Ausgabe 
28.2.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 49

Zweites Blatt

Hrjchetnl lR-Nch mit Ausnahme deS SonMagS.

DieSirtzener Aamttienblätter" werden dem tSbrnetger otermol wöchentlich beigelegt. Der £aiö®irr* erscheint monatlich etnmaL

156. Jahrgang

Dienstag 27. Februar 1906

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'lch« UmversilätSdruckeret. R. Laag«, Dreße».

Redaktion. Expedition u. Druckerei: Gchul9r.U, Del. Nr. 5L Lelegr^ALr.» Anjttga ^Uktzs».

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen.

poliüfdie Tagesschau.

Die Rede des Kaisers

Lei der Gratulation seiner Offiziere an den Prinzen Albrecht war von merkwürdig kriegerischem Klang; ganz lapidar ist der Satz:

Eure Kgl. Hoheit können versichert sein, das; mein erster und letzter Gedanke meine Streitkräfte zu Lande und zu Wasser find. . . . Gebe Gott, daß ein Kriegs­fall nicht -Eintreten möge. Sollte es aber dennoch geschehen, so bin ich fest überzeugt, das; die Armee sich ebenso bewähren wird, wie vor 35 Jahren!"

Man hat bei der Beurteilung dieser kaiserlichen Aus- ^assung einmal natürlich zu bedenken,, bei welchem Anlaß sie gehalten wurde. Daß der Kaiser bei der Beglückwünsch­ung durch seine Armee und seine Marine auch über die Armee und die Marine sprechen würde, das war voraus­zusehen; es ist durchaus konventionell. Daß des Kaisers erster und letzter Gedanke feine Armee und seine Flotte ist, das dürfte in den Jahren, die er an der Spitze des Reiches steht, auch niemandem verborgen geblieben sein, obwohl dieser Gedanke noch niemals so scharf und voll zum Aus­druck gekommen ist. Der Wunsch nach Frieden entspringt der nicht angezweifelterl Friedensliebe des Kaisers. Aber das Andeuten der Möglichkeit einer Kriegsgefahr . . .?

Es ist zweifellos, daß die Kaiserrede ein Echo in der Welt finden wird. Was wird man aus ihr schließen?

Es i st unser Eindruck, daß der Hinweis auf die Kriegs- Möglichkeit nicht ein Hinweis auf die Kriegswahrscheinlich­keit ist. Fürst Bülow wird Gelegenheit bekommen, die Rede authentisch zu interpretieren, und er wird ungefähr cms- führen: Seine Majestät hat damit sagen wollen, eine un­mittelbare Kriegsgefahr besteht nicht. Aber bei der politischen Konstellation sind Zwischenfälle nicht ausgeschlossen, die uns zu einem Appell an die Waffen zwingen könnten. Wir hoffen es, wie gesagt nicht, aber man kann nie wissen, was geschieht.

Kaiser Wilhelm hat ja wohl Kenntnis von allem, was ,ln der Welt vorgeht. Er wird die politische Lage ein- zusckatzen wissen. Wir glauben aber ,daß seine Worte be­drohlicher klingen, als sie gemeint waren. Wir glauben, daß die Verhältnisse nicht derart liegen, daß mit der Wahrscheinlichkeit eines Krieges gerechnet werden muß. Die Thronrede, mit der der Kaiser den Reichstag eröffnet hat, klang auch sehr bedrohlich, und doch sind lange Monate seither ins Land gegangen und die Dinge haben sich unseres Wissens geklärt. Es ist auch nach den Worten des Kaisers wohl kaum ein Anlaß zu grauem Pessimismus, rmd vor allem: wir brauchen uns nicht zu fürchten! Darum ruhig Blut?

V V

Fürst Bülow trab Herr von Tschirfchky.

R Berlin, 26. Februar.

