Ausgabe 
27.8.1906 Zweites Blatt
 
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kvatrfch' ser es gewesen, den Beschluß der Vertrauensmänner vorher zu veröffentlichen, bevor die Kreiskonferenz ge­sprochen Hütte, deren freier Entschließung damit vorgegriffen wurde.

Knobloch-Darmstadt: Wir hätten den Genossen Gramer längst zum Deufel gejagt, wenn wir wicht so tzut geschulte Parteimitglieder wären. Seit langem schon war der Anstand in Darmstadt unhaltbar. Schluß an trag wird angenommen.

Der Antrag, die noch vorrätigen Handbücher, soweit der Vorrat reicht, an die agitatorischen tätigen Parteigenossen kostenlos abzugeben, wird angenommen, ebenso ein Antrag, den Beschluß der Mzeyer Konferenz auf Herausgabe eines M'ai-Flugblattes auszuführen.

Die Sonntagssitzung beginnt um 8 Uhr mit der Be­ratung über die Parteipresse.

Tas Referat des 'Mg. Dr. David über den Partei­tag in Mannheim beschränkte sich auf die Frage des Massenstreiks. Seine "Ausführungen gipfelten in folgender Resolution:

,^Jn der Erwägung, daß zur Anweisung und erfolgreichen Durchführung eines politischen Massenstreiks die Mitwirkung der Gewerkschaften ganz unentbehrlich ist, spricht die hessische Landes­konferenz die Erwartung aus, daß die Verhandlungen des Mann­heimer Parteitags zu Beschlüssen führen möchten, die eine Ver­ständigung mit den gewerkschaftlichen Organisationen erleichtern. Um für die Zukunft in allen die Partei und die Gewerkschaften berührenden Fragen von vornherein Gegensätze möglichst äuszu- gleichen und einheitliches Handeln zu sichern, hält es die Landes­konferenz für notwendig, daß eine ständige Verbindung zwischen den obersten Leitungen von Partei und Gewerkschaften hergesteUt wird."

Jtr der Diskussion wandten sich verschiedene Redner gegen Davids Ausführungen, diewässerig" gewesen seien. Die Diskussion war zwar breit 'und nrußte wieder durch Schlußantrag beendet werden, im übrigen aber, wie David konstatierte, unfruchtbar. Er habe nicht ge­raten, die Ohren hängen zu lassen, sondern gemahnt, an den Erfolg zu denken. Wo schweigt die Sozialdemokratie? Die schreit, schreit, schreit! (Große Heiterkeit.) Mit der revolutionären Taktik habe man systematisch den Kreis der Änh äug'er verengert. Tun wir nicht so, als ob wir für uns die Welt erobern konnten. Weniger große Worte und mehr unverdrossene Taten.

Tie Rest)lution wurde einstimmig angenommen. Ferner auch der Vermittelungsvorschlag der Neuner-Kommission über die Festsetzung des Beitrags auf 15 Pfg. Monatlich.

Mg. Adelung referierte über die Tätigkeit der sozialöem. Landtagsfraktion.

Die TaktikbeiKommunalwahlen erörtert Mg. ülrich. Er schlug folgende Resolution vor, in der es heißt:

Die Landeskonferenz erklärt, daß cs strengste Pflicht der Genossen ist, daß bei allen Kommunalwahlen jeder Kom­promiß vermieden und selbständig vorgegangen wird durch Aufstellung ausgesprochener und erprobter Partei­genossen als Kandidaten. Da aber die Aufstellung derartiger zuverlässiger und unentwegter Genossen zur Zeit nicht immer möglich ist, so kann in be­sonderen Fällen durch ausdrücklichen Beschluß der berufenen In­stanzen, von der Regel der Aufstellung eigener erprobter Genossen als Kandidaten, abgesehen werden. In solchen besonderen Fällen ist aber streng darauf zu sehen, daß nur solche Kandidaten unsere Stimmen erhalten, welche Gewähr dafür bieten, daß sie sich nicht als Scharfmacher gegen die Arbeiter betätigen oder ihre Wahl bie Wahl eines anderen gehässigen Gegners verhindern. Ferner will die Landeskonferenz, daß sowohl die in der Land­gemeinde- wie in der Städte-, Kreis- und Provinzialordnung vorhandenen Bestimmungen beseitigt wissen, die ein U e b e r - gewicht oder ein Privilegium des Besitzes dar­stellend ebenso haben alle sozialdemokratischen Gemeindevertreter die Pflicht, gegen die in den Gesetz-Entwürfen betreffend Aenderung der Landgemeinde- und Städteordnung auftechterhaltenen Bc- Itimmungen bezüglich des Bestätigungsrechtes der Regierung bei Bürgermeister- und Beigeordnetenwahlcn, Stellung zu nehmen.

Hinsichtlich der Forderung der Gemeindebeamten und Volks­schullehrer das Recht, zum Gemcinberat bezw. Stadtverordneten gewählt zu werden betreffend, ist die Landeskonferenz der Ansicht, daß diese Forderung vollauf berechtigt ist, und hält es für die Pflicht der sozialdemokratischen Vertreter im Landtag, in der Richtung dieser Forderung zu wirken.

, Ein Mmewdement Adelung wünscht Streichung des Satzes, daß jedes Kompromiß vermieden wenden soll.

Das ^Amendement wird gegen eine ansehnliche Minder­heit angenommen.

Das bisherige Landeskomitee wird wieder- gewählt. Zwm Ort dernäch sten Landeskonferenz wird Friedberg bestimmt.

Der deutsche Tag in der Ostmark.

Marienburg, 25. August.

Hier begeht heute der deutsche Ostmarken-Verein seine Versammlung. Alle Hotels sind überfüllt. Dabei ist noch eine ganze Reihe Sonderzüge eingelegt. Die eigentlichen Versammlungen wurden heute mit einer Sitzung des Haupt­vorstandes eingeleitet, der au§ zirka 40 Mitgliedern besteht. SDic wichtigste der schwierigen praktischen Aufgaben mar die Zuführung deutschen Blutes in die ostmär tischen gewerbetreibenden Kreise durch Ansiedelung tüchtiger deutscher Handwerker. Seitens der vor Kurzem gegründeten Gewerbe-Auskunftstclle wurden in dieser Richtung schon bemerkliche Resultate erzielt und mancher deutsche Handwerker in der Ostmark angesiedelt. Ebenso schwierig war die weitere Heranziehung deutscher Aerzte, Tierärzte, Apotheker und Rechtsan­wälte. Auch hier ist es, wenn auch nur langsam, Schritt für Schritt vorwärts gegangen.

Der Gesamtausschuß beschloß einstiinmig eine Resolution, die die Auffüllung des Ansiedlungsfonbs und die Verleihung des Enteignungsrechtes durch königliche Verordnung auf Grund des Enteignungsgesetzes an die Ansiedlungskominission in be- stiminten Fällen für unerläßlich erklärt.

Der Ostmarkenverein sandte an den Kaiser und den Reichs­kanzler Huldigungstelegramme. Darauf gingen nachstehende Antworten ein:

Ich habe den freundlichen Gruß des auf historischer Stätte versammelten Deutschen Ostmarkenvcreins mit Freuden entgegcn- genommen und spreche allen dortigen Patrioten Meinen wärmsten Dank mit der Versicherung aus, daß Ich die treue und aner­kennenswerte Arbeit auch ferner mit Meinen besten Wünschen be­gleiten werde. Wilhelm.

Das Telegramm des Reichskanzlers lautet:

Ich danke dem Deutschen Ostmarkenverein für sein freund­liches Begrüßungstelegramm. Fest entschlossen, an der bisherigen Ostmarkenpolitik festzuhalten, rechne ich auf die treue Mitarbeit der dortigen Deutschen, um die bei dem Deutschtum im Osten gesteckten Ziele zu erreichen.

