inaugurierte Haager Friedenskonferenz. Was sie zuwege gebracht hat, daS ist so verschwindend wenig, daß man längst es vergaß. Und außerdem verstieß doch gerade Rußland am ersten gegen seines Kaisers Friedcnsprinzipien und ließ sich in daS japanische 2(6cntcuer ein. Kein Mensch kümmerte sich um die Konferenz, die mit so großen Worten eingeleitet wurde, und lediglich die Witzblätter hatten einigen Profit von der sublimen Idee. 9hm weiß man ja, daß eine zweite Konferenz int Haag geplant ist und daß der ingeniöse Präsident der Vereinigten Staaten mit aller Energie hinter dem Gedanken herläuft. -Auch Campbell Bannerman hat darauf hingewicsen und die Hoffnung ausgesprochen, die Abgesandten aller Ktilturstaaten im Haag begrüßen zu können. Daß die zweite Haager Konferenz aber ebensowenig ein günstiges Resultat ergeben wird wie die erste, daS liegt auf der Hand. Denn der ewige Friede ist ein Märchen, eine Utopie, die sich niemals verwirklichen wird.
Die ?lb'rüstungs,ibee des liB. cngT. Kabinetts hat die toütenöc Gegnerschaft aller Imperialisten und aller Konservativen, matt hat den Kriegsminister und den Premierminister des Do rrs v e rrats bezichtigt, und nie-- ,manb weiß, wie lange die liberale Regierung am Ruder bleibt. Joe Chamber tarn ist kein toter Mann, unb teer weiß, ob er nicht eines Tages an der Spitze eines imperialistischen Kabinetts steht- Glaubt man, daß dieser Mann dann die Heeresberminderung übernehmen würde? Chamberlain ist kein Utopist, sondern ein Mann mit sehr kühler Vernunft, ein Mann, der für schöne Ideen nichts übrig hat. sondern der nackten Wirklichkeit dient.
Tie Zeiten sind nicht danach, daß man sich seiner Wehr begeben möchte, und wer jetzt die Waffen ablegt, der muß ‘eüteS sofortigen Angriffs gewärtig sein.
Man braucht keineswegs an der Friedensliebe der Völker zu zweifeln- Aber auf die Gesinnung kommt es weniger als auf.vbie Tatsachen an, und die Tatsachen s-etgen einen gefährlichen nervösen Wettstreit der Völker atm die besseren Weideplätze.
Es fallt uns nicht ein, die Friedensmusikanten zu schmähen, die in London beisammensitzen und sich an Champagner und Phrasen gütlich tun. Aber die Welt wird nicht nach ihren Schalmeienklängen tanzen und die Geschicke< der Völker sich nicht nach den holden Flötenklängen bestimmen lassen, die hier und vermutlich in absehbarer Zeit Ihn Haag teieber zum Besten gegeben werden. Die Menschheit list feine fromme Lämmerherbe und wirb es niemals werben. Wir haben ben .Kampf in ber Rätnr, sehen, w-ie immer ber Größere den Kleineren auffrißt. Wir sehen im Erwerbsleben ben erbitterten Wettkampf ber einzelnen Menschen, der ban es nicht ohne Wunben unb ohne Leichen abgehen Tann. Unb ebenso ist es im Wettstreit ber Völker. Wohl gibt es hier auch einen friedlichen Kampf, aber wie lange? Uns Deutsche treibt die Rot über ferne Meere; wir sind gezwungen, eine wirtschaftliche Expansionspolitik zu treiben, und änderen Staaten geht es ebenso. Ist es ein Wunder, trenn ab und zu die wirtschaftliche Expansionspolitik zur politischen wird? Diesen Streit toirb es immer geben. Wohl uns, wenn er sich nicht zum Krieg entwickelt, aber tiont •'ewigen Frieden ist keine Rede, solange Menschen auf der Erde wohnen. Und er wäre vielleicht nicht einmal wünschenswert — selbst nach Ansicht hervorragender Theologen wie des früheren Gießener Geh. Kirchenrats Prof. Dr. Katt.enbusch, ber soeben eine Broschüre über ^,Krieg und Sittlichkeit" bei Töpelmann hier hat erscheinen lassen, von ber wir wohl noch ausführlicher reden werden. -
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Der Pariser „Temps" wendet sich gegen die Stelle in der Rede Campbell-Bannermans, worin dseserdie in London ^anwesenden Parlamentarier ermahnte, in ihrer Heimat 'für eine Herabsetzung der Rüstungen zu wirken. Wenn, so sagt der „Temps", englische und französische Volksvertreter eine derartige Verpflichtung übernehmen, so hat sie eine ernste Bedeutung, weil in diesen beiden Ländern das Parlament der wahre Souverän ist. In Frankreich tut das Parlam'ent, was es wilk, in Deutschland tut es, was der Kaiser will, und wir bedanken uns für die schöne Rolle, die uns' unsere Pazifisten spielen lassen wollen und die dazu führt, daß wir eines schönen Morgens wie bei der Marokko-Affäre allein unsere militärische Schwäche empfinden.
