156. Jahrgang
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Montag 33. Juli 1906
Eine sehr öemerkenswerte Zuschrift aus Hessischen Zentrumskrersen
erhielt die klerikale „Köln. Volksztg.", die sich über das Verhältnis des hessischen Zent rums zumNational- liberalismus und Freisinn äußert. Eine frühere Korrespondenz desselben Blattes aus Mainz hatte die Parteidisziplin der Hess. Zentrumswähler angezweifelt. Dagegen wendet sich diefe Zuschrift und führt iin weiteren u. a. folgendes aus:
Nr. 170
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die (Siebener Familien» blätter viermal in der Woche beigclegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Unwersi-Buch-u.Stem- druckeret. St Lange. Redaktion, (Spedition und Druckerei:
Tchnlstratze 7.
Redaktion 112
Verlag u.(5gpeb.eg§fr51 ,Adreffe für Depeschen:
Anzeiger Gießen.
scheu Fragen stets „ . . .
auch fürderhin sein. ... Die Frage, ob überhaupt die Zentrumsleitung nochmals zu einer unbedingten U n t e r st ü tz u n g der nationalliberalen Kandidaturen in den Wahl- kreisen Bensheim, Friedberg und Offenbach sich bereit finden wird, möchten wir auf Grund genauer Kenntnis der Stimmung in maßgebenden Kreisen bestinnnt verneinen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Erbitterung wegen der Erfahrungen bei der letzten Reichstagswahl bei der Zentrumspartei nicht geschwunden ist, sondern im Gegenteil im Laufe der Zeit noch gesteigert wurde. In den drei genannten Wahlkreisen mußten die Zentrumswähler die nationatliberalen Kandidaten in schweren: Kampfe gegen die Sozialdemokratie heranshauen und zum Danke dafür beging man in M a i n z - Op p e n h e i m schnöden W o r t b r u ch und unterstützte liberalerseils den Sozialisten David gegenüber dem Zentrumskandidaten Geh. Rat Tr. K ö n i g. Damit verlor das Zentrum diesen Wahlkreis. Daß weder die Zentrumswähler noch die Führer sich zum zweiten Male enic solche Behandlung, einen solchen schnöden Bruch eines Uebereinkommens gefallen lassen werden, steht außer Zwen'el. Es müssen weitgehende Garantien und zwar direkt aus d e m S ch o ß e der Mainzer na t.-lib.P arte i lei tun g für die loyale Innehaltung des Bündnisses gegeben werden, sonst mögend i e drei liberalen ÜUaljItreifc den eoj.nl. demokraten a n h e i m f a l l e n. Man komme uns nicht immer mit dem Einwurf, aus „nationalem" Interesse müßten wir unter allen Umständen gegen die Sozialdemokraten marichieren. Es muß geradezu komisch wirken, ivenii uns diese Lehre von Leuten aevredigt wird, die, wie in Mainz-Oppenheim, lieber einen aus- geprägten Sozialdemokraten wählen, als einen dem Zentrum angehörenden hohen Reichsbeaniten. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß uns die Selbstachtung verbietet, langer den Nattonalliberalen den Steiqbiigel zu halten und uns zu gleicher Zeil von denselben Leuten Fußtritte geben zu lassen. Und dabei handelt es sich m den drei hessischen Wahlkreisen noch um die Unterstützung liberaler
Apolitische Tagesscharr.
Der Reichsverbaud und Korell.
