeichnern, als da sind Th. Th. Heine, F. v. Reznicek, Will;. Schulz, Eduard Thöny u. a. Thöny ist mit besonders vielen und guten Blättern ver­treten. Ein das Charakteristische einzelner Stände unb Ge- fellschastSgruppen wenn auch oft bissiger, so boch mit emi­nenter Schlagkraft treffender Humor verbindet sich bei ihm zumeist mit bisher bei unseren deutschen Witzblatt­zeichnern unerhörter Gestaltungssicherheit, ohne direkt inS Groteske zu verfallen. Die SimplicissimuS-Zeichner, und namentlich unter ihnen Thöny, mißachten alle Korrektheit und papierne Schablonenhaftigkeit, die ja überhaupt allen modernen Anschauimgen widerstrebt. Sie leben von momen­tanen Impulsen, den humoristischen Ziisälligkeiten des Weltver­laufes, und sind in ihrer Betrachtung deS Natürlichen von einer derben Frische und Ungebundenheit, die man vor ihnen kaum zu ahnen riskierte. Die Folge dieser saft- unb kraft­strotzenden Blätter ist eine Kette deliziöser Genüsse. Vollendet ist die Technik, die künsterische Reise, wenn auch die geistige Reife hier unb da gar sehr fehlt unb bet Spott im Ueberfchäumen sich auf manches nur ernst zu nehmende, im Grunde total mißverstandene Gebiet verirrt. Doch ist aus­drücklich festzustellen, daß in diese hier alisgestellte Kollektion nichts von dem schlüpfrigen Pikanterien Rezniceks sich ver­irrt hat. -o.