Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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auf der Asche des allen erwachsen.
Hochwalbhausen, 22. April 1906.
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Prag, 23. April. Die hiesige Polizei verbot den Anschlag von fozialdern. Plakaten, in denen znr Teil- nahme an der Maifeier ausgcsordcrt wird, mit der L.gründung, das; der Inhalt des Aufriifes zu Ungesetzlichkeiten aufteize und Ruhestörungen befürcften lasse.
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Nr. 95
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dein Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit deni heffischsn Landwirt die Siebener Familien, blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'scheu Unwers.-Buch-u.Stem- drnckerei. ÖL Lange. Redaktion, Ervebit ioa und Druckerei:
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Anzeiger Vießen.
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Die Diatenvorlage
findet, wie vorauszusehen war, die verschiedenartigste 93curteil* ung, vollen Beifall an f keiner Seite. Der Reichstag' wird also die bessernde Hand anlegen, aber wahrscheinlich sehq bald zu einem Einvernehmen mit der Negierung gelangen, denn der Wunsch ist allgemein, die '"bis zum Ueberdruß behandelte Diäteuvorlage schleunigst aus der Welt zu schaffen. Die „Voss.
31 g." meint, die Vorlage bedeute eine pe i n l i che E n 11 ä u s cb- ung und eine schwere Schädigung des Ansehens des Reichstags, arg ist es wohl nicht, aber das; in dem Entwurf hier mmb da ein kleinlicher Geist sich geltend macht, kann kaum bestritten werden. Tie Bestimmungen über die Inhaber von Doppelmandaten z. B. sind selbst der ^,Kreuzztg." nicht sympathisch. Sie vermißt die wünichenswerte Rücksicht auf die Selbständigkeit der Einzel- ft a a t c n und auf die persönliche Würde der Reichstagsabgeord- neten. Auch die gesetzliche Festlegung der Kontrollmaßregeln stößt auf Widerspruch. Hier würde man in der Tat am besten den Reichstag selbst schalten lassen. Doch es handelt sich bei der Vorlage um das erste, nicht um das letzte Wort der Regierung. Sie wird sicherlich die Land bieten, um die Angelegenheit zu einem guten Ende zu bringen.
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Kanadier.
Einen dicken Strich 'durch die politische Rechnung gewisser „Ueber"-Amerikaner machte dieser Tage der Generalgouverneur Kanadas, Earl Grey. In einem Newyorker Briese der „Kreuz- 3tg." wird diese ergötzlich GLsckickste ausführlich erzählt. Danach war bei einem vom britischen Botschafter in Washington veranstalteten „Zweck-Essen" ein Fanatiker des angelsächsischen Bei>
politische Tagesschau.
„Made in Gerinany“.
Der deutsche Botschafter in Washington, Frhr. Speck Stern bürg, hat wieder einmal vor einem Publikum Amerikanern, die ihn zu Gaste geladen hatten, gc-
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sämtlichen Schaufenster der ganzen Stadt, zertrümmert waren. Ta dainals noch keine Bahnverbindung nach dem Osten bestand, alle Waren noch mit Schissen kamen, so dauerte es geraume Zeit, bis alle Schäden ausgebesjert waren.
Inzwischen war San Francisco zu einer Metropole des Stillen Ozeans mit nahezu einer halben Million Menschen angewachsen, zu einer der schönsten Städte der Welt, dank seiner günstigen Lage, dem unermeßlichen Reichtum des Landes, einem herrlichen, gesunden Stimm und durch den unermüdlichen Arbeilsgeist feiner Bevölkerung, die zum zehnten Teil aus Deutschen bestand. Möge es ,hr gelingen, auch das große über sie hereingebrochene Unglück kraftvoll zu überwmden und ein neues, noch schöneres Gemeinwesen
Heimische Anleihen.
Tie kurz vor -Ostern erfolgte Subskription auf 260 Millionen Mark 3i/eproz. R e i ch san le i h e und 300 Mill. Mart Zi/'proz. Ä'onsols hat bekanntlich einen wenig günstigen Erfolg gehabt. Auf erstere sind nur zirka 400 Millionen Mark, auf letztere 142 Millionen Mark angemeldet worden, sodaß der aufgelegte Betrag bei beiden Anleihen nur etwa iy3facf) gezeichnet wurde. Tas Gesamtresultat bleib. also weil hinter dem der letzten Anleihen zurück. Taß dieses bei einem Bankdiskont von 5 Proz. auf Zeichnungen spekulativen Charakters in dem früheren Umfange nicht gerechnet werden konnte, lag klar zu Ta&e.
