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18.12.1906 Erstes Blatt
 
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156* Jahrgang

Erstes Blatt

Amts- und Mzeigeblatt für den Krd$ Sietzen

die Post Mk.2. otertel* jährt. ausfcbl. Beiiellg, Annahme von Anzelgel für die ioaeSimminet bis vonnuiotjS 10 Uhr. ßeilenpreiS: lokal 12'Ul, auSioärtt 80 P'g.

Verantwortlich Hhr den poItL und allgem. Teil: P. Witiko: Kit ,Stabi und Cantr und -CÄcrtditejnal*. Ernst Heb hi« denMn» zeigenleil' Hans Veck.

Nr. 297

1 <6eint fäfltlJ) außer SonnmaS. Dein Gießener^lnzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Kiehener Familien« blätter oiennal tn der Worbe beiqelegt RotanonSdruck u. Ber» lnq bei Brüh l'schen Univerf.-Buch-u. Stein- b ruderet. 9t Langt. Redaktion, Erveduio» und T'rucferet:

Schul st ratze 7.

Redaktion fcs® 113 Verlag u.6^peb.e^^51 Adresse für Depeschen: «nzeiger «letzen.

Dienstag 18. Dezember 1906 «ejiiflbpret#i monatlich 75P1., viertel

V iäbrlich Dtt. 2.20 durch

yÄtb. jlk XkA Slbholc- u. ßipeiijfieLlen £'Mr monatlich 6o Pb. durch

Die heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.

Aor den Ycichstagswahlen.

Die Wahlen im Grotzherzoglum tzeffea.

Unser Grobherzogtum, das bekanntlich in 9 Wahlkreise zerfällt, war im letzten Reichstage durch 6 Nationalliberale, 2 Sozialdemokraten und einen Freisinnigen vertreten. Die Nationalliberalen behaupteten 1903 ihre Mandate in Friedberg-Büdingen, BenSheim-Erbach und Worms- Heppenheim; sie eroberten von den Antisemiten Gießen und Alsfeld-Lauterbach, sowie von der Sozialdemokratie Osjenb ach-Dieburg. Die Sozialdemokraten bc- Hauptelen D a r m st a d t und gewannen Mainz vom Zentrum, ver- loten dagegen Offenbach an die Nationallibcralen. Die Frei­sinnigen wahrten ihren Besitzstand in Alzey-Bingen, während die Antisemiten ihre beiden oberhessischcn Manbate durch das geschlossene Vorgehen der Liberalen c l n b ü ß e n mußten. Das Zentrum hatte m allen Wahlkreisen Kandidaten aus- gestellt; es kam in Worms, Alzey und Mainz in die Stich­wahl, in der es aber bann unterlag. Mit Ausnahme des­jenigen für Darmstadt wurden sämtliche hessischen Reichstagssitze erst m der Stichwahl erstrltten. Indessen vermochte bekanntlich die Sozialdemokratie das Darmstädter Manbat bei der Nach­wahl 1906 auch erst im zweiten Wahlgange zu behaupten.

Für die bevorstehenden Wahlen sind in einzelnen Kreisen Kandidaten bereits nominiert. Wir haben gestern schon einige Mitteilungen davon gemacht. Im Wahlkreise Fried­berg-Büdingen scheint der agrarische ,9lationaÜit)eralefl Gras v. Oriola einen sicheren Sitz haben zu sollen. Den dortigen Freisinnigen fehlt eS anscheinend wieder einmal an Courage, ihnen führt der Sozialdemokrat Busold bie Ge­schäfte. Die Sozialdemokratie wird es auch hier gewiß zur Stichwahl bringen, aber selbst wenn ihnen bann bie 2000 Stimmen bes .befreunbeten" Zentrums zusielen, würde der agrarische Graf doch das Mandat behaupten. Sehr inter­essant dürfte sich diesmal die Wahl in Alsfeld-Lauterbach- Schotten geslallen. Der Maler Bin bewald ('Antisemit) hat bereits bie Agitation begonnen. Auch ben seitherigen Vertreter Krelsrat Dr. Wallau (nationathb.) hat man wieder aufgestellt, obwohl er inzwischen nach Groß-Gerau versetzt wurde und obwohl ihn bie Freisinnigen diesmal kaum iinterstützen werden. Als Kandidat des Bundes der Landwirte wurden bereits Dr. Roes icke-Görsdorf und L u ck e - Patershaujen genannt. Die Sozialdemokraten er­rangen 1903 beinahe 1100 Stimmen.

