Ausgabe 
22.3.1906 Zweites Blatt
 
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brauchen ein Gesetz, das verhindert, daß die Großindustriellen ihre Arbeiter zu Heloten hcrabdrückcn.

Abg. Patzig (natl.) meint, der Antrag fordere in seinen folgen unabsehbare landespolizeiliche Bestimmungen, die vielleicht das Versammlungsrecht erst recht schmälern konnten. Deshalb be­dauerten seine Freunde, den Wunsch deS Antragstellers nicht .unterstützen zu können. Dir würden sonst wahrscheinlich von all den anderen Wünschen, die wir an ein Neichsvere insg esetz knüpfen, nichts erreichen. Redner ist noch nicht in der Lage, die Schuld an den Vorgängen bei der Eisenacher Wahl einseitig aus die Sozial­demokraten schieben zu können

Abg. Vorzig (Kons.) kann trotz großer Bedenken dem An­trag im allgemeinen zustimmen. Es handele sich eben darum, die Versammlungsfreiheit gegen Angriffe von unten zu schützen. Die Sozialdemokratie versuche vergeblich, die Eisenacher Vorgänge von Ihren Rockschössen abzuschütteln.

Abg. Raab (wirtsch. Vg.) verteidigt die Haltung der Anti­semiten im Eisenacher Kreise. Man habe die Sozialdemokratie fernhalten müssen, um die Versammlungen ungestört abhalten zu können.

Abg. B e r n st c i n (Soz.): Es gibt keine Partei, die so wie die Sozialdemokratie in ihren Versammlungen politische Gegner zu Worte kommen läßt. (Stürmisches Gelächter im ganzen Hause.) Redner polemisiert dann des längeren gegen die Antisemiten und erklärt sich gegen den Antrag.

Abg. S cd r a d e r (ireis. Vg.) spricht sich gegen den Antrag aus, der nur die Befugnisse der Polizei vermehren würde. Seine Freunde wünschten möglichst große Freiheit des Versammlungs- und Vereins­rechts. Dieser Antrag aber würde die Erreichung dieses Zieles erschweren.

Abg. Sinder mann (Soz.) ist gegen den Antrag, weil er das bischen Versammlungsfreiheit, das wir heute noch besitzen, illusorisch machen würde.

Abg. Luttmann (Wirtschastl. Vg.): Ueber die Aeußerung des Abg. Bernstein, die Sozialdemokratie allein ehre die Versammlungs­freiheit, hat ja die Mehrheit des Reichstages durch Lachen quittiert und damit die Absicht der Mehrheit des Volkes zum Ausdruck ge­bracht. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Mir ist doch in Melsungen der Zutritt zum Versammlungslokale von einer Kette von Sozialdemokraten mit Mauersteinen venvehrt worden und erst mit Hilfe der Revolver meiner Begleiter kamen wir hindurch. (Lärm bei den Soz.) In Kassel mußte ich vor den Drohungen der Sozialisten unter Zurücklassung meines Hutes das Weite suchen. In Eisenach stand ich selbst dabei, wie Sozialisten einen Schutz­mann au? dem Fenster warten und seinen Rock ganz zerrissen. In Eisenach wie hier im Reichstage wird der Jenenser Beschluß aus­geführt: Noch ruppiger zu werden. (Lärm bei den Sozialisten.)

Abg. Stücklen (Soz.): Ein Steinwurf ist noch keine Revo­lution. (Heiterkeit rechts.) Die Antisemiten und Versammlungs- sreiheit, das reimt sich schlecht zusammen. Beim Lesen des Än- lrages dachte ich, die Herren gehen jetzt gegen sich selbst vor. (Heiterkeit links.") Redner polemisiert weiter gegen die Antisemiten.

Präsident Graf B a l l e st r e m ruft Stücklen zur Ordnun g, weil er dem Abg. Raab Verleumdung nachgesagt habe.

Abg. B u r ck h ar d t (Wirtschaft!. Vg.) erklärt, im Siegerland erlebten wir dieselben Fälle von sozialdemokratischem Terrorismus wie im Eisenacher Kreise.

Abg. Schack (wirtsch. Vg.1 weist die Behauptung der So­zialdemokraten zurück, daß die nationalen Handlungsgehilfen in DreÄien als Sprengkolonnen organisiert worden wären. Der Beweis dafür sei schwierig. Die Sozialdemokraten, die die schwie­rige Arbeit nicht lieben, blieben den Beweis dafür schuldig. (Hei­terkeit rechts.)

