Ausgabe 
22.3.1906 Zweites Blatt
 
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»ir. 69

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen

bereits anoerroettig oer- itzlickes Glied der. hessischen

und

feit

hur als

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scben UntDcrfilätdi)ruderet St Lange, Lietzen.

Redaktion. Expedition u. Druckerei: 8chulskr.V.

Tel. Rr. 51. Te1egr.-Adr. r Anzeiger Lretz«.

stadter Sache.

Nach einigen weiteren Bemerkungen des Abg. Bahr nimmt

Staatsminister Ewald das Wort. Er habe gehofft, daß mit seiner eingehenden Erklärung die Angelegenheit erledigt sein werde, denn er habe ausdrücklich seine Mißbilligung ausgesprochen. Heute habe Abg. Bähr eine ganze Reihe von Dingen vorgebracht, die im Augenblick nicht zu kontrollieren seien. Man bürfe doch die Sache nicht nach den jetzigen Privatinformationen beurteilen, sondern nach den Tatsachen, die damals dem Staatsanwalt zur Beurteilung vorlagen. Er habe in Rücksicht auf gewiße Personen nicht alles das aus den Akten mitteilcn können, was dem Staatsanwalt vor­lag. Gegen den jungen Beamten lag bisher in feiner Weise ein Bedenken vor, ihn mit der Untersuchung zu betreuen, er, Redner, würde ihm als Oberstaatsanwalt gleichfalls die Untersuchung über- tragen haben. Er habe schon erklärt, daß das Vorgehen der Staatsanwaltschaft zu mißbilligen sei, weil bei der Untersuchung nicht in der richtigen Weise vorqegangen wurde. Infolgedessen wurde auch der junge Beamte seines Dienstes enthoben. Derselbe werde, wie er noch mitteilen wolle, jetzt berei^^anderweitig ^ver­wendet und er hoffe daß er ein nut,"/./' m,f

Beamtenschaft werden wird. Der Minister legt zum Schlup dagegen Verwahrung ein, daß der Hergershausener Vorgang nut dem Eberstädter auf eine Stufe gestellt werde, denn im Eberstädter Fall

und demütiger als im stolzesten Siegeslorbeer gewaltigster Erfolge und im höchsten Glanze kaiserlicher Macht gewesen ist. So lebt und wirkt er segnend weiter, ein unerreichtes Vorbild auf dem Throne, auch den ihn überlebenden und den kommenden Geschlechtern der Vater des deutschen Vater­landes.

Amtliche Nachrichten über Viehseuchen.

In einem Gehöft zu Reibertenrod (Kreis Alsfeld) ist unter den Schweinen die Notlaufseuchc ausgebrochen. Gehöftsperre ist verhängt.

Erschetm «glich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSictzrner §amttlenb!ätter" werden dem »Anze'ger viermal wöchentlich beigelegt. Ter Landwirt" erscheint monatlich einmal.

sei die Behörde durchaus korrekt verfahren.

Nach einigen weiteren Ausführungen des Abg. Bähr erklärt der Präsident die Besprechung für erledigt.

Es folgt die Besprechung der Anfrage der Abgg. v. Bren­tano, Pennrich und Gen. in betreff der

Kellerkontrolle in Büdesheim.

VettLscher.' Reichstag.

7 2. Sitzung vom 21. März 1906.

Präsident Gras Ballestre m macht Mitteilung von dem heute erfolgten Ableben d e s ?l b g. L e n z m a n n , der noch gestern an den Beratungen des Hauses teilgenommen hatte. Tas Haus ehrt das ^(nbenCcn deS Verstorbenen in der üblichen Weise. Auf der Tagesordnung steht zunächst ein Antrag Liebermann v o n Äo n n e n b e rg betreffend Schutz berVersammlungs- f r e i h e i t vor g e w a l t s a in e n S t o r u n g e n.

Abg. Liebermann von Sonnenberg (wirtsch. Bg.) führt zur Empfehlung des Antrages aus, seine Durchführung sei sehr leicht. Die Bundesstaaten brauchten sich nur zu verständigen über eine gemeinsame Instruktion an die Polizeibehörden. Es handle sich hauptsächlich darum, bas Versammlungsrecht der übrigen Staatsbürger zu schützen gegen Störungen durch rücksichtsloses Vorgehen von Sozialdemokraten. Redner gibt sodann eine Reih» von Beispielen aus seiner VersammlungS-Praxis.

