Nr. 169 Zweites Blatt 1S6. Jahrgang
Samstag LI. Juli 1906
ertodnt a-Nch mit Ausnahme des Sonntags.
Dte ..Sletzener KamiNenblatter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Eydst'ch« Landwirt" erichetnl monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der BrLhl'lche» Universitätsdruckeret. R. Lange, dteNn.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Tchulstr.K. Tel. Nr. 51. T«legr.-Adr.: Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen.
Politische Tagesschau.
Vom Erwerb und Verlust de8 Adels in Bayern.
Eine recht kostspielige Sache ist die Verleihung des Adelspoädikates in Bayern. Dort sind bei der Verleihung des Adels mit dem Prädikat „von" 1500Mk. zu zahlen, Bei Verleihung des N i t t e r st a n d s 2000 Mk., des Fr e i- herrnstands 5000 Mk., des Grafen ft ands 10 000 Mark und endlich des Für stenstan d s gar 20 000 Mark. Bei der Verleihung eines höheren Grades mit Ueverspringung tieferer sind auch die Gebühren der übersprungenen Adels zu entrichten. Wem also z. B. gleich der Freiherrnstand verliehen wird, der hat 8300 Mk. zu erlegen, und Fürst Aülolv hätte in Bayern bei seiner Metamorphose uus einfachem Adligen zum Grafen das nette Sümmchen von 17 000 Mk. bezahlen müssen. Der bayerische Adel wird erworben durch Vererbung, Legitimation und Verheiratung (letzteres ist selbstverständlich nur bei Frauen der Fall); der persönliche Adel auch durch Verleihung bestimmter Orden, mit denen er ipso jure verbunden ist. Hierbei besteht aber die eigenartige Bestimmung, daß diejenigen Ordensritter, deren Vater und Großvater bereits den betreffenden Orden erworben hatten, einen Anspruch auf Verleihung des erblichen Adels haben. Um die dem Adel in Bayern zustehenden Rechte ausüben zu können, ist eine vorherige Eintragung des Wels in die Adelsmatrikel nötig, welche Bestimmung auch für den Personaladel gilt. Für die Eintragung in die Matrikel sind ebenfalls Gebühren zu erlegen, die von recht beträchtlicher Höhe sind. Verloren wird der Wel nicht mehr wie früher mit jeder Verurteilung zu einer Krim in al strafe, da diese Vorschriften durch das Reichsstrafgesetz aufgehoben worden sind. Jemand, der zu Zuchthausstrafe und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt worden ist, darf seinen Welstitel und seine Wels- vechte behalten. Ein Verzicht auf das Welsprädikat ist Möglich, jedoch muß der Verzicht dem König angezeigt werden. Allein es gibt auch einen stillschweigenden Verzicht aus den Wel, nämlich wenn die Eintragung in die Welsmatrikel unterlassen wird. Eine Suspension des Wels, nicht ein Verlust des Wels, tritt ein, wenn eine adelige Dame einen Bürgerlichen heiratet. Nach Auflösung der Ehe durch Scheidung darf die adelig Geborene wieder ihren früheren Titel führen und die Rechte des Welsstandes ausüben.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juli. Em Telegramm aus Drontheim von gestern abend berichtet über den dortigen Aufenthalt des Kaisers: Heute nachmittag trat Regen ein, so daß die Fahrt nach Fjeldsäter unterbleiben mußte.
— Der russische Großfürst Wladimir hat von dem angeblichen Attentat, das gegen ihn versucht gewesen sein soll, erst in Metz Kenntnis erlangt, wo er auf seiner im Automobil zurückgelegten Reise Station geniacht und die Schlachtfelder des deutsch-französischen Krieges besucht hat.
— Der Rücktritt des Unterstaatssekretärs Wirkl. Geh. Rates Dr. von Mühlberg, ist wahrscheinlich eine Frage von verhältnismäßig kurzer Zeit. Dem Vernehmen nach hat Herr von Mühlberg einen ihm angetcagenen Gesandtenposten — es handelte sich unseres Wissens um den in Bern — ausgeschlagen.
