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26.3.1906 Erstes Blatt
 
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Montag 26 März 1906

Erstes Blatt

156 Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

vezngSpretSr monalUch7bPi., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Rohöle- u. Zivcigslellen monatlich Go Pf.; durch diePost Mk. 2.viertel- jahrl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die TageSnummer bis vonnitlags 10 Uhr. ZeileiwreiS: lokal 13Pty auswärts 20 Psg.

Verantwortlich für den noliL und allgem. Teil: P. Witt ko- für .Stadt und Land^ und ,(ticrid)t6jaal*: Ernst Heb; uit den An­zeigenteil: Hans Beck.

Nr. 72

Drschelnt täglich aufter Sonntags.

Dem GießenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien, blätter viermal m der Woche beigelegt.

NoiatiortSdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Unwerf.-Buch-u.Stem- druckerei. 9t Lange. Nedalllon, Erveditioa und Druckerei:

Schulst ratze 7.

Redaktion 113

Verlag u.Exped.e^öl Adresse für Deoeichen:

Anzeiger Gießen.

Die üeuiige Vummer nmfaßt 10 Seiten.

Politische Wochenschau.

Kanzlerkrisis und H o hcn l o st e kr i >' is schwirrte cs in der vergangenen Woche durch die Blätter. Begründet wurden die Ükrücbtc mit der ablehnenden .Haltung des Zentrums in Cockcn des Kolonialstaatssekretariats. Doch das scheint zum Teil müßiges Gerede gewesen zu sein, zum Teil wollte man dadurch wohl des Zentrum gefügiger machen. Vielleicht war hier oder da auch der Wunsch der Vater der Gerüchte. Wie zuverlässig vcr- laittet, wird der Reichskanzler, um allen Kombinationen die Spitze zu brechen, die Forderung des Reich skolonial- amts in dieser Woche im Reichstag persönlich vertteten. Man kann sich also auf ein interessantes Schauspiel gefaßt machen. An zarten Drohungen gegenüber der gesamten Opposition wird er es wohl nicht fehlen lassen. Mit seinem K'anzlersessel wird er wohl nicht ein verwegenes Spiel treiben. Die Zeit ist nicht angetan zu solelfen Sensationen. Es ist vielmehr geboten, keiner­lei Schmierigkeiten hervorzurufen, die gerade setzt eine sehr un­angenehme Rückwirkung auf dicMarokkokonfcrenz ausüben müssten. Nach den letzten Meldungen aus Algeciras bat sich der Stand der Verhandlungen wieder wesentlich gebessert. Das er­wartete Amendement zum östreichffchcn Entwurf für die Regelung her Pvlizeifrage ist jetzt soweit vorgeschritten, daß angenommen werden kann, cs werde in der heutigen (Montags-sSitzung eine prizipielle Einigung über die Polizeifrage endlich erzielt werden. Auch in der Frage der Bankanteile scheint ein die Gleichberechtig­ung den Interessen Rechnung tragendes Arrangement bevorzn- stehen. Sensationell wirkte die Veröffentlichung der russischen Instruktion zur Casablanca-Frage imT e m v s" und die Bekanntgabe der sonderbaren Erklärung des russischen Ministers des Auswärtigen. Die offiziöse Petersb. Tel. 91g. ist jetzt er­mächtigt zu bestätigen, daß in dem Artikel desTcmps" der Text des ZirkularschreibenS des Grasen Lamsdorff bezüglich der Konferenz unrichtig wiedergegeben ivordcn ist. Das Zirknlar- schreiben Lamsdorffs hatte den Zweck, das Gerücht zu dementieren, daß Rußland entgegen dem französischen Standpunkte .sich zu Gunsten der Errichtung einer besonderen Polizei in Casablanca aussprechen werde. Der Erlatz des Zirkularschreibens war, so sagt die offiziöse russische Note, durch die Notwendigkeit be- grünbet, alle Mißverständnisse auf der Konferenz zu vermeiden, sowie zu bekräftigen, daß Rußlands Bestrebungen darauf gerichtet sind, eine beider Parteien würdige Lösung zu finden. Die deutsche offiziöseNordd. Allg. Ztg." aber schrieb in ihrer letzten Nummer:

Wenn derTemps" noch einmal auf seine tendenziöse Veröffentlichung der Zirkulardepesche Lamsdorffs zurückkommen wollte, so wäre das Nächstliegende gewesen, sich weaon der Entstellung zu entschuldigen, die er an der Zirkulardepesche vvr- genvmmen hat. Statt dessen beruft er sich darauf, daß man in Deutschland durch diplomatische Zirkulare eine Legende von der Isolierung Frankreichs in Umlauf gesetzt habe. Das ist eine neue Unwahrheit. Es gibt keine Aktenstücke der deutschen Diplomatie, die durch einen Hinweis auf Frankreichs Isolierung oder auf einen Frontwechsel Rußlands der russi­sche,'. Regierung Anlaß zn der mehrfach erwähnten Verwahrung bieten konnten.

Nach allem dem kann man kaum daran zweifeln, daß in Frankreich und Rußland gemeinsam gewisse einflußreiche Steife sich eifrig bemühen, die dem Abschluß nahe Verständigung zu erschweren, mindestens aber zu verzögern. Tie Lamsdorffsche Depesckw über Rußlands Haltung in der Eosablanca-Frage hat jedenfalls zu diplomatischen Schritten in Petersburg geführt, durch welche auch aufgeklärt werden soll, wie die Veröffentlichung dieser Depesche imTembS" möglich war.

Im Reichstage dauert die Erledigung des kolonialen Nachtrags-Etats und des Kolonial - Etats noch an. Den breitesten Raum nahm dabei die Affäre des Gouverneurs von Putt kam er ein, der in dem Erbprinzen Hohenlohe einen beredten Verteidiger fand.

Bon der R e i cksst e n e r ko m m i ss i o n ist Rühmliches zu melden ebenso wie Unrühmliches. Der Annahme der Brausteuer in modifizierter Form folgte die Ablehnung der Tabak­steuer. Die Zigarettensteuer wurde einer Subkommiffion über­wiesen, die F-rachturkundensteuer dagegen leider angenommen, die Personenfahrkartensteuer sogar mit den modifizierten Kilo­meterzuschlägen bewilligt, ebenso die Erlaubnisfahrkarten für Ktastfahrzeuge. Dagegen wurde die Quittungssteuer wieder ab- gelehnt und die Ansichtspostkartensteuer zurückgezogen bezw. ihre in erster Lesung erfolgte ?tmiahmc aufgehoben.

Die hessische zweite Kammer nahm in der ver­gangenen Wockie den Entwurf des Finanzgesetzes für das Etats­jahr 1906 und den Oiesetzentwurf betr. den Verkehr mit Fahr­rädern und Automobilen, durch den die Giltigkeit des bestehenden Gesetzes bis zum 1. April 1908 verlängert wird, nach kurzer Debatte an. Ferner beantwortete Staatsminister Ewald die In­terpellation betreffend die Kellerkontrolle in Budes- heim damit, daß zwingende Gründe zur Vornahme einer Kon­trolle der deutschen Weinkellerei in Büdesheim gedrängt hätten, und daß auf Antrag der Staatsanwaltschaft das StrnfbcrfIrren wegen Verletzung des 8 10 des Nahrmngsmittelsgesetzes gegen den Kellermeister Peter Paulus! eröffnet worden sei. Der pfälzische Kontroleur sei wegen seiner besonderen Befähigung zur Prüfung öer GesclräftSbücher mit herangezogen worden: von einem Miß­trauen gegen den hessischen Kellerkontroleur könne keine Rede sein. Jedenfalls sei die Untersuchung im Interesse des Wein- Handels geboten gewesen. Von verschiedenen Rednern wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß man im Interesse des hessischen Weinhandels hätte etwas schonender verfahren können. Das Vor­gehen habe wie eine Bestätigung der öffentlichen Anklagen des Reickrstagsabg. Stauffer ausgesehen. Man müsse erwarten, daß, falls die Untersuchung gegen die Büdesheimer Winzer günstig ausgehe, Stauffer seine Beschuldigungen zurücknehme ober, falls dies nicht geschehe, der hessiswe Dundesratsbevvllmächtigte nach­träglich gegen ibn vvrgehe. Im übrigen wurde allseitig lebhaft eine gleiche Handhabung der Weinkontrolle im ganzen Reiche befürwortet. Die Ausführungen des StaatSministerS gaben übri­gens dem hessischen Weinkvntroleur Bladen Veranlassung, zum zweitenmal sein Amt niederzulegen. Angenommen wurde ein Erfrechen aus dem Hause, die Regierung möge beim Bundesrat auf eine Erhöhung der Ver­gütung für die Verpflegung cinquartiertcr Truppenteile dringen. Dagegen wurde eine weitere Anreg­ung, den Gemeinden aus der Staatskasse das zu ersetzen, was sie über die geltenden Sätze hinaus gewährten, als noch nicht

