Ausgabe 
24.8.1906 Erstes Blatt
 
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Nr. 198

Erscheint täglich außer SonnlagS.

Dein Diebener Anzeige« werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien. blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brü h l'scheu Univers.-Buch-n. Stein- bruderei. 0t. Lange. Redaktion, Ervedttüm und Drunerei:

Schulstrahe 7.

Redaktion e^gat 119 Verlag u.Exped.^Abl Adresie für Deoeschen:

Anzeiger Dietzen.

Erstes Blatt IS«. Jahrgang

Freitag 34. August 1906

Gietzener Anzeiger

M General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Bezugspreis monatlich 7bPf.,viertel« iährlich Mk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 66 Pf.; durch diePostDlk.2.viertel» jährl. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die TageLnmnm« bis vonnittagS 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 12 Ps^ aufwärts 20 Psg.

Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: P. Dittko: füt .Stadt unb fitmb" und .Gerichts! aal*: Ernst Heb; für den An» zeigeiiteil: HanS Beck.

Are heutige Dummer umfaßt 8 Seiten.

Apolitische Sagesscha«.

Der Abrüstungstraum.

ES ist dieser Tage gesagt worden, die Zeit sei zu ernst fürSpielereien mit dem AbrustungSgedanken^. Hiermit stimmt überein, daß die Firma Krupp, wie gemeldet wird, noch nie so stark mit der Herstellung von Kriegs- lnaterial beschäftigt gewesen ist, als gegenwärtig. Die internationalen Aufwendungen für Landesvecteidigungszwecke sind aber noch nicht abgeschlossen. Drei Staaten planen für eine nahe Zukunft die Neorganisation ihrer Kriegs­flotten: Rußland, Holland und Argentinien. Mindestens für die beiden letzteren erscheint die Möglichkeit, in einen Krieg verwickelt zu werden, fernliegend, und Holland beherbergt überdies den internationalen Schiedsgerichtshof, der sich im nächsten Jahre zur zweiten Friedenskonferenz mit dem Beratungsgegenftand .Abrüstungsfrage" verdichten soll. Ironie des Schicksals! Als der einzige auf Ein­schränkung militärischer Ausgaben Bedachte präsentiert sich gegenwärtig der englische Kriegsminister Haldane, der als Gast des Kaisers den Manövern in Schlesien beiwohnen wird. Es fragt sich aber, ob seine Ministerschaft von längerer Dauer ist, denn die Offiziere vom englischen Oberkommando machen aus ihrer Unzufriedenheit mit Haldanes Regime kein Hehl.

Kaufleute für die Kolonialabteilung

EL scheint in leitenden Berliner Kreisen der Gedanke ernstlich erwogen zu werden, kaufmännisch geschulte Persön­lichkeiten in die Kolonialverwaltung zu berufen, weil diese sich besser als Juristen und Offiziere darauf verstehen, bei Ankauf von Materialien usw. die Reichsinteressen vor Uebervorteilung zu bewahren. Die Klage, daß den Beamten kaufm. Kenntnis fehlt, ist alten Datums. Der verstorbene Staatssekr. Frhr. v. Richthofen stellte selbst einmal in der Budgetkommission fest, daß sogar die Konsularbeamten vom praktischen Wirtschaftsleben herzlich wenig verstehen. Die Heranziehung von erfahrenen Kaufleuten zu den aufs kommer­zielle Gebiet hinübergreifenden Verwaltungsgeschäften des Kolonialamts wäre deshalb zu begrüßen. Aber man muß doch fragen, warum denn nicht schon vor dem Abschluß der so unvorteilhaften Lieferungsverträge für Südwestafrika kauf- männische Sachverständige um Rat gefragt worden sind? Die Berliner Handelskammer oder die Aeltesten der Kauf­mannschaft hätten zweifellos geeignete Persönlichkeiten in be­liebiger Zahl namhaft gemacht, und andererseits lagen doch die kostspieligen Erfahrungen vom Chinafeldzug vor.

