Ausgabe 
26.2.1906 Zweites Blatt
 
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gesamte Linke und die dem Handel, der Industrie und dem Gewerbe angehörigen Mitglieder der konservativen Fraktion ganz energisch Front machen gegen daß Mißtrauensvotum, welches die Erste Kammer jenen Berufen erteilt hat.

Stuttgart, 25. Februar. Der demokratische Kammerpräsident Payer erhielt anläßlich des heutigen Gcbllrtsfestes des Königs das Komthurkreuz des Ordens der württembergischen Krone. Der P e r s o n a l a d e l ist mit dieser Verleihung verbunden.

Ausland.

Stockholm, 24. Febr. Die Regierung brachte im Reichstage einen Gesetzentwurf, betreffend da§ Wahlrecht, ein. Hiernach wird die Mitgliedcrzahl der Zweiten Kammer 165 für das Land und 65 für die Städte betragen. In jeden! Wahlkreise wird ein Vertreter durch die Mehrheitswahl gewählt, die größeren Städte werden in Wahlkreise mit je einem Vertreter geteilt werden. Wahlberechtigt ist jeder un­bescholtene Mann nach dem vollendeten 24. Lebensjahre. In die Zweite Kammer kann nur gewählt werden, wer in einem Wahlkreise, oder wenn es sich um eine Stadt mit mehreren Wahlkreisen handelt, in einem derselben das Wahlrecht hat. Bei den allgemeinen Wahlen ist die absolute Mehrheit er­forderlich, bei Stichwahlen die einfache Mehrheit. Die Ein­teilung der Wahlkreise wird alle neun Jahre vom König festgelegt.

Paris, 26. Febr. Bei der Kircheninventar­aufnahme in Lafarre wurde der Verwaltungsbeamte von etwa 200 Bauern überfallen und mißhandelt. Schwer verletzt mußte er in die Wohnung des Bürgermeisters gebracht werden. Bei der Inventaraufnahme in der Kirche Saint Thomas d'Aquin zu Paris wurden mehrere Verhaft­ungen vorgenommen. Unter den Festgenom menen be­findet sich der pens. General Recamiez.

Loubet hielt in Beantwortung von Trinksprüchen, die ihm auf einem Bankett dargebracht wurden, eine Au­ssprache, in der er sagte, daß e§, um den Sieg des Friedens zu sichern, einer starken, geschulten Armee bedürfe, di« fähig sei, im Notfälle den Frieden zu diktieren.

Aus StaOt uno Land.

Gießen, den 26. Februar.

Die hiesige Reichsbank stelle ist morgen, Diens­tag, aus Anlaß der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares von 1 2 Uhr ab geschlossen.

* Brandstiftung. Am verfloßenen CamStag nach- uuttag 3 Uhr bemerkte das Dienstmädchen der Witwe Rothenberger, daß aus dem Lumpenlager Rauch drang. Da Samstags nicht gearbeitet wird, befand sich niemand in dem Lager. Die herbeigerufenen Arbeiter und Polizei schafften die brennenden Lumpensäcke heraus und löschten sie ab. Hierbei ergab sich nun, daß der Brand vorsätzlich angelegt war. Die das Lager nach hinten abschließende Brandmauer war von dem Nachbargebäude, . einer unbenützten Glaserwerkstätte au§ durchbohrt und durch das etwa 6 Ztm. große Loch war der Vrandstoff in das Lumpenlager hineinbefördert worden. Sofort wurde gericht­licher Augenschein angeordnet und die eingehendsten Nach­forschungen angestellt, welche dann auch eine Anzahl Beweis­stücke zu tage förderten. Die Brandstelle mit ihrer Um­gebung wurde am Sonntag früh photographisch ausgenommen, da eS sich um Gebäude handelt, die zum Teil schon abge­brochen oder noch niedergelegt rverden sollen. Hoffentlich gelingt e§, den Täter zu entlarven. Bemerkenswert ist, daß vor einigen Jahren, ebenfalls bei einem Abbruch in derselben Straße ein Schadenfeuer entstand, dessen Ursache unaufgeklärt blieb.