spruchreif behandelt. Sodann nahm die 2. Kämmer den Gesetz­entwurf betr. die Verlängerung der Geltungsdauer des bestehenden G e m e i n d e u m ! a g e n - P r o v i s o r i u m sl bis zum April 1909 an mit dem Zusatz, daß die Regierung in der Zwischenzeit den (Gemeinden größere steuerliche Autonomie (Wertzuwachs- st euer und Immobilien- uni) Umsatzsteuer) gewähre. Die Be­sprechung der Interpellation Bähr wegen des K i n d e s m o r d e s in Her gers ha nsen förderte nicht fonderlich Erbauliches zu­tage. Schließlich 'wählte die Kammer die vor 3 Monaten ge­wählten Präsidenten wieder und vertagte sich bis zum nächsten Mittwoch, an welchem Tage gleichzeitig mit der 1. K'ammer eine Sitzung stattfinden wird zur Erledigung der Etatsberatung.

Das p r e u ß i s ch e W a h l g e s e tz. wie es am letzten Freitag vom Abgeordnetenhause einer Kommission überwiesen wurde, hat fast überall, abgesehen natürlich von den Konservativen, Be­dauern erweckt. Was batte man denn aber erwartet? Man mußte unter den obwaltenden Umständen dock von vornherein damit rechnen, daß die preußisch-reaktionäre Regiernng sich bei der Einbringung des Wahlgesetzentwnrjs unter allen Umständen an die preußische reaktionäre Melnheit des Abgeordnetenhauses wen­den würde, und es kann uns nicht wundern,, daß her Entwurf so unendlich armselig ansgesallen ist. Ein fortschrittlicheres Ge­setz hätte ja unter Feinen Umstanden auf die Annahme im Abge­ordnetenhaus und noch weniger im Herrenhaus rechnen können. In*Preußen muß erst die feudale Jünkermirlschaft abhausen, ehe ein freierer Geist sich regen kann. Das weiß man nicht erst seit heute. Und da die Herren Junker sich noch recht nwhl befinden, kann man in absehbarer Zeit auch eine Aenderung dott nicht erwarten. In der pr^. S ck>u ln n t er ha l 1 u n g skvm - Mission kam eS bei der Beratung der Bestimmungen über bett Sckmliufpektor zum offenen Bruch. Hoffentlich wird dieser Ge­setzentwurf, gegen den sich endlich auch die Professorenschaft ixt deutschen Hochschulen regte, in der Versenkung verschwinden, wo er nebst den leider wenig glückliche Aussichten besitzende Wabl- gesetzentwürfen hingehört.