*

Japan erfreut sich nicht des uneingeschränkten Wohlwollens der inter­nationalen Hochfinanz. Man versagt ihm nicht gerade den Kredit, um den es nachsucht, aber man stellt ihrü verhältnis­mäßig schärfere Bedingungen, als beispielsweise Rußland, und läßt sich angelegen sein, der Aufwärtsbewegung der japanischen äußeren Anleihen Schranken zu ziehen. Deutschland kommt hierbei nicht so sehr in Frage als England und Amerika, mit denen der Direktor der Bank von Japan jetzt erneut ver­handeln will über eine 8 M i lli o nen-An le i h e und tun­

lichst auch über eine weitere Konversion älterer Anleihen. Die Staatsschuld Japans ist allerdings in den letzten Jahren rapid angewachsen, aber das ist nur eine natürliche Folge des Krieges, dessen erfolgreichen AuSgang sich die Regierung des Mikado nutzbar macht durch wirtschaftliche Erschließung der Mandschurei, was zunächst wiederum große Kosten für Bahnbau usw. verursacht. Bei der reservierten Haltung der internationalen Hochfinanz gegenüber Japan spricht wohl die Erwägung mit, den gelben Konkurrenten auf dem Weltmarkt kurz zu halten".

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 24. Aug. 1906.

** P-ersonalnachrichten. Dem Pfarrarntskantn- daten Böckner (Sohn des Lehrers B. in Heuchelheim) wurde die Pfarrerstelle zu De ct e n b a ch im Dekanat Grün­berg übertragen. Dem Lehrer Klingel Höfer (einem geborenen Gießener) wurde eine Lehrerstelle zu Staden in der Wetterau übertragen.

** Kirm es b r äu ch e. Obwohl leider unsere hastige Zeit gar vieles der Vergessenheit überliefert, was uns an Volksbräuchen von unseren Vätern noch erhalten ist, hat sich doch noch in vielen Gegenden Oberhessens manches erhalten. Die altenKirmesbräuche" haben sogar in den Jndustrieorten um Gießen noch Bestand. So wird z. B. eine ArtM ä d ch e n h an d e l" am Sonntag vor der Kirmes von den Burschen abgehalten. Ter älteste Bursche des Dorfes ruft die zuverkaufenden" Dorfschönen aus, und je nach dem Grade der Schönheit und der Zahl der Kauf­liebhaber stellt sich der Preis. Fitr ein Mädchen iverden 10 Psg. bis zu 2, 3, ja bis zu 6 Mk. bezahlt; nur ganz selten gelingt es, billigeWare" für 2 bis 5 Psg. zu er­langen. Je höher der Preis, desto größer die Ehre für das Mädchen. Der Mädchenkauf geschieht nur gegen so­fortige Barzahlung. Aus den so erhaltenen Geldsummen werden dann ein Fäßchen aufgelegt und andere Kirmes- auslagen bestritten. IN manchen Orten wird das Geld zur teilweisen Bezahlung der Kirmesmusik benutzt. Das erkaufte" Mädchen ist das Kirmesmädchen des Burschen; mit ihr tanzt er den Ersten. Die Mädchen aber erstehen für ihre Burschen Bänder oder Sträuße, und am Samstag vor Kirmes kommen die Burschen mit kleinen Henkelkörb­chen zu den Mädchen, um ihrBurschenstück" zu empfangen. Dies besteht gewöhnlich ans 2 bi<5 4 Eiern und einem blauen oder roten Band, das am Kirmestag die Brust des Burschen ziert. In der Wirtschaft werden die Eier vor­sichtig ausgeblasen, der Inhalt als Eierkuchen gebacken, die Schalen dagegen an einer Schnur befestigt. Später wird dann ein mächtiger Tannenbaum geholt, mit den Eierschalen, Bändern, Flaschen ic. geschmückt und am Wend vor der Wirtschaft alsKirmesbaum" unter Liedersang attfgerichtet. Am Wend werden dann die Kirmesburschen gewählt, die bei der Kirmes die Tanzordnung halten und vor dem Kirmeszug durchs Dorf hergehen müssen. Dabei ist jeder mit einem großen Branntweinkrng bewaffnet und alle Bekannten, die er auf der Straße trifft, oder die aus dem Fenster sehen, müssen ihmBescheid tun", d. h. mit­trinken. Ist die Kirmes vorüber, so naht der traurige Tag, an dem die Kirmes begraben wird. Diese wird dabei dargestellt durch einen Schnapskrug, den einer an einer Stange trägt. .Vor dem Dorfe unter einem Baum begräbt man ihn und zündet auf demGrab" ein kleines Strohfeuer an. Einer der Burschen hält eine humoristische Grabrede und die anderen stimmen Gemurmel

und Bauernlieder an. Dann begiebl sich die Tcauergesell- I schäft nach der Wirtschaft, um dieKirmes auszutrinken".

i. Klein-Linden, 23. Aug. Unser Kirchweih- fest, das alljährlich auf die Bevölkerung Gießens eine große Anziehungskraft ausübt, findet am Sonntag und Montag in derDeutschen Eiche" und auf derBurg" statt.