ES mag dahingestellt sein, ob die Meldung der ,Zu­kunft^ den Tatsachen entspricht, Fürst Bülow sei von der Ernennung des Herrn von Tschirfchky zum Staatssekretär des Auswärtigen überrascht worden. Menn man indessen an einen äußerlichen Vorgang im Reichstag einen Schluß knüpfen darf, dann ist Herr v. Tschirfchky doch vielleicht nicht so ganz der Mann nach dem Herzen BülowS. Es war bei der Beratung deS amerikanischen Handelsprovisoriums. Der Kanzler, der preußische Handelslninister und der neue Staats­sekretär des Auswärtigen saßen nebeneinander an der Bundes­catsestrade. Da der zur Debatte stehende Gesetzentwurf das Auswärtige Amt mehr angeht als das preuß. Handelsministerium, so hätte herkömmlicherweise Herr von Tschirfchky neben dem Fürsten Bülow Platz nehmen muffen. Während der Kanzler mit dem Minister Delbrück sich lebhaft unterhielt, wechselte er mit dem Staatssekretär von Tschirfchky kein Wort, und als ein Aktenstück des Auswärtigen Amts dem Fürsten Bülow zur Einsicht vorgelegt wurde, trat nicht Herr v. Tschirfchky in Aktion, sondern der Unterstaatsfekretär von Mühlberg. War das ein Zufall, dann bleibt jedenfalls im Hinblick auf den in glänzender Vereinsamung an der Estrade weilenden neuen Staatssekretär der lebhafte Meinungsaustausch zwischen dem Fürsten Bülow und dem Minister Delbrück bemerkens­wert, zudem letzterer nur wenig länger im Amt ist, als Herr von Tschirfchky. Die kollegialen, ja freundschaftlichen Bezieh­ungen zwischen dem Kanzler und dem verstorbenen Staats­sekretär v. Nichthofen traten jedesmal in Erscheinung, wenn beide Herren auf der Bundesratsestrade weilten.

Zur Agitation gegen Rouvier-

-tt- Berlin, 25. Febr.

In hiesigen politischen Kreisen glaubt man nicht an eine längere Lebensd auer des Kabincts Rouvier, trotz des Erfolges, den der Ministerpräsident auch neulich wieder in der Deputiertenkammer davongetragen hat. Man ist jedoch entfernt davon, einen Rücktritt Rouviers bedauer­lich zu finden, denn die Meinung geht überwiegend dahin, daß ein Kabinettswechsel eineEntspannung" der äußeren Politik Frankreichs bedeuten würde. Zu­nächst natürlich in Bezug auf die Marokkofrage, wobei es für unerheblich erachtet wird, ob die Konferenz in Algeciras beendet ist oder nicht, denn eine Rückkehr zum System Delcassö dürfe mehr denn je als ausgeschlossen gelten nach der entschiedenen Wendung zum Besseren ^n den Be­ziehungen zwischen Deutschland lind England. Sollte diese Auffassung zutreffen die nahen Neuwahlen in Frankreich werden ein klareres Urteil ermöglichen, dann würden die Parteien der französischen Linken, dieBlocmänner", sich ein Verdienst um die Sache des Friedens zu erwerben haben.

Gegen ben Duellzwang.

Prof. v. Below (Freiburg) wendet sich ^imTag" gegen den vom Reichskanzler befürworteten Duellzwang für Offiziere und betont die Unvereinbarkeit des Duell­zwangs mit Recht, Sittlichkeit und Religion. Derselbe Reichs- kmrzler, der den ungesetzlichen Sinn der Sozialdemokratie gegeißelt habe, erkläre, zu ungesetzlichen Handlungen zwingen

zu wollen, und verbiete den Offizieren bei Dienstentlassung die Geltendmachung ihres rechtlichen Sinnes und ihrer christlichen Ueberzcugung. Nach einem Wort des Kaisers könne nur ein guter Christ ein guter Soldat sein; der Reichs­kanzler aber drohe demjenigen Soldaten, der als guter Christ das Duell verwerfe, Dienstentlassung an. Was habe es noch für einen Zweck, die Soldaten in die Garnisonkirchen zu führen? Die Gefahr der Bülowschen Erklärung liege besonders in der Uebertragung auf bürgerliche Kreise durch die Reserve- und Landwehroffiziere. Unbedingt sei daher ein Widerruf der Bülowschen Erklärung zu verlangen.

Ter Fall Römer vor dem preuß. Abgeordnetenhaus.

Berlin, 26. Februar.