Der 6. Kongreß
der christlichen Gewerkschaften Deutschlands
Tagt zurzeit in B r e s la u. Der Reich'stagsabg. Giesberts hat dort über: Die christlichen Gewerkschaften in der Arbeiterbewegung, in der Volkswirtschaft und im öffentlichen Leben eine bemerkenswerte Rede gehalten. Er führte U. a. aus: Vor einigen Jähren haben die christlichen Gewerkschaften zur Zollpolitik und Agrarfrage Stellung genommen. Wir sind für einen kräftigen Schutz, der 't>eutschon Landwirtschaft. Wir verkennen nicht die Wichtigkeit einer kaufkräftigen ländlichen Bevölkerung. Wir müssen uns aber dagegen wehren, daß man alle Lasten, zu gunsten ber hohän und höchsten Herren, den ärbeitend'en Klassen auf er legt. Wir haben uns auch wit der fä ii d l i ch e n A r b e i t e r f r a g e beschäftigt. Wir müssen sobald als ntöglich Schritte tun, um die Landarbeiter für uns zu gewinnen, ehe die Sozialdemokraten mit ihren Machtmitteln uns zuvorkommen. Der Umstand, daß die Landarbeiter noch unter der mittelalterlichen Ge-- sindeordnung stehen, hie ihnen bei Gefängnisstrafen das Malitivusrecht verbietet, muß notwendigerweise aufteizend wirken. Wenn es gelingen soll, die sozialdemokratische Be- wegung^zum mindesten zum Stillstand zu bringen, dann ist es notwendig, eine christlich-nationale politische 2(r6eitergartei zu schaffen, die in erster Reihe selbstständige Kandidaten bei den politischen Wahlen auf- zustellen hätte. 7
Auch ber Oberpräqident Dr. Graf v o n Z e blitz - Trutzi chler hielt eine Ansprache bort. Er erklärte es für einl - er^ert P sticht en des Berwaltungsbeamten, daß ote lebendigen Strömungen in unserem Volksleben selbst iennen lernt und an ihnen zu lernen sucht, das ist ber heutigen Erscheinens. Dann sprach Röhling- Düsteldorf über die gewerkschaftliche Agitation Unter den Arbeiterinnen. Ter Redner fchlug, in UevereinstimmuNg mit der Mitberichterstatterin, Fräulein VehM-Perlin folgenden Beschluß vor:
,Jn anbettacht dessen, daß die Organisierung der Arbeiterinnen für die Durchführung der gewerkschaftlichen Bestrebungen von der größten Bedeutung ist, empfiehlt der Kongreß: 1. Daß in denjenigen Industrien, welche mit weiblichen Arbeitskräften zu rechnen haben, eine intensive und planmäßige Agitation unter den Arbeiterinnen entfaltet werden möge. Da sich die gewöhnlichen Agitationsversammlungen als wenig geeignet für die Heranziehung der Arbeiterinnen erwiesen haben, empfiehlt der Kongreß vor allem die Hausagitation. Ferner die Abhaltung besonderer AgitationsversammlunLen und Werkstattbesprechungcn für die Arbeiterinnen
um deren Verständnis und Interesse für die gewerkschaftlichen Bestrebungen zu wecken und dauernd rege zu erhalten.
