Ausgabe 
22.9.1906 Viertes Blatt
 
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Nr. 223 Viertes Blatt. 1 SC. Jahrgang

Samstag 22. September 1906

Erscheint W-lich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGtttzener Zamklienblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der w^<IP|d}t Landwirt" erscheint monatlich einmal.

ST/ä X a lTa. a a a A A AA . AA Rotationsdruck und Verlag der Brühl Ich«

M y WfeL sj toi B, B M,. 111 H, Redaktion,Expedition».DruckereitSchuMrp.

v V ® W H V Tel. Nr. 6L Telegr.-Aür.: Unzetger Dieb«.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Die goldene Hochzeit des badischen Großherzogspaares.

Karlsruhe, 21. Sept,

Der Großherzoy und die Großherzogin empfingen heute eine Reihe militärischer Abordnungen. Das 1. badische Feldartillerieregiment Nr. 14 ließ eine von ihm verfaßte Regimentsgeschichte überreichen. Hierauf folgten Empfänge der Abordnungen des Landes zur Ueberreichung der Silber gäbe. Weiter wurden Abordnungen der Uni­versitäten Heidelberg und Freiburg, der Technischen Hochschule und der Akademie der bildenden Künste em­pfangen, ferner eine Abordnung der Altkatholiken unter Bischof Demmel-Bonn und dem Stadtpfarrer Boden­stein, hier, sowie Deputierte der Studierenden der drei Hochschulen. Um 4 Uhr unternahm der Großherzog und die Großherzogin eine Rundfahrt durch einen Teil der ge­schmückten Stadt. Am Abend wohnten alte Fürstlichkeiten der Aufführung eines Festspiels im Hoftheater bei.

Ter Großherzog verlieh dem italienischen Gesandten Grafen Lanza den Hausorden der Treue und dem öfterr.- ungarischen Gesandten F'rhrn. v. Pereira-Arnstein das Großkreuz des Ordens vom Zäl^riuger Löwen.

Die braunschweigische Negentschastssragc.

Braunschweig, 21. Sept.

Ter außerordentliche Landtag des Herzogtn.ms Braunschweig, der sich mit der Regentschästssrage zu be­fassen hat, wurde heute durch eine vom Präsidenten des Regentschaftsrates Staatsminister Dr. v. Otto verlesene Rede eröffnet, in der zunächst dein Schmerz und der Trauer um den heinlgegangeiwn Regenten, den Prinzen Albrecht von Preußen, Ausdruck gegeben wird. . . . Tas Herzogtum ist durch das Ableben seines Regenten, ohne daß in der Sache und Rechtslage, der das Bestehen der Regentschaft entsprang, eine Aenderung eingetreten wäre, wiederum verwaist. Nach dem Verfassungsgesetz vom 16. Febr. 1879 hat das Staats Ministerium zunächst die Mit­glieder des Negentschaftsrats berufen, welche sich einstimmig für dessen Konstituierung erklärt haben. Die Landesver­sammlung ist behufs verfassungsmäßiger Mitwirkung be­züglich der durch die obwaltenden Umstände etwa wieder gebotenen Schritte einberufen worden. Mit dem Negent- fchastsrat stehen Sie vor ernster Entscheidung. Möge, was auf dem beginnenden außerordentlichen Landtage be­schlossen ward, mit Gottes Hilfe dem Lande zum Segen gereichen.

Ter Landtag wählte den bisherigen Präsidenten Semler luieber rind beschloß die Antwort auf die Eröffnungs­rede morgen festzustellen. Tie heute gewählte staatsrecht­liche Konimission wurde mit der Älusarbeitung des .Ent- Nnrrfs für die Anüvvrt beauftragt.

politische Tagesscharr.

Vorspiele zum sozialdemokratischeu Parteitag.

