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21.4.1906 Erstes Blatt
 
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rfftetnt täglich außer SanntagS.

Dem GießenerZlnzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familien- blätter Dicnnal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck il Ver­lag der B r ü h l'sehen Univers.-Buch-u. Stein­druck erei. 9L Lange. Redaktion, Lrveditiou und Druckerei:

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Anzeiger Gießen.

156. Jahrgang

Erstes Blatt

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

Samstag 21. April 1906

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger w

jährlich Mk. 2LO; durch Aohole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post 2)tk. 2.viertel- jährl. ausschl. Veslellg. Annahme von Anzeigen für die TageSnuminer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenvrew: lokal 12P^, auswärts 20 Pig.

Verantwortlich für den poüL und allgem, Teil: P. Wittko: für ^Stadt und £anb' und -Gerichtssaal'Ernst yeß; für den An­zeigenteil: HanS Bett.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. April. Auf Veranlassung des Kaisers werben sich der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich im Sommer auf die Wartburg begeben, um ihren Ge­mahlinnen den neuen Mosaikschmnck in der Kemenate der heil. Elisabeth zu zeigen.

Auf der rumänischen Gesandtschaft sand heute ein Festmahl statt auSAnlaß des Geburtstages des Königs Carol, der zugleich ber 4 0. Jahrestag ber Volks­wahl ist, durch welche Carol auf den rumänischen Thron berufen würbe. Im Auftrage des Kaisers überbrachte Prinz Eitel Friedrich, der ein Patenkind des Königs ist,

nicht mitmachen. Ms Köhler mm mich drei Monaten nicht zurücktrat, wie es sogar schriftlich vereinbart war, wählten ihn Natiomrlliberale obendrein wieher, statt sich zu sagen, wir sind geprellt. Das spricht nicht für eine Tendenz, der ich das Wort reden kann. Wie die Nationalliberalen zum Antisemitismus stehen, zeigte ja die Landtags­wahl in Wörrstadt. Dorthin sandte der Führer der Ncpionalliberaleu Haas-Darmstadt folgenden Brief:

Tarmstadt, 21. Nov. 1905. Sehr geehrter Herr und Parteifreund! Wie ich höre, steht die Wiederwahl deS Herrn Wolf in seinem seitherigen Wahlbezirk in Frage und wird durch seinen freisinnigen Sloiiiurrcnten Herrn Christ gefährdet. Ich bitte Sie dringend mit allen Kräften s ftr d i c Wahl des Herrn Wolf einzutretcn. Dessen Wahl ist sowohl im na­tionalen wie im wirtschciftlick^n, namentlich aber im In­teresse des landwirtschastlicven Genossenschaftswesens gelegen, das in .Herrn Christ einen Gegner betrachten muß. In diesem meinem Ersuchen befinde ich mich im Einklang mit allen wahrhaft patriotisch gesinnten nationallrberalen Parteigenossen. Mit par- teigenossenschaftliäxm Gruß Ihr ergebenster £> a a 5."

Hier wird also Christ als Gegner des Genossenschafts­wesens dargestellt, obwohl er zweiter Vorsitzender des land­wirtschaftlichen Provinzialvereins für Rheinhessen ist! Und uns spricht man weiter einfach den Patriotismus ab. So­lange von einer solchen exzessiven, beleidi­genden Behandlung unserer Partei durch Ratiouallib. nicht ab gegangen wird, ist ein Friede mit Nationalliberalen nicht möglich, (Lebhafter Beifall.) Tie Zeiten, wo ivirReichsfeinde" ge­scholten wurden, glaubte ich überwunden. Wenn man uns aber heute das patriotische Verständnis abspricht, bann ist ein gemeinsames Handeln nicht möglich. Tiese Agitation der Mistachtung ist lediglich der Nährboden für die Zwie­tracht. Angesichts dessen kann ich hier nicht empfehlen, dast Sie mit Nationccklib. znjammengel)Ln sollen .Bon der an­deren Seite ist auch nichts geschehen, wiOs ein solches Zu­sammen gehen erleichtern könnte. Ich bin der Ueberzeugung, daß auch in Darmstadt einmal die Stunde schlagen wird, hw man diese hochmütige Art der Behandlung unserer Partei seitens der Ncttionalliberalcn ableat. .Hoffentlich gelangen die Nationalliberaleu bis zu den nächsten allgemeinen Neichs- tagswahlen 1908 zur Einsicht. Bis dahin aber muß die Parole aller Liberalen, welche eine wirklich fortschrittliche Politik wollen, am Wahltage in der nächsten Woche in der Abstimmung für lwrell zum Ausdruck kommen.