2. Um eine intensive und planmäßige Agitation unter den Arbeiterinnen zu ermöglichen, ist die Heranbildung und Schulung weiblicher AgitationSkrästc, sowie die Anstellung von Beamtinnen nach Möglichkeit zu fördern. Mehr noch alö fii; die männlichen Arbeiter hält ber Kongreß ein barinonischeS Zusammenwirken zwischen den konfessionellen Ar- bcikerinnenvcreincu und den christlichen Gewerkschaften für geboten, damit den Arbeiterinnen in der konfessionellen Vereinigung der rcligiöSsittliche Halt und in der Gewerkschaft der nötige wirtschaftliche Schutz zuteil werde. Bon allen christlich organisierten männlichen Arbeitern erwartet der Kongreß, daß sic es alS ihre ernste und wichtige Aufgabe betrachten, ihre erwerbstätigen weiblichen Familienangehörigen den christlichen Gewerkschaften znzuführen."
Rohling bemerkte, es empfehle sich, ben Arbeiterinnen im Falle Heirat eine Heiratssteuer zu geben.
Es würbe noch beschlossen, eine Dieiistmäbchen- Organisation anzuregen, ferner ber Ausbilbung von Agitatorinnen ein größeres Augenmerk zuzuwenben, paritätische Arbeitsnachweife zu errichten unb bnrch be- lehrenbe Vorträge usw. ben Mißbrauch geistiger Getränke zu bekämpfen.
Es würbe enblid) noch beschlössen, bent Reichstage eine Resolution zu unterbreiten, wvnach Gewerbeinfpek- toren bezw. beren Stellvertretern bas Recht ein geräumt Werbe, bei Streiks unb Aussperrungen bie streitenben Parteien zu einer Sitzung zusammenzuLerufen unb beibe Parteien unter Amlbrohung von Strafen zum Erscheinen zu zwingen.
Mit einem breifachen Hoch auf bie christliche GewerS- schaftsbewegnng würbe alsbann ber Kongreß geschlossen.
Aus Stadt und Land.
63ieß en, ben 26. Juli 1906.
** Beförderung. S. K. H. der Großherzog haben den Landgestütsbeiknecht Joh. Schiefer stein zum Land- gestütsdiencr ernannt.
** Erledigt ist eine mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrer stelle an der Gemeindcschule zu Friedberg, Stadtteil Fauerbach.
"" An die Universitäts-Bibliothek sind alle vor dem 9. Juli entliehenen Bücher bis spätestens 10. August zur Musterung einzuliefern. — Vom 13. August bis 13. Oktober ist die Bibliothek täglich von 9 bis 1 Uhr vormittags geöffnet.
**DasVo rlesungsverzei chnisunscrcrLan des- uni versität für das Winteisemester 1906/07 ist erschienen und uns dieser Tage zugegangen. Von allgemeiner interessierenden Kollegien seien erwähnt: Leben Jesu von Prof. Dr. Balden- sperger; Entstehung des Christentuins von Prof. Dr. Holtzmann (öffentlich); Der junge Luther von Prof. Dr. Krüger (öffentlich für Hörer aller Fakultäten); Geschichte der Predigt von Prof. Dr. Drews; Die kirchenpolitischen Probleme der Gegenwart von Dr. Friedrich; Schulhygiene (für Richt- Mediziner) von Prof. Dr. Koffel; Familienforschung und Vererbungslehre von Prof. Dr. Sommer (für Angehörige aller Fakultäten); Forensische Psychiatrie für Mediziner und Juristen, mit Besprechung von Begutachtungsfällen und Vorstellung von Geisteskranken von Dr. Dannenmnn; Gesteins- und Bodenkunde (für Land- und Forstwirte) mit Ucbungen von Prof. Dr. Kaiser; Entdeckungsgeschichte und physische Geographie der Polarländer von Prof. Dr. SieoerS; Bismarck und die Begründung deS Deutschen Reiches (1862—1871) von Prof. Dr. H. Oncken, dem Nachfolger deS verst. Wilhelm Oncken; Kunstgeschichte im Ueberblick („Weltgeschichte der Kunsts) mit Lichtbildern, für Studierende aller Fakultäten (Mittwoch von 6 bis \4>8 Uhr) von Prof. Dr. Sauer (Die Lichtbildervorlesung ist, wie Prof. Sauer uns mitteilt, zugleich auf ein größeres Publikum berechnet und soll dem oft sich äußernden Verlangen nach gemeinverständlichen Vorträgen genügen; sie findet deshalb abends und in der großen Aula statt. Nichtstudierende zeichnen sich ebenso wie Studierende auf der Quästur, BiSmarckstraßc 22, in die Hörerliften ein; sonstige Formalitäten find damit nicht verbunden); Antiker Volksglaube (öffentlich für Studierende aller Fakultäten) von Prof. Dr. Wünsch; Geschichte des deutschen Romans im 19. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung des französischen von Prof. Dr. Collin; Henrik Ibsen, seine Dichtung und Weltanschauung von Prof. Dr. Collin; Geschichte des französischen Dramas von Prof. Dr. Behrens; Geschichte des englischen Dramas von Prof. Dr. Horn; Suaheli (die Verkehrssprache in Deutsch-Ostafrika) von Prof. Dr. Schwally; Franz Schubert und seine Wecke mit Beispielen am Klavier von Musikdirektor Trautmann.
