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27.8.1906 Erstes Blatt
 
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Anzeiger Gießen.

Erstes Blatt

ISE». Jahrgang

Montag 27. August 1906

Metzener Anzeiger

General-Anzeiger w

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Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: P. Witt ko- für ,Gtabt tuib ßaub* und -Gerichtssaal-: Ernst Heß; für beit An­zeigenteil: HanS Beck,

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Die Heutige Yumrner umfaßt 10 Seite«.

Hin Attentat gegen den russischen Winisier- prastdeuteu.

Gießen, 27. Augllst 1906.

Ein neues Attentat in Rußland! Am Samstag, gegen Abend, erhielten wir folgende Telegramme:

Petersburg, 25. Aug. Heute nachmittag 3 Uhr erfolgte auf der Apothekerinsel in der Villa be8 Minister­präsidenten Stolypin gelegentlich eines Empfanges eine Explosion. Es verlautet, Stolypin sei ermordet.

Petersburg, 25. Aug. Nach weiteren Berichten find bei der Explosion in der Villa des Ministerpräsidenten Stolypin zwar zahlreichePersonen gelötet und verwundet worden, auch der Sohn Stolypins ist verwundet. Stolypin selbst aber ist unverletzt.

Spätere Telegramme lauten:

Petersburg, 25. Aug. Zu dem Mordanschlag auf den Ministerpräsidenten Stolypin meldet die Petersb. Telegr.-Ag. fol­gende Einzelheiten: In der vierten Tagesstunde fuhr eine mit zwei vorzüglichen Pferden bespannte Mielkutsche vor dem Portal bet Villa des Ministers vor. In bent Wagen saßen zwei Zivilisten tmb zwei Militärs in a u s l ä n b i s ch e r U n i f o r m. Alle vier begaben sich in bie Psörtnerstube, wobei eine von den als Militärs verkleideten Personen den Helm in der Hand hielt, in dem offen­bar ein Sprenggeschoß von ungeheurer Straft enthalten war. In der Psörtnerstube wurde das Geschoß zufällig fallen gelassen. Die Kraft der Explosion war furchtbar: Der in dem Nachbarzimmer befindliche, bet bent Minister bes Innern als Be­amter im befonberen Auftrage fungierende Generalmajor S a m i a t i n rourbe getötet und bent Hofmeister Woronin b e r Kopf abgerissen; getötet würben auch der Pförtner unb sämtliche in oer Psörtnerstube befindlichen Personen, darunter drei der U e b e l t ä t e r. Die ganze Hmterwaud des Gebäudes ist vernichtet. Die im oberen Stockwerk befindlich gewesene 15 jährige Tochter Stolypins erlitt schwere Verletzungen an beiden Beinen, welche amputiert werden müssen. Em kleiner Sohn d e s M i n i st e r s erlitt einen Beinbruch. Die Zahl der Verwundeten ist noch nicht genau festgestellt. Stolypin ist unversehrt geblieben. Durch die Gewalt der Explosion wurde die Tür zum Kabinett des Ministers aus den Angeln gerissen. Die Pferde, mit welchen die llebeltäter angefahren kamen, blieben heil, der Wagen wurde zertrümmert, der Kutscher getötet. Einer der Direktoren der ,Petersb. Teleg.-Ag.", S ch a h o w 5 k o i, der sich in bent an bie Psörtnerstube anstoßenden Zimmer befand, erlitt Ver­letzungen.