Beim KapitelEvangelisckre Konsistorien" geht Abg. Eickhoff Ifr. Vp.) auf den Fall des Lic en t i aten Ro m er ein, dessen Wahl in Remscheid vom Konsistorium in Koblenz nicht be­stätigt ist. Das Urteil enthalte außer dem Tenor nur die allgemeine Bemerkung, daß Römer von dem Boden der heiligen Schrift abgewichen sei. Dieses Vorgehen habe eine Erregung hervoraerufen, deren Folgen nicht abzusehen seien. TaS, Bekenntnis Römers sei ein schönes Zeugnis seines Freimuts mrb seiner Wahrheitsliebe gewesen. Er toärc der rechte Mann gewesen, um Tausende und Aber­tausende, die jetzt im Banne materialistisch-sozia­listischer Anschauung befangen seien, dem Christen- tttnte zurückzugewinnen. (Beifall links.)

Abg. Hackenberg: Er könne nicht zugeben, daß es' sich hier um einen Lehrpvozeß handle. Es läge vielmehr lediglich ein Einspruch vor, dessen Berechtigung das Kvnsistorium zu Prüfen gehabt hätte. Das habe das Konsistorium auf Grund der Gastpredigt getan, und da hätte das Konsistorium zu dem Urteil kommen müssen, daß Römer ein theolog. Glaubensbekenntnis abgelegt habe, dasj große Erregung in der Gemeinde hervorgerufen hätte, nicht aber der Gemeinde gezeigt habe, wie er sich in den Stunden der Erbauung zeigen würde. Seine Freunde wollten die volle Bewegungsfreiheit bis auf die Kanzel hinauf. Niemals dürfe em evangelischer Geistlicher seine An­schauungen verleugnen, auf der andern Seite müssen man dann aber die Selbstzucht, den Takt und die Zartheit des Gewissens fordern, daß der Geistliche nicht den Ort verwechsele, die fttatfrel nicht zum Kat lieber, die Kirckre nicht zum Diskussion s- fetal herabwürdige. (Beifall b. d. Nationallib.l

Abg. Dr. Jrmer llvns.): Seine Freunde seien der Mein­ung, daß solche Erörterrmgen nicht in dieses Haus gehören, denn unsere evang. Kirche habe eine autonome Organisation und der Minister könne in diesem interkirchlichen Verhältnisse nichts tim. Das innere Glaubenslebeu unserer Kirche sei zu zart, als daß man es der Erörtenmg von einer interkonfessionellen Körperschaft aussetzen sollte.

9n>g. Frhr. v. Zedlitz (fr. konß): Auch er sei der Mein- trng, daß eine Erörterung hier besser unterbleibe. Immerhin sollte der Minister dafür sorgen, daß an die Spitze der Kon­sistorien nur Männer gestellt würden, die ihrer Aufgabe voll gewachsen seien.

Abg. Bröntel (fr. VgK: Die Berechtigung, solche Dinge hier im Hause zu erörtern, stehe außer Frage. Äilche Vorgänge, wie int Falle Romer seien geeignet, die Tätigkeit libe­raler Geistlichen in Zukunft erheblich zu ver­kümmern.

Kultusminister Dr. Studt: Die Entscheidung des Kon­sistoriums unterliege der Entscheidung des evangelischen Ober­kirchenrats, und aus dem Grunde könne er hier auf die An­gelegenheit nicht eingehen, abgesehen von d"r grundsätzlichen Seite der Frage. Die Besetzung der Stellen des KvnsiÜoriums liege in erster Linie dem Oberkirchenra.t ob, und er müsse es ablehnen, sich für irgend welche kollegial gefaßten Beschlüsse der Konsistorien verantwortlich machen zu lassen.

Abg. v. Ehnernlnl.>: Bedauerlich sei, daß ein evangelischer Geistlicher durch das Vorgehen des Konsistoriums zu einem Mär­tyrer um se ines Gl a u be n s willen gemacht worden sei. Das Urteil des Konsistoriums bedeute ein Ketzergericht.

Rach weiteren 9,ent<'rTrnen wird ho§ <ü->nitet bewilligt.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Febr. DemVerl. T." schreibt man aus Schleswig-Holstein: Wer hätte es gedacht, daß ein von der preußischen Regierung Ausgewiesener vom Kaiser mit O r d c n s a u s z e i ch n u n g e n bedacht würde! Dies hat der ehemalige Führer der Dänenpartei in Nord­schleswig erlebt, der frühere Chefredakteur, jetzige Etats­rat Hjort-Lorenzen. Als Redakteur des dän. Protest­blattesDannevirke" erhielt er wegen Preßvergehens sechs Monate Gefängnis. 1877 stellten die preußischen Behörden fest, daß Hjort-Lorenzen dänischer Staatsangehöriger sei, und wiesen ihn aus dem Staatsgebiete aus. Hj.-L. siedelte nach Kopenhagen über und setzte dort die journalistische Tätigkeit fort. Der dänische König ernannte ihn zum Etats­rat und betraute ihn mit dem Posten des Domverwalters in Roeskilde, der Ruhestätte der dänischen Könige. Kaiser- Wilhelm ist während seiner Besuche in Dänemark dem Ausgewiesenen zweimal begegnet und hat ihm den Lldler- und den Kronenorden verliehen. (Gleich zwei?)

