156. Jahrgang
Montag 19. November 1906
Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger ö *äZ
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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einer unwiderstehlichen
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strotzend prächtiger Schonheitslime etwas von der brutalen Sinnlichkeit Messaline.
Man gehe hin und schaue.
LZnnern Braun und denFinan-rninister Gnauth zum Vortrag.
Und an anderer Stelle:
Nach eingezogener Erkundigung besieht zwischen den Ministerien des Innern und der Finanzen volles Einvernehmen über den Inhalt des demnächst vorzulegenden Gemeindeumlagengefeyes; die auf der Behauptung des (Segenteils und der Beobachtung vermeintlicher .Symptome" aufgeballten f e n s a t i o n e l l e n o m b i n a t i o n e n der Lokalpresse bedürfen danach wohl keiner weiteren Erörterung.
Gründlicher hätte man den Maulwürfen das — Mündchen nicht stopfen können, als wie es hier geschehen ist. Damit ist nicht nur der Fall Eißnert, sondern auch der Fall Gnauth hipp und klar beendet; aber den „Minister- slürzern" sind doch noch ein paar eindringliche Worte zu widmen.
Zunächst ist unser Grohherzogtum nicht das einzige Land, in dem sich Sozialdemokraten an der Verwaltung der Gemeinden beteiligen. Warum sollten sie es nicht? Sie zahlen ihre Gemeindeabgaben genau so wie andere Leute, wenn auch, da sie in der Regel nicht über große Geldsäcke verfügen, nicht in dem Maße. Sind sie aber im Besitz der Bürgerrechte, die ihnen die entsprechenden Pflichten auferlegen, dann sollen sie diese Bürgerrechte auch ebenso gut ausüben dürfen, wie andere Leute. Das Geld, das die Sozialdemokraten für die Bürgerrechtsgebühren aufwenden, riecht auch nicht. Außerdem gewinnen sie in solchen Aemtern ihnen dienliche Einblicke in das Verwaltungslaesen überhaupt, was nur von heilsamen Eiflusse auf sie sein kann. Daß sie von solchen Aemtern ferngehalten werden, von denen aus sie die bestehende Staatsordnung verletzen würden, versteht sich so lange von selbst, als sie noch nicht zu besserer Staatseinsicht gelangt sind. Die Teilnahme von ein paar sozialdemokr. Ehrenmännern an der Gemeindepolitik wirkt aber schließlich nicht nur erzieherisch und praktisch bildend auf die ganze Partei, sondern auch erfrischend auf die ganze Gemeinde. Das erkennt man z. B. bei uns in Gießen allenthalben an, wo niemand unsere paar sozialdemokr. Stadtverordneten in dem Stadt
kette „staatsgefährlich" füllte doch bei keinem Liberalen existieren. Denn er bedeutet verächtliche Kleinmütigkeit und lächerlichen, ja geradezu unp atriotischen
S. K. H. der Grobherzog empfingen am 17. November Staalsmimsler Ewald, den Präsidenten des Ministeriums
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Muse ein, die gütig ihre Gaben verteilt an eine freudig bewegte Schar. Jede einzelne Figur ließe sich vielleicht be- sonderS auslegen und benamsen, doch nahm ich mir zur Vertiefung keine Zeit, da anderes im Saale mich weit mehr fefielte. Ich möchte nur noch bemerken, daß im Großen ausgeführt der Kobersteinsche Entwurf sehr erfreulich wirken dürfte und daß die jetzt vielleicht allzu lebendig scheinende Umrahmung, wenn sie zum großen Mittelbilde harmonisch getönt wird, dieses zu heben und zu schönem Gesamteindrucke ihm zu verhelfen vermag.