— Im Reichsjustizamte ist der vorläufige Entwurf eines Gesetzes betreffend die Erleichterung des Wechselprotestes fertiggestellt. Dec Entwurf sieht eine Reform vornehmlich nach zwei Richtungen vor: Die Postbeamten sollen die Zuständigkeit zur Pcotesterhebung erhalten und zwar unter Haftung der Postverwaltung für etwaige Versehen ihrer Beamten; außerdem werden die Förmlichkeiten bei der Erhebung des Protestes vermindert, insbesondere dadurch, daß der Protest mangels Zahlung auf den Wechsel oder ein mit ihm zu verbindendes Blatt gesetzt und von der Aufnahme einer Wechselabschrift in den Protest abgesehen wird. Daneben sind einzelne andere Erleichterungen vorgesehen: nanientlich für den sogenannten Windprotest und die Protestierung von Wechseln mit ungenauen Ortsbezeichnungen. Auch enthält der (Snhuurf Vorschriften über die Proteststunden, sowie über die Befugnis der Postbeamten zur Annahme der Wechselzahlung. Die bevorstehende Bekanntmachung des Entwurfs, der übrigens noch keinen für die Negierungen verbindlichen Charakter trägt, soll den beteiligten Kreisen Gelegenheit zur Kritik und Geltendmachung ihrer Wünsche bieten.
— Für die Reichstagsersatzwahl in Stade- Bremervörde wollen die Nationalliberalen an Stelle des verstorbenen Dr. Sattler den Verleger des »Hann. Courier" Dr. Max Jänecke als Kandidaten anfstellen.
Hamburg, 21. Juli. Eine von tausend Gastwirten besuchte Versammlung protestierte energisch gegen die Absicht der Brauereien, infolge der Brausteuer vom 15. August an den Preis für den Hektoliter Bier um 2 Mark zu erhöhen.
Altona, 20. Juli. Der angebliche Anarchist Eugen Rosenberg ist als unverdächtig aus der Haft entlassen worden.
Rinteln, 20. Juli. Bei der heutigen Reichstagsroahl hatten bis 11 Uhr abends Herzog (Antisemit) 6 04 8, Vetterlein (Soz.) 3 9 0 7, Helmerich (Antisemit) 1835, Rocke (natl.) 1367, Röhrig (Frs. 93p.) 1043 Stimmen erhalten. (Bei der Wahl 1903 war das Resultat folgendes: Der verstorbene Graf Reventlow (deutsch-soz.) 6426, Vetterlein (Soz.) 3488, Rocke (natl.) 2154, Volkening (Frs. Vp.) 748 und Müller (Zentr.) 542 Stimmen. Bei der Stichwahl wurde Reventlow mit 9543 Stimmen gewählt gegen Vetterlein, der 4030 Stimmen erhielt.)
Rußlands Niedergang.
Das Kartenhaus der letzten fünfprozentigen russischen Anl eihe, stürzt zusammen. Nach Mel
dungen aus Paris verkaufen Spekulanten, die bisher die Anleihe in Erwartung besserer Tage behalten haben, ihren Besitz an diesen Werten um jeden Preis. Offiziös wird heute aus Petersburg erklärt, daß eine neue russische Anleihe nicht beabsichtigt sei und daß das Finanzministerium Verhandlungen mit Bankiers weder geführt hat noch führt. Einfach wohl aus dem Grunde, weil man nachgerade in Rußland weiß, daß man heute vergeblich an die Türen aller Banken des Auslandes klopfen würde. Für Rußland kommen nur noch schlechtere Tage, das wird nachgerade auch den hoffnungsvollsten Gemütern klar. Wie lange wird es dauern, daß der Geist des Aufruhrs das ganze russ. Heer ergriffen hat? Wie will man die Bauern-Un- ruhen, die bald hier bald dort sich erheben und die nicht einmal vor der Besitzergreifung und Verteilung großfürstlicher Güter zurückschrecken, ohne militärische Gewalt niederzwingen? Die Gouverneure telegraphieren nach Petersburg um „Entsendung einer starken Militärmacht". Als ob nicht in Petersburg selbst alle nur einigermaßen zuverlässigen Regimenter bitter notwendig gebraucht würden!
Das russische offiziöse Blatt „Rossija" hatte behauptet, zjrischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn seien Vereinbarungen über eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Rußlands getroffen worden. Deutsche und österreichische Truppen sollten der russischen Regierung helfen, Ordnung im Lande zu schaffen. Im unmittelbaren Anschluß verkündete das Wolffsche Depeschenbureau: „Die russische Regierung steht diesen Ausführungen der „Rossija" durchaus fern." Heute gibt die „Nordd. Allg. Ztg." die gestriges Aeußerungen von Petrunkewitsch in der Reichsduma wieder, daß Oesterreich und Deutschland bereit seien, Rußland mit deutschen Truppen zu besetzen und bemerkt dazu: „D aran i ft kein wcr hres W o r t." Angehörige des deutschen Reiches können jedenfalls nicht die Ausgabe haben, den Zarenthron zu stützen. Den Kreisen der russischen Hofpartei möchte eine derartige energische und gewiß wirksame Hilfeleistung schon recht sein, denn dabei ließe sich «r Wsolutismus fortsetzen, und der Grimm und die Vergeltung der Revolutionäre würde sich in erster Reihe gegen die fremden Soldaten wenden. Jedenfalls schlägt jetzt die engl. Hetzpresse nach Kräften Kapital aus dieser russ. Meldung zu kingunsten Deutschlands.