Petersburg, 26. Aug. Furchtbare Augst- und Hilfe­rufe durchzitterten bie Luft. Aus der oberen Etage der Villa schrien bie beiden Kinder des Ministers um Hilfe. Da erschien Stolypin totenbleich zwischen den Trümmern des Hauses: Schnell eine Leiter, rettet meine Kinder", rief er laut. Einige Bediensteten eilten herbei, denen es gelang, beide Kinder zu retten. Von den fremden Anwesenden wurden 27 Personen tot und 43 schwer oder leicht verwundet unter den Trümmern hervor­gezogen. Unter den Toten befindet sich der Gouverneur von Pensa, Schwestow. Die Recherchen ergaben, daß in einem Chambre garni vor zwei Tagen ein Ehepaar nebst Dienstmädchen abgestiegen war, die angeblich aus Moskau kamen, und sich Morosow nannten. Bald darauf besuchte sie ein Herr, der sich Mironow nannte. Beide trugen damals Zivil. Dagegen ver­ließen sie, nachdem sie den Portter jenes Hauses betrunken gemacht hatten, das Haus in der Uniform von Gendarmerie-Offi­zieren. Frau Morosow nebst Dienstmädchen sind verschwunden. Die Attentäter waren mit der Warschauer Bahn angefommen. Der überlebende Attentäter von etwa 20 oder 21 Jahren nennt sich Weidemann, doch ist dieser Name wahr­scheinlich falsch. Unter einem Teil b,er 33ertounbeten befinden sich noch vie» der Beihilfe zum Attentat verdächtige Personen. Sie wurden nach dem Gefängnis-Hospital geschafft. Noch in der Nacht wurden in allen Stadtteilen Haussuchungen vorgenom­men, wobei verschiedene Mitglieder der radikalen Partei arretiert wurden. Bei dieser Gelegenheit wurde von der Geheimpolizei eine weitverzweigte politische Verschwörung ent­deckt.

Petersburg, 26. Aug. Tie Täter trafen in einem offenen Wagen ein, als bie Besucherliste bereits geschlossen war. In­folgedessen wollte sie die Dienerschaft nicht durchlassen. Darauf versuchten sie, mit Gewalt in das Zimmer einzudringen, das neben dem Empfangssaal lag, in dem zahlreiche Gäste den Minister erwarteten. Bei dem Handgemenge mit der Dienerschaft ließ einer der Eindringlinge eine Bombe fallen, die mit großer Gewalt explodierte, das diesem benachbarte Zimmer und teilweise auch der Empfangssaal vernichtet, ebenso auch das Vestibül, die Freitreppe unb der Balkon des zweiten Stock­werks. Getötet' sind noch F ü r st N a k a s ch i b z e, der Haupt­mann der Gendarmerie F e d o r o w, der Polizeibeamte Ka - santzew, sowie Wachen, Diener und Boten. Verwundet sind u. a. zwei Ministerialbeamre und ein General der Artillerie. Das Gebäude ist schrecklich zngerichlet. Feuerwehrleute sind mit den Bergungsarbeiten beschäftigt. Der Haupttäter ist ein ziemlich kräftig gebauter junger Mann von etwa 25 Jahren. Unter seiner ganz neuen Uniform befand sich eine Zivilweste und außerordentlich schmutzige Wäsche. Wie jetzt bekannt wird, wollte bereits vor einigen Tagen ein verabschiedeter Offizier Namens Boborykin den Ministerpräsidenten vor einem gegen ihn geplanten Attentat warnen; er wurde aber nicht vorgelassen. In dem Augenblick der Explosion empfing Stolypin zwei Adelsmarschälle, die bezeugen, es hätten zwei be­ziehungsweise drei Explosionen stattgefunden. Dem Sohne, der erst drei Jahre alt ist, wurde der rechte Hüftknochen gebrochen. An seinem Klopse wurde ferner eine Rißwunde seftgestellt. Die Wunden der beiden Kinber sind stark durch Sand und Schutt verschmutzt. Der Anblick der Wunden und das Gestöhne der Ver­wundeten sowie das Wehklagen der Verwandten sind furchtbar. Die Getöteten sind entsetzlich verstümmelt; manche sind geradezu formlose unkenntliche Massen.

Die Tochter des Ministerpräsidenten Stolypin verbrachte, nach- bem sie eine Morphiumeinspritzung erhalten hatte, eine ruhige Nacht. Von den Verwundeteit sind 6 gestorben.

Petersburg, 26. Aug. Unmittelbar, nachdem der erste Offizier die Bombe nach dem Vorderraum des Landhauses ge­worfen halte, schleuderte einer der beiden Zivilisten eine zweite Bombe, die die ^gentlicheit, Aerhe.erA.ngen anrichtete. Die

Vorderwand beider Stockwerke, der Balkon, die Terrasse und die beiden ersten Zimmer sind in Atome zerstoben. Die Bomben werden als mit Pyroxilin gefüllt bezeichnet. Sie zerstoben bei der Explosion spurlos. Unter den Verletzten befindet sich der frühere Chef der Oberpresseverwaltung Für ft Schschows- ko i. Einzelne Gliedmaßen der Getöteten wurden in beträchtlicher Entfernung von der Villa gefunden.

