Ausgabe 
25.7.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

156» Jahrgang

Mittwoch AS. Juli 1906

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Für die anläßlich unserer Hochzeitsfeier erroieftnen Aufmerksamkeiten sagen du? diesem 2^ege

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Politische Lagesschasr.

Der Spitzel des vorwärts.

Durch einen groben Vertrauensbruch sind, wie wir am Montag mitteilten, demVorwärts" Briefe an den Neichs- oerband, bezw. vom Reichsverband an seine Mitglieder, zum Abdruck zur Verfügung gestellt worden. Dadurch, daß nicht die auf der Schrcibmaschme hergestellten Originalbriefe, son­dern nur deren Durchschläge mit allen vom Schreiber ge­machten Fehlern abgedruckt worden sind, tonnte dieser Schreiber leicht als Verräter sestgestellt werden, der folgendes Ge­ständnis ablegte r

K5bel

Nr. 172

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werben im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener FamUien« blätter viermal in der

Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh lstchen U n iv ers.-Buch-u.©t ein- bruderet. 0L Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstratze 7.

Redaktion 113

Verlag u.Exped.S^Abl Adresie für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

tzu nehmen gezwungen war, so mußte ich der Verwaltung statt der einmaligen Beförderung meines Gepäcks eine drei­malige aufhalsen, zu meiner und ihrer Belästigung und zweifellos ohne den geringsten Vorteil für die Verwaltung. Es bedarf nur eines Federstrichs des Ministers, um diese für die Eiscubahnverwaltung selbst ebenso kostspielige wie über­flüssige Erschwerung des Verkehrs abzuschaffen. Ter Wunsch nach unbegrenzter Möglichkeit, eine Reise mit jeder beliebigen Fahrkarte beliebig oft zu unterbrechen, bleibt auch nach der Beseitigung der Rückfahrkarten im Jahre 1907 bestehen. Der Verwaltung kann es nur erwünscht sein, daß die Reisen­den den Schalterüeamten nicht öfter beanspruchen, als un­bedingt notwendig ist, und daß auch die Ausgabe des Ge­päcks bis an das eigentliche Ziel den Reisenden nicht zu ihrer Belästigung und ohne Gewinn für die Eisenbahnver­waltung unmöglich gemacht werde.

Die Vorschrift, daß der Reisende jede Unterbrechung sogleich nach- dem Verlassen des Zuges vom Stationsvor­steher bescheinigen lassen muß, ist auch für die Betriebs­sicherheit nicht ohne ernste Gefahr. Ich sollte denken, die Unglücksfälle der letzten Fahre müßten jeder Eisen­bahnverwaltung die Pflicht auferlegen, den Stationsvor­steher von jeder nicht unbedingt notwendigen Dienstleistung zu befreien, durch die er von seinem wichtigsten Geschäft: dem Ueberblick über den Gang der ankommenden und äb- fahrenden Züge, abgelenkt wird. Wie ost kann man be­obachten, daß der Stationsvorsteher in den dringendsten Amtsgeschäften, in verantwortlichen Anordnungen über die Zugabfertigung gestört, also in seinem Gedankengange unterbrochen wird durch einen Reisenden, der ihn um den Unterbrechungsvermerk ersucht. Ich wiederhole: es gibt kejüen einzigen stichhaltigen Grund, die Fahrtunterbrech­ung nicht beliebig oft, und zwar ohne jede Förmlichkeiten zu gestatten. Da ja beim Verlassen des Bahnsteiges die Karte gelocht wird, so ist auch in den Fällen einer Unter­brechung eine Prüfung ohne weiteres möglich und der Be­trug ausgeschlossen. Durch die Beseitigung des Unter­brechungsverbots würde der Eisenbahnminister den Reisen­den eine Erleichterung, seiner Verwaltung eine Ersparnis und dem gesamten Verkehr eine größere F-reiheit ver­schaffen.

