Nr. 201
Erstes Blatt
156, Jahrgang
Dienstag 28. August 1906
Erscheint täglich außer Sonntag«.
Dem GießenerAnzetger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Familien, blätter viermal in der
Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brü h l 'scheu Unioers.-Buch-u. Steindruckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei:
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Anzeiger Gießen.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger w '6**'
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Verantroortlich für den polit. unb aligcm, Teil: P. Wittko' für „Stadl und Land'' und ,®cud)l§jaale; Ernst Heß: für den An- zeigeitleil: HanS Beck,
2>te yeutige Kummer umfaftf 8 Setten.
Jahresversammlung der KandwsrKsKammer.
R. B. D a r m st a d t, 27. Mug.
Tie heute hier stattgehabte Jahres-Plenarversammlung der hessischen Handwerkskammer rvar von ca. 60 Mitgliedern aus den verschiedensten Landesteilen besucht; unter den Anwesenden bemerkten wir Ministerialrat Usinger, Ober- regierungsrat Dr. Wagner, Regiernngsrat Noack und Ge- werberat Reuter. Gewerberat Falk aus Mainz eröffnete die Sitzung. Ministerialrat Usinger dankte und führte dann aus, daß die Handwerkskammer es verstanden habe, mit weiser Wahl der Mittel und unter größter Schonung derselben sich auf ihre jetzige Höhe zu erheben, sodaß sie unstreitig mit an der Spitze der deutschen Handwerkskammern marschiere und bei diesen eine achtunggebietende Stimme besitze. Tas zu erreichen, war nur rnög- lich dank der vortrefflichen Leitung der Kammer und des gutgeschulten Personals. Ter Redner fordert die Kammer auf, auf dem bisherigen Wege fortzufahren, dann werde auch der Erfolg nicht ausbleiben. Er werde auch in seiner jetzigen Stellung ihre Bestrebungen in weitgehender Weise unterstützen und wünsche auch den heutigen Beratungen besten Erfolg. (Lebh. Beifall.)
Präsident Falk dankte für die freundlichen Worte und die Zusicherung ferneren Wohlwollens; er verspreche dafür, daß die Kammer, die auch besonders dem Staatskommissar Oberregierungsrat Dr. Wagner zu Tauk verpflichtet sei, der Regierung nur mit solchen Vorschlägen und Ansorder ungen kommen werde, die im Interesse des Handwerks notwendig und gerechtfertigt seien.
Nachdem sich die Versammlung dann zu Ehren des verstorbenen Mitgliedes Fürst-Tieburg von den Plätzen erhoben hatte, sprach der Vorsitzende den ausfcheidendcn Mitgliedern der Kammer Tank ans und begrüßte die neuen Kammermitglieder Reichel-Tarmstadt, Hieronymus-Friedberg, Allendorf-Mainz, Schauermann-Oberingelheim, Jung- Tarmstadt und Rupp-Worms.
Ueber die Tätigkeit des Vorstandes berichtete Syndikus Engelbach. Er führte aus, daß, wenn auch der einzelne Handwerker in den verflossenen 6 Jahren das Wirken der Kammer noch nicht am eigenen Geldbeutel verspürt habe, doch in vielen gewerblichen Fragen und in verschiedenen Gewerbszweigen wesentliche Verbesserungen gegen früher eingetreten feien und man immer mehr die Wohltaten anerkenne, welche die Durchführung des Handwerksgesetzes mit sich brachte. . Besonders einschneidende Äenderungen und Verbesserungen wurden auf dem wichtigen Gebiet des Lehrlingswesens getroffen, worüber der Jahresbericht näheren Aufschluß gibt. Turch die Anstellung zweier „Beauftragten^ sei die Gewähr für eine prompte Durchführung der reichsgesetzlichen und statutarischen Bestimmungen gegeben und das schnelle Anwachsen der Gesellen- und Meisterprüfungen beweise, daß auch beim Handwerker das Bestreben reger wird, seine Kenntnisse und Fähigkeiten durch entsprechende Prüfungen nachzuweisen. Dadurch werde auch ein besserer Nachwuchs herangebildet. Eine Hauptaufgabe sei auch, dem Kleingewerbetreibenden dre Vorteile der Großgewerbetreibenden möglichst zuzuführen und ihn zu befähigen, die Vorteile der heutigen Betricbssorm besser auszunutzen, daher die Errichtung der hessischen Handwerker-Zentralgenossenschaft. Tie Handwerkskammer habe auch die ehrenvolle Aufgabe, beim deutschen Handwerks- und Gewerbe- kammertag mitzuarbeiten, wodurch ihr Gelegenheit gegeben ser, außer den Interessen des Handwerkerstandes im engeren Vaterlande auch diejenigen des ganzen Deutschland mit zu vertreten. Die Tätigkeit werde aber um so wirksamer sein, wenn der Handwerkerstand einmütig und geschlossen hinter der Kammer stehe, zum Wohle des hessischen Handwerks und des lieben Hessenlandes. (Lebh. Beifall.)