Aus Stadt rind Land.

Gießen, den 27. Aug. 1906.

* Ernannt wurden die Rcgierungsbauführer Georg Drossel aus Nürnberg, Eugen Feuchtmann aus Darm­stadt, Georg Kalbfleisch aus Darmstadt, Erwin M e i s i n g e r aus Offenheim, Karl Pietz aus Darmstadt, Wilh. Ilsen er aus Lützelhausen i. Els., Ludwig Vogt aus Butzbach zu Negierungsbaumeistern.

Gonsenheim bei Mainz, 26. Aug.S)ie Bewohner von Gonsenheim sind ein Volk, das Becker heißt!" so schrieb ein kürzlich in Mainz auf einer Informationsreise an­wesender Franzose in sein Tagebuch. Der gute Mann hat recht mit dem, was er meint. Nach dem Adreßbuch sind nämlich gegenwärtig nicht weniger als 202 Haushaltungs­vorstände mit dem Namen Becker in unserer Gemeinde an­sässig. Rechnet inan nun durchschnittlich jede Familie dieses Namens zu sechs Personen, was bei der Fruchtbarkeit der Beckerschen Sippe nicht zu hoch gegriffen ist, so beherbergt unsere Gemeinde gegenwärtig mindestens 12 00 Personen mit dem Namen Becker, das sind 20 Prozent der ein­heimischen Bevölkerung. Aus diesem Grunde ist es auch be­greiflich, daß neulich, als auf einem Mainzer Bureau zwei junge Leute Verwendung fanden, die Tatsache auffiel, daß der eine aus Gonsenheim war und nicht Becker hieß, der andere dagegen Becker hieß, aber nicht aus Gonsenhciiu war.

* * Kleine Mi 1 tc -1n u a e n n 5 Hessen und den 9t a ch b a r st a a t c n. Fräulein Kartbaus in Weilburg, die dem Prinzen Eitel Friedrich bei der Tausendjahrfeier einen Blumen­strauß überreichte, erhielt eine goldene Brosche mit Namenszug. Ein schwerer A u t omobilnnfall ereignete sich in Weilburg. Ein mit 6 Insassen besetztes Automobil kam in flottem Tempo die Straße herunter. Da versagte die Bremse, sodaß der Lenker die Kurve nicht nehmen konnte; insolgedessen stürzte das Automobil und sämtliche Insassen wurden herausgeschlendert. Eine Dame und ein Knabe erlitten Gehirnerschütterungen und ein Herr starke Verletzungen am Knie, die übrigen kamen mit Haut­abschürfungen davon. Das Automobil war vollständig zertrümmert. Die Verletzten mürben ins HotelNassauer Hof" gebracht und in ärztliche Behandlung genommen. In Wetzlar soll demnächst der Entwurf einer W e r t z u w a ch s st e il e r o r d n u n q im Stabt- verordnetcnkollegiilm zur Vorlage kommen. In Oberbiel brach in dem Anweien des Herrn Wilh. Lotz auf unaufgeklärte Weise Feuer aus. Die mit Heu gefüllte Schelme rmd der Stall fielen dein Element zum Opfer. D i e Mitgift der Tochter verlor in Mainz der Althändler Jagla. Er hatte eine Schuld von 7400 Mark eisikassiert, um das Geld seiner Tochter bei ihrer Heirat mitzugeben. Als er heim kam, nachdeul er zllvor noch eine Weinwirtschaft ausgesucht hatte, war das föcib spurlos verschwunden. Einen geheimnisvollen Fund machten in Rheindürkhci in bei Worms die Erdarbeiter beim Ausqraben eines Fundaments in der Hofraite eines vor einigen Jahren verstorbenen Kirchen­dieners. Nur 60 Ctm. tief unter der Erbe stieß man auf eine ziemlich gut erhaltene Ai an n es l eiche ohne Sarg. Der Funb rvurde soiorl ber Bürgermeisterei gemelbet, bic bas Kretsamt Worms davon verständigte. Untersuchung ist eingeleitet. Ein auf der B r a u t s ch a u" befindlicher Junggeselle, von Beruf Dienst- knecht im Alter von 62 Jahren machte vorige Woche die

Sie ZZürgermeisterwahl in Langsdorf.