Zu welchen Härten die unglückselige Platz­kartengebühr führt, dafür ein Beispiel, das zugleich ein herrlicher Beleg für das Schema F ist. Bei Putbus, zwei Kilometer davon, liegt das Hafendörfchen Lauterbach. Die Eisenbahndirektion Stettin läßt von Lauterbach am Nach­mittag einen v-Zug nach Berlin fahren und erhebtbe­stimmungsgemäß" für die Strecke LauterbachPutbus in der zweiten Klasse eine Platzgebühr von 1 Mk. Die Fahr­karte selbst kostet nur 20 Pfg., bei Rückfahrkarten nur 15 Pfg. Tie Folge diesesbestimmungsgemäßen" Zustandes ist, daß dieser Zug zwischen Lauterbach unb Putbus, abgesehen von den durchgehenden Reisenden, natürlich von keinem ver­nünftigen Menschen benutzt wird. Selbst wenn die Ver­waltung die Platzgebühr festhalten will, so soll sie doch die sinngemäße Bestimmung treffen, daß die Platzgebühr nie­mals höher sein darf, als der Fahrkartenpreis selbst. Lieber aber läßt sie einen Zug zwischen zwei Stationen leer fahren, als daß sie das Schema F zu ihrem eigenen Vorteil und zur Bequemlichkeit der Reisenden ändert. Auch sür Fälle dieser Art sollte der neue Eisenbahnminister eine allge­meine Anordnung erlassen, da die einzelnen Eisenbahn­direktionen dies, wie es scheint, nicht wagen dürfen.

Endlich noch ein Wunsch, durch dessen Erfüllung der Minister Breitenbach tausendfältige berechtigte Unzufrieden­heit beseitigen würoe. Er lautet: Die Schreibgebühr von 1 Mark in den Fällen der Rückerstattung von Fahrgeld sür nicht benutzte einfache Karten oder Rund­reisescheine ist entweder ganz abzuschaffen oder auf 25 Pfg. zu ermäßigen. Es sind Fälle vorgekommen, in denen ein Familienvater für sechs Fahrkarten 6 bis 7 Mk. Fahr­geld zurückerstattet bekommen sollte, in Wahrheit aber gar nichts erstattet bekam, weil die Verwaltung für jede ein­zelne Karte eine Schreibgebühr von 1 Mark berechnete, obgleich es sich um einen einzigen Fall mit einem einzigen Schriftstück handelte. Diese ganze Schreibgebührenberech­nung ist im hohen Grade kleinlich, aber auch un­gerecht; denn eine Verwaltung, die aus Gründen der Gerechtigkeit und der Billigkeit einem Reisenden sein zuviel gezahltes Geld für eine nicht ausgenutzte Leistung zurück­erstattet, darf sich für chr Billrgkeitsgefühl nicht eine be­sondere Gebühr zahlen lassen. _

Wie gesagt, die großen Reformen sind durch die Be­schlüsse der deutschen Eisenbahnverwaltungen für lauge Zeit abgeschnitten, und der neue Eisenbahnminister wird, selbst wenn er ein begeisterter Reformer sein sollte, sich der von seinem Vorgänger herbeigefuhrten deutschen Eisen­bahnreform fügen Müssen. Um so eher sollte er sich solchen Reformwünschen freundlich geneigt zeigen, durch deren Er­füllung er berechtigte Beschwerden der Reisenden aus der Welt schaffen und seiner eigenen Verwaltung Arbeit und Ausaaben sparen kann.

B Prof. Dr. Eduard Engel.

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Engerer Öen, weidgerechte: ja'ger rvünfät sich aus Gesund nisrüctfiditen mit etwa 1001Ü, Zchr an g^erer ^edehagt beteiligen. Nahe bet Gießen, 'sch. Anspr. Ges.0si.ab.sos. u M an den

Amdeviri, Miiver, müter To^ewlSermögeD, sucht einte ungeä Mädchen aus gut. Ftet, reiches den haushalt sühreii t:', Zwecks ÜAwnf Wt seine iratererllüllal e iernwgen wird erwünscht.

^christliche Meldungen unter 05253 an d. Gieß. Anzeiger nbeier.

Ich, Oskar Hellmann, Kanzleibeamter des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie", erkläre hier­mit, daß ich von verschiedenen, an den Reichsvcrband gerichteten und von der Geschäftsstelle des Reichsverbandes an Mitglieder des Reichsverbandes gesandten Schreiben Durchschläge angesertigt und diese durch Vermittlung des Redakteurs R. Fischer der Redaktion desVorwärts" überliefert habe. Ebenso habe ich die Flugschriften des Lieichsverbandcs und gelegentlich verschiedene Nummern der Korrespondenz" des Reichsverbandes der Redaktion desVorwärts" überantwortet.

