Nr. 73
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Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Unwerf.-Buch-u.Stem- bruderei. 9t Lange. Redaktion. Eroeduioa und Druckerei:
Schul st raße 7.
Redaktion 113
Verlag u.Exped.s^öl Ad reffe für Deoeschen:
«uzeiger Gießen.
Dienstag 37. März 1906
Erstes Blatt
156. Jahrgang
VezngSpretsr
N'.onalUch7äPi., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abbolc- u. Zweigstellen monatlich 6o Pf.; durch diePost Alk. 2.— Vierteljahr!. anSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vorinittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Ps^ auswärts 20 Pig.
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GietzenerAnzeiger
w General-Anzeiger " **
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen
Die Keutige Kummer umfaßt 8 Seiten.
Kus dem Reichstag.
R. Berlin, 25. März.
Es geht unentwegt weiter mit den Atlgrifsen des Abg. Erzberger auf die Kolonialverwaltung. Heute war Neuguinea an der Reihe, ein Schutzgebiet, über das in früheren Jahren im Reichstag kaum ein Wort verloren lvurde, auch von feiten der Sozialdemokraten nicht, die doch der Regierung nicht leicht etwas durchgehen lassen. Doch Abg. Erzberger hat Mißstände auch in der Verwaltung dieses fernen Südsee-Eilandes entdeckt. Das machte den Erbprinzen zu Hohenlohe nervös. Er sprach gereizten Tones von einer „lache rlichenundfrivolen Insinuation, auf die er wohl nicht einzugehen brauche". Sofort erhob sich ein streitbarer Zentrumsmann, um den Erbprinzen eines anderen zu belehren. Es war der 9lbg. Dasbach, der rundheraus erklärte, wenn auf diesen Fall nicht eingegangen iverde, so stehe das mit der Zusicherung des Erbprinzen, überall Ordnung schassen zu wollen, in schroffem Widerspruch. Der Fall betraf eine Behauptung, die deutsche Jaluitgcsellfchaft könne das Wohlwolleti der Herren von der Kolonialverwaltung jederzeit um einige Flaschen Sekt erlangen. Der Zentrumsführer Dr. Spahn, der kürzlich den Angriff Erzbergers auf den Prinzen Hohenlohe abschwächte, war heute nicht anwesend. Der wiederholte Vorstoß wirkte also mit voller Kraft, und zwar derart, daß, als Erzberger nochmals das Wort nahm, Prinz Hohenlohe den Saat verließ, die Vertretung der Regierung dem Geheimrat Dr. Rose überlassend, dem cs auch oblag, die Verhängung der P r ü g e lstr a f e ge gen Eingeborene zu rechtfertigen. Als aber später mit milderer Kritik Abg. Bass ermann (nl.), mit schärferer die Abgg. Ledebour (Soz.) und Dr. Müller-Sagan (frs. Vp.) auf den Bestechuw'gsvorWurf zurückkamen, trat Prinz Hohenlohe aus seiner Reserve heraus, um in kurzen Worten seinen Standpunkt dem Sinne nach auf- rcchtzuerhaltcn. Die heutige Debatte brachte sounfreund- lichc Aeußerungen über das „neue Regime" in der Kolonialverwaltung und vor allen Dingen den so zweifellosen Beweis dc§ Obsiegens der Richtung Erzberger im Zentrum, daß auf Bewilligung des Reichs- toloniawmts für den Prinzen .Hohenlohe kaum zu rechnen sein wird, wenn aucf) Fürst Bülow persönlich für diese Forderung sich ins Zeug legt, um den Prinzen dem Kvlo- nialdienst zu erhalten.