** Submissionsresultat. Bei der Vergebung von Bauarbeiten an der Irrenanstalt wurden folgende Wigebote abgegeben:

Kos« 1 Erd- und Chaussierungsarbeiten, 900 Kubikmeter Erd- aushu.b, 3170 Quadratmeter Chaussierung einschl. Materialliefer­ung Wilhelm Suchan-K'rvfdorf 12 321,50 Mk., Schlörb-Gießen 8699,00 Mk., Pfeffer-Annerod 12 944,00 Mk.

Los 2 Liefern und Verlegen von 400 Stück alten Eisenbahn­schwellen, Schlörb-Gießen 760,00 Mk., Pfeffer-Annerod 800,00 Mark.

. LoS 3 Einfriedigung aus Hvlzpfosten und Drahtgeflecht 1930 laufende Meter. Karl Euler Nachf.-Meßen 5022,00 Mk., Gg. Schubecker-Gießen 4556,30 Mk., Wilhelm Piß-Steinbach 4525,00 Mark, Wallach-Alsfeld 4342,00 Mk.. Gabriel Gerster-Mainz 4350,60 Mk., I. .Hoffmann-Atzbach 3876,00 Mk., Helfenbern- Gießen 3743,00 Mk. Haas-Grimberg 2936,60 Mk., Albert Stvll- Gießen 2638,80 Mark.

Besitzwechsel. Der Gärtner Friedrich Noll in der Cchulstraße kaufte das Haus des Architekten Seuling auf der Mäusburg für 41000 Mark. Wie der Wert der Häuser in den letzten Jahren in die Höhe gegangen ist, kann man aus diesem Verkauf ersehen. Vor etwa drei Jahren war das Anwesen für 28 000 Mark trotz vieler Mühe nicht an den Mann zu bringen.

* * D er 2. Hess. Kammer sind mehrere Anträge des Abg. Zouß und Gen. zugegangen, in denen der Bau von normal­spurigen Bahnen von Butzbach nach Ziegenberg mnd von Butzbach nach Wetzlar gefordert totrb.

* * Zu dem Artikel .Eine Studenten-Ver- samiulung in Darmstadt wird aus Studentenkreisen geschrieben:

In dem Artikel liest man, daß Herrstud. Heile aus Hannover im Auftrage des Verbandes deutscher Hochschulen einen wngeren Vortrag über die Frage der konfessionellen V.c r b i rd b_u u gen hielt/' Darnach ist von Interesse zu wcssen, dar; £>err Heile ein paar Tage vorher, Samstag den 17. jyebruür, _ denselben Vortrag mich vor dem Gießener ©ti> dentenansschuß gehalten und zwar konnte man hier n i ch t s a g e n, da,; er wie in Darmstadtunter dem lebhaftesten Bei- la y der Versammlung" schloß. Vielmehr kam weder nn Verhalten des» Ausschusses im Ganzen noch auch in der nachfol- genden Besprechung der leiseste Beifall zum Ausdruck. In ruhiger, sachlicher Weise lehnte der Gießener Studentenausschuß die in der .ael.c proklamierte Kampfesweise gegen die katholischen Korpo­rationen ab mit dem Hinweis auf die am vor^rgehenden Tage Pr' 1 L.Rcwlutton, wonach ein solcher Kampf als der akademi- sckieii Freiheit zuwiderlausend angesehen werden müsse und es wurde auch die Beweisführung, die katholischen Korporationen seren antmational als einseitig angegriffen und auf allgemeinere, Msienichaftsichere und tolerantere Ansichten auch in diesem Punkt lnngewiesen. Außerdem wurde Herrn Helle der Rat erteilt, seinen Vortrag, den er vermutlich noch an verschiedenen Universitäten halten wird, m diesem Punkt etwas anders einzurichten, weil man damit nicht sympathisieren tonne. sJtun, trotzdem er diesen 'Rat nicht befolgte, war seine Aufnahme in Darmstadt eine ^rrcht erfreuliche, was nach dem jetzigen Stand der dortigen

verrnischtes.

