Samstag 34. November 1906
156. Jahrgang
Erstes Blatt
Amts- und Anzelgeblatt für den Amr Gießen
Gietzener Nmeio er
General-Anzeiger *5’
Nr. 277
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5. IC. H. unser Groszherzog
vollendet morgen, am Sonntag, sein 38. Lebensjahr. wenige Wochen sind es her, daß ihm aus Anlaß der Geburt des Lrbgroßherzogs die zahllosen Glückwünsche seines Moires zu teil wurden, aus denen er zugleich erseben konnte, mit welcher unerschütterlichen Liebe, mit welchem unbegrenzten vertrauen der Hessen Herzen ihm allerwege entgegenschlagen. Auch in diesen Tagen und Stunden wird Hessens Volk freudig des ersprießlichen wirkens seines Großherzogs gedenken und den herzlichen Gefühlen für ihn und fein nach Schices als- fchlägen und Enttäuschungen neu durcbsonntes Haus beredten Ausdruck verleihen.
Es gibt wenige Wanner auf Fürstenthronen, die mit so vielen rein menschlichen Vorzügen begnadet wurden, wie Hessens Großherzog Ernst Ludwig. Seine Freimütigkeit und Gerechtigkeit, seine Hochherzigkeit und Vorurteilslosigkeit, seine grundgütige Offenbeit, seine vornehme Anspruchslosigkeit und gewinnende Ungezwungenheit ntachen cs leicht, daß der Jahrestag seiner Geburt alljährlich zur probe dienen darf auf hesscntreue und hcsseneigenart.
Jn weiten Areisen herrscht die Ueberzeugung, daß wir in einer ernsten, an inneren Nöten reichen Zeit leben. Da ist es doppelt bedauerlich, daß von einer Seit§, von der man sichs wohl am wenigsten hätte verleben sollen, Elemente der Unzufriedenheit und des Grolles genährt werden, wodurch Vaterlandsliebe und Wonarchentreue im Herzen des Volkes Erschütterung erleiden. Nicbt jene Partei, von der man Aehnlickes feit Jahrzehnten leider gewohnt ist, in deren Scharen die Unterwühlung des monarchischen prinzipes Selbstzweck ist, sondern eine Anzahl von Angebörigen einer Partei, die bisher sich mit berechtigtem Stolze die Regierungspartei des Landes nennen durfte, verzehrt sich in willkürlichen Verstimmungsgründen, die auf tatsächlich falschen Voraussetzungen beruhen, und das Schlimmste ist, daß diese Verstimmungen in den Herzen Unberatener Eingang fanden. Großherzog und Regierung sind mit Eifer bemüht, der Partei der äußersten Linken, die unentwegt durch grundsätzliches Opponieren und Räsonnicren einen materiellen Aufstieg
ins Grenzenlose hinein sich ertrotzen will ohne vernünftige Berücksichtigung der natürlichen Ordnung im Weltengange, die besten wurzeln ihrer Araft zu entziehen durch rechtlich unantastbaren, gerechtesten Ausgleich. In einer solchen Zeit wahrhaft großer und großherziger Regierungstaten sollte erst recht der wert eines Thrones, an dessen Stufen sich die wogen des parteihaders brechen, von jedem scharfsichtigen Vaterlandsfreunde erkannt werden I
Verleumdet aber und mißverstanden wird heute gerade von einer Reihe derer, die von der Stärke ihrer Vaterlandsliebe so überzeugt sind, daß sie sie allen anders Gesinnten, so anmaßend als unsinnig, absprechen, die aufgeklärte Regierung eines Monarchen, der sichtbarlich das Beste seines Volkes will, das er über alles liebt. Doch wir sehen zu unserer aufrichtigen Freude, daß Großberzog Ernst Ludwig mitsamt seiner ihm treu er- aebenen und ihm troß aller niedrigen Intriguen nicht zu entfremdenden Regierung seinen hohen Zielen weiter nachstrebt und durch überschnelle Aritik Unberufener nicht zu beirren ist. Er bleibt der moderne Mann seiner Zeit, nebst seinen ■ treuerprobten Räten bedacht für den Fortschritt und die Wohlfahrt der breitesten Masten seines Volkes.