DerVorwärts" überschreibt einen fast zwei Seiten langen ArtikelEine täppische Büberei", worin »eine gewisse Clique" ganz gehörig verarbeitet wird. DieseClique" bildenGenosse" Braun und sein Anhang, die in dem dringenden Verdachte stehen, in Mannheim ein Kesseltreiben gegen denVorwärts" veranstalten zu wollen, ähnlich dem kläglichen und kläglich gescheiterten Ueberfalle gegen Mehring, der in Dresden zu den peinlichsten Szenen führte". Nach­dem derjämmerliche Feldzug", dieblöde persönliche Rauferei", dieliterarische Stinkbombe", diedurch­sichtige Gehässigkeit und täppische Unverfrorenheit" der Clique" vorweg gebrandmarkt worden ist, folgt eine lange Auseinandersetzung mit demHauptoertreter der konfusen Massenstrcikromantik", Friedrich Stampfer, der mit vielen Zitaten demVorwärts" in der BraunschenNeuen Gesell­schaft" nachgewiesen haben will, daß das Zentralorgan zwischen Reoolutionsromantik und Flaumacherei in bezug auf den politischen Massenstreik umhergeschwankt sei. DerVor­wärts" erklärt die Zitate für tendenziös aus dem Zusammen­hang gerissen, dem Sinne nach entstellt oder bewußt gefälscht. Ausführlich und in der ihm eigenen kräftigen Sprache be­müht ec sich dann im einzelnen nachzuweisen, wie bitter Un­recht ihm von Stampfer geschehen sei, über dessenLeistung" das Urteil gefällt wird, daß esschamlos" und ihr Urheber einFälscher-Genie" unddunkler Ehren­mann" sei. Stampfer läßt sich dies natürlich nicht gesagt sein, sondern antwortet in der neuesten Nummer desVor­wärts" auf dieKraftphrasen" in ähnlicher Tonart, worauf ihrerseits dieVorwärts"-Redaktion von neuenunerhörten Fälschungen" spricht. So wirds wohl noch weiter gehen. Ferner bekam auchnoch einer von der Clique",Genosse" Bernhard, der Herausgeber der klugen Finanzzeitschrift Plutus", sein Teil, weil er in der Zeitschrift des Braunschen Ehepaares eine vomVorwärts" abgelehnte Berichtigung mit Glossen veröffentlicht hat. Ihm wirdUnverfrorenheit", »starke Dreistigkeit" usw. zum Vorwurf gemacht.

Bebel bemüht sich in derN. Zeit" um den Nach­weis, daß in Mannheim alles in schönster Harmonie vor sich gehen wird. So schreibt er unter anderem:

Der Selbstmord, den unsere Gegner von Partei und Gewerkschaften erwarten, wird ausbleiben und eine sichere Lebensbetätigung beider die Folge sein. Oder glauben unsere Gegner, daß im AnHesicht der immer schärfer werdenden Klassengegensätze und Klassenkäinpfe, der immer brutaler auftretenden Klassenjustiz mit) Polizeiwillkür, unter der die Gewerkschaften mit am meisten leiden, gegenüber der immer größer werdenden Reaktion aus allen Gebieten des öffentlichen Lebens, der wachsenden materiellen Not der Arbeiterklasse durch eine wahnsinnige Zoll- und Abschließungspolitik und daraus folgender unerträglicher Ver­teuerung aller Lebensmittel die Arbeiter, die unter all diesen Uebeln zu leiden haben und darüber aufs höchste erbittert sind, sich gegen­seitig zerfleischen und das Trennende statt des Einigenden suchen werden? Unsere Gegner sind eben unfähig, die Fehler und Verkehrtheiten zu fehen, durch die sie uns ständig das Wasser auf unsere Mühlen lieiern, und daß sie selbst das Eisen schmieden, das die beiden Organisationen immer fester zusammenschweißt und zu

gemeinsamer Kampfstellung zwingt. Auch Mannheim wird wieder für sie ein Jena werden."

Zum Schluß versichert Bebel nochmals:Unsere Gegner werden also auch für Mannheim ihre Hoffnungen auf Zer­würfnisse in unseren Reihen einsargen und sich mit dem Ge­danken abfinden muffen, daß einer Partei, der die Zukunft gehört, alle Dinge zum Besten dienen."

Heer mtfc Flotte.

In Dresden ist der Generalmajor z. D. Richard v. Görne im Alter von 55 Jahren gestorben. Im Juni 1898 war er mit der Führung des 23. Drag.-Regis, in Darmstadt beauftragt, fünf Monate später zum Komman­deur dieses Regiments unb im Juni 1899 zum Oberstlt. er­nannt worden. Von Mai 1900 ab war er Chef der Kavallerie­abteilung im Kriegsministerium. 1901 zum Obersten be­fördert, trat er als Kommandeur an die Spitze der31.Kav.- Brigade in Straßburg, rückte ein Jahr später zum General­major auf und wurde am 18. August v. I. auf sein Ab­schiedsgesuch mit Pension zur Verfügung gestellt. Die Familie des Reichskanzlers Fürsten Bülow verliert in dein General Görne einen Verwandten, der ihr in doppelter Beziehung nahestand. Die Witwe bc§ Generals, Frau Ätnrie v. Görne, geborene Rücker aus Hamburg, ist eine rechte Kusine des Kanzlers, dessen Miltter eine geb. Rücker war. Außerdem ist eine Schwester der Frau v. Görne, Fräulein Jzabel Rücker, die Gemahlin des Rittmeisters a. D. Christian o. Bülow, eines jüngeren, in Lugano lebenden Bruders des Reichs­kanzlers. Frau Jzabel v. Bülow und Frau v. Görne sind die Schwestern des preußischen Gesandten am Darm­städter Hofe, Freih. v. Rücker-Jensch, der den Kaisar in diesem Jahre als Vertreter des Auswärtigen Amtes auf seinen Reisen begleitete.