Einen berben Verlust erlitt die freisinnige Volkspartei durch den Tod ihres ReickiStagsabg. Lenz mann, _ber einem Schlag­anfalle erlegen ist. Dadurch ist in kurzer Frist der zweite Wahl­kreis im westfälischen Gebiet verwaist. In Sigmaringen wurden bei der R e i ch s t a g S e r s a tz w a h l am 20. März ins­gesamt 9670 Stimmen abgegeben. Es erhielten: Amtsgerichts!-rt Dr. Belzer-Tis,maringen Ztr. 7287, Landgerichtspräsident Reck- Hechingen (Reickspartei) 1886 und Dchreinermcister Nill-DodA- hausen (Soz.) 344 Stimmen. Ersterer ist. sonnt gewählt. In Kaiserslautern ist Stichwahl zwischen dem Liberalen Schmidt und dem Sozialdemokraten Klement erforderlich, die ncrmutlirf) zu gunsten des Liberalen ansfallen wird. Durch die Niedcr-- legung des Mandats des Abg. ft toi iE wird demnächst auch in Tarnowitz-Beuthen eine Ersatzwahl erforderlich. In Dar m stabt stehen sich leider zwei liberale Gruppen feindlich gegenüber, statt von vornherein gemeinsam dem sozialdemokrati­schen Gegner die Stirn zu bieten. Immerhin gewährt die Drei­zahl der Kandidaten dort die Aussicht auf den en blieben Sieg eines Liberalen und die Verdrängung der Sozialdemokratie in der Reicksvertretung unserer Landesresidenz.

Im Anschluß an die große französische Gr nbenkata. strophe sind im dortigen sowie im benachbarten belgischen Bergrevier, wo eine 20Proz. Lohnerhöhung verlangt wird, wilde

Gietzener Stadttheater.

Raub der Sabittcrinnen.

Von Franz und Paul von S ch ö n t h a n.

Der Raub her Sabinerinnen" ist einer der gehntgenften Schwänke der 80er Jahre. Er ist nicht so ausschließlich possenhaft und entfernt sich nicht so weit von den Grund­lagen einer gewissen Lebensbeobacktung, wie die meisten anderen dramatischen Erzeugnisse jener Zeitepoche. Freilich in den vielen Jahren seiner Existenz hat er nicht gerade an Reiz gewonnen. Man sieht die Nähte deutlicher, man ist gegen Unmöglichkeiten und abgenutzte Eliches empfind­licher geworden, hier und da hat sich etwas Staub ab­gelagert Aber duftiger als die neueren Schwänke ist das Stück noch immer. Der Schitkprofessor, dem eine literarische Jugendsünde, burch schlau gereizte Dichtereitelkeit zum Ver­hängnis wird, sowie seine ganze häusliche Umgebung stehen auf dem Boden der soliden Philisterkomodic, die in einem abgelegenen kleinen Provinzialneste fern vom flutenden Verkehr ungefähr denkbar ist, und die Neckereien der jungen Liebesleute sowohl, wie der, allerdings mit Hintansetzung alles Menchenvcrst cmdes herbeigeführte und fortgespon­nene Konflikt des Ehepaares Neumeister weichen in nichts von der Schablone ab, nach derdas deutsche Lustspiel" von Benedix bis zu Blumenthal seine komischen Effekte herzuftellen pflegte und leider auch noch vielfach pflegt. 206er der berühmte Theaterdirektor Striese hat, obwohl er uns in vielen Szenen als übermäßig geschmückte Poffenfignr entgegentritt, doch, mernt man genauer hinsieht, manchen Zug, der ihn lucit über die landläufigen Schwankfiguren erhebt und eng mit seiner hemitleidenSivapten Lebeusspharc verbindet: den Stolz, her sich selbst au§ der Tiefe des Schmiereneleuds gegen eine Beleidigung der Künstkerwürde aufbäumt, da? Familiengefühl, das den wandernden Thespiskarren zu einem Stückchen Heimat verklärt, ja selbst eine wunderliche Spielart von Idealismus, der nur des­halb so lächerlich wirkt, weil er von seinem Piebestak so platt auf den harten Scheunenboben gefallen ist. Kurz, man kann diesen Typus verflossener Theaterzeiten, der sein Dasein heute nur noch in weltverlorenen Erbenwinkeln fortspinnt, ernst nehnieu, so ernst nehmen, daß er unA auf zehn Thränen ungeheurer Heiterkeit vielleicht auch ein Thränchen der Rührung erpressen könnte.