Nach dem Prinzen Hohenlohe, dem jetzt geplagtesten Mitglied der Regierung, trat mit der am Spätnachmittag beginnenden Beratung des Flotten gesetzes der Marine- staatsfekretär v. Tirpitz auf die Estrade, gegen dessen Ressortforderungen der Reichstag diesmal das größte Wohlwollen betätigt. Wohl noch nie hat die Flottenverwältung die bürgerlichen Parteien in solcher Einmütigkeit au ihrer Seite gesehen. Die Bedenken der Freis. Voltspartei sind nur budgetrechtlicher Art, sie möchte die Schiffsforderttngcn nicht im Rahmen eines Bauplanes, sondern alljährlich im Etat bewilligen. Ein Redekampf um die Schiffe erübrigt sich also, das konstatierte heute sogar Abg. Bebel, nachdem Graf Oriola der Vorlage ein freundliches Geleitwort auf den Weg gegeben hatte. Gleiche wohl schwelgte Bebel in historischen Erinnerungen an die „Acra Hollmann", um der Regierung und den bürgerlichen Parteien Inkonsequenz tu der Flottenpolitik vorzuwerfen.
Das charakteristische Moment der Bebelschen Rede toar die Kritik an der Agitation des Flotten Vereins, deren Uebertreibungen auch Graf Oriola preisgegeben hatte, und die Kennzeichnung der internationalen. Vereinsamung Deutschlands. Admiral v. Tirpitz trat Bebel mit frischer Siegeszuversicht entgegen, dem Flottenverein einen sanften Tadel erteilend.
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Deutscher Reichstag.
7 5. Sitzung v o m 26. 9)1 ä r 3 1906.
Präsident Graf 23 a II c ft r em teilt mit, daß der 2. Vizepräsident Tr. Paasche erkrankt sei und zu befürchten fei, das, die Krankheit nicht in den ersten Tagen behoben fein wird. Es sei deshalb die W a h l eines 2! u s h i l f § p r ä s i d e n t e n nötig. Er bittet, ihm während der Sitzung Vorschläge zu machen.
Es folgt die Beratung des Nachtrags-Etats für 1906, betr. die strategische Eisenbahn (6 330L00 Mk.), ferner betreffend Umwandlung der M i n i st e r r e s i d e n t u r in Korea in ein Gene ral konsulat, ferner betreffend die Umwandlung der Gesandtschaft in Tokio in eine Botschaft. Ter Ergänzungs-Etat wird der Budqetkommission überwiesen und sodann der Kolonialetat beim Etat für Neu-Guinea weiterberaten.
Abg. Erzberger (Ztr.) führt aus, in Neu-Guinea komme auf je zwei Farmer ein Beamter. Das sei ungeheuerlich. Ferner komme auf je einen Farmer 22 000 Mk. Reichszuschuß. Tie gesamte Ausfuhr nach dort sei nur gerade so groß wie der jährliche Reichsziischuß für Neu-Guinea, nämlich 1200000 Mk. Tabei sei die Aussiihr sogar zurückgegangen. Alsdann erörterte Redner ausführlich die Verhällniffe in Neu-Guinea und den Marschalls-Inseln unter dem Landeshauptmann BrandeiS. Ein Beamter habe in einer Eingabe sich darüber beklagt, daß Brandeis sich über alle Gesetze bei seinen Verordnungen binwegsetze, namentlich in Bezug aus bic Anwendung der Prügelstrafe. Durch die Häufigkeit der Prügelstrafe entstehe geradezu Aufstandsgefahr. Er verlange nachdrücklich, daß die Prügelstrafen-Verordnung anfgehoben werde. Redner erwähnt dann noch eine Beschwerde, der er eine Aeußerung eines Schiffskellners zu Grunde legte, die Paluit-Gesellschaft könne für ein paar Flaschen Sekt von den dortigen Beamten alles verlangen.
Erbprinz zu Hohenlohe: Der Vorwurf, das; deutsche Beamte für ein paar Flaschen Sekt für alles zu haben seien, ist ebenso lächerlich als frivol.
Geheiinerat Rose: Die Zahl der Beamten ist durchaus nicht übermäßig groß. Auf Neu-Guinea hat die Missionstätigkeit einen erheblichen Fortschritt erfahren. Diese Leute und das große Kaufmanns- und Beamtenpersonal können wir doch nicht ohne Schutz lassen. Bei der Prügelstrafe ist in allen Kolonien von einer Barbarei und Grausamkeit keine Siebe. Die Eingeborenen fühlen sich unter unserem Regime sehr wohl. Brandeis hat durchaus bona fide gehandelt.