Abg. B a u d e r t (Soz.) stimmt dem Antrag zu und sagt weiter : Für die Begründung des Antrags jedoch gilt das Sprichwort: Wer im Glashanse sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Jüngst spreng­ten die Antisemiten in Stettin eine Versammlung, in der Professor Reißer aus Breslau einen Vortrag hielt. Die antisemitischen Handlungsgehilsen zeichnen sich dadurch aus, bah sie die Versammlungen anders gesinnter Hanblungsgehilsen sprengen. Die anderen bürgerlichen Parteien nützen wo lie die Mehrheit haben diese gerade so aus. Im Eisenacher Wahlkreis riet die antisemitische Agitation eine Erregung hervor, wie sie dort nie zuvor bestand. Bürgerliche Organe bestätigten dies.

Abg. Giesberts (3tr.). Wir sind gegen die Tendenz bc-3 Antrages und die vorgeschlagenen Abhilismittel. Die Konsequenzen daraus sind unübersehbar. Die Polizeigemalt werde in uner- ivünschtem Maße erweitert. Es wirb immer Draufgänger geben, die über bic Stränge schlagen. Wenn im Essener Wahlkreise Gegner unsere Versammlung sprengten, so sprengten mir stets bas nächste mal die ihrigen (Heiterkeit,. Niemals ober riefen wir den Schutz des Gesetzes ober der Polizei an. Unhaltbar und überlebt ist die Auflösungsbefugnis der Beamten, dlötig ist vor allem ein Retchsvereins- unb Versammlungsrecht unb ein Schutz gegen die Bestrebungen, bas Koalstionsrecht illusorisch zu machen. Wir

Der 22. März,

6er Geburtstag Kaiser Wilhelms I., ist ein unvergeßlicher Gedenktag für das deutsche Volk. Welch ein LebenSgang von Jena bis Versailles und welch ein demütiges Tragen der Höchsts Ehren, die die Welt für ein menschliches Haupt zu oerget-en hat! Kaiser Wilhelm ist von Jugend an den groben Werdegang seines Volkes mitgeschritten, der höchsten Stelle am nächsten, selten mit seiner Person, stets mit seinem Charakter hervortretend. AlS er preuß. König geworden war, hochbetagt, war eS ihm beschieden, daS Sehnen und Ringen zweier Menschenalter der Vollendung entgegenzu­führen, den Traum von Jahrhunderten zu verwirklichen und ein Dentschland von einer Machtsülle und einem Ansehen erstehen zu lasten, wie die wärmsten Patrioten eS nimmer zu erhoffen gewagt hatten. Dann ist er, ein Hort des Friedens, fast durch zwei Jahrzehnte innerer friedlicher ReichSentwick- lung seinem Volke vorangegangen, ein Patriarch im edelsten Sinne deS Wortes, von jener unbeschreiblichen Hoheit, der jedes deutsche Herz sich willig beugte und die niemand ver­gißt, der je in den gütigen Glanz dieses AugeS gesehen hat.

Der Zauber, mit dem Sage und Geschichte der Vorzeit den »Deutschen Kaiser* umwoben hatten, war wieder lebendig geworden an seiner erhabenen Persönlichkeit, die in lichter Verklärung vor uns steht. Aber eS ist nicht der Glanz der Reichskleinodien, an dem dieser Zauber hing. Der Zauber hastete an dem höchsten Kleinod, daS Menschenhände nicht formen können: an Kaiser Wilhelms goldenem Herzen! Dieses Herz, das er nach seiner Rückkehr auS England im Jahre 1848 als daS wahre Nationaleigentum bezeichnet hat ist der Grund- und Eckstein deS Deutschen Reiches und seiner Ver- fastung geworden. Er verewigt uns das Bild des alten Kaisers, wie er in und mit seinem Volke lebte, keine Ehren suchte und doch die höchsten Ehren fand. Provinzen und Länder wurden erobert, aber sein Herz hat sie gewonnen. Sie sind an Liebe und Treue für sein Andenken hinter den alten preußischen Provinzen nicht zurückblieben.