** Gießener Ruder-Regatta. Am Mittwoch trafen weiter die Boote der Frankfurter Rudergesellschaft Oberrod und des Ruderklubs „Nassovia"-Höchst a. M. ein. Interesse wird cs erregen, daß bei den wassersportlichen Kämpfen am Sonntag drei Boote zugleich starten werden, wodurch zweifellos ein schärferer Endkampf berbeigeführt wird, als wenn wie in früheren Jahren nur zwei Boote gegeneinander konkurrieren würden. Die Schürzsche Bleiche, von der man die Rennen sehr gut verfolgen kann, wird am Sonntag mit Restauration versehen fein. Die zur Regatta gelösten BilletS berechtigen auch für die recht spannenden Vorcenncn zum Eintritt.
""Klein-Linden, 25. Juli. Der gestern gemeldete Unfall stellte sich erfreulicherweise nicht so schlimm heraus, als es anfangs schien. Der längere Zeit bewußtlose Weigel hat sich wieder ziemlich erholt und ist außer Lebensgefahr. Der Unfall trug sich dadurch zu, daß niehrere junge Leute eine Wette eingingen, wer von ihnen am schnellsten auf daS hohe Weißbindergerüst klettern könne. Der Verunglückte hat die Wette gewonnen, mußte aber seinen Sieg teuer bezahlen.
A Butzbach, 25. Juli. Der etwa 12jährige Sohn eine? hiesigen Kassebeamten wußte sich von den von feinem Vater verwalteten fremden Geldern 14 00 Mark anzueignen, die er in Gesellschaft eines 16jährigen Realschülers in der weiteren Umgebung verpraßte. Zum Wechseln der Papicrschcine bedienten sich die Jungen cineS Obsthändlers, der sich mit seinen jugendlichen Freunden brüderlich in den Raub teilte. Schon vor einem halben Jahr war bei der Kasse ein Coupon eines Wertpapiere über 200 Mark verschwunden, der damals von dem Obsthändler, der angab, er habe ihn gefunden, bei einem hiesigen Bankier zu wechseln versucht wurde. Wie sich herauSgcstellt hat, cntstanimt auch dieser Schein aus einem Diebstahl des Knaben.
X Grünberg, 25. Juli. Eigentümliche Schulvcrhält- nisse haben seither in der benachbarten Toppelgcmeinde Ilsdorf geherrscht. Das Dorf zerfällt feit alter Zeit in zwei
selbständige.Gemeinden, die nur durch den von Feldkcuckeö kommenden Ilsbach getrennt sind und außerdem zwei verschiedenen Kreisen angehören. SolmS-JlSdorf gehört zum Kreise Schotten, Hesfisch-Jlsdors zu Alsfeld. Die Kinder von Hcssifch-Jlsdorf, kurz Ilsdorf, mußten seither nach dem einer halben Stunde entfernt liegenden Flensungen gehen, während die Kinder von Solms-Ilsdorf sogar dreiviertel Stunde nach Lardenbach zum Unterricht zu gehen hatten. Schon öfter wurde versucht, diese Mißverhältnisse zu beseitigen, doch stets fcheiderten die Pläne der beiden Gemeinden an der Lage in den zwei verschiedenen Kreisen. Da nun die Schulen in Flensungen und Lardenbach überfüllt sind, bezw. Neubauten bedürfen, ist jetzt von den beiden Gemeinden Ilsdorf unter Mitwirkung der Kreisämter Schotten und Alsfeld beschlossen worden, eine eigene Schulgemeinde zu bilden.
