Nr. 199 Zweites Blatt 156. Jahrgang Samstag 85. August 1906
Vrscheint SV-Uch mit Ausnahme de-Sonntags. . AA aa V'lf aa a a aa Rotationsdruck und Verlag der vrühl'sch»
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»Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der g W « fcv, g jä’frk, Ä $ g Wj vtV, Ä MM Redaktion, Expedition ».Druckerei: Vchulstr.^»
^elfisch« Landwirt erscheint monatlich einmal. v H ™ ® v v " ™ Tel. Nr. bl. Telegr^Adr.: Anzeiger Gieße».
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
politische Tagesschau.
König Eduard
hat seine Kur in M a r i e n b a d auf genau d r e i W o ch e n berechnet. Er begann sie am 17. August, und er wird sie am 6. September beenden. An diesem Tage verläßt er Marienbad morgens. Wie aus guter Londoner Quelle verlautet, ist es wahrscheinlich, daß der König auf dem Rückwege nach England dem Hofe in Dresden einen kurzen Besuch abstattet. An sich würde dieser Besuch wohl nur ein natürlicher Akt der Höflichkeit sein, zu dem die geringe Entfernung Marienbads von Dresden die erklärliche Veranlassung gäbe. Es ist aber vielleicht weniger bekannt, daß zwischen dem König Edward VII. und dem Könige Friedrich August auch ein ziemlich nahes verwandtschaftliches Verhältnis besteht. König Edward ist, wie bekannt, ein Loburger; koburgischer'Abstammung aber ist auch König Friedrich August durch seine Mutter, die Infantin Maria Anna von Portugal, die Tochter der Königin Maria II. da Gloria nnd des König-Gemahls Ferdinand, Prinzen von Sachsen-Koburg-Gotha und Vetters des britischen Prinzgemahls Albert.
Von einer Reise nach Paris ist offiziös keine Rede. M
Der Wahlkampf nm das Verfichernngsamt
ist jetzt entbrannt. Bei den früheren Wahlen hatten die sozialdemokratischen sogenannten „freien" Gewerkschaften keine Gegner. Tas außerordentlich komplizierte Wahlverfahren, durch welches die „nichtständigen Mitglieder des Neichsversicherungsamtcs und deren Stellvertreter" gewählt werden, erfordert eine über das ganze Reich verzweigte Organisation, wenn eine Gruppe sich erfolgreich an der Wahl beteiligen will. Seitdem sich aber die christlichnationalen Arbeiter-Organisation en Deutschlands mit ihren nunmehr etwa 800000 Mitgliedern im Deutschen Arbeiter-Kongreß zusammengeschlossen haben, ist den Sozialdemokraten ein Konkurrent entstanden, der ihnen jetzt zum ersten Male die Besetzung des Reichsversicherungs- amtes streittg macht.
Die sehr große Bedeutung dieser Reichsversicher- unasamtswahlen ist in weiten Arbeiterkrei-sen leider nicht genügend bekannt. Auf sozialdem. Seite ist man sich der Tragweite einer Niederlage bei diesen Wahlen bewußt und deshalb führen sie den Kamps, wenn aucfy in aller Stille, doch mit Energie und Kostenaufwand.