Aus Stadt und Land.

Sprechstunden der Redaltion 111 Uhr vorm., Ve?1/28 Uhr abds. Gießen, 22. Sept. 1906.

** Ordensverleihung. S. K. H. der Großherzog haben dem Kunstwärter und Untererheber bei der Badeanstalt Bad Salzhausen, Karl Fink zu Bad Salzhausen, aus Anlaß seiner Versetzung in den Ruhestand das Allgemeine Ehren­zeichen mit der InschriftFür treue Dienste" verliehen.

** 3u r Frage der Beaufsichtig ung der Bäcker und Brothändler. DieDarmst. Ztg." schreibt offiziös: Wie bekannt sein dürfte, hat im Anschluß an die Verband, lungen auf dem ersten Hessischen Handwerkertag die Bäcker- inmtng Mainz angeregt, über die Bcotkontrolle im Groß­herzogtum möglichst einheitliche Vorschriften zu treffen. Die Hauptwünsche der Bäckermeister waren etwa folgende: Aus­übung der Kontrolle durch nicht uniformierte Beamte, weil die Revision eines Bäckerladens durch Beamte in Uniform das kaufende Publikum mit Mißtrauen gegen den betreffenden Bäckermeister erfülle; Einreichung der Brottaxe nur bei Aende­rung der Brotpreise; Beschränkung der Revision auf das Brot, daS in den Verkaufsräumen ausgeboten ist; Erweiterung der Fehlergrenze bei frischen vierpfündigen Broten von 25 g au: 50 g, bei trockenen vierpfündigen Broten von 60 g au 100 g; Zuziehung eines Unparteiischen zur Klarstellung, ob den Bäckermeister, bei dessen Broten ein Mindergewicht ge­funden wurde, ein Verschulden trifft. Diese Anträge sind an zliständiger Stelle geprüft und teilweise bis zu einem gewissen Grade für berechtigt erachtet worden. Es soll ihnen inso­weit Rechnung getragen werden, als den Großh. Kreis- ömtern empfohlen wurde, zur Ausführung der über die Ma­terie erlassenen Polizeiverordnungen anzuordnen, daß Brot- reoisionen von den Kontrollbeamten nicht in Uniform vorgenommen werden, sondern in unauffälliger Zivilkleidung und Dienstmütze; in den Polizeiverordnungen, bis. den Anschlag ber Vrotprcise unb Gewichte betreffen, be­stimmt werde, daß der Anschlag, ber bie Preise und Ge­wichte bes in Verkauf fommenben Brotes zur Kenntnis des Publikums bringt, nur bei gänzlicher ober teilweiser Ab­änderung der Preise oder Gewichte durch einen mit dem polizeilichen Stempel versehenen neuen Anschlag ersetzt werden muß; bei ber Bratkontrolle die durch das Ein- trocknen des Brotes verursachten Gew icht- abnahme berücksichtigt werde unter Zugrundelegung einer Mindergewicht-Tabelle, die schon vor längerer Zeit von sachverständiger Seite unter Mitwirkung einer Bäckerinnimg aufgestellt unb sich bewährt hat.

* Hundeansstellnng. Zn der am Sonntag, den 23. b3., in der Faßhalle ber alten Aktienbrauerei am Leihgesternerweg stattfindenden zweiten allgemeinen internationalen Hnnoeansstellunc; für Hunde aller Rassen sind über 300 Hunde angemeldet: mit Rücksicht auf bie vorgeschrittene Jahreszeit und die Jagdsaison, die manchen Waidmann verhindert, seinen Hund auszustellen, eine sehr große Anzahl. Versäume daher niemand, die Ausstellung, die von vormittags bis gegen Abend 6 '/t Uhr dauert, zu besuchen, es ist eine seltene Gelegenheit, Hunde aller Rassen vom großen Bern­hardiner bis zum kleinen Schoßhündchen zu sehen, noch dazu in anerkannt besten Exemplaren. Auch zum Ankaui von Hunden ist reichliche Gelegenheit geboten, und die Herren vom Komitee sind gerne bereit, einen Kauflustigen, ber über bie nötigen Rassekennt­nisse noch nicht verfügt, mit Rat unb Tat zu unterstützen. Für Interessenten des Hundesports sei ganz besondere auf das am Vor­mittag stattfindende Preisrichten, das sehr viel Interessantes bietet, ausmerksam gemacht. Schon im Voraus läßt sich sagen, daß die Hnnde-AnSstellung in Gießen als wohlgelnngen zu bezeichnen sein wird, die dem veranstaltenden Verein Hnndesport für Gießen und Umgegend alle Ehre macht.