Die Rede des frei finnigen Führers bildete den Höhepunkt des Abends. Ter tiefe Einbruch den sie allseitig machte, lüste geradezu stürmischen Beifall aus. Es sprachen noch Parteisekretär Haupt, Redakteur Bornmaun und Reallehrer Kahl. Zahlreiche, namentlich jüngere Wähler, meldeten sich zur Aufnahme und Mitarbeit. So brachte diese Versammlung neben dem Programmatischen auch noch er­freulich Zweclliches für die Sache der Vereinigten Liberalen.

Zie Heutige 'Dummer umfaßt 16 Seiten.

Ar. Hulfleisch über die g:<ngung der Liberalen.

Man schreibt uns aus Tarmstadt:

Am Freitag abend veranstalteten dieBereinigten Liberalen" in Tarmstadt eine überaus stark besuchte Versammlung für die Kandidatur Korcll. Nach Referaten des El)efredakteurs Wolf-Straßburg, des zweiten Vor­sitzenden der elsaß-lothringischen liberalen Landespartei, und des Kandidaten, befürwortete Landtagsabg. Justizrat Tr. G u t s l e i s ch - Gießen in begeisterten Ausführungen die Kandidatur Korell. Ter Redner führte hierbei aus:

Er komme als jahrzehntelanger Anhänger des Ge­dankens der Einigung aller Liberalen nach Tarmstadt. In Gießen habe er bereits im Jahre 1881 als gemeinsamer Kandidat die Nationalliberalen und Frei finnigem den Wahl­sitz errungen und schon damals die Lehre gezogen, daß nur ein Zusammengehen Erfolg bietet. Das Heidelberger Programm der Nationalliberalen brachte 1884 Zerrissenheit in deren Reihen und bewirkte totale Einfluß- losigkeit. Diese inneren Widersprüche dieser Partei zeigten sich erst in der jüngsten Vergangenheit wieder: im Land­tag sprach sich ein ahusehnliä)er Führer der Nationallibe­raleu (Al'g. Reinhart) gegen Rheinschifsahrtsabgabeic aus und im Reichstage versucht sein Parteigenosse Tr. Becker die Berkehrssreiheit einzuschränken durch Einführung einer Fahriartensteuer- die Beschlüsse der nationalliberalen Frak- ।ion der zweiten Kammer zur Gemeindebesteuerung wurden von dem Führer der Bart ei in der ersten Kammer zunichte gemacht! Gegensätzlichkeiten zeigt die Partei and) in sozialpolitischen Fragen, ferner hinsicht­lich der Freiheit der Schule und nicht zuletzt betreffs des Wahlrechts. Während hessische Nationalliberale heute er* klären, daß sie am Reichswahlrecht festhalten wollen, auenbeu sich preußische Nationalliberale gegen die Ein­führung dieses Wahlrechts bei dem preußischen Landtag. Tabei sind die Staatsnollveirdigkeiten für .Hessen und Preußen nicht verschieden. Ich bin heute schon überzeugt, daß, wenn wir jetzt wieder im hessischen Landtag eine Ab­stimmung über das direkte Wahlrecht bekommen, nicht mehr 10viel Nationalliberale dafür eintreteu werden. (Hört, hört!) Zn Gießen haben wir uns zu einer Einigung nach schweren Erfahrungen durchgeeuugen, die hoffentlich eine Dauernde Lehre bleiben. Darum hätte id) es auch gern gesehen, daß in Tarmstadt die Nationalliberalen! lür den Kandidaten der Freisinnigen einge- treten wären. Tie Nationalliberalen wollten aber, daß die Freisinnigen zu ihnen kommen. Das könnte id) der hiesigen freisinnigen Wählerschaft jedod) nicht empfeh­len. Mitgliedern der nationalltb. Partei, die mid) dieser- jjafb angingen, erklärte ich bereits, daß für Korell sowohl Grün d'e der Sache wie der Person sprechen. Und Darum darf diesmal keine liberale Stimme auf die Seite fallen; alle muffen s id) auf Korell vereinigen. Die Ausfassung, daß sich ein liberaler Mann vom Bauern- Ibunb protegieren lassen darf, wie das in Starkenburg und Rheinhessen geschieht, kann von uns nicht geteilt werden. Das Schwanken der Nationalliberalen zwischen verschiedenen Prinzipien zeigt dieser Wahlkampf. Obwohl sie zuweilen den Willen aussprechen, von den Antisemiten abzu­rücken, können sie sich nicht zur Ausführung aufraffen, weil f|ic zu sehr mit jenen kokettieren. Tr. Gutfleisch erinnert an die Wahl Köhlers in das Präsidium der 2. Kämmer. Die An-isemiteu betrachteten diese Wahl als Demonstration gegen Maklers Verurteilung. Eine Partei, die es wohl meint mit dem Ansehen des Richters! and es, durste diesen Schritt