Wie kam aber, so muß man fragen, ein so Aufsehen erregender Artikel, wie der über die Einmischung Deutschlands und Oesterreich-Ungarns, in ein Organ der russischen Regierung? Welchen Wfichtcn dient diese Veröffentlichung? Wie die „Nowoje Wremja" vom Ministerium des Aeußern erfahren hat, steht dieses den sensationellen Meldungen ganz fern. Der „Rjetsch" meldet, das Atinisterium werde ein Dementi veröffentlichen. Die „Rossija" selbst erklärt lächerlicherweise, die Regierung habe mit dem Artikel nichts zu tun, sondern ein Mitarbeiter der Redaktion habe darin Mitteilungen der Auslandspresse wiedergegeben. Soll, nach dem Muster Chinas, die Bewegung gege n den Absolutismus durch eine Bewegung gegen die Fremden abgelenkt werden, insbesondere gegen die Deutschen, die von jeher in Rußland beneidet sind, weil sie es eher zu etwas bringen, ckls der Russe? „Der verfl. . . Deutsche" ist ein dem Russen sehr geläufiger Ausdruck. Oder war die Einmischungs-Meldung ein Fühler, in welcher Weise bei den von der „Rossija" genannten Mächten der Gedanke einer Beschirmung des Zaren ausgenommen werden würde?
Die Nächsten dazu sind die verbündeten Franzosen; sie haben auch als die größten Gläubiger Rußlands am meisten Interesse daran, daß die Ordnung wiederhergestellt wird.
Aus der Duma.
Nachdem in später Nacht die gemäßigte Fassung des CommuniquöS über die Agrarfrage gemäß dem Vorschläge von Petrunkowitsch von der Reichsduma angenommen war, wurde über die Art der Veröffentlichung im „Regier- uugsboten" beraten, aber noch kein Beschluß gefaßt. Schließ, lich wurde der Text des Conimuniquös über die Agrarfrage in der von Petrunkowitsch beantragten Fassung mit 124 gegen 53 Stimmen angenommen. 101 Abgeordnete enthielten sich der Abstimmung.
Dann besprach die Duma die Aufhebung des Kriegszustandes. Professor Schtutepkin-Odessa führt in heftiger Rede Beschwerde darüber, daß der Kriegszustand in Odessa sortdauerc, der eine blühende Stadt 51t Grunde richte. Die Küste des Schwarzen Meeres, so sagt der Redner, werde bald der Schauplatz fürchterlicher Ereignisse sein. Die Bevölkerung von Odessa wünsche das Fehlschlagen aller Pläne des Ministers des Innern, Stolypin, der eine Gefahr für die Stadt sei. Sie hoffe, Entschädigung für die ihr durch Stolypin bereiteten Verluste erlangen zu können, wenn Rußland ein vor der Duma verantwortliches Ministerium besitzen werde. (Lebhafter Beifall.) *
Infolge des Beschlusses über die Agrarfrage wurden nachts 8 Garderegimenter aus dem Lager von Krasnoje Selo nach Petersburg beordert und durch die ganze Stadt zur Unterdrückung eventueller Unruhen verteilt, die man von der seitens der Regierung beabsichtigten Unterdrückung des Manifestes befürchtet.
Die Petersburger Garnison erhielt scharfe Befehle für den Fall, daß bei der großen Zahl streikender Arbeiter Krawalle entstehen sollte',!. Sämtliche Chefs der Regimenter versammelten sich, wobei über die eventuelle Verteilung der Truppen beraten wurde. Während der ganzen Nacht trafen aus dem Lager von Krasnoje Selo Truppen in Petersburg ein. Der Krtegs- minister hat befolgen, daß die Truppen in den Gebieten, wo Agrarunruhen stattfinden, wie un Gouvernement Saratow, ihre Ucbungslager räumen und unverzüglich in ihre Garnison zurück- kehren
Da alle Aussicht vorhanden ist, daß es der konstitutionellen Demokratenpartei gelingen wird, die extremen Parteien vor unbesonnenen Schritten abzuhalten, so glaubt man, daß die Regierung mlt der Auflösung d e r D u m a n 0 ch w a r r e n wwd. Einstweilen aber werden die militärischen ^icherheitsmatzregeln ununterbrochen fortgesetzt. Die etabt Petersburg gleicht einem "^Wch^Meldungen aus Kronstadt herrscht dort große Erregung, da die Katrofen sich wieder äußerlt renitent zeigen.