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W. Bnaolph
sprachen. Er war am Freitag abend Ehrengast bei einem Festmahl, welches der „Traffic Club" von Pittsburg, eine Bereinigung von Persönlichkeiten, die mit dem Eisenbahnwesen in Verbindung stehen, veranstaltete. Der Botschafter hielt bei dieser Gelegenheit eine längere Ansprache in englischer Sprache über das Thema „Made in Ger- many“. Das „Wölfische Bureau" gab bereits Samstag mittag den vollen Wortlaut dieser Bankettrede wieder, gerade als ob es sich um eine politische Angelegenheit von größter Wichtigkeit handelte. Gewiß war es eine wohlgesetzte Rede, allein eine volle Spalte des Raumes unserer Zeitung der Wiedergabe dieser Tischrede zu widmen, schien uns angesichts der Fülle sonstiger wichtiger Ereignisse als unangebrachte Verschwendung. Wir wollen heute aus der sofort mit der ihr gebührenden Ironie aufgenommenen Rede nur noch hervorheben, daß Frhr. Speck von Sternbiirg unter anderem äußerte: „Die Entwicklung (der deutschen Industrie) ging nun rasch vorwärts, besonders unt<r weitblickenden Geiste des jetzigen Kaisers Wilhelm II. der bekanntlich einer der hervorragendsten technischen Fachmänner und Blei st er auf dem Felde der Mechanik in Deutschland ist." Der Botschafter schloß seine Ausführungen mit den Worten:
„Was unsere beiden Länder brauchen und was sie jedes Jahr mehr und mehr brauchen werden, wenn mir das Werl, das wir aufgebaut haben, nicht schädigen wollen — das sind auswärtige Märkte. Diese werden wir leicht finden, wenn wir den großen Worten des vielbetrauerten Präsidenten 5)1 nc Kinley folgen, „daß kein Volk ein Verkäufer sein kann, wenn es nicht ein Käufer i|t".
Herr Baron v. Speck, der sich bisher auf seinem wichtigen Posten noch keinerlei ßorberen zu pflücken verstanden hat, wird fortan nur noch von der heiteren Seite zii nehmen sein.
— <Ö a Thoma. Ein Buch feiner Kunst, herausgegebeu von der „Freien Lehrervercinigung für Kunstpflege", enthaltend 18 N, Produktionen von Werken des Meisters und eine Einleitung von Wilhelm Kvtzde. Ladenpreis 1 Mk. Verlag von Jos. Scholz in Mainz. — Dieses wundervolle Heft soll in weitesten. Streifen unseres Volkes Verbreitung finden. Mit feinem Sinn sind von Wilhelm Kotzde, der in einer Einleitung dem Meister eine tief Verständnis-- und liebevolle Betrachtung widmet, * in achtzehn Abbildungen nach Gemälden und Steindrucken Beispiele aus den verschiedenen Gebieten dieses universalen Schauens und Gestaltens gegeben: Schilderungen aus dem traulichen Bereich ocs SchwarzwälderBauernlebcns, Phantasiegebilde, religiöse Darstellungen — für Gemüt und Einbildungskraft ein Schatz ton Anregungen, eine Wünschenswerteste Bekräftigung schlichter und dabei gestaltungsreicher deutscher Jeatur- und Lebensanschauung. Der Traum Thoma's, dem Volke gute Aünst um billigen Preis zu schassen und zu geben, ist hier erfüllt.
— Ter bekannte Berliner Verlag-sbuch Händler, Geh. Stommer» zicnrat Tr. Hermann Paetel, ist in Nervi int Alter von 70 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. Der Der- fiorbcnc gründete mit jeinem Bruder die Lerlagsfirma Gebrüder Paetel, die Heimstätte der Deutschen Rundschau.