Der sozialdemokratische Briefdiebstahl scheint wieder einmal üppig in Blüte zu stehen. Der „Vorwärts" veröffentlicht in seiner Nummer vom Samstag einige vertrauliche Briefe unter der Ueberschrift „Zur Naturgeschichte des Reichsverbandes". Wenn auch diese Schreiben aus Anlaß der Ersatzwahlen in Darmstadt und Hagen und an einen preuß. Landrat keinerlei wichtige Geheimnisie enthalten, so geht doch klar daraus hervor, daß sie vertraulicher Natur sind und nur auf dem Wege des Diebstahls in die Hände derSozialdemokratie gelangt sein können. Die Unverfrorenheit der Veröffentlichung dieser gestohlenen Dokumente ist das Bemerkenswerteste an ihnen. Heroor- gehoben zu werden verdient daraus nur, daß einer der an- gestellten Redner des „Neichsverb an des zur Bekämpfung der Sozialdemokratie" in Crumstadt öffentlich gegen Korell agitiert, also, nach dem Eingeständnis eines seiner Kollegen, seiner Aufgabe, nur gegen die Sozialdemokratie zu wirken, nicht nachgekommen ist. Der andere Redner des Neichsverbandes erklärte dagegen in einer Versammlung, daß der Reichsoerband keinesfalls Korell bekämpfte, sondern Hand in Hand mit seiner Partei ebenso zielbewußt wie mit der Steinschen nur gegen die Sozialdemokratie Stellung nehme. Man ersieht daraus, daß der Reichsverband leider eine zwiespältige Taktik im Darmstädter Wahlkreise ausgeübt hat. Seine Gegnerschaft gegen den Sozialliberalismus bringt er übrigens in fast jeder seiner wöchentlichen Nummern unumwunden zum Ausdruck, er hat also nicht das Recht, von einer ausschließlichen Stellungnahme gegen die Sozialdemokratie zu reden.
Korell ergreift gleichzeitig das Wort in der demokr. „Worms. Volksztg." Er leitartikelt über „Nationalliberale und Zentrum" im Hinblick auf die Wahlen im Jahre 1908 und meint vom Offenbacher Dr. Becker:
Er wird feinen ganzen Einfluß, der in Wahlsachen durch seine führende Stellung im Reichsverbande gegen die Sozialdemokratie besonders groß ist, für die Verständigung zwischen Nationalliberalen und Zentrum einsetzen, und da er im Zentrum Hessens intime Gesinnungsfreunde hat, wird auch persönlich gelingen, was sachlich naheliegt.
Diese Verständigung ad minorem gloriam der Sozialdemokratie hält der Pfarrer Korell für durchaus verwerflich. Er erklärt die Bekämpfung des Zentrums für entschieden wünschenswerter als die der Sozialdemokratie, eine Ansicht, über die sich streiten läßt, und verlangt, wa§ man ihm nach den Darmstädter Wahltagen nicht verargen kann, mit achtenswertem Nachdruck vom Linksliberalismus eifrige Sammlung gegen das von ihm verheißene Kartell zwischen National- liberalen und Zentrum. Er schließt seinen Aufsatz mit folgender Bemerkung, deren Berechtigung nur vom rein protestantischen Standpunkt aus anzuerkennen ist:
Er (der Linksliberalismus) muß in sozialer und freiheitlicher Beziehung das wirklich vertreten, -wozu der Nationalliberalismus
Pfarrers Römer unb die gleichzeitige Disziplinierung des mit Römer sympathisierenden Pfarrers Draub in Dortmund. Das Studtsche Schulunterhaltungsgesetz soll angeblich den fonf. Frieden fördern — hier ist ein eklatanter Fall gegeben, w-ie konfessionelle Verhältnisse erst zugespitzt werden und damit der konfessionelle Unfrieden künstlich angefacht wird.
In diesen Tagen ist der große General Stössel, der „Verteidiger Port Arthurs", den bekanntlich Kaiser Wilhelm nach Uebergabe der Festung gleichzeitig mit dem damaligen japanischen Sieger Nogi durch den höchsten preußischen Tapserkeitsorden,^pour le mörite" auszeichnete, als Verräter entlarvt worden; die Kapitulation hat sich nachträglich als ein schweres Verbrechen herausgestellt, auf dem die Todesstrafe steht! Man sieht da wieder einmal, mit was für einer Sorte von Führern es die russ. Armee in Ostasien tatsächlich zu tun hatte!
Nachdem Dreyfus vom höchsten französischen Gerichtshof rehabilitiert worden ist, beeilt sich die französ. Regierung, den Vielverfolgten wieder zu Ehren zu bringen. Er sowohl als auch Picquart sind neu in die Armee eingereiht worden und gleichzeitig avanciert. Im Hofe der Militärschule, wo Dreyfus im Jahre 1895 degradiert wurde, vereinigten sich am Samstag die Abteilungschefs aller Korps der Pariser Garnison zur Teilnahme der Uebergabe des Kreuzes der Ehrenlegion an Dreyfus. Der Familie Dreyfus ivurde gestattet, an einem Hoffenster diese Ehrung des Majors Dreyfus mit anzusehen. Tiie Zeremonie wurde vom General der Kavallerie Gillain vorgenommen. Als der General dem Major den Orden anheftete und ihn sodann auf die Wangen küßte, spielte die Musik den Präsentiermarsch, während das geladene nicht sehr zahlreiche Publikum rief: „Es lebe die Republik! Es lebe Dreyfus! Es lebe Picquart!" An die Dekoration schloß sich ein Defilieren der Truppen. Dreyfus sah, nach den vorliegenden Berichten, in seiner Unisorm rüstig aus, wenn auch sein Rücken gebeugt und sein Haar weiß ist.