Auf dem Sterbebette noch hat er daS Wort gesprochen: »Ich habe keine Zeit müde zu fein," ein Wort, da§ weiter­klingen wird, so lange es ein Deutschland und Deutsche gibt. Dieses Wort ist bezeichnend für sein ganzes Leben. Er hatte stets Zeit, wenn eS Dienst und Pflicht galt, und in Dienst

Pflicht war er immer.

Hochherzig, zuverlässig und dankbar, so haben ihn nicht seine überragenden Mitarbeiter gekannt, die seinen Thron glänzendste Zier umstanden und denen er seine Dankbar« über bas Grab hinaus" oft ausgesprochen und treu be­tätigt hat. Ganz Deutschland hat ihn so gekannt, der nie­mals über dem Großen des Kleinen vergaß und nie menschlicher

Amtlicher Hit.

Gießen, den 19. März 1906.

©etr.: Die Jahresübersichten und RechnungSabschlüffe der Krankenkassen.

Das Mroschermglichc Kreismnt Wielren an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises, die Verwaltungen der Gcmeindc-Kranten- Verficherungen, die Vorstände der eingeschriebenen Hilfstassen des Kreises und der Betriebs-(Fabrik-) Arankcntaffen in den Landgemeinden des Kreises.

Soweit Sie mit Erledigung unserer Auflage vom 5. Januar 1906 (Amtsblatt ohne Rr.) noch im Rückstände sind, werden Sie hieran erinnert.

I. V.: Fröhlig.

danke ihm für sein Vorgehen in dieser Angelegenheit. Er Halle aber ein weiteres Eingehen darauf dock) für erforderlich, ba die Behörde in verschiedenen Punkten nicht richtig unterrichtet zu sein scheine. Er habe natürlich fein persönliches Interesse an der Sache, aber es müßte alles geschehen, um ähnliche Vorfälle in Zukunft ui verhüten. Er müsse sich auch gegen bie Schlußfolgerung ber Regierungserkläruna roenben. Nach seiner Meinung sei ber eigent­lich Schuldige der Wachtmeister Wolf, der gewiffer- maßen mit seinem schroffen Vorgehen einen Racheakt auSqeiibt habe. Der mit der Untersuchung beauftragte Darmstädter Assessor sei für bic Sache zu jung gewesen, man hätte sie einem erfahrenen Richter übertragen sollen. Es fei auch nicht zutreffend, daß sich die Frauen alle freiwillig ber Untersuchung unterzogen hätten, es hätte sich vielmehr eine ganze Reihe geweigert, auch sei bie unter* suchende Hebamme bei ihren Untersuchungen sehr parleusch vor- gegangen, man habe sich weigernden Frauen sogar mit einer zwangsweisen Abführung nach Darmltabt gedroht. Es müßten auch gegen das Vorgehen deS Kreisarztes verschiedene Bedenken erhoben werden; ein Fall von Zwangsandrohung stehe überhaupt nicht in den Akten. ES stehe also fest, daß entweder vom Staats- anwalt ober vom Kreisarzt Fehler begangen worben seien, und er könne auch nicht zugeben, baß, wie ber Herr Justizminister aus- führte, der Hergershausener Fall nur vereinzelt bastehe. Redner verliest einen Brief, in welchem ihm nütgetcilt wirb, daß eine Frau, bic eine Fehlgeburt hatte, sich einer peinlichen ärztlichen Untersuchung unterziehen mußte, woburch die Frau in eine schwere Gemütserregung versetzt würbe.

'Abg. U e b e l (Zentr.s bemerkt, er halte ben ganzen Vorfall für sehr bedauerlich, unb nicht geeignet, baS Vertrauen ber länb- lichen Bevölkerung zu den Beamten zu erhöhen, umfo weniger, als burch bie langen Berichte in der Presse besonbers ber Kreis­arzt blosgestellt worben ist. Den Vorfall tenbenziös auszubenten, wie es geschehen sei, halte er nicht für richtig, es sei auch verkehrt gewesen, bie Sache mit ber Eberbacher Kinbsmorbaffäre in Ver­bindung zu bringen.

Abg. Köhler wendet sich gegen die letzten Ausführungen des Vorredners unb oerteibigt seine Stellungnahme in ber Eber-

Aergste geschädigt worden.