» Die Macht bes Gesanges. Nicht nur bei patriotischen Festlichkeiten, wenn es gilt, Begeisterung zu er­wecken, wirb dieWacht am Rhein" gesungen, auch bei an­deren Veranlassungen steigt bas Lieb, ja selbst bei ber Zwetschenernte hörte man dieser Tage aus dem Obstgarten Hannpeiers bie bekannte Melobie von hellen Kmdersttrnmen

ertönen, unb VerS auf Vers erklang in bie frische Morgen­luft. Der Nachbar Balser schaut über den Zaun und ruft dem Hannpeter zu:Doas loß ich m'r gefann, Dei Junge sein doach monier bei d'r Aerwet. Dai finge jo, m'r mahnt je härre alle Toag Kirmes!"Doas will ich D'r sahn, Balser, Däi finge nur, weil ich se's gehaaße hun; wann ich je gihn löste, bann eaffe sich fe aweil im Herbst bie Därme weit niet Gewoatsche, uon im Wienter hun se nix enienn fe duhn!"

----- Lauterbach, 20. Sept. Allenthalben hat die Ernte des Winterobstes, Aepfel und Birnen, bereits begonnen. Leiber wirb noch viel zu früh geerntet. Die Angst, baß bie Früchte gestohlen werden, treibt viele Obst­bauern zu einem zu frühen Pflücken. Was ist ber Erfolg? Mangelhafte Ausbilbung der Früchte in Bezug auf Zucker- gehalt re., schlechte Haltbarkeit im Winter, starkes Ein­schrumpfen 20. Auch die Erntemethoden sind vielfach noch jehr roh, so daß die Haltbarkeit der Früchte gering*wird. Wie sieht aber oft daS Handelsobst aus? Ein Mangel im Sortieren des Obstes nach Größe unb im Auslesen kranker Früchte läßt sich noch oft feststellen, daneben wird der Ver­packung auch zu wenig Beachtung geschenkt. Die Fortschritte, welche die Kreise Alsfeld und Lauterbach in Bezug auf Ernte, Auswahl, Sortieren unb Verpacken gemacht haben, werben auf unserer Ausstellung zu Lauterbach gezeigt werden. Jeder Obstbauer, Obstliebhaber unb Obstkonsument wirb sich bort über Pflücken, Behanbeln, Sortieren und Verpacken des Obstes Aufkiärimg holen können, da Muster von der Geschäftsstelle des Oberh. Obstbauvereins auch ausgestellt werden. Am 11.14. Oktober findet in Lauterbach in dem ge­schmückten Saale des Felsenkellers bie bieSjährige Obst- ausstellung beS Oberhess. Obstbau Vereins statt, zu beren Besuch alle Obstbauinteressenten aufgeforbert werben.

Tie Breslauer Arbeiterkrawalle vor Gericht.

Nachdruck verboten.

- * L

Breslau, 21. Sept.

Die Gerichtsverhandlung über die bekannten Arbeiterkrawalle im April d. I. hat vor einigen Tagen hier begonnen.

Der Angeklagte, Fabrikarbeiter Michael Adam, dem Nötigung und Beleidigung eines Arbeitswilligen vorgeworfen wird, bemerkt über die Ursache der Aussperrung: Die Former haben Lohnerhöhung verlangt. Da diese ihnen nicht gewählt wurde, seien alle Arbeiter, die einem Verbände angehörten, ausgesperrt worden. Es seien alle Organisierten, auch die dem christlichen Verbände angehörten, ausgesperrt worden.

Alle Angeklagten bestreiten. Arbeitswillige beleidigt zu haben.