Zur KmMrung in Auchs ll-moIl-M-je.

(Ausführung in Gießen am 2. Mai 1906.)

Back) schrieb seine ll-moll-Messe in Leipzig, wo er im Jahre J723 nlu Kantor an der Thomasschule die Stellung gefunden hatte, in der er lns zn seinem Tode (28. Juli 1750) verblieben ist: ES ivar feine unbedeutende Stellung. Nicht nur war die Thomas- ischule bie Pflanzschule der Kirchenchöre in der Stadt, fondern den, Kan'.or sland auch d,e Cbcrlcüung dieser Chöre zu, die in den großen Kirchen beim Gottesdienst die Chorgesänge auszuführen hallen. Und Bach nahm seine Aufgabe ungeheuer ernst. Alan erzählt, daß nach seinen, Tode die Schüler im Grunde froh waren, ihn los zu sein;man wolle einen Kantor, keinen Kapellmeister," flmfl die Rede. In der Tat, bedenkt man, wie bescheiden das Material war, das Bach zur Verfügung stand, so wirb man sich ongesickuS der riesigen Anforderungen, d,e er stellte, über eine jo Ich e Rede nicht zu' sehr wundern dürfen. Vier Stadtpseiser und drei Geiger bildeten seinoffizielles" Orchester; im übrigen haben studierende Dilettanten aus, und die weiden im Turchjchmtl da- mialö kaum anders Musiziert haben als heute auch, d. h. zu ihrer «eigenen Bf nedigung. Der Kantor aber dirigierte nicht nur, er schrieb auch die erforderliche Alusik. 266 Kantaten für den Gortes- )-.ensi hat T ach allein in Leipzig komponiert. Davon fällt etwa Iber dritte Teil in die Jahre 173338, und eben diese sechs Jahre 'sind die Ciitslehungszeir des in mancher Beziehung großartigsten nmtcr Bachs Chorwerken, der H-molD _obcr hohen Ai esse, die mit «der Matthauspassion die Krone seiner Schöpfungen bildet.