Im englischen Volke und Parlament haben allerlei Meldungen über die grausame Kriegführung in Natal peinliches Aufsehen hervorgerusen. Im Parlament ist zwar versucht worden, die Sache abzuschwächen — die Tatsache aber, daß an wehrlosen Gefangenen die schlimmsten Schandtaten verübt worden sind, hat nicht aus der Welt geschafft werden können. Augenblicklich beherrscht mehr als alles andere die egyptischeFragcdie Gemüter in England. Der dort auÄrechenden Rebellion will man mit voller Waffengewalt so rasch als möglich ein Ende bereiten. Die Kabinettskrise über die Frage des Flottenbau -Programms ist beigelegt. Es wird in vollem Umfange durchgeführt werden.
In Zentralamerika war es zu einem Kriege zwischen Guatemala und San Salvator gekommen, bei dem viel Blut geflossen ist Und die Salvadorianer siegten; infolge der Verwendung Nordamerikas wurde aber bald ein Waffenstillstand abgeschlossen und der Vermittlung Roosevelts ist es gelungen, einen neuen Ausbruch dieses „Operettenkriegs" hintanzuhalten. Die Friedensunterhändler haben dem Staatsdepartement zu Washington berells davon Mitteilung gemacht, daß in den von beiden Staaten unterzeichneten Friedensartirellr die Zurückziehung der Truppen innerhalb von drei Tagen und die Abrüstung innerhalb von acht Tagen vorgesehen ist.
Bisher boten die Zentrumswähler in Hessen trotz der bisweilen iderstreitenden provinsiellen Interessen in allen wichtigen Politiken Fragen stets das Bild geschlossener Einheit, und so wird es . Die Frage, ob überhaupt die Z hier unbedingten Unter ft
Politiker, die sich völlig frei wissen von konfessioneller Voreingenommenheit und somit den Katholiken die Unterstützung ihrer Kandidaturen leicht machen. Trotzdem kann von einer bedingungslosen Unterstützung derselben für die Folge keine Rede sein. Eine Partei, die ihre Wähler so wenig in der Hand har, daß dieselben ihre „nationale" Gesinnung durch die Wahl des Sozialdemokraten betätigen, verliert an Bündnisfähigkeit und schließlich damit an Anspruch auf Unterstützung aus den Kreisen des Bürgertums. Und nun gar der F r e i s i n n, der neuerdings unter der Führung des Kulturkämpfers Müller-Meiningen sich immer mehr zur politischen Schutztruppe des Evangelischen Bundes entwickelt. Was für eine Veranlassung liegt für uns vor, diese Gruppe noch länger zu unterstützen ? Wir in Hessen haben hierzu keine Neigung. Jahrzehntelang hat das Zentrum in B i n g e n - A l z e y, trotzdem es die numerisch stärkste Partei im Wahlkreise ist, geschlossen die Bamberger, Träger und Schmidt (Elberfeld), ja einmal sogar direkt im ersten Wahlkampfe, gewählt und zum Tank dafür im Jahre 1893 überall Fußtritte von derselben Partei eingeheimst. Eine Unterstützung einer freisinnigen Kandidatur i st bei uiis in Hessen nachLage derDinge vorerst ausgeschlossen. Erst möge der Freisinn and) gegen die Katholiken tolerant sein, bevor er auf die Unterstützung des Zentrums rechnen darf. Deshalb könnten wir es nur begrüßen, wenn in Hagen- Schwelm unsere Freunde nach den Erfahrungen in Altena-Jferlohn sich jeder Unterstützung des freisinnigen Kandidaten in der Stichwahl enthalten würben. Damit würbe einmal ein Exempel statuiert unb manchem im Reiche zu Gemüte geführt, baß die Zentrumspartei beim doch keine Aeigung hat, sich auf die Dauer eine solch unwürdige Behandlung gefallen zu laffen.