Entsetzlich! Aber war wicht dies oder Aehnliches zu erwarten? Tas Gefühl ist abgestumpft gegen Attentats- Meldungen aus dem' Zarenreich, abgestumpft durch deren Häufigkeit und auch durch die Erkenntnis, daß es sich da nm Äischehnisse handelt, die aus den traurigen russischen Verhältnissen beinahe naturgemäß erwachsen. Werfen wir nur einen Blick auf die letzten Jahre. 1902 wurde der Minister des Innern Sipjagin ermordet, wurden die Gou­verneure General Wahl und Fürst Obolensky bei Ättentats- verfuchen verwundet. 1903 wurde der Generalgouverneur Bogdanowitsch in Ufa erschossen und der Gouverneur des Kaukasus Fürst Galizyn verwundet. 1904 fielen der Gene­ralgouverneur von Finnland Bobrikow und der Minister des Innern v. Plehwe durch Mörderhand. Das Jahr 1905 brachte u. a. einen 'Attentatsversuch auf General Trepow und die Ermordung des Großfürsten Sergius. diesem Jahre verging kaum ein Monat ohne ein paar ähnliche grauenvolle Meldungen. Die Attentate gegen General Kaul­bars in Odessa und Generalgouverneur Skalon in Warschau waren die letzten. Sie verfehlten ihr Ziel und auch das Attentat gegen Stolypin hat andere Opfer gefordert, den leitenden russischen Staatsmann aber am Leben gelassen. Kann diese neueste infame Bluttat angesichts der unge­zählten vorhergehenden Verbrechen noch sonderlich tiefe Be­wegung Hervorrufen?

Stolypin war indes nicht, wie der Großfürst Sergius, einer der Hauptvertreter des grimmig gehaßten autokrati­schen Systems. Er war ein Mann der ehrlichen Reform­versuche. 'Aber er hat neuerdings wohl eingeseh-en, daß mit einem milderen und wahrhaft gerechten Regiment in Rußland nichts zu erreichen ist. Davon war der in unserer Samstagnummer wicdergegebene Leitartikel der offiziösen Rossija" Zeuge. Dieser offiziöse Artikel, der ein neues Regiment der Strenge anzudeuten schien, hat möglicherweise die Fanatiker zu ihrer Bluttat veranlaßt.

Aber wozu das? Sagen sich diese Fanatiker nicht, daß sie mit Pulver und Blei, mit Bomben und Granaten nur das Gegenteil von dem erreichen, was sie, völlig unklar, ersehnen? Wohldurchdacht war der Mordanschlag, wie die obigen Meldungen zeigen. Nur ein Zufall hat ihn ver- eüelt. Er war nicht der Verzweiflungsakt hungriger Prole­tarier, er war auch gewiß kein persönlicher Racheakt, er war ein überlegter Schlag gegen einen Staatsmann, den man glaubte ans Werk der Reaktion schreiten zu sehen.

So vielleicht kann man das Verbrechen erklären, aber kein auch nur Halbwegs Einsichtiger wird es im mindesten entschuldigen. An der Ehrlichkeit des besten Wollens Sto­lypins zu zweifeln, hat man kein Recht. Politische Gegner mit den Waffen der Meuchelmörder zu bekämpfen ist törichteste Gemeinheit.

Nicht nur aus rein menschlichen Gründen ist diese Tat scharf zu verurteilen. Jeder Russe, der ehrlich für die polit. Freiheit feines Volkes kämpft, muß ein Beginnen verwerfen, das den Reaktionären in die Hände arbeitet, indem es die politische Unreife des Volkes offenbart. Wer sich nicht selbst beherrschen kann, kann anderen keine Gesetze geben: ein Satz, im politischen Leben so wahr wie im bürgerlichen.

Wir halten es jetzt, und besonders nach demNossija"- Artilel, für doppelt wahrscheinlich, daß sich nun, vielleicht nicht unter Stolypin, von dem man nicht weiß, ob er nach dieser grausigen Bluttat, die seine Kinder zu Krüppeln machte, weiter auf seinem gefahrvollen Poften beharren wird, eine neue Aera rücksichtsloser Unterdrückung aller freiheitlichen Regungen eröffnet. Dafür wären die dem eigenen Fanatismus zum Opfer gefallenen Attentäter ver­antwortlich zu machen. Und doppelt verdienten ihre Ge­nossen der blutigen Tat den Abscheu, den hie nicht an den Folgen dieser neuesten Untat unmittelbar interessierte Kulturwelt ihnen gegenüber empfindet.