Bei der Ergänzung der Kammer wurden wieder- resp. neugewählt: Rockel- Darmstadt, Jenson - Mainz, Maurermeister Karl Schwarz-Darmstadt, und für die ausgelosten Mitglieder: Falk-Mainz, Rockel-Darmstadt, Schneidermeister Schmitt-Worms und Buchbinder- meister Maudt-Lauterbach. Zum Vorsitzenden wählte die Kammer einstimmig und unter lauten Beifallskundgebungen wiederum Gewerberat F a'l k - Mainz, nachdem ihm Grün e- wald-Babenhansen Dank für feine bisher dem Handwerk ersprießliche Tätigkeit ausgesprochen. Ter Gefeierte versprach auch fernerhin dem Handwerk, das seit fünf Generationen in seiner Familie zu Hause sei, feine ganze -Lebenstätigkeit zu widmen. Nach der Neuwahl verschiedener Ausschußmitglieder erfolgte einstimmig auf 12 Jahre die Wiederwahl des bisherigen Syndikus En g e lb a ch , dessen Tätigkeit neben einer angemesseneren Gehalts auf- b e s s e r u n g auch von verschiedenen Seiten Dank und Anerkennung gewidmet wurde.
Tie Jahresrechnung für 1905, die mit eurer Einnahme von 34 453 und mit einer Ausgabe von 33 498 Mk. schloß, wurde genehmigt, ebenso der Haushaltsplan für 1907, der in Einnahme und Ausgabe mit 30 100 Mk. schließt Zur Deckung der Ausgaben soll i/4 Pfg. mehr im Jahr pro Kopf der Bevölkerung erhoben werden.
Nachdem die Versammlung der Errichtung und Bestätigung weiterer Gesellenprüfungsausschüsse zugestimmt, entspann sich noch eine längere, lebhafte Debatte über die Abänderung der Vorschriften bezüglich der Höchstzahl der im Schlossergewerbe zu haltenden Lehrlinge. Während sich die Meister für die Erhöhung der Lehrlingszahl von 2 auf 3 für Meister ohne Gesellen, für solche mit 2 Gesellen auf 4, mit 5 Gesellen auf 5 und mit 8 Gesellen auf 6 Lehrlinge, sowie eine Höchstzahl von 8 Lehrlingen aussprachen, wurden von anderer Seite Bedenken dagegen erhoben Ter Antrag gelangte jedoch, schließlich mit allen
gegen die Stimmen von drei Meistern und den Mitgliedern des Gesellenausschusses zur Annahme, ebenso ein weiterer Antrag des Vorstandes, betr. einen Zusatz zu § 14 der Mei st er Prüfungsordnung.
Nach Erledigung einiger weiterer gewerblicher Fragen schloß die Versammlung, der sich ein Essen im „Prinz Karst" anschloß.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Aug. Der Kaiser, die Kronprinzessin von Griechenland und Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen sind heute mit Sonderzug auf Wildparkstation ein» getroffen und von der Kaiserin empfangen worden. Nach herzlicher Begrüßung begaben sich die Herrschaften in Antv- mobilen nach dem Neuen Palais, wo der Kaiser die Vorträge des Chefs des Zivilkabinetts, des Chefs des Generalstabes der Armee und des Chefs deS Militärkabinetts hörte.