Also jetzt wissen die Liberalen Hessens, wessen sie sich 1908 vom Zentrum zu versehen haben. ES giebt unumwunden zu, daß sich die Liberalen in Friedberg, Offenbach und BenSheim von allem Konfessionsstreite fern halten und die Zustimmung dem Zentrum „leicht machen*. Trotzdem will es diese Wahlkreise lieber der Sozialdemokratie ausliefern als dem Liberalismus. Weil dieser hier und da, was auch wir für bedenklich halten, der Sozialdemokratie vor dem Zentrum den Vorzug gegeben hat, will das Zentrum selber ihr zum Siege verhelfen! Eine eigentümlichere Logik zu Gunsten der Sozialdemokratie ist nicht gut denkbar. Die bürgerliche Uneinigkeit ist drauf und dran, der Sozialdemokratie, die seit 1903 an so vielen Orten eine deutliche Absage von Seiten der Wählerschaft erhalten hat, allenthalben die Kastanien aus dem Feuer zu holen aus reiner lächerlicher, kurzsichtiger Wurst- wider Wurst-Politik, wie sie sich banausischer und einfältiger nicht vorstellen läßt. Jedenfalls aber wissen jetzt die heff. Liberalen, woran sie sind, und sie werben sich danach zu richten haben.
JMHnr ä Ä Bezugspreis,
monatlich 7öM., viertel-
Glchener Anzeiger»
General-Anzeiger
v ** den oolit unb allgem.
Amts- md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW
___________ V zeigenteil: Hans Beck.
Are heutige Yumrner umfaßt 8 Setten.
politische Wochenschau.
Gießen, 23. Juli.
Ueber die Zusammenkunft unseres Kaisers, der Ldrigens auf seiner Nordland.fahrt am Samstag in M o ld e am Romsdalfjord eingetroffen ist, mit seinem Onkel, dem König Eduard, ist in den letzten Wochen sehr diel chin und her orakelt worden, obwohl darüber twch gar jnichts Bestimmtes bekannt geworden ist und, laut offiziöser Mitteilung, alle Gerüchte über eine solche Zusammenkunft bem Gange der Ereignisse vorauseilen. Hinter all diesen !Erörterungen kann man unschwer vertrauliche Fühler er- I lernt en, die den Wunsch nach einer solchen Begegnung vermuten lassen. Die politische Bedeutung einer solchen Zusammenkunft ist natürlich nicht zu verkennen im Hinblick darauf, daß die unentwegt unfreundliche und zurzeit nur leicht übertünchte Haltung der englischen Regierung gegenüber Deutschland mit den persönlichen Verstimmungen der beiderseitigen Höfe zusammenhing.
Auch von einer Begegnung unseres Kaisers mit dem Aaren, die als eine Erwiderung des vorjährigen Besuches des Kaisers in den finischen Gewässern aufzufassen war, wurde viel geredet. Sie wird nunmehr unterbleiben, weil der Zar mit Rücksicht auf die Zustände seines Landes auf eine Reise überhaupt verzichten muß .Man ist in allen politischen Lagern darüber einig, daß die Begegnung beider Monarchen keinerlei stützen gehabt, wohl aber von neuem Anlaß zu mancherlei Mißdeutungen gegeben haben würde. Die Befriedigung darüber, daß dieser Anlaß vermieden wird, kommt in einzelnen Blättern zum Ausdruck; sie ist aber darüber hinaus ganz allgemein. Es gilt überhaupt, wie die „'Frkf. Ztg." sehr richtig sagt, das Wort: Je weniger Begegnung, desto besser!