Doch wie gesagt, anderes fesselte mich mehr. Vor allem anderen die prächtigen Schwälmer Bilder von W. Thiel» mann aus Willingshausen. Thielmanns Kunst erinnert stark an die des viel zu früh verstorbenen Darmstädters Heinz Heim. Was uns mit zwingender Gewalt an diesen Bildern, namentlich den »hessischen Bauern" und auch den »Schwälmer Jungen" packt, das ist die Aufrichtigkeit, die Ehrlichkeit, die Wahrhaftigkeit des Künstlers. Die stille Kargheit dieses Naturmenschentumes hat er mit ganzer Seele nachempfunden. Bewundernswert ist bei aller Vielfarbigkeit dec koloristisch diskrete Zusaminenklang. Und er ist Realist und Poet zu. gleich, das zeigt seine Kohlenzeichnung einer in die Natur versunkenen sitzenden Frau.
I. v. Schovingens .Birken* haben in ihrem blendenden Blust, in ihrer schwelgerisch intensiven und tiefen leuchtenden und zugleich weichen Farbenpracht etwas von der Art Rüdisühlis. M. Beckers »In der Heide" wirkt durch nüchterne Kraft. Unter den Gemälden R. Eschkes ragt weit heraus fein Selbstporträt. Es hat etwas Großzügiges, ist kühn gedacht und flott hingeworfen und zeigt
Nr. 272
Crfd)eint tÄgttd) außer SonntaqS.
Dem (Sietzener Anzeiger werden im Werhjel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familien' blätter viermal in der Woche beigelegt.
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Anzeiger Gießen.
Unsere Kunstausstellung.
Gießen, 19. 9looembec 1906.
Die Kunstfreunde Gießens sprechen jetzt wieder im Turmhaus am Brand* vor. Dort hat der Kunstverein eine neue Ausstellung veranstaltet. Sie kommt uns nicht ungelegen zu einer Zeit, da die letzten Blätter von den Bäumen und Sträuchern soeben gefallen sind und die ersten rauhen Spät- herbftwinde hervorbrechen. Konkurrenz, die zu günstigerer Zeit die Natur allem Künstlerischen zu machen pflegt, ist jetzt ausgeschlossen. Wer mit seinen Tagen und Stunden geizen muß, wer seine knappe „freie* Zeit zur Erhaltung feiner Gesundheit erfrischendem Gange in der Natur widmet, der glaubt, wenn der Wettergott es gut meint, für die bildenden Künste im arbeitsreichen Tagesgetriebe kein Minütlcin finden zu können, und nur an Tagen üblen Unwetters, wie dem gestrigen, vermag besondere Lockung ihn zum Turmhaus zu ziehen.
Und beschämt steht er da. Solche Genüsse hat er sich nun Jahre lang versagt, aus falscher Sparsamkeit.
So ging es gestern mir, und so wird es allen denen ergehen, die Sinn für Kunst besitzen, aber »keine Zeit* für sie übrig finden.
Die Skizze eines Vorhanges für die Bühne unseres neuen Stadtth ea ters war es, die mich gestern nach dem Turmhaus zog. Gewiß, sie ist es wert, von allen Theater» und Kunstfreunden Gießens betrachtet zs werden. Zu einer bunt belebten Landschaft führt uns H. Stober» stein, zu den nach Schiller heiteren Gefilden der darstellenden Kunst. Die Mitte des Bildes nimmt die weißgewandete
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die tiefere Lebenstreue des Kündens einer am Schönen sich begeisternden Seele. Von exquisiter duftiger Zartheit ist das Porträt einer schönen jungen Gießener Dame, die ihr blondes Töchterchen, ihr Abbild und ihren Abgott, im Schoße hält. Man möchte bei diesem Werke von Rich. Scholz in München, dem Sohne des bekannten Frankfurter Tondichters Bernhard Scholz, an die wunderfeinen Frauenporträts de§ genialen Wieners Klimt denken, ivenn man nicht merkte, daß R. Scholz wohl ein sehr feinfühliger Farbenharmoniker ist, als Figurenzeichner aber selten sich betätigt. Als Hochgebirgslandschafter ist er ein Meister von anerkannter Bedeutung.
