Ausgabe 
21.3.1906 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

Are heutige Kummer umfaßt 10 Seiten.

Kießener Theaterverein.

Gießen, 21. März 1906.

Im zweiten Bande seiner Studien uni> KritikenZur modernen Dramaturgie" (Schulzescho Hofbuchhandlung in Oldenburg) erzählt Eugen Zabel, daß Emil Gött e§ ver­standen habe, eins der köstlichstenZwischenspiele" von Cer­vantes zu erweitern und auf 3 Akte zu verteilen. Unter dem TitelVerbotene Früchte" errang deS Don Quixotc- Tichtccs heute etwa 300 Jahre alte? Entremes (vom franz, entremets, Zwischengericht) zu Anfang der 90er Jahre reichen Beifall in Berlin, Wien, Dresden, Hannover :c. Doch dem hoffnungsvollen jungen Umdichter, Herrn Gött, ward, wie privaten Mitteilungen jetzt zu entnehmen ist, nichts von all den klingenden Erfolgen zuteil. Damals aber, vor 15 Jahren, nachdem Gött sein Werklein beim Kgl. Schauspielhause zu Berlin eingereicht hatte, bildete sich um seine Person ein geschickt gewundener kleiner Legendenkranz. Es wurde be­hauptet, daß Gott noch vor der Berliner Premiere aus der RcichLhauptstadt spurlos verschwunden sei. Ec wurde, wenn ich recht unterrichtet bin, im Badischen Landwirt, und zwar ein notleidender, und soll jetzt in Freiburg i. V. leben.

Die EntrcmeseS des Cervantes sind, nach Zabel, kurze, genial entworfene Svenen voll volkstümlicher Kraft und Frische. Sie verhalten sich zu dec kunstgerechten dramatischen Literatur der Spanier ungefähr wie die Skizze zum Oelgemalde. Man möchte sie Bausteine nennen, zu denen die Meiiter griffen, wenn sie eine schwierigere dramatische Aufgabe zu bewältigen hatten. Ob sie zwischen den Akten oder wie die Jigs zu Shakespeares Zeiten zum Schluß gegeben wurden, ist nicht recht klar zu ersehen und kann uns auch glcichgiltig sein. Von GöttsVerbotenen Früchten" aber erzählt Zabel:

Die Handlung ist nack der Champagne und in die Mitte deS 16. Jahrhunderts vertagt worden. Ter Anfang ist genau wie bei Cervantes. Der Lmrdedelmann Hniutier de Grommelard, ein gar heißblütiger und eifersüchtiger Herr, nimmt auf kurze Zeit von seiner Frau Alison Abschied, die immerzu beteuert, daß

Aus dem Reichs ag.

R. Berlin, 20. März.

Der unermüdliche Kolonialankläger aus den Reihen Ider Sozialdemokratie, Llbg. Ledebour, hat Sinn für

ihn Cervantes nennt, nebst seinem jungen Weibchen eine Moral­pauke, die die ganze tolle Keckheit der Schnurre über den Haufen wirft.

Also selbst diese Unmöglichkeit hat Herr Gott aus den angeblich von dem Berliner Regisseur Grubeverballhornten* Verbotenen Früchten" in seinen neuenSchwarzkünstler* hinüber genommen, obwohl in so einem übermütigen kleinen Tausendsassa niemals ein solcher Sittenrichter und Seelenarzt stecken kann. Wer so etwas als möglich hinstellt, der kann auch behaupten, daß er aus des soeben auf der politischen Bildfläche mit nekromantischer Plötzlichkeit wieder erschienenen Herrn Ahlwacdt beredtem Munde einen JubelhymnuS ver­nommen habe auf die Unschätzbarkeit der verehrenswertesten literarischen Reliquie, der unsterblichen letzten Hose Heinrich Heines.

Zabel erteilt denVerbotenen Früchten" und ihrem Bearbeiter manches Lob. Möglich, daß an jenenVer­botenen Früchten" gerade daS, was Gött grollend als Verballhornung" bezeichnet, das Bühnenwirksamste, das Witzigste gewesen ist. Jedenfalls fiel in der gestrigen Dar­stellung desSchwarzkünstlers" die allzu große Breite des Dialogs nicht sonderlich angenehm auf. Wir Leute von heute sind ja wahrlich durch die albernen Versspässe der Herren Blumenthal, v. Schönthan, Koppel - Ellfeld re. nicht gerade verwöhnt, aber die Späffe, die Herr Gött uns vorführt, sind doch nicht von sonderlich anderer, heitererer, litterarischerer Art. Herr Fulda machte z. B. beffere Verse in seinerZwillingsschwester", entfaltete in ihr mehr Grazie, vor allem aber mehr Witz.