Abg. Reißhaus CSog.) polemisiert gegen die Antisemiten, ist aber von zahlreichen Zwischenrufen unterbrochen auf der Tribüne schwer verständlich.

Abg. Zimmermann (Resormp.) bekämpft das Vorgehen wer ^o-ozialisten im Königreich Sachsen, wo sie die ihnen von den Antisemiten gewährte volle Rcdcfreihest mißbraucht hätten. (Lärm links.) Wir lassen uns von ihnen doch nicht auf der Nase herumtanzen. (Fortgesetzte Protestrufe bei den Sozialdemokraten; mehrere Sozialdemokraten melden sich zum Worte.)

An der folgenden ?lnseinandersetzung beteiligen sich die -«L^ialiften Horn, Schöpflin und Hoffmann.

Damit schließt die Debatte. Es folgen persönliche Bemerk­ungen. Nach einem Schlußworte des Abg. Liebermann von Sonnenberg wird der Antrag ab gelehnt. Dafür stimmte nur die Rechte. Danach wird der zweite Punkt der Tagesordnung, Antrag des Mg. Graf v. Bernstorfs aus Herabsetzung der Verbrauchsabgaben ans Zucker delwltelos der Budget­kommission überwiesen.

Nächste Sitzung Freitag: Kolonialetat, Marineetat und «Flottengesetz. __________________________________________

j)oLMsehe Lagesscbau.

Die Ausbildung der Reserveoffiziere.

Die Erfahrungen bei den in den letzten Jahren zu Ülebungsznrecken nufgestellten Mserve-Jnfantcriereginren- lern haben so schreibt die freisinnigeWeser-Ztg." 'ergeben, daß eine bessere Ausbildung der Oberleutnants und Hauptleute des Beurlaubten stand es dringend crforder- stich ist. Bei den Hebungen dieser Regimenter entstanden 'oft Situationen, die teilweise ein schlechtes Licht auf unser .Reserveoffiziermaterial warfen und manches Kvpsschütteln verursachten. Im Ernstfälle würden die schlimmsten Konse­quenzen, manchmal ein völliges Aufreiben der Truppen ringetreten sein. Künftig soll ein sehr strenges Auge auf die Offiziere geworfen werden, die eine Beför'derungsnbung absolvieren. Zur Befähigung zum Kompagnieführer wird tadellose Reitfertigkeit verlangt werden, da sich auch hier ein bedauerlicher Mangel gezeigt hat. Auch betreffs der Mannschaft soll dafür gesorgt werden, daß jeder Reservist mindestens zweimal 14 Tage im Reserve- und 14 Tage iw Landwehrverhattnis übt, um die Mannschaften kriegs­tüchtig zu erhalten.

Die Leistungen der Offiziere des Bcurlaubtenstandes ber Infanterie, Jäger und Schützen sollen den erhöhten Anforderungen an die Gefechtsausbildung der Truppen Mehr angepaßt werden. Die aktiven Kommandeure und Konrpagniechefs können sich bei den vielseitigen Anforder­ungen, die die Ausbildung der Mannschaften bei der zwei- Mrigen Dienstzeit an sie stellt, nicht in deut erforderlichen Maße depAnsbildung dieser Offiziere bei der Truppe widmen. -Abhilfe soll nunmehr dadurch erreicht werben, daß ein Teil der ersten Hebung in der Reserve und die Beförder- unasübung zum Hauptmann unter besonders geeignetem Lehrerpersonale des aktiven Dienststandes auf Truppen- übungsplätzen abgeleistet wird. Ein gleiches Verfahren hat bei den Reserveoffizier-Aspiranten bereits gute Erfolge ge- zettigt.

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Ein weißer Rabe.

Der Genosse Stampfer hatte einen Artikel über die Welt Politik des Proletariats" geschrieben, worin er der internationalen Sozialdemokratie empfahl, ähren Einfluß dafür einzusetzen, daß bei einem eventuellen Kriege die Macht isoliert werde, die den Krieg provoziert habe; die internationale Sozialdemokratie müsse entscheiden, toer Recht, und wer Unrecht habe und danach handeln. Dagegen wendet sich der Genosse Karl Leuthner. Er sagt zunächst ganz richtig, daß die internationale Sozialdemo­kratie dazu gar nicht imstande sei; wollte sie das wirklich jdurchfiihren, so müßte die Weltgeschichte aufhören, Welt­geschichte zu sein. Er beweist dann, daß der Stainpferschv Korschlag weiter nichts sei, als eine Mobilmachung her Sozialdemokratie gegen Deutschland. An Anderer Stelle führt er aus:

Auch wenn eSl für uns als deutsche Sozialdemokraten Nicht verdammte Pflicht und Schuldigkeit wäre, zuerst und wieder und noch cmmal für den deutschen Arbeiter und sein Wohl zu sorgen: sogar vom allgemeinen proletarisänn Standvunkt aus' ist kein größeres Hnheil denkbar, als eine Niederlage und wirtschaftliche Zerstörung Deutschlands des Landes der zahlreichsten Arbeiterschaft."