Staatsminister Ewald ertoibert, man winic doch nicht einen ganzen Stand für das event. Vergehn eines Einzelnen verantwortlich machen. Geschehe denn bad jemals in einem an­deren Berns? Habe man deshalb sckwn den ganzen Lehrerstand verurteilt, weil sich ein einzelner Lehrer Vergehen zu Dulden kommen ließ? Und sollte sich beshalb der ganze Lehrerstcmd verbitten, daß eine Untersuchung gegen den Angeschulbigten em- geleitet werde? Er könne absolut nickt anerkennen, daß der reelle Wein handel darunter leiden sollte, weis ent Einzelner, unreell gehandelt hat. Man dürfe fick da keineswegs auf ben. Standpunkt stellen, daß mit Rücksicht auf den reellen Weinhandel die Weinpantsckerei ungestört bleiben muß.

Rack einigen weiteren Ausführungen ber Wgg. Braun und von Brentano, welch letzterer dem Staatsminister gegen­über erllärt, er halte alle seine früheren Ausführungen aufrecht, ührt.

Ministerialrat Usinger aus, das Ministerium be? Innern habe erst infolge des Schreibens des hessischen Kellerkontroleurv, daß er sein Amt nieberlege, Kenntnis von der Angelegenheit er­halten Es sei dann ein Beamter nach Büdesheim gesandt worden und nach den Herrn Braden gegebenen Aufklärungen über bie. Anschauungen der Regierung habe er sich befriedigt und bereit crllä'.'t, sein Amt weiterzuführen.

Abg Reinhart stellt nochmals fest, das; nach semel-Mein­ung der Fall Büdesheim den hessischen Weinhandel aufs schwerste schädigen würde, daran würden auch alle Regierungserklärungen nichts zu ändern vermögen! . . or

Präsident Haas erklärt, dav damit bie Besprechung der An­frage erledigt ist.

Es folgt noch die definitive

Wahl des Kammerpräsidiums

durch Stimmzettel. Zum ersten Präsidenten wird mit 26 (neben 11 unbeschriebenen und zwei zersplitterten) Stimmzetteln Präsi­dent Haas wiedergewählt zum ersten Vizepräsidenten Herr Köhler mit 24 Stimmen (bei 8 weißen unb 3 zersplitterten Zetteln) und zum zweiten Vizepräsidenten Herr Dr. ^ckmitt mit 26 Stimmen (bei 10 weißen Zetteln).

Präsident Haas erllärt, daß er mit Tank für das mm aber- mals bewiesene Vertrauen die Wahl annehme; er werde an seinen bisherigen Gruiidsätzen festhallen und auch tn Zukunft die Redefreiheit hochhalten.

Die Abgg. Köhler und Dr. Schmitt nehmen bic Wahl- gleichfalls dankend an. <

Damit ist die Tagesordnung erledigt und bic Lntzung scklletzr um 3/k2 Uhr. . .....

Nächste Sitzung unbestimmt, im Lauf der nächsten Woche. ____

Zweite hessische Kammer.

8. L. D a r in stadt, 21. März.

Am Rcgicrungstifch: Staatsminister Ewald, Ministerialräte Becker, Lord ach e r unb 11 f i n g c r.

Präsibent HaaS eröffnet bic Sitzung um 10'/, Uhr. Das Haus tritt sofort in bic Beratung bes Gesetzentwurfs betrenenb bie Verlängerung ber Geltungsdauer bes

Gesetzes über die Gememdeumlagen

vorn 30. März 1901 ein. .

Abg Dr Gntflcisch führt als Ausschußberichtcrstattcr aus, baß burch bas Nichtzustanbekoimnen bes neuen ®emcmbeum(agen- Gesetzes vielen Gerneinben ein schwerer Schlag bereitet worben sei. Der Finanzausschuß sei einstimmig ber Meinung, bap ben (Sememben mehr Bewegungsfreiheit gegeben werben müsse. Es muffe versucht werben, wenn wir jetzt eine neue breijährige Verlängerung bes bestehenden Gesetzes zustimmen, ben Gemeinden in ihrer schwierigen ~.age eine möglichste Erleichterung zu schaffen. Es muffe den Gemeinden die Möglichkeit gegeben werden, schon jetzt eine Besserung ihrer Fi­nanzen in Erwägung zu ziehen unb beshalb beantragt ber Ausschuß

1. bie Regierungsvorlage auzunehmen;

2. bie Regierung zu ersuchen, baß sie nut Beschleunigung eine Ausgestaltung ber steuerlichen Autonomie ber Gemembcn inbezug auf Geineinbeumlageu unb Gemeinbeabgabcn, ins­besondere hinsichtlich der Abgaben bei Jmmobilienverauße- rungen in die Wege leite.

