Ausgabe 
24.11.1906 Erstes Blatt
 
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Geschlecht zu konstalleren ist. Der rcligioS-siislichc Zustand der DekanatSgcmeindcn ist im allgemeinen ein äußerlich be­friedigender; hier und da ist freilich über den starken Wirts­hausbesuch am Samstag und Sonntag namentlich von der Jugend beiderlei Geschlechts, über das Schwinden elterlicher Autorität, über die mangelhafte Ueberwachuug der Spinn­stuben sowie darüber, daß viele der Getrauten die kirchlichen Ehren zu Unrecht in Anspruch nehmen, zu klagen. Die kirchliche »Katechisinuslehre^ leidet besonders in Gießen und der nächsten Umgebung unter den Folgen derFestseuchc" und dem Einstuß der Sonntagsgewerbeschule. In Allendorf an d. Lahn wurde eine Kirchenheizung eingerichtet, in Leih­gestern wurde der Neubau der eingestürzten Kirche beschlossen, der auf 75 000Mk. veranschlagt ist. Die erhobenen Kirchcn- kollekten weisen allgemein eine Steigerung gegen das letzte Jahr auf. Die Synode wünscht, daß auch künftighin der Jahresbericht gedruckt und wie dieses Jahr vor dem Zu­sammentritt der Synode den Mitgliedern Zugestellt wird. Der hierauf zur Diskussion stehende Antrag betr. den seit­her üblichen, gesetzlich vorgeschriebenen EröffnungS- gotteSdienst der Synode wurde dahin erledigt, daß es dem Dekanatsausschuß überlassen wird, die Formen des­selben, ob kurze Andacht oder kirchlichen Gottesdienst, für jeden einzelnen Fall zu bestimmen.

Der Gehalt des Dekanatsboten wird mit Nückwirkung vom 1. April d. I. neu geregelt. Der Bericht deS Er­ziehungsbeirates für verwahrloste Kinder, den Pfarrer Weber-Lang-Göns erstattete, gab ein erfreuliches Bild von dessen Wirksamkeit, die der ernstlichen Beachtung und Unterstützung seitens der öffentlichen Behörden und Ge­meinden wert ist. Sodann referierte Pfarrer Euler hier über die Fortschritte des Gustav Adolf-Vereins, des Evange­lischen Bundes und über die Unterstützung der evangelischen Bewegung in Oesterreich. Für letztere sind etwa 600 Mk. im Dekanat eingegangen. Von der Dekanatskran kcn- pflege konnte Pfarrer Schwabe hier nur Gutes berichten. Es sind drei Krankenschwestern angestellt, die sich vortrefflich bewähren, eine vierte wird zurzeit im Elisabethenstift zu Darmstadt ausgebildet, die am 10. Dezember ihre Tätigkeit zu Leihgestern beginnen wird. Die Ausbildungskosten einer fünften Schwester werden von der Synode einstimmig ge­nehmigt, ebenso der Antrag von Pfarrer Gußmann- Kirchberg, alljährlich ein Dekanats missionsfest für die Heidenmission zu feiern, um die Sache der Hcidenmission in den Gemeinden volkstümlicher zu machen.

Hierauf hielt Pfarrer Braeß, der Vereinsgeistliche für- innere Mission von Darmstadt, einen von herzinniger Liebe zu unserem Volk getragenen, äußerst anregenden Vortrag über den Wert der inneren Mission auf dem Lande. Er zeigte, daß auf dem Lande dieselben sittlichen Gefahren und Nöte vorhanden seien, die in der Stadt die Arbeit der inneren Mission nötig machten. Der berufene Vorarbeiter hierfür auf dem Lande ist der Pfarrer, der sich aber aus Kirchenvorstand, Lehrern und der Jugend Mitarbeiter heranziehen müsse, was ü. a. durch Feste der inneren Mission, Ansprachen und Be­such von Anstalten der inneren Misston zu erreichen sei. Als Einrichtungen der inneren Mission, die auf dem Lande mög­lich seien, empfahl er Bibelstunden, Familienabende, Posaunen­chöre, Volksbibliotheken, christliche Feste, Jugendvereine, Gemeindekrankenpstege, Sicchenstationen, Pstege der entlassenen Strafgefangenen u. a. m.