Infanterie- und Kosaken-Patrouillen durchziehen Tag und Nacht die Stadt. Trotzdem überfallen die Hooligans die Einwohner am Hellen Tage und rauben dieselben aus. Ms Rewal ist das Infanterie-Regiment .Dwinsl in Kronstadt eingetroffen.
Tie Petersburger Blätter „Mhßl", „Echo", „Golos Truda" und „Kreltiansky Deputat" sind am Freitag beschlagnahmt worden. Die Druckereien der Blätter sind geschlossen und unter Siegel gelegt. Auch die Druckerei des Blattes „Dwadsstyi 53cf" ist geschlossen.
In der Wolgastadt Sysran dauert der Brand. Etwa 35 000 Menschen sind ohne Obdach und Brot. Hunderte sind in den Flammen umgekommen. — Baron Heinrich Camphausen, der Besitzer des Gutes Tegasch in Livland, ein 60 jähriger Mann, ist bei der Inspektion der Feldarbeitcr durch Schüsse aus dem Hinterhalt ermordet morden. Die Täter entkamen.
Der interparlamentarische Sozialisten-Kon- greß zu London, welcher gestern seine Arbeiten beendete, beschloß, die russische Duma in ihren Kämpfen gegen die Autokratie energisch zu unterstützen und in allen Ländern Geld zu sammeln und an die russischen Revolutionäre zu senden.
Ein kleiner Roman aus einer großen Garnison spielte sich am Freitag vor dem Mainzer Schöffengericht ab.
Es wird uns aus Mainz geschrieben:
In einer Privat klage hatte sich die 37 jährige „Schriftstellerin" und Köchin Maria Mai aus Warburg (Wests.), wohnhaft hier, wegen Beleidigung eines Oberleutnants aus Ehrenbreitstein, der früher frier, bei der Ingenieur- Inspektion tätig war, und auf seinen Wuntsch nach Königsberg zu dem 1. Pionier-Bat. versetzt wurde, zu verantworten. Unt einen Ueberblick über die romanhafte Angelegenheit zu gewinnen, lohnt es sich, die Tätigkeit der Angellagten naher zu schlldern. Die Mai, über deren Vergangenheft wenig zu erfahren war, wohnte früher in Wiesbaden. Dort verkehrten zweifelhafte Frauenspersonen bei ihr und schließlich kam es zu einem Verfahren gegen sie wegen Kuppelei. Das Verfahren mußte wegen Mangels Beweises eingestellt werden. Wegen Betrugs wurde die M. vom bortigen Schöffengericht zu 50 Mark Gelbstrafe verurteilt, in ber Berufungsinstanz aber freigesprochen, da sie im guten Glauben! gehandelt haben soll. Nachdem sie noch mit ihrem Hausherrn in Konftikt geraten, wurde il-r der Boden in Wiesbaden zu heiß und verlegte sie ihre Tätigkeit hierher. Bald hatten die Gerichte mit der Beklagten vollauf zu tun, besonders die Kriegsgerichte hatten sich häufig mit ihren Anzeigen gegen einen Oberstleutnant und andere Offiziere zu beschäftigni. Zn der Familie des Oberstleutnants vermietete sich die M. als Köchin. Nach 8 Tagen wurde sie schon entlassen, da es mft ihrer Kochkunst nicht weit her war. Hierauf verfolgte sie den Oberst- leutnant durch Anzeigen bei dem Kriegsgericht, so daß sich der Beschuldigte bis in die höchsten Instanzen zu verantworten hatte. Alle Verfahren mußten aber eingestellt werden, da die Beschuldigungen haltlos waren und die M. als unglaubwürdige Persoul festgestellt wurde. In einer Anzahl von Briefen beleidigte sie nun die Familie des Oberstleutnants, zeigte die Frau bei der Staatsanwaltscl-aft wegen falscher Anschuldigung an und verlangte in Briefen 1000 Mark Entschädigung. Aus den Briefen an die Familie des Oberstleutnants ging hervor, daß es der M. hauptsächlich um die Erlangung von Geld zu tun war. Vor einiger Zeit sollte sie sich wegen Beleidigung der Fa-- milie des Oberstleutnants vor dem Sckwffengericht verantworten, die Sache nmrbe aber durch Vergleich erledigt. Inzwischen hatte sie den llägerischen Oberleutnant kennen gelernt, mit dem« sie in dessen Wohnung nach kurzer Bekanntschaft zweimal intim verkette. Ein anderer Offizier