Wie uns eine Drahtnachricht vom SamStag nachmittag meldete, die wir alsbald dltrch Aushang bekannt gaben, ist der Landtagsabg. Philipp Köhler in Langsdorf bei der Langs- dorfer Bürgermeisterwahl am 25. ds. Mts. seinem Gegen­kandidaten Schiel unterlegen. Köhler erhielt nur 5 5, Schiel aber 128 Stimmen.

Köhler hatte seine Niederlage selbst vorausgesagt. In derHess. Beamtenztg." vom 20. d. M., die uns von einem Gießener Herrn gütigst zur Verfügung gestellt worden ist, giebt er eine, freilich recht persönliche, Art von Gutachten über den neuen Landgemeinde-Ordnungsentwurf ab. Als Gutachter ist er höchst vorsichtig, um so volltöniger spricht er über seine eigene, nun verflossene Führung des Langsdorfer Bürgermeisteramtes. In Württemberg, so erzählt er, habe man keine guten Erfahrungen mit dec Lebenslänglichkeit des Landbürgermeisteramtes gemacht und sie daher abgeschafft, und er fährt dann wörtlich fort:

Ich selber weiß ein Lied, zwar kein hohes, aber ein solches, das Steine erweichen, Menschen rasend machen könnte, ans meiner Amtszeit von 9 Jahren zu fingen; wie ich an gemein bet wnrbe wegen all ber neuzeitlichen Verhältnisse, bie ich herzustellen bestrebt war, gegen eine rückstänbige, störrische und in Haß und in der Rachsucht verbissenen Mehrheit in einer Ge­meinde, die mir stets mit der Nichtwiederwahl drohte, die ich aber dennoch mit Glacshandschnhen anfassen sollte, was ich selbst­verständlich als gerader Mensch nicht zu tun vermochte. Und darum ist es f a st als sicher v o r a u s z u s e h e n, daß man am 25, August mir den Stuhl vor die Tür setzen wird."

Er zitiert daun ein schönes Goethe-Wort von der widerwärtigen Majorität", die aus Schelmen und Schwachen und dec Masse,die nachtrollt, ohne nur zu wissen, wa§ sie will". Er seischlecht und gerecht, ohne Schmeichelei und nach modernen Prin­zipien zu verwalten bestrebt" gewesen; er habeohne Rück­sicht auf Macht oder Ansehen einer Person die Polizei walten lassen nur nach der einzigen Richtschnur, die da heißt: Unparteilichkeit und Gerechtigkeit."

Die von Herrn Köhler hier wahrlich nicht mit Glace­handschuhen angepackte Majorität ist doch wohl anderer Meinung, und so muß denn dermildeste und gerechteste" der Langsdorfer, der fonnenäugigcBaldr", mit dem er bekanntlich sich selber bescheidentlich verglichen hat und den er nach altnordischer Form ohne e schreibt, demblinden Hödur" Schiel im. Regiment über den Ort Langsdorf weichen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Langsdorfer nach ihrem abgefetzten Sonnenkönig zurückfehnen werden.

Man schreibt uns heute aus Langsdorf:

Am Wahltag war ganz Langsdorf mobil, die Wahlbeteilig­ung war sehr lebhaft, nur wenige Wähler enthielten sich der Abstimmung. Baldr, Hödur und Loki waren an den Wahltagen Schlag Wörter seiner (Gegner, Worte, die mancher Bauer früher nie gehört hatte. Von Interesse ist auch ein Wahl­aufruf von Köhlers Gegnern, unterzeichnet:Loki und Ge­nossen". Ec zeigt cinerscits bic Erbitterung ber Wähler, anberer- seits aber auch, wie bie Bauern auf KöhlersGötterkampf" mit Ironie eingehcn. Der Aufruf besagt u. a.: bie Steuer sei von 1500 Mark auf 9000 Mark gestiegen und ca. 30 000 Mark Gemcinbevermögen feien cingebrockt worden. Zum Schluffe heißt es wörtlich:Wir müssen kämpsen gegen den Lichtgott von Langs- dors, es sei denn, daß er von seiner Höhe herabstiege und wirt­schafte wie ein gewöhnlicher, vernünftiger Mensch."