Die gelungenste Figuc des Stückes ist Mathieu, der Diener, eine ganz unbedeutende Nebenrolle. Aber sie klingt, wenn auch mir von ferne, an Shakespeare an. Sie hat die festen Umrisse der Riesenfaust des Ton Quixote-Dichters. Und der noch sehr jugendliche, immer aber, selbst in dec kleinsten Charge, sein starkes und originelles Talent offenbarende Herr Herrscher schien das empfunden zu haben. Er

Nr. 68

rlftetnt tügttch außer SorrnlagS.

Dem (Siebener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die (Siebener Familien» blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brübl'schen Unwers.-Buch-u. Stein- bruderti. R. Fange. Redaktion, GrvcbUtoe und Druckerei:

Schulsiraße 7.

Redaktion 112

Verlag u.Exped.S^ol Adresse für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

sie den Sckmerz der Trennung nicht ertragen könne. Kaum hat ihr Gatte aber das Haus verlassen, so jubelt sie hell auf und beschliesst dem Ahnungslosen eine Nase zu drehen. In bem Stirb, den die Waschfrau, die alte Crache, herbeigeschleppt hatte, befand sich keine Wäsche, sondern alles, was zu einem lustigen Abend­essen gehört, Wein, eine Pute und herrliche Frücht'. Die Frau erwartet zwei in sie verliebte Herren, die in fremden Revieren jagen möchten. Locher stellt sich jedoch ein fahrender Schüler bei ihr ein, Robert, ein luftiger Bursckre, von Geburt ein Deutscher, der die Universität in Freiburg besucht hat und auf der Reise durch Frankreich sieht, wo ihm der Schornstein raucht. Er bittet um ein Abendessen, ein Nachtquartier und etwas Geld. Die Frau will von dem Burscken nichts wissen, bekommt jedoch vor seiner Keckheit Respekt und behält ihn im Hause. Tann treten die beiden pomadisierten Herren auf, ein Kapitän und großer Bramarbas, der immer von seinen Heldentaten spricht, und ein Funker, der auf seine Abstammung sehr stolz ist. Beide sind eifersüchtig auf einander. Ter Kapitän ftieMt dem Junker die schwungvolle Anrede an die Dame, die sich dieser mühsam zureckt- gedichtet bat, vor der Nase weg. Auch fpäter geraten sie m einen höchst lächerlichen Streit, der nur durch Fran Alison und bereu Zofe Jeanne geschlichtet werden kann. Während der fahrende Schüler Robert die Speisen zum Abendbrot auftragen muß, bei deren Anblick ihm der Magen knurrt, wird er von dem Kapitän aufgefordert, ihm die langen Nitterstiesel auszuzielim. Aber da kommt er an den Rechten! Dec KNicps ist zwar Hem an Gestalt, aber groß an Wi" und Mut. Er verhöhnt den tölpelhaften Ktipitän zuerst und als dieser den Befehl wieder­holt und die Peitsche von der Wand nimmt, um den Jungen zu züchtigen, hat dieser auch schon ein Schwert ergriffen und fuchtelt jenem damit so schrecklich um die Nase, daß der Kapitän nickt nur kleinmütig zurüdweickt, sondern wegen seiner Unter« sckämtheit nock um Entschuldigung bittet.

So und weiter erzählt Zadel in seiner etwa? langwelligen Art den Inhalt derVerbotenen Früchte". Ich gebe das Ende desSchwarzkünstlers" abgekürzt wieder. Un­erwartet kehrt der Othello zurück und die überrumpelten Galans verkriechen sich im Kamin. Ter Freiburger Scholar aber, der uns auS alten deutschen Schwankbüchern wohlbe­kannte Schelm, der sich ein fettes Abendessen verschafft, wird nun zum guten Geist des Hauses. Er stellt die beiden Lieb­haber bloß und hält gleichzeitig dem aus einem Brausebad ins andere taumelnden Hausherrn, demviejo zeloso, wie

der Geltungsdauer deS Gesetzes über die Gemeinde- Umlagen vom 30. März 1901, wurde auf Antrag des AuSschuß- berickterstatters Dr. G u t f l e i s ch auf morgen verschoben. Des­gleichen beschloß daS Haus auf Antrag des Abg. Bähr, auch die Besprechung der Anfrage Bähr, betreffend das Vorgehen der Staats­behörden bei Untersuchung des Ki n d e sm o r d e s in He rgerS hausen, auf die nächste Sitzung zu vertagen.