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man hatte die Empfindung, jetzt gehe a lleS zu gründe. Ter Schrecken wirkte geradezu lähmend, die Ucbtrraidnimj war eine so völlige, daß klares Denken im ersten Augenbltck versagte, jeder war von der Furcht beherrscht, daß neue Erschütterungen folgen nmrdcn. Sicherlich war in der nächsten Minute, die dem Stoß folgte, die ganze Bevölkerung von San Francisco auf den Straßen, mit Ausnahme der Sch wer kranken. Erst ganz allmählich, als weitere merkbare Stöße ausblieben, — bie Instrumente jollen noch eine große Zahl angezergt haben — kehrte Beruhigung in die Gemüter ein, es stellte sich heraus, daß ein größeres Unglück sich nickt ereignet hatte, nur eine Fran war von der abgcstürzlen Verzierung eines Hauses, wenn lch nicht irre, an der Sansvme Straße, tödlich verletzt worden. Eine Anzahl im Bau begriffener Häuser war teils eiugestürzl, teils start besck>ädigt, das (Gebäude der Union Telegraphen-Ge-iell- schaft zeigte einen Riß, der von der Spitze des Giebels nach dem gegenüberliegenden Sockel sich eritredte, kleine Beschädigungen waren fast an allen Häusern oorgefommen, die zu der damaligen Zeit zum allergrößten Teil noch Fachwerkbauten waren, sogenannte F-rame-Häus r. Wäre das Erdbeben 10 Minuten später cingctreten, so hätten hunderte von Bauarbeitern, die um 8 Ulw ihre Tätigkeit aus,rahmen, verunglücken können. Während des Stoßes wurde eine gewaltige Welle an der Wafferfront der Bai emporgeschleudert, ohne indessen besonderen Schaden anzuricksten. — Blieb also die Stadt vor größerem Unglück damals bewahrt, so hatten andere Orte im ^laat (Kalifornien mehr zu leiben, in Oalland, Älameda, Stockton, und anderen Plätzen stürzten Häuser ein, viele zum Teil tödliche Verletzungen wurden gemeldet, im großen Ganzen war aber das Beben in seinem Verlaus ein ziemlich harmloses
Bon Geschäft war an diesem und dem uackwlgeudeu -tage füinn die Rede, noch wagten Tausende nicht, die Nacht im Hause zu verbringen, die Straßen, insbesondere die ungewöhnlich breite Alarketstraße, die freien Plätze, dienten als Schlasslätts,,. Zu einem ruhigen Schlafe kam aber niemand, noch war bange Furcht vor einer Wiederholung der Erschütterungen eines jeden Begleiterin. Hur die Bauleute gab es in der Folge viel Arbeit, besonders für die Glaser, da abertausende von Fensterscheiben, vor allem die
ist anzunehmen, daß ein großer Teil der deutschen Gewert- schaften in die Front der am 1. Mai Feiernden einschwenkcu wird, obwohl im vorigen Jahr auf dem Kölner Gewerk- schaftskongreß der Meinung Ausdruck gegeben wurde, die Maifeier fei kein gewerkschaftliches At'tionsmittel. Es empfehle sich deshalb, von einer allgemeinen Arbeitsruhe abzusehen und die Feier auf den Abend zn verlegen, um nicht Kämpfe mit den: Untcrnehnrertnm zu provozieren, deren Opfer in keinem Verhältnis zu dem Wert oer Arbeitsruhe stäudcn. 9lun, solche Kämpfe, brauchen diesmal nicht provoziert zu werden, sie sind bereits da an verschiedenen Orten und in verschiedenen Branchen, aber die Maifeier kann eine bedauerliche .Verschärfung der Situation zur Folge haben. Offenbar um die Arbeiter zu warnen, tveist die „Nordd. Allg. Ztg." darauf hin, daß die Arbeitgeber fast durchweg ihre Organisationen ausgebildet haben und im Gefühl ihrer verstärkten Rüstung den Mbeitskämpfen weit zuversichtlicher cutgegenzutreten in der Lage sind, als in früheren Jahren. ES wird des weiteren an die günstigen Erfahrungen erinnert, welche die Berliner Metallindn- dust'riellen im vorigen Jahre mit der AussperrungS- taitif machten. Man kann nur wünschen, daß es nicht der Maifeier wegen zu umfangreicher Anioendung dieser Taktik lommt, denn die Arbeiteraussperrung ist es gewesen, die in Breslau zu den beklagenswerten Straßenkrawatten führte.