Dann setzt er auseinander, daß bei einem eventuellen französischen Siege in Frankreich der siegreiche Gene­ral, der Wiederbringer des Elsaß, die.Kämmerphilo­sophen verdrängen und die H e r r s ch a f t a n s i ch r e i ß e n wer'de. Ein französischer Sieg sei die Zurückdrängung aller demokratischen Elemente innerhalb der mühsam erhaltenen Republik; und in Deutschland werde ein Massenabfall von der Sozialdemokratie, der man alle Schuld an der Mederlage aufbürden werde, zu verzeichnen sein. Zum Schlüsse sagt er, die ganze Rederei vonIsolieren" sei nur konfessions­loser Moralkatechismus"; in Wirklichkeit sei damit nichts anzufangen, die Kugeln würden die Isolierer genau so treffen, wie die Isolierten, und es sei ein schlechter Scherz, wenn beide nid/ mit gleichem Eifer zurückschießen würden.

DerGenofi?" wird wohl in seiner Partei wenig Zu­stimmung finden. Ein Sozialdemokrat, der Dinge darstellt, wie sie sind, und nicht nur nachkaut, was die sozialdemo-. t'ratischen Oberbonzen Vorreden, verdient nichtGenosse"! zu heißen.

Abg. Lenzmann t.

Ter freisinnige Reichstagsabg. Justizrat Lenz- mann, Vertreter des weftfäl. Wahlkreises Iserlohn-Altena, der während der Reichstagssitzung am Dienstag einen Schlaganfall erlitten hatte, ist am Mittwoch in Berlin ge­storben. Für die freisinnige Volkspartei bedeutet der Tod dieses angesehenen Parlamentariers so kurze Zeit nach dem Ableben ihres ersten Führers Eugen Richter einen doppelt schmerzlichen Verlust. Lenzmann hat nur ein Alter von 63 Jahren erreicht. Er genoß namentlich in allen Rechtsfragen Autorität auch außerhalb seiner Fraktion und war u. a. Mitglied der freien Kommission, die vom Reichs­justizamte mit der Ausarbeitung eines Entwurfes für die als notwendig anerkannte Reform der Strafprozeßordnung betraut worden war. In seinem Wahlkreise dürfte jetzt wieder ein heftiger Wahlkampf entbrennen, da im Juni 1903 neben 7737 sreis. 10146 sozialdemokratische, 7440 nationallib., 6604 Zentrums- und 1457 christlich-soziale Stimmen abgegeben wurden: in der Stichwahl siegte Abg. Lenzmann damals mit 19175 gegen 11030 sozialdemokrat. Stimmen. Der Schlaganfall traf den Abg. Lenzmann, als er sich aus den oberen Räumen des Reichstagsgebäudes im Fahrstuhl nach unten begab. Er schleppte sich noch in den Sitzungssaal, wo er sich mühsam aufrecht hielt, bis! seine Freunde ihn aus dem Saale führten und nach Hause brachten. _________________

parlamentarisches»

Berlin, 21. März. Die St euerkomMission des Reichstages nahm heute den Frachtstempel gemäß einem Zentrumsantrage an unter gleichzeitiger Einbeziehung des Verkehrs auf den Kanälen. Ebenso wurde der Rest des Gesetzes über die Frachturkunden angenommen. Es folgte die Beratung der Besteuerung der Person en- Fahrkarten. Bei dieser Gelegenheit gelangte ein Schreiben des preuß. Eisenbahnministers zur Verlesung, welcher dies Kilometersteuer ab lehnt und sich höchstens mit einem Fixstempel von 20, 10 und 5 Psg. und bei einem Preise von über 10 Mk. mit einem doppelten Satze einverstanden erklärt. Dies würde 25 Millionen Mark ergeben. Staats­sekretär v. Stengel und Frhr. v. Nheinbaben wandten sich gegen die Zuschlagssteuer. Ein Beschluß wurde heute noch nicht gefaßt.