Herr Reimer hatte sieh für seinen gestrigen Ehrcu- abend den armseligen Schmierendirektor erwählt, diese Lieblingsrolle Williams Büllers, dem man allerdings nach- fagen muß, daß er bei aller unvergleichlichen Komik leider die ftarifatur noch karikiert. Herr R. zeigte gestern seine starke komische Kraft vornehmlich in dem reich und hübsch nuancierten Ausdruck einer gewissen pfiffigen Treuherzig­keit. Bei aller Vertraulichkeit im Verkehr mit dem Dichter- Professor, dem er seine theatralischen Lustschlösser vvr- zaubert, zeigte er nicht jene unangenehme Frechheit, mit

der ich sonst schon diesen armen Schlucker spielen sah, sondern viel mehr eine gewisse duckende Bescheidenheit und ängstliche Zurückhaltung bei allem Hochhalten seines ehr­lichen Berufs. In Wort und Miene von echter Nationalfarbe, stand der gemütliche Sachse vor uns, der zu schallendem, ja man könnte fast sagen tobendem Gelächter das Sonntags- publikum liinriß. Daß das Land des Blicmchens Herrn R.'s Heimat ist, bewies der gestrige Abend. Herr R. weiß seiner Komik etwas Naives und eine Unbefangenheit zu geben, die sich scheinbar harmlos auf das Glatteis der lebensgefährlichsten Wiße wagt, und, ohne auszugleiten, ge­rade hier ihre kühnsten und effektvollsten Purzelbäume schlägt. Der Künstler neigt zu einer saftigen Ausmalung kleiner komischer Episoden hin es sei nur erinnert an die trotz aller Kürze außerordentlich wirksamen Szenen mit dem Dienstmädchen, mit dem 1r. Neumeister und mit seinem ersten Liebhaber mit denen er stets feine stärksten Effekte erzielt. Immer wieder rüttelte und schüttelte heftig unsere Lachncrven sein Kommen und Gehen, seine sprechende Mimik, sein grundehrlicher Familien--Qnatsch", seine ge­treuen Schilderungen aus seiner engen Bretterwelt. So herzlich, wie in der Szene, da Freund Emanuel die Schil­derung vomBabbegei" und seinem Küßchen gibt, ist in unserem Theater nicht häufig gelacht worden. Ten größten Effekt aber macht selbstverständlich immer der Schluß des brüten Aktes. Die gestrenge Gattin seines Autors, des Römerdrarnatikers und Professors, nötigt ihn zu einer Tasse Thee, er muß seinen Mantel ablegen und erscheint in Trikots, alsGeenig Ticius Dacrtus". Wie er da vor uns steht, der alte Mann, in dessen blassem, faltigem Ge­sicht alle Not und Erniedrigung einer bunten Lebens­fahrt ihre Zeichen hinterlassen haben, in dem ärmlichen Flitter eines Theaterkönigs, mit schlotternden Beinen, be­schämt und geziert, eine wahre Jammergestalt! Hier er­reichte die Komik Herrn R.'s ihren unüberfteiglichen Höhe­punkt. Tas Beste an dieser Schönthanschcn Gestalt aber ist bas unendlich Rührende, das ihr bei aller Komik eigen ist, da? sie verklärt, uns menschlich nahebriugt, das uns einen Hauch echter Poesie cmpfinbcu läßt. Einanuel Striese ist das Symbol jener tragikomischen Muse, die auf einem Bettler karren von Ort zu Ort zieht. Er ist ein Stück von der Geschichte des deutschen Theaters und der Hunderttausenbe, die ihm gedient und zum Opfer gefallen sind. In der berühmten Styrologic des Schmicrent'omödiautentumS, ba wo er in herzlich und ehrlich gemeinten Worten tiefsten Kummers von seiner Gattin, dem Universalgenie in Theater- sachen, spricht, wo er in seiner Künstlerehre wahrhaft tief gekränkt ist, da fehlte leider bei Herrn R. nicht nur die rechte Steigerung da trieb er nichts als Scherz. Aber daß er in dieser Szene, die erschüttern könnte, wenigstens die leidigen Mätzchen Büllers vermied, sei ihm gedankt.