Von anderer Seite wird uns folgendes geschrieben:

Es bleibt jetzt Herrn K. immer noch ein großes Arbeitsfeld übrig. Er ist noch Landlagsabgeordneter und zweiter Vorsitzende des Landtags, Oekonom, Postvcrwalter, Kaufmann und noch ver­schiedener Vertrauensposten. Ferner ist Köhler Kandidat für die hessische Landwirtschastskammer. Mer auch als Reichstagskandi­dat wird Köhler 1908 wieder austreten.

Bekanntschaft einer jungen Schönen. Da nun bekanntlich auf bet Brautschau" das nötige Kleingeld nicht fehlen darf, so steckte der heiratslustigejunge Mann" seine sauer ersparten 1200 Mark zu sich, die der Großstädterin wohl gefallen haben mögen, denn sie verstand es, ihremHerzallerliebsten" währenb der Tour nicht weniger als 700 Mark abzulocken. Tas Pärchen besuchte auch Worms, und von dort aus suchte nun diejunge Dame", nachdem sie sich zum Abschied noch einen Hundertmarkschein erschwindelte, das Weite. Bei M u s ch e n h e i m fand man in der Wetter die Leiche des Forstwarts Weisel. Ob Unfall oder Selbstmord vorliegt, steht noch nicht fest. Lehrer Stoppel in E i ch e rr (Nidder) tritt am 7. Oktober in den Ruhestand, nachdem er 52 Jahre im Schuldienst tätig war. In E i ch e n starb der Bürgermeister L a u b a cl) im Alter von 71 Jahren. Er war 29 Jahre Orts- überhaupt und gehörte auch dem Kreistag an.

Der Mordversuch im Darmstädter Gefängnis.

(Ausführlicher Original-Bericht.)