Die Einsichtigeren werden mit dem Fürsten Hessens und dessen Ministerium in dankbarem Vertrauen auch in Zukunft aemeinfame Wege gehen, auf denen er uns voranschreitet. wir wissen, daß sie 511m Segen für sein ganzes Volk fuhren. Nur Aurz- sichtige, (Huerköpfe, Verbissene und Verführte rechts und links zweifeln heute noch daran. Doch mir glauben bestimmt, daß viele von ihnen, Heller sehend geworden, über kurz oder lang ihm in wahrer Loyalität in allen Dingen helfend zur Seite treten werden in erneuter Treue und erneuter Liebe. Das wäre der rechte Dank, der Hessens erleuchtetem und gütigem Monarchen dargebracht werden kann von einem geistig freien Volke, das sich vor geistigem Unfrieden sichern sollte l
Aer Kleine NesäSiqunqsnachweis.
Man schreibt uns aus Berlin:
Wie zu erwarten war, sind bei der Beratung über die Regierungsvorlage berr. den kleinen Befähigungsnachweis, im Reichstag die Gemüter aufeinandergcplatzt, und wenn sich die Unterhaltung auch in den streng parlamentarischen Normen vollzogen hat, so weiß man doch, daß hier zwischen links und rechts, ja sogar zwischen einzelnen sich sonst ziemlich nahestehenden Parteien Gegensätze herausgebildet haben, die unüberbrückbar scheinen. Denn die Einen wünschen die Rückkehr zum alten Zunft- und Innungszwang mit all seinen Beschränkungen der freien Arbeit, die anderen wünschen, daß Jedem Gelegenheit gegeben werde, sich frei zu betätigen, und ohne erst den Nachweis seines Wissens und Könnens erbracht zu haben, tun und lassen kann, was er will. Die Dritten aber wollen weder das eine noch das andere; sie wollen Ausnahmen in diesen und jenem Berufe, z. B. beim Bauhandwerk.
Die Dritten haben heut Oberwasser. Die Negierung, die sich früher gegen jeden Arbeitsnachweis erklärte, ist heute zu der Anschauung gelangt, daß dieses Prinzip nicht immer und überall gut zu verteidigen ist. So hat sich denn Graf Posadowsky bereit gefunden, das Bauhandwerk den längst geförderten Befähigungsnachweis einzuräumen, und es besteht auch kaum ein Zweifel, daß die Gesetzesvorlage endgültige Annahme finden wird. Man muß das, ob man nun Freund oder Gegner des Befähigungsnachweises ist, begrüßen aus dem einfachen Gerechtigkeitsgefühl heraus. Denn es läßt sich nicht bezweifeln, daß im Bauhandwerk Unternehmer, denen jede Kenntnis ihres Gewerbes mangelt, Schaden stiften können, daß sie imstande sind, Leben und Gesundheit ihrer Mitmenschen zu gefährden. Graf Posadowsky hat im Reichstag den „moralischen" Grund dieses Gesetzentwurfes betont, und er hat damit nicht Unrecht. Nirgends in der Welt hat der Schwindel bish er m ehr g e- blüht, als im Bauhandwerk. Die Bauunternehmer spekulieren, ohne die geringsten einschlägigen Fachkenntnisse zu besitzen, oft mit dem Leben ihrer Arbeiter, und Unglücksfälle sind zum Teil zurückzuführen auf die Leute, die dem Trieb nach Gold und Gewinn folgend nötige Vorsichtsmaßnahmen außer Acht ließen.
Diesem verwerflichen Treiben, das neben der Gefahr für die Arbeiter auch noch eine schwere finanzielle Gefahr für die kleinen Handwerker bedeutet, wie viele Existenzen sind nicht gewissenlosem Unternehmertum geopfert worden! — soll nun ein Ende bereitet werden, find das ist nicht zu bedauern. Man verlangt in Zukunft von den Bauunternehmern, daß sie auch Fachkenntnisse besitzen, daß sie imstande sind, ihre Unternehmungen so zu leiten, daß die Gefahr für die Arbeiter ausgeschlossen scheint. So weit das überhaupt möglich ist, denn für Unglücksfälle, die nicht aus Fahrlässigkeit entstehen, kann man natürlich den Unternehmer niemals haftbar machen. Man verlangt von den Unternehmern ferner den Nachweis der moralischen Befähigung, d. h. es darf nicht jeder Lump, auch wenn er zufällig Fachkenntnisse besitzen sollte, Bauten aufführen. Das ist ebenfalls zu begrüßen, denn alle Fachkenntnisse nützen nicht, wenn der Unternehmer die nötige Portion Gewissenlosigkeit besitzt. Tie Arbeiter müssen 'geschützt werden nicht nur vor der Unkenntnis, sondern auch vor Subjekten, die nicht das entsprechende Veraniwortlichkeitsgefühl besitzen.