Und Herr Reimer hat sich, geiviß nicht ohne einige Wehmut in seinem guten Humor, auch ein wenig Über sich selber

lustig gemacht. Sind ihm auch die lebenden Striese? keine Fremden, so mußten ihn an deren Mühen und Nöte di« Pflichten, denen er den gestrigen Tag über sich unterzog, erinnern. Hatte er doch schon in der Nachmittagsvorstellung den Nickel­mann des schlesischen Bergwaldes barzustellen, und glaubte er doch dem Sonntagspnblikum an feinem Ehrenabenb noch einen besonderen Slugenschmaus bieten zu muffen mit einem Zwischenakts-Grotesktanz, in dem ihn Frau Old ini schnell­füßig itnb blißäugig, lieb und lustig unterstützte. Obwohl es Sonntag abend war, an dein doch alles gern ansgeht: der Atem Herrn Reimers ging nicht an§. Daß wir, wie ich höre, Herrn R. im nächsten Herbst Wiedersehen werden, ist eine Freude für alle Theaterfreunde. Hat uns doch Herr R. an manchen: Slbend des zu Ende gehenden Winters in Fröhlichkeit schwelgen lasten, ist doch das gesunde Lachen, daS so oft, nur vom Beifall übertönt, das alte Hans durch brauste, zum großen Teil fein Werk gewesen.

Das Ensemble tat im ganzen, was an ihm war, um die Vorstellung gefällig abzurunden. Namentlich füllten die jungen Paare Frau Bayrhammer und der vortreffliche, gestern ganz besonders lustige Herr Goll (der den Dr. Neu- meister wie immer gut pointiert und mit der ihm eigenen und wohl anstehenden Bonhomiuie gab, aber selbst in für den Doktor recht unbequemen Situationen allzu obenhin und mit feinem unnachahmlichen, wohlwollend herab- und herum- blirfenbcnUcbcrbenanbcrn*), sowie Frl. Schellen berg und Herr Lüttjohann, der unruhig Sitzende, ihre Plätze durch launiges und recht flottes Spiel angenehm aus. Herr Lippert dagegen, der eine ganz gute Maske gemocht hatte, gab ja wohl ba§ Bild eines geängstigten Mannes der Wissen­schaft, ober er hatte nicht die sonst bei ihm übliche Sicherheit mitgebracht und blieb auch den Slbenb über zu einförmig, obgleich gerabc diese Person im Einzelumgange sehr wohl recht verschiedene Charakterseiten offenbaren könnte. T'e Nolle des lärmenden Weinhänblers Groß lag Herrn Rienbel ganz bequem. Die Damen Millar und Fischer waren zwei recht standhafte Vertreterinnen ihrer Partien.

P. W.

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Hippolytos. Tragödie des Euripides. In deutschL Verse gebracht von Otto Altenbork. kB. 63. Teubner in Leipzig.) Nufere neueste Zeil ift drauf und dran, dein gesamten künillerischen Naturalismus der letzten drei Luftren bauernb untreu zu werden. Wer die Berliner Sezesstonsailsstellung des verflossenen Sommers saß, nahm staunend wahr die starke Neigung manches der heute meist genannten Maler und Plastiker, wie Hodler und Eoriiitl), Hildebrandt und Klimich, zur Antike in der großzügigen und keuschen Tarstellnng von Akten, die nichts mehr will als erfreuen an den schönen Linien des jugendkrästigelt meufchlicheil Körpers, wie sie uns die Werke des Lysipp u. a. zeigen. In dem am künstlerischsten