Abg. Dasbach (Ztr.) erklärt, die Behauptungen Erzbergers sind in keiner Weise widerlegt worden. Redner verlangt Auskunft über die Verhältnisse ddr Paluitgesellschaft uni) fragt nochmals, ob die Prügelstrafe vollständig abgetan fei.
Geheinierat Rosen: Die Verdächtigungen gegen uns bezüglich unseres Verhältnisses zur Paluitgesellschaft sind viel zu gemein und niederträchtig, als daß wir deshalb den Staatsanwalt anrufen sollten. Als gerichtliche Strafe kommt übrigens bte Prügelstrafe nicht vor. Sie wird nur zur Aufrechterhaltung der Tisziplin angewandt.
Abg. L e d e b 0 n r (Soz.) wendet sich gegen die Prügelstrafe, welche stets barbarisch wirke. Eine Freiheitsstrafe von einigen Monaten würde weit bessere Erfolge zettigen.
Abg. Erzberger (Zlr.) erklärt, der Erbprinz zu Hohenlohe bezeichnete die Beschwerden über die Bestechlichkeit der Beamten als lächerlich und frivol. Ich konstatiere, daß solche Behauptungen, durch welche die Ehre der Beamtenschaft schwer verletzt wird, ungestraft erhoben werden dürfen.
Geheiinerat Rose: In der Beschwerde über die Bestechlich
keit der Beamten sind die Vorwürfe der Bestechlichkeit nicht als eigene Meinung, sondern als Schwätzerei eines jungen unreifen Beamten der Paluitgesellschaft wiedergegeben. Ein Einschreiten erübrige sich daher.
Abg. B a s s e r m a n n (natl.) erklärt, es wäre richtiger, in manchen kolonialen Sachen die Dinge etwas ernster zu nehmen, als cs gegenwärtig geschieht. Zweifelhafte Elemente in der Beamtenschaft sollten entfernt werden. Die Prügelstrafe wirkt verrohend auf den Empfänger und auf den Verabfolger.
Abg. Tr. Müller-Sagan (frs. Vg.) erklärt, wenn wirklich, wie gesagt werde, ein Wechsel in dem System vorliegen solle, so dürfe auch nicht die neue Verwaltung die Sünden der alten zu decken suchen.
Erbprinz Hohenlohe wiederholt, daß nach allen feinen Erfahrungen er auch jetzt nur den Vorwurf, ein Beamter fei durch ein paar Flaschen Sekt käuflich, für frivol erklären müsse.
Abg. Dasbach (Zentrttm) bleibt dabei, die Behörde hätte gegen eine solche Verdächtigung mit Strafantrag vorgehen müssen.
Erbprinz Hohenlohe erwidert, der Fall liege fünf Jahre zurück. Er hätte also feinen Anlaß gehabt, darauf noch einzugehen.
Damit schließt diese Debatte. Weiterhin erklärt auf eine Anfrage
Geheiinerat Rose: Bäuerliche Ansiedelungen in Neu-Guinecr seien nur in der Höhe möglich, nicht in den Niederungen des ungesunden Küstengebietes.
Ohne Debatte wird hierauf der von der Budget-Kommission genehmigte Titel „zur Unterstützung von weißen An« s i e d l e rn 10000 M k." a b g e le h n t.
Damit ist der Etat für Neu-Guinea erledigt. Derjenige für die Karolinen, Mariannen, P a l a n- und Marschall- i n s c l n wird debattelos genehmigt.
Bei dem Etat für ©am 0 a bemerkt
Abg. Eickhoff (freis. Vp.): Er behalte sich die Besprechung des ihm vorliegenden Materials für bte dritte Lesung vor, und er frage nur an, wie cs sich mit dem Gouverneur Solf verhalte.
Erbprinz Hohenlohe entgegnet, der Gouverneur sei zurzeit auf Urlaub hier. Was nach Ablauf des Urlaubs geschehe, darüber sei noch fein Beschluß gefaßt.
Hierauf wird der Titel Olouöcrncur genehmigt. Bei den einmaligen Ausgaben hat die Kommission 2 0 0 0 0 Mark zur Erwerbung v 0 n L a n d gestrichen. Die Landerwerbung sollte den Zweck haben, die Eingeborenen ans der Nähe der weißen Ansiedler zu bringen.