Redakteur R. Fischer hat mir erklärt, daß man sich dafür er­kenntlich zeigen werde. Ich habe es jedoch abgelehiU, Vor­teile anzunehmen. (??) Als ich Herrn Fischer erklärte, daß ich es nunmehr für richtig Halle, aus meiner Tätigkeit tm Reichs­verband auszuscheiden, gab mir Herr R. Fischer den R a t, noch einige Zeit l> ciin Reichsverband 3 n bleiben. (!!) Außer den uuVorwärts" abgedruckten Briefen habe ich nur noch einige wenige Briefe aus der Zeit des Wahl- k a iil p f e s i n D a r Ni st a d t durchgeschlagen und d e m> Vorwärts" überliefert."

Berlin, den 23. Juli 1906.

Nicht unerwähnt mag bleiben, daß der genannte Spitzel» züchterGenosse" R. Fischer, identisch ist mit dem sozial­demokratischen Neichstagsabgeordneten und Leiter derVor­wärts "-Buchdruckerei, Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Richard Fischer. Da Hellmann seine Stellung beim Reichs­verband zum 1. August gekündigt hatte, um angeblich nach Amerika auszuwandern, war man so liebenswürdig, uns den, HandlungsgehülfenGenossen" Fichtner, einen Freund des Hellmann, als Ersatzmann anzubieten ....

*

Ter französische Major Driaut, der Schwiegersohn Boulangers, ist einer dec Verwegensten unter den. streitbaren Nationalisten. Er mußte seinen Ab­schied nehmen, weil ec nicht aufhörte, die Autorität des Kriegsministers herauszufordern, die Negierung und die Kammermehrheit zu beschimpfen und sein Bataillon in An­sprachen und Tagesbefehlen gegen die bestehende Ordnung aufzuhetzen. Seit er außer Dienst ist, hat er versucht, sich in die praktische Politik einzudrängen. Er hat sich um einen Abgeordnetenauftrag beworben, ist jedoch trotz wüstester nationalistischer Agitation wuchtig durchgefallen. Dieser Mann nun schreibt in einem mit seinem Namen und Offiziers- titel unterzeichneten Aufsatz an der Spitze desEclair":

Vor drei Jahren hat dcr Kaiser Wilhelm in einer kleinen Stadt Deutschlands an ein O f f i z i c r k 0 r p s , das sich über einge- trctcnc Zwistigkeiten mit der Zivilbehördc beklagte, folgende ergreifende A n sp r a ch e gehalten: Blicken Sie nach der anderen Seite dcr Vogesen. Da haben Sie ein Heer, daS dreißig Jahre lang mit keuchender Anstrengung gearbeitet und, eines Tages durch einen furcht­baren Sturmwind verwüstet, sich dennoch so fürchterlich zu machen gewußt hat, daß wir, seine Besieger, nur mit einer gcwiffen Besorgnis und verdienten Achtung zu ihm hinüberschancn konnten. Dieses Heer ist heute- von allen verlassen. Man hat cs durch alle möglichen Verleumdungen dem Volke verdächtig gemacht. Seine Führer zählen nicht mehr, und gerade dcr Mann, der seine Ehre und seinen Bestand zu hüten hätte, ist mit unglaublicher Verbissenheit über es hergefallen. Angegriffen, beschimpft, den schlimmsten Zufällen und dcr schmerzlichsten Unsicherheit ausgeliefert, fragt es sich, ob cs morgen überhaupt noch zählen, ob cs nicht verstümmelt und sterbend aus der Krise hervorgehen wird, die es gegenwärtig durch­macht. Und dennoch arbeitet es fortwährend. Es zeigt unS bei den Feldübuugen gut eingearbeitete Regimenter, hingebende und kenntnisreiche Offiziere, Soldaten, die die Bewunderung der Welt erregen. _ ES ist ein Beispiel und Vorbild, und ich frage Sie, die Sie unter gewissen Unvollkommenheiten leiden, wie hätten Sie e5 ertragen, wenn Sie einer derartigen Behandlung unterworfen wären?"

