Ausgabe 
29.6.1906 Zweites Blatt
 
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die Zustände als schlechter rote tn anderen Städten hm- znstellen.

Stadtv. Sch mall bemerkt, der Schulvorstand und die Schuldeputation hätten stets ihre Pflicht getan, und die Volks­schule liege den Stadtverordneten genau so am Herzen, wie die anderen Schulen. DaL sei schon so gewesen, ehe Dr. Ebel Mitglied der Versammlung gewesen sei. Im übrigen seien die Aufwendungen für die Volksschulen im Durchschnitt höher, wie für die anderen städtischen Schulen.

Stadtv. Krumm bezweifelt letzteres. Der jetzt in Er­scheinung tretende Mißstand rühre daher, daß man früher sich mit Baracken beholfen habe. Wenn der Schulhausbau von dem Architekten so gefördert worden sei, wie jetzt der Theaterbau, wäre man weiter. Er hoffe, daß bald­möglichst eine Herabsetzung der Jrequenzziffer herbeigeführt werde.

Stadtv. Eichenauer ist der 'Ansicht, daß der Architekt allein nicht alle Schuld an dem langsamen Fortschreiten des Schulhausbaues habe.

Stadtv. Kirch spricht sich in ähnlicher Weise wie Stadtv. Schmall aus. Die bestehenden Mißstände seien bereits früher erkannt worden, aber es sei sehr schwer, geeignete Vor­schläge zur Aendeimng zu machen. Es sei zu hoffen, daß mit der Fertigstellung der höheren Töchterschule die Miß­stände behoben würden.

Verschiedenes.

Für die Käfige, die zur Beobachtung verdächtiger Hunde Aufstellung fanden, erhält der Besitzer des Hunde­stalls eine Jahresmiete von 5 Mk.

Für das Tiefbauamt und das Hochbauamt wird die Anschaffung von je einem Fahrrad beschlossen, das des Hochbauamtes soll auch vom Armenamt mrtbenutzt werden.

Eine vom Polizeiamt vorgeschlagene Ergänzung des Droschkentarifs (Streckenführten nach der Kläranlage, der Irrenanstalt, dem Forsthaus Hochwart und Gälisches Ton­werk) wird gutgeheißen. Es wird hierbei angeregt, auch für den neuen Friedhof eine bestimmte Streckentaxe ein» zuführen.

Der Gießener Festsaal hat seinen Inhaber ge­wechselt, weshalb ein neuer Vertrag abgeschlossen werden mußte. Die Versammlung ist mit dem Vertrag einverstanden. Der Inhalt ist der gleiche wie seither, die von Direktor Steingoetter zu tragende Miete erhöht sich um 1 Mk.

Die FerienderStadtverordnctenversamm- lung sollen am 2. August beginnen, über ihre Dauer soll spater beschlossen werden.

Stadtv. Eichenauer spricht sodann im Auftrag der Festleitung des Lahntalsängerfestes der Stadt herzlichen Dank für die Ueberlassung des Festplatzes aus und ladet zur Beteiligung Bei dem Fest ein, insbesondere bittet er um Anteilnahme bei der Eröffnung, dem Festzug und dem Festessen.

Stadtv. H a u b a ch hält die Zustände an der Sonnen­straße, insbesondere durch die Ausdünstungen des Stadt­baches, für sehr abhilfebedürftig. Oberbürgermeister Mecum sagt Abhilfe zu. Ein Teil der Schuld liege an einzelnen Anwohnern, die alles Mögliche in den Stadtbach werfen.

Um 7 Uhr begann die nichtöffentliche Sitzung.

Kirche tmfc Schule.

Der Verein zur Förderung deS Unter­richts in der Mathematik und den Naturwissen­

schaften, der vor einigen Jahren hier in Gießen tagte, war in diesem Jahre in Erlangen versammelt und hat folgende Nesolutionen gefaßt: 1) Der Verein begrüßt mit Dank und Freude die Bemühungen der Gesellschaft deutscher Natur­forscher und Aerzte für die Hebung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts und erklärt ohne im einzelnen zu den Arbeiten der von der Gesellschaft eingesetzten Unterrichtskommission Stellung zu nehmen prinzipiell sich mit ihren Bestrebungen einverstanden. 2) Der Verein begrüßt es mit lebhafter Befriedigung, daß für den auch von dem Verein auf seiner 9. Hauptversammlung warm befürworteten Schutz der Naturdenkmäler unseres deutschen Vaterlandes in den diesjährigen preußischen Staatshaushalt Mittel bereit- gestellt sind.

RoLonialpoft.

Lag es, 28. Juni. (Reuter.) In Südnigeria fand wiederum ein heftiger Kampf statt. Die Truppen des Hauptmanns Wayling wurden von Eingeborenen an­gegriffen und hatten 3 Tote und 31 Verwundete. Wayling selbst wurde leicht verwundet und gezwungen, Halt bei Utch zu machen. Hauptmann Rudkin brach von Agber zur Unterstützung Waylings auf und hatte unterwegs einen Ver­lust von einem Toten und zwölf Verwundeten. Die Truppen kehrten nach einem scharfen Gefecht nach Agber zurück.