Es wird nach der Einführung des BefähiaungsnachweiscS im Baugewerbe besser werden, darüber besteht kaum ein Zweifel. Das darf aber nicht dazu führen, daß man zu der Zeit vor der 6) ewerb efre i h eit, der freilich auch manche Mängel anhaften, wieder zurückkehrt, zum Innungszopf, wie es in der letzten Dienstagssttzung von der Rechten de§ Hauses direkt verlanat mürbe. wäre ganz gewiß zu begrüßen, wenn Graf Posadowsky auch der Lokomotivführer des Handwerks sein könnte, wie die Konservativen verlangten. Aber wenn dem Handwerker nur damit wieder auf die Beine geholfen werden kann, daß man die Zeit um einige Jahrzehnte zurückdrehen will, dann wird der Staatssekretär des Innern wohl auf die Ehre verzichten müssen. Die Gewerbefreiheit nehmen, wenn nicht ernste Dinge auf dem Spiele stehen, hieße jetzt mehr Existenzen ücrnichien, als durch die Gewerbefreiheit schwer bedrängt worden sind.
Das freie Spiel der Kräfte ist ein mächtiges Gebot unserer Zeit. Dagegen an kämpfen, heißt den Geist der Zeit nicht verstehen, heißt reaktionär fein. Seit die Gewerbefreiheit geschaffen wurde, ilt Deutschland vorwärts gekommen auch draußen in der Welt, blühen Handel und Industrie. Sollen unsere Fabriken wieder abgerissen werden, weil das Kleingewerbe unter der Großproduktion Schaden leidet? Wer das verlangen kann, ist ein Narr und wird hoffentlich nie auf die Unterstützung einer Negierung rechnen können. Im Baugewerbe, wo es sich, wie angedeutet, um den Schutz von Leben, Gesundheit und Vermögen Tausender kleiner Leute handelt, mag man die Freiheit eindämmen, aber in den anderen Gewerbezweigen wird man es nicht können, ohne schwere wirtschaftliche Schädigung wichtiger Interessen. Das Drängen der stärkeren Parteien des Reichstags geht bekanntlich nach weiterer Eindämmung der Gewerbefreiheit — wir vertrauen, daß Graf Posadowsky so weitschauend auch in Bezug auf die Handwerkerpolitik ist, wie in Bezug aus die Sozialpolitik.
Zur Arbeiterfrage.
Man schreibt uns aus Darmstadt:
In dem von Prof. Dr. Berghoff-Jsing am Donnerstag gehaltenen 3. V"rtrage über die Arbeiterfrage verbreitete sich her N"hn-r eir,Anfienb über das s 0 zialist. Prinzip im Arbeitsoerhältnis und führte aus, daß in England der stärkste,Nährboden für dieses Prinzip gewesen sei; denn dort sei in den ersten Jahrzehnten des verflossenen Jahrhunderts die Notlage der Arbeiter aufs höchste gestiegen. Die Arbeitslöhne erreichten ihr tiefstes Niveau: die Arbeitszeit war 18- bis 18stündig: ein Koalitionsrecht gab es anfangs überhaupt nicht, später stand es nur auf dem Papier. Auf dem Kontinente stand es nicht so schlimm, weil die industrielle Entwicklung nicht in der Weise fortgeschritten war wie in England. Immerhin war die Lage der arbeitenden Klassen derartig, daß man verhältnismäßig rasch zu der Einsicht gelangte, das individuelle System tauge nichts und müsse durch das sozialistische Prinzip abgelöst werden. Schon zur Zeit der großen französischen Revolunon traten Männer wie Babeuf auf, die den, Versuch machten, den rohen Kommunismus zu verwirklichen. Jedoch damals hatte man andere Ziele. Tas Proletariat kämpfte noch gemeinschaftlich mit der Bourgeoisie als 3. Stand um feine Rechtsgleichheit mit den anderen Ständen. Babeuf wurde guilletoniert. Später machte Bazard Vorschläge, wie die Lage der Lohnarbeiter gebessert werden könne. Er rückte vor allem dem Privateigentum auf den Leib und verlangte eine Aenderung des Erbrechts. An Stelle des Erbrechts des Blutes will er ein Erbrecht des Verdienstes gesetzt wissen. Verwandte Klänge finden sich bei Adolf Wagner. Fourier war dann
her Vertreter des vormärzlichen, utopistischen Sozialismus. Wie Boz-ard vertritt er die Anschauung, daß die freie Konkurrenz kulturfeindlich sei, und auf dieser Grundlage baut er sein System auf. Bei ihm herrscht die naive Meinung, daß die Menschen, wenn sie ganz ihren Passionen lebten nub ihre Arbeit hiernach einrichteten, ein ersprießliches Zusammenleben zu stände brächten. Louis Blanc will ebenfalls die kulturschädliche Konkurrenz beseitigen, iedoch den Teufel durch Beelzebub austreiben, indem er fordert, daß der Staat durch Errichtung von Fabriken die Konkurrent unterbieten und so allmählich in den Sozialismus hineiuschwimmen solle. Diese Ideen sanden viel Anklang, und als 1848 in der Februarrevolution das Prole- tareat den Sieg errang, ging es an die Verwirklichung derselben. Der Versuch mißlang aufs kläglichste.