Kuxhaven, 24. Febr. 25 Mann von der Matrosen- Artillerie wurden heute aufgeboten, um auf den ehemaligen Kaufmann Schmidt, der feine tzrau, sein Kind und seine

Schwiegermutter getötet und zwei andere Personen schwer verwundet hatte, ein Kesseltreiben zu veranstalten. Schmidt war gestern abend nach Altenbruch gekommen und hatte einen Einwohner unter Todesdrohungen gezwungen, ihn die Nacht zu behergen, worauf er sich heute unter Mitnahme zweier Revolver wieder entfernte. Er wurde bei Lüdingworth erhängt aufgefunden. ,

'Brüssel, 24. Febr. Heute wurde hier der chilenische Gesandschaftssekretär Palnacos durch den Sohn des hiesigen chilen. Generalkonsuls Waddington durch mehrere Revolverschüffe getötet. Palnaeoras war mit der Tochter des Generalkonsuls verlobt, es war jedoch feit einigen Tagen zwischen den Verlobten eine Spannung eingetreten. Die beiden jungen Leute wohnten in einer Pension zusammen. Der Ge­tötete war kaum 20 Jahre alt. Am Abend sollte aus An­laß der Verlobten ein Diner stattfinden, zu welchem auch die Geladenen erschienen. Die Polizei mußte sich begnügen, die chilenische Gesandtschaft zu umstellen, um ein Entweichen des Täters zu verhindern. Die belgische Regierung wird bei der chilenischen einen Auslieferungsantrag stellen.

' Vom Bürgerlichen zum Herzog avanciert ist ein gewisser Direktor Kiegel in Dresden. Die Vorfahren Kiegels von väterlicher Seite waren, wie durch genaue Nach­forschungen festgestellt ist, Herzöge von Harcourt und Frei­herren von Pagny und Ciely. Als König Ludwig XIV. im Jahre 1680 Lothringen gewaltsam annektierte, floh die Fa­milie, um ihr Vermögen zu retten, nach Hamburg. Nachdem der Maire von Pagny die Bestätigung gesandt hat, hat Kiegel den Freiherrentitel angenommen, und die Bestätigung des Herzogstitels dürfte demnächst erfolgen.

' Erdbeben. DerNewyork Herold" meldet aus Bar­bados vom 23. Februar: Wie ein hier eingetroffener Schooner berichtet, ist der Mont Pelse auf Martinique wieder in Tätigkeit. Die Bewohner der Insel sind von Schrecken ergriffen. Fünf Personen wurden durch herniederfallende Steine verletzt und ins Hospital gebracht. In Fort de France wurden durch Erdbeben viele Häuser zerstört. Der Vulkan Le Souffliere ist jetzt tätiger als in der ganzen Zeit seit 1902. Die Erdbeben auf Martinique, Saint Vincent, Guadeloupe, Santa Lucia und Dominica sind stärker als die vor 4 Jahren. Die Bewohner der Städte flüchten aufs Land, weil sie fürchten, daß die Mauern in den Städten Umfallen.

* Kleine T a g e s ch r o n i k. Der amerikanische Milliardär William V a n d e r b i l t, der in der Nähe von Pisa in Italien mit seinem Automobil ein Kind überfuhr, wurde von der Menge tätlich angegriffen und verhaftet. Nach anderer Meldung handelt es sich um R o ck e f e l l e r, der in wahnsinnigem Tempo durch die Straßen von Pontevera fuhr.

Verhältnisse, too der Kstmpf aufs Neue entbrannt ist, vvraus- zusehen war und es ist ja der Ordnung gemäß, daß die Landes- Universität der teckmischen Hochschule vorangeht.

Li ch, 25. Febr. 9(n der neu zu erbauenden Kreis­straße zwischen hier und Garbenteich wird in letzterer Gemeinde, wie bereits mitgeteilt wurde, für den Kreis Gießen eine Sammelwasenmeisterei errichtet werden. Auf einen Komplex von fünf Morgen kommen ein größeres Wohnhaus nebst den gewerblichen Anlagen, wofür der Betrag von 107000 Mark vorgesehen ist, zu stehen. In praktischer und schöner Weise sind von Baurat Diehm die Pläne für die Gebäude ausgearbeitet worden. Der Zweck ist, alle Tier^adaver unter tunlichster Ausnutzung aller Bestandteile, also der Knochen wie Felle nach dem System Podwils zu verarbeiten. Noch in diesem Frühjahr soll mit den Arbeiten begonnen werden. Eine zweite derartige Anlage ist für den Kreis Büdingen vorgesehen.