Eine Debatte über diesen Gegenstand sindet nicht stall; das Haus nimmt den Ausschuß« n trag e i n ft i m m i g a n.

Es folgt die Besvrechung ber Anfrage Bahr inbctrcn be5 Vorgehens ber Staatsbehörden b c x Nntersuch - u n g des

Kindesmordes in Hergeröhansen.

Abg. Bähr (Bbd.) bemerkt einleitend, er könne nut ber Er­klärung bes Staatsministers im allgemeinen zufrleben sein unb

Dr. Schmitt darin einig, bau burch die Art dieses Vorgehens eine Sckradigung der rheinhessifchen Weinproduktion hrrbcujcfiilKt wurde, die gar nickt wieder gut zu macken sei und bic er auf das Entschiedenste verurteilen müsse. Redner bedauert 1 cnlicBixaY auch, baß man in biesem Fall von ben bewährten Grundsatzev bes Staatsministers Rothe abgewickeu sei.

Staatsminister Ewalb crwibert bagegen, die Regierung habe keine Veranlassung, von den Rothefcken Grundsätzen bezüglich der Kellerkontrolle abzugehen. Dann rechtfertigt der Minister daS Verhalten der Staatsanwaltschaft. Hier handle c5 sich um etwas ganz anderes, als um Kellerkontrolle. Nackwein die vlli zeige aus Neustadt erfolgt war, hatte die Staatsawvattchhaft dm Pflicht, sich an die gesetzlichen Vorschriften zu halten; sie hatte sich andernfalls sogar strafbar gemacht. Wie kann man dem Staatsanwalt zumuteu, aus Taktgefühl ober Rücksicch auNchwiC- rige Verhältnisse von seiner Pflickt abzugehen ? Auch der ^taat^ anwalt werde wohl gefühlt haben, daß es sich hier wahrsä/einlich um eine Denunziation handle, aber das dürfte für ihn Win Grund sein, von den gesetzlichen Vorschriften abzuweichen. Es handelte sich in Büdesheim um eineu großen Betrieb mit ca. IjOO ^turt Faß, und ba war eS nur richtig, brei Sachverständige hinzu- zuzieheu, was auf Grund bes Art. 73 ber ^trafprozestorbnung geschah. Der Untersuchungsrichter sei ein geborener Rdenil-csse, der auch ganz genau wisse, um was es fick handle. Rebner er­klärt zum Schluß, baß er auch als Justizministcr in bicfcr Angelegenheit gar nickt ein schreiten könne, sondern der geruht* lichen Untersuchung freien Lauf lassen müsse. Wenn die Unter- suckung zu Gunsten ber bavon Betroffenen abscklleßc, werde alles gcsckehen, nm den Sachverhalt aufzullärcn und jebe Scha- biguitg zu verhüten. , , , .

Abg. Reinhart tabelt ebenfalls, daß b;e Justizbehörde hier einen so großen Mangel rn Vorsicht bewiesen habe. Man habe im selben Augenblick, in dem daS ganze Gewerbe tut Reichs­tag des Betrugs verdächtigt wurde, die Untersuchung vorgenom­men. Nichts sei gefährlicher, als wenn der gute Ruf eines Gc werbetreibenden angetastet werde. Die Sacke in V'.ideshcim möge ausgehen, wie sie wolle, sie werde immer einen großen Schotten werfen auf den ganzen rhein-hessiscken Weinbau. Der gute Ruf sei dos Beste und Kostbarste, was ein Gesckästsmann besitzen kömic und dieser sei durck das Vorgehen in Büdesheim auss