Im Reichstagswahlkrcise Hagen-Schwelm wurde am Donnerstag die Ersatzwahl für den verstorbenen frei- sinnigen Führer Eugen Richter vorgenommen. Das Ergebnis war, daß keiner der um das Mandat kämpfenden fünf Kandidaten den Sieg im ersten Wahlgange davon trug, oaß vielmehr noch eine Stichwahl zwischen dem Freisinnigen Cuno und dem Sozialdemokraten König vorgenommen werden muß. Die Beteiligung an der Wahl war rege, mit -Ausnahme des nati on alliberalen erhielten alle Kandidaten Stimmenzuwachs gegenüber der 'Wahl im Jahre 1903 • den erheblichsten um 2400 der Sozialdemokrat, dann mit 700 Stimmen der Freisinnige, mit 550 der Zentrumsmann und mit 500 der Christlich-Soziale — der Rückgang der nationalliberalen Stimmen beziffert sich auf 1100. Das Schwergewicht dieser Wahl liegt auch diesmal in der Stichwahl, die auf den kommenden Samstag angesetzt ist und bei der es zu einem heißen Kampfe kommen wird, bei dem sich aber auch zeigen muß, ob die hierbei ausfallenden Parteien über genügende politische Klugheit und Ehrlichkeit verfügen und ob diese namentlich den Zentrumswählern nicht mit der .Verstimmung über den Wahlaussall von Altena-Iserlohn abhanden gekommen sind. (Vgl. die „Polit. Tagesschau": iDie Christlich-Sozialen.)
Das Ergebnis der Wahl Rinteln-Hofgeismar äst folgendes: Herzog (dsoz.) 5902, .Betterlein (Soz.) 3864, Rocke (ntl.) 1186, Helmerich (Refp.) 1707 und Röhrig (frf. !Vp.) 1007 Stimmen. Die Stichwahl zwischen Herzog und 'Vetterlein, mit guten Aussichten für die Wahl Herzogs, ist also Tatsache. 1903 wurden 6426 antisemitische, 3488 sozialdemokratische, 2154 nationalliberale, 748 freisinnige und 542 Zentrumsstimmen abgegeben. Bei einer um etwa 450 Stimmen geringeren Wahlbeteiligung als 1903 haben die Antisemiten insgesamt etwa 800 Stimmen gewonnen, die Nationalliberalen etwa 1000, fast die Hälfte ihrer Stimmen, eingebüßt, die Freisinnigen nahezu 260 Stimmen gew onnen. Der häusliche Streit der Antisemiten, der in den letzten Tagen so Weit ging, daß der Reformerkandidat Helmerich beschuldigt wurde, den gegnerischen Par teisekretärim Eisenbahneoups g e ohr fe ig t zu haben (von ei ner anderen Mßhandlung ist heute unter „Dtsch. Reich" die Rede), hat ihrer Werbekraft nicht geschadet. Die überlegene deutsch'-^oz. (konservative) Richtung besaß in dem Bürgermeister Herzog von Obernkirchen einen auch von anderen Parteien persönlich anerkannten Kandidaten. Er wird das Mandat als Nachfolger des Grafen Reventlow voraussichtlich davontragen. Während die früher abgegebenen Zentrumsstimmen sich diesmal aus die anderen Parteien mit Ausnahme der nationalliberalen verteilt haben werden, hat die sozialdemokratische Wählerzahl einen nennenswerten Zuwachs nicht erhalten, — die einzige erfreuliche Erscheinung bei dieser Wahl.
Die Aera Studt macht sich in Preußen von Tag -zu Tag fühlbarer. Die markanteste Tat des neugeadelten preuß. Kultusministers aus jüngster Zeit ist jedenfalls die Art und Weise, durch die es im Hinblick auf eine aus siebzigjährigem Akten staub hervorgeholte .Verordnung dem berühmten Berliner, einstigen Gießener Strafrechts- lehrer Prof. v. Liszt unmöglich gemacht wurde, die geplanten und bereits angekündigten Vorlesungen an der menen Berliner Handelshochschule zu halten. Es liegt darin •ein Angriff auf die akademische Lehrfreiheit, die in Preußen bekanntlich schon längst nicht mehr als ein unverletzliches Palladium gilt; gleichzeitig kann man darin «Luch eine Art bureaukra tisch er Machtprobe erkennen. Man wird abwarten müssen, ob es die preuß. Universitäten im ^allgemeinen so leicht hinnehmen, daß ihre Professoren nach Les Kultusministers Pfeife tanzen müssen, auch wenn es ffich um eine nebenamtliche Tätigkeit handelt.
Für das Studtsche Regiment kennzeichnend ist neben Dem Fall Liszt die Kassierung der Wahl des Remscheider