? Schotten, 24. Febr. In einer Vorstandssitzung der Vogelsberger Volksbank" (Aktiengesellschaft) wurde beschloffen, diese aufzulösen. Der Rendant Wilh. Wolf- schmidt tritt von seinem Amte zurück. Die Mitglieder schließen sich größtenteils der neugegründeten Spar- und Dar- l e h n s k a s s e (Genoffenschast mit unbeschränkter Haftpflicht) an.

-ft Nidda, 25. Februar. Gestern fand unter Vorsitz des Provinzialdirektors Geheimerat Dr. Breidert in Anwesen­heit der Vertreter der Nachbarkreise hier eine Beratung statt, die sich mit der vom Abgeordneten Dr. Weber angeregten elektrischen Lichtanlage, von Lißberg ausgehend, befaßte.

L. L. Darmstadt, 26. Februar. (Eig. Drahtb.) Heute nacht zwischen 11 und 12 Uhr ereignete sich hier eine furcht­bare Bluttat. Zwei Soldaten des 23. und 24. Dragoner­regiments gerieten in der großen Ochsengaffe in Streit, der zu Tätlichketten unter Waffengebrauch ausartete. Dabei er­hielt der Soldat des 24. Regiments einen Säbelhieb über den Kopf, sodaß er bewußtlos zusammenbrach. Er wurde in das nahegelegene Lazareth gebracht, wo er kurz nach der Ein­lieferung starb. Der Täter wurde verhaftet. Ein Hand­arbeiter, der sich anscheinend an dem Streit beteiligte, trug ebenfalls eine Verletzung davon. Ein peinlicherZ wischen­fall trug sich gestern beim Schluß des Ju b i u m § ka rn e- oalzuges zu. Ein junger Mensch, angeblich ein Student, sprang plötzlich auf den Wagen desnärrischen Minister­präsidenten", des um das öffentliche Leben Darmstadts hoch­verdienten Kaufmanns M. Anspach, zu und versetzte dem Jnsaffen einen Schlag mit einem scharfen Gegenstand ans den Kopf. Herr Anspach mußte die entstandene heftig blutende Verletzung im Krankenhaus verbinden lassen.

R. B. Darmstadt, 25. Februar. Prinz Karneval hat diesmal auch bei uns mit großem Glanz und humoristischem Schaugepränge seinen Einzug gehalten. Seine Abholung vom Bahnhof erfolgte gestern abend unter Fackel- und Musikbe­gleitung, sowie Serenaden der hiesigen Gesangvereine, Kon­zert der Prinzenkapelle in der Narhalla rc. Heute früh war großes Wecken der Prinzenkapelle, Parade der Prinzengarde und am Nachmittag derJubiläumsfestzug zum 20jährigen Bestehen der Narhalla, der wirklich eine Sehenswürdigkeit bildete und viele Tausend Schaulustige herbeigeführt hatten. Sämtliche hiesigen Musikkorps, zahlreiche von Vereinen, studen­tischen Korporationen rc. auSgestattete Prachtwagen und zirka 70 Sondergruppen waren daran beteiligt. Mit köstlichem Humor waren auSgestattet u. a.Das Asyl für pensionierte Beamtedie in einem mehrstöckigen Hause mit Veranda daher kamen und ihre ersparten Gelder in großen Beuteln mit sich schleppten, dieDarmstädter Volksküche" mit reitenden Küchen­feen, dieMuSbacher Weinfabrik Sartorius', der üppig in Champagner schwelgendeBauernbund', mit Schweinen an der Leine und dazu dieFleischnot' mit Hering knabbernden Proletariern, dasVerkehrSbureau' mit der Devise:Es muß annerscht werrn", bann eine humorvolle Gruppe derGarten­vorstadt am Hohlen Weg' mit 9 Zukunftshäusern daselbst, einWarenhauSbazar", dieMarokkokonferenz", die scheidende Hessische Lotterie", einSultansharem', dieVerunglückte Wartehalle am Schloßplatz', weiter Prachtgruppen wieFlora­wagen", die dreifarbigenOlbrichgarten von der Gartenbau­ausstellung", derHofzug des Prinzen Karneval", das Närrische Ministerium" rc. Dazwischen viel kostümierte Rester, Herolde, Bürger, Landleute und viel Volk, sogar Maanzer" undFrankforter". Auch die Straßen waren chon am Vormittag mit ganzen Scharen maskierter Figuren relebt, ein Korps der Hochschule fuhr sogar mit einer veri- tabten Kanone mit 6 Pferden umher. Nach dem Festzug und am Abend zeigte sich besonders in den größeren Bierlokalen und Cafes ein turbulentes Leben. Am Fastnachtsdienstag ist noch große Kappenfahrt.