Wähler bei diesen Wahlen sind nur die in ganz Deutschland zerstteut wohnenden B e i s i tz e r d e r S ch i e d s- gerrchte für Arbeiter-Versicherung. Da von diesen Beisitzern ein großer Teil keine Sozialdemokraten sind, so suchen die „Genossen" die Wähler durch unverfängliche harmlose Anschreiben und Reden zu täuschen, um sie so für chren Stimmzettel zu gewinnen. Der Ausschuß des christlich-nationalen Arbeiter-Kongresses hat die Irreführung durch das sozialdemokratische Zentral-Ärbeiter- sekretariat in Berlin dadurch zu begegnen gesucht, daß er die Liste der christlich-nationalen Kandidaten für die Reichsversicherungsamtswahl auf blauem Papier drucken ließ und jedem Wähler brieflich zuschickte. Von sozialdemokratischer Seite sind soeben, um die Wähler zu täuschen, zum zweiten Male Kandidatenlisten versandt worden. War der erste Satz der sozialdemokratischen Kandidatenlisten auf weißem Papier gedruckt, so sind die jetzt versandten sozialdemokratischen Kandidatenlisten auf rosa Papier gedruckt worden. 'Außerdem veranstaltet die sozialdemokratische Seite durch Beisitzer Besprechungen der wahlberechtigten Beisitzer, in der die Wahl gemacht werden soll. In einem Schiedsgerichtsbezirk wird, wie soeben bekannt wird, den Wählern sogar für das Erscheinen zu einer solchen Besprechung ein „Zehrgeld" bis zu drei Mark und Fahrgeld versprochen. Diese Zehrgeld-Manipulation stellt sich als ein Stimmenkauf dar und wird die Ungiltigkeit der von diesen Wählern abgegebenen Stimmen zur Folge haben. EinSiegdernationalenKandidatenlisteüber die sozialdemokratische ist möglich, wenn alle christlich rind national gesinnten Beisitzer der Schiedsgerichte die auf b l a u e m Papier gedruckte nationale Kandidaten-
Aleiues Feuilleton.
— Was wird aus den alten Kulissen? Diese Frage wird fick mancher Theaterbesucher vorgelegt haben, wenn er den rasch fortschreitenden Gießener Theaterbau vor sich sieht. Eine englische Zeitschrift behandelt dieses Thema für die englischen Bühnen, die in der Pracht der Bühnenausstattung allen anderen vorangegangen sind. Da werden zunächst einige Beispiele für die Koste,: dieser Kulissen mitgeteilt. Die Barockszene in einer Londoner „Faust"-Aussührung kostete fast 2000 Mark, eine große Tempelszene in Berbohm Trees „Nero"- Aufführung 2900 Mark. Die Szenerien waren eben nicht gemalt, sondern wirklich aufgebaul. Früher genügte es, wenn eine Säulenreihe flach auf Leinwand gemalt war, aber der Bühnenrealismus unserer Zeit verlangt, daß wirkliche runde, hohle (Bäuleit aus Gips auf einem Fachwerk von Holzlatten hergestellt werden. Eine solche Szenerie hatte z. B. auch das Waldorf- Theater bei der Aufführung von „Shore Acres". Die Hauptszene stellte das Innere eines Leuchtturmes dar. Das kreisrunde Gebäude erstreckte sich von der Bühne bis zu den Sofitten. Um die einfachen getünchten Wände des Leuchtturmes zog sich eine Treppe, scheinbar aus Stein, die mit einem eisernen Geländer mit Laufstange versehen zu sein schien. Diese massive Szenerie war durchaus nötig, denn zwei der Hauptdarsteller gerieten aiif der Treppe in einen heftigen Streit. Wenn dabei die Szenerie geschwankt oder die Treppe sich nur ein wenig bewegt hätte, so würde das einen peinlichen Eindruck hervorgerufen haben. Das war aber unmöglich, denn die Szenerie war über kräftige Holzleisten gespannt, die man durch flache Eiseiihaken verstärkt und sicher verbolzt hatte; die Treppe war aus Bauholz auf einem leichten, aber starken Stahlaerippe errichtet. Die nur einfach ausschende Szene war ein Meisterwerk der Theaterzimmerei und kostete fast 2000 Mark. Hat ein Stück nun in London keine Zugkraft mehr, und wird es dann in den Provinzen gespielt, so wird die Szenerie auseinander genommen und für die Bühnen der Provinztheater verwendet. Hat schließlich die Szenerie als solche keinen Wert mehr, so wird man sie möglichst vorteilhaft zu verkaufen suchen. Ost nimmt sie der Theaterzimmermann zurück und übermalt dann die einzelnen Teile oder verwendet fie für andere Aufführungen. In einigen Fällen kaufen viellercht Theater-Direktoren aus der Provinz die Szenerie. Auch Sch r ld e r- maler erstehen sie meterweise und malen darauf bte großen
liste nach der Vorschrift des Kongreß-Ausschusses wählen. Alle Gegner der Sozialdemokratie sollten ihnen bekannte Schiedsgerichtsbeisitzer anregen, die nationalen Kandidaten zu wählen. Schluß der Wahl ist 15. September. Anfragen bezüglich der Wahl erledigt der Kongreß-Ausschuß, Essen- Ruhr, Vereinssttaße 21.