In O fsenbach-Dleburg hat sich der bisherige Vertreter, Dr. Becker (Sprendlingen), der sich wieder um das Mandat bewirbt, durch seine Steuerpolitik seine Position gegenüber seinem Vorgänger Ulrich sehr erschwert. In Darmstadt- Groß-Gerau wird eine Verständigung zwischen den Natio- nalliberaten und Freisinnigen angestrebt. Treten diese beiden Gruppen mit einem gemeinsamen Kandidaten auf, bann wirb eS bem Sozialdemokraten Berthold schwer, seinen Sitz zu verteidigen. Die Kandidatur des antisemitischen Amtsrichters Tr. Mahr dürfte höchstens dem Ton im Wahl­kampfe eine unerfreuliche Färbung geben. In Ben 8 he i m- Erbach ist der Ausgang noch ganz unsicher. Der agrarische Nationalliberale Haas hat, wie bestimmt verlautet, bie Ab- sicht, nicht mehr für den Reichstag zu kandibieren, ba ihn seine anderen Ehrenämter schon zu sehr in Anspruch nähmen. Der wahre Grund aber dürfte sein, baß, wie wir bereits mitteilten, für bie sogen. Wirtschaftliche Ver­einigung (unb als Mittelstänbler) der Buchhändler Otto Nippel aus Hagen kandidiert, der im Kreise schon fast ein halbes Hundert Versammlungen abgehalten hat. 1903 wurden abgegeben 7240 nationalliberale, unter denen sich sämtliche Mtttelständler befanden, 6749 sozialdemokr. und 3258 Zentrumsstimmen; in der Stichwahl erhielten Haas 10 873 und der Sozialdemokrat Rau 6865 Stimmen.

In WormS kandidiert Freiherr von Heyl (nat.-lib.) wieder. Die Sozialdemokraten haben ben Arbeitersekretär Engelmann aufgestellt, bas Zentrum wirb wohl roieber ben Pfarrer Blum (Ober-Abtstemach) bringen. Auch bie Freisinnigen werben in Kürze wohl auch ihren eigenen Kandidaten nominieren. Für Alzey-Bingen steht wohl eine Verständigung der Freisinnigen mit den National- liberalen zu erwarten, sodaß das Mandat im Besitze der frei). Volkspartei bleiben dürfte. Ob der Kandidat der letzteren der bisherige Abg. Schmidt-Elberfeld sein wird, stehl noch nicht fest, ist aber wahrscheinlich. Aus dem Wahlkreise Mainz ist vorerst nur bekannt, daß bet bisherige Sekretär Abg. Dr. David (Soz.-Dem.) wieder kandidiert. 1903 erhielten David 13027, König-Berlin (Ztc.) 8151, Rechtsanwalt Pagenstecher (natlib.) 4895 unb Abg. Wolf /Bd. b. Lbw.) 684 Stimmen; es siegte in ber Stichwahl Dr. Davib nut 15481 gegen 12648 Stimmen. Wahrscheinlich treten auch biesmal Freisinnige unb Demokraten gemeinsam auf ben Plan. .

Nach bem .Darmst. Tägl. Anz." unb bie Einigungs- Verhandlungen zwischen ber Freisinnigen Volks- partei unb ber N a11 o n a 11 ib era l e n Partei in unserem Großherzogtum um ein gutes Stück weiter gebiehen. Der Landesausschuß ber Freisinnigen Volkspartei für baS Großherzogtum richtete an ben Lanbes vor staub ber Nationalltberalen Partei ein Schreiben, in welchem

er anfragt, ob bie Nationalliberale Partei bereit sei, nut der Freisinnigen Volkspartei über die Kanbibatenfrage be- ziehungSw. über ein gemeinschaftliches Vorgehen in den einzelnen Wahlkreisen zu verhanbeln. Dieser ent- gegenfomnienbe Schritt ber Freisinnigen Vollspartei ist vom LanbeSvorstand ber natioiialliberalen Partei m bejah enbem winne beantwortet worben. Die Verhandlungen hierüber Serben in ben nächsten Tagen beginnen.

Mir befürworten ein solches gemeinsames Vorgehen der beiden großen liberalen Gruppen in unserem Lande eit Jahren und haben die Tarmslädter feinbidige Trennung im vorigen Jahre tief beklagt. Als sich des linkstiberalen Pfarrers Korell Anhänger auf die Seite der Sozialdemo­kraten schlugen, da Haven wir die Kandidatur Stein nach besten Straften befürwortet. Diesmal wird wohl ein Pak- tiereii des Linksliberalismus mit den Sozialdemokraten nirgends in Liessen stattfinden, sondern es ist anzunehmen, daß die vereinigten Liberalen allenthalben in den Kampf ziehen werden gegen die Extremen links und rechts, vor allem gegen Zentrum und Sozialdemokratie. Möge ihnen bester Erfolg veschiedeu sein!