machte durch den Oberleutnant die Bekanntschaft der M., er folgte ebenfalls errötend den ©puren der nicht durch Sckiönheit Ausgezeichneten und wurde von ihr gleichfalls erhört. Ms der Oberleutnant sich mit einer hiesigen Dame verlobte, wurde er, seine Braut und deren Ange^rigen systematisch durch Briefe und Postkarten mit gemeinstem Inhalt überschwemmt. Ebenso wurde der Oberleutnant bei seinen Vorgesetzten, sowie beim Kriegsgericht und den höheren Behörden mit den unglaublichsten Dingen beschuldigt. Die Mai ging sogar so weit, daß sie Postkarten an die Burschen und Dienstboten des Oberleutnants und ber Familie seiner Braut sandte, wonni sie auf ihre intimen Beziehungen mit _ ihrem „Fritzel , wie sie den Offizier nannte, in scl-amloser Weise hinwies. Der Oberleutnant konnte sich nicht mehr vor der Person schützen, er betraute deshalb einen Rechtsanwalt mit der Angelegenheit, inzwischen brachte die M. in der „Mainzer Volkszeitung" vom 1. Marz eine Erzählung mit ber Ueberschnft: „Ein Ehrenmann", in welcher sie ihrer Phantasie weiten Spielraum ließ unb entgegen der Wirklichkeit ihre Bekamttscl)aft mit dem Oberleutnant m recht romantischen Farben schilberte. Sie warf auch in der Erzählung dem Oberleutnant Bruch des Ehrenwortes vor. Bevor si;-den „Roman" veröffentlichte, versuchte sie in die Wohnung des Oberleutnants einzudringen, sie wurde aber von dem Klager gewaltsam entfernt. Diesen Vorgang entstellte sie ebenfalls zu ihren Gunsten in ihrem Roman. In einem Briefe an den Klager verlangte sie 60 Mark, was ein Beweis dafür ist, daß es ihr nut um Erlangung von Geld zu tun war. '2U9 der Oberleutnant auf seinen Wunsch nach Königsberg versetzt worden war, verfolgte ihn die Beklagte auch dorthin, indem sie seine bortigen Vorgesetzten mit Briesen unb Postkarten überschüttete. xer Klager geriet durch die fortgesetzten Schikanen so in Aufregung, daß er feinen Abschied nehmen wollte, er trug sich sogar mit Selbstmordgedanken, nur durch einbringliche Vorstellungen seines Rechts- beiftanbes wurde er von ber Ausführung dieser Geixuiken abgehalten. Die Verfolgungen bes Oberleutnants durch die Beklagte mürben immer heftiger. Nach bem Inhalt der Briefe wollte bic Mai „die Welt noch in Staunen setzen, iie werbe Dramen aufführen, wie sie noch nicht bagewesen unt) .gegen bic ber Roman Bilse's,Aus einer kleinen Garnison' das reinste Kinderspiel sei"! Mich nach der Erhebung ber Privatklage unterließ die M. nicht ihre Schikanen, fonbern verfolgte ben Oberleutnant weiter Auch den als Zeugen geladenen anderen Oberleutnant, mit bem sie verkehrt hatte, beleidigte sie auf offener Sttaße, als sie Kenntnis davon erhalten hatte, daß er als Zeuge geladen Ivar. Ein Zeuge, bei bem die M. längere Zeit hier gewohnt, hatte Räumungsklage gegen sie erhoben, weil ihm ber Verkehr zweifelhafter Herren und Damen in der Wohnung der M. nicht paßte. ©ie schuldet dem Zeugen hmie noch die Miete in Höhe von mehreren hundert Mark. Zwei Schutzleute verweigerten mit Rücksicht auf ihre Amtsverschwiegenheit das.Zeugnis. Die Beweisaufnahme dauerte mehrere Stunden, die Verhandlung erfolgte unter Ausschluß bet Öffentlichkeit. Der Vertreter des Klägers, Dr. Guthmann, schilberte das Vorgehen ber Beklagten als äußerst verwerflich. Er beantragte gegen Beklagte eine Gefängnisstrafe von I1/2 Jahren zu erkennen. Das Gericht verurteilte die M. zu 1 I a h r Gefängnis. In ber Pegrunbung des Urteils würbe bic systematische Verfolgung, die Briese uni) Postkarten mit ihrem unflätigen Inhalt, die gemeine Gefinnungs- art der Beklagten, die jeben sittlichen Gefühls bar sei, hervor- gchobeu, eine exemplarische Strafe sei hier am Platze. Iw Be-