D a r m st a d t, 24. Febr. Irr den Kreisen der besseren Gesell- "chaft und besonders imter den Offizieren, wird, wie derRh. K'." meldet, ein peinliches Vorkommnis zwischen zwei Dragoner- leutnants lebhaft besprochen. Gelegentlich eines von einem höheren Offiziere gegebenen Kostümfestes' gerieten die beiden Leutnants in Meinungsverschiedenheiten, die trotz der Anwesen­heit des Gvoßherzogs in Tätlichkeiten ausarteten. Dabei wurde einer der Offiziere im Gesicht verletzt. Esl folgten die üblichen Ehrenratsfitzungen usw. imb schließlich das unvermeidliche Duell, aus dem aber die beiden unverletzt zurückkehrten. Es verlautet, daß einer der Leutnants die Absicht hat, in Süd- westaftika bei der Schutztrupve Dienste zu nehmen.

W. Frankfurt, 25. Febr. Heute früh 7 Uhr 25 Min. nhr eine Borheizmafchine in den ausfahr en den Zug 9?r. 321 Frankfurt Wiesbaden. Der Pack­wagen des Zuges 321 sowie die Borheizmafchine cntqfeiften. Beide Hauptgleise waren gesperrt. Personen hnrrben nicht verletzt. Der Materialschaden ist unerheblich. Der Verkehr wurde über Griesheim geleitet Beide Geleise waren um 121/t Uhr wieder fahrbar.

* Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Für die Gemeinden Köddingen und Windhausen wird eine gemeinschaftliche Wasserleitung er­richtet. In Webrheim i. T. brach in der Näbe der Kirche ; Großfeuer aus, welches in kürzester Zeit 3 Wohnhäuser und 6 gefüllte Scheuern mit Stallungen in Asche legte. In Alten- t a d t ist die Errichtung einer höheren Privatlehranstalt für Knaben beabsichtigt. Die günstige Bahnverbindung seit Eröffnung der Strecke StockheimHeldenbergen dürfte der Anstalt zahlreiche ' Schüler zuführen.

3u dem Aufruf der fünf Leipziger SLndrntev erhielten wir heute folgende Zuschrift:

An die verehrliche Redaktion des Gieß.- Anz.

Ich habe das Gefühl, als ob es befremdlich wäre, wenn in den Verhandlungen über den Aufruf der fünf Seidiger Studen­ten zum Austritt aus der Kirche die Gießener Pfarrer gar nicht das Wort ergriffen. Nun sind das freilich im Grunde viel zu feine und zarte Dinge, als daß sie durch Frhden in den Tagesblättern zu ihrem Rechte timt men könnten. Aber ich möchte doch auch nicht den Schein erwecken, als ob wir zu Bewegungen, die uns so nahe angehen, nichts zu sagen hatten, oder als ob »ns der Mut dazu fehlte. Ich will mich dabei aber ganz kurz fassen:

1. Wir evangelische Christen und evangcliscbeu Pfarre» fürchten uns weder vor den Aufrufen zum Austritt aus bei Kirche, noch vor diesem selbst. So weit das der Ueberzeuguntzf entspricht, kann es nur zur Wahrheit und Klarheit führen;

wir fürchten nur für die vielen, deren Urteil noch nicht gereift genug ist, um sie davor zu schützen, daß sie sich nicht durch klingende Phrasen berauschen und zu Schritten verleiten lassen, die sie später bereuen;

wir danken deshalb der verehrlichen Redaktion, daß sie Nüchternheit und ehrlichen Mut genug gehabt hat, das imretfe Phrasenheldentum der Fünfe richtig zu kennzeichnen. Dazu ge­hört angesichts der weit verbreiteten kirchenfciudlichen Stimmung unserer Zcitgenoffen in der Tat mehr Mut, als zu jenem Aufruf, mit dem keinerlei Märtyrertum zu befürchten, aber billige Lor­beeren zu ernten waren.

2. Wir fürchten auch nicht das Urteil der Wissenschaft, das nach der Meinung solcher, die von diesen Dingen wie der Blinde von der Farbe reden, uns völlig vernichtet haben soll. Die wirklichen Vertreter der Wissenschaft lächeln darüber. Sie wissen es wohl, daß das Christentum als Religion völlig außerhalb d es B er e i chs d er W i s f e ns ch a f t fällt. Die Religion hat ihr Reich in dem inneren Leben der Persönlichkeit und in, der unsichtbaren Welt, die hinter dem sichtbaren Schein ihr Wesen hat und ihre Reflexe in unsere Seelen wirft. Da entscheiden nicht^Experiment und Beweis, sondern Erlebnis un$ Uebcrzeugung. Soweit cs sich aber um die geschichtlichen Beding­ungen und Zusammenhänge des Christentums handelt, so stehen uns diese Dinge viel zu hoch, als daß wir uns dabei mit etwas anderem, als mit der höchsten erreichbaren wissenschaft-i ichen Gewißheit begnügen könnten. Welchen Ernst wissen-, 'chaftlichier Arbeit die Theologie heute daran setzt, mit allen. wissetffchaftlichen Mitteln die Wahrheit zu erforschen, cheinen die Rufer in diesem Streit nicht zu ahnen.

3. Eines freilich fürchten wir sehr, nämlich daß das Heiligtum der Religion für fremde Zwecke dienstbar gemacht werde. Die Religion, die ihr Leben von Jesus Christus her hat, hat es nur mit einem zu tun: die Seele mit ihrem Gott, und Gott mit der Seele zusammenzubringen, und so zu helfen, daß wir wahre Menschen werden. Aber die bestehenden Verhältnisse in etaat nnb Gesellschaft heilig zu sprechen, dazu gibt sie sich nicht der. Nur die Treue kann sich nicht missen, auch nicht die Treue> gegen Volk uno Vaterland.

4. Wir wissen sehr wohl, daß die Kirchen, auch unsere evangelischen Landeskirchen, das Wesen des Christentums nur lehr unvollkommen zur Erscheinung bringen Das liegt im Wesen menschlicher Dinge begründet. N e u e n V^e v- etmgungcu würde es damit nicht besser gehen, namentlich, tonnt, sie einen größeren Umfang erreicht haben toeröen. Dafür wurden sie neue Spaltungen in unter BolkS- Uberr reißen während unsere Landeskirchen die Möglichkeit ge- S- W verschiedenartige Geistesströmungen nebenem-

& e"^er dienen und ergänzen. So lange sie bad »ermägen Hllten wir sie für em sehr wertvolles Glied '4-n Vt r z rf § 16 b C -n 8 ihrer Mängel, an desftn Fvrtentwtcklung mitzuarbeiten besser ist al« es zuzet stören. n '

Gießen, 25. Febr. 1906.* v. Schlosser.

Hiermit schließen wir die öffentliche Diskussion über diesen u. E. über Gebühr beachteten Ausruf.

Arbeiterbewegung.

24,r5cbr* Lohnbewegungen der Hafen a r b c tter nehmen immer mehr ut. Außer den Schmier» arbeher ^"Auiislen fini? jetzt auch die Speicher und Lagerhaus» Norma archeüsm^ Metreten und verlangen die Einfichruna ift'ÄctefoSd^ seÄ,C"Oaenbeln£b-