Ter Großherzog von Hessen empfing heute im kgl. Schlosse zu Berlin den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Volksbäder Prof. Tr. Lass ar in Audienz und übernahm das Protektorat über die am 23. Mai in Worms tagende Hauptversammlung dieser Gesellschaft.

Wie verlautet, tritt der bisherige Gesandte in Dres­den, Wirll. Geh. Kammerherr Graf Dönhoff, zum 1. Mai in den Ruhestand. Sein Nachfolgerin Dresden wird der bisherige Gesandte in Darmstadt, Prinz Hans von Hohenlohe-Oehriugen, an dessen Stelle der bish. Generallonsul in Kairo Frhr. v. Jenisch nach D a r m st a d t kommt.

DieNordd. Allcp Ztg." schreibt: Nach einer Be­stimmung im Zusatzvertrag zum deutsch-serbischen Handelsvertrag wird mit Rücksicht darauf, daß die Sätze des neuen serbischen Zolltarifs die bisher neben den Zöllen erhobene, Obrt genannte besondere innere Abgabe mitumfassen, diese Steuer in Zukunft nicht mehr von den aus Deutschland nach Serbien cingeführten Waren erhoben werden. Vom 1. März d. I. ab, dem Tage des Inkrafttretens des neuen serbischen Zolltarifes und Zusatzvertrages, braucht daher der Obrt nicht mehr besonders entrichtet zu werden.

AusZarrd.

London, 26. Febr. Nack) den jetzigen Bestimmungen beabsichtigt der König, sich in den nächsten Tagen nachj

dem Fe st lande einzuschiffen. Er begibt sich zu­nächst nach Paris, wo er eine Unterredung mit dem, Prinzenvon Battenberg in Sachen der Vermählung der Prinzessin Ena mit dein König von Spanien haben wird. Auch soll eine Zusammenkunft mit Falliäres beabsichtigt sein. Ter Aufenthalt des Königs in Biarritz ist auf drei Wochen bemessen.

Das Oberhaus erörterte heute eingehend die Lage in Südafrika. Lord Milne warnt die Regierung in einer großen Rede vor Ueberellung, bei Gewährung des> Rechtes der verantw. Verwaltung an die Kolonien und spricht die Hoffnung aus, daß die Regierung sich keiner Täuschung hingebc hinsichtlich des Umfanges der mit dieser Maßnahme verbundenen Gefahren. Tie große Mehrheit des ersten Parlaments der Oranje-Kolonie würden Buren sein, und es würde möglich sein, daß diese alle früheren Maßnahmen der Regierung umfloßen und sich der britischen An-, siedlcr entledigen. Die britischen Beamten hätten erklärt, daß, wenn Südafrika einmal verloren sei, es füv immer verloren sei.

Paris, 26. Febr. Tas Zuchtpolizeigericht verurteiltet den bei den Kundgelgingen gelegentlich der Jnventurauf- nähme in der Kirche des heiligen Thomas von Acuinv verhafteten General deS Beurlaubtenstandes Recamiev zu sechs Monaten Gefängnis unter Aufschub dev Strafvollstreckung.

Havana (Kuba), 26. Febr. Dreißig Aufständische griffen 25 Mann der Land wachen in Guanabacoa an. Früh am Morgen drangen sie in die Schlafiäume der Mann­schaften ein und s ch o ssen unter Hochrufen auf die liberale Partei auf die schlafenden Soldaten. Die Aufiührer wurden zurückgeschlagen, zwei Unteroffiziere get tötet, vier von den Mannschaften verwundet. Die Geheim­polizei stellt eine Untersuchung an.

Fremderrfeiude iu China.