In einer deutschen Zeitung hat diese oder eine ähnliche Ansprache des Kaisers nie gestanden. Es ist undenkbar, daß Kaistr Wilhelm solche Worte gesprochen, solche Gedanken entwickelt haben könne. Man darf ohne Zögern annehmen, daß Dciant diese Kaiserrede frei erfunben hat. Er schwankt aber nicht, sie unter Anführungszeichen in der ersten Person, als die Worte deS Kaisers selbst, anzuführen und die Er- findtmg mit seinem Namen und militärischen Titel zu unter­schreiben. Eine derartige Dreistigkeit mußte denn doch niedriger gehängt werden. Es ist ja allerdings überlieferter Brauch bei den Nationalisten, mit einer Frechheit sondergleichen den Namen unseres Kaisers zu mißbrauchen und seine Person in ihre Parteiränke und Lügen hineinzuzerren. Jahrelang spukte bei ihnen das Märchen von den eigenhändigen Briefen des Kaisers an Herrn v. Schwartzkoppen mit Spionieraufträgen für Dceisus, ja an Dreyfus selbst, jahrelang zeigte General Mercier in den Salons der Pariser wohlgesinnten Gesellschaft die Photographie des Begleitschreibens mit eigenhändigen Randbemerkungen des Kaisers, deren Echtheit der wackere Oberst Stoffel, der 'bekannte Berliner Militär-Attachö unter dem zweiten Kaiserreiche, eifrig bezeugte, und unvergessen ist die Aussage des Nenner Zeugen Mertian-Müller, der in Potsdam im Schlafzimmer des Kaisers eine Nummer der Libre Parole" mit der Blattstiftanmerkung von des Kaisers Hand:Sie haben Dreyfus gefaßt!" gesehen ztt haben ver­sicherte. Die Kaiserrede, die Major Driant jetzt im Wort­laute mitteilt, schließt sich tvürdig diesen Kaiserurkunden an, welche die Nationalisten der engeren oder weiteren Oeffent- lichkeit übermittelt haben.

Die südwestafrikanischen Farmer treiben in ihrem hartnäckigen Verlangen nach weiterer Ent­schädigung durch das Reich einem Konflikt mit der Regierung zu. Sie fordern, daß in ihrem Interesse auf das Stamme So ec mögen der Herero Beschlag gelegt tDcrbc, da voraussichtlich der Reichstag an der im Herbst zu erwartenden Entschädigungsvorlage Abstriche vornehmen oder gar sie wiederum ablehnen werde. Die Farmer berücksichtigen-

Die heutige Kummer umfaßt 10 Seiten.

Der Wunschzettel dcr Reisenden an den neuen ßiscnöahnminister.

Nachdruck verboten.

Der Wunschzettel würde unermeßlich lang werden, wenn cMe Wünsche der Reisenden, ja, auch nur die berechtigsten, Liier gesammelt würden. Es kann sich an dieser Stelle nur um ine Heraushebung der allerdringendsten Wünsche handeln, besonders solcher, deren Erfüllung der Eisenbahnverwaltung leine Opfer auferlegen würde, ja, meist sogar solcher, deren Erfüllung eine Wohltat für die Reisenden, eine Mehrein- mahme oder eine Ersparnis für die Verwaltung bedeuten ! oürbe. Grundstürzende Reformen sollen hier nicht gefordert !»erben, denn die große sogen, deutsche Eisen - Üahnreform, die uns ja vom 1. April 1907 ab bevor- :el)t oder, wie ich vorziehe zu sagen, droht, macht eine ' leihe von sonst sehr notwendigen Aendcrungen überflüssig. .Iber vor wie nach der deutschen Eisenbahnreform bleibt -ine Menge wichtiger Verbesserungen zu wünschen.