— Der Kronprinz und die Kronprinzessin sind heute von Oels im Marmor-Palais eingetroffen.
— Großfürst Wladimir Alexandrowitsch ist zu den Tauffeierlichkeiten hier eingetroffen.
— Reichskanzler Fürst Bülow reiste heute abend von Norderney nach Potsdam ab.
— Der französische Minister des Innern, Clömenceau, ist heute abend hier eingetroffen.
— Wie in den letzten Tagen mitgeteilt wurde, hätten auch noch andere, dem Oberkommando der Schutztruppe zugeteilte Offiziere zu der Firma Tippelskirch in unerlaubten Geldbeziehungen gestanden. Wie die B. Z. erfährt, handelt es sich bloS um einen subalternen Offizier, dem durchaus kein strafbares Verschulden, sondern Unüberlegtheit vorgeworfen werden kann. Der Offizier, der sich übrigens in sehr guten Verhältnissen befindet, hatte zudem bei der Firma Tippelskirch ein Guthaben, das er mit der Zeit völlig aufbrauchte und schließlich überschritt. Er gab jedoch der Firma als Deckung für den schuldigen Betrag von einigen Tausend Mark Wertpapiere in der gleichen Höhe. Amtlich hatte er mit der Firma nichts zu tun, sodaß gegen ihn eigentlich nichts belastendes vorliegt. Die Untersuchung gegen Major Fischer ist noch nicht beendet. In sehr gut informierten Kreisen, bei denen ein Irrtum völlig ausgeschlossen erscheint, erklärt man, daß die Firma Tippelskirch vor dem Ergebnis dieser Untersuchung geradezu erschrecken werde. Es scheinen mehr belastende Dinge heroorgekornmen z» sein als die Firma sich träumen läßt. Auch die Prüfung der Rechnungen dec Firma habe, wie bestimmt verlautet, ein für sie sehr ungünstiges Ergebnis gehabt. Fest- gestellt sei, daß die Firma durch zu hohe Ansätze den Staat um viele Millionen geschädigt habe.
— Woran der böse Liberalismus" die Schuld trägt, das erfährt man aus einer Notiz des in Hechingen erscheinenden katholischen „Zoller", der sich folgende Stilblüte leistet:
„Durch sogenannte „liberale" Einflüsse verliert die heutige Jugend den Glauben und die Liebe zur Religion und Kirche, verlacht und verhöhnt diese und ergibt sich einem l ü der 1 ichen Lebenswandel, der dann manchmal im Z n ch t h a n s oder aui dem Schaffst sein Ende sindet, in aristokratischen Kreisen vielfach im Duel I."
©nefen, 28. Aug. Die in ©tiefen zum Bundesfest versammelten Mitglieder des Bundes der Landwirte drückten dem Landwirtschaftsminister von Podbielski in einem Telegramm ihr „vollstes Vertrauen" ans.
Düsseldorf, 28. Aug. Oberpräsident Freiherr von Sch orte mer wurde telegraphisch nach Berlin berufen. Man glaubt, daß es sich um die Nachfolgerschaft für den Minister von Podbielski handelt.
Deutsch-Afrikanisches.
Berlin, 27. Aug. (Amtliche Meldung.) Nachdem Haupt- m a n n Bech am 18. Aug. eine starke Abteilung Hottentotten bei Noibis südlich der Naraobberge geschlagen hatte, sehke er mit seiner Abteilung, bestehend aus der 1., 8. und 9. Kompagnie des 2. Feldregiments und der 7. Batterie, die Verfolgung nnunterbrochen fort. Er stellte den Gegner am 22. Aug. bei dlos int Bak-Revier in den östlichen Ausläufern der Großen Karasberge und warf ihn aus starker Stellung. Die Verfolgung wird fortgesetzt. Die Verluste des Feindes sind noch nicht zu übersehen. Unsererseits ist e i n R e i t c r s ch w e r u n d einer leicht verwundet worden. — Im Südwesten des Schutzgebiets griff Hauptmann vonBentivegniam Nachmittag des 20. Aug. mit der 4. und der 6. Kompagnie des 2.Feld- regiments, zwei Gebirgsgeschützen und zwei Maschinengewehren in der Gegend zwischen 'Violsdrift und Uhabis eine Bande von etwa 50 .Hottentotten an. Ter Gegner war anscheinend im Begriff, nach dem Großen Fischfluß zu ziehen. Er floh nach kurzem Gefecht in die Orangebcrge und ließ seinen Vorrat von Kleidern, Proviant, Lagergerät und Munition in unseren Händen. Von der deutschen Abteilung wurden zw ei sch w er und zw ei leicht ver wund et. Hauptmann v. Bentivegnt verfolgte den Gegner bi* an den Orange und stellte fest, daß er über den Fluß auf englisches Gebiet geflüchtet fest Der Kapppolizei wurde hiervon Mitteilung gemacht. Oberst v. <Smm« liug ist in Ramansdrift eingetrofscn.