Aus Hessen-Nassau.

Aus Marburg wird uns gejajtieben:

Bei der bevorstehenden Reichslagswahl ist wieder, wie jedes­mal, im Wahlkreise Atarburg-Kirchuain-urankeiiberg mit ver- ichiedenen Kandidaten zu rechnen. Bis fehl sind oisiziell proktanuerl der fenherifle Benreiei v. (Verlad) (nal.-soz.) unb der von den Teuifchloziaten, dem Bund der Landwirie und den Konservaiiven aufgelieUie Tr. Boh m e. Als loziatdemokrauscher Kandidal wird T i ß m a u n-Frankiurt a. Al. genannt. Tie Öieiotmpanet, die AationaUiberalen und das Zentrum sind mit Vorschlägen noch mchi an die Oefjentlichkeit geircien. Im Jahre 1893 erhielt bei der vauptwahl v. Pappenheim (tonf.) 4907, v. Gerlach (nai.sioz.) 3605. Baum (Zentr.) 1892, Zimmermann (Anlis.) 2385 und Bader (soz.j 1490 Summen. Bei der Stichwahl siegle dann v Gerlach mu 7815 Stimmen über v. Pappenheim, der es nur aui 7037 Stimmen brachte. Ohne Stichwahl bürste es auch diesmat nicht abfleben.

Der Vorstand der Wetzlarer Nationallibe­ralen veröffentlichte einen Wahlaufruf, in dem das ge­meinsame Vorgehen aller bürgerlichen Par­teien gegen Zentrum und Sozialdemokraten gefordert wird unter Beijeitesetzung pglwr parteilicher Sonder­interessen.

In Herborn wurde die Reichstagswahlagitation durch eine nationale Parteiver'ammlung eröffnet, in der Amts­richter Lohmann aus Weilburg gleichfalls ein gemein­sames Vorgehen aller Liberalen forderte.

In Frankfurt werden, wie es heißt, diesmal die bürgerlichen Parteien einen gemeinsamen Kan­didat e n in der Person des f re i s in n i g e n L an d ta g s- abgeorbneten Funt nominieren. Er ist ein beliebter und tüchtiger Mann, ber zweifellos arößere Chancen hat, als der im Jahre 1903 kandidierende Rechtsanwalt Dr. Brucl, den die Mittelständler und Llntiiemilen nicht wählten. Gerade deren Stimmen sind aber bei der Wahl ausschlag­gebend gewesen und werden es auch diesmal wieder sein. Wenn sie, wie dies einige ihrer Führer angebeutet haben, mit Rücksicht auf das für sie ungünstige Resultat der Stadt- verordnetenwahlen, bei ber Rem)s^agswahl Siimmenthal- tung üben, so dürften alle Anstrengungen der bürgerlichen Parteien es nicht verhindern können, daß das Mandat wie­der der Sozialdemokratie zufällt. Eine offizielle Stellung­nahme der Parteien ist noch nicht erfolgt.

Die Reichsregierung an der Wahlarbeit.

Fürst Bülow harte, tote wir gestern meldeten, eine Besprechung mit dem preußischen Minister des Innern von Bethmann-Hollweg wegen einer neuen Kundgebung zu ben Neuwahlen. An einer solchen wird man es wohl umsoweniger fehlen lassen, als die Regierung Grund hat, darauf hinzuwirken, daß die Beteiligung der Wahlberech­tigten schon an ber Hauptwahl möglichst groß wird, damit möglichst viele Kandidaten ber ihr zustimmenden Parteien als Sieger aus der Hauptwahl hervorgehen. T«rWahl­aufruf" der Negierung dürfte in einem energischen, die tat­sächliche Lage der umstrittenen Verhältnisse fajarf charakteri­sierenden Ton gehalten sein; bezeichnet es doch schon die Nordd. Allg. Ztg." als ihre spezielle Pflicht, Wahl lüg en des Zentrums" nach zu geh en und sie auszudecken. Sie beteiligt sich bereits sehr lebhaft am Wahlkampf. Das Organ der Regierung, das vor den frühe­ren Wahlentscheidungen meist sich damit begnügt hatte, die Parteien sprechen zu lassen, nimmt jetzt das Wort zu einer ganzen Reihe von Kunogebungen der politischen Gruppen. Gleich an ber Spitze ber Kritik wirb das Zentrum zur Ordnung gerufen, bei dem Versuch berGermania", die Kulturkampfflagge aufzuhissen.Die Katholiken", hatte bieGermania" geschrieben,sollen wieder herab- gebrüdt werden zu willen- unb rechtlosen Heloten, die von der Gnade der protestantischen Mehrheit ab Rängen". Soviel Sätze, soviel Unwahrheiten! erwidert hierauf kräftigen Tones dieNordd. Altg. Ztg." Von den konservativen wie den liberalen Parteien werde der Kulturkampfgedanke ein­mütig abgelehnt, und in der Negierung denke nie­mand daran, diekonfessionelleGleichbere.ch- tigung in Frage zu stellen.