Der Vortrag fand den lebhaftesten Beifall der Synode und erregte eine ausgedehnte Diskussion, die das erfreuliche Ergebnis hatte, daß ein vom Pfarrer Weber-Lang-Göns

gestellter Antrag, eS möge jährlich auch ein DekanatSfcst für die innere Mission gefeiert werden, einstimmig an- genommen wurde.

Zum Schluß wurde Pfarrer (xitlcr hier mit 37 gegen drei Stimmen zum Stellvertreter des Dekans gewählt. Nach einem von Pfarrer Gußmann-Kirchberg gesprochenen Gebe wurde die Sitzung geschlossen.

Aus S<a0t uuo LMw.

Sprechstunden der Redalt' n 111 VS,: r-rni.. 1,7i/28 Uhr abds. Gießen, den 24. November 1906.

** Der oberhessi schc Geschichtsverein hielt am Donnerstag abend ini Cafv Ebel seine ordentliche Mit­gliederversammlung ab, die außerordentlich gut besucht >var. Nach dem vom Vereinsvorsitzenden, Geh. Hofrat Prof. Dr. Bchaghel, erstatteten Jahresbericht nahm die Ent­wickelung des Vereins ihren gewohnten ruhigen Gang. Die Haupttätigkcit galt wiederum dem Museum und den Aus­grabungen. Tas Museum wird seit seiner Verlegung in das alte Schloß sehr rege besucht und wiederholt fanden durch den Konservator, Hauptmann a. D. Kramer, Führungen von Vereinen und Schulen statt. Die Sammlungen vermehrten sich durch Ankäufe, Geschenke und die Ausgrabungen um 400 Nummern, wobei namentlich die reichen Schenkungen des Kommerzienrats Gail erwähnt wurden. Ausgrabungen wurden am Kastel Langsdorf, int Wald bei Hungen, in der Lindener- Mark und iin Gießener Stadtwald vorgenommen; sie lieferten zahlreiche wertvolle Funde, insbesondere wurde, zum erstenmal in unserer Gegend, in der Lindener Mark ein Hockergrab auf­gedeckt. Der alljährliche Vereinsausflug ging nach Butzbach, er galt dec Besichtigung der dortigen Ausstellung und dem Pfahlgraben. Von der Vcrcinszeitschrift erschien Band XIV der neuen Folge. Für das nächste Jahr sind Ausgrabungen in der Lindener Mark und auf dem Trieb vorgesehen, auch die Erforschung der Ningwälle und der Flurnamen soll nicht aus dein Auge verloren werden. Der Verein hat leider einen kleinen Mitgliederrückgang zu verzeichnen, er zählt zur Zeit 408 Mitglieder und eine Reihe von Korporationen, die zu- ammen 1249 Mark Beiträge leisteten. Die Beträge dc§ Staates, dec Provinz, des Kreises und dec Städte Gießen, Alsfeld, Lauterbach, Schlitz und Wetzlar beliefen sich auf 1670 Mark. Die Einrichtung des neuen Museumslokals machte die Erhebung eines größeren Teiles des Barvermögcns nötig, es besteht noch aus rund 5400 Mark. Dein Rechner, Negierungsrat Bähr, wurde unter Ausdruck des Dankes Ent­lastung erteilt. Die Vorstandswahl ergab die Wieder­wahl der seitherigen Vorstandsmitglieder durch Zuruf, mit Ausnahme deS Negierungsrats Bahr, der eine Wiederwahl abgelchnt hatte. An den geschäftlichen Teil schloß sich ein hochinteressanter Vortrag des Professors Dr. H. D tief en über die E n tw i cke l un g s g c s ch i chte des deutschen Liberalismus im 19. Jahrhundert, dec mit leb­haftem Beifall ausgenommen wurde. (Wir werden noch näher auf den Vortrag zurückkommen.) Nachdem noch die An­wesenden mit Interesse einige Mitteilungen des Professors Dr. Haller über eine von ihm gemachte ivertvolle Ent­deckung von Akten deS Basler Konzils, die sich in der Hospitalbibliothck zu Eues an der Mosel befinden, entgcgcn- genommen hatten, schloß nach ll1/, Uhr die anregend ver­laufene Versammlung.

** Türkenlose werden neuerdings von auswärtigen, zum Teil ausländischen Bankfirm en unter anscheinend außergewöhnlich günstigen Bedingungen zum Kauf angeboten.