Der Dreyfus-Prozetz.

Paris, 28. Juni. Kassationshof. Der Gene­ralstaatsanwalt weist darauf hin, daß er durch seine bis­herigen Ausführungen die Nichtigkeit der gegen Dreyfus erhobenen Anschuldigu ngen sowohl be­züglich des Bordereaus wie des geheimen Dossiers nach ge­wiesen habe. Dreyfus' Ankläger hatten es nicht ver­schmäht gegen Dreyfus wieder die Granate, nämlich die Robin betreffende Verratsangelegenheit, wobei man genau gewußt, daß Boutonnet der Schuldige war, ins Feld zu führen und ebenso die Angelegenheit betreffend das Ver­fahren bei der Ladung der Granate mit Melinit, das ebenfalls von Boutonnet ausgeliefert worden fei. Man habe gegen Dreyfus, aus dessen einfachsten Handlungen, ja sogar seinem Diensteifer, Beschuldigungen hergeleitet. Die ganze Verschwörung, die or­ganisiert worden sei, um den Mann auf der Teufelsinsel festzuhalten, der in ungesetzlicher Weise für die Verbrechen der anderen verurteilt wurde, sei nichts als eine Mystifikation gewesen, von der jetzt der Schleier gezogen sei.

Der Generalftaatsanwalt schließt mit den Worten: Die Schuldlosigkeit von Dreyfus ist ebenso erwiesen, wie die Schuld Esterhazys festgestellt ist." Sodann wird die weitere Verhandlung auf Sams- tag vertagt.

Vermischtes.

* Die Königin von Spanien nach dem Attentate. Die Geschichte wird der jungen battenbergischen Prinzessin einst das Zeugnis auszustellen haben, daß sie eltenen Akut und große Geistesgegenwart in dem Augen- üicke an den Tag legte, da sie an der Seite ihres eben

angetrauten Gatten nur durch einen Zufall dem furcht barsten Tode entging. Viel Falsches, ist über die Haltung des jugendlichen Herrscherpaares unmittelbar nach dem Mordanschlage berichtet ivorden, und erst jetzt, nachdem alle auswärtigen Festgäste von Madrid zurückgekehrt sind verlautet wirklich Zuverlässiges darüber aus dem Munde' dieser Augenzeugen. Es war geschrieben worden, weinend seien König und Königin die Stufen zum Palaste hinauf- gestiegen. In Wahrheit behaupteten sie in diesem Mo- niente, als sie all den vor ihnen angelungten fremden Fürstlichkeiten, Abgesanden usw. entgegentraten, eine er­staunliche Ruhe und Festigkeit. Und diese Selbstbeherr­schung hielt während der ganzen folgenden Tage an, in denen eine Feier der anderen folgte. Bei dem Stier­gefechte namentlich und in der Galaoper zeigte die Königin Victoria sich nicht nur in strahlender Schönheit, sondern auch in fröhlichster Stimmung und heiterster Laune. Aber als dann das Programm der Feste er­schöpft und die damit verbundene Hast und Hetze vorüber waren, trat ein nur allzu erklärlicher Rückschlag in Form eines starken, von langen Weinkrämpfen be­gleiteten Nervenchoks ein. Die junge Königin brach völ­lig zusammen. So erklärt es sich, daß das Schloß La Granja, eigentlich gegen die Gesetze der spanischen Hof- etikette, für die Flitterwoche aufgesucht wurde, und so auch, daß die der Königin innig befreundete jüngste ko- burgische Prinzessin Äeatrice, ihre Cousine, zurückblieb und mit dorthin übersiedelte. Denn in das körperliche und seelische Leiden der Königin mischte sich eine be­greifliche Art von Scheu inmitten einer völlig neuen, un­gewohnten Umgebung. König Alfons zeigte sich seiner Gemahlin als der zärtlichste und besorgteste Ehemann, und allmählich ist die Königin nun auf dem Wege, sich physisch zu erholen und auch ihren früheren Frohsinn und ihre alte Lebensfreude wiederzugewinnen.

Möchkvtliiht jlkbkrücht der Todesfälle m der Stadt Gieße« 23. Woche. Vonr 3. bis 9. Juni 1906.

Einwohnerzahl: angenommen zu 29 500 linkt. 1600 Mann Militärs Sterblichkeirszifser: 17,62%O, nach Abzug von 3 Ortsfremden: 12,53"/«,.

Kinder

Gs starben an: Zusammen: Erwachsene

im

vom

1.

Lebensjahr: 2.-

-15. Jahr

Tuberkulose

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1 (1)

Lungenentzündung

1

1

Brustfellentzündung

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Nierenentzündung

2

2

Krebs

1

1

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Abzehrung

1

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Lebensschiväche

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Gehirnschlagfluß

1

1

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Verbrennung

1

1

Summe 10 (3) 6 (1) 2 (1) 2 (1)

A n m.: Tie in Klammern gefetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.

Universitäts-Nachrichten.

Geh. Kirch en rat Prof. v. Ferd. K a t t e n b u s ch in Göttingen, der bekanntlich bis Ostern 1904 in Gießen wirkte, hat, wie er uns aus Göttingen mitteilt, einen Ruf nach Halle erhalten.

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