Der Vorsitzende desHilfsvereins der deutschen Juden, Dr. Paul Nathan, hatte am 24., also am Tage vor dem Attentat, eine längere Unterredung mit Stolypin. Aus der Unterredung ergab sich, daß Stolypin der Frage der künftigen rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung der 6 Millionen Inden eine ernste Bedeutung beimaß. Es besiehe die Tendenz, vor dem Zufainmentritt der Duma den Juden gewisse Erleichte­rungen zu verschaffen. Der neuen Duina solle alsdann, wie dies verfassungsmäßig vorgesehen ist, die prinzipielle Entscheidung überlassen werden.

In B e n d z i n (Russisch Pole») wurde am 25. auf mehrere Polizisten eine Bombe geworfen. Der Wachtmeister Jakubik und zwei Polizisten wurden getötet, einer lebensgefährlich ver­letzt. Die Baumwollspinnerei in Zawieree wnrde durch Feuer vernichtet. Der Schaden beträgt 100 000 Rubel.

Am 25. August überfielen ferner zwölf Bewaffnete 60 Werst vor Moskau den Personenzug aus Iwanowo- Wosnessensk, zerschlugen die Türen der Abteilung, in der sich der Bahnzahlmeister befand, und nahmen ihm 5 0 0 0 R u b e l ab. Sie hielten den Zug an und verschwanden im Wald, wo sie von Helfern erwartet wurden. Zwei Slutglieber der Bande wurden

verhaftet. , , _ ,. ,

Die Rigaer Fabrikanten haben einen Versiche- rungs-Verband gegen Streik mit einem Kapital von 5 Millionen Rubel gebildet. Jeder Streik soll in Zukunft durch eine Auswertung der Arbeiter beantwortet werden, wobei der Schaden der Fabrikanten durch gegenseitige Versicherung gedeckt

wird.

In einem Hause in Hamburg wurde ein junger Mann aus Rußland verhaftet, ber tm Gesicht unb an ben Hän­den schwere Branbwunben trug. Der V er ha siete ver­weigerte über seine Person jebe Auskunft. Bei ber Durchsuchung würben eine Menge Revolver unb auch Sprengstoffe, hauptsächlich Pikrinsäure, geruiiben, lernet Frachtbrief, Rech­

nungen nsw., aus benen hervorgeht, baß Waffen unb Spreng­stoffe nach Rußland versandt worben sinb. Die ©enbungen. gingen nach russischen Ostseehäfen. Ein Komplize des Verhafte­ten wurde noch nicht angetroffen. Die Meldung wirb von amt­licher Seite bejlätigt.

Der Kaiser in Mainz unb im Taunus.

Unserem Bericht vom Samstag haben wär! noch folgen** bes nachzntragen:

Ankunft de8 Kaisers.

In ber Nähe ber Gastellschen Waggonfabrik, am Bahn­wärterhaus 39, fand sich ber Stab des Gouvernements ein. Ferner erschienen Provinzialdirektor Eleheimerat Frhr. v. Gagern und Regierungsrat Dr. Heinrichs, sowie Oberleutnant Dau vom 116. Inf.-Regt., benr bie Ehre zuteil geworben war, als Ordonnanzoffizier bes Kaisers kommandiert zu lverbcn, unb ber nach be­endeter Truppenschau mit dem Kronenorben 4. Kl. ausgezeichnet wurde. Kurz vor 8 Uhr trafen der Groß- Herzog mit Gefolge und Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Preußen ein. Pünktliche um 8 Uhr lief der laiser-, liche Sonderzug ein, dem der Kaiser mit seinem Gefolge, entstieg. Nach einer herzlichen Begrüßung mit seinen fürst­lichen Verwandten und den übrigen anwesenden Herren bestieg der Kaiser das bereitgehaltcne Pferd und fort gings! nach dem großen Sande zur

Truppenschau.