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Schundliteratur.
Ein Redner des K a t h o l i k c n t a g e s i n Essen hat sich mit scharfen Worten gegen die Schundliteratur gewandt, über deren schädlichen Einfluß auf das Volksleben ja kein Zweifel sein kann. Von geschätzter Seite wird uns zu diesem Thema geschrieben:
Gierig stürzt sich die Jugend auf diejenige Literatur, die nicht staatlich und kirchlich abgestempelt ist. Kein Wunder, denn eine Indianer- oder Schmugglergeschichte fesselt und reizt viel mehr als der Stoff der Lesebücher und Schulbibliotheken. Unsere vortreffliche Gießener Volkslesehalle wird zwar von einsichtsvollen Männern nach vernünftigen ethischen Prinzipien geleitet, aber viel zn wenig vom wirklichen Volke in Anspruch genommen. So kommt es denn, daß auch Erwachsene — wir sprechen von der breiten Masse des Volkes — sich auf die Lieferungsromane ä la Schinderhcmnes stürzen. Daß diese Lesestoffe weder die Bildung fördern, noch zur Charakterstärkung oder Geschmacksentwicklung beitragen, ist klar. Aber schlimmer als Indianer- und Schinderhannesgeschichten sind die neuerdings so sehr in Aufnahme gekommenen Detektivgeschichten, die nicht nur die Phantasie in ungesunder Weise beeinflussen, sondern auch etwa schlummernde Verbrecherinstinkte erregen. Aktuell wurde die Ausgabe, diese Art von Schundliteratur näher zu beleuchten, durch die sich mehrenden R a n b v e r s u ch e in Eisenbahnzügen. Soll doch der Bursche, der in diesem Frühjahr im Eisenbahnzug den Raubmordversuch gegen den preuß. Kammerherrn v. Zitze- witz unternahm, sich erst in einer solchen Detektivgeschichte Mut gelesen haben. Man kann dies als glaubhaft annehmen, denn in derartigen Machwerken wird bis in die geringsten Einzelheiten geschildert, wie „schwere Jungens" die schaurigsten Verbrechen begehen und sich — wenigstens für lange Zeit — dem Arm der strafenden Gerechtigkeit zu entziehen wissen. Schwache Charaktere werden durch diese Schilderungen gar leicht jur Nachahmung getrieben. Es entsteht also die ernste Frage, wie dieser Volksvergistung entgegengearbeitet werden kann. Unseres Erachtens sollten sich noch mehr als bisher und ganz besonders auch bei uns zu Lande gemeinnützige Gesellschaften Werke von Klassikern lieferungsweise vertreiben. Diese Werke müßten natürlich ohne Engherzigkeit ausgewählt werden. Im Schillerjahr 1905 wäre die passendste Gelegenheit gewesen, mit dieser Verbreitung — vielleicht unter pekuniärer Unterstützung des Staates — den Anfang zu machen. Leider ließ man sie vorübergehen — ungenutzt. Dennoch ist es noch nicht zu spät. Bei foniequenter Durchführung des Gedankens würde man der Schundliteratur gründlich Abbruch tun und den Geschmack des Volkes veredeln.