Wenn wir dann noch den hübschen Aquarellen aus Gießens nächster Umgebung von O. K owar cz ik eine freundliche Beachtung geschenkt haben, dann vertiefen wir uns schließlich ungestört in die Plastiken von Martin Schauß. Dieser Bildhauer zeigt unS die ganze Vielfältigkett seines Talents. Porträtbüsten, darunter die des verstorbenen Geheimrats Riegel, Phantasieerzeugmsse, wie »Sünde*, »Traum* rc., Reliefs, Plaketten in buntem Nebeneinander. Sehr hübsch und von heiterer Lebendigkeit in der graziösen Ungezwungenheit seiner Figuren ist das Relief der „belauschten* badenden Schönen; am fesselndsten aber ein kleines Stück aus Elfenbein und Marmor, „Siesta*. In einen neronischen Cäsarensesiel
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Verantwortlich tüt den poliL und allgem, Teil: P. Witiko: tüt „Stadt und Land* und „Gerichtsfaal*. Ernst petz; für den An» zeigenteil: danS Beck.
schmiegt sich ein üppiges Weib, dessen nackter Körper sich in ........ dehnt. Im Antlitz
Parlament missen möchte. Nicht zum wenigsten mögen gerade im Stadtparlament diese Herren sich manche Ecken und Kanten abgeschliffen haben, deren Fehlen sie von anderen „Genossen" vorteilhaft unterscheidet. Wahrlich, nicht unsere Minister waren „umnebelt und ihr 23er- stand umdüstert", als ]ie die Bestätigung des Sozialdemokraten gegengezeichneten und dem Landesherrn deckten, wie in Darmstadt unbegreiflicher Weise von einem „liberal" sich nennenden Manne behauptet wurde, sondern törichte Furcht vor dem „roten Gespenst" hat den Verstand der
Zweifel an der Unerschütterlichkeit des monarchische n Staatsgedankens.
Die „Ministerstürzer" haben ihrem Liberalismus ein überaus schlechtes Zeugnis ausgestellt und haben sich bis auf die Knochen blamiert. Auch auf dem Gebiet der Parteipolitik muß Toleranz geübt werden. Hessens Landesherr aber hat wieder einmal gezeigt, daß er mehr Einsicht besitzt, als eine Reihe hessischer Parlamentarier und ihre gläubigen Nachläufer, und daß er vor allem mehr Toleranz übt, als die Leute, die gegen das Ministerium eiferten und den Großherzog meinten. Es machen sich Stimmungen im Hess. Nationallibcralismus geltend, die auf den Reichsverband gegen die Sozialdemokratie hinauszielen. Wut aus solcher Stimmung heraus ist das Vorgehen der Ent- rüstler zu erklären. Da darf man schon wieder einmal vom Schweine glück der Sozialdemokratie sprechen, denn auf die Art schmiedet man ihnen ja selber die Waffen, die sie gegen die Gesellschaft zu gebrauchen pflegen.
Zwischen dem „Fall Eißnert" und dem „Fall Ko- rell", zwischen der Entscheidung des Großherzogs bezw. seines Ministeriums und dem des Großh. Ober.konsistoriums sand man vielfach einen „unüberbrückbaren Gegensatz, den z. B. das lints-nat.-lib. ,/Lpz. Tagebl" „äuperft grotesk" nannte. Da wird der nämliche Fehler begangen, den dasselbe „Lpz. Tagebl." in demselben Artikel. rügt, daß nämlich in den Verhandlungen der Hess. Landessynode „die politischen Untertone zu stark yervorklangen, daß es zu keiner rein kirchlichen Behandlung der Frage kam." Gerade weil wir nicht mehr in den „Zeiten des verhängnisvollsten Staatskirchentums" leben, weil wir Staat und Kirche streng von einander getrennt wissen möchten, ist zwischen dem rein p o l i t i schen Falle Eißnert und dem rein kirchlichen Falle Korell schlechterdings jede Parallele unsinnig. Das Grotzh. Ministerium bestätigte als oberste politische Behörde den Sozialdemokraten Eißnert, weil er einer Partei angehört, die keineswegs staatsfeindlich ist, vielmehr den Staat als unbedingte Prämisse zur Durchführung chres wirtschaftlichen Gemern- schaftsvrinzipes anerkennt; das Großh. Oberkonsistorium als oberste kirchliche Behörde erteilte einen Verweis dem Pfarrer Korell, weil es glaubte annehmen zu müssen, dieser Geistliche habe die Wahl eines Angehörigen der Sozialdemokratie /[in einen gesetzgebenden Körper gefördert, oes Anhängers einer Partei, von deren peftiger Kirchenfeindlichkeit selbst Schulbuben Kenntnis haben. Also auf beiden Seiten sehen wir nur logisch unantastbare Vorgänge.