Die Ankündigungen enthalten zum Test unwahre oder zm Irreführung geeignete Angaben. Durch sie wird der Glaube erweckt, daß man für 10 Mk., bezw. 5 Mk. oder gar 3 Mk. ein solches Los bekomme, es kostet jedoch zur Zeit etwa 145 Mk. Ferner enthalten die Ankündigungen zum Teil die unwahre Angabe, daß jedes Los gewinne und daß alle Ge- winne ohne Abzug ausbezahlt würden. Auch wird zum Teil verschwiegen, um ivelche Lose es sich handelt. Es muß da­her vor diesem unlauteren Gcschäftsgebahren dringend gc- w a r n t werden.

** I n A m erika verstorbene Hesse n. Frau Maria Kennedy, geb. Gries, aus Burgbracht, 33 Jahre alt, zu Phvnixville, Pa.; Henry Wahl aus Darmstadt, 57 Jahre alt, zu Vrooklin, N?).; Anstreichermeister Kaspar Heiles aus Klein-Auheim, 75 Jahre alt, Newark, NA ; Gabriel Traub aus Gimbsheim, 78 Jahre alt, zu Syra- cuse, NA.; Frau Anna Katharina Norwig, geb. Althause, aus Frielendorf, 68 Jahre alt, zu Buffalo, NA.; Peter- Berg aus Dainrode (Kr. Frankenbcrg), 75 Jahre alt, zu Oklahoma City, Okla.; Margarethe Mägly, geb. Klippel, aus Wackernheim, 84 Jahre alt, zu San Jose, Cal.

Vor der GrabfteinhaLte.

(Am Toteiüest).

Stein an Stein und Kreuz an Kreuz gereiht, Unbeschrieben noch, doch stets bereit, Also harren sie erwartungsvoll. Wen des Meisters Hand cinmeißeln soll.

lieber alle hebt sich schlank und licht, Tieies Leid im schönen Angesicht, Dort der Engel, der ergreifend klagt Um die Toten, denen es noch tagt.

Einem drunter wird er Hüter sein, Wenn er traumlos schlä't im engen Schrein, Einem, der noch trinkt das Himmelslicht, Ter nicht ahnt, ivic bald das Herz ihm bricht.

Englein knien leidvoll rings herum, Klagen erdwärts, stehn zum Himmel stumm: Golt, mein Golt, dein Wille ist geschehn!" Gib, o Later, gib ein Wiedersehn!"

Fragend schauen Kreuz und Stein mich an: Weißt du wohl, du kluger Wandersmann, Dem der Tag das Haupt noch strahlend kränzt, Wann dein eigner Name hier erglänzt?fl

Albert Kleinschmidt.

Es stand an diesem Platze Gar oft ein Inserat, Das ward zum Küchenschatze Dem, ders gelesen hat! Und wers je übergangen, Für den ists jetzt noch Zeit, Er möge nur verlangen Das Beste weit und breit:

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Ständige Mnsferkiiche

Wom Tode.

Eine Betrachtung zum Totensonntag.

-Der Tod macht das Leben zu einer ernsten Sache" sagte Robert Hamerling einmal. Mögen unseres Lebens Stunden fliehen im wogenden Wechsel von Freud und Leid, : sie münden unerbittlich ins ewige Dunkel, in das wir zitternd cingehen, vom Grausen übermannt. Wie wenige vermögen es, vor jener dunklen Höhle nicht zu beben, in der sich Phantasie zu eigener Qual verdammt" und wie Faustzu diesem Schritt sich heiter zu entschließen!"

Das Problem des Todes ist das Problem des Lebens. Was ist dies grausame, bittere, selige, süße Sein, dies harte Missen, dies wonnige Wollen, dieses auf und ab in Lust und Weh, das wirLeben" neunen und dessen Schlüssel der Tod ist? Genügt es uns, mit Bichat einfach zu sagen: Das Leben ist die Summe der Betätigungen, welche dem Tode Widerstand leisten? Hat eine schon von den Millionen Gehirnen, die, seit der Prometheusfunke der Vernunft in ihnen aufflammte, nach Lichtung dieses .Dunkels suchten, Erleuchtung und Erlösung gefunden? Ver­geblich Fragen, vergeblich Hoffen. Und war das ganze Leben des Geistes Kampf der Gegensätze und Zusammen- prallen des scheinbar Unvereinbaren, hier, bei der letzten großen Rätselfrage trennen sich noch einmal die streitenden Geister in zwei gewaltige Heerscharen, und wenn dem Blick der einen nur undurchdringliche Finsternis hinterm Tor- Les Grabes zu liegen scheint, leuchtet den andern ein sil­berner Stern hervor aus dem Dunkel: die Unsterblichkeit. Doch weithindonuernd schlägt die Pforte zu und ein Narr wartet auf Antwort. . .