Eine Blesse? Bach war doch Protestant 1 Gewiß, und einer Eber glaubensinnerftcn und bekenntnissrohesten, die je gelebt haben. -Wer hier einen Zwiespalt sucht, der muß sich einerseits daran er* sinnern, das; die musikalische Messe kein Wort enthält, das nicht ceuch dem l,rchl,ch gläubigen Protestanten, der ja nur den kirchlich- MitueUen Akt ablehnt, aus dem Herzen gesprochen wäre, anderer- s -us, daß Bach bei seiner Messe die Befriedigung littirgischer Ve- Lürimsie überhaupt nicht uorjd)wcbte, fondern ihn der Wunsch keieehe, dem religiösen Gehalt der Worte des geheiligten Textes ruoglichst erschöpfenden Ausdruck zu geben.

Tie Musik ipährend des Hochamtes bestehl aus sechs Sätzen, tibie nach bei, Anfangsworten des jeweilig zu singenden Textes genannt find: dem Kyrie und (ihrisie clei'i'n (Herr erbarme dich), Len, Gloria (Ehre, nämlich: Gott in i he), dem Credo (Ich Afilaube: d. h. dem joaeii. nicäi\ . . .usbekenntniL), dem ©anctuS. (.vctluj und Ojni.iia r r.\ d. h. hilf bedj), dem Wenedictus (Gelobt sei, nämlich: c.i in lomnu im Stamen des Herrn) und dem Aguns Dei (Lamm Gottes) mit den Schlußworten

Dona nobia pacem ((Sieb uns Frieden). Der Komponist solcher feststehender, teils ganz kurzer, teils ausgedehnter Texte ist im all­gemeinen gezwungen, sich den gottesdienstlichen, den liturgischen Anforderungen nach Zeit und Crt, insbesondere mit Bezug aui die mustlalische Ausdehnung, möglichst anzupassen. DaS ist bei den im Gottesdienst verwerteten Kirchenmusiken natürlich durchgängig der Fall, überhaupt aber in fast allen musikalischen Messen die Ein­teilung des Textes beibehalten worben. Auch Beethovens Messe macht hier,,, keine Ausnahme. Bach dagegen hat gleich dasKyrie" zu drei von einander gesonderten Sätzen Chor, Duett zweier Sopran- stimmen, miederChor- ausgebildet; baS(Sloria" und dasCredo" sind jedes in acht für sich bestehende Satze abgeteilt, auch bas Osauna" undDona nobis gesondert behandel,. Freilich ist diese Sonderung feine Absonderung, und die musikalijchcn Gedankeii leiten mehrfach ebenso streng zu einander über wie die des Textes. So schließt sich z. B. imGloria" der Chor rQui tollis unmutei­bar an das vorangeacmgene Duett au, und ebenso -teilet der Lchluß der BaßarieQaoniam in den ChorCam eancto spiritu hiiniber.

Bach war ein ölann der Kirche, wenn auch nicht der katyo- lischeii. Sein kindlich frommes Gemüt versenkte sich gläubig in die heiligen Worte, bie die Religion der Bibel zusanünenfasfen. llnb er gab babci in erster Linie dem Gemeindcbewußlsein Atts- drtick. Dem kolossalen Ueberschwang des individuellen, richtiger individtialistischen Frömmigkeitsbedürinisses, der nnS in Beethovens Al esse entgegenbringt und der bis zum heutigen Tag Zeugnis ab- legt von ber Gewalt, mit der der Text den 'Meister im innersten aufgeregt, chn gerüttelt und gefchüttelt hat, begegnen wir bei Bach nicht. Mit vollem Recht hat man barauf hingewiesen, daß die großen 6höre in der Bach'jchcn MesseAlnsikstücke sind, bie bei all ihrer funi c st'cn Ausführung einen vollständig volkstümlichen Zu­schnitt Ijjeii und ihre populäre Kraft ost genug drastisch bewieset, haben" Kretzichmar). Tag man, um einen Bach'fchen Chor ganz verstehen und eben damit voll genießen zu können, eine gewiße Fertigkeit im Horen'' besitzen mup, ist natürlich richtig; ebenio sicher aber ist, daß sich bie Themen der Chore der H-ino)l-9)kfie dem Hörer unmittelbar auibrüngen, und zwar nul t nur diejenigen, in denen der Jubel über bie Großtaten Gostc-, in.it elementarer Starte hervorbricht, wie bas (eigentliche- , i ..Lt resur- rexit*1 (au'ersianden) und kestanctus, foubci iic ernsten Weisen, in denen bie Erlösung bnrch den i'J. ciuoiotiicn und sein tragisches Crdenschia'al besungen wirb, -er Schluß des pCiuciüxub (gclrcujigt), i. ad in die WorteSepultus ee>tu (be-- gidbeii) aus Hingt, gehört zu dem Ergreifendsten, was Bach ge­schrieben hak. Stich! zu flüchtigem Genuß freilich ist der Hörer ge-

