Ausgabe 
22.11.1906 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nv. 275 Zweites Blrrtt 156. Jahrgang

Donnerstag 22. November 1906

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Tie ..Siebener KamilienbliMer" werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der .Hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Giehener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schar Univcrsitälsdruckerei. 9L Lange, Dießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: CchuNr.7.

Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr.: Anzeiger Dreßen.

General-Anzeiger, Amt?- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen.

KrlrannlmaHmlg.

Betr.: Fcldbereinigung in der Gemarkung Gießen, links der Lahn; hier den allgemeinen Meliorationsplan von den Fluren 5 bis 19 und 40 bis 49 der Gemarkung Gießen.

In der Zeit vom 23. November l. IS. bis einschließlich 6. Dezember 1. I. liegt auf dein Bureau der Großh. Bürger­meisterei Gießen der allgemeine Meliorationsplan nebst Erlüutecungsbericht und Prüfungsprotokoll von den Fluren 5 bis 19 und 40 bis 49 zur Einsicht der Beteiligten offen.

Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hier­gegen findet statt:

Freitag, den 7. Dezember 1900, vormittags von 9 %10 x/3 Uhr, auf Großh. Bürgerinelsterei Gießen, wozu ich die Be­teiligten unter dem Anfügen einlade, daß die Nicht- erscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen find. Ein­wendungen sind schriftlich abzufassen, zu begründen und auf Papier in Aktengröße (mindestens y, Bogen) cinzureichen.

Friedber g, den 17. November 1906.

Der Großherzogliche Feldbereinigungskommissär. Schnittspahn, KreiSamtmann.

Bekanntmachung.

Betr.: Feldberelnigung in der Geinackung Feldheim.

Montag, 3. Dezember 1906, vormittags 9 bis 10 Uhr, findet im Rathaus zu Inheiden die Entgegennahme der Wünsche bezüglich der Zuteilung der neuen Grundstücke der Feldbereinigung Feldheim statt.

Die Wünsche find schriftlich einzureichen, vom Grundstücks­eigentümer zu unterzeichnen und sollen genau angeben, welche alte (nach Flur-Nummer zu bezeichnenden) Grundstücke zu­sammengelegt und bei welchen alten Parzellen die Zusammen­legung stattftnden soll. Wünsche, welche in den» oben ge­nannten Termin nicht vorgebracht werden, haben keinen An­spruch auf Berücksichtigung.

Friedberg, den 15. November 1906.

Ter Grostucrzv.,..... i fungskommissär:

Schnittspahn, Kreisamtmann.

politische Lagesscharr.

800 Millionen für südwestafrikamsche Eisenbahnen.

Nicht weniger wie 300 Millionen sollen vom Reichstag für Eisenbahnbauten in Südwestafrika gefordert werden! Wenn der neue Kolonialdirektor Dernburg mit diesem außerordentlich hohen Anspruch sich einführt, dann hat er von vornherein einen schweren Stand. Dernburg ist, wie Personen versichern, die ihn kennen, nur ein mäßiger Redner. Doch spräche er auch mit der größten Wucht der Uebcrzeugung für em solches Vorhaben wird er keine Reichstags Mehrheit bekommen können. Die Entstehung des Planes wird übrigens auf einen nationalliberaten Ab­geordneten zurückgeführt. Der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Semler weilt gegenwärtig, mit besonderen Empfehlungs­briefen des Reichskanzlers ausgestattet, in Deutsch-Süd,vest- afrika. Dr. Semler hat eine Schrift über seine Eindrücke verfaßt, die vermutlich in erster Reihe dem F ürsten Bülow und dem Kolonialamt zugegangen ist. In einem Auszuge haben die Reichstagsabgeordneten von der Schrift Kenntnis erhalten. In dieser Schrift entrollt der parlamentarische Forschungsreisende ein Eisenbahnbauprogramm, mit Ein­schluß sogar des öden Ovambo-LandeS. Durchallmähliches Umklammern mit Eisenbahnen*, durch eine friedliche Er­oberung, soll die Ovambo-Frage gelöst werden. Tas Projekt des Kolonialdirektors Dernburg basiert auf einer Jahres­forderung von 30 Millionen für Eisenbahn - bauten. Durch die Verteilung' der 300 Millionen auf zehn Jahre wird der Eindruck des Planes nicht gemildert, auch nicht dadurch, daß ein Teil dieser Millionen durch Landes­steuer in der Kolonie selbst aufgebracht werden soll.