Ausland.
Haag, 27. Aug. Um dafür Sorge zu tragen, daß nur Fleisch von guter Beschaffenheit zur Ausfuhr gelangt, brachte die Regierung einen Gesetzentwurf ein, wonach das zur Ausfuhr kommende Fleisch mit einem amtl. Stempel über erfolgte Fleischbeschau versehen sein muß. Zuwiderhandlungen gegen dies« Vorschrift sollen der Bestrafung unterliegen.
Wien, 27. Aug. Lius Triest tvird berichtet: Die g riech. Regierung bestellte in der Fabrik Steyer hunderttausend Mannlicher- Repetiergew eh re für die griechische Armee, mit deren Lieferung bereits begonnen wird. Noch im September soll die Bewaffnung deZ griechischen Heeres mit den neuen Gewehren vollendet sein.
— Arnauten aus Ipek überfielen einen Montenegriner auf montenegrinischem Gebiet, ermordeten ihn, schnitten ihm den Kopf ab, der vom Pöbel in Ipek im Triumph umhergetragen wurde, bis ihn ein Montenegriner in Ipek begraben ließ. Der Vorfall erregt große Aufregung in Montenegro.
Newyork, 27. Aug. Aus St. Louis wird gemeldet, daß der dortige Stadtrat in der nächsten Sitzung beschließen wird, Kaiser Wilhelm formell e i n z u l a d e n, die Stadt St. Louis zu besuchen.
Havanna, 27. Aug. Die Regierung teilt mit, daß das frühere Kongreßmitglied Carlos Mendieta, der Führer der Liufständischen in der Provinz Santa Clara, gefangen genommen worden ist. Mendieta trug 8000 Doll, bei sich. Oberst Aranda, der Mendieta begleitete, wurde ebenfalls gefangen genommen.
Mrche und Schule.
— Pfarrer Koch in B erft a b t j-. Pfarrer Kullmann in Altenschlirf übersandte der „Frkf. Ztg." einen Nachruf auf seinen soeben verstorbenen 9(ml§ircunb Pfarr"r Gustav Koch in Berstadt, dem das genannte Blatt folgendes entnimmt: In Hessen ist in jungen Jahren ein Alaun aus dem Kreis der Lebenden geschieden, der feinem Land (unb noch mehr feiner Kirche große, Unschätzbare Dienste hätte leisten können. Ich sage vorsichtig „können", um. auch die nicht zu verletzen, die theologisch, kirchlich und politisch weit ab uon seiner festen, Wissenschaft!ich sicher aufgebaulen 9ln= schauuna waren. Theologisch war er gerüstet mit dem festen, horten Rüstzeug der Wissenschaft, das ans den Täuschungen und Irrungen dieser Erde unerbittliche Wahrheit gräbt, und gar manchem Orthodoxen gab er — der objektive (Wegner — die Waffen, zum sachlichen Streit in die Hand. Sein Wissen war ihm Befehl zur Toleranz, sein Glaube kein Kirchenglaube, der nm Buchstaben klebt; ein Zweifeln wars, das zur Klarheit führt. Kirchlich fpielte er keine Rotte unb wollte sie nicht mieten in Zeitläuften, wo fo leicht der größte Schreihals der hefte Musikant ist. Ruhig und fest sah er' allen kirchlichen Problemen ins Ange, durchdrungen von dem in unserer Zeit so ungeheuerlichen Gedanken von der Notwendigkeit absoluter Freiheit der Kirche. Nur von» freien fDlännern erhoffte er eine andere, bessere Zeit. Politisch ein Schüler und Jünger Friedrich Naumanns, trat er zwar in letzter Zeit nicht mehr öffentlich hervor, sein Wahlspruch blieb aber: „Wahrheit, Freiheit unb Recht" — ein Wahlspruch, dem er als deutscher Bauernsohn in dieser oder jener Richtung kräftigen, herzbewegenden Ausdruck verlieh. Kämpfet! — so ruft fein stilles, ruhiges Grab.