In dieser Beziehung kann Deutschland immer noch zuversichtlicher der nächsten Zukunft entgegensetzen, als Frankreich. Im norbftanzi. ^cheu Grub e n b e z'ir k herrscht völlige Llnarchie, in der Regierung ein nnerhör- ter Mangel an Entschlossenheit und Tat kraft. Namentlich versagt der Minister des Innern Clemenceau, auf den die radikalen Kreise so große Hoffnungen setzten. Das Kabinett Sarrien trug zwar schon bei Der Bildung den Keim der Zersetzung in sich, aber jetzt bei der Nähe der Wahlen, konnte man sich- einer so schwankenden .Haltung von ihm nicht versehen. Die Zeit der ll'ompromißkabmettc ift nun wohl dahin, es werden aller Wahrscheinlichkeit nach die äußersten Flügel aus der Linken und der Rechten von den Wahlen Nutzen ziehen. Zu einer überwiegend sozia- llstiscben Regierung dürfte es freilich noch nicht kommen, doch der Sozialismus gewinnt in Frankreich an Bedeutung, wie die Zunahme der Arbeiterausstände erkennen läßt. Der letztere Umstand und die 2cähe der Wahlen stellen einen stürmischen Verlauf der Maifeier jenseits der Vogesen in Aussicht. Nach einem Beschluß des französischen Gewerv- schaftSkongresses sott am 1. Mai zur Erringung des achtstündigen "Arbeitstages überall da zur „direkten Aktion" übergegangen werden, wo die Arbeitgeber nicht aus freien Stücken diese Forderung bewilligen. Daß die Durchführung deS Beschlusses neue Streits und Aussperrungen znr Folge haben wird, darüber sind sich die Gewerkschaften nicht im Zweifel, aber sie scheinen den Beschluß selbst auf die Gefahr hin ausrecht erhalten zu ivotten, daß es zu noch blutigeren Zusammenstößen kommt, als sie im Grubenrevier zwischen den Arbeitern und der benaffneten Macht ftattgefunben haben. Tie durch die Wahlbewegung ohne-
Das Erdötben zu San Krancisco vom 21. ^litoüer 1868.
(Original-Artikel des Gießener Anzeigers.)
Das entsetzliche Schicksal, das in den letzten Tagen über die Stadt nm „goldenen Tor" lMeingebrochen ift, ruft m mir die Erinnerung wach an den 21. Oktober 1868 anjueldtfin Luge das damals etwa 140 000 Einwohner zahlende E Francisco ebenfalls von einem Beben Heimgesuchi wuroe des.cn Verlaus im Vergleich mit dem jetzigen geradezu rarmlos zu nennen war. Aber das Entsetzen, die Angst und Furcht, die Ungewißheit über das Schicksal der nächsten Sekunden, ..hatte die lon.t io 1 arglose Bevölkerung in eine nn Wahnstin Srenzeiwe Aufregung versetzt und es bedurfte längerer Wochen,^bis da» Gesuhl völliger Sicherheit wieder zur .Herrschaft gelangte Trotz nahezu 40 Jahren, die inzwischen vergangen, sind die.Bilder und ^zenenGuS jenen mtterlebten Tagen mir noch in ihrer Gesamtl-eü gegeiiwartig, soweit ich OkügeulKit zur Beobachtung, sand.
In einem Geschäft in Montgomery Street jn^tclluug, das um 8 Uhr geöffnet wurde, verließ ick meine o stich der Market- straßc gelegene Wohnung so zeitig, uni püit.llich zur teile zu ein: jeden Morgen traf ick »nick derzeit mit einem Kapeler Landsmann, dessen Weg in gleicher Richtung lag, an der Kreuzung der Dritten und Marketstraße. WalTrend luir nun über die etwa 100 Meter breite Markctstroßc gingen, genau w Minuten nor 8, empsanden wir plötzlich den von dump>em Rollen bc- nieiteteu Erdstoß, der, wenn ich mich reckst erinnere, eine Tauer von 15 Sekunden hatte. Im Versuch, dem Körper bo§ Gleick- aewicht zu erhalten, warf man die Arme hock, eme Bewegung, die unwillkürlick non allen Belroftenen ausgeubt wurde. = Eine unbeschrciblickc Verwirrung entstand, alles draiigte aus der Nähe ber schwankenden Häuser nack Der Mitte der Straße, ivildcs Geschrei durLdrm-g Die Luft, ans den Haufcrn stürzten imig und all, groß und klein, ohne Rüchickt aus ihre jeweilige Be- fieibutig, viele noch im Hemd, direkt ans den Betten kommend. Turckmeaanaeue FuMwenc icder Art, mit und ohne Führer rasten dft ^raße dab^, alles schien fick in Auflösung zu beenden,
Die heutige Rümmer umfaßt 8 Seiten.