(?) Heldenbergen, 23. Ang. In das Dunkel, das bisher über die im hiesigen Walde unlängst aufgefundcue unbekannte Leiche gebreitet war, scheint jetzt Licht kommen zu wollen. Es traf hier ein aus Weida i. Thür, gebürtiger junger Mann ein und gab an, daß er der Bruder desf Toten sei. Der Selbstmörder heiße Max Abend er, sei Stud. med. und 21 Jahre alt gewesen. In einem hinterlassenen Briefe drückte der Tote den Wunsch aus, neben seiner ihm int Tode vorausgegangenen Mutter be­graben zu werden. Ter Bruder begab sich sofort nach Gießen, um die Freigabe der Leiche zu erlangen. Die Angehörigen geben als Motiv Schwermut an.

)( Laub ach, 23. Aug. Die neue Friedhofs-, kapelle ist im Rohbau vollendet und int inneren Aus­bau begriffen. Das Gebäude wird nach den Plänen des Baurats Tiehm aus Gießen aufgeführt und ca. 12000 ML kosten. Unser Städtchen besaß ftüher schon eine Totenkirche, die 1826 aus Fachwerk errichtet war. Doch schon 1845 wap sie baufällig und mußte abgebrochen werden.

Hb. B a d Sa l zh aus e n, 22. Aug. Die mitten durch unfern Badeort sich chnziehende Kastanie na Llee, eine selten anzutrefsende natürliche Triumphstraße, würde, wenn sie abends beleuchtet wäre, die schönste Wendpromenade für die Kurgäste bieten. Leider ist die B c l e u ch t u n g der Allee von der Gemeindevertretung unbegreiflicherweise ab ge­lehnt worden. Hier sollte die Großh. Badedirektton ^Ab­hilfe schaffen.

R. B. D a r m st a d t, 23. Aug. In der heuttgen Sitzung der Stadtverordneten wurde u. a. beschlossen, von dem sich auf 144 750 Mk. belaufenden lleberschuß der städtt Sparkasse für 1905 72 000 Mk. der Erziehungsanstalt Ohly- stift und 64000 Mk. der Armenkasse zu überweisen. Ein Wttag des KreisverbandeS der Handlungsgehilfen cutf Einführung der Fortbildungsschulpflicht für Handlungsgehilfinnen wurde abgelehnt. Eine lange Diskussion rief ein abermals von den vereinigten kaufmännischen Vereinen eingereichtes Gesuch um Ein­führung der vollständigen Sonntagsruhe hervor. Es wurde betont, daß auch die Geschäftsinhaber einer völltgen Sonntagsruhe größtenteils sympathisch gegen­über ständen, daß eine solche jedoch nur int Falle einen reichsgesetzlichen Regelung der Materien sich befürworten lasse. Der Verein per Zigarrenhändler hat in einem Schreiben an die Bürgermeisterei entschieden gegen die aber­malige Einschränkung des Sonntagsverkaufs Einspruch er­hoben. Die Versammlung lehnte schließlich die Einführung der völligen Sonntagsruhe ab und beschloß, dem sozialpolit. Ausschuß einen Antrag zu überweisen, der eine weitere Aus­dehnung der bestehenden Sonntagsruhe für Fabrikbureaus, Kontore ic. hezweckt. Die hessische Handwerks­kammer wird am nächsten Montag hier eine Sitzung abhalten, in welcher neben dem Jahresbericht des .Vor­sitzenden über die Tätigkeit des Vorstandes, Meuwahl füp ausgeloste Kämmermitglieder, den Vorsitzenden, die Aus- schußmitglieder und den Sekretär, die Prüfung und M- nahme der Jähresrechnung für 1905, die Feststellung des Haushaltsplanes für 1907, die Errichtung weiterer Gesellen­ausschüsse und die Abänderung der Vorschriften zur Re­gelung des Lehrlingswesens im Schlossergewerbe

Hin Staatshaushalt vor 100 Zähren«

(Original-Artikel des Gießener Anzeigers.)