, Was wirb in Kußland?
„Das Todesurteil über Stolvpin war längst gefällt, und der Minister ist durch die Schreckenstat offenbar nicht überrascht worden. Ahnungslos war einzig und allein die Petersburger Polizei."
Sv schreibt das „Bert. Tagebl." Wenn das zutrifft, dann erklärt es sich, daß Stolypin nach dem furchtbarem Ereignis in seiner eigenen Villa Minister bleibt, getreu dem' Vorsatz, mit dem er als Minister des Innern in die Regierung eintrat, „sich weder durch Drohungen noch durch Gewalttaten der Revolutionäre schrecken zu lassen."
Nach einar' Petersburger Meldung der Wiener Polit. Korrcsp. hat Stolypin bereits für den Fall einer erfolg- reichen Wiederholung des 'Attentats durch ein politisches Testament dafür Sorge getragen, daß sein Regierungs-Programm dem vom Zaren zu ernennenden Nachfolger erhalten bleibt, damit dem Zaren keinerlei Schwierigkeiten entstehen und einer etwaigen Störung des staatlichen Mechanismus nach Möglichkeit vorgebeugt wird.
Man behauptet, bei (Ernennung eines parlamentarischen Ministeriums sähe sich die Revolution am1 Ziel. Ter Zar könnte also nach dieser Auffassung seinem Lande sofort den inneren Frieden wiedergeben, wenn er unter Ersetzung des Ministeriums Stolypin durch ein p a rl a m e n t a r. K a» binet die Reichsduma einberiefe und ihr für freiheitliche Reformen den Weg öffnete. Diesen Gedanken in die Tat umzusetzen, ist der Zar schwerlich in der Lage, denn durch die Gefahr einer Palastrevolution seitens der „weißen Liga" sind ihm nach der anderen Seite Schranken, gezogen. Eine Palastrevolution würde das Leben des Zaren unmittelbar bedrohen, also muß es begreiflich erscheinen, wenn er vor entschlosiencr Ersiillung der Forderung des Liberalismus zurückschreckt, ganz- abgesehen davon, daß Rußland für den Liberalismus längst nicht reif ist. Aber die Wiedereinberufung der Duma' wird er beschleunigen müssen, es ist wohl die einzige Vtög-> lichkeit, der systematischen Wiederholung revvluttonärer! Mordtaten vorzubeugen. Hier handelt es sich nicht um Nachgiebigkeit und Entgegenkommen der Regierung, fon* beruht m die Erfüllung einer Zusage des Zaren, die Stolypin zu respektieren hat.
Ein Befürworter des' Säbelregiments, gleichzeitig ein Führer der „weißen Liga", General M i n n, ist in unmittelbarer Nähe der Sommerresiden^ des Zaren den Revolverschüssen eines fanatisierten Mädchens zum Opfer! gefallen. Tas treibt allerdings Wasser auf die Mühlen des Generals Trepoff und seiner einflußreichen Parteigänger bet Hofe, umsomehr, als die Ermordung Minns beweist, wie die Vollstrecker revolutionärer Todesurteile, ihren Kreis immer enge r um das Zaren sch loß ziehen. Eine andere Frage ist freilich, ob die Di^ipltn mt Heere ausreicht zur Durchführung der Militärdittatur.
Tie Mörderin Minns wurde verhaftet. Man fand bei ihr noch eine Bombe. Der Eleneral, ein oljähr./ Wann, zeichnete sich besonders mit seinem Regiment bei