Aie Alnfwellc der sozialen Kampfbewegung wird mit den Demonstrationen am Arbeiter-Wältfeiertag, am 1. Mai, ihren Höhepunkt erreichen. Ter „Vorwärts" schreibt stolzen Tones, der GedMike der Maifeier habe int proletarischen Bewußtsein feste Wurzeln geschlagen. Sie solle nicht allein eine Manifestation für den Achtstundcn- tag sein, sondern auch eine Kundgebung für die Verbrüderung der Stationen im Zeichen deS Sozialismus, ein umfassendes Kulturbekennttiis. Die deutsche Sozialdemokratie will die diesjährige Maifeier bekanntlich unter das besondere Zeichen des Wahlrechtskampfes stellen, aber bei der Häufung der Streikbewegungen in jüngster Zeit dürfte auch in Teutschlcuid das politische Moment hinter das wirtschaftliche zurücktreten. Deshall»
Tie am 10. April v I. zur Subskriptton aufgelegten 300 Millionen Mark 3'/°proz. ReichSanleihe waren rund löfach, die am 17. April 1903 aufgelegten 290 Millionen sogar 47h»faü) gezeichnet worden. Eine Partei hält den^ wenig günstigen Erfolg für einen Mißerfolg, bei dem das Deutsche! Reich und Preußen bei ihrem Appell an den Kapitalmarkt Fiasko erlitten haben, andere ziepen bic bcglcircnden Umstände in Rechnung und wissen Entschuldigungen dafür, ja in leitenden zrreisen soll man über den Ausgang durck>- aus nicht überrascht gewesen sein. Dennoch berührt die: geringe Beteiligung seltsam, denn man durfte doch annehmen, daß weitere kapitalistische Kreise von dem reichlich 1 Proz. billiger gestellten Sitbskriptionspreise mehr Gebrauch machen würben. Eine allgemeine Beteiligung, bie eine nationale Pflicht gewesen wäre, hat also nicht stattgefunden.
Worin suchen wir nun die Gr ün b c für dieses Faktum? Einerseits wirb darüber geklagt, baß bas große Publikum auf die bcrcitstehenben An leihen nicht genügend aufmerksam gemacht wocbeu ist, andererseits schiebt man die neue russische Anleihe vor und von kompetenter Seite lvirds sogar behauptet, das; im Mai und Juni die Emission glücklicher verlaufen wäre. Nun, wie dem auch fei, ein Anlaß zu bcsonde'-er Befriedigung liegt zwar keineswegs vor, aber auch teirr Anlaß zu ernsten Beunruhigungen. Die internationale Finanzlage ließ unserer Finanzverwaltung eS geboten erscheinen, .o schnell als möglich zuzufassen, uniN wenn die diesmaligen Zeichner nur seriöse Zeichner find, alle Konzertzeichner und die Spekulation diesmal fort» geblieben sind, so ist dieses nur em Vorteil für unsere Aw» leihen. Sehr bemerkenswert ist aber nock> daß bie vielen; neuerbings stark uerinctyrteu Anlagewerte die weniger wohtz- habenden Levölkerniigsschichten veranlaßt haben, zu biefenr Spar- unb Anlagemittel zu greifen und den Reichsanleihen mit ihrem geringen Zinsfuß beu Rücken zu kehren. Auch hat bas "Reich durch eigene Gesetzgebung unb Verwaltung sich den Minbererfolg geschaffen, beim bie Landesversicher- mißen geben jährlich viele Millionen zu sozialpolilischew Zwecken her unb entziehen so bas Geld ben Staats- uni* ReichTpapi er en; gleichfalls wirb bie demnächst im Mgc- orbnctcnljaufe zur Beratung stehenbe Vorlage betreffs Einlage vpn Kapitalien der Sparkassen bas ihrige dazu beitragen, weitere Gelder den "Reickjstäpitalanlageii zu ent» fremden.
hin erhitzte politische Leidenschaft deS Volkes kann also schlimme Tage über die Republik bringen, wenn die Regierung, der schließlich nickfts übrig bleibt, durch daS Militär energisch Ordnung schaffen läßt.
Möglicherweise reiht sich den ntandjerlei Katastrophen, die das lausende Jahr schon gebracht hat, ein stürmtscher "Arbeiter-Weltfeiertag an. "Rach sozialdemokratischer Auffassung würbe er einen kräftigen Ätjritt bedeuten auf dem Wege zur Beseitigung der Klassenunterschiede. Ob so das Ziel erreicht werden wird, ist aber wohl zweifelhaft. Tie nächste unb sichere Wirkung wäre eine Schädigung auch der Interessen der Arbeiter.
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Erstes Blatt 156. Jahrgang Dienstag Ä4. April 1906
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h' den 20. April 1906. öwßh. Amtsgerich. WMUI nachmittags 2 Uhr 1 im Blekerlchm CriL^ :l$ianino,l tifom, 1 Spitzel, i nßj' id)tommcbt, 2 ML
Wz ifler, Ketic-z.T erstergemg. :ustaa. 6tu .i.ö.'ihie., ii. 2 llhr Mzttt 14 aöt 55 bahitk gtyai'^a? g:
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