Gouverneur Solf besürwortet die Bewilligung dieser Summe im sanitären Interesse. Von einer Landspekulation könne angesichts der Geringfügigkeit der Summe keine Rede sein.
Tie Position wird hierauf gestrichen und der Rest des Etats für Samoa nach den Beschlüssen der Kommission bewilligt. Sodann wird der Etat für Kiautsch an gemäß den Beschlüssen der Komnüssion debattelos angenommen Ebenso werden b'c Spezialetats für die Expeditionen nach S ü d w e st a f r i k a und nach Ostafrika nach den Beschlüssen der Kommissioneit ange* n 0 m m e n.
Es folgt die Beratung der lllovelle zum F l 0 t t e n g e f e Vermehrung des Schiffsbestandes um sechs große Kreuzer. Die Kommission beantragt die unveränderte Annahme dieser Novelle. Die freisinnige und die deutsche Aolkspartei haben einen Antrag eingebracht, wonach die Mehrkosten ans dieser Novelle durch eine R e i ch s v e r m ö g e n s st e tt e r gedeckt werden sollen. Tie Steuer soll erhoben werden von ben Vermögen, welche 100 000 Alk. übersteigen.
Abg. Graf Oriola (natl.) tritt für die Vermehrung der Auslandskreuzer ein. ES entspreche nicht dem Ansehen deS deutschen Reiches, ivenn wir bei Aktionen im Auslande, wo andere Länder bisweilen durch Gescknvader vertreten sind, nur durch kleine Kreuzer oder gar durch ein Schulschiff vertreten werden. Besonders erfreu*, lief) sei es, daß auch die beiden freifmnigen Parteien für die Bewilligung der Forderung eintreten. Redner polemisiert dann gegen die Sozialdemokraten, welche dem Reiche die Verteidignngsmittel verweigerten. Die Verdienste des Staatssekretärs von Tirpitz um. den Ausbau unserer Flotte sollten gerade die Herren von dem. Flottenverein anerkennen.
Geistliche Musikaufsührung des Evangelischen Kirchcngefangvereins.
Gieß en, 26. März.
Trotz der ungünstig angeietzten Zeit des Konzertbeginns — xbcnb5 7‘/4 Uhr — war die Sladtkirche in Gießen am Sonntag abend, wie auch bei früheren ähnlichen Aufführungen des Evangel. Kirchengesangvereins, bis auf den letzten Platz beseht. Auch der herrliche Sonntagnachmittag, eine Erlösung nach dem schrecklichen Schneetreiben der Woche vorher, hatte dein Besuch nicht geschadet.
Für die Aufführmtg, die durchaus den Charakter einer im großen Stil -angelegten, musikalischen Passionsandacht trug, waren als Solisten gewonnen worden: Fräulein Wirz aus Zürich (Sopran), Fräulein O ch s e n i n § aus Marburg (Mezzo-Sopran), soiWe die Herren M ü Iler (Tenor) und Reinhardt (Baß) aus Darmstadt.
Das Programm eröffnete eine Bachsche Orgelphantasie, gespielt mit bekannter Virtuosität vom Orgamsten Görlach, vorbereitend die Passionsstimmung für die weiteren Vortragsstücke. Tas Eingangsmotiv bietet eine merkwürdige Klangähnlichkeit mit dem Mittelsatzmotiv des bekannten Chopinschen Trauermarsches in seiner zweiten Klaviersonate.