R. B. Darmstadt, 24. August.

Die Ferien-Strafkammer hatte sich heute mit jenem ruchlosen Morbversuch im Gefängnis zu beschäftigen, der am 28. Mai d. I. von vier jugendlichen Verbrechern ausgeübt wurde und dem beinahe ein Menschenleben zum Opfer gefallen wäre. Die in der Jugend­abteilung des Provinzialarresthauses wegen verschiedener Straf­taten mit Gefängnis von 9 Monaten bis zu 5 Jahren verurteilten Gefangenen : Taglöhner Joh. Gotha aus Bürstadt, Arbeiter Max K u o ch aus Aue, Spengler Karl Fr. W i ß m a n n aus Bürgel und Bäcker Franz Jahn aus Hundsheim hatten von langer Hand einen Plan vorbereitet, um aus dem Gefängnis auszubrechen. Sie verabredeten, daß Gotha abends nach 7 Uhr, wenn der Verkehr im Hause geringer war, plötzlich Spektakel machen sollte, durch welchen der Oöerausseher Platz, der allgemein als em aus­gezeichneter, höchst wohlwollender Beamter geschildert wird, herbei gerufen werden würde. Dann sollte ihm Gotha klagen, daß das Fenster nicht schließe, und wenn dann der Beamte in die Zelle trat und sich mit dem Fenster beschäftigte, sollte ihn Gotha mit einem aus dein Holzkeller entwendeten Beil niederschlagen. Genau nach demProgramm" kam auch die Tat zur Ausführung. Nach­dem Gotha den wuchtigen Beilhieb auf den Schädel des Beamten getan halte, sank derselbe bewußtlos zu Boden, Gotha entriß ihm den Schlüsselbund und schloß den Unglücklichen in die Zelle ein. Er öffnete dann leicht die Zellen seiner Komplizen und diese brachen nun gewaltsam in die Stube eines Aufsehers ein, um sich die Schlüssel zu dem Speicher zu holen, auf dem die Privatkleider der Verbrecher aufbewahrt wurden. Ta die Schlüssel aber nicht zu finden waren, beschlossen sie, in der Anstaltskleidung zu entweichen. Sie wareii auch aus dem zweiten Stock bereits auf öem Gefängnis­hofe angelangt und gedachten mittels Geraten aus der Turnhalle die hohe Plauer zu übersteigen, fanden aber den nässenden Schlüssel nicht. Inzwischen hatten aber die Anwohner Hilferufe des Ver­letzten gehört und die Wache alarmiert, worauf die Verbrecher schnell ergriffen wurden. Der Oberauffeher hat durch den Beilhieb eine schwere Schädelverletznng erlitten und bis zum 16. August im Spital liegen müssen. Er konnte aber heute mit dicht verbundenem Kopf dem Anfang der Verhandlung beiwohnen und im Sinne der Anklage feine Aussagen machen, doch ist sein rechter Arm noch immer stark gelähmt. Mit welchem Raffinement die Angeklagten zu Werke gingen, zeigt der Umstand, daß sie bereits vorher die elektrischen Schellendrähte durchgeschnitten hatten. Während Gotha und Knoch die Tat im wesentlichen eingestanden, versuchten die beiden anderen ihre Beihilfe zu leugnen. Herr Oberstaatsanwalt von Hess er t hielt bei Gotha den Mordversuch, Gefangenen- besreiungsversuch und Sachbeschädigung für erwiesen und beantragte eine Gesamtstrafe von 5 Jahren und 5 Monaten Gefängnis, gegen Knoch, der schon eine fünfjährige Gefängnisstrafe verbüßt, 3 Jahre und 2 Monate und gegen Wißmann 2 Jahre und 8 Monate Ge­fängnis wegen Beihilfe znm Mordversuch und Sachbeschädigung. Bei Jahn rvurde bezüglich der Beihilfe zum Mordversuch das Urteil anheimgestellt, wegen der Sachbeschädigung (die im ganzen nur ca. 15 Mk. betrug) 4 Monate beantragt. Das Gericht ging bei Beurteilung der rohen Tat des Gotha noch über das bean­tragte Strafmaß hinaus und verurteilte ihn zu 7 Jahren 4 Mon. den Knoch zu 3 Jahren 8 Mon., den Wißmann zu 2 Jahren 7 Mon. und den Jahn wegen Sachbeschädigung zu 3 Monaten Gefängnis, von der Beihilfe zum Mordversuch wurde er sreigesprochen. 'Der Verhandlung wohnte ein sehr zahlreiches Publikum bei. Die An­geklagten, die sich mit Ausnahme Wißmanns bei dem Urteil be­ruhigen wollen, wurden durch sechs Gendarme überwacht und am Schluß gefesselt wieder abgesührt.

Auszug sus den StMessurtsregHttn -er StM Gießen

Aufgebote.

August: 17. Adolf Schmidt, Kaufmann in Mingolsheim, mit Lina Hahn dahier. Heinrich Ludwig Brück, Taglöhner in Alten- Buseck, mit Maria Hofmann dahier. 18. Karl Klös, Schneider in Rödgen, mit Elisabethe Christiane Henkel geb. Oechler dahier. 20. Gustav Bruno Conrad, Bahnsteigschaffner dahier, mit Katharine Marie Schönewolf geb. Finkernagel in Frankfurt a. M. 22. Sally Katz, Kaufmann dahier, mit Mathilde Hammel in Heddernheim. Adolf Dietz, Schlosser dahier, mit Dorothea Deutscher geb. Köhler hierselbst. 23. Wilhelm Lepper, Techniker dahier, mit Marie Stühler Hierselbst.