die Glückwünsche des Kaisers und brachte mit ganz besonders herzlichen Worten einen Trinkspruch auf den König auS. In Erwiderung toastete der rumänische Gesandte auf den deut­schen Kaiser.

Das Befinden des Reichskanzlers Fürsten Bülow ist andauernd gut Der Kanzler verbringt jetzt regelmäßig vormittags einige Stunden außerhalb des Bettes, gibt Dik­tate und empfängt einige Besuche. In wenigen Tagen dürfte er soweit hergestcUt fein, daß er zu seiner gewohnten Lebens­weise zurückkehren und auch täglich einige Zeit im Freien zubringen können wird. Die völlige Wiederaufnahme der Dienstgeschäfte sucht Geheimrat v. RenverS indesien noch so weit alS möglich hinauSzuschieben, da eS ihm darauf an­kommt, feinen Patienten erst dann seiner Arbeit zurückzu- geben, wenn der Reichskanzler seine frühere vorzügliche Gesundheit in ihrem vollen Umfange wiedererworben haben wird.

Wie der »ReichSanz.* meldet, ist der außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Dtinister am Großh. hessischen Hofe Prinz Hans zu Hohenlohe-Ochringen behufs anderweiter dienstlicher. Verwendung von diesem Posten ab* berufen worden.

Der .Reichscmz.* veröffentlicht die Verleihung deS Roten AdlerordenL 1. Klasse mit Eichenlaub an den Unter- staatSsekretär im Auswärtigen Amt Dr. v. Mühlberg.

In kundigen Kreisen nimmt man nach der .Disch. Tagesztg." an, daß der Bundesrat in seiner nächsten Plenar- sitzung sich mit dem Gesetzentwurf über die Entschädigung für die Rerchstagsabge ordneten beschäftigen und ihm zustimmen werde. Die Vorlage würde unverzüglich dem Reichstage zugehen. Irgendwelche Schwierigkeiten wären im Bundetzrat nicht zu befürchten.

Dem Abgeordnetenhause ist ein Gesetzentwurf betr. Bewilligung weiterer Staatsmittel zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der Arbeiter, die in staat­lichen Betrieben beschäftigt sind, und der gering besoldeten Staatsbeamten zugegangen. Der Entwurf erfordert 15 Mil­lionen Mark.

In den letzten Tagen sind aus Berlin über 2Oft Russen als lästige Ausländer ausgewiesen worden. Unter den Ausgewiesenen befinden sich Leute, die sich schon längere Zeit in Berlin aufhalten. Während bei der Mehrzahl der s2(uSgewicfenen die Ausweisung mit Mittellosigkeit begründet wirb, ist bei einem Teil der Ausgewiesenen, hauptsächlich den Studenten und Studentinnen, die Maßregel poli­tischen Motiven zuzi,schreiben. Auch soll in verschiedenen Fällen den Ausgewiesenen statt der üblichen 14 Tage nur dreitägige Frist zum Ordnen ihrer Angelegenheiten bewilligt worben jein. Es verlautet, daß sich die aus politischen Grün­den ausgewiesenen Russen in Berlin in oppositioneller Weise betätigt haben sollen.