Wie wir den Sinn des Lebens werten, so messen wir des Todes Bedeutung ab. Aus uralter Zeit bringt ein tiefer Orgelpunkt unter allen wühlenden Melodien des Lebens an unser Ohr: das Leiden am Leben. Bei Indern und Babyloniern, bei Aegyptern und Persern dieselbe grause Melodie vom ewig düsteren, rückkehrlosen Totenreiche. Selbst durch das heitere Lachen des diesseitssrobeu Hellenen- volkes klingt seiner Dichter düsterer, tausendfach wieder­holter Sang von der furchtbaren Last des Seinmüssens, die herzzerreißende Sehnsucht:Den Sterblichen ist nicht ge­boren sein das Beste und nie zu erschauen der Sonne Strahl", klingt cs im Liede des Bakchylides und in des Oedipus Klage:Selig, nimmer geboren zu sein! Doch dem Lebenden ist fürwahr rascher woher er gekommen ist wieder zu gehen der Güter zweites!" Das ist das herbe Lied des Weltschmerzes, der mit Seneca sagt: Das ganze Menschenleben ist nichts anderes als eine Reise zum Tode. Und bis zum heutigen Tage haben tausend Weise diese hoffnungslose Klage wiederholt. Ist cs nicht ein erschüt­terndes Erkenntnis, aus dem Munde eines Alexander von Humboldt zu vernehmen:Das Leben ist der größte Unsinn. Und wenn man achtzig Jahre strebt und forscht, so muß man sich doch endlich gestehen, daß man nichts erstrebt und nichts erforscht hat. Wüßten wir nur we­

nigstens, warum wir auf dieser Welt sind? Aber alles ist und bleibt dem Denker rätselhaft, und das größte Glück ist noch das, als ein Flachkopf geboren zu sein!"

Aber immer wieder reißt ein Trieb den Menschen vor­wärts, eine Höhenschnsucht, jener Drang zur Weltumfassung, den PlatonEros" nannte und von dem Sch open-. Hauer zu zeigen strebte, daß er mit dem Todein einem I geheimen Zusammenhänge stehe, vermöge dessen der Tod das große Reservoir des Lebens ist." Und wäre es nur, daß das Streben nach bildlicher Vorstellbarkeit dieses Un­faßlichen den Menschengeist in beständiger schöpferischer Ar­beit gehalten hat. Die Entwicklungsgeschichte der Vorstell­ungen vom Tode birgt reichste Schätze schaffender Phan­tasie. Für die Tinge hinterm Tode verlangte der Geist einen Ort und fand ihn in den Bildern von Himmel und Hölle, von Orkus und Walhalla, vom Totenreich und seinem Gerichte. Der Tod selbst aber, dieser unfaßbare Moment, wo Sein und Nichtsein aneinanderstößt, ward zuerst bei den Griechen zum Bilde, zu dem tiefschönen Bilde vom Genius mit der umgestürzten Fackel, der der Zwillingsbrudcr des Schlafes ist und den der Schmetter­ling der Unsterblichkeit umgaukelt. Oder auch als ernsten bärtigen Mann sahen ihn die Griechen. Nur einmal, bei Euripides, ward er zum fürchterlich unerbittlichen, schwarzen Gotte, Thanatos mit dem Schwerte in der Hand.

Spätere Zeiten, in denen die Menschheit im Innersten aufgewühlt wurde durch Krieg und Seuchen, Pest und .Hungersnöte, schufen sich ein fürchterliches Bild des Todes; bald war er der altes verschlingende Rachen eines aata- nischen Ungeheuers, bald ein schlangenhaariger Dämon. DerTriumph des Todes" begann die Phantasie zu be­herrschen, Ulnd in die Bilder, ja in die Maskenzüge, die ihn darstellten, schlich sich die neue Gestattung ein: der dürre Knochenmann mit Stundenglas und Hippe. Das war der grause Schnitter, der die reifen Halme uiedermähte, der Unerbittliche, von dem das Volkslied singt:Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, hat G'walt vom höchsten Gott." Doch auck ans Grausigste gewöhnt sich der Mensch, und so ward das Skelett bild mit einem grotesken Humor darge­stellt; uud weil ein alter Spruch sagte:Der Tod frißt alle Menschenkind' wie er sie find't, fragt nicht, west Stande und Ehr'n sie sind", so wurde der knochige Geselle zum Reigenführcr derTotentänze", in denen hoch und niedrig, arm und reich ohne Unterschied zum Grabe wandeln,der Toten gebeiuichtc Cumpancy". .Holbeins Bilder des Todes zeigten diesen als Grabgeleiter der Menschen jeden Standes, als' Herrscher der Welt.