Eheschließungen.

August: 18. Christian Reibeling, Bureauvorsteher dahier, mit Elise Stemmler hierselbst. Heinrich Lehrmund, Schlosser dahier, mit Eva Hamm hierselbst. Wilhelm Hennings, Ingenieur in Solingen, mit Marie Ottilie Gelhar dahier. Friedrich Neuling, Lackierer dahier, mit Elisabethe Marie Luise Hermine Simon hier­selbst. Wilhelm Weigel, Schlosser dahier, mit Wilhelmine Berg hierselbst. Carl Giller, Kaufmann^ in Homberg a. d. Ohm, mit Sydonie Braun dahier. Wilhelm Schuchardt, Taglohner dahier, mit Elisab. Narz hierselbst. 21. Moses Lehmann, Schankwirt in Eber­stadt, mit Karolme Stern in Ulrichstein. Theodor Loos, Kauf- mann dahier, mit Ottilie Müller hierselbst.

Geborene.

August: 11. dem Bierhändler Joseph Gentner eine Tochter, Margarete Marie Elise. 12. dem Prokuristen Arthur Raykowsk' ein Sohn, Kurt Werner. 15. dem Kunst- und Handelsgärtner Rudolf Weber eine Tochter, Katharine Emilie Luise Hermine. 17. dem Kafsebolen Adolf Schmidt eine Tochter, Erna Helene dem Bureauaehilfen Ludwig Volpert ein Sohn, Heinrich Kart 18. dem Schneider Ludwig Wilhelm Eich eine Tochter, Emma Christina. 20. dem Installateur Louis August Jrle ein Sohn. 21. dem Großh. Regierungsbaumcister Friedrich Konrad Kuhlmann eine Tochter. dem Taglöhner Heinrich Weber ein Sohn.

Gestorbene.

August: 16. Margarete Wild. 5 Monate alt, Tochter des Gast- wirts Edmund Wild dahier. Käthchen Güngerich, 79 Jahre alt, Privatm dahier. 17. Margarete Loh geb. Euler, 51 Jahre alt, Witwe des Dienstmanns Wilhelm Loh dahier. 19. Marie Schulz, 11 Jahre alt, Tochter des Taglöhners Heinrich Schulz dahier. 21. Christian Schmidt II., 68 Jahre alt, Fabrikarbeiter dahier. Weber (noch ohne Vomameii), 6 Stunden alt, Sohn des Tag- lohners Heinrich Weber dahier. 22. Franz Kreuter, 1 Jahr alt, Sohn des Fabrikanten Joseph Kreuter dahier. Mathilde von Hennig geb. Baum 76 Jahre alt, Rentnerin m Dresden.

Landwirtschaft.

DerNeichsanz." veröffentlicht den Bericht über den Saa - tenftanb im Deutschen Reich um Mitte August. Die ein­geklammerten Zahlen bedeuten den Stand vom Juli 1906: Win­zerweizen 2,2 (2,2), Sommerweizen 2,3 (3,3), Winterroggen 2,6 (2,4), Sommerroggen 2,3 (2,31, Sommergerste 2,8 (2,2), Hafer 2,1 (2,2), Kartoffeln 2,6 (2,4), Klee 2,3 (2,2), Luzerne 2,1 (2,0), Bewässerungswiesen 2,0 (2,0) und andere Wiesen 2,3 (2,2). In den Bemerkungen heißt es: Von Wintcrweizen war um Mitte August ber größere Teil gemäht, etwas auch schon eingefahren. Winterspelz unb Winterroggcn waren bis auf unwesentliche Posten geborgen: Weizen behauptet bie günstige Julinote, Roggen fanb etwas schlechtere Beurteilung. Auch von Sommcrhalmfrüchten war zur Zeit ber Berichterstattung ein erheblicher Teil abgeerntet Die Beurteilung ber Kartoffel ist nicht mehr so. günstig wie irq vorigen Monate.