WaS kann bei der Laudessteuer heraiiSkommen? Ein kleiner Ehrenzuschuß im besten Falle. Die Farmer ver­langen ja noch immer Entschädigung; Entschädigungs- bedürftige sind jedenfalls auf absehbare Zeit nicht steuer- kräftig. In der Hauptsache würde das Reich für die Durch­führung des Eisenbahnprogramms die Mittel zu beschaffen haben. Die Folge sind neue Steuern. Aber woher nehmen, da doch die schönen Berechnungen von der Er­giebigkeit der jüngsten Reichs steuern sich als graue Theorie herausgestellt haben? Die Forderungen im neuenMilitäretat scheinen schon Ucberraschungen genug zu enthalten; diese koloniale Ueberraschung konnte erspart bleiben.

Serbische Geschichten.

DaS intereffante Land Serbien wird der Welt demnächst wieder ein eigenartiges Schauspiel bieten durch die Erörterung der Thronfolgerfrage in der Skupschtina. Was über das Leben und Treiben des Kronprinzen Georg bekannt ge­worden ist, qualifiziert den Erben dec Krone in vollstem Maße für die Unterbringung in einer Nervenanstalt. König Alexander, der letzte Obrenowitsch, bat gewiß kein einwand­freies Leben geführt. Aber eine gewiße Gutmütigkeit unter­scheidet ihn vorteilhaft von dem ältesten Sohne des Königs Peter, von dem derVoss. Ztg.* geschrieben wird, er sei in Serbien in einem Maße unbeliebt, daß die Auscollung der Thronfolgerfrage eme Gefahr für die Dynastie bedeute. Der Streit um die Zurechnungsfähigkeit des Kronprinzen berührt also den Stand des Regimes der Karageorgewitsch, dessen staatsrechtliche Legitimität schon an sich keineswegs über jeden Zweifel erhaben ift Das Ausland sieht sich genötigt, der

Entwicklung der Tinge in Serbien erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden, in erster Linie das politisch auf dem Balkan hervorragend interessirte Oesterreich-Ungarn, dessen Würde als Großmacht der frühere Minister Graf Goluchowsky Serbien gegenüber energischer hätte wahren sollen. Tas Versäumte will dessen Nachfolger, Frhr. v. Aehrenthal, offenbar nach­holen, im Einvernehmen mit dem anderen Balkanwächter Rußland und mit seinem Verbündeten Deutschland. Ter gegenwärtige serbische Ministerpräsident Pasitsch hat in seinem altradikalen Klub ganz ungeniert verkündet, daß Serbien sich wirtschaftlich und politisch von Oesterreich- Ungarn und Deutschland losreißen müsse, da diese ganz andere Interessen auf dem Balkan verträten. Deutschlands Juteressen dort sind bekanntlich nur handels­politischer und finanzieller Art. Aber es muß befremden, daß derselbe Herr Pasitsch so unfreundlich über Deutschland urteilt, an dessen Kaiserhofe er vor nicht langer Zeit ehren­voll aufgenommen wurde, und es muß des weiteren bedauert werden, daß jetzt ein Berliner Bankhaus sich bereit erklärt hat zur Uebernahme eines Teiles der neuen ser­bischen Anleihe.

Der Erwerb dieser Papiere kann dem deutschen Publikuin kaum empfohlen werden, es ist mit serbischen Fonds hinreichend versehen. Frankreichs Freigebigkeit gegen­über Serbien hat politische Gründe, denn Serbien übertrug seine große Kanoneubeslellung einer französischen Firma, und zudem legt sich die Regierung der Republik neuerdings auf Quertreibereien gegen Oesterreich-Ungain, unbekümmert darum, ob das dem russischen Verbündeten genehm ist. Am Ende hat sich Frhr. v. Aehrenthal in seiner Unterredung mit dem Fürsten Bülow für alle Fälle dec Erwiderung des Sekundante n bienfteS* deutscherseits versichert, den Oesterreich-Ungarm dem deutschen Verbündeten in Alge­ciras leistete. Es würde im übrigen den serbischen Gepflogen­heiten widersprechen, wenn das durch die neue Ausländs­anleihe beschaffte Geld im allgemeinen Volksinteresse Ver­wendung finden würde. Zum großen Teile dürfte es in den Taschen einflußreicher Politiker hängen bleiben, mit anderen Worten, zu Bestechungen dienen, nicht zuletzt, um in der Thronfolgerfrage den Interessen der gegenwärtigen Dynastie günstige Beschlüsse herbelzuführen. Das serbische Volk würde aber solchenStaatsstreichs wohl kaum ruhig hinnehmen.