Berlin, 21. März. Die freisinnige Volkspartei hat im Reichstag eine Resolution eingebracht, den Reichskanzler zu ersuchen, sofort eine Enquete über die Lage der Heimarbeiter, insbesondere betreffs der Arbeitszeiten, der Arbeitslöhne, sowie ihrer sanitären und sozialen Verhältnisse zu veranstalten und sodann auf Grund der Ergebnisse dieser Enquete möglichst bald dem Reichstag einen Gesetzentwurf zur Beseitigung vorhandener Mißstände vorzulegen. Mit dem- elben Gegenstand beschäftigt sich ein Antrag Dr. Hitze- Frhr. v. Heyl, der vom Zentrum, Nationalliberalen, Konservativen, freisinniger Vereinigung und Polen unterstützt ist und einen Gesetzentwurf zur Regelung der Ar­beitsverhältnisse in der Hausindustrie verlangt. Es sind in dem Antrag die Gesichtspunkte angegeben, die in dem Gesetzentwurf berücksichtigt werden sollen.

Heer und Flotte.

DemMilitärwochenblatt" zufolge wurden zu Generalleutnants befördert: die Generalmajore von Reichenbach, Kommandeur der 7. Inf.-Brig. unter Er­nennung zum Kommandeur der 2. Division; Fritsch, Traininspektor; Frhr. v. Plettenberg, Inspekteur der Jäger und Schützen; v. Twardowski, Kommandeur der, 32. Inf.-Brig.; Freiherr v. Egloffstein, beauftragt mit der Führung der 20. Div. unter Ernennung zum Komman-1 dcur derselben; Graf Molike, Kommandant von Berlin/ Flügge, Kommandeur der 3. Fuß-Art.-Brig.; von der! Gröben, Kommandeur der 33. Inf.-Brig. unter Ernennung zum Kommandeur der 12. Division.

Das Grubenunglück iit Courriöres und der Ausstand. I

Lens, 21. März.

Tie Arbeiten im Bergwerk schreiten langsam vorwärts. In Schacht 2 in Billy-Montignh gewann das Feuer, wie man vorhergesehen hatte, beim Oeffnen der Absperr­dämme zur direkten Bekämpfung des Feuers um einige Meter an Ausdehnung nach der Seite hin, wo die Luft einströmte. Nachdem nun aber Maßnahmen zu einer metho­dischen Bekämpfung des Feuers mit Hilfe von Wasser unter Truck beendet sind, gewinnt die Feuerwehr Terrain. Das Wetter ist andauernd schlecht. Es fällt Regen und Schnee. Tie Jngenieurkommission erließ heute folgende Bekannt­machung: Man begann heute früh 4 Hhr mit der Bekämpf­ung des Feuers und gewann bis 6 Hhr vier Meter. Zwei Leichen wurden zutage gefördert.

Die Nacht ist verhältnismäßig ruhig verlaufen. Einige Mitglieder des neuen Syndikats sind nach Bethune gereift, um die Freilassung Brvutchoux', des Präsidenten des neuen Syndikats, dessen Verhaftung das neue Syndikat desorgani- iert hat, zu fordern. Andererseits wollen die Mitglieder deS alten Syndikats den Gewalttätigkeiten der Mitglieder des neuen Syndikats mit Gewalt begegnen. Die Truppe?: sollen verstärkt werden. Bürgermeister Basly er­ließ an die Bevölkerung eine Kundgebung, worin er die gestrigen Ausschreitungen, die von Agitatoren veranlaßt

I seren, brandmarkt. Basly ist nach Parks abgereist, um mit den Ministern Clemenceau und Darthon zu konferieren.

P aris, 21. März. Seit heute treffen b e d e u t c n d e K'yh- au S Deutschland ein. Dieselben werden haift't- lädilid) für die Pariser Gasfabriken benutzt. Die Regierung I hatte beabsichtigt, verschiedenen Grubenarbeitern in Courrieres, I welche sich bei den Rettungsärbeiten hervorgetan hatten, das I Kreuz der Ehrenlegion zu verleihen, unter anderem dem Wg. .räinDU, welcher niedrere Kameraden mit eigener Lebensgefahr rettete._ Infolge einer Untersuchung hat die Regierung diesen Plan Urnen gelassen, da sich heransstellte, daß die Retter in I ihrer Mehrzahl der sozialistischen Partei angehören und die Aus- zeichnnng ablehnen würden. Andererseits wird berichtet, daß I skrupellose Menschen den Witwen verschiedener Opfer Geldsummen I angebvten haben als Entgelt aus die Entschädigungen, welche dis Witwen geltend machen fönnen. Mehrere Witwen, durch Not ge­zwungen, haben tatsächlich Heinere Geldbeträge angenommen und sind hierdurch späterer Entschädigungen verlustig gegangen. ___ März. Das Hilfskomitee hat bis heute etwa

900000 0r an csH nt erst ü tzu n g sg eld er gesammelt. Hierin pnd bic jOO 000 Francs, die bic Regierung bewilligte, nicht ein» begriffen.