Obenan steht der Wunsch, der Minister Breitenbach möge nicht den Weg d!es Ministers Thielen, sondern den des .über allzu früh abberufenen Ministers Budde wandeln. Von allem anderen abgesehen, unterschied sich die Eisen- inahnpolitik Buddes von der Thielens durch ihre größere Volksfreundlichkeit. Unter Thielen war die preußische Eisenbahnverwaltung hinsichtlich des Personenverkehrs mehr und mehr Plutokratisch geworden: durch die Einführung teer Platzkartengebühr, der Luxuszüge und dergleichen wur­den die mittelbegüterten und armen Klassen von den meisten guten Schnellzügen ausgeschlossen. Man vergißt >ft, daß die Harmonikazüge, diese einzige große Neuerung Thielens, in den weitaus meisten Fällen keineswegs neue Schnellzüge neben alten waren, sondern daß er die un­entbehrlichsten Schnellzüge einfach in Har- Mvnikazüge verwandelt, sie also nicht unwesentlich verteuert hat. Ich erinnere an das überzeugendste Bei­spiel: an die beiden Schnellzüge von Berlin nach Königs- I erg, also nach der ärmsten preußischen Provinz, Ostpreußen, He durch Thielen beide mittels der Platzgebühr verteuert wurden, während er andere Provinzen, so z. B. Hinter- -ommern und Schlesien, mit der Platzkartengebühr ver­schont hatte. An den neuen preußischen Eisenbah-nminister muß die dringende Bitte gerichtet werden, das in weiten Kreisen herrschende Gefühl, die Eisenbahn behandle die Reisenden mit sozialer Ungerechtigkeit, nicht weiter dadurch zu steigern, daß die guten Schnellzüge durch die Ausscheid­ung der dritten Klasse und durch die Belastung mit Platz­gebühr ein Vorrecht der Reichen werden. Mit keiner an­deren Staatseinrichtung kommt der Bürger in Deutschland so oft in Berührung, wie mit der Eisenbahn, die ja zu mehr cls 90 Proz. in Staatshänden ist. Die Regierung unter­schätzt die politische Bedeutung der Staatseisenbahn als eimes Erziehungsmittels staatsbürgerlichen Urteils. Jede ILngerechtigkeit auf der Staatseisenbahn wird von den Reisenden unmittelbar als solche empfunden, und unter mancherlei Gründen des Schwindens der Ehrerbietung vor dcr Staatsgewalt erblicke ich als einen der wirksamsten die so häufig zu dein schärfsten Urteil herausfordernde Be­handlung der Bürger durch die Eisenbahnverwaltungen. Was ich meine, wird durch eins von zahllosen Beispielen klar werden. Man sehe sich einmal den Fahrplan der Strecke Berlin-Leipzig an (Reichskursbuch Seite 93)! Wie viele Schnellzüge stehen der dritten Klasse ohne Verteuerung zu Gebote, und was für Schnellzüge? Von den besten feilt einziger, von den guten nur wenige. Der erste Morgenzug ist ein verteuerter v-Zug; er erreicht Leipzig vor 10 Uhr, kostet aber Platzgebühr. Der einzige gewöhnliche Schnell­zug mit drei Klassen, mit dem man Leipzig am Vormittag erreichen kann, ist ein mittelmäßiger Schnellzug, bann klafft eine Lücke bis zum frühen Wend. Die von Berlin abends abfahrenden Schnellzüge nach Leipzig sind sämtlich entweder v-Züge oder gar Luxuszüge. Ein Fahrplan wie Lieser bedarf dringend einer Aenderung nach sozialen Ge­sichtspunkten.

Ein Uebelstand ferner, dessen Fortdauer geradezu un­begreiflich erscheint, liegt in dem durch nichts zu recht­fertigenden Verbot der mehrmaligen Unter­brechung einer Reise. Der § 25 der jetzigen Verkehrs- ocdnung lautet:Den Reisenden ist es gestattet, die Fahrt einmal, bei Rückfahrkarten auf dem Hin- und Rückwege je einmal zu unterbrechen." Dann folgt die höchst be­denkliche Bestimmung:Solche Reisenden haben auf der Zwischenstation sofort nach dem Verlassen des Zuges dem Stationsvorsteher ihre Fahrkarte vorzulegen und dieselbe mit dem Vermerke der Gültigkeit versehen zu lassen." Die 1 Unterlassung dieser Bescheinigung macht die Fahrkarte un- g iltig. Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Grund zu dieser Beschränkung. In der Schweiz, in der zur Reisezeit ein Ameisenyauf enverkehr herrscht, kann die Fahrt mit jiei)er Art von Karten beliebig oft und ohne jicb e Förmlichkeit unterbrochen werden. Die einschränkende Bestimmung ist auch ganz nutzlos, denn der kundige Reisende setzt sich darüber aus die einfachste Weise '.jünloeg: er nimmt seine Rückfahrkarte eben nur bis zu bar Station, wo er die erste Unterbrechung eintreten lassen wiH. Ich führe als Beispiel einen von mir selbst kürzlich culebten Fall an. Ich reiste nach Saßnitz, konnte aber keine Mckfahrkarte dorthin nehmen, weil ich mich sowohl^ in S-tralsund. wie in PutbnS aufhalten wollte. Ich belastete allso den' Schalterdienst ohne jeden stutzen für die Ver­waltung um das Dreifache, indem ich gezwungenerroei)e ioi Rückfahrkarten statt einer kaufte. Die Er sch wer u n g dies Dienstes geht aber noch viel weiter^ Da rch Gepäck aufzugeben Ijatic, dieses aber nicht bis nach aufgeben durfte, weil ich ja nur eine Rückfahrkarte nach .Stralsund

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General-Ammer v

v ~ den polit. und allgem.

Amts- Md Anzeigeblatt für den Mreis Gießen MW

zeigenteil: Hans Beck.