Wir hoffen, b. es berGermania" nicht gelingen wird, die deutschen Kathosilen irrezuführen. Sie bar।en ujerjeugt sein, daß ihre religiösen unb konfessionesien Empfindung en ungekränkl bleiben. Sie sollen sich nur fragen, ob sie in nationalen Dingen ihr Gewissen rein halten wollen."

Also bie Reichsregierung ist, was sie toicber recht deutlich charakterisiert, ängstlich bemüht, aller Kulturkampf-Wahl­agitation sofort ben Boden zu entziehen.

Hören wir, was des Zentrums Wahlaufruf im wesentlichen besagt:

Der Reistag ist aufgelöst, weil die Reichstagsmehrheit eine Mehviorderung ber rnrdüiidtten Regierungen ,ür oie inuitärifaje Expedition ün jubweslawikamscheu Schutzgebiet im Betrage von

8 900000 Mark abgclehnt hat. Die Zentrumssraktwn hat sich zu dieser Ablchmmg entschlossen, weil sie nach eingehender Prüfung der Sachlage zu der Ueoerzeugung gelangt war, bau bie lieber» kämpsuiig des letzten Restes des Eingeborenen-Ausstandes nut einem wesentlich geringeren Aufwande möglich wäre, wenn sich die Kolonialvcrwaltung entschließen wollte, bie überaus koMpielige, einen Aufwand von 10000 Mark pro Kopf lährlich ctiorbmibfl Schutztruype von allen Ausgaben polizeilicher und Fulturellec Art zu entlasten und bemgentäü ihre Zahl und Kvftcn banernb zu vermindern. Ein dahingehender Antrag der Fraktion ist von den Vertretern der Kolonialvcrwaltung einer Prüfung nicht fle- würdigt worben. Noch am Vormittag des Auflösungstages haben bie Mitglieder der Fraktion in der Bubgetkommissioil bie For­derung für bie Fortsetzung der Eisenbahn AusKeetmanshoop bewilligt. DaS beweist schlagend, baß wir die Mittel zur tvirt- schastlch-cn Entwicklung und zur Sicherung deS Schutzgebietes zu gewähren bereit waren. Uebrigend schützt uns die ganze bis­herige Haltung der Fraktion in den Fragen der Heeres- und tzlottengesctze, der Zolltarif- und Finanzresorm vor der Berdach- iigung, daß wir nicht mehr bereit seien, für des Vatcrlandte« Ehre und Wohl einzutreten. Die Auflösung bed, Reichstages ist nach unserer lieber Beugung ein Angriff auf beijcn Stellung als selbständiger, in eigener Verantwortung .handelnder gleich, berechtigter Faktor der Gesetzgebung. Nicht bie St o in m a n b o gemalt des Kaisers, lunbcrn das Budaetrecht des Reichs, iages bildet ben Gegenstand des Streites. Nach wie vor ftchen wir auf dem Boden unseres Wahiprogrammcs vom Jal-re 1903. Das Versassungswahlrecht werden wir unentmegt feithalten. Aivgen unsere Wähler alle Kräfte daran setzen, daß das Zentrum un- geschwächt in ben Reichstag zurückkehrt.

Das Zentrum wirb es schon verstehen, btesen Wunsch wahr zu machen.

Zu ben Hohenlohe-Enthüllungen derNa­tion al-Ztg." ist bas StuttgarterNeue Tagblatt" zu erklären ermächtigt, baß sowohl Prinz Alexanber zu Hohen­lohe als auch Präsident Dr. Curtius unb bie Deutsche Ver­lagsanstalt ber Veröffentlichung vollstänbig fernstehen und daher jebe Acußerung über ihre Authentizität ab lehnen. Curtius freilich hat bereits eine Erklärung abgegeben, bie keinen Zweifel darüber zuläßt, daß bie Sache ihre Richtigkeit hat. Das geschah in einem französischen Blatte. Jetzt hat er einem Vertreter eines elsaß-lothrmgt- Blattes gegenüber folgendes geäußert:

Der Eigentümer de. Dokumente, Prinz Alexander Hohen­lohe, der gegenwärtig in Beaulieu im Departement Alpes-Man- limes sich amljM hatte mir den Auftrag gegeben, sie in Buchform zu sammeln. Das habe ich getan. Ich bin heute nicht er­mächtigt, mich über das auszulassen, was nm)t m den beiden Bänden der Denkwürdigkeiten steht. Ebenso ist es mir durch ein Gefühl des Zartsinnes unmöglich gemacht zu sagen, ob sich in ben noch unveröffentlichten Teilen eine Notiz befindet, die sich auf einen Wunsch des Papstes Leo XIII. bezieht, vom Kaiser 500 000 Franken zu erhalten. Ich stehe ber Veröffent­lichung der fraglichen Notiz in den Zeitungen vollständig fern, unb ich glaube auch nicht, daß der Prinz dabei beteiligt ist. ^)ie SJuigliüjleit besteht: Em Dokument kann unrechtmäßigerweise entwendet worden unb auf diesem nicht mehr ungewöhn^ sichen Wege in die Oesjentlichkeit gekommen sein."

Damir hat Curtius freilich so gut wie nichts gesagt.

TieKöln. Volksztg." schreibt zu ber Angelegenheit u. a. folgenbes:

Vorab stellen wir fest, daß das Gerede von dem Wunsch Leos XJ.1L, der Kaiser möge ihm 50 0 000 Fr cs. schenken, offenbar zusammenhüngt mit dem B i s ch o f s j u b i l ä u m des L a p st e s , roeici>e§ in dasselbe Jahr 1893 fällt, wie bie Militär- ooriage. Es handelt sich handgreisiich um ein Jubiläurns- gescheut. Man denke: diese Gelegenheit soll Fürst Hohen- whe, der spätere Reichskanzler, zu einem Bestechungsversuch beim itzapst benutzt haben: zuerst AnnalMe der Misitärvorlage, dann das Geschenk! Haben oie Herren, bie mit der angeblichen Tage- vuchnoiiz des Funten hausieren gehen, beim gar feine Ahnung daß sie damit dem Füritcn einen unsäglich gemeinen Kuhhandel unterschieben?"

Tarin hat, wie auch wir wiederholt betonten, bas Zen- trumsblalt ztveifellos Recht, baß bie Rolle, bie Fürst Hohen­lohe gezielt haben würbe, wenn bie Erzählung richtig wäre, keineswegs schön gewesen wäre. Wir warteten bisher ver­geblich auf eine offizielle Aufklärung: Berliner Blättern zufolge wird sie nicht erfolgen. Taraus würbe man schließen müsjen, baß cm ber Sache etwas Wahres ici. Ob bas Schweigen ber Regierung besonders klug sein würbe, erscheint uns zweifelhaft.

Bemerkenswert ist, daß bie ,Kreuzztg.*, das führende Organ der Konservativen, mehr unb mehr vom Zen­trum ab rückt. Ter .Kreuzztg.- ist bie jahrelang außer­ordentlich zentrumsfreundliche Haltung in ihren eigenen Wählerkreisen oft verdacht worden. Mehrmals wurden un- miltelbme Aeußerungen ber Unzufriebenhelt an bie »Kreuzztg.^ gerichtet. Jetzt fchemt bie Rechte allenthalben bie Gemein­samkeit ber Interessen mit bem Zentrum auf agrarischem und religiösem Gebiete in ben Hintergrunb treten lasten zu wollen. Ob sich beide Parteien nach ben Wahlen roieberfinben, zu einem vereinten Schlagen von Fall zu Fall, bas ruht in Der Zukunft Schoß. Im preuß. Abgeordnetenhaus, besten Sitzungen währenb ber Reichstagswahlbewegung besonders interessant zu werden versprechen, bürste sich erkennen lasten, ob unb wieweit bie bisherige Freundschaft gelockert ist.

Ziemlich kühl verhält sich bieNorbd. Allg. Ztg." gegen ben von mehreren Seilen gemachten Vor­schlag zur Bilbung einesnationalen Blocks" aus Kon­servativen unb allen Liberalen gegen Zentrum unb Sozialdemokratie. Wir müssen abwarten, bemerkt das Blatt ber Regierung, ob sich dieser Gedanke eines nationalen Wahlkarlclls auch bei Konservativen unb Frei- finnigen burchzuringen vermag. Jedenfalls müste barauf hingcwirkt werden, daß ber Kampf zwischen ben im nationalen Sinne geeinten Parteien, wo er sich nicht oermeiben laste, in einem Geist ber Besonnenheit unb Mäßigung geführt werbe, ber bei ben Stichwahlen wemgstens bas Zu-