Der amerikanische Generallonsul in Shanghai td» graphierte nad) Washington:

Die amerika n. MissivneninNachang und SHcnfe, 100 Meilen aufwärts <rm Jangtse, sind zerstört. Die Ursachen sind wahrscheinlich örtlicher Ratter!. 14 Missionare enttarnen, während die Mitglieder einer aus zwei Erwachsenen und zwei Kindern bestehenden Familie getötet wurden. Das amerikanische KanonenbootEleano" in Nanking ist angewiesen worden, sofort nach der bortigen Gegend zu gehen. Es wird berichtet, daß auf den britischen Missionen alles-wohl sei.

Andere Meldungen aus China berichten über einen Konflikt zwischen französischen Jesuiten und chinesischen) Beamten. Sechs Jesuiten und zwei Engländer seien getötet worden.

Rußland.

Ein neuer Erlaß des Zaren setzt den Zusammen­tritt der ReichSduma auf den 10. Mai fest. Ein weiterer Zarenukas besagt:

Die Rubestörungen im Innern, die mit der Stockung der regel­mäßigen Verbindungen verknüpft waren, verhinderten, daß mehrere Provinzen zur richtigen Zeit Instruktionen erhielten. Um nun nicht die Einberufung der Tuma zu verzögern, sanden Wir es für notwendig, das Reglement zu änbem, nach dem die Wahlen im ganzen Reiche an demselben Tage vorgenommen werden, und bestimmen, daß sie zu verschiedenen Zeiten stattfinden sollen. In- iolgedessen ordnen wir an: Die Wahlen in den Wahlkomitees werden an den bestimmten Tagen durch kaiserliche Ukase festgesetzt werden.

Die Petersb. Telegr.-Ag. kann mitteilen, daß bis zu dem durch den Ukas festgesetzten Termin für den Zusammen­tritt der ReichSduma die Wahlen in den meisten Provinzen beendet sein werden und die Duma mit mehr als 350 Mit­gliedern eröffnet wird.

In Kurland ist die offene revolutionäre Bewegung fast erloschen, alle unruhigen Elemente sind arretiert oder geftohen. Umso üppiger florieren Raub und Plünderung aller Art, wobei die Räuber mit der größten Unverfrorenheit auftreten. Dieser Tage stieß eine Abteilung Soldaten im Walde auf ein regelrechtes Räubernest, daS eine Unmenge gestohlenen Gutes beherbergte. Tie Bewohner kennen meistens die Schlupfwinkel der Räuberhorden, fürchten aber deren Rache, falls sie die Angeber spielen wollten. Im Grobinschen Kreise tauchte eine Räuberbande auf und forderte 4000 Rubel; im Weigerungsfälle wird Feuer in die Gehöfte gelegt. Aus dem Tukkumer Kreise wird über gleiche Vorfälle berichtet. Besonders frech traten Räuber im Goldinger Kreis auf, auch Vergewaltigungen vonMädchen sind an der Tages­ordnung.

Die Firma Hanson in Lübeck erhielt aus Helsing- sors folgendes Telegramm: 17 Personen, angeblich aus den Ostseeprovinzen, überfielen die Filiale der russischen Reichsbank, raubten 75 000 Rubel und er­mordeten einen Wachtmeister. (Rach einer Depesche der Petersb. Tel.-Agentur gehören von dem Gelde 35 000 Rubel der Finländischen Unionsbank.)

In Petersburg wurde der Beigeordnete des Direktors der Putilow-Werke, Razarow, durch fünfRevolverschüffe ge­tötet. Der Mörder ist entkommen.

In Tiflis schossen vier Personen auf den Wagen des Rechtsanwalts Heydemann, der von der Staatsbank zurückkehrte, wo er 1 5000 Rubel erhoben hatte. Die Schliffe verwundeten den Diener. Die Angreifer bemächtigter, sich des Geldes und ergriffen die Flucht.

In Werchne Udinsk (Transbaikalien) urteilte das Kriegsgericht über 30 Eisenbahnangestellte ab. Vier wurden zu Zwangsarbeit verurteilt, neun zum Tode. General Rennenkampf begnadigte vier zum Tode Verurteilte zu Zwangsarbkit. Die fünf anderen werden hingerichtet.

»Daily Telegraph" meldet schlimmes aus Wladiwo­stok. 10 0 0 0 Kosaken meutern, weil man sie nicht nach Hause schickt. Sie haben gedroht, den General Mischtfch zu ermorden, wenn er sie nicht gleich nach Rußland zurückkehren läßt.

Der frühere Admiral Nebogatow, dec während des