An die Orgelsonate schloß sich Stabat mater (von Pergolesi) für Sopran- und Alt-Solo, Frauenchor mit Begleitung von Streichorchester und Orgel, das herrliche Werk eines 25jährigen italienischen Künstlers, der schon ein Jahr nach Vollendung des Stabat mater starb. Leichter Fluß, melodiöse Führung der Gesangs-und Orcbesier- ftimmen, ein gewisses, fast an moderne Opern erinnerndes Genre sind das Eharakteristifche dieses schon 170 Jahre alten Werkes. Tas tonmalende Dam emisit spiritum mutet mit feinem stoßweisen Verhauchen direkt modern an. Allerliebst war das zweite Duett mit feinem flotten Tempo, feinem neckischen, tanzarligen Rhythmus. Tas Ganze war bei dem afuraten Zusammenspiel der Solisten, des Chores, des Orchesters und der Orgel sehr ansprechend und durchaus wohlgelungen. Besonders wohltuend war der saubere Strich im Streichorchester. An dritter Stelle hörten wir d,e bekannte Arie .Er hat das allen wohlgetan" aus der Vach'schen Maithäiis-Passion, mit dramatischem Accent von der Sopran- Solistin zu lieblicher Orgelbegleitung (Flöten) vorgetragen.
Bei dem nun folgenden Psalm für Sologuartett und gemischtem Chor von Tuma wirkte besonders gut das flotte und energische Einsetzen des Chors mit „Gloria patri‘;.
Die zweite Stunde derMusikauffülirung war mit deni Kirchenoratorium von Heinrich von Herzogenberg „Die Passion" voll ausgefüllt. Tiefes gewaltige Werk könnte für sich allein schon den Stoff zu einem Kirchenkonzert abgeben. Zur Aufführung kam der erste Teil: Gründonnerstag.
Nach einem wirkungsvollen, großzügigen Eingangschor, der auf die Gestalt des Tulderheilands hinweist, erzählt der Evangelist
die Einsetzimg des Abendmahls und daS Vorahnen des Verrats. Tas Zwiegespräch zwischen Jesus und Petrus und die ermahnenden Worte Jesu werden ergänzt durch die Betrachtimgen der Gemeinde, die durch die Knaben-Chorschule eine stimmlich sehr korrekte Vertreterin hatte. Solisten, Chor, Streichorchester und Orgel wirkten auch hier unter der trefflichen Leitung des Univ. Musikdirektors Trantmann zusammen, so daß eine abgerundete Leistung zn Gehör fant. Von Einzelheiten sei nur erwähnt die schöne Wirkung in der Erzählung deS Evangelisten, als der Verräter Judas Jschariot aus der sonnigen Mitte der Jünger in die Nacht hinaus eilt, auf das Wort seines Meisters „Was du tust, das tue bald". Das „Und cs war Nacht" klang „grausig" schön. Weniger sprach uns der hieran anschließende Chor „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir" an. Man kam dabei zu keiner Klarheit und es blieb ein etwas verworrener Eindruck am Schluß zurück, den aber die Hellen Kinderstimmen der Knabenschule mit ihrem Choral „Schmücke dich, 0 liebe Seele" wieder vergessen ließen.
Mit dem erhebenden Gefühl, auch in dieser Form einem religiösen Bedürfnis genügt zu haben, ging das andächtige Publikum aus der Kirche. Hoffentlich hat es auch dem berechtigten Appell der Konzertleitung, wegen der bedeutenden Kosten der Aufführung zur Deckung dieser Kosten durch Gaben beizusteuern, vollauf genügt und damit dem Tank für das wohlgelungene Kirchenkonzert einen sicht- und fühlbaren Ausdruck verliehen. Hierbei mag noch zum Schluß angeregt werden, künftig auch von der Entnahme des Programms und Textes einen noch reichlicheren Gebrauch zu machen, als man dies bisher zn beobachten Gelegenheit batte. Tenn einmal unterstützt man so ebenfalls die Bestrebungen des Evangelischen Kirchengefangvereins und dann ist es ohne Tert mir ein halber Genuß. Man muß doch dem Gesang folgen können und sich auch, wenn man z. B. den lateinischen Text nicht nachleseit ober gar verstehen kann, aus der Uebersetzung, die nebenan steht, den Sinn des Gesungenen aneignen. K.