Abg. v. Brentano führt aus: Er habe zu seinem Schauern zu erklären, daß er durch die Antwort ber Regierung keineswegs beiriebigt sei. Tie Regierung stelle sich auf beit Grnnbsatz: Fiat justitia, pereat mundus. Daß bie Staatsanwaltschaft berechtigt sei, einen ober mehrere Sackwerstänbige zu berufen, »volle er nicht Der- kennen, allein auch bie Staatsanwaltschaft unterliege nicht nur ben starren Pflichten ihres Amtes, fonbern habe auch bie Pflicht, Takt zu üben unb auf bie Interessen ber Bevölkerung Rücksicht zu nehmen, bie ohnehin burch bie so verletzenbe unb provokatorische Art des Auftretens des Abg. Staufer int Reichstage eine schwere Schädigung erlitt. Tie Erklärung erschöpfe auch den Tatbestand nicht vollständig. Würde der Staatsanwalt vom Knserwescn oder Weinhandel etwas mehr verstehen, ober hätte er sich mehr in bie Interessen ber Bevölkerung hineiugelebt, so hätte er sich sagen müssen, baß die Anzeige au§ der Pfalz von ber Absicht ansging, bic Aufmerksamkeit ber weitesten Kreise nach bem Sartorinsprozeß von bem Psälzcr Weinhandel abzulenken auf bic hessischen Wcinprodu- jenten. Schon bicfcr Umftanb hätte ben Staatsanwalt ocranlaiicn müffen, vorsichtiger zu sein. Ter Hessiscke Zlcllerkontrolleur war boch mit ber Untersuchung beauftragt unb Hatte konstatiert, baß zur jetzigen Zeit in BübesHeim nichts unrechtes vorgekommen sei. Die Hinzuziehung bes pfälzischen Kellerkontrolleilrs mußte ber Hessische mit Recht als einen Angriff auf seine Ehre betrachten. Dies Vor­gehen ber Staatsanwaltschaft fei um fo fchobigenber für ben heil. Wcinl,anbei, als cs im Anschluß an bie beteibigenben Acußcrungcn im Reichstage erfolgte. JcbenfaNs feien Juristen imb Laicu unb die Korporationen für Weinbau einstimmig ber Meinung, baß es nicht notroenbig war, einen solch großen Apparat in ber Sache in Bewegung zu setzen. Rebner erklärt ziim Schluffe nocy, baß er eine anberc Antwort von ber Negierung erwartet hätte.

Abg. Pennri ch schließt sich ganz ben kritischen Darlegungen bes Vorrebners an unb spricht schließlich bas Verlangen aus, bie hessischen Vertreter im Biinbcsratc möchten bahin wirken, baß so- balb wie möglich einheitliche Vorschristcn für bie Wcinkonrrollc tm ganzen Reiche geschaffen werben.

Abg. Dr. Schmitt weist zunächst mit scharfen Worten bie im Reichstag erhobenen Anschuldigungen gegen den Mücken Weinhandel zurück. Er hätte gewünscht, daß der heffiscke Ver­treter im BundeSrat sofort darauf die gebühreude Antwort, ge­geben hätte. Man sollte dock darauf hulwirken, daß die Stauner- sckc Anschuldigung vom Bundesrat als ungerechtfertigt verurteil: wird. Im vorlicgeudcn gatte käme es ganz auf die Art des Vorgehens au. Der Untersuchungsrichter hatte auck Rucksieot auf das Renommee der betroffenen Gcmeinoe nehmen m: n n, er hatte sieb auch Proben und Einblick in die Bücher der lyirma versäxiften können, ohne daß es nötig war,, gleich mit 67 Personen aufzumarschieren. Gerade in der letzigen Zeit und unter den aegcbcneii Verhältnissen, unter denen die Unternickung er^iatc, war eine doppel:e Vorsicht geboten. Das' Ijattc sich auch der Untersuchungsrichter sagen müffen! Er schädigt jetzt, mit seinem schroffen Vorgel)cn die Interessen der ganzen hessischen Wem- vroduktion, denn jedermann glaubt setzt, daß durch die Un^r- suckung des Staatsauivalts die Anllage L-tauffers ihre Be­stätigung finde. Die Regierung stelle sick mir den rem for­mellen juristischen Standpunkt, ohne zu berücksichtigen, das über dem juristischen dock das allgemeine Wohl des Landes stech. Man hätte dem formellen Reckt auck vollständig Genüge, ge­schehen laffen können, ohne aus der Anzeige der beiden malzi- scheil Weinintcressenten eine so große Sache anizubauschen.

Abg Molt Han hat gleichfatts. ine Empsindung, daß das Vorgehen der Mainzer Staatsanwaltschaft . unverembar iei mit den wirllicken Interessen der Provinz Rheinhessen. .Er iei mit

Zweites Blatt 156. Jahrgang Donnerstag 22. März 1866

Gießener Anzeiger