-I- Hel den berg en, 25. Juli. Am 1. August wird Stationsvorsteher Krüger von hier nach Frankfurt und Stationsvorsteher Beck von Hungen hierher versetzt.
t Büdesheim, 25. Juli. An Stelle der am 1. April in den Ruhestand versetzten Lehrers Mörschel wurde dem Lehrer Ruhl aus Bullau die hiesige Stelle definitiv übertragen. Schulverwalter Breitwieser wurde von hier nach Bullau versetzt.
X Bad-Salzhausen, 24. Juli. Der diesjährige Besuch unseres Badeortes ist starker al§ je zuvor. Die Kurfremden wetteifern förmlich, um sich ein Plätzchen zu sichern. Mehrere Häuser sind überfüllt und der Wechsel von fortgchenden und ankommenden Gästen muß oft an demselben Tage vollzogen werden. Der Verein für private Fürsorge zu Frankfurt a. M. beabsichtigte, 20 Kinder zur Kur hier unftrzubringen. Auch die Bürgermeisterei .-dcr^Provinzial- hauptstadt Gießen stellte dieserhalb eine Anfrage. Leider war aber keine geeignete Unterkunft für die Kinder zu finden. Es ist aber vielleicht möglich, die Kinder in Privatpensionen unterzubringen. Leidende Kinder aus der Provinz mußten in Nauheim wegen Ueberfüllung deS Stifts abgewiesen werden. Dies alles ist wohl der beste Beweis, daß der Verkehrsverein Bad-Salzhausen und Unigegend mit der Erbauung einer Kuranstalt für minder Bemittelte die richtige Bahn zum Aufschwung und zur Abhilfe eingeschlaqcn hat. Hoffen wir, daß noch recht viele Leute dem gemeinnützigen Unternehmen ihre Gunst zuwenden.
Frankfurt, 25. Juli. In den Schauhäuscrn des PalmengartenS ist gegenwärtig eine wertvolle und interessante Orchidee in voller Blüte zu sehen, die von einem deutschen Botaniker vor Jahresfrist in Brasilien entdeckt wurde. Es ist eine reinweiße Abart der „Cattleya harrisoniana“. Die Neulinge haben eine Mischfarbe von Zartrosa und Lila und sind von reizender Form, wenn sie auch nicht die Größe der anderen Arten zeigen. Da unter den Catrleyen rein weiße Varietäten mir ganz vereinzelt zu finden find, so wird dec Entdecker dieser Abart einen schönen Preis fordern können, man spricht van 10 000 Mark. Der Besitzer der kostbaren Pflanze hat diese dem Palmengarten während der Blüte zur Verfügung gestellt; sie ist neben der Stammsorte zu sehen, die zur Zeit ebenfalls in Blüte steht.
Gießener Strafkammer.
)( Gießen, 24. Juli.
Die Strafkammer verurteilte die Taglöhnerin Christine H. hier iveqcn Betrugs unb Rückfall zu 3 Monaten und 2 Wochen Gefängnis. Sie hat sich in einem hiesigen Geschäfte auf den Namen eines andern Kunden Waren geborgt. Als man ihren Angaben mißtraute, verstand sie es diese so glaubhaft zu machen, daß jeder Zweifel schwand. In der Verhandlung leugnete sie die Täterin gewesen zu sein unb versuchte nachzuweisen, daß sie zur fraglichen Zeit die Tat nicht ausgeführt baden könne, da sie sich damals in der Klinik befand. Die glaubwürdigen Zeugenaussagen ließen keinen Zweifel an ihrer Schuld, zumal sie sich derartige Handlungen schon mehr zu schulden hat kommen lassen, die teilweise auf Bestrafung führten.