Die Synode aber ging nur zu oft um den Kern der Sache herum. Neben vereinzelten geistig hoch stehenden Reden trat ein Gemisch von Schlagworten und abgenutzten Redensarten hervor, das wenig zu imponieren vermochte. Und wenn gar, wie es in einzelnen Blättern hieß, die ernsten Worte Schlossers mit Lachen ausgenommen wurden, so erinnert das mehr an die Gepflogenheiten einer Volksversammlung, als an das Ideal, das man sich von den Verhandlungen einer hochwürdigen Synode macht. So war auch, wie das „Lpz. Tagbl.* sehr richtig tadelte, das Auftreten des Freiherrn von Heyl höchst deplaziert, der die Synode völlig mit der Reichstagsestrade verwechselte. War doch gerade diese Synode bei dem Fall Korell am allerwenigsten der Ort, wo man parteipolitischer Empfindlichkeit Ausdruck verleihen und rein politische Darlegungen zum Besten geben durfte. Pfarrer D. Schlosser aber hatte aus feiner reichen Lebenserfahrung, aus langjähriger ersprießlicher Seelsorge heraus geäußert:
„Ein Pfarrer habe die Aufgabe, auch mit seinen Arbeitern zu fühlen und sich m ihre Auffassungen vom Klassen- fampf zu versenken. Es sei em Fehler, wenn man die ganze Sozialdemokratie für etwas halte, ivas man wie den Aussatz nr e i d e n müsse. Die Arbeiter, die sich der Führung der Sozialdeniokratie anvertrauen, werden dadurch zurückgestoßen,
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von einer prinzipiellen Anerkennung der Sozialdemokratie hierdurch konnte im Emst keine Rede sein. Ja, noch mehr, es traf sich zufällig, daß wenige Tage später die Bestätigung eines sozialdemokr. Beigeordneten in einer Landgemeinde versagt wurde, weil, wie wir sogleich ausführten und wie die Regierung dann bestätigte, der Gewählte als alleiniger Stellvertreter des Bürgermeisters in die Lage kommen könnte, staatliche und insbesondere sicherheitspolizeiliche Funktionen auszuüben.