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Aus dem Leben eines deutsch-sozialen Parteiführers veröffentlichtejdwantisem. „Heff.Rundsch." in Kassel als Nachklang zu den letzten Neichstagsersatzwahlen unliebsame Indiskretionen. Es handelt sich nm Herrn Liebermann von Sonnenberg, von dem folgende Geschichtchen erzählt werden:
Einer der glühendsten Verehrer des Herrn Liebermann von Sonnenberg war vor Zeiten ein Kunstgärtner in Elberfeld. Weil er für die antisemitische Bewegung des Herrn v. Liebermann viel Geld hingab, so hielt es der „adlig" Geborene nicht unter seiner Wurde, sich mit dem „gemeinen" Bürgerlichen zu befreunden. Einst, bei solenner Kneipe nach vollendetem Vorlrage, brachte nun der Kunstgärtner voll Begeisterung einen Trinkspruch auf Herrn Liebermann von Sonnenberg aus, der in die Worte ausklang: „Wir wollen Herrn Liebermann hochleben lassen !" Prompt erhob sich der also Gefeierte und sagte: „Ich heiße nicht Liebermann, sondern von Liebermann." Seit dieser Zeit soll sich die Begeifterung des Kunstgärtners für die Liebermannsche Sache merklich abgekühlt haben, sodaß er keine Moneten dafür, übrig hatte. Sehr zum Leid- wesen des ebenso adelsstolzen wie geldbedürftigen „Freundes". — In einem „standesgemäßen" Eonpee 2. Klasse, zwischen Kassel und Treysa, soll einst Herr Liebermann von Sonnenberg über die getreuesten seiner hessischen Wähler folgende Aeßerung getan haben : „Meine S ch w ä l m e r Bauern^ find treu wie bte Hunde, aber dreckig wie die Schwein e."
Das Schlußkapilcl trägt die Ueberschrift „Der sterbende Löwe"; es heißt darin:
„Allerdings im Reichstag ist er jetzt vollkommen ungefährlich. Das kommt von seiner leidigen Gedächtnisschwäche, welche
neuerdings so bedeutend ist, daß er auch die kleinen Reden sorgfältig memoriert und vorn Manuskript abliest. Wird ihm das freie Denken und Sprechen äußerst schwer, so fällt ihm doch das Lesen sehr leicht. Denn das Leben schasst immer einen gerechten Ausgleich, und wenn ein Organ verkümmert, so geht es dem anderen um so besser. Bei Herrn von Liebermann ist cs also das Setzvermögen, das ausgezeichnet sunktioniert, sein Auge laßt ihn nie im Stich. Leider kann er keinen damit ansehen —"
In dieser über die Maßen unerquicklichen Tonart befehden sieh also die beiden antisemitischen Gruppen.__________
Kirche rrnd Schule.
— Von dein kärglichen Gehalt der Mecklenburg i s ch e n V o l k s s ch u l l e h r e r wird in vielen Fällen nur ein Bruchteil in barem Gelde gezahlt; das andere wird in Form von Naturalien verabreicht. Worin diese bestehen, verrät das eben erschienene 1. Jahrbuch mecklenburgischer Volksschullehrer, herausgegeben vom Vorstand des mecklenburgischen LandeSlehrervcreins. Danach erhält z. B. der Lehrer in Konow unter anberem 30 Pfund Grütze, 76 Biind Vieh- kohl, der in Bäbelin 5 Mal 25 Pfund Salz, der in Alt- Bnckow 60 Scheffel Gerste, 6 Scheffel Roggen, 600 Eier, 100 Pfund Wurst, 60 Schasskäse, 2 Schweinsköpfe, der in Friedrichshagen 126 Brote, 90 Würste, 460 Eier, 3 Pfund Wolle, 90 Schafskäse, 5 Krug Schafsmilch, der in Lambrechts- hageii 302 Eier, der in Neuburg 51 Betglockenbrote, 85 Mettwürste, 1018 Eier, 180 Schafskäse, 21/s Schweinsköpfe, 2 Schweinsrücken, der in Passee 5 Mark 25 Pfennig für Glockenfett, der in Pinnoiv 3 Togg Flachs usw. Diese Naturallieferiingen müssen die Lehrer sich selbst zusammen-^ holen. M
Aus SiuSt uno ttattO.
Gießen, den 25. August.
"Die Fahrkartensteuer hat mancherlei Unregelmäßigkeiten im Gefolge gehabt. So konnten in der Eile nicht genügend Fahrkarten fertiggestellt werden, so daß z. B. am Frankfurter Hauptbahnhof die Billets nach Mannheim und WormS zeitweilig fehlten. Der Beamte schrieb die Fahrscheine. In Darmstadt sind für manche Strecken neue Billets überhaupt nicht gedruckt worden. So konnte man z. B. nach dem M)einland bis Mitte des Monats Fahrkarten zum alten Preise lösen, während draußen an den Preistafeln schon die neuen Preise prangten.