— Nock einmal der „Hippolytos" des Euripides. (In deutsche Verse gebracht von Otto Altcndorf. B. G. Teubner in Leipzigs Heute gingen uns, wohl ohne Kenntnis unserer gestrigen Besprechung, folgende Zeilen zu: Altendorf wirst seinem Vorgänger Wilamowih (im Vorwort) vor, daß seine Uebersetzungen „bei allen ihren Vorzügen durchgängig etwas Herbes haben, nickt frei seien von (Schärfen und Härten im Grundton und ort den Stimmungsgehalt der Szenen, den lyrischen Ton wenig entsprechend zur Geltung bringen". Roch mehr als über diese Worte erstaunte ick beim Lesen darüber, daß er wirtlich das Recht hat, diesen Vorwurf zu erheben, denn er hat diesen Fehler vermieden. An Stelle der Herbheit tritt hier ein warmes Mitempfinden und ein tiefes Verstehen des griechischen Dramas. Und noch mehr: Er wendet auch ein viel reineres, schöneres Deutsch an als W. Da findet sick nicht eine Wendung, die allzu sehr an den
griechischen Text anklänge, nicht einmal die vielen Wehrufe, die der griechischen Sprache eigen sind, in die deutsche aber nicht passen. Und wenn man die Chorlieder in beiden Uebersetzungen vergleicht, so muß man sagen: wahres, echtes Fuhlen findet sich bei Wilamowitz nicht, tovhl aber bei A., unb durch die Tln- lvendung des Reims sind viele lhriscke Stellen geradezu wunderbar! gelungen, wie der „Chor der Genossen" (S. 5) und viele andere. Nach dem Gesagten kann unser Gießener Gymnasium auf dies herrliche Geburtstagsgeschenk stvlz sein. Wir aber wollen den Wunsch auSsprechen, daß dieser Uebersetzung noch eine recht lange Reihe anderer zur Seite treten möge. E.
— D i e Theater sa ison neigt sich ihrem Ende zu. Mit einem heiteren und einem nassen Auge wird der kunstsinnige Bürger die Bilanz der Saison ziehen. Man scheut sich heute nock, das Stadttheater in eigene Verwaltung zu nehmen, obgleich alle Verhältnisse dahin drängen. Ebenso hielten die Städte vor dem Selbstbetrieb der GaÄveicke in unangebrachter Aengst- lichkeit lange ihre Hand fern. So kam das! heuer vor gerade 50 Jahren gegründete Gießener Gaswerk erst vor 20 Jahren, 1886, in städtiscke Regie. Löwenfeld, der Direktor des Berliner Schillertheaters, legt den Städten vor allem nahe, dem Bühnenleiter und den SckLiispielern die wirtschaftliche Sicherheit zu gewährleisten, damit sich ein gut ZusammenspielendeS Ensemble entwickeln könne. Der Bühnenleiter dürfe materiell nickt beteiligt sein: ihm müsse neben einem an- gemessenen Gewalt innerhalb der festgesteckten materiellen Grenzen möglichst freie Hand gewährt werden. Nur so könnten latente Kräfte geweckt und entfaltet werden. Die Forderung: „Das Stadttheater in städtischer Regie!" ist nichts Neues; schon Goethe hat sie gestellt. Vier deutsche Städte — mehr leider nickt! — haben sie bereits erfüllt: Freiburg i. Dr., Mannheim, Mühlhausen i. E. und Straßburg i. E. Die anderen Städte im Reick lassen sicks auf ihre Art sauer werden, so gut es eben geht. Nach einer Umfrage der Genossenscwft deutscher Bühnens angehöriger zahlen 20 Städte an ihre Bühnenleiter Barzuschüsse von 100Ö bis 40 000 Mark; 37 gewähren Förderung in anderer Form: in freier Heizung, freier Beleuchtung, freier Wasser- liefcrung, freier Stellung eines Orchesters und eines Dekorations- jiindus usw.: 23 Städte geben das Theatergebäude vollkommen frei her und bezahlen Verzinsung und Amortisation in oft be-- deutender Höhe (30—40 000 Mark» aus' dem Stadtsäckel.
— Frankfurter Oper. Vom 27. April bis zum 30. Mai beabsichtigt die Intendanz, eine zyklische Aufführung Mozarischer und Wagnerscher Werke unter Mitwirkung hervorragender auswärtiger Künstler im Opernhause statlsinden zu lassen. Alle Aufführungen finden außer Abonnement und bei den normalen große» Preisen des Opernhauses statt.