Beim folgenden Punkte der Tagesordnung, dringliche Anfrage der Abbg. v. Brentano, Pennrich und Gen., betreffend

dtc Kcllerkontrolle in BndcShetm, beschließt die Kammer auf Antrag des Abg. o. Brentano, die Antwort der Großh. Regierung darüber entgegenzunehmen, die Besprechung aber ebenfalls zu vertagen und die Regierungsantworl drucken zu laßen.

Ctaalsmmister Ewald verliest barauf eine längere Erklärung der Regierung auf die erwähnte Anfrage: Zwei Mitglieder der Vereinigung der Weinproduzenten hätten am 12. März ds. Js. bet der Größh. Staatsanwaltschaft zu Mainz Anzeige erstattet, daß in der Norddeutschen Weinkellerei zu Budesheim Fälschungen in erheb- lichem Unllange betrieben würden. Aus der daraufhin von der Behörde erfolgten Vernehmung bestimmter Personen habe sich be­lastendes Material ergeben, das im Verein mit früheren Verdachts- Momenten zur Einleitung einer Voruntersuchung führte.

Im Laufe derselben kam der Richter zu der Ansicht, daß die Hinzuziehung roeiterer Sachverständiger notwendig sei. Es wur­den daher außer dem Sachverständigen hessischen Kellerkontrvleur Braden noch ein Himdclsschullehrer aus Mainz und der pfälzische Sachverständige, Herr Weiser aus Kirchheimbolanden hinzugezogen, weil es sich in erster Linie darum handeln mußte, etwaige Bücherverschleierungen über vielleicht unter anderer Bezeichnung bezogene Chemikalien usw. zu verhindern. Herr Weiser besitzt gerade auf diesem Gebiet eine außerordentliche Erfahrung und ist auch bei den großen Weinfälschungsprozessen in den letzten Jahren stets als Sachverständiger hinzugezogen worden.

Es folgt die Beratung des Antrags Dr. Frcnay, Dr. Schmitt und Gen. , 2 _

die Vergütung für die Verpflegung einquartterter Truppen- teile

betreffend. Der Antrag lautet: die Regierung zu ersuchen

1) Im Bundesrat dahin wirken zu wollen, daß die ben Gemeinben zu gewährenbe Vergütung für bie Verpflegung cm- quartierter Truppenteile entsprechend erhöht wird, _

21 biS dies geschehen ist, den Gemeinden aus der Staats­kasse diejenigen Beträge zu ersetzen, die sie für Quartier-Ver^ Biegung über die derzeitigen Verpflegungsiätzc aufbringen müssen. ~ .

Auf Antrag des Aussckußberichterstatters Stapler wird ohne Debatte der erste Teil des Antrags angenommen, der zweite Teil dagegen in Rücksicht auf den Umstand, daß die Sache voraussichtlich von Reichs.-egcn geregelt werden würde, abgelehnt. ,

Die beiden Anträge des Abg. Ulrich und Gen., betr. Ent­schädigung für unschuldig erlittene Untersuch­ungshaft und unschuldig erlittene Straf- und 11 n t e r s u ch un g 9 h a s t werden nach mündlichem Vortrag _ des Abg. v. Brentano noch einmal an den Au sschu ß v er w i e se n. Eine Vorstellung der Witwe Bonn zu Butzbach wegen Er­höhung ihrer Pension loirb abgelehnt, jedoch der Regier­ung empfohlen, der Witwe eine G n a d e n p e u s i o n zu be­willigen. Die Vorstellung von Bewohnern von Schwarz, betr. die Erbauung einer Eisenbahn von N ieder-Aula^ nach Alsfeld wurde ebenfalls von der Tagesordnung a b g e s e tz t.

Finanzminister Dr. Gnauth lud darauf die Mitglieder des Hauses nochmals zur Teilnahme an der Fahrt nach Mainz und event. Nackenheim zur Besichtigung der Tomäncnkellereicn ein und sprach die Erwartung auS, daß sich auch an diesem zweiten Teil der heutigen Sitzung das Haus möglichst vollzählig be­teiligen werde.

Daraus Sckluü der Sitzima um 12H Uhr.

Zweite hessische Kammer.

R. B. Darmstadt, 20. März.

Am Ministertisch: Staatsminister Ewald, Finanzminister Gnauth, Ministerialräte Freiherr v o n B i e g c I c b c u u. a.