Die Angeklagte, Hebamme Anna Haase, die der Auf­reizung und Beschimpfung von Schutzleuten angeklagt ist, be­merkt: Ich sah von meiner Wohnung au3, wie Schutzleute auf ganz ruhig ihres Weges Gehende ohne jede Urfadjc mit dem Säbel einschlugen. Gegen 91/» Uhr abends waren nur noch Schutzleute auf der Straße zu sehen. Da kam ein Manu mit seiner Frau vorbei. 5 bis 6 Schutzleute stürzten auf den Mann, schlugen ihn mit gezogenem Säbel ohne jede Veranlassung aus den Kopf, daß er nieder- fiel und heftig blutete. Obwohl der Mann die Schutzleute anflehte, doch von ihm abzulassen,, schlugen sie weiter auf ihn ein, sodaß er besinnungslos wurde. Seine Frau ftfjrie und jammerte. Da rief ich zum Fenster hinaus:Gibt es denn keine Gerechtigkeit mehr? 5 bis 6 Bewaffnete über einen Unbewaffneten, das ist dock) ein Skandal." Es ist möglich, daß ich auch gerufen habe: Das wollen Schutzleute sein. Ich habe jedenfalls nur meiner Entrüstung Ausdruck gegeben, beleidigen wollte ich die Schutzleute nicht. Ter Vorsitzende bemerkt, daß nach Angaben der Zeugen der Vorgang sich anders zugetragen habe; der Polizeipräsident habe wegen Beleidigung der Schutzleute Strafantrag gestellt.

Der Angell. Fabrikarbeiter Stumpf bestreitet ganz entschieden, Schutzleute angegriffen und beschimpft zu haben. Die Schutz- le ute haben auf die Menge derartig ein gehauen, daß große Blutlachen zu sehen waren.

Der Zeuge Scknitznianns-Wachtmeister Langner: In der Hildebrandt- und Posenerstraße staute sich das Publikum, so daß der BefehlGewehr auf!" gegeben werden mußte. Es wurde aber von der Waffe kein Gebrauch gemacht. In der Hilde- brandtstraße kam eine Flasche geflogen, die dicht vor seinem Pferde klirrend zur Erde siel. Ein Angriff seitens des Publikums habe nicht stattgefunden. Tie Säbel der reitenden Schutz­leute sind stumpf, die der Fußschutzleute dagegen scharf; letztere wurden im Februar dieses Jahres aus Anlaß eines Vorganges geschlissen.

Arbeiter Bruhl: Er sei ein sogenannter Arbeitswilliger. Als er am 19. April über den Striegauer Platz in die Linkesche Fabrik ging, sei ihm von einer Anzahl junger Burschen zu- gerusen worden: Lump, Schuft, Streittirecher, Hungerleider, Ihr Baueräser, macht doch, daß Ihr aufs Dors kommt. Unter den Rufern habe er den Angeklagten Viertel erkannt, dieser habe ihn auch angespicen.

Vors.: Sie haben gegen Viertel Strasantrag gestellt? Zeuge: Jawohl. Bert. R.-A. Weidmann: Sie haben den Strafantrag aus Veranlassung des Untersnüningsrichters gestellt? Vors.: Diese Frage muß ich als unzulässig zurückweisen. Der Strafantrag ist gestellt, das genügt doch? Bert.: Ich halte die Frage doch für sehr wesentlich. Ich frage also: Würden Sie die Strafanzeige erstattet haben, wenn Sie vom Herrn Untersuchungsrichter nicht dazu uusgesordert worden wären? Vors.: Ich kann auch diese Frage nickst zulafsen. Wenn ich als Untersuchungsrichter eine Beleidigung feststellte, so würde ich es als meine Pflicht erachten, den Zeugen zu fragen, ob er Strafantrag stellen wolle. Bert.: Darum handell es sich nicht. Ich l-alte es aber für sehr wesent­lich, ob der Beleidigte au? eigenem Antriebe oder auf Veranlassung des Untersuchungsrichters Strafantrag gestellt hat. Vors.: Zeuge, fühlen Sie sich durch Viertel beleidigt und wollen Sie, daß er bestraft wird? Zeuge -zögernd): Ja. Bors.: Das ist doch die Hauptsache. Es ist doch kaum angänglich, einen Zeugen Über einen inneren Vorgang zu vernehmen.

Schutzmann Hofrichter, reitender Schutzmann Markwardt und Polizeikommissar Bernert schildern in sehr eingehender Weise die Vorgänge am Striegauerplatz. Es fei aus den Häusern, den Fenstern und aus der Menge mit Blumentöpfen, Tellern, Flaschen, zum Teil mit ätzender Flüssigkeit usw. auf die Beamten geworfen worden, -vie Arbeitswilligen wurden beschimpft, geschlagen, be­worfen, angespieen, mit Nasenschleim besudelt usw. Ae^ilich ei es auch mehreren Polizeibeamten ergangen. Polizeikommissar Bernert: "mastem alles andere fruchtlos blieb, feien zunächst einige Schrecksch ä sse abgegeben worden., Es gewann den Anschein, datz dadurch bie '.Wenge noch mehr aufgeregt wurde. Erst als alle anderen Mittel erschöpft waren, wurde von der blanken