In den 30er und 40er Jahren war die Schweiz und später England der Tummelplatz sozialistischer Ideen. In dem letzteren Lande wurde der Bund der Gerechten gegründet. London wurde der Sitz des ersten deutschen kommunistischen Vereins, der heute noch besteht und Engels und Marx zu seinen Mitgliedern zählte. Von dort aus wurde die Welt mit dem kommunistischen Manifest beglückt, das den Mahnruf enthielt: Proletarier aller Länder vereinigt euch! und nichts geringeres verlangte, als daß durch gewaltsamen Umsturz die gegenwärtige Wirtschaftsordnung beseitigt werde. Karl Marr, der Verfasser dieses Manifestes, wurde der eigentliche Gründer der internationalen Arbeiterorganisation, der „roten Internationale". Zwar war er nicht aktiv dabei tätig, doch hatten seine Ideen den Anstoß gegeben. Es wurde verlangt, daß die Arbeiter aller Länder dieser Bereinigung beitreten sollten. Sie könnten die Verfassung ihns Heimatstaates ruhig halten. Im geeigneten Augenblick werbe ihnen vom Generalrat entsprechende Weisung zugehen und der Hexensabbat, durch den das Proletariat die Herrschaft erlange, werde beginnen. Die rote Internationale sank bald von der Höhe, auf der sie gestanden. Hauptsächlich wurde dies durch den Russen Bakunin verursacht, der anarchistische Ideen einpflanzen wollte.
Synode des Dekanats Gießen.
B. Gießen, 24. November.
Die am Mittwoch, wie schon kurz berichtet wurde, in dem Konffrmandensaale der Johanneskirche hier stattgefundene DekanatSfynode begann morgens 9 Uhr mit einer von Pfarrer Weber-Lang-Göns im Anschluß an 2. Chron. 20 gehaltenen Andacht. Darnach eröffnete der Vorsitzende der Synode, Dekan Strack-Leihgestern, die Verhandlungen mit einer kurzen herzlichen Ansprache, in der er die Anwesenden, besonder? die neu eingetretenen Mitglieder, begrüßte und der durch Tod oder Pensionierung autzgeschiedenen Mitgliedern — besonders des in Pension getretenen Kirchenrats D. Naumann — in ehrenden Worten gedachte. Zu Schriftführern wurden Pfarrer Ba rth - Großen-Buseck und Bürgermeister R o m p f-Lang-Göns durch Zuruf gewählt.
Hierauf wurde vom Vorsitzenden der Bescheid des Großh. Oberkonsistoriums auf die vorjährigen Synodalverhandlungen verlesen. Tie auf der Tagesordnung stehenden Wahlprüfungen waren rasch erledigt, ebenso die Diskussion über den gedruckt vorliegenden Jahresbericht des Dekanatsausschusses über seine diesjährige Wirksamkeit und über den kirchlichen und sittlichen Zustand der Dekanatsgemeinden. Aus ihm ist u. a. folgendes hervorzuheben: Die Seelenzahl der Pfarreien betrug 57 731, übergetreten sind 7, ausgetreten 7. An Kirchenbesuchern wurden an den drei Zähltagen gezählt 26 700 Erwachsene und 10 487 Kinder; zum heiligen Abendmahl gingen 17 592 männliche und 20 022 weibliche Personen, wobei eine geringe Zunahme bei dem männlichen