Präsident Haas eröffnet die Sitzung um 10^ Uhr. Das Haus beschäftigt sich zunächst mit einer kleinen rückständigen Po­sition des Staatshaushaltsetats. Von der 10. HauptabteilungMi­nisterium der Finanzen" war die Forderung von 7100 Mi. für Errichtung einer Domänenwärterwohnung zu Groß-Steinheim zur nochmaligen Beratung an den Finanzausschuß zurückgcwiejen worden.

Abg. Molthan berichtete über die abermalige Beratung des Ausschusses, der zu dem früheren Beschlüße kam, die Forderung zu bewilligen.

Abg. Bähr sprach sich wiederum gegen die Bewilligung der Summe aus, während

Finanzminister Dr. Gnauth die Genehmigung der Forde­rung empfahl. Die Kammer beschloß mit allen gegen 4 Stimmen die Bewilligung. DaS Haus trat dann in die Beratung der Re­gierungsvortage betreffend den Entwurf des Finanzge- s e tz e s und den Entwurf des HauptvoranfchlagS der Staatsein­nahmen und Ausgaben für das Etatsjahr 1906.

Abg. Molthan erstattet darüber, nachdem die Kammer die Dringlichkeit der Vorlage anerkannt, mündlichen Bericht und em­pfiehlt namens des Ausschusses, die beiden Vorlagen vorbehaltlich der sich aus den Beschlüffen der Kammer ergebenden Zahlenände­rung zu genehmigen. Ter Berichterstatter hatte hierbei bemerkt, daß von sozialdemokratischer Seite der Antrag auf Erhöhung der progressiven Einkommen- und Vermögenssteuer gestellt worden sei, die aber nicht erforderlich mar.

Abg. Ulrich verwahrt sich gegen diese Bemerkung, die den Anschein erwecken könne, als wolle seine Partei ohne 9tot Steuer- erhöhungen einführen, es fei kein Antrag van feiner Partei erfolgt.

Das Haus genehmigt gegen die Stimmen der Sozialdemokraten den Ausfchußantrag.

Der nächste Punkt der Tagesordnung, Wahl der drei Präsidenten der Kammer nach Art. 9 der landständischen Geschäftsordnung, wird auf Antrag Dr. Haydenreich nach kurzer Geschäftsordnungsdebalte auf morgen früh vertagt, lieber den D e r w a l t u n g s v o r a n s ch l a g d e r z w c 11 e n K a m m e r für das Rechnungsjahr 1906 auf Grund des Art. 15 der landständischen Geschäftsordnung wird nach kurzer niündlicher Berichterstattung des Abg. Schmalbach ohne Debatte genehmigt. Das Hans überweist darauf eine lange Reihe van vorläufig zur Beratung gestellten Gegenständen den zuständigen Ausschüsien, darunter die Vorstellung der Müblcnbesitzer der oberen Wetter behufs Quellen- onkaufs bei Lauter, den Antrag Reinhart betr. Erhebungen über irc Zustande in der Heimarbeit, über die Neuregelung der Ge­halte der Volksschullehrer, der Gehalte der seminaristisch gebildeten Lehrer, der Cteueraufseher des Großherzogtums in Betreff Teuerungszulage,. Wohnungsgeldzufchuß und Einreihung in die Klaffe der Snbaliernbeamten, den Bau einer Eisenbahn von Butzbach n a ch W e tz l a r, von Butzbach nach Ziegen- b e r a, das Projekt MückeUlrichsteinRixfeld, ferner DreieichenhainLangen und Bahnhof Langen, sowie Dietzen- bachLffental und Langen, Ausbau der Bahnstrecke Treieicken- HainLangenBahnhos Langen und Bau einer normalspurigen Bahn von Bad-Nau heim n a d) Ufingen. Sei der Re» gieruligsoorlaqe, betr. den Entwurf eines Gesetzes über den 93 er- kehr init Automobilen auf öffentlichen Wegeii, Straßen und Plätzen beantragt der

Ausschußberichterstatter Abg. v. B r e n t a n o, dem Regierungs­varschlag, das Gesetz bis zum 1. April 1908 zu verlängern, zu­zustimmen.

Das Sans stimmt diesem Antrag zu.

Im Anschluß an diese Vorlage führte Abg. Leun auS, daß die jetzigen Besteusrungssätze für Äutoniobile viel zu gering feien. Die Regierung möge bei einer Eriieuerung des Gesetzes bedeutend höher greifen und Steuersätze von etwa 250500 Mk. in Vorschlag bringen.