Die Ausstände in Frankreich.

Paris, 20. April. Die Blätter veröffentlichen aus dem Kohlen-Streik-Gebiet Depeschen, nach denen die heute slattgehabteu Ruhestörungen rroch weitaus schlimmer verliefen, als die ersten Berichte vermuten ließen. Ms besonders bedenklich wird die Lage im Bezirk Valenciennes geschildert, wo in zahlreichen Ortschaften blutige Zusammenstöße ber ausständigen Bergleute mit der Gendarmerie und den Truppen ft alt? anbei'.. Die Bevölkerung sei höchst beunruhigt und ver­lange energische Maßnahmen zur Unterdrückung der geradezu ui 11 MinMaMaggzMmga

laben, die ,Seufzerkeuen", das Kyrie, mit denen das ganze Werk eingeleitet wird, setzen vielmehr eine wohlvorbereitete Stimmung voraus: in feierlichem Ernst sollen wir hohen Gedanken folgen. Von besonderer Schönheit ist dasConfiteor (Ich bekenne eine Taufe zur Vergebung der Sünden), aber auch das bei erstmaligem Sören am schwersten verständliche Chorstück, wenigstens bis zu den Schlußworten: ,unb erwarte die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben", die von unmittelbar packender und hinreißendes Wirkung sind.

Den mächtigen Chören gegenüber treten die solistischen Telle einigermaßen zurück, so große Schönheiten sie auch im ein­zelnen enthalten. Am bekanntesten sind die Alt-ArienQai sedes ad Dexteram undAguns Dei, dieseeines der klassischen Zeugnisse für die MÖglick-keit, daß auch in den Formen der neuen Alusik dein reinen Geist der alten Messe Gerechtigkeit widerfahren konnte" tttretzschmar). In der Arie für Alezzosopran:Laadanms te und in der TenorarieBenedictuö" wolle man auf tue die Sing- ftinune umrankenden Melodien der Sologeige achten. Auch in dem Duett:ebriste eleison ist der Geigenbegleitung eine her­vorragende Stelle zugewiesen. In Bachs Orchester war im übrigen der Cboentlaiig vorherrschend, und zwar in viel stärkerem Maße, als es sich bet der heutigen Art der Orchesterbesetzung, bei der die Streicher überwiegen, deutlich machen läßt. Posaunen fehlen ganz. Eine besondere Eigentümlichkeit der orchestralen Partie besteht da­rin, daß in manchen Choren die Ehorstimmen ganz selbständig gehen, d. h. durch gleichlautende Stimmen im Orchester nichts unterftüijt werden. Daß darin zugleich eine besondere Schwierig­keit für beit Gesangschor liegt, ist für den Kenner ohne weiteres klar. Andere Chöre wieder sind fast a eapelln gedacht und werden nur schwach von ber Orgel begleitet Tie Wichtigkeit der Crgelftimmc bedarf ausdrücklicher Erwähnung. Von den inanmgtachen Feinheiten der Orchesterparlie sei eine der eigenu tulichsten besonder--' hervorgehoben, die in ihrer Art vielleicht cinzig dastehl: die in der Begleitung des abgesehen vom Schluß- talt ö2 Takte um'assendenCrucifixus" 13 mal unverändert wiedcrkchrende viertaktige Baßsigur, durch die die furchtbare Tragik ; cv vom Chor gelungenen Worte in erschütternder Weise ver- stätti wirb.

-ver sich über Einzelheiten der musikalischen Durcharbeitung näher unterrichten will was sehr zu^wünschen ist, dem em= psehlen wir die Einü'ihrtmgen von I. Sittacd und H. Kretzfchmar, Leibe in der Musikalienhandlung Ernst Challier für wenige Pfennige erhältlich. Etwas ausiührlicher ist Leopold SchmidtZur Emiührung in I. S. Bachs hohe Alesje in H-moll". Ki.