Ter zur Zeit in Frankllirt a. M. wohnhafte Schweinehändler L.D. aus Echzell und der Fuhrmann L. H. von Bisses hatten sich wegen Urkundenfälschung zu verantworten. Beide standen früher in besseren Vermögensverhältnissen, insbesonders hat D. in den letzten Jahren noch etwa 24 000 Mk. in der hessischen Landeslotterie gewonnen. Er betrieb den Schweinehandel im Großen, hatte aber größere Verluste, sodaß er bald sein aanzes Vermögen verlor unb in Konkurs geriet. H. ber seither in Nidda gewohnt hatte, mußte ebenfalls ben Konkurs anmeloen, worauf er nach Bisses überzog unb die Wirtschaft seiner Mutter übernahm. Er geriet auch hier in Vermögensverfall unb sein Anwesen mußte zwangsweise versteigert werben. Beide Angeklagte verabredeten sich, ob nicht durch Ausstellen von Wechseln Geld herbeigeschafft werden könne. Sie kamen zu diesem Zweck in einer Wirtschaft zusammen, wo sie einen als gutmütig geltenden beschränkten Mann aus Bisses antrascn, bei dessen Anblick ihnen der Gedanke kam, es könne mit ihm etwas zu machen sein. Es wurde ziemlich getrunken, und als der Mann seiner Sinne nicht mehr mächtig war, legten sie ihm unausge- füllte Wechselformulare vor, auf die er seinen Namen schreiben mußte. Sie erhielten aus diese Weise fünf Wechsel akzeptiert von denen sie drei in Umlauf setzten, sodaß der Mann nach kurzer Zeit zur Zahlung von über 3000 Mark angegangen und teilweise auch gerichtlich zur Zahlung verurteilt wurde. D. der die Lauptlriebfeder war, erhielt eine Gefängnisstrafe von 9 M o n a t e n , sein Genosse H., der als Mittäter betrachtet wurde, kam mit 4 Monaten durch. Beiden wurden die bürgerlichen Ehrenrechte auf 3 Jahre aberkannt. Das Gericht hielt es für sestgestellt, daß der Mann bei Hingabe seiner Unterschrüt sich über die Bedeutung und die Tragweite nicht im Klaren war und c5 nicht sein Wille war, daß in die Wechsel so hohe Beträge, wie geschehen, etnaeseht würden. Strasrnildernd kam in Betracht, das; ihnen die Sache durch daS Verhalten des Mannes sehr leicht gemacht worden ist und sie nirgends größere Schwierigkeiten zu überwinden hatten.
Der Land- und Gastwirt B. I. ans Vilbel hat in ben zwei letzten Jahren mehrere Schweine geschlachtet, ohne diese der vorgeschriebenen F l e i s ch b e s ch a u zu unterwerfen. Es ging ihm ein Strasbesehl in Höhe von 5 Mark zn, dessen Einspruch das Schöffengericht verwarf, da Gastwirte sich den Bestimmungen der Fleischbeschauordnung zu unterwersen haben. Er erhob dagegen Bernsimg und machte geltend, daß von dem Fleisch in ber Wirt- schall auch nicht bas geringste vertäust worden sei, das Fleisch sei lediglich in seiner Hanshältnng verwendet worden unb ba im zulehtgenannten Fall die Fleischbeschau unterbleiben könne, sei er nicht strasbar. UebrigenS sei sein Wirtschaftsbetrieb nur eine Nebentätigkeit, wie er bnrch amtliche Bescheinigungen nachwieS. Das Gericht hielt seine Berufung für unbegründet, da nach der gesetzlichen Bestimiuung daS von Gastwirten geschlachtete Vieh vor und nach dem Schlachten besichtigt werden muß. Es komme dabei nicht darauf an, ob der Wirtschaftsbetrieb groß oder klein fei. Das Urteil fand seine Bestätigung.
Han-el nn- Verkehr, Volkswirtschaft.
Märkte.
Limburg a. d. L., 25. Juli. F r u ch t m arkt. Durchschnittspreise pro Malter. Roter Weizen 00.00 Mk., weißer Weizen 00.00 Mk., Korn Mk. 10.50, Gerste 00.00 Mk., Hafer 9.05 M. Erbsen 0.00 Mk., Kartoffeln 0.00 Mk.