Die Rheinbundsakte vom 12. Juli 1806 blies einer beträcht­lichen AnzahlStaaten", aber kleinsten Kalibers, das schwach glimmende Lebenslämpchen aus. Fast der ganze südliche Vogelsberg und die angrenzenden Teile der Wetterau kamen damals an Hessen. Es waren die solmschen und stolbergischcn Gebiete, denen bald ein Teil der i s e n b u r g i - sch en folgte. Zu den stolbergischen, ehedem gräflich königsteini- schen, gehötte auch die Grafichaft Gedern. Bis zum Jahre 1804 hatte sie ein eigenes Fürstentum gebildet. Mit dem .Aussterben des Fürstenhauses Stolberg-Gedern, fiel das Land an die gräfliche Linie Stolberg-Wernigerode, einLand" von nicht ganz vier Quadratmeilen mit kaum 4000 Einwohnern, verteilt auf 6 Ortschaften. Und dieses Gebiet bildete einen wich­tigen, selbständigen Staat. Die Landesherren waren im Besitz sämtlicher Rechte der Landeshoheit und unterstanden alsreichs­unmittelbar" nur dem Kaiser.

Einen instruktiven Einblick in das Sein und Treiben eines solchen Miniaturstaatswesens geben die jährlichen Etats. Zur Probe sei derAusgabe- und Einnahmeetat" Gederns vom Jahre 1804 hier wiedergcgeben: Der Regierungsdirekwr, der ihn aufstellen ließ, bemerkt ausdrücklich dazu, daß der Landes- I>err sich nur als Administrator derLandeskasse" ansehe, also persönlich keine Einkünfte aus ihr ziehe. Die zum Verständnis nötigen Erklärungen seien in Klammern angedeutet.

Ausgaben: a) Für Unterhaltung der Oberrheinischen Kreis­mannschaft 377 Gruden 24 Kreuzer.

Gedern gehötte nach der Reichsverfassung zum oberrheini­schen Kreis. Das Militärwesen des Reiches war nach Kreisen geordnet. Darum fkiffen die Beiträge zur Unterhaltung des Reichsheeres in die Kreiskasse. An Mannschaft hatte Gedern zusammen mit der Herrschaft Ortenberg für 32 Mann aufzu­kommen.

b) Für Unterhaltung der Schloßwache 108 G. (Die Schloß­wache bildete dasstehende Heer" des Landesherrn.)

c) An Besoldungen, und zwar:

1. für den ersten Rat 106 G.,

2. für den zweiten Rat 24 G.,

3. für den Physikus 50 G

4. dem Kreisgefandten 53 G. 45 Kr. ^Gesandter zum Ober­rheinischen Kreistag.)

5. dem Kontialgesaildten 32 G. 45 Kr. (DieWetterauer Grafen" bildeten einen besonderen Verband.)

, ß. Dem Legationssekretär 11

7. dem Rechnungsführer 12 G.,

8. dem wöchentlich nach Franfturt fahrenden Postboten 40 G.,

9. dem Landreuter oder Polizeidiener 18 G.

Lebte man auch vor 100 Jahren anspruchsloser und billiger als heute, mit 18 Gulden jährlich hätte doch auch damals kein Landreuter oder Polizeidienrr auskommen können; auch kein erster Rat mit 106 Gulden. Die niedrigen Beträge er­klären sich so, daß der übrige Gehalt aus der Fürstlichen Privatkasse bezahlt wurde. Die Gehälter der 7 richterlichen Beamten ebenso wie die der geistlichen Behörde und der niederen Verwaltungsbehörden wurden vollständig aus dieser Privat-, derKammerkasse" bezahlt.

d) Zur oberrheinischen Kreiskasse 30 G. (für allgemeine Ausgaben der Verwaltung und des Militärwesens).

e) Zur Grafenkasse 20 G. 20 Kr. (Verband der Wetterauev Grafen).

f) Unterhaltung des Kammergerichts 31 G. 15 Kr. (gemeint ist das Reichskammergericht in Wetzlar, unarbeitsamen Ange-

von der

Davon die Ausgabe abgetragen, bleibt ein Ueberschuß 176 G. 18 Kr., welcher Betrag zu Abzahlung eines auf Ländeskasse ruhenden Kapitals vxrwwdet Korden iL

denkens).

g) Jnquisitions- oder Kommunalkosten 29 G. 11 Kr.