Essen (Ruhr), 21. März. Die Mitglieder beider kgl. s ä chs. Kammern fammelten nach einem hier beim Bergbau-Verein leingegangenen Telegramm für die deutschen Rettungs­mannschaften in Courrieres 3600 Mark als Ehrengabe, bic der Bergbau-Verein bankend accepticrtc.

Zwei Mädchen getötet.

(UnBered)tigter Nachdruck verboten.)

, H. b'. Braunschweig, 21. März.

_ Gin Ereignis, vor dem der Psychologe wie vor einem Rätsel | fleht, beschäftigte die erste Strafkammer des Landgerichts. In dem Hause Monumentcnstrape 1 wohnte bic Witwe bes Schlosser- ' Meisters Brunke mit ihrer Tochter imb ihrem achtzehnjährigen Sohn Karl. Dreier war Lehrling in einem Bankgeschäft, nicht unbegabt, jedoch furchtbar nervös. Er hielt sich für einen großen Künstler und Schriftsteller. Seine Theaterstücke, die er dem hiesi- gen Hostheater, dem Lessingtheater und Deutschen Theater in Berlin zur Aufführung anbot, wurden stets zurückgewiesen. Seit einem halben Jahre erteilte er den Töchtern des hiesigen Kauf­manns Haars Musikunterricht. Diese, int Alter von 21 und 22 Jahren, sollen schöne, stattliche Mädchen gewesen sein. Kärl Brunke knüpfte mit der Jüngeren Namens Alma ein Lie­besverhältnis an. Die steten Ablehnungen seiner Dramen und bic Aussichtslosigkeit, Alma Haars in absehbarer Zeit hei­raten zu können, lvirkten nicberschlagenb. Er geriet schließlich in ,o nervöse Erregung, bar. er beschloß, sich zu erschießen. Als " dies seiner Geliebten mitteilte, soll letztere sofort den Ent- fchlun ninbgegeben haben, mit ihm gemeinsam zu sterben.

Das zweite' Opfer.

Die 22jährige Martha Haars, ein bildschönes Mädchen, hatte ein Liebesverh-ältnis mit einem an der hiesigen Schule studieren­den Russen. Letzterer hatte eine Zeit vorher Braunschweig ver­laden. Als Karl Brunke und Alma Haars den Entschluß faßten, aus dem Leben,zu scheiden, crlyielt Martha Haars einen Brief, in bem ber Russe ihr mitteilte, er müsse bic Beziehungen zu ihr abbrechen, ba sein Vater in eine eheliche Verbinbnng mit ihr nidit einwilligen wolle. Nun bemächtigte sich auch ber Martha Haars Nicdergcschlagcnh.'it. dlls sie von dem Plan ihrer Schwester Kenntnis erhielt, soll sie. das Verlangen geäußert haben, die dritte im Bunde zu sein. Brunke sollte zunächst die beiden Mäb-^ chen unb alsdann sich erschießen.

Die VorbereiLnng zur Tat.

Am 17. Oktober 1905 sollte die Tat ausgeführt merben. Brunke kaufte eine amerikanische Repeticrpistole, unb, um mit ben beiben Mädchen allein fein zu können, seiner Mutter ein Bittet für ein Spezialitäten-Theatcr. Kurz nach 8 Hhr abends c1? ^tc Mädchen in ber Brnnkc'schen Wohnung ein. Zunächst fuhr Brunke mit den Mäbchcn in einer Droschke in bereu elter- Während Brunke unten wartete, gingen die Mädchen hinauf und schrieben einen Brief an ihre Eltern. In diesem teilten sie ihnen mit, daß sic aus dem Leben scheiden wollen, unb um Verzeihung bitten. Alsdann entfebigten sich bic Mäbchcn ihrer Korsette unb legten wcißscidene Blusen und fchwarze Röcke am. Danach fuhren alle brei in bic Brnnkc'schc Wohnung zurück. Tort gab Karl Brunke zunächst einen Probe- sämß ab. Da aber ber Schuß zu viel Geräusch verursachte, ging i Brunke mit ben Mädchen in die günstigere Kämmer eines jungen | Mannes. Dort übte Brunke weiter, indem er einen Schuß auf I eine Photographie abgab. Er hatte ausgezeichnet gfetroffen.