*

Der amerikanische Staatssekretär 9loot

hielt in KansaS City eine Rede, in der er unter anderem Schiffahrtsslibsidien zur Förderung deS amerik. Außenhandels nach Südamerika befürivortete und sagte: Tie Vereinigten Staaten könnten den Schutzzoll- larif nicht alifheben. Keine heilige Allianz droht jetzt mit der Teilung Südamerikas, feine europäische Kolonisation an der Westküste droht unS jetzt vom Stillen Ozean abzuschlicßen, aber es bedarf keiner prophetischen Gabe um zu sehen, daß andere Gelegenheiten zur Anwendung der Lehre Monroes noch entstehen können. Der Grundsatz der Monroedoktrin ist ein ebenso weiser Ausdruck des heute geltenden gesunden politischen Urteils und eine ebenso wahre Kundgebung dec Gefühle und Instinkte des aineclkauischen Volkes, er ist noch ebenso lebenskräftig, wie es am 2. Dezember 1823 der Fall gewesen ist.

Root ging dann in seiner Rede auf die Möglichkeiten ziir Ausdehnung des Handelsverkehrs ein und erklärte: Obwohl England, Deutschland, Frankreich und Spanien bereits dort tätig seien, so biete Südamerika doch ein so reiches und ausgedehntes Gebiet dar, daß es mit zunehmender Einwanderung und Entwickelung einen Markt für den Handel der Welt liefern würde, wie dec Orient. Tausende von Deutschen ließen sich bereits in Südbrasilien nieder; die Deutschen sind in Brasilien höchst willkommen; sie sind dort ebenso nützliche und gute Bürger wie in Nordamerika. Er hoffe, daß noch viele Deutsche nach Brasilien gehen und mit ihren Bürgertugenden an dem Aufbau ihres Adoptiv-VaterlaudeS Mitarbeiten werden. Die Nordamerikaner sollten sich über die Bedürfnisse der Südamerlkaner unterrichten und ein Kreditsystem einrichten, das zu dem in besonderen Verhältnissen in Frage kommenden Gebiete passe. Sie sollten in jeder Hauptstadt, wo Kapital in größerem Umfange nötig wäre, eine amerikanische Bank gründen und Kapital zur Verbefferung der Verkehrsmittel anlegen, wofür er die Hilfe des Staates empfehlen würde.

Bon den Kolonialdebatten.

DiePost* erklärt, die Denkschrift über die Ko­lonien, in welcher Kolonialdirektor Dernburg das Programm niederlegen wollte, sei fertiggestellt und in Druck gegeben. Sie werde den Bundesrat wahrscheinlich demnächst beschäftigen. Nach demselben Blatte tritt demnächst im Kolonialamte die gemischte Landkommission für die Kolonien zusammen, welche aus Mitgliedern des Kolonialamtes, des Reichstages sowie aus Staatsrcchtslehrern besteht. Sie werde auch die Frage der Landgesellschaften und deren Heranziehung zu der sog. Kriegs st euer prüfen.

Der demnächst im Reichstag zur Beratung kommende N ach trag se tat für Südwe stafrila wird voraussichtlich an die Budgetkommission verwiesen werden. Tenn der Reichs­tag dürfte außer auf das Kolonialprogramm des Herrn Tecn- burg Wert legen auf die Erklärungen des Gouverneurs v. Lindequist, dessen Eintreffen also wohl vor der Beschluß­fassung über den Nachtragsetat abgewartet iverden wird. Gefordert find u. a. 6 0000 Mark für Beschaffung einer Kriegsdenkmünze. Der Reichstag wird diese Angelegen­heit kaum für dringlich erachten, da ja der Große Geniralstab in seiner Denkschrift feftfieüte, daß der Krieg noch keines­

wegs zum Abschluß gebracht ist. Sonst ist man nicht so schnell bei der Hand mit der Prägung von Denkmünzen. Die Regierung hat z. B. dem vom Reichstag geäußerten Wunsch auf Prägung einer Schiller-Denkmünze aus Anlaß der vorjährigen Säkularfeier keine Folge gegeben. Es ist nicht einzusehen, warum das für die Volksvertretung unabweisbare Sparpcinzip nicht schon im Nachtragsctat und auch bei kleineren Positionen durchgeführt werden soll.

AusLand.

Kopenhagen, 21. Nov. Der Landsting ver­handelte heule über den Entwurf der Regierung betreffend die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für die Kommunen. Der Führer der Frei konservativen, Graf Frys, erklärte, daß der Ausfall der diesjährigen Reichstagswahlen unzwei- dcutig die Sympathie der Bevölkerung f ü r den Regierungs- entmurf kundgetan habe und daß seine Partei die Kon­sequenzen daraus ziehen wolle.