Die Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die Verlängerung

Humor. Er findet nämlich in derC o u s i n e n - A f f ä r e"* des Gouverneurs v. Puttkamer das Element eines ge­wissen Kulturfortschritts, weil früher, in den Tagen be5 Assessors Wehlau in Kamerun eine viel verwerflichere Me­thode im Schwange gewesen seizur Verschönerung der Muscstundcn hoher Beamten". Ledebour unterließ nicht, diese Methode kurz zu kennzeichnen, um dem Erinncrungs-i Vermögen der Zuhörer zu Hilfe zu kommen.

Im übrigen wurde auch heute wieder das Verdienst des Abg. Storz anerkannt, auf das luxuriöse Bauen in Kamerun die Aufmerksamkeit gelenkt zu haben durch seinen Antrag, von den für Bauzwecke eingestellten Be­trägen rund 260 000 Mark abzusetzen. Hier zeigt sich so recht die Zweckmäßigkeit der parlamentarischen Afrika­fahrt. Ohne sie wäre die Mißwirtschaft in Kmnecun schwer­lich in den Einzelheiten bekannt geworden. Es ist jetzt eine gewisse Gewähr gegeben, daß dort mit dem Gelbe der Steuerzahler sparsamer gewirtschaftet, und daß an der rich­tigen Stelle gespart wird. Tenn auch Abg. Storz hat vor falscher Sparsamkeit warnen zu müssen geglaubt. .Hinsicht­lich seiner Wünsche auf Erschwerung der Waffen- und Branntweineinfuhr in Kamerun vertröstete der Erbprinz zu Hohenlohe auf die Verhandlungen mit den angrenzenden Staaten, die ja an dieser Frage ebenso interessiert seien wie Deutschland. Es ist zu wünschen, daß deutscherseits hieretwas Dampf ausgemacht wird, denn Feuerwaffen und Spirituosen in den Händen der Schwarzen bilden eine stete Gefahr für den Frieden der Kolonie. Nicht einverstanden erklärte sich der Erbprinz mit der Forderung der Sozialdemokraten, die noch in Haft befind­lichen Akwa-Häuptlinge unverzüglich in Frei- hei t zu setzen. Ec machte politische und praktische Be­denken geltend und meinte, vielleicht nicht mit Unrecht, man müsse sich der Persönlichkeit dieser Häuptlinge ver­sichern, da ihre Aussagen für den neuen Prozeß wertvoll seien.

In Sachen desFalles Puttkamer" trat heute eine Meinungsverschiedenheit insofern zutage, als Redner der Rechten beklagten, daß diese verdrießliche Begebenheit im Parlament breitgetreten iverde, während Aba. Bebel (Soz.) den Standpunkt einnahm, daß dieLeichtgläubig­keit" des Erbprinzen gegenüber den Aussagen Puttkamers die gründliche Kritik aus dem Reichstag rechtfertige. Der Erbprinz protestierte gegen den Vorwurf der Leicht­gläubigkeit. Cr könne einen Beamten nicht ohne weiteres preisgeben, selbst wenn der Schein so stark gegen ihn spreche, wie gegen Herrn v. Puttkamer. Man möge doch auch nicht allzu düstere Bilder von den Zuständen in den Kolonien entwerfen. Es seien schließlich viele brave Deutsche draußen, die durch treue Arbeit dem Vaterlands dienen und sich Anspruch auf Dankbarkeit et* werben.

Die Sitzung sollte nicht zu Ende gehen ohne eine neue Rede des unvermeidlichen Abg. Erz berg er (Ztr.). Es schien selbst dessen schwäbischen Landsmann, Gröber, zuviel des Wortseaens. Er neigte resigniert das bärtige Haupt. Erzberger ließ sich aber an der Auskunft, die ihm der Prinz zu Hohenlohe gab, nicht genügen. (£r erbat sich und erhielt später noch privatim Bescheid am Regierungstisch. Tie große Kolonialdebatte gelangte trotz alledem heute zum Abschluß. *

Deutscher Reichstag,

71. Sitzung v o m 20. M ä r z 1906.

Die Beratung des Etats des Schutzgebietes Kamerun wird fortgesetzt. Damit verbunden wird die Beratung des Garantie-

Erstes Blatt LSS.Jahrgang Mittwoch 21. Marz INO«

______ Ä Ve-ug»vret-,

/HBF MW -M monatlich 75Pf., oierlel-

Äy WH jährlich Mk. 2JO; durch

Eichener Anzeiger

** General-Anzeiger M

Teil: P. Mittko; tüt Stadt und Land" unb Genchtsjaal": Ernst Heß; für den An­zeigenteil: HanS Beck.