So stand der Tod als Würger jahrhundertelang vor unserer Phantasie, wie ihn Cornelius dann noch unter den apokalyptischen Reitern gezeichnet hat, wie ihn Rethel auf die Holztafel schnitt. Aber mit der Abnahme daseins- sroher, robuster Lebenslust, mit dein Weicherwerdcn und dem seelischen Vertiefen des Gefühls trat au die Stelle des Vernichters der Erlöser. Der Tod als Freund kam bet Rethel in das Turmgemach deS greisen Glöckners und

nahm ihm sein Amt ab, während jener im verblassenden Abendsouneugold milde verschied. Noch war der Tod der­selbe Diocheumann, wie auch bei Seitz und Sattler und vielen, die das Verhältnis zwischen ihm und dem Menschen in Bildern auszudrücken trachten; doch wird er schon bei Watts und Klinger immer mehr zum alles umschlin­genden Symbol, immer unpersönlicher und allgemeiner, bis bei Böcklin, auf dessen Selbstporträt noch der Tod als knochiger Fiedler hervorlauscht, die Gestalt schließlich ganz verschwindet und die wunderbarste Landschaft das Reich des Todes in nie gesehener Erhabenhei-t erschließt: Die Töteninsel. 1

Die Dichtung aber folgt diesem Zuge zur Erfassung! des Todes als Erlöser. Zum sterbenden Han ne le kommt er int Fiebertraum als Engel mit dem flammenden Schwerte; das Kindlein der blonden Kathrein erlöst er mild; in WilbrandtsMeister von Palmyra" ist er der große Friedensspeuder. Weiche, schmerzlich-süße Müsik umwogt ihn nun, und er spricht mit quellender Stimme alsgroßer Gott der Seele", zu demToren", der das Leben nicht lassen will. Dieser Tod hat seine Schrecken verloren; die Todesfurcht beginnt vor der Erkenntnis zu verschwinden, die schon Epikur. aussprach:Der Tod geht uns nichts au; deun wo wir sind) da ist der Tod nicht, und wo der Tod ist, da sind wir nicht." Nicht vor dem Tode erschrecken wir ja, sondern vor dem Sterben.. Des Todes Schwere liegt in der Vorstellung", sagt Sh ake- s p e a r c, und Byron wieder in milder Rückkehr zur Antike:Tod ist wie Schlaf, und Schlaf schließt unsere Lider." Wir fürchten nicht mehr die Vernichtung, weil toiti tut All aufzugehen glauben, verloren, zerstoben und zer- blasen wohl als Individuum, doch unverloren als Teil der Welt. Wenn wir im ganzen leben, fürchten wir mit Schiller nicht mehr die Vernichtung:Leb int ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt!" und mit Goethe glauben wir an eine bedingte Weiterdauer unseres Wesens, unsererEntelechic". Ja, schon war einer unter imS, der! den Tod als Krönung unseres Seins zu denken wagte; denn also sprach Zarathustra:Wichtig nehmen alle dos Sterben; aber noch ist der Tod kein Fest. Noch erlerntest die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weihst Möchten Prediger kommen des schnellen Todes." .

Aus jahrhundertelangem Kampf der Geister wird sich allmählich ein neuer Begriff der Unsterblichkeit zur Klar­heit durchringeu, die Anbahnung einer Versöhnung zwischen dem Begriff der persönlichen Unsterblichkeit int spiritua­listischen Dualismus, der Leib und Seele trennt, und dem' materialistischen Monismus, der Körper und Geist in Eins verschmolzen sieht. In dem Sternbild der neuerkannten Unsterblichkeit sieht der große Name Fechner, dessen BüchleinVom Leben nach dxm Tode" das Brevier unserer Sicgeshofsnung über den Tod ist.

F. Zimmer in a n n.