Paris, 21. Nov. Nach der von einigen Blättern veröffentlichten Fassung lautete die infolge der Inter­pellation des Senators Gaudin de Villaine vom Minister­präsidenten Clemcnceau inbetreff der äußeren Politik abgegebene Erklärung folgendermaßen:

Ich sei ein Anhänger der englischen Politik, so sagen Sie, ohne irgendwas näher hinzuzufügen, und ohne, daß man weiß, was das eigentlich ist, und Sie benutzen dies, um Frankreich das große Unglück vorauszu sagen (Gaudin de Villaine unterbrechend: Ja oder nein, gibt es eine Militärkonv ention mit England?") Elemenceau fährt fort:Glauben Sie, daß ich eine solche Frage mit Ja oder Nein be­antworten kann? Obgleich der Minister des Auswärtigen nur wie allen seinen Kabinettskollegen Depeschen über­mittelt hat, von denen sich einige auf die englisch- französische Entente beziehen können, so habe ich die Frage nicht studiert: Gibt es eine Militärkonvention - Ich weiß es nicht, a"ber glaube es nicht. Sie haben sodann von Diktatur- und von Revanche-Mi­nistern gesprochen. Das ist ein Wort, welches aus­zusprechen Sie nicht das Recht hatten. Was soll ich Ihnen darauf erwidern: Wollen Sie, daß ich die Ge­sinnungen desavouiere, welche im Herzen vieler Franzosen sind? Tas ist es, was Sie zu verlangen wagen. (Leb­hafter Beifall lüiks.) Wollen Sie, daß ich Frank­reich b en schlimmsten Abenteuern ausliefere, indem ich sage, daß Sie Recht haben? Das ist eines guten Franzosen nicht würdig".

Die parlamentarische Gruppe der Schiedsgerichts» freunde beschloß, dem Minister des Aeußerri, Pichon, die hauptsächlichsten Beschlüsse zuzustellen, die im Juli 1906 von der interparlamentarischen Konferenz in London z u- gunften einer allgemeinen Beschränkung der Ausgaben für Heer und Flotte und Schaffung eines Friedensbudgets in jedem Lande gefaßt werden. Die Gruppe nahm das Projekt, permanente Schiedsgerichtskommissionen zur Schlichtung von Zoll- strelligkeiten gemäß der Bestimmung der Haager Konven- lioncn ins Leben zu rufen, wieder auf.

In 48 Departements fanden gestern die Jnven- tu rauf nahmen statt. In Landerneau und Ploudaniel sowie in Porest wurden die Türen der Kirchen zerbrochen. Einige ©enbarmen und Bauern wurden oerrouh- d e t und mehrere Verhaftungen sind vorgenommen worden. In Pomerole kam es zu Zusammenstößen in der Kirche, wobei ein Gendarm verwundet wurde. Auch hier wurden mehrere Personen verhaftet.

Während der Inventaraufnahme in der Kirche von Linselles wurde ein Offizier des 127. In­fanterieregiments am Kopfe verwundet. Sein Zustand ist ernst.

Alais, 21. Nov. Die Polizei verhaftete gestern einen etwa 36jährigen aus (Sognac stammenden Mann Namens Henri Mans, der von einer Frau bezichtigt wird, der Urheber des gegen den König von Spanien in Paris gerichteten Anschlags zu sein.

Madrid, 21. Nov. Wie dreEpoca* meldet, sollen sich in den Handelsvertrags-Verhandlungen zwischen Spanien und Deutschland Schwierigkeiten ergeben haben.

Wien, 21. Nov. Das Abgeordnetenhaus lehnte heute den Minoritätsantcag Tellinger betreffend die Ein­führung des Pluralwahlrechts in namentlicher Ab­stimmung mit 201 Stimmen gegen 143 Stimmen ab. (Demonstrativer Beifall dec Sozialdemokraten, Christlich- sozialen, Tschechen; Gegenrufe der Alldeutschen und des Zentrums).

Budapest, 21. Nov. Der Justizausschuß des Ab- geordnetenhauses verhandelte über die Petition bezüglich der Versetzung des Kabinetts Fejervary in den Anklage- zu stand und über den Antrag des Referenten Visontai, in dem die Handlungen des Kabinetts Fejervary als verfaffungs- widrig gebcandmarkt, aber von der Erhebung einer Anklage Abstand genommen und der Minister des Innern angewiesen wird, diesen Beschluß im ganzen Lande anzuschlagen.

Tanger, 21. Nov. Die spanischen Kriegsschiffe Pelayos undDona Maria de Molina* sind heute hier eingetroffen. Zehn Milizsoldaten plünderten mehrere Läden von Juden und versetzten die Bevölkerung in Auf­regung. In Aczila wird neuerdings eine Schreckensherr­schaft ausgeübt.