Aber Deutschland ist seit altersher das Land schematischer, individualitätsloser Prinzipienwirtschaft und grauer Theorie. Von Theorien unabhängige, auf Recht aber und Gerechtigkeit und klarem Einblicke in die besonderen Verhältnisse jedes einzelnen Falles basierende Regierungsmaßnahmen widersprechen allem Herkommen. Der deutsche Michel will sich nun einmal nicht die den freien Blick hemmende, ihm tief über die Augen gezogene Kappe entreißen lassen. Er zittert vor allem Ungewohnten und räson- niert nach alter Gewohnheit über „frevelhafte" Steuerungen. In gewissen Kreisen Alldeutschlands hat man sich s. Zt. fassungslos an den Kopf gegriffen, als unser Großherzog an einen Sozialdemokraten im Vorübergehen ein paar freundliche, aber gleichgültige Worte richtete. Heute gibt selbst der sich immer noch nationalliberal nennende, ultra-agrarische und erzreaktionäre „Rhein. Cour." in Wiesbaden zu, es sei „im Prinzip nichts dagegen nnzuwen- den, wenn ein Fürst mit einem Sozialdemokraten spricht; w«, uc.u „wuu
ein solcher Vorgang enthält im Gegentell vom menschlichen „liberalen" Kämpen umdüstert. Der Horror vor der Eti- Standpunkt aus rein sympathische Züge." Im übrigen x~;
aber stimmt er ans vollem Halse in das Wehgeheul des Häufleins hessischer „Entrüsteter" ein. Daß es diesen bei
ihrer ganzen maßlosen Opposition in erster Linie auch gar nicht einmal auf den „Fall" Eißnert so sehr ankam, sondern daß sie den FallGnauths im Auge hatten und noch Haven, ist heute noch klarer als nach dem Erscheinen des berüchtigten Wormser Artikels der „Nationallideralen Korresp.". Was ist doch alles in den letzten Tagen phantasiert worden! Weil der Finanzminister am letzten Mittwoch nicht zur Audienz beim Großherrog erschien, offenbar weil er, wie das natürlich öfter bei jedem unserer Minister vorkommt, dem Landesherrn nichts Besonderes vorzutragen hatte, glaubte „man" Schlüsse auf. dessen bevorstehenden Rücktritt ziehen zu dürfen. Doch erstens kommt es glücklicherweise immer noch anders, zweitens als „man" denkt. In der neuesten Nummer der „Darmst. Zkg." fanden ' heute zwei lehr hübsche Mitteilungen. Erstens an Spitze des Blattes:
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Iie heutige Kummer umfaßt 10 Seiten«
politische Wochenschau.
Gießen, 19. Nov. 1906.
Seit unserem letzten zusammenfassenden Rückblick auf die politischen Weltvorgänge haben sich bei uns in Hessen Dinge zugetragen, die des ganzen Reiches Augenmerk auf unseren Heinen Bundesstaat lenkten. Die Geburt des ErbgroßHerzogs wurde natürlich in unserem Lande mit herzlicher Freude aufgenommen, einer Freude, die noch erhöht ward durch den Umstand, daß unser seither nur auf zwei Augen stehendes Herrscherhaus nun menschlicher Voraussicht nach in feinem Fortbestand gesichert ist. Doch außerhalb unserer weiß-roten Grenzpfähle machte man begreiflicherweise davon nicht viel Aufhebens. Auch als S. K. H. unser Großherzog den sozialdemokratischen Kaufmann und Stadtverordn. Leonhard E i ß n e r t als Beigeordneten der Stadt Offenbach, die bekanntlich ein sozialdem. Stadtverordnetenmehrheit besitzt, bestätigte, da ahnte wohl niemand im Lande, daß diese Handlung zu einer polit i- schen Krise sich entwickeln werde. Denn im ganzen Lande wurde die Sache ztvar lebhaft erörtert, von Aufregung ober gar Entrüstung darüber war aber außer in den stark rechtsnationalliberalen Kreisen und Zeitungen zu Darmstadt, Offenbach und Worms nichts zu merken, namentlich nachdem die Regierung die Gründe für die Entscheidung bekannt gegeben hatte. Großherzog und Regierung stehen auf dem Standpunkt, daß die Zugehorigleit zu einer bestimmten politischen Partei an sich niemand von der Bekleidung öffentlicher Aemter der S:lbstverwalt- ung ausschließen kann, die Stelle eines unbesoldeten Beigeordneten die Ausübung staatlicher (insbesondere polizeilicher) Befugnisse keineswegs in sich schließt und Eißnert, gegen den nachteiliges nicht vorliegt, die Zusicherung gegeben habe, zurückzutreten, wenn die Pflichten feiner Stellung als Beigeordneter mit seinen politischen Meinungen in Widerspruch gerieten. Damit war ausgesprochen, daß im einzelnen Fall, wenn die Person des. Gewählten und die tatsächlichen Verhältnisse es Anlassen würden, auch einem Sozialdemokraten die Bestätigung nicht zu versagen sei.