Mit frischemGuten Morgen, Kameraden!" begrüßte der Kaiser, der die Uniform seines 116. Jnf.- R e g t s. trug und vorzüglich aussah, die ihm begegnenden Truppen und kräftt'g schallte der Gruß:Guten Morgen, Majestät" jedesmal zurück. Nach der Besichtigung des 6. Tragonerregiments begann ein Gefecht mit spannenden Einzelheiten und außerordentlich interessantem Gesamtbild. Auf der einen Seite stand unter Generalmajor Kunze die 41. Infanterie-Brigade. Tie Regimenter 87 und 88 hatten Unterstützung bekommen durch eine Batterie des Mtillerie- Regiments 9ir. 61 und die 4. Schwadron des 6. Dragoner- Regiments. Sie hotten gegen einen markierten Feind zu kämpfen, der dargestettt war durch das Infanterie-Regiment Nr. 115 unter Oberst v. Büsser und dem L- Bataillon des 116. Infanterie-Regiments, kommandiert von Major Lovbecks. In großangelegter Weise ent­wickelte sich das Gefecht. In den Donner der Kanonen knatterte das Feuer der Schützenlinie. Immer weiter! schob sich der Gegner an den Feind; in der Ferne sah man eine rasch abgeschlagene Kavallerie truppe auftauchen.' Tann schmetterten die Hörner, rasselten die Trommeln zums Sturmangriff, und mit frischem Hurra gings auf bie feind­liche Stellung, als das Hornsignäl das Ganze zum Halten brachte. Gleich darauf flogen die Abteilungsführer auf dampfenden Rossen zur Krittck, während bie Truppen Auf-, steNung zum Parademarsch nahmen. In schnurgerader Linie; zogen die Regimenter in Kompagnie front und dann irt- Regimentskolonnen an ihrem Kriegsherrn vorüber; Gene­ralleutnant v. Galt befehligte. Erst kamen die Jnfanterie- regimenter Nr. 87, 88, 80, 81, 166, 115 und 116, dann die Unterosfiziersschüler von Bieberich und das 21. Pionier­bataillon, denen das 6. Dragonerregiment und das 61. M-, titlerieregiment folgten. Prinzessin Friedrich Karl führte ihr Regiment Nr. 80 selbst dem Kaiser vor. Abermals ries das Hornsignal zur Kritik, während der die Truppen ge­nügend Zeit hatten, die Spalierbildung vorzunehmen. Nuy die 1. Kompagnie des 116. In fanterie-Regts. und die 3. Schwadron des 6. Dragoner-Regiments rückten bereits mit der Fahne ab.

Für die militärische Welt war die Truppenschau von um so größerem Interesse, als hierbei zum ersten Male auch die Maximen des neuen Exerzierreglements zur Anwendung kamen, das bekanntlich im Auftrage des Kaisers vom 116. In f.-Regit. Gießen zuerst praktisch erprobt worden ist.

Ter Kaiser und die Gießener Lebensretter.

Bei der Aufstellung des 116. Regiments nach der Truppenschau ritt der Kaiser zur 11. Kompagnie und ließ bie beiden Musketiere Steiner und Rühl vortreten, die vor 14 Tagen eine Gießnerin vor dem Tode des Ertrinkens aus der Lahn gerettet hatten. Der Kaiser übergab ihnen persönlich die Rettungsmedaille und gab jedem die Hand. Mit freundlichen Worten erkannte er die mutige Tat der beiden Musketiere an.

Inzwischen hatte der beim Zug durch die Stabt nieder­gegangene Regen nachgelassen und Kaiser und Groß­herzog verweilten noef) längere Zeit mit den Herren des! Gefolges auf dem Vorplatz im heitersten Gespräch. Mit besonderer Herzlichkeit begrüßte der Kaiser den Oberst­stallmeister Exz. Frhrn. v. R i e d e s e I, mit dem er eine längere lebhafte Unterhaltung führte, wobei er ihm wieder­holt die Hand schüttelte und auf Schultern und Rücken klopfte; auch für jeden anderen der dort Versammelten hatte der Kaiser ein freundliches Wort.

Bei der Festtafel im Schloß wurde neben edelsten Getränken aufgetragen: Regentensuppe

Straßburger Tiindates Steinbutten Damwübrucken Gänseleber Kotelettes Metzer Poularden mit Salat Grüne Spargelspitzen Pfirsich Eis.

Zu der Tafel waren außer dem Gefolge des Kaisers und des Großherzogs, Prinz und Prinzessin Friedrich Karl unb ihre Hofbame Fräulein Jaßrnund geladen. Ferner waren bie Generalität und die Reginrentskommandeure zugezogen. Mit