Scktktteipcrei.

Trotzdem batte Brunke den Mut zu der grausigen Tat ver- I kn-en. Tic beiden Mädchen wollten aber sterben. Sie gaben ihm 130 Mark mit der Bitte, ein paar Flaschen Sekt zu holen, letzterer sollte den Mut des Brunke entfachen unb auch den Mädeln Mut um Sterben einflößen.

Die 2lusführung der Tat.

Nachdem ber Seit getrunken war, rückte Brunke zwei Sessel iicbencinanbcr; in ben einen setzte sich Martha, in den anderen Alma Haars: beide entkleideten den Oberkörper. Brunke sckwß ziierft aus nächster Nähe au? Martha. Die Kugel drang in bic Spitze des Herzens; nach einem kurzen Röcheln verschied das I Mädchen. Nun soll Alma den jungen Mann aufgeforbert haben, auch sie zu töten. Ein zweiter Schuß tötete auch dieses Mädchen. Beim Anblick der beiden Leichen mürbe Brunke mutlos, er unter- I cs, einen Schuß auf sich selbst abzugeben. Er verschloß die Wohnung, begab sich zur Polizeidirektion und erzählte dort I nut verblüffendem Gleichmut und größter Ausführlichkeit alle I Einzelheiten seiner grausigen Tat. Er meinte achselzuckend: er ha&c nicht anders handeln können. Er hielt es für selbstverständ­lich, daß er die Mädchen erschossen habe. Brunke legte ein derartig apathisches Wesen zur Sckau, daß die Behörde an seiner geistigen Zurechnungssähigkeit zweifelte. Er wurde deshalb einen Frrenanstalt zur Beobachtung übertviesen. Die Aerzte stellten jedoch fest, daß er geistig normal sei. Er hatte sich daher I wegen vorsätzlicher Tötung und Hnterschlagung von 100*0 Mark^ letztere begangen gegen seinen Prinzipal, zu verantworten.

DaS Urteil.

Tic Straflainmer verurteilte ihn wegen Totschlags in Ver­bindung mit Tötung auf ausdrückliches, ernsthaftes Verlangen der Getöteten, sowie wegen Diebstahls in zwanzig Fällen zu | a cki t Jahren Gefängnis.

vermischtes.

* Goethe's Leben. Ans einer Stabt in nächster Nähe von Berlin teilt eine Lehrerin folgenden kleinen Aufsatz einer zwölfjährigen Schülerin in wortgetreuer Ab­schrift mit, ber bas gestellte TemaGoethe's Leben" ebenso kurz wie erschöpfend behandelt:

»Goethe wurde im Jahre 1749 zu Mains geboren. Sie ivaren eine vornehme Familie. Es war eine Kaiserkrönung, dabei konnte er gut leben, denn er hatte einen guten Platz. Als er alt genug war, brachte ihn sein Vater auf die Universität zu Leipzig. Dort lernte er sehr gut. Seine Eltern freuten sich, daß er so fleißig lernte. Darum sagt ein Sprichwort: Vom Vater lernt ich die Natur, daS^Leben zum Studieren, vom Mütterchen lernt ich die Natur zum Stücke zu Flabusieren. In Leipzig bekam er eine schwere Krankheit. Er batte was an feine Augen. Nun sollte er wieder zurück. 9(bcr das wollte er nicht und nach einigen Tagen war er wieder gesund. Als er ausgelenu hatte, zog er wieder nach Mains. Dort wurde er von Herrn Karl s)lugust aus Weimar eingelabcn. 'sic gingen bin und sie brachten die Tage heitrr unb fröhlich zu. Manchmal kriegte er auch einen Tag frei zum Dichten. Goethe starb im Jahre 18:32. Seme letzten Worte waren:Mehr nicht!"

Al a ll n i h (Kärnthen), 20. März. Heute früh geriet eine von Arbeitern, die an dem Bau ber Tanernbahn beschäftigt sind, bewohnte Baracke in Brand. Sechs meist mazedonische Arbeiter

"u in den Flammen um unb fünf wurden schwer ncrl ,u