** Tas staatliche Gr uppenwass ercherk zu Lauter. Jui Herbst werden es zwei Jahre, seit tnti Auftrage des Staates in dem idyllisch gelegenen engen Tale des Lauterbaches östlich von Lauter die Bohrungen^ nach Trinkwasser für Bad-Nauheim beganneu. Das Resultat war so erfreulich, daß die Regierimg beschloß, eine Gruppenwasserleitung für die Orte der oberen und mitt-* leren Wetterau bis nach Friedberg und Assenheim her-' zustellen. Zahlreiche -Orte, darunter Friedberg, Nauheim,« Dorheim, Schwalheim, Melbach, Södel, Berstadt haben fidtf bereits angeschlossen, während mit zahlreichen anoeren noch« Verhandlungen schweben. Tas Angebot der Regierung ifti für die Orte äußerst günstig, soll doch das Wasser peri Kubikmeter (ca. 100 Eimer) nur 8 Pfg. kosten, womit bie Forderung des Staates zugleich verzinst und amortisiert! wird. Dieser Preis ist außerordentlich gering, mußte dochj der Staat seither der Stadt Bad-Nauheim 20 Pfg. be-« zahlen. Der Staat projektiert im ganzen den Anschluß üonj 29 Orten. Der 2bnkauf der Quellen im Lautertal erforderte! die Summe von ca. 60 000 Mk., die Quellen der Bing-- mühle kosteten ca. 35 000 Mk., der Tröller- oder Obermuhle 15 000 Mk., wozu noch Käufe bei Privatleuten kommen. Mit der Quellfassung an der Bingmühle wurde im Früh-- jahr begonnen, die Wassermassen mußten mit zwei Mch, schinen ausgepumpt werden. Ter Brunnen sitzt ca. 9 Metett tief auf dem Basaltfelsen. In ihn führen von mehreren? Sei-ten lange Rieselkanäle, die das Wasser aus den Basalt-- felsen aufnehmen. Diese eine Brunnenanlage liefert allein' gegen 6000 Kubikmeter Wasser. Fast die gleiche Wassers
Schilder, die in Restaurants und Gafthämern irgend etwas an» preisen Das ließe sich vielleicht auch bet uns tu Gteßen machen. Für moderne Stücke werden in England die Möbel von Händlern geliehen, die das ganze Risiko tragen. Für mässige Preise liefern sie alles zur Ausstattung Nötige und nehmen es zurück, wenn das Stück abgespielt ist; dafür aber muß ihr Name auf den Theaterzettel gesetzt werden. Natürlich nutzen sich die Szenerien auch ab und müssen nach einiger Zeit erneuert werden, besonders wenn mit den Stücken eine Provinztournee gemacht wird. Die ausgesonderten Sachen werden dann öffentlich an den Meistbietenden verkauft Käufer bei solchen Auktionen sind Kulissen- maler, he r u m z i e he n d e Schausteller von Se h e n s - lo ür big feit en und Besitzer von Theatern, die jeben Abend an anderer Stelle aufgeschlagen werden. Auch Bootsbauer sinden sich bei solchen Auktionen ein, denn zu Szenerien wird stets vorzügliche Leinwand genommen, die sich zum Bespannen von Decks Kanoes oder anderen Fahrzeugen, zum Verstopfen von Deffnungen und Ausschmückeu von Kabinen besonders gut eignet. Manchmal werden eine Anzahl Streifen Leinwand sorgfältig zusammengenäht, die bann zur Herstellung von Buben oder bei kleineren Provinztheatern zu Vorhängen Berwendimg finden Dann werden fie ftisch bemalt oder mit Reklamen bedeckt. So nehmen die Herrlichkeiten der Bühnenwelt, auf denen bie Augen des Publikums freudig und gespannt, mit mehr oder minder großem Wohlgefallen geruht haben, zumeist ein recht klägliches
— Gehirnforschung. Die Internationale Vereinigung der Akademien hat außer einigen anderen wichtigen gemeinsamen Werken — Gradsorschung usw. — schon von Anbeginn an bie Erforschung des Gehirns als eine wichtige, durch gemeinsame Kräfte zu fördernde Ausgabe erklärt Sie hat zu dem Zwecke nach langjährigen Vorbereitungen und Verhandlungen eine Zeutral- kommission für Hirnsorschung emge,etzt. Das er)te Institut, das diese Kommission als Internationales Hirnsorschungs-Jmtitut anerkannt bat, ist das Dr. Senckenbergische neurologische Snftitut in Frankfurt a. M. Diese bisher wegen Raummangels nur entern kleinen Kreise von Arbeitern eröffnete Arbeitsstätte wird im Frühjahr 1907 grobe Räumlichkeiten in den Neubauten an ber Garten,tratze beziehen und dann die weiten ibr aesteckten Aufgaben erst voll erfüllen können.