h) Für Unterhaltung der Montur und des Gewehrs 64 G. 5 Kr. .

i) Fuhr- und Macherlohn von dem Brennholz für die Kanzlei und Amtsstuben und für die Schloßwache, desgleichen für Oel für letztere 94 G. (Das Holz selbst wrrd von der Herrschaft gegeben.)

k) Für Postgeld und Botenlohn 3 G.

l) Für Zinsen von Passivkapitalien, welche während des fran­zösischen Krieges auf das Land konttahiert worden sind 53 G. 10 Kr. , t r

m) Die Montur, welche alle dret Jahre für die Kontmgents- unb Schloßsoldaten, desgleichen für die Boten angeschafst wird, kostet beiläufig 300 G., wovon tut Durchschnitt auf jedes Jahr kommen 100 G.

n) Dazu die Kollektur (Heb-)gebühren für den Rechner 31 G.

Totalsumme der Ausgabe: 1299 G. 42 Kr.

Einnahme: _ ___

a) Ordinäres Monatsgeld 780 G.

b) Extraordinäres 525 G. (Das sind die direkten Staats­steuern von heute.) _

c) Sogenanntes Wachtgeld 84 G.

d) Kammerzieler 21 G.

e) Sogenanntes Korrespondcnzgeld 66 G.

Totalsumme der Eimrahme: 1476 G.

Das der Etat vom Jahre 1804. Ueber zu hohe dttekte Steuern brauchten also die Leute nicht zu klagen. 1476 Gulden ließen sich noch aufbringen, wenn der Staat auch nur 4000 Einwohner zählte. Hier drückte der Schuh nicht, wohl aber an mancher anderen Stelle (Zehnten usw.). Daß es den getreuen Unterthanen nicht zu wohl ging, gibt auch die Erläuterung des Etats zu, wenn sie einleitend bemerkt, daß (in AnbettacA der allgemeinen wenig günstigen Wirtschastsbedingungen)nur eine schonende und mit kluger Umsicht gepaarte Regierungsverwallung die Bewohner dieses Ländchens, wo nicht zum Wohlstand erheben, doch gegen Mangel und Elend schützen konnte."

Aus zahlreichen Aufzeichnungen geht hervor, daß die neuen Mußhessen, wenn man das Wott analog den bekannteren Mußpreußen gebrauchen darf sich zunächst gar nicht mit den neuen Verhältnissen abfinden wollten. So wurde das bei derOkkupation der Souveränitätsrechte" durch den Vertreter des Großh'rzogs von Hessen am 14. September 1806 am Ge- meindewirtshauS zu Gedern angebrachte hessische Wappen am solgenden Sonntag heruntergerissen, und ein hessi­scher Amtmann führt Klage, daß Gederner Bürger öffentlich die neue Herrschaft gelästert hätten und hinzugefügt,die Preußen würden ihnen schon helfen, sie wieder von den Hessen und Fran­zosen frei zu machen."

Ter Grund der Unzufriedenheit war in erster Linie die Er­höhung der diretten Wgaben unter der neuen Regierung. Die Mißstimmung hörte von selbst auf, als sich die wohltätigen Folgen der neuen Staatszugehörigkeit geltend machten. Die Leute sahen ein, daß der neue Staat zwar mehr forderte, aber dafür auch mehr gab als das alte Puppenstätchen. F. G.

Zwei interessante Ordensverleihungen. Die englischen Jngenieirre haben ihrem König die Besse­mer-Medaille verliehen; der Verttn deutscher Inge­nieure will dem Kaiser die goldene Gr a s ho f-Mx d ai l l e überreichen. Sie ist besonders künstlerisch hergestellt worden. Die eine Seite schmückt das Bildnis des Kaisers. Die Rückseite zeigt eine Jdealgestalt, die technische Wissenschaft, die einen Lorbeer­zweig darreicht, und daneben steht eine entsprechende drrz ge­haltene Inschrift.

Paris, 23. Aug. Der bekannte Luftschiffer Santos Dumont hat gestern einen neuen Versuch mit einem 50 Pferd. Motor gemacht, wobei cs ihm gelang, sich ohne Hilfe selbst­ständig mit feinem Luftschiff durch Sprünge von je einem Meter in die Luft zu erheben. Mit feinem Motor wird er im stände sein, 35 Kilometer in der Stunde in der. Luft zurück zu legem.