K Hessisch eOrtsnamen. Wie sich jedes Werkzeug bei häufiger Anwendung sichtbar abnutzt, so.. verändern sich auch
die vielgebrauchten Mittel gegenseitiger Verständigung: dch Wörter. Vor 1200 Jahren besä • das Deutsche dieselbe Klang-' fülle, bie wir am Lateinischen schätzen. „Mit Gern skal man' Geba insahan) (mit dem Gere soll man Gabe ernpsahen) heißt! es im Hildebraiidsliede; „Forgip mir in dino Ganada goiatr Willeon" (gib mir in deiner Gnade guten Willen) ft ehr ims Wessobrunner Gebet. Ter Wohllaut solcher Endungen ist ver-l schwanden, überall stößt man auf das dumpfe e, und die Wörter, sind eingeschrumpst: statt Amisala sagen wir Amsel, statt Spar-' wari Sperber, für Langungon Langen und für Erifeldun Er-, seiden. Die Ortsnamen unterlagen eben demselben Schicksale,! wovon man sich auf jeder Seite des durch W. Sturmfels ver-, faßten Büchleins „Tie Ortsnamen Hessens" überzeugen kann. Im 11. Jahrh. schrieb man Dar m»u ndeftadt und das war schon eine kleine Verkürzung; 300 Jahre später lautete es bereits Darmstadt; ebenso schmolz das volltönende Autmun- distadt zu Umstadt zusammen. Wer sieht es dem jetzigen Worte Erbuch an, daß es aus Erichesbuoch, d. i. Erichs Buchenwald, verengt ist. Oder Etzean aus Etzelshain, Berf aus Biberaja, d. i. Biberwasser. Häufig hat auch die Unwissenheit der Urkundenschreiber oder anderer maßgebender Leute störend eingegriffen; wie wäre sonst aus Liemars ober Luthmers BüyL (b. i. Hügel) ein Lämmerspiel geworden? Oder aus dem Dorfe am schäumenden Wag (b. i. Woog) ein Schönmattenwag? Ober aus der Benennung „zum Erkenfridishvf" ein Merkenfritz? Hätte die Buchdruckerkunst noch einige Jahrhunderte auf sich warten lassen, so wären die Ortsnamen im! selben Maße weiter verfallen, und wir schrieben heute nicht) Bensheim, sondern Benscm, wie man dort spricht. Außer dieser schützenden Wirkung des Buchdruckes hat der im letzten! Jahrhundert zur Herrschaft gelangte Grundsatz, die Eigennamen: fürderhin unangetastet zu lassen, diese Wötter ber zehrenben Macht bes Stromes, wo sie wie bie Kiesel des Flußbettes abge-- schlissen werden, für alle Folgezeit entzogen.
— Aus Kiel wird uns geschrieben: Im Anschluß an die Ber-/ Handlungen des Deutschen Juriftentages findet am 13. Sept, mit ber Dampshacht „Prinzessin Viktoria Luise" ein Ausflug nach' ber Elbmünbung und Helgoland statt. Danach begeben sich die Teilnehmer nach Brunsbüttelerhasen, von wo das Schiss der aktiven Schlachtflotte entgegendampft, die zwischen der Elbmündung unbi der Insel Helgoland manövriert. *


